Read without ads and support Scribd by becoming a Scribd Premium Reader.
 
SOLIDARITÄT
MIT
DEN
"WILDEN"?
DAS VERHÄL
TNISDERDEUTSCHEN
SOZIALDEMOKRA
TIE
ZU
DEN
AFRIKANISCHEN
WIDERSTANDSKAMPFEN
IN
DEN
EHEMALIGEN DEUTSCHEN
KOLONIEN
UM
DIEJAHRHUNDERTWENDE
VON
GOTTFRIED
MERGNER
Abstract:
The
internationalism
of
the
German labourmovement
did not include anticolonialism.
The
assumption that
the
'civilized' world (i.e. the
European
industrial nations) constituted
tl;"te
culminating point
of human
development
prevented the representatives
of
the
German labour
movement
to solidarize with the 'savages' (i.e. people oppressed
by European
colonialism).
This
article first provides
an
overview
of theappropriate literature and
theories.
Next,
in
the
light
of
regional historical
material,
which
is
compared
with congress speeches
of
the
Second
International and
Reichstag
addresses
of
the Social
Democratic
section, it shows
that the rank and
file
of
the Social
Democrats
had shut out,
together
with
their
solidarity with the savages, the consciousness
of
a real alternative for the imperialist state.
In
the
expanding
colonial wars the First
World
War
was culturally
prepared.
Zuerst in
der
Deutschen DemokratischenRepublik,
seit
den
siebziger
Jahren
auch in
der
Bundesrepublik, erschienen
Untersuchungen
in
de
nen
die bis
dahin
verdrängte
deutsche Kolonialgeschichte
und
ihreAuswirkungen
auf
die
Innenpolitik
kritisch
aufgearbeitet wurden.
Zumhundertsten
Jahrestag
der
Berliner Konferenz
(1884-85)
wurden
auf
verschiedenen
wissenschaftlichen
Tagungen und
in
vielen
Publikationen
weitere Aspekte
der
deutschen Kolonialvergangenheit erörtert.
2
Auch
zur
Frage
des Verhältnisses
der
deutschenorganisierten
Arbeiterbewe-
1
Beispiele
aus
der DDR:
Manfred Nussbaum,
Vom
"Kolonialenthusiasmus"
zur
Kolonialpolitik
der
Monopole,
Berlin
1962;
Horst
Drechsler,
Südwestafrika unter deutscher Kolonialherr-.schaft,
Berlin
1966;
Kurt
Büttner/Heinrich Loth (Hg.),
Philosophie
der
Eroberer und kolonialeWirklichkeit. Ostafrika
1884-1918,
Berlin
1981.
Beispiele
aus
der BRD: Karin Hausen,
Deutsche Kolonialherrschaft in Ajrika. Wirtschaftsinteres
sen
und Kolonialverwaltung in Kamerun
vor
1914,
Freiburg
1970;
Rainer
Tetzlaff,
KolonialeEntwicklung und Ausoeutung. Wirtschafts-und Sozialgeschichte Deutsch-Ostafrikas,
Berlin
1970;
Klaus
J.
Bade
(Hg.),
Imperialismus und Kolonialmission. Kaiserliches Deutschland und kolonialesImperium,
Wiesbaden
1982;
Martha
Manozai,
Frauen im deutschen Kolonialismus,
Reinbek
bei
Hamburg
1982;
Helmut
Bley,
Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in DeutschSüdwestafrika
1894
-1914, Hamburg
1983;
Horst Gründer,
Geschichte
der
deutschen Kolonien,
Paderborn
etc.
1985
(faktenreich,
aber
analytisch verschleiernd).
2
Neben
zahlreichen Fernsehfilmen (z.B.
Peter
Heller,
Die
Liebe
zum Imperium,
SOLIDARITÄT MIT DEN
"WILDEN"?
69
gung
zum
Kolonialismus
liegen
materialreiche
und
differenzierte U nter
suchungen
vor.
