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Prognosewissenschaft als Würfelwurf

Prognosewissenschaft als Würfelwurf

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Published by Dr. Ulrich Kobbé
Kobbé, Ulrich (2006/2012): Wissenschaft des Würfelwurfs? Prognose: Sicherheit als ›running gag‹. Universität Duisburg-Essen / iwifo-Institut Lippstadt.
(1) Prognose: Sicherheit im interdisziplinären Konsil (S. 1-6).
(2) Prognose: Sicherheit im populistischen Vexierspiegel (S. 7-13).

Schlüsselwörter:
Aussagelogik - Begutachtung – Delikt - Erkenntnisinteresse - Experte – falsch-negativ - falsch-positiv - forensisch - forensische Psychiatrie - forensische Psychologie - Gefährlichkeitsprognose – Gutachter – Kalkül - kalkuliertes Risiko - klinische Prognose – Kriminalitätsprognose - Kriminalpolitik - Kriminalprognose - Lockerung – Maßregelvollzug - overprediction - Prognoseberatung – Prognoseforschung - Prognosekritik – Prognosepraxis - Prognosesicherheit – Prognosewissenschaft – Psychiatrie – Psychologie - retrognostisch - Retrovalenz – Risiko – Rückfall - Rückfallprognose - Tabu – temporale Logik - Wissenschaftspolitik - Würfeln - Würfelwurf
Kobbé, Ulrich (2006/2012): Wissenschaft des Würfelwurfs? Prognose: Sicherheit als ›running gag‹. Universität Duisburg-Essen / iwifo-Institut Lippstadt.
(1) Prognose: Sicherheit im interdisziplinären Konsil (S. 1-6).
(2) Prognose: Sicherheit im populistischen Vexierspiegel (S. 7-13).

Schlüsselwörter:
Aussagelogik - Begutachtung – Delikt - Erkenntnisinteresse - Experte – falsch-negativ - falsch-positiv - forensisch - forensische Psychiatrie - forensische Psychologie - Gefährlichkeitsprognose – Gutachter – Kalkül - kalkuliertes Risiko - klinische Prognose – Kriminalitätsprognose - Kriminalpolitik - Kriminalprognose - Lockerung – Maßregelvollzug - overprediction - Prognoseberatung – Prognoseforschung - Prognosekritik – Prognosepraxis - Prognosesicherheit – Prognosewissenschaft – Psychiatrie – Psychologie - retrognostisch - Retrovalenz – Risiko – Rückfall - Rückfallprognose - Tabu – temporale Logik - Wissenschaftspolitik - Würfeln - Würfelwurf

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Published by: Dr. Ulrich Kobbé on Jan 18, 2012
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02/13/2012

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Wissenschaftlich Würfeln?
Wissenschaft des Würfelwurfs?
Prognose: Sicherheit als
›running gag‹
 
