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dick hebdige - die bedeutung von Stil

dick hebdige - die bedeutung von Stil

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02/14/2013

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aus: Diederichsen, Hebdige, Marx.
Schocker 
- Stile und Moden der Subkultur. Hamburg 1983,S. 8 – 120SUBCULTURE - Die Bedeutung von Stilvon
Dick Hebdige 
 EINLEITUNG: SUBKULTUR UND STIL
Trotzdem: ich konnte ungefähr zwanzig Fotografien auftreiben, und ich klebte sie mit gekautem Brotteig auf die Rückseite der kartonierten Gefängnisordnung, die an der Wand hängt. Einige sind festgesteckt mit kleinen Enden von Messingdraht, die mir der Vorarbeiter bringt und auf die ich bunte Glasperlen aufreiben muss.Von diesen Perlen, aus denen die Sträflinge von nebenan Friedhofskränze machen, habe ich für die makellosesten meiner Verbrecher sternförmige Rahmen hergestellt. Am Abend, wenn ihr euer Fenster zur Strasse öffnet, drehe ich zu mir die Rückseite der Gefängnisordnung. Ihr Lächeln und ihre Schmollmünder, beide gleich unerbittlich, dringen durch alle Öffnungen, die ich darbiete; ihre Kraft durchströmt mich und lässt mich erigieren. Ich lebe zwischen diesen Abgründen. (Jean Genet, Notre Dame des Fleurs)
 Auf den Anfangsseiten seines
Tagebuch eines Diebes 
beschreibt Jean Genet, wie eine bei ihmgefundene Tube Vaseline während einer Durchsuchung von der spanischen Polizei beschlagnahmtwird. «Dieses elende, schmutzige Ding», das der Welt seine Homosexualität beweist, wird für Genetzu einer Art Garantie - zum «Symbol einer geheimen Gnade, die mich bald vor der Verachtung rettensollte». Auf der Schreibstube der Wache wird die Entdeckung der Vaseline mit Gelächter quittiert, unddie «nach Knoblauch, Schweiß und Öl stinkenden spanischen Polizisten mit ... ihrer moralischenSelbstsicherheit» überziehen Genet mit einer Tirade boshafter Anspielungen. Der Autor selbst stimmtzwar in das Gelächter «ein paarmal - schmerzlich» ein, aber später in seiner Zelle «wich dieses Bildder Vaselinetube nicht mehr von mir».«Und doch war ich gewiss, dass dieses nichtssagende, schmächtige Ding ihnen standhalten würdeund durch seine einfache Anwesenheit die Polizei der ganzen Welt in Aufregung versetzte -Verachtung, Hass, stumme, vielleicht ein wenig höhnische Wutausbrüche auf sich ziehend ... »Ich will mit diesen Textauszügen von Genet beginnen, weil er mehr als jeder andere sowohl in seinemLeben als auch in seiner Kunst die verborgenen subversiven Bedeutungen von Stil erforscht hat. Ichwerde daher auch immer wieder auf Genets zentrale Themen zurückkommen: Status und Bedeutungvon Revolte, die Vorstellung von Stil als Verweigerung und die Erhebung von Verbrechen zur Kunst(obwohl in unserem Fall die «Verbrechen» nur gebrochene Kodes sind). Wie Genet haben wirInteresse an Subkulturen: in den Ausdrucksformen und Ritualen jener untergeordneten Gruppen - derTeddy Boys und Mods und Rockers, der Skinheads und Punks -, die abwechselnd abgelehnt,denunziert oder heiliggesprochen werden; die zu verschiedenen Zeitpunkten als Bedrohung deröffentlichen Ordnung oder als harmlose Narren behandelt werden.Wie Genet machen uns die banalsten Objekte neugierig - Sicherheitsnadeln, spitze Schuhe, einMotorrad -, die trotz ihrer scheinbaren Banalität - wie die Vaselinetube - eine