3
Hieraufaufbauend
will ich mich
im
vorliegendenBeitrag
mit
einem
wie
mir
scheint
noch
ungenügend
untersuchten
Aspekt dieser
Frage
beschäftigen:
Gibt
es
einen
Zusammenhang
zwischen
der
"Zivilisie
rung"
der Arbeiter
zu "Volksgenossen",
wie sie sich in
denbeidenWeltkriegen
bewährt hat,
einerseits,
und
der
sozialdemokratischen
Wahrnehmung der "aufständischen
Wilden"
in
den
Kolonialkriegendes imperialistischen
Deutschlands andererseits? Die Frage
ist
meiner
Ansicht
nach
keineswegs abwegig,
denn
sowohl
während der
gewalttäti
ge~
Penetration der Peripherie,
wie
während der
Kriege
des kaiserlichen
oder
nationalsozialistischen
Deutschlands
erwies sich die organisierte Ar-
1978·
Usambara-das
Land
wo
Glauben Bäume
versetzen
soll,
1979;
Mbogos
ErnteoderdieTeilung
der
Welt,
1980;
ManduYenu-Schwarzer
König
zwischen
Anpassungund Widerstand,
1984)
der
Film
von
Egon
Günther, Morenga,
1984.
An
Tagungen.u~d
wissenschaftlichen
Projekten
eine kleine Auswahl:
Manfred
O.
Hinz (Hg.),
Namibia:Die
Aktualität des kolonialen Verhältnisses.
Beiträge
aus dem
Projekt
"Politische Lan
deskunde
Namibias"
=
Diskurs. Bremer Beiträge
zu
Wissenschaft und Gesellschaft,
Nr
6
(1982);
Jos
Gerwin/Gottfried
Mergner (Hg.),
Innere und äußere
Ko~onisation.
Zur
Geschichte
der
Ausbreitung Europas
auf
die übrige Welt
[Internationales
SymposIUm
1981],
Oldenburg
1982;
dieselben
undJos
Koetsier
(Hg.),
Alltäglichkeit und Kolonialisierung
[InternationalesSymposium
1982],
Oldenburg
1983;
Entwicklungspolitische
Korresponden~
(Hg.),
Deutscher Kolonialismus. Materialien
zur
HundertJahrfeier
1984,
Hamburg
1983;
Henmng
Mel
ber (Hg.);
In Treue Fest, Südwest! Eine ideologienkritische Dokumentation,
Bonn.
1984;
"Kolonialismus
und
Kolonialreiche"
[Referate des
5.
Tübinger
Gespräches,
Mal
1984]
Zeitschrift
für
Kulturaustausch,
Nr
3-4
(1984);
Manfred
O.Hinz
u.a. (Hg.),
Weiss a.ufSchwarz. Hundert Jahre Einmischung in Afrika. Deutscher Kolonialismus und Widerstand,
Be.rlm
1984;
Evangelische
Akademie
Bad Boll
(Hg.),
Kolonialismus: zwischen Anpassung und WIderstand,
Bad
Boll
1985.
3
Günther
Mager,
"Die
deutsche Sozialdemokratie
und
die
Aufständ~
der
Herero
undNama
in Südwestafrika,
1904-1907"
(Diss.
Masch., Halle
1966)
[baSiert Sich
z.T.
auf
lokale Zeitschriften;
kommt zum
gleichen Befurid wie ich, zieht
aber
völlig
andere Kon
sequenzen
in
der
Wertung und
Theoriebildung];
Gerda
Weinberg~r,
"Die
de~tsche
Sozialdemokratie
und
die Kolonialpolitik.
Zu
einigen
Aspekten
der
sozlaldemokratlschen
Hal
tung
in
der
kolonialen
Fragein den
letzten
Jahrzehnten
des
19.
Jahrhunderts",
Zeitschrijt
für
Geschichtswissenschaft,
15
(1967);
Günther
~üller,
"Sozialdemokratie. und
Kolonialpolitik
vor
1914",
Aus
Politik und ZeitgeschIchte,
18
(1968);
Hans.-Chnstop~
Schröder,
Sozialismus und Imperialismus. Die Auseinandersetzung
der
deutschen SOZIaldemokratIe
mit
dem
Imperialismusproblem und
der
"Weltpolitik"
vor
1914,
~on~-Bad
Go.d~~ber.g
2197?;
Masao
Nishikawa,
"Zivilisierung
der
Kolonien
oder
KolomsatlOn
der
ZIvilisatIOn? DieSozialisten
und
die Kolonialfrage
im
Zeitalter des
Imperialismus",
in
Joachim Radkau/Immanuel
Geiss
(Hg.),
Imperialismus im 20. Jahrhundert. Gedenkschrijt
für
Geo~g
w.
.
z:.
