Tschi Lai: Erhebet Euch! by Walter Freudmann - Read Online
Tschi Lai
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Summary

An meiner Front gibt es keinen Verwundeten.“

„Es wird doch behauptet, daß diese Front die meist umkämpfte von ganz China ist“, meinte einer der Freunde. „Das ändert nichts an der Tatsache“, antwortete er. Wir unternahmen mit Dr. Weng einen Marsch zum Sitz des x-ten Armeekorps, wo wir dem General dieses Verbandes vorgestellt werden sollten. Natürlich besichtigten wir auch das dortige Korpsspital, das, wie so oft, in einem großen Tempel untergebracht war. Und siehe da, in diesem großen Gebäude gab es tatsächlich keinen einzigen Verwundeten! Dr. Weng triumphierte: „Habe ich Ihnen nicht gesagt, es gibt keinen Verwundeten.“ Wir sahen eine Unmenge von Pritschen, über die fein säuberlich Decken gebreitet waren – und keinen einzigen Patienten.

„Ein merkwürdiger Krieg“, sagte einer der Freunde, – oder: „was für ein merkwürdiger Sanitätsdienst“, ein anderer.

Published: Edition Katzenschwanz on
ISBN: 9781311812254
List price: $1.99
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Tschi Lai - Walter Freudmann

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ERSCHEINT

Vor einem Jahr begegnete ich bei einem geschäftlichen Anlass einer netten Dame aus China. Wir kamen ins Gespräch und als das Thema recht bald auf ihre Heimat kam, musste ich ihr natürlich erzählen, dass mein Onkel Walter Freudmann während des chinesisch-japanischen Krieges auf Seiten der chinesischen Armee als Arzt tätig war und nach der Heimkehr über seine Erlebnisse ein Buch verfasst hat.

Meine Gesprächspartnerin war sehr interessiert. Ob es denn das Buch zu kaufen gäbe, wollte sie wissen. Ich musste sie leider enttäuschen, denn dieses Buch erschien im Jahr 1947 bei einem kleinen österreichischen Verlag, der längst das Zeitliche gesegnet hat und es wurde auch nur dies einzige Mal aufgelegt. Ich versprach aber, ein paar Seiten zu scannen und ihr per Email zu schicken.

So nahm ich zum ersten Mal seit gut zwei, drei Jahrzehnten das Buch wieder zur Hand und während ich die Datei für den Emailversand fertig machte, begann ich ein bisschen darin zu blättern. Meine Erinnerung hatte mich nicht betrogen. Was mein Onkel über seinen Einsatz im Fernen Osten zu berichten hatte, war auch sechzig Jahre nach seiner Entstehung kein literarisches Meisterwerk. Trotzdem war ich vom Inhalt des Erzählten von Anfang an seltsam fasziniert und las schließlich das Buch in einem Schwung bis zum Ende.

W. Freudmann als junger Mann

In „Tschi Lai wird das Bild einer Welt gezeichnet, wie man sie sich als saturierter Europäer weder vorstellen kann noch will, einer Welt die von Menschen beherrscht wird, deren Streben sich einzig um persönlichen Vorteil, Reichtum und Macht dreht und die – auf eine schamlose, ja fast obszöne Art, die man aus eigenem Erleben so gar nicht zu kennen glaubt – frei sind von jeder Art Verantwortungsgefühl gegenüber Mitmenschen, Skrupel oder gar sozialem Gewissen. Signifikant dafür die verwunderten Damen der chinesischen Gesellschaft, die die Gruppe von Ärzten auf ihrem Weg nach China fragen: „Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, nach China zu fahren?, oder der englische Handlungsreisende, der ihnen dringend den Handel mit Medikamenten ans Herz legt: „Sie kommen im Werte Gold gleich, damit sollten sie sich beschäftigen"…

Was mich von Seite zu Seite nachdenklicher stimmte war die Frage, ob die fremde Welt die in „Tschi Lai" beschrieben wird, denn wirklich so fremd ist. Vielleicht ist ja bei uns alles nur ein wenig glatter, geschliffener und besser verborgen. Vielleicht bedürfte es ja gar keiner allzu großen Mühe, ein und die selben Charaktere, die im vorliegenden Buch als rücksichtslose Offiziere, korrupte Beamte und heuchlerische Kuomintang-Funktionäre auftauchen, in etwas anderer Form auch in der uns so gewohnten Gesellschaft zu finden. Auf jeden Fall sollte das elende Leben der Kulis, Bauern und einfachen Soldaten, wie mein Onkel es beschreibt, uns Mahnung dafür sein, welch grausamer Ungerechtigkeiten der Mensch fähig ist, wenn die gesellschaftlichen Umstände es erlauben, nahe legen oder gar verlangen.