symbolische Dimensionannehmen, zu einer Art Brandmal werden, zu Kennzeichen eines selbst auferlegten Exils. Undschliesslich müssen wir - wie Genet - die Dialektik zwischen Aktion und Reaktion zu rekonstruierenversuchen, die diese Objekte bedeutungsvoll werden lässt. Denn genau wie der Konflikt zwischenGenets «unnatürlicher» Sexualität und der «berechtigten» Empörung der Polizisten in einem einzigenObjekt eingeschlossen sein kann, können sich die Spannungen zwischen herrschenden unduntergeordneten Gruppen auf den Oberflächen von Subkulturen spiegeln: in den aus banalenObjekten mit doppelten Bedeutungen gemachten Stilen. Auf der einen Seite warnen diese Objekte dienormale Welt im voraus vor einem unheilverkündenden Etwas - dem Anderssein - und ziehen vageVerdächtigungen, verklemmtes Gelächter, «stumme, vielleicht eine wenig höhnische Wutausbrüchauf sich. Auf der anderen Seite werden sie für jene, die sie als Kennzeichen aufstellen und als Worteoder Flüche benutzen, zu Zeichen einer verbotenen Identität, zur Quelle von Werten. Als Geriet sichan die Erniedrigung durch die Polizisten erinnert, verschafft ihm der Anblick der VaselinetubeTröstung. Sie wird zu einem Symbol seines Triumphes: «In der Tat hätte ich mich eher bis aufs Blutprügeln lassen, als diesen lächerlichen Gebrauchsgegenstand zu verleugnen.»
 
Die Bedeutungen von Subkulturen sind also ständig umstritten, und der Stil ist das Gebiet, auf demdie widerstreitenden Definitionen am stärksten aufeinanderprallen. Ein grosser Teil meines Texteswird sich daher mit der Beschreibung des Prozesses beschäftigen, durch den Objekte bedeutsamwerden und als Stil in Subkulturen neue Bedeutungen bekommen. Wie in Genets Romanen fängtdieser Prozess mit einem Verbrechen gegen die Ordnung an - obwohl in diesem Fall die Abweichungtatsächlich geringfügig erscheinen mag: das kunstvolle Pflegen einer Schmalzlocke, die Anschaffungeines Motorrollers, einer Schallplatte oder einer bestimmten Anzugsorte. Aber der Prozess endet mitder Konstruktion eines Stils, in missachtenden oder verächtlichen Gesten, in einem Grinsen oderhöhnischen Lächeln. Er signalisiert Verweigerung. Ich gehe davon aus, dass diese Verweigerung guteGründe hat, dass diese Haltungen bedeutsam sind und dass Grinsen und höhnisches Lächelngewissen subversiven Wert haben - sogar, wenn sie in der endgültigen Analyse wie Genets Gangster-Pin-ups lediglich die dunklere Seite der Spielregeln darstellen, genau wie Graffiti auf einerGefängniswand.Denn auch Graffiti können faszinierend zu lesen sein. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Siesind gleichzeitig Ausdruck von Impotenz und einer Art von Macht - der Macht, zu verunstalten(Norman Mailer nennt Graffiti «deine Präsenz auf ihrer Präsenz ... du klebst deinen anonymenStempel auf ihre Szenerie»). Ich werde versuchen, die Graffiti zu entziffern und die Bedeutungenherauszufiltern, die in den verschiedenen Jugendstilen der Nachkriegszeit eingebettet liegen. Aberbevor wir zu den einzelnen Subkulturen übergehen, müssen wir zuerst die grundlegenden Begriffeklären. Das Wort Subkultur steckt voller mysteriöser Bedeutungen. Es assoziiert Geheimnistuerei,Freimaurerschwüre, eine Unterwelt. Ebenso beinhaltet es das grössere und keinesfalls wenigerkomplizierte Konzept von Kultur. Wir sollten daher mit der Idee der Kultur anfangen.