Hallgarten,
München
1976;
Hans-Christoph
Schröder,
Gustav
Nos~e.
u~d
dIe
Kolonza!polltzk
des
Deutschen Kaiserreichs,
Berlin-Bonn
1979;
Roger
Fletcher,
Revlswnzsm and EmpIre. Socialist Imperialism in Germany
1897-1914,
London
1984.
ZurBerechtingung
dieses Begriffs denke
man
z.B.
an
der Theorie
des
"Staatss?
zialismus"
in Friedrich
Naumann,
Mitteleuropa,
Berlin
1915,
oder an der These daß
die
deutsche Sozialdemokratie
immer
schon
"preußisch"
in ihrer
Disziplin
und
ruhigen
Entschlossenheit gewesen sei:
Oswald
Spengler,
Preußentum und Sozialismus,
München
1920.
In: F. van Holthoon/M. van der Linden (Hg.), Internationalism in the labour movement, 1830-1940. Leiden [u.a.] 1988, T. 1, S. 68-86.
 
~ ~ - - - -
-----------------------------
-------------
70
GOTTFRIED MERGNER
beiterbewegungweder
als
unüberwindbares Hindernis,
noch
als
sehr
störend.
Im
Gegenteil:
der
Imperialismus konnte im
Konfliktfall
immer
auf
die
nationale
Solidarität
der
organisierten Arbeiter
rechnen.Bis
zur
Dritten Internationale habendie
afrikanischen
Widerstandskämpfer
ihrerseits
mitden europäischen Arbeiterorganisationen
nicht
ge
rechnet.
Sie
haben
sich
wedermit ihren
Führern
in
Verbindung
gesetzt,
nochhaben
sie
um
deren
Hilfe
nachgesucht.
Der
afrikanische
Widerstand
blieb
lange
Zeit
regional
begrenzt
und
weitgehend
"Stammes"
bezogen.
5
DasWissenvon einander
warmehr
als lückenhaft
und über
die
Kultur der
kolonialen
Herrscher
vermittelt.
Sogar
Bebel
äußerte imReichstag
seine
Befriedung darüber,
dass
er
nie
in Versuchung
gekom
men
sei, sich in
den
Kolonien
direkt
zu
informieren.
Es gab keine so
zialdemokratischen
Korrespondenten in
den
Kolonien.
Bis 1912
wurdenInformationen
nicht
systematisch
gesammelt
und
ausgewertet.
Afrikaner
und
Sozialdemokraten
blieben
sich
fremd.
6
Das Suchen nach einem Solidarzusammenhangvonautochthoner
Be
völkerung in den Kolonien
und
in
der
sozialdemokratischen
Heimat
ge
bietet
Vorsicht.
Allzuleicht entwickelt sich
parteiliche
Forschung zu
generalisierenden
Projektionen
eigener
Erwartungen
auf
Sozialbewegun
gen
in
aller
Welt.
Oft
liegt solchen
Projektionen
das
Konstrukt einer
einheitlichen weltweiten
Sozialbewegung
zu
Grunde.
Danach würden indenPeripherien
die
Befreiungsbewegungen
die
schmutzigen
Reste
der
bürgerlichen
Zivilisation beseitigen,
der
Arbeiterbewegung inden
Zen
tren käme neben latenter revolutionärer
Bereitschaft die
Aufgabe
der
internationalen
Solidarität zu.
Zwar
verweist
der
Klassenbegriff
bei
Karl
Marx
mit Recht
auf
die
latente
Widerstandsmöglichkeitder Arbeiter
als
Antwort
auf Unterdrückung
hin.Doch
ist es sicherlich
nicht
richtig,
das
Industrieproletariat
zur
alleinigen Basis sozialistischer
Erlösung
hochzu
stilisieren.
7
Erhard
Lucas
weist
darauf
hin, daß zwarinnerhalbder
Arbeiterklasse
immer
wieder
bedeutsame Widerstandsbereitschaft vorhanden war,
und
daß
die
Erinnerung an
konkret
gelebter
Utopie mit zum
kulturellen
und
politischen
Erbe
der
Arbeitersozialbewegung gehört.
5
Uwe
Timm,
Morenga,
München
1978;
Helgard Patemann,
"Zum
Beispiel
Maren
go",
in
Hinz
u.a_
(Hg.),
Weiss
auf
Schwarz,
a.a.O.,
S.104.
Die
verschiedenen Schreibweisen
(Morenga, Marengo) meinen
dieselbe
Person.
6
Am
5.
