Welcome to Scribd, the world's digital library. Read, publish, and share books and documents. See more
Download
Standard view
Full view
of .
Look up keyword
Like this
12Activity
0 of .
Results for:
No results containing your search query
P. 1
Das Politische Interview - Filzmaier-Buch

Das Politische Interview - Filzmaier-Buch

Ratings: (0)|Views: 10,178 |Likes:
Published by ArminWolf

More info:

Published by: ArminWolf on Nov 14, 2011
Copyright:Attribution Non-commercial

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
download as PDF, TXT or read online from Scribd
See more
See less

11/05/2012

pdf

text

original

 
 
 „Danke für das Gespräch!“ 
Das Interview als (gefährdete) Form politischer Kommunikation
Von Armin Wolf 
*
 
Dass Jeremy Paxman in Österreich eine große Fangemeinde hätte, darf man bezweifeln. Derforsche Starmoderator der BBC-
„Newsnight“ wurde mit einer Ar 
t von Interviews berühmt
 – 
 und bei britischen Politikern berüchtigt
 –, die in Österreich schnell in der Abteilung „Inquis
i-
tion“ abgestellt würde. Legendär wurde Paxman durch ein Gespräch mit dem früheren I
n-nenminister Howard, dem er live im Studio zwölf Mal hintereinander ein und dieselbe Fragestellte. Bis heute steht ein Mitschnitt dieses Interviews aus dem Jahr 1997 auf der Homepageder BBC
1
. Seine oft schon aggressive Annäherung an seine Gesprächspartner begründete
„Paxo“ einmal so: „Ich frage mich ein
fach ständig, warum mich dieser lügende Bastard jetzt
anlügt.“
2
Mit dieser Art ist Paxman nicht unumstritten
 – 
und trotzdem einer der populärstenund höchstdekorierten Fernsehjournalisten Großbritanniens. Schnitt.Das ORF-
„Sommergespräch“ 2005 mit Wolfgan
g Schüssel war ein hartes, kritisches Inter-view, aber von einem paxmanesquen Verhör so weit entfernt wie der Wiener Volksgartenvom Hyde Park. Und trotzdem bekam die Redaktion tags darauf weit über hundert Mails und
die meisten Absender waren empört: „Der 
Moderator agiert wie ein Rumpelstielschen (sic!)
!!!!!! Ziemlich primitiv diese Art des Journalismus.“ „Es geht nicht darum, irgendeinen Pol
i-
tiker ins Kolosseum zu zerren und ihn kunstgerecht abzuschlachten.“ „Dilletantische Disku
s-
sionskultur!“ „Unter jeder Kritik! … Die Redaktion müsste sich entschuldigen.“ Und: „Diediesjährigen Sommergespräche sollten eher als „Sommerverhöre“ bezeichnet werden“. Nach
dem Gespräch mit FPÖ-Chef Strache wenige Tage zuvor hatte ein Anrufer gar befunden:
„Diese rote Zecke Wolf gehört in die Gaskammer“, was die geduldigen Damen des ORF
-Kundendiensts säuberlich notierten.Es kamen auch positive Kommentare, Glückwünsche und Komplimente
 – 
aber jedes durch-schnittliche, etwas kritischere ZiB 2-Interview zeigt: viele Seher wollen keine kontroversiel-len Interviews sehen. Politiker
 – 
bei all ihren Imageproblemen und Glaubwürdigkeitsdefiziten
 – 
gelten offenbar noch immer als Respektspersonen und je höher das Amt umso eher. EinenGesprächspartner mit einer Nachfrage zu unterbrechen, betrachten viele Zuseher grundsätz-
lich als Zeichen übler Kinderstube („Ich habe schon als Kind gelernt, dass man den anderen
*
 
