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Die Verdammten dieser Erde

Die Verdammten dieser Erde

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Vorwort von Jean-Paul Sartre zu Frantz Fanons Buch: "Die Verdammten dieser Erde."
Frantz Fanon ist einer der hellsichtigsten Analytiker des Südens. Wie sein Zeitgenosse Che Guevara kam er als Arzt zu seiner revolutionären Laufbahn in einem fremden Land. Er gründete Afrikas erste psychiatrische Klinik und reiste als Sprecher der algerischen Befreiungsbewegung durch den schwarzen Kontinent. Sein Buch »Die Verdammten dieser Erde« wurde das »Kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution« genannt. Sartre schrieb in seinem Vorwort 1962: »Europäer, schlagt dieses Buch auf, dringt in es ein! Habt den Mut, es zu lesen, weil es euch beschämen wird ...«
Frantz Fanons Biographie beleuchtet die Gewalt von damals und heute, seine Reflexionen über Rassismus und Wahnsinn sind Prophezeiung und Wegweiser. Alice Cherki hat Fanon gut gekannt. Sie hat in Algerien und Tunesien neben ihm als Psychiaterin gearbeitet und war wie er während des Algerienkrieges in der Befreiungsbewegung engagiert. Sie zeigt auf, daß Fanon die individuellen und sozialen Auswirkungen der rassistischen Unterdrückung ebenso untersucht hat wie die Möglichkeiten, die Entfremdung zu überwinden. Fanons Voraussagen und Warnungen für die postkoloniale Zeit sind auf erschütternde Weise bestätigt worden, nicht nur in Algerien.
Fanon, der mit 36 Jahren an Leukämie starb, wurde zu einer Symbolfigur für die Dritte Welt.
Vorwort von Jean-Paul Sartre zu Frantz Fanons Buch: "Die Verdammten dieser Erde."
Frantz Fanon ist einer der hellsichtigsten Analytiker des Südens. Wie sein Zeitgenosse Che Guevara kam er als Arzt zu seiner revolutionären Laufbahn in einem fremden Land. Er gründete Afrikas erste psychiatrische Klinik und reiste als Sprecher der algerischen Befreiungsbewegung durch den schwarzen Kontinent. Sein Buch »Die Verdammten dieser Erde« wurde das »Kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution« genannt. Sartre schrieb in seinem Vorwort 1962: »Europäer, schlagt dieses Buch auf, dringt in es ein! Habt den Mut, es zu lesen, weil es euch beschämen wird ...«
Frantz Fanons Biographie beleuchtet die Gewalt von damals und heute, seine Reflexionen über Rassismus und Wahnsinn sind Prophezeiung und Wegweiser. Alice Cherki hat Fanon gut gekannt. Sie hat in Algerien und Tunesien neben ihm als Psychiaterin gearbeitet und war wie er während des Algerienkrieges in der Befreiungsbewegung engagiert. Sie zeigt auf, daß Fanon die individuellen und sozialen Auswirkungen der rassistischen Unterdrückung ebenso untersucht hat wie die Möglichkeiten, die Entfremdung zu überwinden. Fanons Voraussagen und Warnungen für die postkoloniale Zeit sind auf erschütternde Weise bestätigt worden, nicht nur in Algerien.
Fanon, der mit 36 Jahren an Leukämie starb, wurde zu einer Symbolfigur für die Dritte Welt.

