nicht in Folge meiner Voraussicht, weil ich Alles auf die Art vorausweiß, daßNiemand davon ärger wird, oder irgend Jemanden meine Voraussicht schadet. Esgeschieht Jenes nicht nach dem Laufe oder Stillstande der Elemente, sondernvermöge verborgener Gerechtigkeit, Unordnung und Erhaltung der Natur; denn dieSünde und Unordnung der Natur führen vielfache Mißgestaltung der Gliederherbei. Deßhalb ist Jenes nicht eine Folge meines Willens, sondern weil ich es derGerechtigkeit gemäß zulasse, daß es geschieht; denn obgleich ich Alles vermag,widerstehe ich doch der Gerechtigkeit nicht. Die größere oder kürzere Zeit also,welche Jemand lebt, ist eine Folge der schwächern oder stärkern Beschaffenheitseiner Natur, welche ich allerdings vorausweiß und wogegen kein Widerstrebenist. In ähnlicher Weise wirst du durch ein Gleichniß Verständniß erhalten. Gesetzt,es seien zwei Wege und zu denselben führt nur Ein Pfad; in jenen beiden Wegenaber sind unzählige Gräben, einer gegen den andern und über dem andern; dasEnde des einen der beiden Wege geht gerade abwärts, dasjenige des andern jedochaufwärts. Auf der Wegscheide aber steht geschrieben: Wer auf diesem Wegewandelt, fängt denselben an mit Freude und Wollust des Fleisches, und endet mitgroßem Elend und Schande; wer aber auf dem andern Wege wandelt, beginnt mitgeringer und erträglicher Mühe, und endet mit höchster Freude und Trost.Derjenige, welcher zuerst auf dem einen Wege ging, war ein völlig Blinder. Als eraber an die Wegscheide kam, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah dieSchrift, in welcher das Ende dieser beiden Wege enthalten ist. Als er diese Schriftsorgfältig ansah, erschienen alsbald neben ihm die beiden Männer, denen die Huthder beiden Wege oblag. Als dieselben den Wanderer auf der Wegscheideerblickten, sprachen sie unter einander: Wir wollen genau Acht geben, welchenWeg er lieber wird einschlagen wollen; er wird das Eigenthum dessen sein, dessenWeg er erwählt haben wird. Der Wanderer aber dachte bei sich über die Ziele undVerdienste der Wege nach, faßte einen klugen Entschluß und wählte den Weg,dessen Anfang geringer Schmerz und dessen Ende Freude war, lieber, als denandern, der mit Freude begann und in Schmerzen endete; denn er glaubte, es werdeerträglicher und heilsamer sein, im Anfange eine geringe Mühe zu erdulden undam Ende sicher zu ruhen. Weißst du, was das bedeutet? Ich will dir's in Wahrheitsagen. Diese beiden Wege sind das Böse und Gute, die vor dem Menschen sind.Was er lieber wählen will, ist in seiner Gewalt und in seinem freien Willen, wenner in die Jahre des Verstandes kömmt. Zu diesen beiden Wegen, nämlich der Wahldes Bösen oder Guten, leitet ein Weg: nämlich das Jünglingsalter, das zu denJahren des Verstandes führt. Wer diesen Weg zuerst geht, ist wie blind, da erzwischen Bösem und Gutem, zwischen Sünde und Tugend, zwischen Gebotenemund Verbotenem nicht zu unterscheiden weiß. — Wenn daher der Mensch auf diesem Wege allein wandelt, nämlich im Knabenalter, so gleicht er einem Blinden.Wenn er aber an den Scheideweg gelangt ist, d.h. in die Jahre des Verstandes, dannwerden ihm die Augen der Einsicht aufgethan. Denn alsdann weiß er zu erwägen,ob es besser sei, einen geringen Schmerz auszustehen und eine ewige Freude zuerlangen, oder nach einer geringen Freude einen ewigen Schmerz. Es wird,welchen Weg er auch erwählt haben mag, nicht an Leuten fehlen, welche seine