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Der Letzte Wirt - Walsumer Hof

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14. August 2011, 12:39 Uhr
Mitten in Deutschland
Der letzte Wirt
VonFrank Patalong , Walsum
Sie nennen ihn den "Asterix vom Niederrhein" - Matthias Langhoff ist der letzteWirt einer verschwundenen Ortschaft. Sein Dorf wurde plattgemacht, durcheine Industrielandschaft aus Beton und Stahl ersetzt. Zwischen gigantischenSchloten steht sein Restaurant. Besuch an einem einsamen Ort.
Im "Walsumer Hof" ist die Zeit scheinbar stehengeblieben: Die hölzerneWandverschalung glänzt dunkelbraun, die Bestuhlung ist rustikal. Netze unter derDecke und maritime Dekors weisen den Ort als Fischerkneipe aus - auch das einAnachronismus sondergleichen am Rand des heutigen Ruhrgebiets."Eiche brutal" würde man den Stil in hippen Großstadt-Kreisen nennen und spätestensauf dem Absatz kehrtmachen, wenn man im schummrigen Licht das von der Deckehängende "Asbach Uralt"-Schild entdeckt. An diesem Tresen, ahnt man, hat sich kaumetwas verändert, seit dort die Großväter heutiger Gäste saßen.Als ich ein Kind war, saßen dort noch Rheinschiffer, alte Bauern und Steiger vonSchacht Walsum. Wenn es derb wurde, sprachen sie ein Platt, das die Nähe zu Hollandverriet. Vor der Kulisse des Rheindeichs thronte das Gasthaus wie ein inoffiziellesRathaus des sogenannten Oberdorfes, Standort des Schachts, aber auch letztesÜberbleibsel des ursprünglichen Niederrhein-Dorfes, das die Stadt Duisburg sich Mitteder Siebziger einverleibte. Bis in die Achtziger hinein lebten dort vor allem dieAlteingesessenen, die Katholiken, die letzten der niederrheinischen Bauern amRuhrgebietsrand.
Vor der Tür liegt das, was vom Oberdorf übrig ist: Nichts
Vor ein paar Jahren ist das Dorf verschwunden. Eine Industrielandschaft aus Beton undStahl steht da heute, so weit der Blick reicht. Menschenleer und monumental, direkt vorder Tür der Kneipe ein mächtiger, strahlend neuer Kraftwerksblock. 105 Meter türmtsich der Kessel auf, 180 Meter hoch der Kühlturm, 300 Meter hoch der Schornstein.Direkt in der Werkseinfahrt liegt der "Walsumer Hof", Kneipe und Restaurant, inFamilienbesitz seit 1838. Ein klassisches, uraltes Wirtshaus, dem sein Umfeldabhandengekommen ist.Man sagt, im Ruhrgebiet habe man die Städte um die Industrie herum errichtet, aberdas stimmt nicht immer: Manchmal baut man die Industrie auch darauf. ÜberGenerationen gewachsene Strukturen können über Nacht verschwinden. Die Straßender Kindheit. Die Ankerpunkte der Biografien ganzer Familien. Wahre soziale Netzwerke.Ab Mitte der Neunziger kauften die ortsansässigen Industriebetriebe immer mehrGrundstücke im und rund ums Oberdorf auf. Die Ruhrkohle-Tochter Steag, heuteEvonik, plante Erweiterungen. Die Papierfabrik Norske Skog brauchte Raum, derGetränke-Großvertrieb Hövelmann auch. Der Charakter des Wohngebiets wandelte sichmehr und mehr zum Gewerbe- und Industriegebiet. Ab 2006 begann der Konzern
 