VON KULTUR UND HEGEMONIEKULTUR
Kultur: Kultivierung, Pflege, bei christlichen Autoren Verehrung; Vorgang oder Verfahren der Bodenkultivierung; Bodenpflege, Landwirtschaft, Kultivierung oder Aufzucht bestimmter Tiere (z. B. v.Fischen); künstliche Entwicklung mikroskopischer Organismen, so produzierte Organismen; Kultivierung oder Entwicklung (v. Geist, Fähigkeiten, Umgangsformen), Verbesserung oder Kultivierung durch Erziehung und Ausbildung; Erlangen von Ausbildung oder Kultiviertheit; die intellektuelle Seite der Zivilisation; Verfolgung, besondere Aufmerksamkeit für oder Studium eines Themas oder einer Untersuchung. (Oxford English Dictionary)
 Unter Kultur hat man schon immer sehr verschiedene Dinge verstanden, wie auch diese Definitionzeigt. Gebrochen durch jahrhundertelange Verwendung hat das Wort eine Anzahl äusserstunterschiedlicher, oft gegensätzlicher Bedeutungen angenommen. Sogar als wissenschaftlicherTerminus kann es sowohl einen Prozess (künstliche Entwicklung mikroskopischer Organismen), alsauch ein Produkt bezeichnen (so produzierte Organismen). Besonders seit Ende des achtzehntenJahrhunderts haben englische Intellektuelle und Schriftsteller das Wort Kultur verwendet, um diewissenschaftliche Aufmerksamkeit auf eine ganze Reihe strittiger Fragen zu lenken. Man diskutierteProbleme wie «Lebensqualität», die Auswirkungen der Mechanisierung auf die Menschen, dieArbeitsteilung und die Entstehung der Massengesellschaft. Raymond Williams hat dieseAuseinandersetzungen unter dem Begriff «Kultur- und Gesellschafts-Debatte» zusammengefasst. Deralte Traum von einer «organischen Gesellschaft» - als einem integrierten, sinnvollen Ganzen - wurdeaber in diesen Meinungsverschiedenheiten und Kontroversen nie in Frage gestellt - im Gegenteil: dasüberlieferte Konzept ist im grossen und ganzen erhalten geblieben.
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 Dieser Traum bewegte sich auf zwei grundlegenden Bahnen. Die eine führte zurück in dieVergangenheit und zum feudalen Ideal einer hierarchisch geordneten Gemeinschaft, Kultur nahminnerhalb dieses Verständnisses eine fast heilige Funktion an. Ihre «harmonische Vervollkommnung»stand konträr zur hohlen Einöde des zeitgenössischen Lebens.Die andere, weniger stark vertretene Auffassung führte in die Zukunft, zu einer sozialistischen Utopie,einer Welt, in der es keine Trennung von Arbeit und Freizeit mehr geben würde.
 
Aus der Entwicklung dieser beiden Vorstellungsbahnen ergaben sich zwei prinzipielle Definitionen vonKultur. Die erste - und vermutlich bekannteste - war im wesentlichen klassisch und konservativ. Siedefinierte Kultur als einen Massstab ästhetischer Qualität: «Das Beste, was auf der Welt gedacht undgesagt worden ist.»
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Den Massstab bezog sie aus der Hochschätzung der «klassischen»ästhetischen Formen (Oper, Ballett, Theater, Literatur, Kunst). Die zweite Definition, die Williams aufHerder und das 18. Jahrhundert zurückführte, stammte aus der Anthropologie. Für sie bezeichneteder Begriff Kultur «eine bestimmte Lebensweise, die sich nicht nur in Kunst und Bildung, sondern auchin Institutionen und normalem Verhalten ausdrückt. Von dieser Definition her bedeutet Analyse vonKultur die Klärung der Bedeutungen und Werte, die implizit und explizit in einer bestimmtenLebensweise und Kultur vorhanden sind.»