Zwar mögen etliche im Buch angestellten Reflexionen inklusive der angefügten historischen Nachbetrachtung aus dem Jahr 1947 inzwischen überholt sein, doch sollte der Leser kein Problem haben, zwischen authentischen Berichten und den dann und wann daraus getätigten Schlussfolgerungen zu unterscheiden. Wie so oft bewahrheitet sich ja auch hier, dass „das Große nicht groß bleibt und klein nicht das Kleine", und so wiegt aus heutiger Sicht der berührende Bericht über das Elend eines Kulis durchaus schwerer als so mancher Versuch einer politischen Analyse, auch wenn dies vom Autor nicht unbedingt so gewollt war.

Barcelona, Juli 1938

Birmingham, July 1939, vor der Abreise nach China

ÜBER DEN AUTOR

Guiyang, November 1939

Kaum jemand, der diesen kleinen und meist recht bescheidenen und stillen Mann in seinen späteren Jahren kennen gelernt hat, würde in ihm den unerschrockenen und mutigen Kämpfer vermutet haben. Er war nicht nur überzeugter Kommunist, er war auch bereit, für die Verwirklichung seines Traumes von einer gerechten und besseren Welt einzutreten – mit allem was ihm zu Gebote stand, selbst mit seinem Leben.

1936, im Alter von 25 Jahren verließ er seine Familie und die vom Austrofaschismus zerstörte Heimat und nahm als frischgebackener Arzt auf der Seite der spanischen Republik am Bürgerkrieg teil. Seine Eltern, die 1942 von den Nazis ermordet wurden, sollte er niemals wieder sehen. Der Abzug der Internationalen Brigaden aus Spanien endete für ihn mit der Internierung in einem französischen Lager. Aus dieser Falle, die für die meisten Interbrigadisten wenig später nur noch den direkten Weg ins KZ Dachau offen ließ, konnte er, gemeinsam mit anderen Ärzten, gerade noch rechtzeitig entkommen, denn Chinas Rotes Kreuz suchte Mediziner für den Einsatz an der chinesisch-japanischen Front.

Seine Hoffnung, am Krieg gegen den japanischen Imperialismus an der Seite der chinesischen Kommunisten teilzunehmen zu können, erfüllte sich nicht, er wurde der chinesischen Regierungsarmee zugeteilt und die Art und Weise, wie diese Armee den Krieg gegen Japan führte, bzw. eigentlich nicht führte war für ihn wohl eine ebenso große Enttäuschung, wie die Erkenntnis, dass den chinesischen Offizieren die medizinische Versorgung der ihnen anvertrauten Soldaten im besten Fall – völlig gleichgültig war.

Nach der Kapitulation Japans kehrte er auf schnellstem Wege ins befreite Österreich zurück, wo er traurige Gewissheit vom Tod seiner Eltern erlangte, sowie davon, dass sein Bruder Erich 1943 in Paris als Widerstandskämpfer von der Gestapo ermordet worden war. Nur seine beiden Schwestern hatten sich mit ihren Familien ins Ausland retten können, sein Bruder Armin, mein Vater, wie durch ein Wunder die „Evakuierung" von Buchenwald überlebt.

Seine Schwester Selma, die 1938 in Wien selbst den Naziterror erdulden musste, hat nie so ganz verstanden, warum er in dieses Österreich wieder zurückging. „Zuerst wollte er eigentlich nur seinen kleinen Bruder wieder finden doch dann mussten die beiden ja unbedingt in Österreich den Sozialismus aufbauen", erzählte sie mir einmal.

Sehr bald war aber nicht nur „den beiden" klar, dass sich die Hoffnung auf ein sozialistisches Österreich nicht erfüllen würde und so wich die Euphorie nach der Befreiung recht bald einem Gefühl der Ernüchterung und später, spätestens nach dem Abzug der Sowjetarmee aus Österreich, einem der Aussichtslosigkeit.

