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Alan Aldridge
Fungel
Hüter des Waldes
Verfasst mit Steve Boyett und illustriert zusammen mit Maxine Miller und Harry Willcock
Aus dem Englischen von
Sybil Gräfin Schönfeldt, Ulrike Becker und CIaus Varrelmann
(OMNIBUS)
Gescannt vom Orkslayer
DER AUTORAlan Aldridge, geboren 1944, schuf sich in der Zeit der Londoner »swinging sixties« einen Namen alsäußerst produktiver und origineller Designer und arbeitete für die Beatles, die Rolling Stones, PinkFloyd, Cream und The Who. 1968 wurde er Berater der Beatles-Firma »Apple Corps((.Anfang der siebziger Jahre begann Aldridge mit der Arbeit an seinem ersten Kinderbuch, »DerSchmetterlingsball«, das ein großer internationaler Erfolg wurde. Weitere Bücher folgten. Danebenarbeitet er immer wieder für die Musikszene sowie für Film und Fernsehen. Seit 1981 lebt er in LosAngeles.
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Inhalt
Wanderer zwischen den Welten 3
Reise ohne Raum 26
Zwergeltung 29
Schwere Last 38
Überstürzte Flucht 48
Zurück in den Minen 58
In der Tabakkneipe 68
Das Land des Tausendrauchs 81
Knie in die Höh! 89
Mathemagie 99
Der Berg der Toten 103
Unheimliche Begegnungen 113
2
 
Wanderer Zwischen zwei Welten
Es gibt Orte auf Erden, die noch keines Menschen Fuß betrat. Nicht viele Orte und selbst diesewerden weniger mit jedem Tag. Aber manche überdauern, weit verstreut und wie im tiefsten Sack derErdkugel: verschlossene Schluchten und schwimmende Inseln, zugewucherter Urwaldboden undfruchtbare Täler im Kranze von Gletscherbergen. Dort sonnen sie sich in unvermuteterAbgeschiedenheit, einsam, aber nicht verlassen.Um die Erde kreisen Satelliten, abwärts gewandt fotografieren und zeichnen sie lautlos jedenQuadratmeter Wolke, Land und sogar Meeresboden auf, Gott gleiche Späher, deren kalte, schlafloseAugen tagtäglich Millionen von Fotos knipsen.Sie erblicken die Wälder, aber sie nehmen die Bäume nicht wahr.Auf dem südöstlichen Antlitz Nordamerikas ist eine freundliche Altersfalte auf der Landkarte derMenschen als Appalachen bekannt. Im äußeren Süden dieses Gebirgszuges strich Fungel, derWaldzwerg, am sanft ansteigenden Ufer eines klaren Talsees lautlos durch das üppige Unterholz. Eswar der Tag der herbstlichenTagundnachtgleiche, der einzige Tag, den sich Herbst und Sommer ehrlich teilen, und Fungel warzwischen den wild wuchernden rosigen und purpurroten Azaleen und Rhododendren unterwegs,bestimmte Kräuter und Pilze fürs Abendessen zu sammeln, zu dem er sich die wenigen Freundeeingeladen hatte, die ihm noch im Tal des lächelnden Wassers geblieben waren.Der Tag war unnatürlich heiß - ganz unvernünftig-unzeitgemäß, wie Fungel fand. Die Jahreszeitenschienen neuerdings außer Rand und Band geraten zu sein, die Sommer jedes neuen Jahres nochschwüler und drückender, die Winter noch kälter und länger. Der Kampf der grünen gegen die weißeWelt schien bis zu jeder Schneeschmelze erbitterter zu werden, sein langer und traumloserWinterschlaf in jedem Winter ein paar Tage länger zu währen, und wenn er erwachte, war seindichtes Fell stumpf, und durch den Fettverlust in diesem vierteljährigen Schlaf schlotterte es ihm inimmer ärgeren Falten am Leibe.An diesem heiteren Nachmittag fühlte sich Fungels glattes dunkles Fell in seinem selbst gewebtenAnzug jedoch vor lauter Hitze wie eingesperrt, während er sich lautlos durch den dicken grünenBerglorbeer und das alles erstickende Filzkraut am Ufer schob. Das lautlose Verschmelzen war ihmschon seit langem zur Gewohnheit geworden. So wie er schützende Sprüche sang, wenn er seinHeim verließ oder zu Bett ging, so war ihm das leise Schreiten in einer Welt, die sich rascherverwandelte als er selbst, zum festen Bestandteil seines Alltags geworden.Was ist nur mit der Erde los?, fragte sich Fungel oft, wenn die Jahreszeiten Kopfstand machten undsich immer toller austobten, ehe sie die nächste an die Reihe ließen.Na ja, philosophierte er, während er am Ufer entlang zu einer ganz bestimmten Pflanze weitertrottete,die, wie er wusste, hier ganz in der Nähe wuchs,hast du mit dem Wetter was, wirst du, wett ich, selber nass.Er blieb vor einem dicken, fetten Rohrkolben stehen, der sich vor ihm neigte, und er kniete sichnieder, um ihn genau zu untersuchen. Die gedrungenen Finger seiner Hand mit derartig dunklen undharten Nägeln, dass sie eher Krallen glichen, fuhren über den Pelz des Kolbens, und dannbeschnupperte und beschnüffelte er ihn mit seiner Borstenschnauze und überlegte, wie er die zartenStängel kochen wollte: in Ringe geschnitten und in einer Spur Walnussöl sautiert oder mit ein paarHolzäpfeln geschmort - um jeden seiner wenigen Freunde zu beeindrucken, musste es etwasBesonderes sein.Fungel schloss die Augen und spürte den Geist des Rohrkolbens an seinen Lippen. Sein Gemüt fülltesich mit der Wärme des Rohrkolbenlebens, hier in der Sonne mit Wachsen verbracht und mit demDrängen der Wurzeln in der kühlen Erde, mit dem Saugen des Saftes, der nach des Mondes Zauberstieg und schwoll, und mit dem Ausatmen der reinen Luft für alles Getier - ein Leben, das einschlichtes Dasein war.»O Geist des Rohrkolbens«, summte er, »gönn mir deine Gegenwart und gewähr mir deine Hilfe,sodass du und ich uns vereinen.«Die Luft über dem Rohrkolben begann zu schimmern.Mein lieber Zauberer, erklang es freundlich in Fungels Kopf, was darf ich dir bieten?»Wenn's gestattet ist«, erwiderte Fungel, »ein paar von deinen Stangelchen, um meineMohrrubensuppe aufzuputzen, denn ich habe heute gute Freunde aus nah und fern zum Abendessenein geladen.« Die schimmernde Luft ließ ein lieblich lächelndes Antlitz erahnen.Dann füg's zu dem Fest, lieber Zwerg, zu dem ich gern das Meine dir gebe.»O Geist des Rohrkolbens, ich danke, dass du von deinem Über-fluss mir abgibst, und ich wünschedir und den Deinen das Beste.« Fungels Hände zogen uralte Zeichen durch die Luft. Dann
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