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Seite 1 von 18
Die Verdammten dieser Erde
Es ist noch nicht lange her, da zählte die Erde zwei Milliarden Einwohner, das heißt500 Millionen Menschen und eine Milliarde 500 Millionen Eingeborene. Die erstenverfügten über das Wort, die anderen entliehen es. Zwischen jenen und diesendienten käufliche Duodezfürsten, Feudalherren und eine aus dem Boden gestampftefalsche Bourgeoisie als Vermittler. In den Kolonien zeigte sich die Wahrheit nackt; die"Mutterländer" bevorzugten sie bekleidet; der Eingeborene musste die"Mutterländer" lieben. Wie Mütter. Die europäische Elite begann, eineEingeborenenelite aufzubauen; man wählte Jünglinge aus, brannte ihnen diePrinzipien der westlichen Kultur auf die Stirn und stopfte ihnen tönende Knebel inden Mund, große, teigige Worte, die ihnen an den Zähnen klebten; nach einemkurzen Aufenthalt im Mutterland schickte man sie verfälscht nach Hause zurück.Diese lebenden Lügen hatten ihren Brüdern nichts mehr zu sagen; sie hallten nurnoch wider. Aus Paris, London und Amsterdam lancierten wir die Wörter"Parthenon! Brüderlichkeit!", und irgendwo in Afrika, in Asien öffneten sich Lippen:“.... . thenon lichkeit!" Das war das Goldene Zeitalter.Es ging zu Ende: die Münder öffneten sich allein; die gelben und schwarzen Stimmensprachen zwar noch von unserem Humanismus, aber nur, um uns unsereUnmenschlichkeit vorzuwerfen. Wir hörten uns diese höflichen Vorträge einerVerbitterung ohne Missfallen an. Zunächst war es eine stolze Verwunderung: Wie?Sie sprechen ganz allein? Da seht ihr, was wir aus ihnen gemacht haben! Wirzweifelten nicht daran, das sie unser Ideal annähmen, da sie uns ja beschuldigten,ihm nicht treu zu sein. Jetzt glaubte Europa an seine Mission: es hatte die Asiatenzivilisiert und eine neue Art geschaffen: die abendländischen Neger. Ganz unter unsfügten wir, weil wir praktisch dachten, hinzu: Und außerdem lassen wir sie ruhigschimpfen, das erleichtert sie; Hunde, die bellen, beißen nicht.Es kam eine andere Generation und änderte die Fragestellung. Ihre Schriftsteller undDichter versuchten mit einer unglaublichen Geduld, uns zu erklären, daß unsereWerte sich schlecht mit der Wirklichkeit ihres Lebens vertrügen, daß sie , sie wedergänzlich verwerfen noch gänzlich annehmen könnten. Das bedeutete ungefähr: Ihrmacht Monstren aus uns, euer Humanismus erklärt uns für universal, und eurerassistische Praxis partikularisiert uns. Wir hörten ihnen ohne Aufregung zu: die
 
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Kolonialbeamten werden nicht dafür bezahlt, Hegel zu lesen, deshalb lesen sie ihnauch wenig. Aber sie brauchen diesen Philosophen gar nicht, um zu wissen, das, dasunglückliche Bewusstsein sich in seinen Widersprüchen verstrickt. Ohne Sinn undNutzen. Setzen wir also ihr Unglück fort, es wird keine Folgen haben. Wenn es inihrem Stöhnen, so sagten uns die Experten, die Spur einer Forderung gäbe, wäre esdie nach der Integration. Das kommt natürlich nicht in Frage: man würde dasSystem, das ja bekanntlich auf der Überausbeutung beruht, zugrunde richten. Aberes genügt, ihnen diesen Köder hinzuhalten, und sie werden spuren. Was einenAufstand anging, waren wir ganz ruhig: welcher bewusste Ein-geborene würde sichdazu hinreißen lassen, die schönen Söhne Europas zu meucheln, nur um schließlichein Europäer zu werden wie sie? Kurz, wir ermutigten diese Melancholien undfanden es gar nicht schlecht, den Prix Goncourt auch einmal an einen Neger zuvergeben. Das war vor 1939.1961. Hören Sie: "Verlieren wir keine Zeit mit sterilen Litaneien oder ekelhafterNachäfferei. Verlassen wir dieses Europa, das nicht aufhört, vom Menschen zu reden,und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft, an allen Ecken seiner eigenen Straßen,an allen Ecken der Welt. Ganze Jahrhunderte lang ... hat es im Namen einesangeblichen <geistigen Abenteuers fast die gesamte Menschheit erstickt." Dieser Tonist neu. Wer wagt ihn anzuschlagen? Ein Afrikaner, ein Mann der Dritten Welt, einehemaliger Kolonisierter. Er fügt hinzu: "Europa hat ein derart wahnsinniges undchaotisches Tempo erreicht..., das es sich auf Abgründe hinbewegt, von denen mansich lieber so schnell wie möglich entfernen sollte. " Anders gesagt: es ist im Eimer.Eine Wahrheit, die man nicht gerne ausspricht, von der wir jedoch alle - nicht wahr,meine werten Miteuropäer? - insgeheim Haut überzeugt sind.Allerdings mit einem Vorbehalt. Wenn zum Beispiel ein Franzose zu anderenFranzosen sagt: "Wir sind im Eimer" - was, meines Wissens, seit 1930 fast täglichpassiert-, so ist das eine leidenschaftliche Rede, glühend vor Wut und Liebe, bei der ,der Redner sich mit allen seinen Landsleuten ins selbe Boot setzt. Und dann fügt erim allgemeinen hinzu: "Wenn nicht... " Das heißt: es darf kein einziger Fehler mehrgemacht werden; wenn seine Ratschläge nicht strikt befolgt werden, dann, und nurdann, wird sich das Land auflösen Kurz, es ist eine Warnung, die von einemRatschlag begleitet wird, und solche Ansichten schockieren um so weniger, als sie imeigenen Land geäußert werden. Wenn dagegen Fanon von Europa sagt, es renne insein Verderben, so ist er weit davon entfernt, einen Alarmruf auszustoßen: er stellteinfach eine Diagnose. Dieser Arzt sagt weder, daß es keine Rettung gebe - es sind ja
 
