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Somalia - Geschichte und Hintergründe

Somalia - Geschichte und Hintergründe

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Published by azadi-hb
Alle Welt redet von den Piraten Somalias. Doch wer sind diese Piraten? In welchem soziokulturellen und historischen Kontext leben sie? Dieses Buch liefert wichtige Hintergründe.
Alle Welt redet von den Piraten Somalias. Doch wer sind diese Piraten? In welchem soziokulturellen und historischen Kontext leben sie? Dieses Buch liefert wichtige Hintergründe.

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Categories:Types, Research, History
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10/21/2011

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Die Piraterie in Somalia
samt
einer kurzen Geschichte des Landes und seinerÖkonomie
J
ÜRGEN
E
HBRECHT
 
Göttingen, August 2011
NHALTSVERZEICHNIS 
0. Einleitung 21. Geschichte Somalias 31.1 Vorkoloniale Geschichte - meerzentriert 31.2 Geschichte des Hinterlands 41.3 Kolonialgeschichte 81.4 Das Kamel wird gemolken 141.5 Der Siyadismus 121.6 Postsiyadistische Zustände 181.7 Das Neue Jahrtausend 231.8 (Relativ) Milizenfreie Zonen 281.9 Eine informelle Ökonomie 312. Piraten 352.1 Die ersten großen Ausbrüche 362.2 Piratenfischer und Sondermüll 382.3 Die Anfäng maritimer Privatgewalt 402.4 Küstenschutzversuche 432.5 Die Zweite Welle 442.6 Modus Operandi 502.7 Die Postmoderne Armada 552.8 Rechtliche Probleme 562.9 Musterkaperungen 622.10 Somalische Piraten 663. Kurze Bemerkungen zu einer Kritik der antipiratischen Ökonomie 693.1 Fallstricke 693.2 Maritime Privatgewalt und Plündermentalitäten 713.3 Somalische Piraten II 73 Abkürzungen 75Literaturverzeichnis 76 Abbildungen:Somalia 2Clanterritorien 6Oman und Umgebung 37
juergen.ehbrecht@gmx.de
 
 – 
Weiterverbreitung ist ausdrücklich erwünscht.
 – 
Sollte der Text außerhalb der virtuellen Welt vervielfältigt werden, bitte mit dem Autor Rücksprache halten.
 
 
2
0.
 
E
INLEITUNG
 
S
OMALIA UND DIE
P
IRATERIE
 
„Unsere Geschichtsbücher sagen zum Beispiel, dass Frankreich Algier eroberte, um sich 
gegen die Piraterie der muslimischen Gaunerkönige zu ver- teidigen. Aber sie sagen uns nicht, daß die nordafrikanischen Königreiche ihrerseits Opfer europäischer Piraterie waren, die sie davon abhielt, nor- malen Handel zu entwickeln, und sie zum Korsarentum 
zwang“ (Josep Fortuna).
 
ach dem zweiten Welt-krieg galt die Piraterie, wie die Dinosaurier, als ausge-storben, als Relikt aus der Ärader Segelschiffe. Noch um 1975kannte die Welt Piraten nur alsProtagonisten mehr oder min-der fiktiver Geschichten ausBüchern und Filmen. Doch imletzten Viertel des 20. Jahrhun-derts kam es zu einer überra-schenden Renaissance. Flücht-linge aus Vietnam, Laos undKambodscha wurden im Golf  von Thailand mitten auf demMeer ausgeraubt, und allmäh-lich, parallel zum Schiffsver-kehr, der aufgrund der Globali-sierung zunahm, entwickeltesich Südostasien, insbesonderedie Straße von Malakka, zu ei-nem modernen
hotspot 
der Pira-terie. Seit ein paar Jahren hatsich der Schwerpunkt derpostmodernen Piraterie nach Westen verlagert, nach Somalia.Gäbe es die somalischen Pi-raten nicht, Somalia könnte stattam Horn von Afrika auch auf dem Mars liegen
1
; so wie überden roten Planten nicht vielbekannt ist, so kennt die
¸informierte„ Öffentlichkeit nur
 wenige unzusammenhängendeFakten über Somalia: DavidBowie ist mit einem somali-schen Model verheiratet, 1977stürmten deutsche Eliteeinhei-ten die
Landshut 
auf dem Flug-hafen von Mogadishu, der os-carprämiierte Propagandafilm
Black Hawk Down 
spielt in der somalischen Hauptstadt, Waris Dirie (die
Wüstenblume 
 ) machte die Weltöffentlichkeit auf die(nicht nur) in Somalia übliche Praxis der Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane aufmerksam, während der Fuß-ball-WM 2006 in Deutschland verboten Islamisten Fußballübertragungen, vor Somalia kreuzen deutsche Kriegsschiffe, unddie Piraten haben sich ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gekapert.
1
Dass Somalia im Sommer 2011 in einem anderen Zusammenhang als der Piraterie selbst in Lokalzeitungen zum Thema wurde, wider-spricht seinem marsianischen Charakter nicht: die fürchterliche Hungersnot zählt zu den humanitären und Naturkatastrophen, von de-nen sich kulturindustrielle Medien nähren wie Hyänen von Aas und auf die sie niemals verzichten können. Nachrichten abstrahieren inder Regel vom politischen, gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhang, in dem entstand, was sie der Öffentlichkeit präsentieren
 – 
 dass die Hungersnot in Südsomalia seit Monaten absehbar war, weil die Menschen seit Anfang des Jahres unter einer Jahrhundertdürrelitten, und dass sie soziale Ursachen hat, greifen öffentliche Medien selten auf.
 N 
 
