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Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010, S. 516 – 548.
Dezentraler, führerloser Jihad im Sinne Abu Musab al-Suri? – Eine Analyse der neuen Strategien des Jihadi-Salafismus anhandvergangener Terroranschläge und Anschlagsversuche in Europaund Nordamerika
Dirk Baehr 
1.Einleitung und Fragestellung
In der Jihadismus-Forschung wird in den letzten Jahren immer wieder die Frage erörtert, ob sich Al-Qaida von einer hierarchischenOrganisation zu dezentral-agierenden Bewegungen entwickelt hat.Einige Wissenschaftler beantworten die Frage positiv
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, weil aufgrundder neuen amerikanischen Sicherheitspolitik seit den Anschlägen vom11. September 2001 die hrung der Al-Qaida nur noch stareingeschränkt als Terrororganisation agieren könne. Sie behaupten,dass sich ihre Funktion innerhalb der jihadi-salafistischenBewegungen zunehmend auf die Verbreitung der Ideologie und diePropagandaarbeit im Internet beschränkt.
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 In Zukunft könnten daher nur autonom agierende Terrorzellen, die inden Medien oft als „homegrown terrorists“
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bezeichnet werden, den jihadistischen Kampf gegen den Westen aufnehmen, weil die Al-Qaida-Führung dazu nicht mehr in der Lage wäre. Diese These führtezu einer heftigen Debatte, in der erörtert wurde, in wieweit„homegrown terrorists“ gefährlicher sein können als die führenden Al-Qaida-Terroristen. Außerdem hinterfragten Terroranalysten, ob esfaktisch glich sei, in dezentralen und autonomen Zellen, ohne jegliche Kontakte zur Al-Qaida-Führung im afghanisch- pakistanischen Grenzgebiet, eigensndig Terroranschläge zuorganisieren. r eine solche dezentralisierte Strategie spielt dieSelbstradikalisierung von Sympathisanten sowie die eigenständigeOrganisation von Trainingslagern eine entscheidende Rolle, um ohne
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Vgl. Marc Sageman: Leaderless Jihad. Terror Networks in the Twenty-first Century, Philadelphia 2008; AndrewBlack: Al-Suri’s Adaption of Fourth Generation Warfare, Terrorism Monitor, Volume 4, Issue 18, 21.09.2006,unter:http://www.jamestown.org/terrorism/news/article.php?articleid=2370137(gelesen am: 01. Septembe2009); Mark E. Stout/Jessica M Huckabey/John R. Schindler (Hrsg): The Terrorist Perspectives Project. Strategicand Operational Views of Al Qaeda and Associated Movements, Annapolis 2007.
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Vgl. Devin Springer /James Regens / Edger, David: Islamic Radicalism and Global Jihad, Washington 2009, S.102.
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Mit dem Begriff „homegrown“ wird zum Ausdruck gebracht, dass die terroristische Gefahr nicht mehr vonJihadisten außerhalb Europas kommt, sondern dass es sich um in Europa aufgewachsene Jugendliche handelt,die in kleinen jihadistischen Terrorzellen agieren und operieren; vgl. u.a. Peter Waldmann: Radikalisierung inder Diaspora. Wie Islamisten im Westen zu Terroristen werden, Hamburg 2009, S.83 ff.
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Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010, S. 516 – 548.
Hilfe der Al-Qaida Terroranschläge durchzuführen. Kann eine solcheterroristische Strategie überhaupt funktionieren?Die neue Strategie, in dezentralen, autonomen Zellen gegen denWesten zu agieren, resultiert u.a. aus der Theorie des globalenislamistischen Widerstands von Abu Musab al-Suri. In seinem 1600Seiten umfassenden Buch “The Global Islamic Resistance Call begndet er seine neue Strategie eines individuell gehrtenTerrorismus aufgrund der sich wandelnde Sicherheitslage nach der  Niederlage gegen die USA in Afghanistan, die dazu führte, dass der  jihadi-salafistischen Bewegung in der alten hierarchischenOrganisationsform, die er 
tanzim
nennt, eine Zerschlagung drohte. Al-Suri versucht mit seinem Buch, eine theoretische Grundlage zu geben,durch die die Bewegung eine neue Organisationstruktur annehmensoll, die er als
nizam, la tanzim
(System, nicht geheime, hierarchischeOrganisation) bezeichnet. In seinem Buch entwickelt er einorganisatorisches und ein ideologisches System, mit dem eineUmstrukturierung zu einer dezentralen Bewegung vollzogen werdenkann, um sich vor den Angriffen der USA und seiner westlichenVerbündeten einigermen verteidigen zu nnen.