Hitachi im Auftrag von Evonik, das Oberdorf komplett zu planieren. Auf seiner Flächezog der Kraftwerksbau-Spezialist einen spektakulären 750-Megawatt-Kraftwerksblockhoch, unter dem die Straßenzüge des alten Dorfs verschwanden.Nur vereinzelte Gebäude stehen heute noch in der Nähe des Schachts, der seit seinerSchließung 2008 selbst auf dem Weg zur Ruine ist, und eben der"Walsumer Hof", dasRelikt einer einst florierenden Ortschaft.
Einer der bizarrsten Orte der Republik
Die Wirtschaft ist eines der populärsten Fischrestaurants am Nordrand des Ruhrgebiets- und definitiv einer der merkwürdigsten Orte der Republik. Über einen Mangel anKundschaft kann Wirt Matthias Langhoff nicht klagen: "Da gibbtet einen richtigenTourismus", erzählt er, "die Leute wolln dat ma selba sehn, weilse dat irgendwo imFernsehn gesehen oder gelesen haben."Langhoff ist in den regionalen Medien bekannt als "Asterix vom Niederrhein". Ihm gefälltder Vergleich, auch wenn Freunde ihn "Matthias, der Fischmarder", nennen. Asterixpasst, weil auch der im Widerstand gegen einen übermächtigen Gegner stand. Langhoff entstammt einer niederrheinischen Gastronomie-Dynastie, auch seine drei Brüder sindGastronomen. Er ist der Wirt des Stammhauses in neunter Generation - und dasbedeutet ihm etwas.Langhoff ist ein Hüne, ein dickköpfiger, resoluter Hektiker, der das, was er zu sagenhat, so schnell herunterrattert, wie man das nur am Ruhrgebietsrand kann. Er trägtdas Pütt-Hemd, die Kluft der Kohle-Arbeiter, die einst auch die Rheinschiffer undFischer trugen und die dem Fischerhemd der Friesen zum Verwechseln ähnelt. Wasseine seltsame Sonderstellung als Don Quijote vom Rheindeich ihm bedeute, will ichwissen, und er springt auf: "Komma mit", rattert er und rennt los, "ich zeich dia dat!"Er verschwindet im engen Korridor hinter der Theke, vorbei an der Kegelbahn, denToiletten und hinaus in den Biergarten. "Komm, dat musse von weita hinten sehn",sagt er und rennt vor, auf den Deich zu. Als wir uns umdrehen, sehen wir seinLieblingsbild: Kühlturm dräut über Gaststätte.
Rückzugsgefechte
Langhoff lacht grimmig. Als er zu erzählen beginnt, pendelt er zwischen Wut,Galgenhumor und Schadenfreude. Fast kaputtgegangen sei er in diesen Jahren, als "dieLkw sich hier stauten, dat kein Gast mehr durchkam". Regelrecht gemobbt worden seier, bis hin zu anonymen "Tipps an die Steuer".Aber es gehe "schon lange nicht mehr ums Geld. Für Kohle tut sich sowat keiner an".Worum denn? "Herzblut", sagt Langhoff.Aufgeben? Gibt es nicht. Am Anfang, sagt er, hätten viele versucht, sich zu wehrengegen das Sterben des Orts. Und jetzt? "Sind alle weg. Ich glaub aber nicht, dat diedamit glücklich geworden sind." Wenn die Wurzeln gekappt sind, geht Identitätverloren.Auch er führt letztlich ein Rückzugsgefecht. Den Fehler, sagt Langhoff, habe Ende derNeunziger der Vater gemacht, als er den Grund verkaufte. Aber damals war nichtabzusehen, dass die Bagger gleich 700 Jahre Ortsgeschichte plätten würden.Immerhin: Langhoff senior verband den Verkauf mit einem langfristigen Pachtvertrag -
 
auch die Pläne der Steag waren damals offenbar so konkret noch nicht.Dem Junior gelang es zuletzt, noch einmal eine Verlängerung des Pachtvertrags umfünf Jahre auszuhandeln. Vielleicht schaffe er das sogar noch einmal, hofft Langhoff.Wenn es gelingt, dann darum, weil Evonik ja "dat eine oder andere Problem" habe. Einfast schon niedliches Understatement - was Evonik in Walsum erlebt, ist einbundesweit beachtetes Desaster.
Das kraftlose Kraftwerk
Der Walsumer Kraftwerksblock 10 schafft es immer wiederin die Medien. Er sollte derPrototyp einer umweltfreundlicheren Kraftwerkstechnik werden, doch am Netz hängt ernoch immer nicht: Rohre in dem 800-Millionen-Euro-Bausind undicht wie Siebe,unterschiedlichen Angaben zufolge fand man bei zwei Probeläufen zwischen 2000 und3000 Lecks. Auch der Kessel könnte wegen Materialfehlern noch vor dem Startrenovierungsbedürftig sein, die Turbine wurde bereits ausgebaut, nach Berlin verschifftund repariert.Ein finanzielles und politisches Desaster, weil auch an acht weiteren Kraftwerken desWalsum-Typs ähnliche Schäden entdeckt wurden. Eigentlich sollten sie helfen, dieAtomstrom-Lücke zu schließen. Jetzt heißt es, dass sich der Betriebsbeginn in Walsumund bei bisher drei weiteren Kraftwerken um mindestens zwei Jahre verzögern wird.Schon hofft eine Bürgerinitiative darauf, das Kraftwerk doch noch verhindern zukönnen. Der nie in Betrieb genommene Atommeiler im nahen Kalkar zeigt schließlich,dass sich aus Kühltürmen auch ganz tolle Freizeitparks machen lassen.Als Langhoff von den Problemen der Kraftwerksbauer erzählt, grinst er.
Walsumer hassen das Kraftwerk
Denn für die Menschen in Walsum ist der Kraftwerksbau ein weiterer Beweis, dass "dieda oben" ohnehin machen, was sie wollen. Hauptsache, die Schlote dampfen. Amniederrheinischen Rand des Ruhrgebiets fressen sich Industrie und Armutsgürtel nochimmer unerbittlich weiter. Strukturwandel? Klar, dank Zechenschließung undEntlassungen "auffer Hütte", vor allem vom Tarifgehalt zu Hartz IV.Früher haben die "Ruhris" es geschluckt, wenn die Industrie ihre Stadtteile fraß. Heuteaber funktioniert der alte Deal nicht mehr: Lebensqualität gegen Arbeit. Wenn heuteWerke Wohnorte fressen, dann sinkt die Lebensqualität, ohne dass es zum Ausgleichgenug Arbeit gäbe.Die, die dieser Prozess erwischt, wandern immer häufiger ab. Keine Stadt desRuhrgebiets schrumpft schneller als Duisburg. Lebten dort 1990 noch 535.000Menschen, waren es zehn Jahre später noch 488.000. Tendenz: weiter fallend.Und Langhoff? Was wird er tun, wenn er die Wirtschaft schließen muss? "Dann", sagtder letzte Wirt vom Oberdorf, "haue ich hier ab. Weit weg. Dann ist hier keine Heimatmehr."
URL:
http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,778536,00.html

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