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Hans Manfred Bock - Die „Literaten- und Studenten-Revolte“ der Jungen in der SPD um 1890 (1971)

Hans Manfred Bock - Die „Literaten- und Studenten-Revolte“ der Jungen in der SPD um 1890 (1971)

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Das Argument n°63 (1971)
Das Argument n°63 (1971)

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Hans Manfred Bock
Die „Literaten- und Studenten-Revolte"der Jungen in der SPD um 1890
i.Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung zur Arbeiterbewegungist mangels methodologischer Reflexion in ständiger Versuchung, dieWert-Kategorien der historischen Selbstdarstellung ihres jeweiligenObjektes zu übernehmen. Zumal im Falle der SPD gibt es wenige Ansätze historiographischer Emanzipation von der Perspektive deshistorischen Selbstverständnisses der deutschen Sozialdemokratie. Soteilt die akademische Historiographie insbesondere die negative Vor-eingenommenheit der SPD gegenüber den dissidenten Gruppierun-gen in ihrer Geschichte. Aus dieser Befangenheit hat man vermutlichauch den Mangel an Untersuchungen zu den Oppositions-Bewegun-gen in der frühen Sozialdemokratie zu erklären. Die erste linkeOpposition, die sich zu Beginn des Sozialistengesetzes (1878—1890)um Johann Mösts Exil-Organ „Freiheit" bildete, fand ihre Ge-schichtsschreiber in der anarchistischen Tradition in Deutschland
1
,die Mösts Opposition zum Bestandteil ihres historischen Selbstver-ständnisses machte. Die zweite und relativ größere Oppositions-Bewegung in der SPD gegen Ende des Sozialistengesetzes, die Oppo-sition der „Jungen" um 1890, fand ihren Historiographen bis heuteweder im sozialdemokratischen noch im anarchistischen Lager
2
, unddie wissenschaftliche Literatur begnügte sich mit dem Verdikt, dieTheorie der „Jungen" verdiene „kein selbständiges Interesse"
3
. DieÜberprüfung dieses apodiktischen Urteils scheint gegenwärtig um sonotwendiger, als in Teilen der studentischen Protest-Bewegung nach-weislich Interesse an Geschichte und Theorie der Opposition der Jun-
1 Rudolf Rocker, Johann Most. Das Leben eines Rebellen, Berlin 1924;Max Nettlau, Anarchisten und Sozialrevolutionäre der Jahre 1880 bis 1886,Berlin 1931. Vgl. auch Ernst Drahn, Johann Most. Eine Bio-Bibliographie,Berlin 1925.2 Im unveröffentlichten IV. Band der historischen Anarchismus-Stu-dien Max Nettlaus ist eine kurze Skizze der Bewegung enthalten. S. Nach-laß Max Nettlau im Internationalen Institut für Sozialgeschichte, Amster-dam. Eine Materialsammlung des Anarchisten Albert Weidner war dem Verfasser nicht auffindbar.3 Gerhard A. Ritter, Die Arbeiterbewegimg im Wilhelminischen Reich.Die Sozialdemokratische Partei und die Freien Gewerkschaften 1890—1900,Berlin 1963, S. 83.
 
Das Argument 63 (1971)
 
 Die „Literaten- und Studenten-Revolte
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gen besteht
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, das seinerseits nun Gefahr läuft, zu einer Überschätzungder Bedeutung der Bewegung zu führen. Es sei im folgenden erst-malig versucht, die Geschichte der „Jungen" auf der Basis der vor-handenen Dokumente zu skizzieren, um auf diesem Fundament eineDiskussion des Phänomens zu ermöglichen.II.Nach dem Ausschluß Mösts und Hasselmanns durch den WydenerKongreß der Sozialdemokratie war zwar — vor allem mit Mösts„Freiheit" — die wichtigste linke Plattform innerorganisatorischerKritik verlorengegangen
5
. Die eigenartige Situation der Bewegungunter dem Sozialistengesetz brachte aber bald schon andere spontaneOppositions-Bewegungen hervor. Die allgemeinste oppositionelleDisposition eines Teils der verfolgten Sozialdemokraten war es,gleichsam die staatliche Kampfansage zurückzugeben: „Der tatsäch-lichen Negation der Sozialdemokratie durch den Staat entsprach diegrundsätzliche Ablehnung des Staates durch die in ihrer Existenzbedrohte Sozialdemokratie
6
."Eine solche latente anti-etatistische Haltung war notwendigerweisebegleitet von antiparlamentarischen Regungen. Unmittelbar aus-lösend für die Manifestationen linker Opposition bis zum Fall desSozialistengesetzes war die Tatsache, daß sich bei der wirksamenUnterdrückung des Organisationslebens der Sozialdemokratie immermehr Macht bei der legalen Vertretung der Bewegung im Reichstag,der von Wahl zu Wahl wachsenden Fraktion, akkumulierte. Tatsäch-lich aktualisierte sich die innerparteiliche Links-Opposition bis 1890 jeweils in der Reaktion auf zum Teil fragwürdige Entscheidungender Reichstags-Fraktion
7
. In den Jahren 1884 bis 1886 wurden anläß-
4 Eine der wichtigsten Schriften aus der Bewegung der „Jungen"wurde als Reprint aus der Studentenbewegung heraus neu aufgelegt:Hans Müller, Der Klassenkampf und die Sozialdemokratie. Zur Geschichteder „Jungen", der linken Opposition in der frühen SPD (1870/90), Einlei-tung: Arthur Staffelberg, Revolutionäre und reformistische Politik in derdeutschen Arbeiterbewegung, Heidelberg/Frankfurt/Hannover/Berlin 1969.Es handelt sich bei dieser Publikation um einen photomechanischen Nach-druck von: Hans Müller, Der Klassenkampf in der deutschen Sozialdemo-kratie, Zürich 1892, der von Staffelberg zum Vorwand genommen wird für Aktualisierungen, die mit der Geschichte der „Jungen" wenig zu tunhaben und diese Bewegung dadurch implizite um alles selbständige Inter-esse bringen. Siehe auch Fußnote 104.5 Zur Geschichte der Sozialdemokratie unter dem Sozialistengesetz s.Karl Friedrich Brockschmidt, Die deutsche Sozialdemokratie bis zum Falldes Sozialistengesetzes, Frankfurt/M./Stuttgart 1929.6 Aus eigener Erfahrung: Paul Kampffmeyer, Radikalismus und Anarchismus, in: Die Befreiung der Menschheit, Berlin/Leipzig/Wien/ Stuttgart 1921, S. 72. Kampffmeyers Aufsatz ist neben Hans Müllers Schriftüber den „Klassenkampf in der deutschen Sozialdemokratie" das wert-vollste Dokument über die Geschichte der „Jungen", das von den Protago-nisten der Opposition selbst verfaßt wurde.7 Vgl. dazu besonders Karl Friedrich Brockschmidt, a.a.O., S. 92 ff.
 