1111
 
Prognose: Sicherheit im interdisziplinären Konsil 
 
Vorarbeit zum forensisch-psychoanalytischen Lehrforschungsprojekt
›Subjekt im Nes- soshemd – Zur Klinik des forensischen Subjekts im institutionellen Diskurs‹
2005-2007
Paradigma ›Prognoseberatung‹ 
Generell wird zwar das oben in Teil-aspekten untersuchte diagnostische Vor-gehen für prognostische Urteilsbildungenunmittelbar relevant, doch bedarf es für ei-ne mehrdimensionale Beurteilung nicht nurdifferenzierter Instrumente, sondern aucheines entsprechenden Settings: Als metho-disch weiter problematisch muss die Praxisdes Maßregelvollzugs bewertet werden, Pro-gnosestellungen nach wie vor von den inte-ressierten Behandlern selbst vornehmen zulassen. Während zumindest die Sozialthe-rapeutischen Anstalten häufig den Stan-dard einer internen Begutachtung ›überKreuz‹ etabliert haben, wobei mit den Kli-enten nicht befasste Kollegen der Nach-barabteilung oder -station die Prognose-stellung vornehmen, ist der Interessenkon-flikt von Behandler und Prognostiker in denforensisch-psychiatrischen Kliniken weiter-hin. Eine Ausnahme stellt diesbezüglich dasModell einer Prognoseberatenden Fach-gruppe (Kobbé 1997) dar. Diese hat 1994das Westf. Zentrum für Forensische Psy-chiatrie Lippstadt nach einem schweren De-liktrückfall während einer Lockerung alsprognostische Zweitsicht durch eine in dieTherapie des Patienten nicht involvierte in-terdisziplinäre Gruppe entwickelt und sys-tematisch umgesetzt. Aufgabe der Progno-seberatenden Fachgruppe ist, in jedem Ein-zelfall anhand von Unterlagen eine erneuteKriterienprüfung im Sinne einer distanzier-teren Zweitsicht vorzunehmen, offene Fra-gen zu benennen respektive zu klären undeine entsprechende Empfehlung hinsicht-lich Genehmigung / Modifizierung / Ableh-nung der beantragten Lockerung auszuar-beiten. In der Wahrnehmung ihrer prognos-tischen Beratungsaufgaben haben die Mit-glieder der Fachgruppe keine Entscheidungs-und Weisungskompetenz. Ihrer Prognose-stellung kommt in der institutionellen Ent-scheidungsstruktur eine Kontroll-, Korrek-tur- und Beratungsfunktion zu: Die Mitglie-der der Fachgruppe sind somit zur unab-hängigen Urteilsbildung unter ausschließ-lich fach- und praxisbezogenen gefährlich-keitsprognostischen Gesichtspunkten ver-pflichtet.
Empirische Untersuchung der Prognosepraxis 1994-1996 
Eine erste empirische Untersuchungdieser institutionellen prognostischen Bera-tungs- und lockerungsbezogenen Entschei-dungspraxis als Gesamterhebung über 14Monate ergab bei der Analyse von n = 818beratenen der insgesamt n = 845 beantrag-ten Fälle
 
dass die begleiteten Ausgänge (n = 518)mit insgesamt 63,4 % die defensive An-tragspraxis charakterisierten,
 
Telefon (02 01) 1 83 2232
 
Fax (02 01) 183 – 3141E-Mail
 
ulrich.kobbe@uni-essen.deulrich@kobbe.deGebäude Universitätsstr. 12, Raum R11 T03 C32Datum im August 2006
Fachbereich BildungswissenschaftenProfessur für Klinische PsychologieDr. Ulrich Kobbé
Campus Essen
 
2/15
 
dass die Lockerungsempfehlungen beiunbegleiteten Ausgängen (21, % der Fäl-le) zu 30,5 % abratend und zu 46,3 % lo-ckerungsmodifizierend waren,
 
dass weitere 34,1 % der Modifikations-vorschläge beantragte Beurlaubungen(15,1 % der Fälle) betrafen (Kobbé 1997,96-97, Tab. 1).Für den Zusammenhang von Locke-rungsempfehlung und -entscheidung ließsich bestätigen, dass
 
in 96,5 % der befürwortenden Empfeh-lungen diese Lockerung auch genehmigt,
 
in 75,6 % der vorgeschlagenen Modifika-tionen Lockerungen nur mit (diesen) Än-derungen genehmigt wurde und
 
