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Die Wolke Des Nichtwissens 1

Die Wolke Des Nichtwissens 1

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Published by André Rademacher
Im Zuge der heutigen Neubesinnung auf Kräfte, die geeignet sind, ein wirksames Gegengewicht zum wissen.5chaftlichen Rationalismus unseres Computer-Zeitalters zu bilden, hat man sich schon seit einiger Zeit in verstärktem Maße an die Werke der Mystiker
wieder erinnert. Auch die anonyme Schrift Die Wolke des Nichtwissens, die im England des späten 14. Jahrhunderts entstand, erfährt in unseren Tagen ein großes Interesse. Sie wird als ein Text gepriesen, mit dessen Hilfe man sich von den Konsumzwängen unserer westlichen Welt befreien und zu einem Leben aus dem Sein zurückfinden könne, ist doch ihr großes Thema die völlige Lösung des Menschen von allen beengenden und bedrängenden Bindungen und die unbedingte Hingabe an das göttliche Sein.
So erfreulich auf der einen Seite die Popularität ist, welche einem Text wie der Wolke des Nichtwissens gerade heute zuteil wird, so sehr ist andererseits zu bedauern, daß sie meist in direkten Zusammenhang mit der Zen-Meditation gebracht und mit dem Argument, sie könne für den Christen als Beweis dafür dienen, daß eine Verbindung des christlichen Glaubens mit der Spiritualität des Zen möglich und gewinnbringend sei, mißverstanden und auch mißbraucht wird. Wer nämlich bereit ist, diese Schrift unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen, wird bald bemerken, wie unvereinbar ihre ausschließlich auf dem Fundament des christlichen Glaubens fußende Mystik mit dem Zen ist. Hat im Zen der Meditierende das Ziel, durch eine auf jede gegenständliche Konkretisierung verzichtende Meditation zur Einheit mit dem Kosmos zu finden, so geht es in der Wolke wie in der christlichen Mystik überhaupt um die Vereinigung der Seele mit Gott in der unio mystica. Um indes den Standort der Wolke innerhalb der Tradition christlicher Mystik näher zu bestimmen, müssen einige Bemerkungen über ihre Hauptströmungen vorausgeschickt werden.
Diese Hauptströmungen sind gerade durch eine unterschiedliche Beschreibung des Weges zu einer unmittelbaren Gotteserfahrung entstanden. Die eine Richtung, die sich in den Meditationen des Anselm von Canterbury schon ankündigt und dann in den Werken von Theologen wie Bernhard von Clairvaux und Bonaventura ihre großen Höhepunkte erreicht, basiert auf dem Grundgedanken, daß Gott durch seine Menschwerdung menschlich faßbar geworden sei. Zu dieser Menschwerdung habe ihn die Liebe getrieben, weshalb die Seele, die ihn erkennen wolle, seine Liebe erwidern und mit ihm in seinem Sterben eins zu werden suchen müsse; denn Christus habe gerade in seiner Passion die größte Liebe erwiesen. Christliche Mystik ist daher zu einem gut Teil Christus bzw. Kreuzesmystik.
Im Zuge der heutigen Neubesinnung auf Kräfte, die geeignet sind, ein wirksames Gegengewicht zum wissen.5chaftlichen Rationalismus unseres Computer-Zeitalters zu bilden, hat man sich schon seit einiger Zeit in verstärktem Maße an die Werke der Mystiker
wieder erinnert. Auch die anonyme Schrift Die Wolke des Nichtwissens, die im England des späten 14. Jahrhunderts entstand, erfährt in unseren Tagen ein großes Interesse. Sie wird als ein Text gepriesen, mit dessen Hilfe man sich von den Konsumzwängen unserer westlichen Welt befreien und zu einem Leben aus dem Sein zurückfinden könne, ist doch ihr großes Thema die völlige Lösung des Menschen von allen beengenden und bedrängenden Bindungen und die unbedingte Hingabe an das göttliche Sein.
So erfreulich auf der einen Seite die Popularität ist, welche einem Text wie der Wolke des Nichtwissens gerade heute zuteil wird, so sehr ist andererseits zu bedauern, daß sie meist in direkten Zusammenhang mit der Zen-Meditation gebracht und mit dem Argument, sie könne für den Christen als Beweis dafür dienen, daß eine Verbindung des christlichen Glaubens mit der Spiritualität des Zen möglich und gewinnbringend sei, mißverstanden und auch mißbraucht wird. Wer nämlich bereit ist, diese Schrift unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen, wird bald bemerken, wie unvereinbar ihre ausschließlich auf dem Fundament des christlichen Glaubens fußende Mystik mit dem Zen ist. Hat im Zen der Meditierende das Ziel, durch eine auf jede gegenständliche Konkretisierung verzichtende Meditation zur Einheit mit dem Kosmos zu finden, so geht es in der Wolke wie in der christlichen Mystik überhaupt um die Vereinigung der Seele mit Gott in der unio mystica. Um indes den Standort der Wolke innerhalb der Tradition christlicher Mystik näher zu bestimmen, müssen einige Bemerkungen über ihre Hauptströmungen vorausgeschickt werden.
Diese Hauptströmungen sind gerade durch eine unterschiedliche Beschreibung des Weges zu einer unmittelbaren Gotteserfahrung entstanden. Die eine Richtung, die sich in den Meditationen des Anselm von Canterbury schon ankündigt und dann in den Werken von Theologen wie Bernhard von Clairvaux und Bonaventura ihre großen Höhepunkte erreicht, basiert auf dem Grundgedanken, daß Gott durch seine Menschwerdung menschlich faßbar geworden sei. Zu dieser Menschwerdung habe ihn die Liebe getrieben, weshalb die Seele, die ihn erkennen wolle, seine Liebe erwidern und mit ihm in seinem Sterben eins zu werden suchen müsse; denn Christus habe gerade in seiner Passion die größte Liebe erwiesen. Christliche Mystik ist daher zu einem gut Teil Christus bzw. Kreuzesmystik.

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Published by: André Rademacher on Jan 03, 2009
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04/11/2014

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5. Auflage 1995 @ Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg Alle Rechte vorbehaltenDruck: Freiburger Graphische Betriebe ISBN 3 89411 292 1Einleitung Der Prolog1.
PDF mit Index - Navigation undLesezeichen.Schalter und Hinweise sind im Druck nicht sichtbar.

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