3 Wer sich nicht mit sporadischen Meldungen über spektakuläre Kaperungen, Geiselbefreiungen, Tote und Lösegelder zu-frieden geben mag, sondern die somalische Piraterie als Ausdruck der sozialen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissein Somalia (und als lokal-spezifische Reaktion auf den Siegeszug des postfordistischen Kapitalismus) zu verstehen versucht,steht vor ähnlichen Schwierigkeiten wie jene Radiohörer in New York 1938, die ein Hörspiel über einen Angriff von Marsia-nern auf die Erde hörten und Realität und Fiktion nicht auseinander halten konnten.
In vielerlei Hinsicht ist die somalische Gesellschaft so einzigartig, dass ohne ein Minimum an Hintergrundin
formatio
nen“
(Spilker 2008, 9) weder die aktuelle Situation noch die Piraterie am Horn von Afrika verständlich wird. Da die Piraten nicht ineinem ahistorischen Vakuum operieren, sind zum (vorläufigen) Verständnis der somalischen Piraterie einige Umwege not- wendig. Zuerst geht es um die Geschichte Somalias
2
und die
 – 
nach westlichen oder staatsfixierten Maßstäben
 – 
 
¸exotische„
Sozialstruktur Somalias, in dem Nomaden die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen.Die historische Abschweifung beginnt mit einem Ausflug in die vorkoloniale Geschichte Somalias (Kap. 1.1 und 1.2). Da-ran schließt eine kurze Einführung in die Kolonialzeit an (Kap. 1.3). Das nächste Kapitel schildert die erste Phase des unab-hängigen Somalias, Kapitel 1.5 widmet sich der Diktatur Siyad Barres (1969-1991). Nach dem Sturz des Diktators zerfiel So-malia in drei Teile: die Geschichte der Kämpfe in Südsomalia und in Mogadishu, die bis heute andauern, kommen in den Ka-piteln 1,6 und 1.7 zur Sprache, während sich Kapitel 1.8 auf die Entwicklungen in Puntland und Somaliland konzentriert, zweiseit 1991 faktisch unabhängigen Landesteilen. Im letzten Kapitel wird der Versuch gewagt, anhand unzureichender Quellenund Nachrichten die Ökonomie in einer Gesellschaft ohne Staat skizzenhaft nachzuzeichnen. Der Hauptabschnitt (Teil 2)dreht sich um die somalische Piraterie, und im letzten Abschnitt (Teil 3) wird versucht, sie in den Hauptstrom der piratischenGeschichte einzuordnen.
1.
 
