05. Juni 2012, 15:28 Uhr
Musik-Studie
Herzschmerz macht den Hit
Die Masse steht auf Moll: Wissenschaftler aus Berlin und Toronto haben erforscht, dassRadiohits in den vergangenen 50 Jahren immer länger, langsamer und traurigerwurden. Wen verwundert da noch der Welterfolg der Schmacht-Popperin Adele?
Berlin/Hamburg - Elton John hat den Trend wohl vorausgesehen. Immerhin sang er "Sad Songs(Say So Much)" schon 1985. Die Pophörerinnen und -hörer scheinen ihm nun zunehmendzuzustimmen: Eine wissenschaftliche Studie kanadischer und deutscher Forscher hat ergeben,dass Pophits in den vergangenen fünf Jahrzehntenlänger, langsamer und trauriger geworden sind.Zudem seien die "emotionalen Komponenten" der Songs heute vielschichtiger als in den sechzigerJahren.Wissenschaftler der Freien Universität Berlin (FU) habenin der Studierund tausend Popsongs ausden Top 40 der US-Charts der Jahre 1965-69, 1975-79, 1985-89, 1995-99 und 2005-09untersucht. Die Hits wurden nach Tempo und Tonart klassifiziert.Ein Ergebnis: Die Anzahl der Hits in Moll hat sich bis heute verdoppelt. Dafür deckten Rihannaoder James Blunt in ihren Songs ein breiteres Gefühlsspektrum ab als frühere Interpreten, sagtFU-SoziologeChristian von Scheve, der gemeinsam mit dem Torontoer PsychologenE. Glenn
Schellenbergdie Studie leitete. "Dass die Lieder immer trauriger wirken, heißt aber nicht, dass wirnun alle mit hängenden Köpfen herumlaufen", ergänzt von Scheve. Selbst Krisenzeiten wie derVietnamkrieg oder der 11. September hätten in den Billboard-Charts keine belegbare Phase vonreinen Heul-Songs hervorgerufen, wohl aber längere und langsamere Lieder.Langsame Moll-Stücke wirken ernster und trauriger, Lieder in Dur und einem hohen Tempomachen schnell fröhlich - so funktioniert die simple Musikpsychologie, derer sich die Autoren derStudie bedienen. Die Hörer seien sich in der Regel nicht bewusst, wie diese Reize ausgelöstwerden, aber sicher ist: Popmusik kann Stimmungen erzeugen, von Freude bis Frust.Die Idee zu ihrer Popmusik-Untersuchung kam dem deutsch-kanadischen Forscherteam beimKaffeetrinken. Schellenberg ist nicht nur Professor in Toronto, sondern auch Musiker undKomponist. Vom Gefühl her erschien ihm moderne Popmusik trauriger als früher. DieseEinschätzung reizte den Berliner Soziologieprofessor von Scheve, der am FU-Forschungsbereich"Languages of Emotion" (Sprachen der Gefühle) arbeitet. Gemeinsam fragten sie sich: Steckt eineSystematik dahinter?Die genaue Untersuchung der einzelnen Titel war harte Handarbeit. Studenten zerlegten Lieder bisin ihre Einzelakkorde und maßen das Tempo in Beats per Minute (BPM/Schläge pro Minute) nach.Dann ordneten sie die Songs nach Grundtonarten ein: Dur oder Moll? Wie lang? Ergebnisse lassensich nun in Zahlen fassen. In den sechziger Jahren seien 85 Prozent der Top-40-Titel in einerDur-Tonart geschrieben gewesen, berichtet von Scheve. Heute sind es nur noch 42 Prozent.
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Die Studie ergänzt frühere Untersuchungen. Diese ergaben zum Beispiel,dass Popsongtexte inden vergangenen Jahrzehnten selbstverliebter und negativer wurden. Wissenschaftler haben sichsogar die Personalpronomen vorgeknöpft und herausgefunden, dass seit den achtziger Jahrenhäufiger "ich" als "wir" in Hit-Texten vorkommt - und mehr Wörter wie "Hass".Von Scheve vermutet soziale Veränderungen als Ursache für gemischtere Gefühle, die Popsongstransportieren. "Emotionen werden heute anders wertgeschätzt, auch in ihrerWidersprüchlichkeit", sagt er und verweist darauf, dass selbst Max-Planck-Forscher populäreSachbücher über Bauchentscheidungen und Intuition veröffentlichen.
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