in 80,9 % der abratenden Empfehlungeneine entsprechende ablehnende Locke-rungsentscheidung erfolgte (Kobbé 1997,97, 98, Tab. 2).Insgesamt wurde für diese Praxisfestgestellt, diese sei durch eine dialekti-sche Problematik logischer Überstrukturie-rung zur Herstellung ausreichender Urteils-distanz geprägt und zugleich von perso-nenabhängigen Konzept- und Sprachstruk-turen geprägt. Die Ergebnisse dieser Feld-forschung ermöglichten Angaben über dieinstitutionellen Routinen und Bedingungen,unter denen im Kontext »taktischer Pla-nung eingreifenden Handelns« der inter-subjektive Diskurs als »Hinaus-Kommuni-zieren« verschiedenster Kognitionstypenso erfolgen konnte, dass dieser subjektbe-zogen, inhaltlich differenziert, institutions-kritisch, ergebnisorientiert, verantwortungs-bewusst, zeitökonomisch und praktikabelblieb.Weiter war der Frage nachzugehen,ob die Kritik Pollähnes (1990, 54), der Be-urteilungsbogen entfalte »nicht einmal einKorrektiv-Wirkung«, sondern habe gegebe-nenfalls »im wesentlichen dokumentarischenund legitimatorischen Charakter«, da »dieeigentliche Lockerungsentscheidung […] inder Regel schon gefallen [sei], bevor derBeurteilungsbogen ausgefüllt wird«, nachwie vor zutreffend war. Dass von der unter-suchten Gesamtstichprobe in 12,6 % der Fäl-le keine Zustimmung und in weiteren 5,9 %der Fälle eine Lockerung nur mit Modifika-tionen erfolgte, konnte als Bestätigung ei-ner nunmehr differenzierteren und kritische-ren Prognose- und Entscheidungspraxis in-terpretiert werden (Kobbé 1997, 98-99).
 
Einschränkend muss für diese Pra-xis der Prognoseberatung darauf hingewie-sen werden, dass hier nur die von seitender Behandler beantragten Lockerungengeprüft und perspektivisch beraten wurden.Dem gegenüber wäre im Sinne einer tat-sächlich innovativen Korrektur zu fordern,auch die von den Behandlern nicht für ver-antwortbar gehaltenen Fälle zu beraten, obnicht konkrete Patienten im Sinne einer
›o- verprediction‹
zu Unrecht als ›gefährlich‹beurteilt werden. Denn nur durch eine um-fassende Prognoseberatung auch dieserFälle ließe sich die unbekannte Anzahl zuUnrecht für gefährlich gehaltener – so ge-nannter ›falsch-negativer‹ – Prognosen re-duzieren und eine effektive Beratung durchQualifizierung diskursiver Beurteilungs- undEntscheidungsprozesse wie diagnostisch-prognostischer Standards verwirklichen.
›overprediction‹ 
Damit wird allerdings ein entschei-dendes Problem der Gefährlichkeitsprogno-se offensichtlich, nämlich die definitiv nichtklärbare Frage,
 
ob ein unter Umständen zu optimisti-sches Antragsverhalten vorliegt, das durchein Wissen um die nachfolgende Progno-seberatung mitbedingt wird, oder
 
ob und in wie weit es sich um einen ge-gebenenfalls zu defensiv-übervorsichtigenPrognosestil, um eine sozialtechnologisch-überinterpretative Strategie der
›overpre- diction‹
handelt.Diese Fragestellung berührt einennur selten diskutierten Skandal prognosti-schen Irrtums, den der so genannten ›falschPositiven‹. Dieser
Terminus technicus 
be-zieht sich auf einen der beiden Fehlerartender Prognose:
 
›negativ‹ gibt an, dass die konkreten Sub- jekte das Merkmal ›Gefährlichkeit‹ nichtaufweisen,
 
›positiv‹ bedeutet, dass sie – ob manifestoder nicht – in Freiheit ›gefährlich‹ sind.Will man sich das Ausmaß dieserim Sinne kommunizierender Röhren inter-dependenten Größen vergegenwärtigen undgeht man davon aus, dass die Basisrateder Deliktbelastung der Bevölkerung imSinne eines Rechenexempels bei fiktiven1 % liegt und der Prognostiker mit unrealis-tisch hoher, 95-prozentiger Treffsicherheitvorhersagefähig ist, dann ergibt sich für100.000 Fälle folgende Matrix:
 