Vienna, after the war, with his wife Margaretha

Mein Onkel arbeitete für kurze Zeit im Wiener Hanusch-Krankenhaus, ehe er dann mit Unterstützung seiner soeben angetrauten Frau Margaretha im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten eine Ordination als praktischer Arzt eröffnete. Viele der Patienten waren seine Genossen aus der Kommunistischen Partei – sie konnten wohl noch am ehesten ertragen, im Wartezimmer auszuharren, während aus dem Behandlungsraum nicht selten hitzige politische Diskussionen statt ärztlicher Ratschläge zu vernehmen waren.

An ein besonderes Merkmal seiner Ordination kann ich mich noch gut erinnern: Hier gab es als Lesestoff nicht die bei anderen Wiener Ärzten üblichen bundesdeutschen Illustrierten, hier gab es kommunistische Schriften und, vor allem, die Illustrierte „China im Bild", denn für China empfand mein Onkel Zeit seines Lebens eine ganz besondere Zuneigung.

Die Spaltung der kommunistischen Weltbewegung durch den Konflikt zwischen China und der Sowjetunion Anfang der sechziger Jahre war der nächste Tiefschlag, den es einzustecken galt. Mein Onkel stellte sich auf die Seite der chinesischen Kommunisten und wandte sich von der KPÖ ab. Den Kontakt zu seinen Mitkämpfern aus Spanien und China, wohin immer es sie inzwischen auch verschlagen hatte, hielt er allerdings bis zu seinem Lebensende aufrecht.

Ich habe meinen Onkel Walter als klugen, nachdenklichen, aber auch recht schwermütigen Menschen erlebt. An seinen Traum von einer gerechten Welt, in der alle Menschen friedlich leben können, hat er bis zuletzt geglaubt und wenn er einen Weg gesehen hätte, etwas zu dessen Verwirklichung zu tun – er hätte keinen Moment gezögert.

Knapp vor seinem Tod, er war schon über 80 Jahre alt, fragte ich ihn einmal beiläufig, wie er denn das Wochenende verbracht hätte. „Wir haben die Zeit vergehen lassen", war seine lakonische Antwort, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Walter Freudmann starb 1993 im Alter von 82 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalles, er hinterließ seine Frau Margaretha und seine Tochter Eva. Seine Urne wurde am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt, auf jenem Friedhof, wo an anderer Stelle ein Gedenkstein ans unbekannte Grab seiner Eltern erinnert..

Gustav Freudmann

Wien, Dezember 2008

Als Walter Freudmanns Enkel hegte auch ich den Wunsch, das Buch meines Großvaters nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, zeugt es doch in eindrucksvoller Weise von den erschütternden Erlebnissen eines überzeugten Kommunisten und Antifaschisten als Sanitätsarzt an der chinesisch-japanischen Front und von dem menschenunwürdigen Verhalten der korrupten Offiziere gegenüber den einfachen Soldaten, deren Leben der damaligen Offiziersklasse nichts wert war.

Leider konnte ich meinen Großvater nur bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr erleben und viele Fragen – wenn auch lange nicht alle – die ich heute gern an ihn gestellt hätte, werden im vorliegenden Buch beantwortet.

Ich danke Gustav Freudmann, der die Arbeiten zur Wiederauflage des Buches übernommen und das Vorwort beigesteuert hat.

Manuel Erber

Wien, Dezember 2008

ABSCHIED VON EUROPA!

Ich bin in England und erlebe in einem sechswöchigen Aufenthalt London, glücklich, eine Einladung nach China in der Tasche zu tragen. Ich werde hier nicht von der Bedeutung dieser Weltstadt sprechen und ihre Sehenswürdigkeiten beschreiben, das ist genügend oft geschehen – von der Schönheit des Hydeparks, dem mittelalterlichen düsteren Tower, dem Reichtum der City, der weltbürgerlichen Atmosphäre, dem Lärm und dem überwältigenden Getümmel der von historischen Bauten umsäumten Straßen, den gehorteten Geistesschätzen im Britischen Museum und den riesigen Lagerhäusern mit Gefrierfleisch an der Themse.

So tief mich das Leben und die Kontraste dieser Metropole auch beeindruckt haben, mein Interesse eilte der bevorstehenden Reise voraus. Die Rätsel Asiens, die Tiefen der uralten chinesischen Kultur, die Wirbel moderner Bewegungen in der Kolonialwelt und der ostasiatische Knotenpunkt weltweiter Interessengegensätze fesselten meine Gedanken vor allem und bestimmten meine Bewegungen in England.