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Harts Manfred
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lieh des Streites um die sog. Dampfersubventionen
8
zum ersten Malaus einer breiten Welle von Entrüstungs-Opposition heraus die bei-den Motive formuliert, die dann beim Fall des Sozialistengesetzesfür den Kampf der Opposition gegen die „Fraktionellen" bestim-mend waren: Das Mißtrauen gegenüber dem Führungs-Anspruch derFraktion und der Verdacht, daß die sozialdemokratischen Reichstags- Abgeordneten durch ihre Arbeit im Parlament eine konsequentrevolutionäre Taktik aufgegeben hätten und sich auf unzulässigeKompromisse mit den nicht-proletarischen Interessenvertretern ein-ließen.Die oppositionellen Strömungen waren lokalisiert in den Groß-städten, insbesondere in Berlin. Hier wurde das sozialdemokratischeWochenblatt „Berliner Volks-Tribüne" zum Sprachrohr abweichen-der Meinungen. Der akademisch ausgebildete Schriftsteller MaxSchippel (1859—1928), der seit der Gründung des Blattes Anfang August 1887 als verantwortlicher Redakteur zeichnete, hatte sich1888 in der Berliner Opposition durch seine Agitation gegen dieBeteiligung an den Berliner Kommunal- und an den preußischenLandtags-Wahlen
9
in den Ruf fraktions-unabhängiger Gesinnunggebracht. Aus dem Kreise vorwiegend junger Partei-Intellektuellerum die „Volks-Tribüne", die teilweise auch an Schippeis „Berliner Arbeiterbibliothek" mitgearbeitet hatten
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, rekrutierten sich diewichtigsten Sprecher der offenen Opposition in der Partei ab 1890.Die Redaktionen der beiden anderen oppositionellen Parteiorgane,der ab 1890 in Dresden erscheinenden „Sächsischen Arbeiterzeitung"und der Magdeburger „Volksstimme", waren zum Teil durch diedirekte Vermittlung Schippeis zusammengekommen
11
. Schippel defi-nierte 1888 den Kern der Gegensätze in der Partei in folgender — nach Auskunft Kampffmeyers auch für die Provinz-Opposition zu-treffender
12
— Weise: „Ein Theil unserer Partei richtet mehr als derandere sein Auge erwartungsvoll auf diejenigen Gesetzgebungs- und Verwaltungsorganisationen (Parlamente, Gemeindevertretungen),welche die Bourgeoisie geschaffen hat, um ihre wechselnden Inter-essen und Wünsche zum Ausdruck und Durchbruch bringen zu kön-
8 Vgl. zu diesen Auseinandersetzungen die Dokumentation in: HansMüller, a.a.O., S. 62—70.9 S. Berliner Volks-Tribüne, 2. Jg. (1888), Nr. 13 und 14: Die Berliner Arbeiter und die Kommunalwahlen in Berlin. Ein Gutachten und einRückblick; Nr. 42: Die Arbeiterklasse und die Landtagswahlen in Preußen.10 Autoren der im Verlag der Berliner Volks-Tribüne erscheinendenHefte dieser Publikationsreihe waren u. a. neben Schippel selbst: Claraund Ossip Zetkin, Paul Kampffmeyer, Paul Ernst, Hans Müller, ConradSchmidt.11 Hans Müller (a.a.O., S. 77) berichtet, Paul Kampffmeyer und ihm seidie Redaktion der Magdeburger „Volksstimme" übertragen worden auf Empfehlung Schippeis, an den sich die Magdeburger Genossen gewendethatten, weil sie zu ihm „wegen seiner bis dahin an den Tag gelegten Un-abhängigkeit gegenüber der Fraktion das meiste Vertrauen hatten".12 Paul Kampffmeyer, Radikalismus und Anarchismus (a.a.O.), S. 73.

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