E
INE KURZE
G
ESCHICHTE
S
OMALIAS
 
1.1
 
V
ORKOLONIALE
G
ESCHICHTE
-
MEERZENTRIERT 
 
„Go
tt schuf zuerst die Familie des Propheten Mohammed und war sehr zufrieden mit dem edlen Ergebnis seiner Arbeit. Dann schuf er den Rest 
der Menschheit und war erfreut. Zuletzt schuf er die Somalis und musste über das Resultat seiner Schöpfung lachen“ (somal 
ische Legende).
ie ostafrikanische Küste war bereits um die Zeitenwende in ein überregionales Seehandelsnetz
3
integriert, das den west-
lichen Indischen Ozean umspannte. Ab etwa 800 geriet sie ins Visier islamischer Händler“ (Ptak 2007, 144). J
edes Jahr w 
urde am Persischen Golf eine Flotte“ (Chaudhuri 1985, 39) ausgerüstet, die Mogadishu, Malindi, Mombasa, Sa
nsibar, Kil-
 wa und Sofala ansteuerte; ob die Handelsschiffe in Sichtweite der Küste blieben“ (Ho
urani 1995, 80) oder quer über denIndischen Ozean segelten, ist unbekannt. Arabische und persische Muslime ließen sich in Ostafrika nieder, ein indischer Ein-fluss war nicht zu übersehen. Die ostafrikanische Küste von Sofala bis Mogadishu, spätestens seit dem 12. Jahrhundert islami-siert, wurde von einem Gegensatz zwischen den maritimen Emporien und ihrem Hinterland geprägt, der zu Zeiten in offeneFeindseligkeit umschlu, da die arabische Welt schwarze Sklaven importierte,
Zanj 
, die zum Teil über ostafrikanische Häfennach Norden verschifft wurden.Schriftlich erwähnt wurde Mogadishu zum ersten Mal in arabischen Quellen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts
4
:die Rede war von einer
Stadt am Zanj-Meer 
, in der Muslime lebten, die sich von der Bevölkerung der Umgebung unterschieden.1331 setzte Ibn Battuta von Aden nach Zeila über und segelte von dort auf einer Dhau nach Mogadishu
5
. Zu dieser Zeit war
die Stadt das Zentrum eines Sultanats, das auch die Küstenstädte Merka und Brawa weiter im Süden sowie das Hinte
rland
2
Die Geschichte Somalias wird selten rezipiert, es liegt nur wenig gedrucktes oder veröffentlichtes Material vor (zuverlässiges schon garnicht), und zudem wird sie von
zwei 
akademischen Disziplinen beackert: den Geschichtswissenschaften und der Ethnologie. Die neuereGeschichte der einzelnen Teile Ex-Somalias ist nur an eher entlegenen Stellen im Internet aufzuspüren: haupt- und nebenberuflicheUN-Berater schreiben mehr oder minder offizielle Berichte, das Militär sponsert manchmal Forschungen (deutsche Beitrage gibt es wohl nicht), und einige kritische Stimmen sind dank des Internets nicht zu überhören.
 – 
Berichte über die Hungersnot am Horn von Afrika werden etwa in der Tagesschau regelmäßig von einer Landkarte illustriert, auf der Somalia in den nicht mehr aktuellen Grenzen von 1960 dargestellt wird.
3
 
Ein Seemannshandbuch zeigt, daß im 1. nachchristlichen Jahrhundert Händler aus Südarabien und vom Roten Meer entlang der os
taf-
rikanischen Küste nach ¸Rhapta„ reisten, das sich irgendw 
o im heutigen Kenia oder Tansa
nia befunden haben muß“ (Iliffe 2000, 74).
 
4
Bereits al-Idrisi (gest. 1166) und al-Hamani (gest. 1229) sollen die Küstenstädte Südsomalias beschrieben haben. Ein italienischer Ar-chäologe behauptete Anfang des letzten Jahrhunderts, die Ruinen einer Stadt auf dem Gebiet von Mogadishu wären die Überreste einerphönizischen Ansiedlung. Ein Historiker der Universität Kairo meint, Mogadishu wäre schon Anfang des achten Jahrhunderts vonMuslimen erobert worden. Während des Kalifats vo
n Hārūn ar
-Rashid soll Mogadishu sich geweigert haben, Steuern an den Kalifen zu
bezahlen; obwohl dieser eine Strafexpedition in die Gegend schickte (…), verblieb Mogadishu in einem Zustand beständiger R 
ebelli-
on“ (Mukhtar 1995, 4).
 
5
Danach reiste er nach Kilwa weiter, wo seine Reise gen Süden endete. Dort war der Sultan mit einem
 jihād 
gegen die Bevölkerung des
Hinterlands beschäftigt: Er mochte bewaffnete Streifzüge durch die Länder der Zanj. Er plünderte sie aus und machte viel Beute“
(Ibn Battuta, zit. n. Hall 1988, 62) und fing Sklaven für den Export.
D

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