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Gleichzeitigkonzipiert al-Suri ein operationelles System für dezentral-agierendeTerrorzellen, die zukünftig selbstständig Anschläge gegen den Westendurchführen sollen.Durch die Veröffentlichung des Buches im Jahre 2004 wurde er zueinem der bedeutendsten Strategen der Al-Qaida-Bewegung. Soschreiben Paul Cruickshank und Mohannad Hage Ali in ihrem Aufsatzr die Fachzeitschrift Studies on Conflict and Terrorism: „Dieterroristischen Anschläge von Bali, Casablanca, Istanbul, Madrid undLondon wurden alle initiiert von exakt der Gruppe von kleinen, lokal-rekrutierten Zellen, nach denen Sethmariam [al-Suri] aufgerufen hat.”
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Aber hier stellt sich nun die Frage, ob die Terroranschläge devergangenen Jahre wirklich meistens in dezentral-agierenden Zellenorganisiert wurden. Hat Abu Musab al-Suri wirklich so viel Einflussauf die jihadi-salafistischen Attentäter von London oder Madridgehabt?
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Vgl. nähere Informationen zum organisatorischen und ideologischen System von Abu Musab al-Suri; Dirk Baehr: Kontinuität und Wandel in der Ideologie des
 Jihadi-Salafismus
– Eine ideentheoretische Analyse der Schriften von Abu Mus’ab Al-Suri, Abu Mohammad Al-Maqdisi und Abu Bakr Naji, Bonn 2009.
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Paul Cruichshank/ Mohannad Hage Ali: Abu Musab Al-Suri: Architect of the new al-Qaeda, in: Studies inConflict and Terrorism 30 (2007), Issue 1, S. 1 - 14, hier S. 9.
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Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.): Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2009/2010, S. 516 – 548.
Einige Wissenschaftler griffen al-Suris Theorie auf und bestätigen,dass es einen Wandel zu dezentral-organisierten Bewegungen gegebenhat. Der bekannteste Vertreter dieser These ist der ehemalige CIA-Angestellte und Psychologe Marc Sageman, der u.a. aus al-SurisStrategiekonzept die Doktrin des „Leaderless Jihad“ entwickelt hat.
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Für Sageman kommt die Hauptgefahr nicht mehr aus denFührungskadern der Al-Qaida im afghanisch-pakistanischenGrenzgebiet. Vielmehr bestehe die Gefahr aus sich selbstradikalisierenden Individuen oder kleinen Gruppen, die im Westenleben und unabhängig von Al-Qaida Terroranschläge mitBombenanleitungen aus dem Internet planen und durchführen.
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Sageman nennt diese neue Form des Terrorismus „Leaderless Jihad“,weil dessen Rekrutierung „von unten“ (bottom-up) geschieht, in demsich Einzelne eigensndig und freiwillig entscheiden, in eineTerrorzelle einzusteigen. Al-Qaida hat dem entsprechend gar keinenEinfluss auf diese Individuen und Gruppen und rekrutiert einenGroßteil der jüngsten Generation von Jihadisten nicht mehr „vonoben“ (top-down).
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 Dem Standpunkt der Rekrutierung „von unten“ widerspricht deTerrorismusexperte Bruce Hoffman. Er sieht in Al-Qaida einelangfristig agierende Organisation, die weiterhin aktiv und zentral dieglobalen jihadi-salafistischen Netzwerke instruiere. Er hält SagemansThese von einer Gefahr durch jihadi-salafistische Graswurzel-Bewegungen für falsch, weil diese niemals in der Lage wären, ähnlichgre Anschläge wie die Flugzeugattentate auf das World TradeCenter in New York umzusetzen. Eine Gefahr gehe daher nur von der Führung des Al-Qaida-Netzwerkes aus, die einzig und allein zu solchgren Anschlägen hig sei. Um zunftig Terroranschläge zuverhindern, muss weiterhin die Organisation der Al-Qaida beseitigtwerden, fordert Hoffman.
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 Nun stellt sich hingegen die Frage, wer von den beidenTerrorismusexperten hat Recht? Sind in Zukunft nur noch autonomeTerrorzellen gefährlich oder bleibt Al-Qaida weiterhin eine ernst zunehmende Gefahr?
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Vgl. Sageman (Anm. 1), S. 144.
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Vgl. Sciolino, Elaine/ Schmitt, Eric: A not very private feud over terrorism, in: New York Times, 08.06.2008,S. 5.
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Vgl. Waldmann (Anm.3), S.88 f.
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Vgl. Bruce Hoffman: The Myth of Grass-Roots Terrorism, Why Osama bin Laden still matters, in: ForeignAffairs 3 (2008), Issue 3, S. 133 - 138, hier S. 133 f.
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