Dezember
1905
wurde
in
Dualla (Kamerun)
gegen einige Chiefs
Urteile von
3-9
Jahren
Ketterrhaft gefällt.
Ihr "Verbrechen":
sie
hatten
sich in
einem
Brief,
amGouverneur
vorbei,
direkt
anden
deutschen Reichstag gewandt.
Dieser
hatte
natürlich
nich geantwortet.
Auch
die sozialdemokratische
Fraktion
hatte
sich
um
Antwort
nicht
bemüht.
Norddeutsches
Volksblatt,
13.
Januar
1906.
Erst
Noske
bemühte
sich
um
fundiertere
Kenntnisse
über
die Kolonialgebiete.
7
Siehe
dazu
die Einleitung
in
Erhard
Lucas,
Zwei
Formen von
Radikalismus
in
der
deut-
schen
Arbeiterbewegung,
Frankfurt
a.M.
1976.
SOLIDARITÄT MIT
DEN
"WILDEN"?
71
Doch
wenn
es
um
die
Frage
der
Überwindung von
Unterdrückung
gehe,sei
der
Begriff
der Arbeiterbewegung in Deutschland,
und
nicht
nur
inDeutschland,
unlöslich
mit
dem
Begriff
des"
Scheiterns" verbunden.
8
In
diesem
Zusammenhang
gehe ich
von nachfolgendenThesen
aus:1. Die industrielle
Revolution in Europa
bildet
den
vorläufigen
HöhepunkteinerinnerenKolonisation, einerZurichtung
der
t r a d i t i o ~ e l l . a g r a ­
risch
oder handwerklich ausgerichteten Bevölkerungzum
funktIOmeren
den
Heer
von Industriearbeitern.
2.
Das Bürgertum
und
seine intellektuellen
Protagonisten entwerteten
die
Arbeiter indem
Maße
gesellschaftlich, wie sie
an der
ökonomischenEntwertung
der
Arbeitskraft im
kapitalistisch-industriellen
Verwertungszusammenhang
interessiert
waren. Doch
gleichzeitig
wuchs
die
Angstvor dem drohenden oder
aktuellen
Widerstand aus Teilen
der
Arbeiter-
klasse.3.
In
dem
Maße,
wie es
der
Arbeiterschaft
gelang, sich erfolgreich gegendie ökonomische
Entwertung
zu
organisieren,
paßte
sie sich,
gezwungendurchden
politischen
Druck,
der
gesellschaftlich
vorherrschenden
Reali
tät an
und
versuchte
über
ihre Organisationen
in
dieser
Realität
politische
und
kulturelle
Identität
und
Wertigkeitzuerringen.
Dies gelangihr, gerade
mit
und
über
ihre
eigenen
Organisation
und
mit einer Stra
tegie des steten,
quietistischen
Wachstums.
Ohne
es zu reflektieren
half
sie dabei.
mit,
das
Periphere
des kapitalistischen
Verwertungszusammen
hanges
(Arbeitslose,
Minderheiten, Kinder,
Frauen und
die kolonialisierten
Völker)
abzuwerten
und
auszugrenzen.Norbert
Elias'
These, daß
die
Anpassung
an
die
durchorganisierte,bürokratische
Industriegesellschaft
mit verinnerlichterRepression
und
Anpassungsschmerzen für
jeden
einzelnen
verbunden
sei,
d.h.
mit
der
freiwilligen
Unterdrückung
von
Affekten,
wird auch durch
die
in
letzter
Zeit
ausgewertete
autobiographischeArbeiterliteratur
bestätigt.
9
Dieverdrängten Wünsche
und
Affekte
erscheinendem
Zivilisierten
zuneh
mend
fremd
und
werdenin
die
abgewertetenRandbereiche
der
Zivilisa-
tion
gedrängt.
Und
wie die
Arbeiter
sich
für
ihre
Kinder
nur
die gleiche
Erziehung
vorstellen
konnten,
die sie selbst
durchlitten hatten,
so
sahen
sie
auch für
die
"Wilden"
die
Notwendigkeit
des
grausamen
und
repressiven
Pro-
B
Erhard
Lucas
Vom
Scheitern
der
deutschen
Arbeiterbewegung,
Basel/Frankfurt
a.M.
1983.
