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Gespräche mit dem Alten Volk

Gespräche mit dem Alten Volk

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Gespräche mit dem alten Volk Das Tor© Werner J. Neuner www.WernerNeuner.net 1
Gespräche mit dem Alten Volk
Das Tor
Dort, wo der Hang steil abzufallen beginnt und der Waldrand an die freie Grasfläche grenzt,stehen zwei Birken. Ihre weißen Stämme mit den vielen dunkelbraunen Augen erschaffen einmagisches Tor.Ein Tor, das den dahinter liegenden Wald, der mit seinem dunklen Grün hier beginnt, weißumrandet.Ein weißer Rahmen, ein weißes Tor.Das Tor zu einer anderen Welt.Das Tor zur Anderswelt.In kaum anschwellenden Wogen der weicheWind, der ein sanftes, vielstimmiges Rauschenim Blattwerk erzeugt. In einer spätsommerli-chen Ausgewogenheit hält die Zeit hier inne.Ein ruhender Einklang, der stets nach dersommerlichen Hitze den Frieden bringt.Doch nicht nur den Frieden.Auch den Wunsch, mit den eingesammeltenKräften Neues zu ergründen, Neues zu erschaf-fen…Das Tor zwischen den beiden Birken eröffnetsich meinen Sinnen.Nicht ich bin es, der dieses Tor betritt.Eine Welt vielmehr, die vielleicht dahinterliegt, tritt durch das Tor hervor und wird sicht-bar, spürbar, hörbar.Eine Welt, die dahinter liegt?Oder bloß eine Welt, die hier allgegenwärtig anwesend ist und es schon lange war?Eine Welt, die durch meine Zuwendung sich hinter diesem Tor gebündelt, gesammelt hat undnun daraus hervortritt?Hervortritt aus einer anderen, längst vergangenen Zeit. Hervorgeht und jene grüne Grasflächehier betritt, hier Raum nimmt und zur Wirklichkeit wird.Jetzt.Eine Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart.Eine Raum-Zeit-Verschiebung.Eine gegenwärtige Vergangenheit, die über unsere mögliche Zukunft erzählen will…Eine Frau tritt aus diesem Tor hervor, mit offenem, hellbraun gewelltem Haar, das ihre Schul-tern umspielt. Ihr bodenlanges, dunkelblaues Kleid ist in ihrer Taille einfach geschnürt. Ineinem hellen, fast weißen Tuch trägt sie ihr schlafendes Kind.Anmutig ihre Bewegungen, ihr rascher Gang. Berührend ihre Augen, ihr wachsamer Blick.
 
Gespräche mit dem alten Volk Das Tor© Werner J. Neuner www.WernerNeuner.net 2
Ein Blick, der eine latente Besorgnis verrät. Ein Blick, der ihr nahes Heim anvisiert. Ihr Heim,das ihr Sicherheit, das ihr Schutz geben wird.Hinter ihr erscheint ein Mann, ihr Mann, der sie mit schnelleren Schritten einholt und sichneben sie begibt. Ihr Mann, ein Krieger, bewaffnet mit Schwert, Speer und Schild. Ein be-waffneter Krieger, der einzig den Schutz seiner Frau, den Schutz seines Kindes und denSchutz seiner Sippe im Sinne hat.Entschlossen und klar sein Blick.Seine wahren Gefühle verbergend wirkt er dennoch sichtlich beunruhigt.Beunruhigt und entschlossen zugleich. Zum Kampf bereit.Zielstrebig sucht das Paar mit seinem Kind den Sicherheit gebenden Schutz ihres Heimes auf.Und die Zeit vergeht, Geschichte findet statt, Geschichte, die geschrieben wird, aber auchGeschichte, die ungeschrieben vergeht und dem Vergessen anheim fallen wird. Ungeschrie-bene Geschichte, die nicht mehr erzählt wird.Schicksale der Ahnen, die bei den Ahnen bleiben.Schicksale aber, die den Nachkommenden mitgegeben und in die Wiege gelegt werden.Schicksale, die den Faden der Schicksale der Nachkommenden weben.Vergangenheiten, die wiederholt werden von den nachfolgenden Generationen, in neuenSpielarten aber dennoch mit denselben Mustern.Vergangenheiten, die gegenwärtig bleiben, die das Zeitentor zwischen den beiden Birken zuerzählen weiß.Und das Tor der weißstämmigen Birken eröffnet sich ein zweites Mal. Nun allerdings tiefer,noch weiter dahinter reichend, weiter zurück gehend in die Ereignisse vergangener Zeiten.Und abermals treten daraus Menschen hervor.Zuerst erscheint wieder eine Frau. Sie betritt das ebene Wiesenstück, das an den Waldrandgrenz, mit einer unsagbaren Anmut. Ganz bezaubert bin ich von ihr, von ihren Bewegungenund mehr noch von ihrer gesamten Erscheinung. Von innen heraus scheint sie zu leuchten.Ein sanftes und gleichzeitig kraftvolles Strahlen geht von ihr aus und erfasst den gesamtenRaum, erleuchtet den gesamten Ort.Ganz in Weiß gekleidet bewegt sie sich mit einer anmutigen Schönheit, die mich zutiefst be-rührt, die mir fast den Atem nimmt.Mit ihren Füßen scheint sie den Boden kaum zu berühren. Es ist, als würden ihre Schritte imGras kaum einen Abdruck hinterlassen. Halb schwebend schreitet sie über den Platz.Hinter ihr erscheint eine männliche Gestalt, mit vergleichbar faszinierender Schönheit. Aucher in weiß erscheinender Kleidung. Auch er scheint von innen heraus zu leuchten. Und auchseine Schritte hinterlassen kaum Spuren im Gras.Das Tor zwischen den beiden Birkenstämmen weitet sich ein zweites Mal. Noch mehr Men-schen in dieser edlen Schönheit treten daraus hervor und bewegen sich mit berührender Acht-samkeit über den ebenen Platz.Ich sehe mich um und erstaune.Der gesamte Ort, an dem ich mich befinde, hat sich dramatisch verändert. Die kleine Kirche,die hinter mir gestanden war, ist verschwunden. Auch die archäologischen Ausgrabungsstät-ten, die ich kaum eine Stunde zuvor noch durchwandert hatte, sehe ich nicht mehr.Vor einer Stunde?Dieser Zeitbegriff verwundert mich und entgleitet mir in eine sonderbare Unwirklichkeit.
 
