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 Wolfgang Lünenbürger-ReidenbachDigital Strategy Specialist 25.03.12
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Graswurzelbewegungen – Mehr Macht für die Basis?
 Vortrag auf dem Kolloquium der Walter-Raymond-Stiftung: „Digitale Demokratie, Netzfreiheiten,plebiszitäre Kampagnen: Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft“
 Am Anfang fünf kurze Thesen, auf die ich nach und nach weiter eingehen werde– und an denen Sie messen sollten und können, was ich an Beispielen undBeobachtungen erzähle.1.
 
Hyperlinks
untergraben Hierarchien
. Das ist nicht neu. Das wissen alle, dieschon einmal einen Hyperlink genutzt haben. Also einen Link, derHintergrundinformationen zu einer Behauptung liefert, von dem ich zu eineranderen Seite komme, auf der noch mal erklärt wird, was gemeint seinkönnte (oder was die Fakten sind), wenn jemand „von oben“ etwas sagt.2.
 
Über das Internet und vor allem über das, was wir Social Media nennen,findet gerade die
Politisierung
nicht nur einer Generation sondern mehrererGenerationen statt, wie es sie seit den 80ern mit ihren großen Themen(Nachrüstung, Atom) nicht mehr gegeben hat. Und das europaweit.3.
 
Durch Facebook und noch viel mehr durch Twitter bekommen ganz normalepolitisch interessierte Menschen auf einmal einen
direkten Zugang
zuSpitzenfunktionärinnen im Politikbetrieb. Asynchron und nachhaltig.4.
 
Simplifizierung
in Mobilisierungskampagnen heißt nicht mehr, dass dieMobilisierten simpel sind oder simpel denken. Trotz Simplifizierung wächstdas
 Wissen
der Basis und übersteigt das der Expertinnen massiv.5.
 
Ehemalige Eliten, die sich im
selbstreferenziellen Resonanzraum
der sogenannten Leitmedien über ihre reale Bedeutung täuschen, sind für dieEntwicklung von Haltungen und Meinungen der Menschen weitgehend
irrelevant
geworden. So wie die Bild-Zeitung und die FAZ.Dass diese Thesen stimmen (sonst würde ich sie nicht aufstellen, wenn ich dasnicht glauben würde), soll an drei Aspekten und Themen politischerGraswurzelarbeit beleuchtet werden, die sehr unterschiedlich sind, teilweisesogar nichts miteinander zu tun haben – und doch alle auf das Grundthema zielen: „mehr Macht für die Basis“.Zum einen erzähle ich aus meiner eigenen politischen Arbeit, die zum ganzüberwiegenden Teil online stattfindet. Zum anderen von Kampagnen mit großer, vor allem online getriebener Mobilisierung – von lokal (Hamburger Schulpolitik,ganz aktuell) über national (Paint Ball), europaweit (ACTA) bis zu global(Kony2012). Und zum dritten rede ich über das, was ich den „Privcay Divide“nenne, also das auseinanderfallen von Konzepten zur Privatsphäre, das direktzu politischer Aktion führt und als Beispiel illustriert, wie wenig Regelungsmöglichkeiten Politik und Lobbyarbeit heute noch haben.***
Politisches Engagement an der Basis
Ich selbst bin politisch aktiv (oder halte mich für politisch aktiv), seit ichdenken kann. Aber für die Ochsentour fehlte mir damals die Lust und heute dieZeit. Und Politik als Beruf kann ich mir nicht leisten. Insofern bin ich seit Jahrennur noch Basis. Verfolge die Themen, die mich besonders interessieren, näherals andere. Bilde mir meine Meinung – und teile die anderen ungefragt mit.
 
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Seit 2002 mache ich wieder als Wahlkampfhelfer mit. Allerdings nur nochonline. Zuerst per Mail und persönlicher kleiner Wahlaufrufseite im Internet. Ab2003 dann in meinem Blog, seit 2007 auf Facebook und Twitter. Und kann heutesagen, dass ich damit mehr erreiche als viele Parteifreundinnen, die morgens absechs Uhr den Frühverteiler an der U-Bahn machen.Meine Überlegungen und Überzeugungen schreibe ich in mein Blog rein. Undstoße dadurch mehr und mehr Gespräche mit anderen an. In meinem Blog, auf Parteiversammlungen, in Foren, auf Facebook. Ohne je zu Versammlungenmeiner Partei zu gehen oder auf dem Parteitag zu sein, der das Wahlprogramm verabschiedet, entstand der wesentliche Teil des netz- und medienpolitischenProgrammteils der Grünen zur letzten Hamburg-Wahl auf der Basis meinesEntwurfs und meiner Argumente. Auf einer Fahrt nach Berlin, auf der ich vordem ersten Kundentermin noch eine knappe Stunde Luft hatte, habe ich michmit unserem Bundesvorstand, der für Netzfragen zuständig ist, verabredet, und bin noch schnell rüber in die Parteizentrale. Unsere Bundesgeschäftsführerinhat mich gerade letzte Woche auf ein Bier eingeladen.Das ist nicht wichtig, weil es ein Posieren wäre oder zeigte, was für ein toller Typich sei – sondern weil es den dicken Brettern, mit denen klassische Politik zu tunhat, eine neue Kante hinzufügt, sie ich anbohren kann. Ich erwarte nicht, dassich in der Partei einflussreich werde oder gar wäre. Oder dass ein Treffen, dassich aus einer Onlinediskussion ergibt, sofort etwas ändert. Aber als einfachesMitglied, ohne Funktion, ohne Stallgeruch, ohne Seilschaft – und ohne dass ich viele Leute kennen würde, die im informellen System wichtig sind – ist es fürmich neu, so einen direkten Zugang zu haben zu Leuten, die Entscheidungendirekt beeinflussen können. Für die ich im halboffenen Resonanzraum Twitter beispielsweise wichtig bin, weil ich hier eine recht hohe Reichweite habe. Wo ichdann morgens mit jemandem wie Ralf Stegner, SPD-Landeschef in Schleswig-Holstein, diskutiere. Oder so.Die Zugangsvoraussetzung, um politisch mitzugestalten, sind andere geworden.Und bieten anderen Lebensläufen und anderen Lebensentwürfen neue Chancender Mitwirkung. Und der Basisaktivitäten. Und dann übernehme ich aucheinmal für eine kurze Zeit Verantwortung, so lange ich es mit asynchroner Zeitmachen kann (also nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein muss wie dieanderen). Und bin dann wieder weg. Weil ich mit meinen Söhnen schwimmengehe am Wochenende, wenn Mitgliederversammlung ist, oder meiner Tochter vorlese, während sich die anderen in Sitzungen langweilen.Menschen mit ähnlichen Interessen, ob in der gleichen Partei oder quer zu denParteien, treffen sich und vernetzen sich online. So können wir schnell undgleichzeitig bei uns wichtigen Themen Druck aufbauen und Argumenteaustauschen. Selbst wenn ich der einzige in meinem Kreisverband wäre – inanderen sind es andere, die gleichzeitig die gleichen Themen ansprechen undauf die Tagesordnung setzen. Und auf einmal entsteht bei den Offlinern derEindruck, hier wäre etwas wichtig. Wenn ich die richtigen Leute online kenne (ja so nennen wir das), kann ich sie ineiner Diskussion in der Schule oder im Saal schnell mal um Rat fragen, werdensie für mich schnell das Argument ergoogeln, das der andere da gerade benutzt –so dass ich es zerlegen kann. Das Wissen und die Argumentationsmacht derBasis wachsen und wachsen und wachsen. Das Geheimwissen derFunktionärinnen ist vorbei.
 