9
Norbert
Elias',
"Zur
Grundlegung
einer
Theorie
sozialer
Prozesse",
Zfitschrijt für
Soziologie,
6(1977);
Wolfgang
Emmerich(Hg.),
Proletarische Lebensläufe. AutobiographischeDokumente
zur Entstehung
der
zweiten Kultur
in
Deutschland,
2
Bände, Reinbek
bei
Hamburg
1974 1979;
Georg
Bollenbeck,
Zur
Theorie
und
Geschichte
der
frühen
Arbeiterlebenserinnerungen,
Kro~berg
1976;
Michael
Seyfarth-Stubenrauch,
Erziehung und Sozialisation
inArbeiter-
familien
im
Zeitraum
1870
bis
1914
in
Deutschland,
2
Bände, Frankfurt
a.M.
1985.
 
GOTTFRIEDMERGNER
zesses
zur
Zivilisation.
Über
ihre eigenen
Erfahrungen und
Gefühleredeten
sie
am
besten
mit
den gleichgesinnten Genossen.
10
Daher war
diesozialdemokratische
politische
Kultur
eine
Männerkultur.
11
Mit
ihren
Frau~n
und
K~ndern
aber
auch
mit den "unzivilisierten"
Randgebieten
entwIckelten
SIe
kaum
Kommunikationsbedürfnisse. Solidarität gab
es
nur
mit
ihresgleichen.
Die
faktische
Macht
des
ungestört
expandierenden
Kapitals profitiertedavon. Gleichzeitig
verhielt
das
Bürgertum
sich
jedoch
zu den
sozial
demokratisch organisierten Arbeitern
zunehmend
widersprüchlich.
Zum
e.in~n
blieb~n
die
Arbeiter
für
es
unberechenbare,
latent
bösartige,
sogartIensche
WIlde.
Dann
wurden
vor
allem
deren
Triebhaftigkeit,
Unbe
rechenbarkeit, Widerspenstigkeit
und
Aufsässigkeit
betont,
und
dafürwurden
sie
gehaßt. Das
Wüten der
Freikorps in
der
Nachkriegszeit
(1919 -20)
offenbarte
diese sadistische
Angst
vor dem
"Niedrigen"
in
der
Zivilisation.
12
Zum anderen bemühten
sich fortschrittliche
Fraktio
nen
um
die
Integration der
"anständigen"
Arbeiter
in die deutsche
im
perialistische
Volksgemeinschaft.
13
Dam~t
korresp~nd~erend
schreibt Bogdal
über
die
Wahrnehmung
des
Industneproletanat
Im
Schrifttum
der
Naturalisten. Ebenso
wie
das
Bild des
Schwarzen in
der
Kolonialliteratur
nach
1900
schwankte bei
den
Naturalisten
vor
1900 die
Wahrnehmung
der
Arbeiter
zwischen
Wohl
:v~ll:n
I
~m
treue~
Diener
~n?
Angst.
vor
.~einer.
ständig
drohenden
Bestlalltat.
Dazu em
naturahstischesZItat
uber
dIe
Arbeiterbewegung:"Weh,
sie
~lic~
einem Riesenrumpfe mit winzigen, verkrüppelten Sinnes
o~gane~,
mit emen Auge, das
auf
starrem Stiele hervorquellend
nur
nachemer. Rlchtu?g
~uschaue~
vermag
und
nicht bemerkt was rechts vorgeht,was
h~ks,
mit emem
Gehl~n,da~
nicht zu unterscheiden vermag, was gutund bose, wahr
und
falsch Ist, mit Gliedern, die
nur
dem Reiz der Nerven
g~horchen,
dem gewohnten Reflex von außen, nicht dem freien, selbstbestImmenden Denken des eigenen .Hirns.
"15
10
Dazu
für einen späteren
.
Zeitraum,
aber
auch für die Zeit vor 1914 zutreffend: Osk.ar
Negtl
Alexander K)uge,
Offentlichkeit und
Erfahrung.
Zur
Organisationsanalyse
vonbürger-!zcher
und
proletarischer
Offentlichkeit,
Frankfurt
a.M.
1972.
11
~nneli~se
Bergmann,
"Geburtenrückgang-Gebärstreik. Zur
Gebärstreikdebatte1913
III
Berhn"
Archiv
r
die Geschichte des
Widerstandes
und
der
Arbeit,
Nr
4 (1981);
Erhard
Lucas,
Vom
Scheztem,
a.a.O.,
S. 45
ff.;
GerdaTornierporth
"Proletarisches Frauenleben
und
bürg.erlicher
Weiblich~eitsmyt~os",
i.n
Barbara
Scha:ffer-Hegel
u.a.(Hg.),
Mythos
Frau.