Da lernte ich einen chinesischen Studenten kennen, einen jungen Menschen mit einem glatten Puppengesicht und einer liebenswürdigen Zuvorkommenheit. Während er mit mir über sein Vaterland sprach und mir eine prächtige Sammlung chinesischer Kunstgegenstände in einer Ausstellung zeigte, wanderten seine Augen zärtlich zwischen den alten Heiligenschreinen, den starren Masken und den feinen Tuschzeichnungen hin und her. Wenn er seine Augen auf mich richtete, überraschten sie mich immer wieder durch ihren naiven, warmen und ehrlichen Ausdruck. Er bemühte sich leidenschaftlich, mir ein glänzendes, optimistisches Bild von China zu vermitteln. „Man hat einmal viel über das feudalregierte China geschrieben, von Kulis und getretenen Menschenklassen. Es war Mode in Europa, das grenzenlose Elend des chinesischen Bauern zu schildern. Wie hat sich das nun alles von Grund auf geändert. – Er zeigte mir dabei ein herrlich gesticktes chinesisches Kleid. – „Sie kennen doch unsere kurze, aber tiefgreifende neuere Geschichte? Unsere heutige Regierung befolgt die Grundsätze des großen Sun Yat-Sen. Sein Programm ist. eigentlich so gut wie verwirklicht.

In einer etwas ernsteren Tonart ließ sich der chinesische Gesandte in London vernehmen, als er bei einem offiziellen Empfang Worte des Dankes an uns Ärzte richtete, die wir uns entschlossen hatten, in den chinesischen Sanitätsdienst zu treten. Das Glas zum Toast erhebend, sprach er von dem Mut, der notwendig sei, drüben „unter den allerschwierigsten Umständen" zu arbeiten.

Während wir Bäckereien knabberten und echten chinesischen Tee ohne Zucker tranken, wurden die Damen der chinesischen Gesellschaft, die in unvorstellbar kostbaren Toiletten erschienen waren, gesprächig. Es war nicht bloße Verwunderung, die sie uns zollten, sie waren geradezu verblüfft über unsere Absichten.

„Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, nach China zu fahren?"

Ich glaube, ich habe etwas erstaunte Augen zu dieser Frage gemacht.

„Wir wollen dem chinesischen Volk in den schweren Stunden des Krieges in der Form helfen, wie das eben Ärzte tun können."

„Ja glauben Sie denn, daß es Ihnen möglich sein wird, so zu arbeiten, wie Sie wollen?"

„Das würden wir gerne von Ihnen erfahren."

Ein reizendes Lächeln auf einem undurchdringlichen Gesicht, das war die ganze Antwort.

Wir wurden nachdenklich und ahnten, daß neben dem China der Millionen aufständischer Kulis noch ein anderes China existieren müsse, ein China der ausländischen Klubs, der politischen und diplomatischen Konvention, eine Kluft zwischen Darstellung und Wirklichkeit.

SMOKING UND KATTUNKLEID

Es waren die ersten Tage des August 1939, immerhin eine bedenkliche Zeit für den Antritt einer Chinareise. Täglich kamen neue Berichte über Kriegsvorbereitungen und außenpolitische Provokationen Hitlers.

In diesen Tagen habe ich die mächtigen Schiffe, die als Produkte und Sinnbild menschlicher Arbeit in den Häfen vor Anker lagen, mit anderen Augen anzusehen begonnen. Bald würde sich vielleicht die Kriegsbestie auf diese leichtverwundbaren, dünnhäutigen Wesen stürzen und mit feuersprühenden Zähnen ihre Leiber zerreißen.

Trotz allen Gerüchten und schlimmen Nachrichten gaben wir noch immer nicht die Hoffnung auf die Erhaltung des Friedens auf. Wir blieben bei unserem Entschluß, nach China zu gehen und übernahmen vom „China Medical Aid Comitee, das unsere Reise organisierte, die Schiffskarten. Am 5. August kletterten wir über den Laufsteg des „Aeneas.