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 Die zweite Definition hatte offensichtlich einen viel weiteren Rahmen. Mit den Worten von T. S. Eliotumfasste sie «... alle charakteristischen Betätigungen und Interessen eines Volkes: das Derby, dieHenley Regatta, Cowes, der 12. August, eine Schlussrunde im Pokalwettkampf, die Hunderennen, derGroschen-Glücksautomat, das Wurfpfeilspiel, Wensleydale-Käse, Kohl, im ganzen gekocht und dannin Scheiben geschnitten, Rote Rüben in Essig, gotische Kirchen aus dem 19. Jahrhundert und dieMusik von Elgar ... »
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(Cowes: Nobelbadeort; 19. August: Anfang der Jagdsaison; Wensleydale:Edelschimmelkäse aus Yorkshire; Elgar: Sir Edward E., englischer Komponist, Chorwerke, Violin-Konzerte, 1857 - 1934, d. Ü.)Williams stellte fest, dass eine solche Definition nur durch einen neuen theoretischen Ansatz getragenwerden konnte. Die Kulturtheorie umfasste nun die «Untersuchung der Beziehungen zwischenElementen einer ganzen Lebensweise». Das Schwergewicht verlagerte sich von unwandelbarfestgelegten zu historisch bedingten Kriterien, von Fixiertheit zu Wandelbarkeit: «Eine Ausrichtung, diebei der Untersuchung bestimmter Werte und Bedeutungen diese nicht mehr in eine vergleichendeWertskala einpassen will, sondern durch Analyse der Art und Weise ihres Wandels allgemeineUrsachen und Trends zu entdecken sucht, durch die soziale und kulturelle Entwicklungen besserverstanden werden können.»
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 Williams formulierte damit ein wesentlich breiteres Konzept der Beziehungen zwischen Kultur undGesellschaft, das durch die Analyse «bestimmter Bedeutungen und Werte» die verborgenenGrundlagen der Geschichte aufdecken sollte - die «allgemeinen Ursachen» und breiten sozialen«Trends», die hinter den offenbaren Erscheinungen des Alltagslebens liegen.In den sechziger Jahren, als die Cultural Studies an den englischen Universitäten eingeführt wurden,sass das neue Fach zunächst unbequem zwischen den Stühlen. Es konnte sich nicht entscheiden,welche der beiden Definitionen - Kultur als ein Qualitätsmassstab/Kultur als «gesamte Lebensweise »- die vielversprechendste Forschungsrichtung abgeben würde.Richard Hoggart und Raymond Williams entwarfen in wehmütigen Tönen mit Erinnerungen an ihreVorschulkindheit ein wohlwollendes Bild der Kultur der Arbeiterklasse, aber sie zeigten in ihrenArbeiten eine starke Vorliebe für Literatur und Belesenheit und schlugen auch stark moralisierendeTöne an. Hoggart beklagte, dass die unter harten Umständen erprobten traditionellenGemeinschaftswerte der Arbeiterklasse von einer «Zuckerwattenwelt» untergraben und ersetztwürden, einer Scheinwelt des billigen Nervenkitzels, die irgendwie schäbig und hohl zugleich sei.Williams sprach sich zwar zögernd für die neuen Massenkommunikationsmittel aus, bemühte sichaber, ästhetische und moralische Kriterien zu entwickeln, mit denen die wertvollen Produkte vom«Schund» unterschieden werden konnten: der Jazz - «eine wirkliche Musikform», und der Fussball -«ein wundervolles Spiel», von den «Groschenromanen, den SonntagszeitungsComics und denneuesten Schnulzen». 1966 legte Hoggart die Grundannahmen fest, auf denen die Cultural Studiesbasierten: «Erstens kann niemand die Beschaffenheit der Gesellschaft wirklich verstehen, der guteLiteratur nicht zu schätzen weiss; zweitens kann Literaturinterpretation auf gewisse sozialePhänomene ausserhalb der «wissenschaftlich anerkannten» Literatur angewandt werden (zumBeispiel populäre Kunst und Massenkommunikation), um ihre Bedeutungen für die Individuen und ihreGesellschaften zu erhellen.»
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 Damit bedurfte es also immer noch einer literarischen Sensibilität, um die Gesellschaft mit dererforderlichen Scharfsinnigkeit «lesen» zu können. Ausserdem beinhaltet dieser Rahmen dieAnnahme einer letztendlichen Versöhnbarkeit der beiden Definitionen von Kultur. Paradoxerweisedurchdrangen diese Auffassungen auch das Frühwerk des französischen Linguisten und

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