Aus: Filzmaier, Peter / Plaikner, Peter / Duffek, Karl A. (Hg.), Mediendemokratie in Österreich, Wien 2006, S.273-280
 
ausreden lässt. Ihr Moderator offenbar nicht!“) und wird spätestens beim Regierungschef vo
l-lends unakzeptabel. Dem Bundespräsidenten, der gerne bedächtig, ausgewogen und differen-ziert argumentiert, ins Wort zu fallen, grenzt an Widerstand gegen die Staatsgewalt und end-gültig zum Sakrileg wird die Nachfrage bei Kirchenfürsten. Nach einem Gespräch mit demWiener Erzbischof 
 – 
dem man mitunter auch im Fernsehen anmerkt, dass er das Format einerPredigt gewöhnt ist (sehr viel Zeit und keine Fragen)
 – 
flatterte eine Ansichtskarte in die Re-
daktion: gedruckt im Verlag „Barmherzigkeit International“ und mit einem knappen han
d-schriftlichen Bescheid a
n den Moderator versehen: „Du bist und bleibst eine Drecksau !!!“
Aber natürlich gibt es auch ganz andere Interviews.
Ein Interview ist schließlich nichts anderes als „eine Befragung oder ein Dialog, in dem der 
Interviewer Fragen stellt und der Interview
te Antworten gibt.“, wie es ein renommiertes US
-amerikanisches Wörterbuch der Mediensprache prägnant definiert.
3
Die allermeisten Gesprä-che, die Journalisten führen, gehen jedoch nie auf Sendung und werden niemals gedruckt.
Denn Interviews sind „nicht nur 
eine Darstellungsform sondern auch eine Methode des Re-
cherchierens.“
4
Jede
 zielgerichtete Befragung einer Auskunftsperson durch einen Journalis-ten
ist bereits ein Interview
 – 
auch jedes Recherchegespräch. Aus den meisten solchen Befra-gungen schafft es kein wörtliches Statement in einen Artikel oder Beitrag, sie dienen lediglich
der Informationsgewinnung. Oder es fallen einzelne „O
-
Töne“ (Originaltöne) ab, die dann als
Zitate erscheinen, eingearbeitet in einen längeren Text. Aber die Gesprächsform, um die es
hier gehen soll, ist das „dialogische Interview“ – 
 
das im angelsächsischen Sprachraum „Q &A“ genannt wird:
Question & Answer 
. Ein Gespräch also, das in Frage-Antwort-Form ge-druckt oder gesendet wird, meistens
 – 
außer beim Live-Gespräch im Radio oder im Fernsehen
 – 
nach einer ausführlichen redaktionellen Überarbeitung.Das Interview als journalistische Darstellungsform ist relativ jung. In amerikanischen Lehrbü-chern wird sogar ein exaktes Geburtsdatum angegeben
 – 
der 16. April 1836. An diesem Tagerschien
im New Yorker „Herald“ die wörtliche Widergabe eines Gesprächs zwischen dem
Reporter James Gordon Bennett und der Kronzeugin in einem Lustmord-
Prozess. „Das ersteformelle Interview, das in einer amerikanischen Zeitung veröffentlicht worden ist.“, nennt e
sJohn Brady in seinem Standard-
Werk „The Craft of Interviewing“.
5
Sehr schnell wird dieneue Form populär
 – 
erst vor allem bei Kriminal- und Chronikreportern, später in Berichtenüber
celebrities
aller Art. Zeitweise sind die Zeitungsseiten derart mit Interviews überfüllt,
dass sich ein Kommentator 1886 beklagt: „Dieses amerikanische Interview ist erniedrigendfür den Interviewer, ekelhaft für den Interviewten und ermüdend für das Publikum.“
6
Zu die-ser Zeit waren auch bereits die ersten Interviews mit Politikern erschienen
 – 
Andrew Johnsongilt als erster Präsident der USA (1865-1869), der sich wiederholt Gesprächen mit einemJournalisten stellte, die auch veröffentlicht werden durften.Damit wurde eine journalistische Form etabliert, die Reporter auf Augenhöhe mit jenen Poli-
tikern brachte, über die sie zu berichten hatten. „Der Journalist wollte nicht mehr nur Em
p-
 
fänger offiziöser Mitteilungen oder nur Multiplikator von Depeschen sein, sondern selbst auf die Beantwortung wichtiger oder vermeintlich wichti
ger Fragen dringen“, schreibt Michael
Haller im wichtigsten deutschsprachigen Lehrbuch zum Thema. Die Legitimation dafür war
„der Anspruch der Bürger, über die Handlungsmaximen der Politiker authentisch ins Bildgesetzt zu werden.“
7
 