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Kampagnen aus dem Nichts
Ich kenne viele, die überrascht waren von den großen Anti-ACTA-Demonstrationen vor ein paar Wochen. Was mich erst überrascht und dannerschreckt hat. Denn wer das Internet aufmerksam beobachtet hat oderJugendliche kennt und mit ihnen sprach, konnte nicht anders als die Bewegung rechtzeitig erkennen und sehen.In der Woche vor den ersten großen europaweiten Demonstrationen haben beispielsweise nahezu alle „großen“ YouTube-Stars, die teilweise Reichweiten von mehreren hundert Millionen Klicks pro Video in Deutschland erzielen, aktiv zu den Protesten aufgerufen und darüber hinaus Infovideos verlinkt.Privatempirisch kann ich sagen, dass in allen mir bekannten oder zugänglichenSchulen die Jugendlichen intensiv diskutiert und Informationen ausgetauschthaben. Im Politikunterricht wurden teilweise völlig ahnungslose Lehrerinnennach ihrer Meinung zu ACTA befragt.Dabei war es faszinierend zu beobachten, wie sehr einerseits eineSimplifizierung der Mobilisierungskampagne stattfand – eine Reduktion auf dieGefährdung des „Lebensraums Internet“. Und wie informiert und intelligentandererseits die jungen Leute mit dem Thema umgingen. Wie wenig sie auf diePropaganda der Radikalen der Verwertungsindustrie hereingefallen sind, esgehe um die Abschaffung des Urheberrechts und das Recht auf Diebstahl. Alle Äußerungen, die ich im Umfeld und online von Jugendlichen gesehen habe,unterschieden sehr gründlich – und sehr, sehr viel gründlicher als die Äußerungen von Mandatsträgerinnen und Industrie – zwischen Urheber- und Verwertungsrechten. Und allein gegen letztere und die damit verbundenenProbleme richtete sich der Protest.Unter unserem Thema ist dabei einerseits also die unglaublich tiefgehendeInformiertheit der jungen Leute faszinierend und ermutigend – und andererseitsdie Politisierung und Mobilisierung über Landesgrenzen hinweg spannend. Dasses innerhalb rund einer Woche gelang, ein Thema und einen Termin populär zumachen und tatsächlich auch Veränderungen in der „großen Politik“ zu bewirken. ACTA ist faktisch tot.Ein ganz anderes und kleineres aber nicht weniger wirkmächtiges Beispielkommt aus den letzten vier Wochen aus Hamburg. Die Schulbehörde und ihrSenator wollten eine Änderung bei der Einschulung von Kindern durchsetzen,die dazu führen würde, dass Geschwister nicht mehr unbedingt die gleicheGrundschule besuchen, weil nur noch die Länge des Schulwegs zählen sollte,nichts anderes mehr, kein Wahlrecht der Eltern und so weiter.Mehrere hundert betroffene Eltern haben sich in einer (offenen) Gruppe auf Facebook organisiert und ihre Erfahrungen ausgetauscht und Widerspruchsschreiben an Schulen und Argumente der Schulbürokratie und so weiter. In der Gruppe haben nach sehr kurzer Zeit auch Mitarbeiterinnen derBehörde und politische Berater des Senators still mitgelesen. Bevor das Thema eskalierte hat die Regierungsfraktion im Parlament die Notbremse gezogen unddas Gesetz im Sinne der Eltern geändert.Hier konnte ein Protest im in Hamburg immer noch sensiblen und unruhigenBereich Schulpolitik verhindert werden. Die Selbstorganisation von Betroffenenmit anderen Instrumenten als der klassischen Pressemitteilung undUnterschriftenliste hat hier geholfen, sowohl das Argumentationsniveau vor Ort
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