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Johannes Tauler

 
 
 
 
 
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DAS REICH GOTTES IN UNS
" Trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird
euch alles übrige zufallen." Matth. 6; 33
Im Evangelium des Matthäus werden wir mit dem Hinweis auf das Beispiel der
Lilien und der Vögel zum Nichtsorgen ermahnt: Sorget nicht, was ihr essen und
trinken und womit ihr euch kleiden werdet; denn Gott weiß, daß ihr des alles
bedürfet. Sondern trachtet zuerst nach dem Reiche Gottes; dann werden euch diese
Dinge hinzugegeben.
Niemand - heißt es vorher - kann zwei Herren dienen: Gott und den äußeren
Dingen. Wenn er den einen liebt, wird er den anderen lassen. Und die
Vergeblichkeit allen Sorgens wird mit den Worten angedeutet: Wer kann mit all
seinem Sorgen seinem Leibe oder Leben mehr Länge geben?
Besinnen wir uns, wie viel Kraft und Zeit, Arbeit, Fleiß und Hingabe wir Tag für
Tag dem widmen, das dem Ich dient, und wie wenig dem, das zu Gott führt; wie
wenig wir Gott, der doch alles vermag und wirkt, zutrauen, sondern lieber uns
sorgen und abmühen, als ob dieses Dasein von uns abhänge und ewig dauere. ..
Das alles kommt aus dem Ich. –
Sähe man da recht hinein und hindurch, man würde darüber erschrecken, wie sehr
der Mensch in allen Dingen und den anderen Menschen gegenüber nur das Seine
sucht - in Gedanken, Worten und Werken immer nur das Seine, sei es Lust oder
Nutzen, Ehre oder Dienst -, immer nur für sich, sein Ich.
Diese Ichverhaftung und Ichsucht ist so tief eingewurzelt, daß nicht nur der äußere,
sondern auch der innere Mensch ganz auf die irdischen Dinge gerichtet ist - gerade
wie das krumme Weib, von dem das Evangelium spricht, das ganz zur Erde
gebückt war und nicht mehr aufsehen konnte. ..
Armer Mensch - warum traust Du Gott, der Dir so viel Gutes getan, Dir so viele
Gaben verliehen hat und der Dein Leben ist, nicht zu, daß er Dir auch das bißchen,
das Du zum Leben brauchst, geben werde? Ist es nicht ein trauriger Anblick, zu
sehen, daß selbst geistige und geistliche Menschen all ihre Liebe und all ihren Fleiß
nur auf ihr Werk richten und so sehr sich, ihr Ich, meinen, daß sie kaum noch an
Gott denken und wenig Verlangen fühlen, sich mit ewigen Dingen zu befassen,
wenn nur die irdischen Dinge, die sie bewegen, gut vonstatten gehen. ..
Für sie gilt das Wort doppelt, daß man nicht zwei Herren dienen kann - Gott und
den äußeren Dingen -, sondern daß es gilt, zuerst und vor allem nach dem Reiche
Gottes zu trachten.

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Date Added

01/03/2009

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