Genau dieser „emanzipatorische Anspruch“ (Haller) der Öffentlichkeit – 
 vertreten durch die Medien
 – 
gegenüber der Politik macht Interviews mit politischen Ent-scheidungsträgern auch heute noch zu einer zentralen Form politischer Kommunikation.
In einer Demokratie ist „politische Herrschaft […] zustimmungsabhängig und deshalb grun
d-sätzlich begründungspflichtig. Beide, Zustimmung und Begründung, finden ihre Realisierung
durch und in politischer Kommunikation.“, argumentiert der Politologe Ulrich Sarcinelli
8
, der
den Begriff „symbolische Politik“ begründet hat. Demokratie ist ohne öffentlichen Diskurs
nicht denkbar
 – 
Information und Kommunikation sind für die Bürger die unabdingbare Vor-aussetzung, um am politischen Prozess teilzuhaben. In der nationalen Politik (im Gegensatzzur kleinräumigeren Lokal- und auch zur Regionalpolitik) findet diese Kommunikation aber
zum wesentlichen Teil nur mehr medial vermittelt statt. Für die „große Politik“ stimmt dasgeneralisierende Diktum von Niklas Luhmann tatsächlich: „Was wir über unsere Gesel
lschaft,
 ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“
9
 Die politischen Akteure (und ihre eigens dafür beschäftigten Spezialisten) versuchen, diesemassenmediale Kommunikation so weit wie möglich
 – 
und immer weiter
 – 
zu kontrollieren.Professionelle Inszenierung und strategisches
news management 
sind zu integralen Bestand-teilen moderner Politik geworden. (Siehe die eindrucksvollen Belege an anderer Stelle in die-sem Band
10
) Eine der seltenen Gelegenheiten, in denen sich führende politische Entschei-dungsträger kommunikativen Situationen ausgesetzt sehen, die sie nicht zum Großteil (vor-)inszenieren und kontrollieren können, sind eben Interviews, vor allem Live-Gespräche inRadio und Fernsehen. Print-Interviews werden im deutschsprachigen Raum üblicherweise
„autorisiert“ – 
die geplante Druckfassung wird vom Interviewten bzw. von dessen Pressespre-cher abgesegnet. Das hat den Vorteil, dass die veröffentlichten Zitate nicht mehr bestrittenwerden können und dokumentarischen Wert erhalten, aber auch den Nachteil, dass an derDruckversion häufig noch stunden- oder tagelang herumgebastelt wird. Nicht selten wird da
versucht, im Nachhinein gerade die stärksten „Sager“ und klarsten Aussagen, die im Gesprächquasi „passiert“ sind, wiede
r zu entschärfen oder ganze Passagen neu zu formulieren (mitun-ter inklusive neuer Fragen!). Trotzdem: auch in Interviews mit Zeitungs- und Magazinjourna-listen sind Politiker gezwungen, sich zu erklären, ihre Entscheidungen zu begründen, sichWiderspruch zu stellen und gegen Einwände zu rechtfertigen. All das eben, was sie in durch-gestylten Wahlkampfauftritten, in Presseaussendungen, aber auch durch das immer restrikti-vere
setting
von Pressekonferenzen (Fragen nur zu bestimmten Themen, kaum Nachfragen,keine
Wortmeldungen bestimmter Journalisten) vermeiden können. Die öffentliche „Begrü
n-
dungspflicht“, die Sarcinelli als konstitutiv für demokratische Politik ansieht („Legitimationdurch Kommunikation“), wird in keiner anderen Form politischer Kommunikation so
direkt

Activity (12)

You've already reviewed this. Edit your review.
1 hundred reads
1 thousand reads
Pauline Réage liked this
gvau liked this

You're Reading a Free Preview

Download
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->