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neuwal im Gespräch mit Heiner Geissler

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neuwalim Gespräch mit Heiner Geißler 
zu seinem aktuellen Buch “Sapere aude”
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Dieter Zirnig (neuwal.com), Dienstag, 4. Juni 2012
Artikel mit Podcast auf neuwal.com
Heiner Geißler:
Ich beschreibe die heutige Situation in meinem Buch “Sapere aude!” sehr nachdrücklich und eindeutig: Das jetzige Weltwirtschaftssystem, das man auch dasKapitalistische nennen kann, ist im Grunde genommen eine Vernichtungsmaschine für dieMenschen und die Natur. Die drei Prinzipien des Kapitalismus, nämlich Produzieren, immer mehr konsumieren und Kapital akkumulieren lassen sich nur durch eine immer weiter fortschreitende Ausbeutung der Natur und des Menschen verwirklichen.Die jetzige Welt ist in Unordnung. Das heißt, sie steht im Gegensatz zu den Zielen wie sieschon Aristoteles verstanden hat, nämlich als Bemühen, das geordnete Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Wir haben auf der Welt keine Ordnung, aber viele Kriege. Vorallemhaben wir den Prozess der kapitalistischen Ausbeutung der Menschen. Die Armut wird größer.Die Kämpfe um Trinkwasser werden beginnen. Die Rohstoffe gehen zurück bzw. versiegen. ImJahre 2030 gibt es kein Kupfer, Chrom und Bauxit mehr. Die fossilen Brennstoffe gehen in der Mitte dieses Jahrhunderts zu Ende. Das heißt, wir stehen vor der dramatischen Frage:Entweder reformiert sich die Welt oder wir sterben.
Wie nehmen sie die Ausbeutung des Menschen wahr?
Der Mensch ist zum Kostenfaktor degradiert. Wichtigste gesellschaftliche Bereiche orientierensich in ihrer Entwicklung nicht mehr am Wohl des Menschen sondern an den Kapitalinteressen.Das jüngste Beispiel in Deutschland ist die Hochschulreform: Das Scheitern des Bologna-Systems mit Bachelor und Master. Diese Hochschulreform ist ausdrücklich unter dem Mottoeiner “arbeitsmarktgerechten Hochschulausbildung” verändert worden: eine totale Verschulungdes Studiums mit kurzen Studienzeiten.Die Folge ist, dass dies von der Wirtschaft, obwohl sie es gefordert hat, gar nicht mehr akzeptiert werden kann. Wer heute in Deutschland einen Bachelor macht, findet kaum mehr 
 
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eine Einstellung in der Wirtschaft. Und für den Master werden begrenzt nur die Bestenzugelassen.
Sie schreiben im Buch über unterschiedliche Formen und Mechanismen vonAbsolutismen. Ein Bereich sind auch Kirchen und Religionen. Was denken Sie, welcheRolle könnte die Kirche im derzeitigen Wandel einnehmen?
Die Kirche sste eigentlich, wie vor 60 Jahren, die Aufgabe übernehmen, diesenVeränderungsprozess geistig und ethisch zu begleiten. Die soziale Marktwirtschaft war ja einethisches Bündnis zwischen dem Ordoliberalismus, der Freiburger Schule (Walter Eucken,Wilhelm Röpcke, Alfred Müller -Armack, später Ludwig Erhard) und der katholischen Soziallehre(Oswald von Nell-Breuning, Hirschmann, Gundlach , etc.) sowie der evangelischen Sozialethik.Wir brauchen wieder die Erneuerung des ethischen Fundamentes für das wirtschaftlicheGeschehen. Das ethische Fundament steht in der absoluten Anerkennung der Menschenwürdeeines jeden Menschen. Der Mensch darf nicht zum Kostenfaktor degradiert werden. Zur Zeit gilter um so mehr, je weniger er kostet. Und er gilt umso weniger, je mehr er kostet.Gleichzeitig ist die Wirtschaft so auszurichten, dass Solidarität zwischen der Ökonomie auf der einen Seite und den Menschen und der Natur auf der anderen Seite aufgebaut wird. Das sinddie eigentlichen Aufgaben, die vor uns stehen.
“Der Mensch ist zum Kostenfaktor degradiert”, neben dieser Tatsache gibt es auch einegroße Anzahl von Arbeitslosigkeit, vorallem unter Jugendlichen...
Vorallem die Jugendarbeitslosigkeit ist auf der ganzen Welt dramatisch. Inzwischen auch inEuropa. Wir haben Jugendaufstände und Protestaktionen auf der ganzen Welt: von Washingtonbis nach Moskau, von Tunesien bis nach Berlin und Stuttgart. Die Occupy-Bewegung, Attac,Greenpeace, die ganzen Bewegungen und Aktionsbündnisse, Bürgerinitiativen bringenBewegung in die Politik und auch in das Denken der Ökonomen. Aber, um die verlorene Generation nicht zu einer revolutionären Generation werden zu lassen,brauchen wir Arbeitsmarktprogramme und Investitionen. Deswegen ist es höchste Zeit, dass diePolitik darauf entsprechend reagiert. Wir brauchen Bildungsprogramme, die finanziert werdenmüssen; dazu würde eben auch diese internationale Finanztransaktionssteuer dienen.
Wie kann sich die Welt reformieren, in welche Richtung kann sich das System verändernund wo soll begonnen werden?
Man muss das Wirtschaftssystem wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Dazu brauchen wir einKonzept. Nur wenn ich ein Konzept habe, kann ich die Menschen überzeugen und dadurchMehrheiten schaffen.
 