Diesen klassischen Heldennamen trug ein englischer Dampfer mit einem großen Frachtraum und Plätzen für 50 Passagiere I. Klasse. Der ganze mittlere Teil des langgestreckten Schiffes wurde von den Kajüten und Gesellschaftsräumen eingenommen. Uns erwartete ein Leben von unvorstellbarem Luxus: äußerst bequeme Kabinen, überaus reichliche und schmackhafte Mahlzeiten im eleganten Speisesalon, spiegelglänzende Tanz- und mit Mahagoni ausgelegte Spielsäle; kurz der Komfort und die Atmosphäre für die verwöhntesten Luxusreisenden.

Es sollte sich bald herausstellen, daß wir nicht zu dieser Gesellschaft der Luxusmenschen paßten.

Der Gong hatte zum Dinner geladen und wir erschienen nicht im Smoking – oh, welch beleidigender Anblick für die – gute Gesellschaft. Unsere Körper waren in die billigen Baumwollanzüge gehüllt, die man uns nach der Entlassung aus dem französischen Internierungslager besorgt hatte. Ich glaube, wir sahen in der Tat nicht sehr repräsentativ aus. Den Geschäftsleuten, Missionären und kolonialen Abenteurern" die das Schiff belegt hatten, kam es darauf an, etwas vorzustellen. Sie legten gewiß keinen Wert darauf, einen Blick hinter das äußere Erscheinungsbild zu tun; für sie war allein der Besitz entscheidend, oder, wo der nicht vorhanden war, zumindest die gelungene Vortäuschung von Reichtum.

Während sich über den Kontinenten bereits der unheilvolle Krieg zusammenzog, waren sie alle, jung und alt, auf erotische Abenteuer aus. Die Gesellschaftsspiele, Tänze und Konversationen waren hier Äußerungen und raffiniert betätigte Mittel primitiver sexueller Leidenschaften. Zwei Themen wurden in auffallender Weise gemieden: Geschäft und Krieg…

Zwei junge Chinesen, „Farbige, schlossen sich uns an. Sie waren wohl von der richtigen Erkenntnis ausgegangen, daß sie ebensowenig wie wir zu dieser Gesellschaft gehörten. Es waren nette Leute, denen auch irgendeine Hilfsaktion die Überfahrt bezahlt haben mochte. Sie hatten in England das Studium der englischen Literaturgeschichte beendet – waren also gewissermaßen mit garantiert angelsächsischem Geist geimpft. Sie erzählten uns, daß sie jetzt „für ihr Land arbeiten würden. Es blieb uns ein Geheimnis, wie sie es anstellen könnten, ihr profundes Wissen über Milton, Shakespeare und Byron im Kampfe gegen Japan auszuwerten. Sie waren freundlich, östlich liebenswürdig und überaus hilfsbereit. Der eine von ihnen namens Wang machte sich ein Vergnügen daraus, uns in der chinesischen Sprache zu unterrichten. Man hatte uns gesagt, daß sie unerlernbar wäre. Nach den ersten Unterrichtstagen gaben wir uns bereits überschwenglichen Hoffnungen hin. Aus den täglichen Fortschritten schlossen wir, daß wir die Sprache bald beherrschen würden. Dieser Optimismus war an und für sich recht nützlich.

Als wir auf chinesischem Boden standen, büßten wir sofort unsere Illusionen ein. Trotzdem hatten wir uns in den ersten Stunden des Lernens überzeugt, daß von unüberwindlichen Schwierigkeiten keine Rede sein kann. Mit Fleiß und Hartnäckigkeit kann man auch Chinesisch erlernen.

Über die inneren Verhältnisse Chinas konnten wir von unseren beiden Freunden nichts erfahren. Es war erstaunlich, daß sie rein gar nichts wußten. Ich glaube, sie fürchteten, gegen ihre englischen Wohltäter undankbar zu sein, wenn sie uns reinen Wein einschenkten. Es war in China nicht alles so, wie es die herrschenden Kreise in England haben wollten.

NOCH EINMAL SPANIEN

Hinter grauen Nebeln und dichten Wolkenbänken lag der Kontinent. Das alte Europa entzog sich unseren Blicken. In der Bucht von Biskaya überfiel uns noch dazu ein Seesturm, der stundenlang raste und bei uns alle widerlichen Erscheinungen einer heftigen Seekrankheit hervorrief.

Nach langer Zeit großer Pein ließ der Sturm plötzlich nach, das Meer begann sich zu glätten und uns wieder eine harmlose, sonnenbespiegelte Oberfläche zu zeigen. Wir versammelten uns auf dem Deck und setzten unser Studium der eigenartigen Zeichen und Laute der chinesischen Sprache fort.