Gespräche mit dem alten Volk Das Tor© Werner J. Neuner www.WernerNeuner.net 3
 Irgendwo in der Ferne höre ich Menschen rufen, nehme ihre Stimmen wahr. Doch all das ver-schwimmt wie hinter einem Vorhang, einem Schleier, den ich kaum mehr durchdringen kann,und auch nicht mehr durchdringen will…„Spürst du diesen Frieden?“Beinahe zu Tränen gerührt bin ich durch den Klang ihrer Stimme. Jene weißgekleidete Frau,die als erste durch das weißstämmige Birkentor getreten war, steht vor mir und spricht michan. Doch das sind keine Worte im herkömmlichen Sinn.Das, was sie sagt, der Klang ihrer Stimme, gleicht vielmehr einem Lied, einem Gesang vonberührender Schönheit.Das Lied ihrer Stimme ist melodiös und erinnert mich an den Frühlingsgesang der Amsel. An jene vielstimmige Melodie, die verkündet, dass die schweren Tage des Winters vergangensind, dass nun lichtere und vor allem wärmere Tage kommen werden. Jene harmonisierendeMelodie, die Geborgenheit schenkend das Herz berührt und einen tiefen Frieden verkündet.Das Lied ihrer Stimme, die Worte der weißgekleideten Frau, erfüllen den Ort, reichen überdiesen Ort weit hinaus und erfüllen den gesamten Raum.„Spürst du den Frieden?“, wiederholt sie gleichsam singend ihre Frage und blickt mich mitihren tiefgründigen Augen an.Nicht nur ihre Schönheit erkenne ich in jenem Moment, auch ihrer inneren Weisheit werdeich gewahr. Sie blickt mich mit einer unendlich liebevollen Ruhe an. Ihr Blick wendet sichmir zu und alleine das erfüllt mich mit einer Liebe, die mich auf allen Ebenen berührt, diemich überflutet.Obwohl ich sie anblicke, kann ich dennoch ihr Gesicht kaum erkennen. Dieser gesamte Orthier, die Anwesenheit dieser weißgekleideten Frau, die Anwesenheit all dieser strahlendenMenschen und die Gesänge deren Worte erscheinen mir wie in einem unwirklichen Traum.Ja, ich spüre diesen Frieden tatsächlich.Ich kann mich kaum erinnern, jemals einen solch tiefen Frieden wahrgenommen zu haben.Dieser Moment, dieser Ort, steht außerhalb von Raum und Zeit, eingebettet in ganz andereWirklichkeiten.Und da, hier und jetzt, an diesem Ort und in diesem Moment, erfüllt ein allumfassender, tief-greifender Friede die gesamte Realität.

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