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schon Wunder passiert -, noch will er ihm Mittel zu seiner Heilung reichen. Er stelltdringlich fest, daß es in Agonie liegt. Und zwar von außen her, auf Grund vonSymptomen, die er hat sammeln können. Was die Behandlung angeht: nein, er hatandere Sorgen im Kopf; ob Europa krepiert oder überlebt, ist ihm egal. Aus diesemGrunde ist sein Buch skandalös. Und wenn man dann halb belustigt, halb peinlich berührt stammelt: "Der gibt es uns aber!", dann entgeht einem der eigentliche Kerndes Skandals: denn Fanon "gibt" uns überhaupt nichts; sein Werk - so brennendwichtig es für andere ist - bleibt uns gegenüber eiskalt. Es wird oft von unsgesprochen, zu uns niemals. Schluss mit den schwarzen Goncourtpreisen und dengelben Nobelpreisen: die Zeit der kolonisierten Preisträger ist vorbei. Ein ehemaligerEingeborener "französischer Zunge" biegt diese Sprache zu neuen Forderungen um, benutzt sie und wendet sich nur an die Kolonisierten: "Eingeborene allerunterentwickelten Länder, vereinigt euch!" Was für ein Abstieg! Für die Väter warenwir die einzigen Gesprächspartner; die Söhne finden nicht einmal, daß sich einGespräch mit uns lohne: wir sind nur noch die Gegenstände der Rede. Sicher, Fanonerwähnt beiläufig unsere berühmten Verbrechen, Setif, Hanoi, Madagaskar, aber ermacht sich nicht einmal die Mühe, sie zu verurteilen: er benutzt sie nur. Wenn er dieTaktiken des Kolonialismus auseinander nimmt, das komplexe Spiel derBeziehungen, die, die Kolonialherren mit dem "Mutterland" verbinden oder inGegensatz zu ihm bringen, so tut er das alles für seine Brüder. Sein Ziel ist es, ihnen beizubringen, wie man unsere Pläne vereiteln kann.Kurz, durch diese Stimme entdeckt die Dritte Welt sich und spricht zu sich. Manweiß, daß sie nicht homogen ist und daß man in ihr noch versklavte Völker trifft,Völker, die eine falsche Unabhängigkeit erworben haben, andere, die um ihreSouveränität kämpfen, und wieder andere, die ,die volle Freiheit errungen haben, jedoch unter der ständigen Drohung einer imperialistischen Aggression leben. DieseUnterschiede sind aus der Kolonialgeschichte hervorgegangen, das heißt aus derUnterdrückung. In der einen Kolonie hat sich das Mutterland damit begnügt, einigeFeudalherren zu bezahlen, in den anderen Kolonie hat es nach dem Prinzip Divide etimpera eine Kolonisiertenbourgeoisie aus dem Boden gestampft. Wieder woandershat es ein doppeltes Spiel gespielt: die Kolonie ist gleichzeitig Ausbeutungs- undAnsiedlungskolonie. So hat Europa die Spaltungen und Gegensätze vermehrt,künstlich Klassen und manchmal auch Rassismen geschaffen und mit allen Mittelnversucht, eine Aufspaltung der kolonisierten Gesellschaften in verschiedenenSchichten hervorzurufen und sie zu vertiefen. Fanon verheimlicht nichts: um gegenuns kämpfen zu können, um die ehemalige Kolonie auch gegen sich selbst kämpfen.

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