Leseprobe aus “Ballroom“
In den kommenden vier Monaten vermehrten sich die Uniformen in der Hauptstadt undüberall in Deutschland weiter. Selbst die Häuser wirkten uniformiert mit ihrenHakenkreuzfahnen an jedem Gebäude. Sie schienen stramm zu stehen, wenn dieArmeekolonnen in den Straßen vorbeizogen. Selbst die Kinder und Jugendlichen marschiertenbereits. Claude verursachten diese Anblicke Magenschmerzen. Es wirkte beängstigend, eineganze Nation marschieren zu sehen. Er spürte, dass dies kein gutes Ende nehmen konnte.Der Sommer zog ins Land, aber selbst die Sonne konnte das drohende politische Gewitternicht vertreiben. Auf den Straßen duckten sich die Menschen unweigerlich, wenn der Klangschwerer Armeestiefel ertönte, während das ganze Land mit lautstarker Propaganda betäubtwurde. Auch im Ballroom tauchten Uniformträger immer wieder in ganzen Gruppen auf.Offiziere aus allen Sparten der Wehrmacht waren vertreten. Nur Ullrich ließ sich immerseltener blicken, ab Mitte August blieb er ganz fort. Claude vermisste ihn, nun, da sie beidewussten, was sie füreinander empfanden. Doch niemand von ihnen beiden wagte es, mehr alstiefe Blicke oder flüchtige Berührungen auszutauschen, wenn sich die Gelegenheit einmal botund sie alleine waren. Überall fühlten sie sich beobachtet. Es war eine Qual. Erst recht, alsUllrich mehrere Wochen hintereinander nicht mehr im „Le Chalet“ auftauchte.Er sei von Greifswald nach Cottbus verlegt worden. Das sagte Rosemarie ihm, als er die vonEisenaus wieder einmal zum Tee besuchte. Warum sie gerade den Kontakt zu ihm, demarmen Schlucker und Eintänzer, hielten, war ihm ein Rätsel. Dass dies allein auf Bitten seinerehemaligen Schülerin geschah, kam ihm nicht in den Sinn. Bei Rosemaries Worten stand ihmdie Traurigkeit ins Gesicht geschrieben. Als er sich wenig später auf den Heimweg machenwollte, drückte ihm seine ehemalige Schülerin bei der Verabschiedung unbemerkt einenkleinen, gefalteten Umschlag in die Hand.„Von Ullrich“, flüsterte sie dabei. Claudes Herz tat einen Sprung. Er umschloss denUmschlag fest und steckte ihn rasch in seine Jackentasche. Auf dem Weg nach Hause wagteer es nicht einmal, ihn auf dem Rücksitz des Wagens zu öffnen, aus Angst der Fahrer könnteetwas bemerken. Dennoch konnte er es kaum erwarten. Vor seiner Wohnung im dritten Stockeines stuckverzierten Altbaus stieg er aus. Mit Elan lief er die hölzernen Treppen hinauf undschloss die Türe zu seinem einfachen Domizil auf. Der Gedanke an die wieder einmal fälligeMiete war es nicht, der seine Schritte beflügelte.Hier unter dem Dach lebte er bereits seit seiner Ankunft in dieser Stadt. Ein schäbigesZimmer mit offener Küche und ein kleines Bad. Er hatte es möbliert gemietet. Die Wirtin warfreundlich und die beiden schlicht eingerichteten Zimmer billig in der Miete. Früher hatten oftStudenten hier gewohnt, erzählte sie ihm einmal. Daher konnte er ab und zu sogar etwassparen. Oft genug überlegte er, ob er sich davon eine Rückfahrkarte nach Frankreich kaufensollte, doch außer seiner Großmutter lebte niemand mehr von seiner Familie. Also verwarf erdiese Gedanken immer wieder. Kaufte stattdessen eine kleine Staffelei, Pinsel und Farben.Manchmal malte er abends auf dem flachen Dach, wenn das Wetter es zuließ. Ein verlassenerTaubenschlag zeugte vom Hobby des verstorbenen Ehemannes seiner Wirtin. Das Bild ihres
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