In der Ferne tauchte eine Küste auf. „Es ist Spanien!", rief Kollege Hehr. Noch einmal sollten wir Spanien begegnen, das wir im Sturm der Bürgerkriegsjahre erlebt hatten! Nun rückte das Land näher und näher und entfaltete sich vor unseren Augen zu einem Idyll. Am Fuße eines gewaltigen Bergabhanges, von gleißender Sonne übergossen, ein baskisches Dorf. Deutlich sichtbar der Kirchturm in der Mitte und eine Friedhofsmauer. War nicht Spanien nach der Niederlage der Demokratie zu einem einzigen Friedhof für alles Freie, Lebendige und Strebende geworden?

Seit dem Jahre 1937 hatte ich als junger Arzt am spanischen Freiheitskrieg teilgenommen, herrliche Siege erlebt, dunkle Niederlagen miterlitten und mich schließlich hinterm Stacheldraht eines französischen Internierungslagers wieder gefunden. Viele Monate waren vergangen, ehe ich mit den anderen Ärzten, die jetzt mit mir nach China reisten, von der Lagerleitung unter der Bedingung, Frankreich sofort zu verlassen, freigegeben worden war.

Die Erinnerungen überwältigten uns. Die Stunde der Ankunft in Spanien, wo sich uns zum Willkommen tausende geballter Fäuste entgegengestreckt hatten, die schwere Arbeit in der Sanitätsbaracke an der Jarama-Front, die dramatischen Schlachttage bei Teruel, die Siegerfreude bei Brunete, die temperamentvollen Lieder der spanischen Dorfmädchen und der schmerzliche Rückzug über die Pyrenäen nach Frankreich.

Da drüben war die Heimat der baskischen Waisenkinder, die wir noch vor unserer Abreise aus England in Birmingham besucht hatten. Losgerissen von der Heimaterde und der elterlichen Pflege, kalten Wohltätern überantwortet, vegetieren sie in einem abgelegenen Viertel der Fabriksstadt.

Als wir das Haus betraten, schlug uns eine Atmosphäre von Not und Verlassenheit entgegen. Dunkel und fast ohne Einrichtung starrten uns die Räume an. Unser Erscheinen brachte das Haus in Aufregung. Man schickte sich an, uns ein peinliches Schauspiel vorzuführen. Auf das Zeichen eines ältlichen Mädchens hin stellten sich die Baskenkinder mit scheuen, mageren Gesichtern in einer Reihe auf, mehr ärmlichen Puppen einer Jahrmarktsschau gleichend als lebendige Menschen vorstellend. Dann leierten sie auf eine seltsam mechanische Weise ihre Lieder herunter. Eintönig, leer. Nichts von dem sprühenden Temperament, nichts von den hitzigen Klängen, die wir bei den Spaniern kennengelernt hatten. Waren das noch die spanischen Lieder, denen wir so oft begeistert gelauscht hatten? Man hätte uns keinen aufschlußreicheren Hörbericht über das Schicksal der Armen geben können, als diese Vorführung, mit der die Kinder offensichtlich nicht zum ersten Male gequält wurden. Was mochten sie wohl alles erlitten haben? Ein Teil der Kinder arbeitete in einer Werkstätte für den Lebensunterhalt, ein anderer wurde zu Feldarbeiten verwendet. Unterricht gab es seit Wochen nicht mehr.

Die Kinder durften nicht in dem „verderblichen Sinne", dem die Eltern das Opfer ihres Lebens gebracht hatten, erzogen werden. Es beschlich mich ein Gefühl entsetzlicher Enge. Da aber, als die Knaben endlich tanzten und baskische Freiheitslieder sangen, brach gegen alle Regie das ureigenste spanische Temperament durch. Da war er wieder der aufrechte Kampfgeist, den wir so liebten und verehrten, da war wieder die edle, stolze Haltung, die wir in jenen Jahren bewundern gelernt hatten. Spanien stand wieder vor uns, das herrliche, vergewaltigte, unglückliche Land.

Unser Schiff hielt einen Kurs, der uns unaufhaltsam von der spanischen Küste entfernte und den Zusammenhang der Erinnerungen zerriß. Gibraltar kam in Sicht. Im Strahl