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TIERWELT / 42, 21. TER 2011
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umwelt
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Ulrich Weiner ist unreiwillig ausgestie-gen. Er fieht vor elektrischen Feldernund technischer Strahlung. Von einemFunkloch tie im Hochschwarzwald auskoordiniert er die Abschaung von Han-dy, WLAN und anderen Strahlenquellen.
D
er Funk muss weg!» – Ulrich Weiner
hat die perekte Biografe ür seine
Botschaft: Mit seinem ersten erspar-ten Geld kaufte sich der Bub zwei «Walkie-Talkies»; mit 12 Jahren nahm er seine ersteFunkstation in Betrieb (Reichweite ca. 30 Ki-lometer); mit 14 schaffte «Funk-Uli» auf An-hieb die Prüfung zum Amateurfunker. Nochin der Lehre zum Kommunikationstechniker
mit Fachrichtung Funktechnik gründete er
seine Firma. Zunächst verkaufte er Autotele-
one und die ersten Handys; dann kamen
ISDN-Telefonanlagen dazu. Zwei Jahre nach
seiner Gründung beschäftigte der Betrieb 20Mitarbeiter.
Weiner nutzte Autoteleon und Handyintensiv. Die Arbeit machte Spass, das Ge-
schäft lief hervorragend. Doch nach einigenJahren hatte der erfolgreiche Jungunterneh-
mer zunehmend Konzentrationsprobleme. Im
Herbst 2001 erlitt er, 24-jährig, einen Zusam-
menbruch mit Seh- und Herzrhythmusstörun-
gen. Ein Hirntumor, vermuteten die Ärzte.
Wenn Weiner das Funkloch verlässt, trägter einen befremdenden Schutzanzug
Die Computertomografe gab Entwarnung.
Doch wenige Tage später erlitt der gläubige
Christ wieder einen Zusammenbruch. Und
dann wieder und wieder. «Nur in abgelegenenGebieten fühlte ich mich besser», erzählt Wei-
ner. «Aber erst rund ein Jahr später wurdemir klar, dass dies mit der Dichte der Mobil-
funkstrahlung zu tun haben musste. Bis dahin
habe ich geglaubt, dass der Funk doch verbo-ten wäre, wenn er denn gefährlich wäre.»
Seit neun Jahren lebt der inzwischen
34-Jährige nun im Wohnwagen, fern der Zi-vilisation, tief im Hochschwarzwald in einem
der rar gewordenen «guten Funklöcher». Ein
Glasfaserkabel verbindet ihn mit dem Internet
und mit der Welt da draussen im Strahlen-
meer. «Andere versuchen so lange wie mög-
lich in der gewohnten Umgebung auszuhalten,
aber davor muss ich warnen. Ich bin nur des-halb so stabil, weil ich den Absprung recht-zeitig geschafft habe.»Weiner hat die Firma verkauft, sämtliche
Hochzeiten seiner verbliebenen Freunde ver-
passt, kann nie ins Kino, nicht einkaufen ge-
hen und nur kurze Strecken Auto fahren. DasFunkloch verlässt er nur für kurze Zeit. Dann
steckt er jeweils in einem befremdend anmu-tenden Schutzanzug. «Funk-Uli» ist auf Hil-
fe angewiesen, auf Menschen, die ihm Lebens-
mittel bringen oder ihn zu Vorträgen undanderen Terminen ahren. «Ich habe eineMenge Gastreundschat, Hile und Nächs-
tenliebe erfahren», sagt er.Und was ist mit der Liebe, Familie? «MeinExotenstatus fasziniert viele Frauen, zumin-dest eine Zeit lang. Bei minus 20 Grad siehtes dann aber anders aus», sagt Uli und lacht.Er wolle die Richtige, alles andere interessie-
re ihn nicht. «Und wenn es keine sein soll,
dann soll es eben keine sein. Ich lebe nunschon so lange alleine, ich habe keine Not
damit.»
«Funk-Uli» will mit Vorträgen aufdie Gefahren aufmerksam machen
Weiner hat andere Sorgen, auch wenn er im
Gespräch nie klagt. Seine Ersparnisse sindaugebraucht, Rente bekommt er nicht, die
Krankenkasse hat nach vier Wochen die Zah-
lung ohne Begründung eingestellt – obwohl
mehrere Ärzte Weiners Arbeitsunähigkeitbezeugen. 2004 hat er deshalb eine Klageeingereicht. Sie ist noch immer hängig. Ein
Präzedenzfall – die Richter möchten sich mit
dem Thema nicht beschäftigen, meint Weiner,
und nimmt es gelassen, sagt, wie so oft: «Esist gut so, wie es ist.»Zwar habe er sieben Jahre kein Geld er-
halten, das ihm zustünde. «Aber in den sieben
Jahren hat sich viel getan. Meine Chancensind gestiegen.» Und das, ist Weiner über-zeugt, ist gut ür uns alle: «Der technische
Funk verträgt sich nicht mit biologischen Sys-
temen. Der Funk ist eine Zeitbombe. Und wir
Elektrosensiblen eine Art Frühwarnsystem.»
Das Bundesamt für Strahlenschutz schätzt,
dass in Deutschland 25 000 Menschen in Kel-
«Elektrosensible sindein Frühwarnsystem»
Was ist Elektrosensibilität?
ei der sogenannten «Elektrosensibilität», auch«elektromagnetische Hypersensibilität (EHS)»genannt, handelt es sich um eine Empfndlich-keit ür elektrische Felder und Strahlung. DieErscheinung wurde 1991 erstmals dokumen-tiert. Jedes Jahr nimmt die Zahl der Menschenzu, die geltend machen, sie litten darunter. Der-weil nehmen die Strahlungsdichte und vor al-lem die Techniken, die mit Dauersendern arbei-ten weiter zu, zum eispiel GSM, UMTS, DECT,WLAN, WIMAX, DV-T, Tetra, UW-Radio, Digi-tal-TV. In Schweden wird Elektrosensitivität alsrankheitsbild anerkannt, nicht so in Deutsch-land und der Schweiz.
Ulrich Weiner im Strahlenschutzanzug: «Es ist nicht egal, ob Sie ein Handy haben oder nicht. Jeweniger Handys, umso weniger Funkmasten – das ist das Gesetz der freien Marktwirtschaft.»
lern oder im Wald Schutz vor Mobilfunksen-dern suchen. Betroffen seien aber weit mehr,
ist Weiner überzeugt. Burnout, Fibromyalgie,
ADS und ADHS, Schlaosigkeit, Herzrhyth-
musstörungen und viele andere Beschwerden
schreibt er dem Funk zu. «Wenn es so weiter-
geht, haben wir im Jahr 2017 50 Prozent
Elektrosensible.»
Das will «Funk-Uli» nicht hinnehmen, und
so wird er sein Funkloch noch oft verlassen,
zum Beispiel, um Vorträge zu halten. «Wegen
der Kinder», sagt er. «Und weil ich nicht zu-schauen kann, wie eine Industrie wegen ein
paar Milliarden Euro, die bald nichts mehr
wert sind, Millionen Menschen verstrahlt.»
Text und Bilder: Andreas Krebs