3/15
1.59023236191155217157265346
Σ
11
0,7
0
0,0
3
1,3
2
1,0
2
1,3
2
0,9
1
0,6
0
0,0
1
0,3keineEntscheidung
262
16,5
4
17,4
34
14,4
41
21,5
30
19,4
22
10,1
14
8,9
52
19,6
65
18,8Entscheidungnegativ
126
7,9
4
17,4
30
12,7
21
11,0
16
10,3
9
4,1
9
5,7
14
5,3
23
6,6EntscheidungModifikation
1.191
74,9
15
65,2
169
71,6
127
66,5
107
69,0
184
84,4
133
84,7
199
75,1
257
74,3Entscheidungpositiv
137
8,6
5
21,7
31
13,1
16
8,4
12
7,7
13
6,0
8
5,1
25
9,4
27
7,8keineEmpfehlung
300
18,9
4
17,4
43
18,2
50
26,2
38
24,5
27
12,4
19
12,1
52
19,6
67
19,4Empfehlungabratend
72
4,5
4
17,4
23
9,7
15
7,9
10
6,5
3
1,4
3
1,97
2,67
2,0EmpfehlungModifikation
1.081
68,0
10
43,5
139
58,9
110
57,6
95
61,3
174
80,2
127
80,9
181
68,3
245
70,8Empfehlungbefürwortend
Σ
andereBeur-laubungEinzelaußerhEinzelinnerhGruppeaußerhGruppeinnerh1:1außerh1:1innerh
Prognoseberatende Fachgruppe
Verteilung der Lockerungsempfehlungen und –entscheidungen1994-1998
 
Tab. 1: Gefährlichkeitsprognostische Modellrechnung: Ver-teilung von ›wahren‹ und ›falschen‹ Positiven analog Vol-ckart (1999, 164-166)
In der Konsequenz bedeutet dies,dass zwar 95 potentielle Täter richtig identi-fiziert, 5 weitere Täter allerdings nicht ent-deckt und straffällig sein werden. Weiterhinwerden 94.905 Personen richtig als ›unge-fährlich‹ klassifiziert (
›wahr-negativ‹
), demgehalten und zu Unrecht im Verschiebt sichgegenüber 4.995 Personen aber unrichti-gerweise (
›falsch-positiv‹
) für ›gefährlich‹nun aber das soziale Ordnungs- und Macht-gefüge in Richtung einer Sicherungsideo-logie, so muss die Anzahl der dem Progno-sefehler und der damit verbundenen»Kompetenzlücke« (Becker-Toussaint 1984,54) der Prognostiker zum Opfer fallendenPersonen noch weiter steigen, was Vol-ckart (1999, 167) in folgender Feststellungebenso lapidar wie selbstkritisch wie folgtkonstatiert:
»Da die Strafrechtspflege die falschen Posi-tiven durch prognostischen Freiheitsentzug selbsterzeugt, liegt es nahe, entsprechend § 63 StGB zuformulieren: ›Auch Maßregelvollstreckung ist für dieAllgemeinheit gefährlich‹.«Tab. 2: Statistik der Prognoseberatungen und Lockerungsentscheidungen 1994-1998
Empirische Untersuchung der Prognosepraxis 1996-1998 
Diese ebenso aufschlussreiche wieungewöhnliche empirische Beforschungder institutionellen Alltagspraxis einer fo-rensisch-psychiatrischen Klinik ließ sichzu einem späteren Zeitpunkt dahinge-hend vervollständigen, dass für eine quali-tätssichernde Selbstbeforschung 1998 ei-ne zweite Gesamterhebung
1
der progno-seberatungs- und entscheidungsbezoge-nen Daten erfolgte. Dieser Datenbestandumfasst nunmehr den Zeitraum von De-zember 1994 bis November 1998 (48Monate) mit insgesamt n = 1.590 Fällen. 
1
Für die Unterstützung bei der Datenerhebung dankeich Werner Stuckmann, heute Klinik Nette-Gut für Fo-rensische Psychiatrie, Weißenthurm, an der Rhein-Mosel-Fachklinik Andernach.
Prognose
›positiv‹ ›negativ‹
Σ
n
›wahr‹
95 94.905 95.000
›falsch‹
4.995
5 5.000
Rea-lität
Σ
n5.090 94.910 100.000

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