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Wir brauchen eine Renaissancen der sozialen Marktwirtschaft. Wir brauchen eine weltweiteErgänzung, eine internationale ökosoziale Marktwirtschaft. Am besten, mit einem globalenMarshall-Plan verbunden. Wir brauchen klare Reformen und Regeln für die internationaleFinanzindustrie, wie sie von den G20-Staaten in Edinburgh vor über drei Jahren beschlossenworden ist. Wir brauchen vor allem eine Beschränkung der Spekulation und der Hedgefonds.Wir brauchen eine Standardisierung der Finanzprodukte, die Einführung einer internationalenFinanztransaktionssteuer.Es ist nicht einzusehen, dass wir alle r jede Windel und r jede KaffeemaschineUmsatzsteuer bezahlen, aber Devisenhändler und Spekulanten, bei einem börsentäglichenUmsatz von zwei Billionen Dollar sich mit keinem Cent an der Finanzierung der humanen Aufgaben beteiligen müssen.
Wer kann diesen Wandel vollziehen?
Das sollte einerseits die Politik machen. Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich selber inOrganisationen der Zivilgesellschaft zusammen schließen und politischen Parteien müssen sichmit ihnen verbinden. Ich selber bin Mitglied von ATTAC und der Christlich DemokratischenUnion.Es braucht Selbstinszinierungen der Zivilgesellschaft, ATTAC, Greenpeace, der ganzenNaturschutzvernde aber auch der CARITAS, die Evangelischen Diakonie. All dieseBewegungen innerhalb der Zivilgesellschaft sind Partner der Politik.Die Reform des internationalen Weltwirtschaftssystems muss durch die Staaten erfolgen. DieEuropäer sind bereits soweit, dass sie dieses Ziel anstreben - auch die Deutschen und dieÖsterreicher. Die einzigen, die sich noch sperren, sind Engländer. Dann muss man diesenWandel eben ohne Engländer machen. Bis wir eine Weltregierung haben, die eines Tageskommen wird - daran kann gar kein Zweifel bestehen - muss diese Reform multilateral realisiertwerden, so wie das in Edinburgh beschlossen worden ist.
Sie haben Zivilgesellschaft angesprochen. Ist es im Sinne der regierenden Parteien undwie reagieren ihrer Meinung nach die politischen Parteien auf diesen Wandel?
Die politischen Parteien sind in Deutschland und in Österreich, so weit ich das verfolge, nochunsicher. Sie haben die Dramatik des Geschehens durchaus erkannt und müssen erkennen,dass die Zivilgesellschaft nicht Gegner der politischen Parteien sind, sondern, sie sind diewichtigsten Verbündeten.
Kann die Piratenpartei eine dieser Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft undetablierten politischen Parteien sein?

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