ProJektzoneTl,
una
Inszenzerungen
zm
Patrzarchat,
Berlin 1984.
12
Dazu
die paradigmatische Untersuchung:
Klaus
Theweleit,
Männerphantasien,
2
Bande,
Frankfurt
a.M.
1978.
13
Hin,:eise
in
Gerhard
A. Ritter,
Die
Arbeiterbewegung im
Wilhelminischen
Reich.
Die sozi-
al~e::lOkratzsche
l!artei
und diejreien
Gew.erksc.hajten
1890-~900,
Berlin 21963, Kapitel 7
und
8.Klaus-Michael Bogdal,
Schaurzge
Bzlder.
Der
Arbezter
im Blick
des
Bürgersam
Beispiel
des
Naturalzsmus,
Frankfurt
a.M.
1978.
SOLIDARITÄT
MIT
DEN
"WILDEN"?
73
Der
auch fürdie sozialdemokratische
Monistenbewegung
einflußreicheNaturwissenschaftler
Ernst
Haeckel beschreibt
1892
indiesemSinnedie
Ziele
der
Sozialdemokratie
als
"Rückfall
in
die Barbarei,
in den
tierischen
Urzustand
der
rohen
Naturvölker."
16
Der proletarische
"Wilde"
und seine sozialdemokratische Akkulturation
"Ein
etwas erstauntes Geschicht machte einst unser
Herr
Gemeindevorsteher, als ein von auswärts zugezogener Glasmacher sich bei ihm anmeldete.Auf die Frage n.ach Strasse
und
Nummer
seiner
Wohnung
antwortete derMann:
"Na,
da
in
Kamerun
Nr
4-Als
Kamerun
wird nämlich im Volksmund der Häuserkomplex genannt, der die beiden neuen Straßen [
..
]bildet.
"17
Ähnliche
Namensgebungen nach
Kolonien
hat
es viele
gegeben.
In
Os
ternburg, der Industrieansiedlung
in
der Nähe Oldenburgs zu der
"Kamerun"
gehörte, hieß ein
anderer
Ortsteil Sansibar.
Auchim Ruhr
gebiet
und
in
anderen
Orten
Norddeutschlands finden
sich
um
die
J
hrhundertwende,
der
Zeit
des Erwerbsdeutscher Kolonien
in
Afrika
und
inder
Südsee, derartige Bezeichnungen.Ich
vermute, daß
es sich
hierbei
um
die
selbstironisierende Identifikation von
Arbeiternmitdem
rechtlosen
und
diskriminierten Status
der
Kolonien
handelt,
auf der
Erfahrung
fußend,
selbst
rechtlos
und
verächt
lich
zu
sein.
Nach der Aufhebungder
Sozialistengesetze
wurde immer
deutlicher,
daß
die
Sozialdemokratie große
Anstrengungen unternahm,
sich
von
den Werturteilen
über
sich
zu
befreien,
sich
aus dem Zustand
des
"Negers"
zum
gleichberechtigten
Bürger zu
emanzipieren.
Ein
Artikelim
Verbandsorgan einer
Gewerkschaft
mag
diese
wachsende Orientie
rungan
herrschende Wertvorstellungen
dokumentieren.
"Gewisse Gegner haben das Wort aufgebracht von der materialistischenArbeitersbewegung, welche
nur
dem Magen dienen wolle, dagegen Geist
und
Gemüt vernachlässige
und
verrohe.Wie verhält sich' s damit?· [
...
]Es ist nicht
nur
das Recht,
es
ist die höchste moralische Pflicht der Arbeiter,ihre
und
ihrer Angehörigen Lebenshaltung gut
und
gesund zu gestalten
und
ihre ganze Energie für die diesbezüglichen Forderungen einzusetzen. [
...
]Aber wir haben doch noch weitere Ziele. [
...
] Unsere Sehnsucht machtkeineswegs halt an den Kochtöpfen. [
...
]
15
Conrad
Alberti,
Wer
ist
d~r
stärkere?
Ein
sozialer
Roman
aus
dem
modemen
Berlin,
2
Bände, Leipzig 1888, Bd
2,
S. 67.
16
Bogdal,
a.a.O.,
S. 53.
17
DerOsternburger,
13. August 1891.
Search History:
Searching...
Result 00 of 00
00 results for result for
  • p.
  • More From This User

    Notes
    Load more