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561 pages
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Released:
Sep 15, 2015
ISBN:
9781783106691
Format:
Book

Description

Das Bauhaus war eine der bedeutsamsten und folgenreichsten
kulturellen Erscheinungen des 20. Jahrhunderts. Es wurde als
eine Hochschule für Kunst und Gestaltung 1919 in Weimar
von Walter Gropius gegründet. Seine Wirkungsstätten waren
Weimar 1919-1925, Dessau 1925-1932 und Berlin 1932/1933.
Ihre Gestaltungslehren finden bis heute Beachtung in
renommierten Architektur- und Kunstausbildungsstätten aber
auch im allgemeinbildenden Kunsterziehungsunterricht.
Produkte des Bauhauses – so die berühmten Stahlrohrmöbel
von Marcel Breuer – avancierten zu wohlfeil angebotenen
Designklassikern. Bauten des Bauhauses haben
Architekturgeschichte geschrieben und gehören heute zum
UNESCO-Weltkulturerbe.
Dieses Buch vermittelt einen Überblick über die
Geschichte des Bauhauses und legt besonderen Wert auf eine
umfangreiche Bilddokumentation, die Zusammenhänge
und Entwicklungen nachvollziehbar macht und dem
interessierten Leser über die Sprache der Dinge auch einen
optischen Zugang zum Bauhaus ermöglicht.
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Sep 15, 2015
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9781783106691
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Bauhaus - Michael Siebenbrodt

Anmerkungen

Vorwort

Das Bauhaus war eine der bedeutsamsten und folgenreichsten kulturellen Erscheinungen des 20. Jahrhunderts. Darüber besteht kein Zweifel. Seine Rezeption ist mehr denn je ein Phänomen von globaler Dimension. Heute ist das Bauhaus im allgemeinen Bewusstsein verankert. Es erfährt hohe Wertschätzung, wird je nach Interessenlage gelegentlich mystifiziert, aber auch denunziert. Es überwiegen jedoch Anerkennung und positive Wertschätzung. Die Werke der Bauhaus-Künstler finden heute in den großen Museen der Welt ungeteilte Bewunderung und Interesse. Ihre Gestaltungslehren fanden und finden, wenn auch zumeist herausgerissen aus einem komplexen Gesamtzusammenhang, Beachtung sowohl an vielen renommierten Architektur- und Kunstausbildungsstätten als auch an allgemeinen Bildungseinrichtungen im einfachen Kunsterziehungsunterricht. Produkte des Bauhauses – etwa die berühmten Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer – avancierten zu wohlfeil angebotenen Designklassikern. Bauten des Bauhauses, so die Wirkungsstätten in Weimar und Dessau, haben Architekturgeschichte geschrieben und gehören heute zum kulturellen Erbe der Menschheit. Das Bauhaus ist in die Kunstgeschichte als Kunstschule der Moderne eingegangen.

Es ist, fast ein Jahrhundert nach seiner Gründung, noch immer aktuell. Das zeigt sich nicht nur in einem gesteigerten institutionellen Interesse, in einem kaum abklingenden Ausstellungsboom, in der Vielzahl neu erscheinender Publikationen und dem ungebrochenen Medieninteresse, sondern auch im Bereich der architekturtheoretischen Forschung, in der Untersuchungen zum Funktionalismus, einer mit dem Bauhaus eng verbundenen allgemeinen Gestaltungskonzeption. Die Schaffung eines neuen Menschen für eine neue, humanere Gesellschaft, das war das eigentliche Ziel des Bauhauses. Es blieb historisch unerfüllt. Sollte die Intervention des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas hinsichtlich der „Moderne als unvollendetes Projekt" auch so zu verstehen sein?

Dieses Buch beschränkt sich darauf, die Geschichte des Bauhauses in einem mehr oder weniger groben Überblick darzustellen. Die Autoren können sich dabei auf eine Vielfalt bereits vorliegender Publikationen, aber auch auf eigene Veröffentlichungen zum Thema beziehen. Der Anspruch liegt nicht darin, aus gegenwärtiger Sicht das Bauhaus einer prinzipiellen Kritik zu unterziehen, sondern vielmehr in der Absicht, in einer möglichst sachlichen Argumentation in den wichtigsten Punkten und keineswegs vollständig schlicht das darzustellen, was gewesen ist. Insofern richtet sich dieses Buch an den interessierten Leser und weniger an den kenntnisreichen Fachmann. Wenn damit einseitige Rezeptionsmuster, die im Zusammenhang mit dem Bauhaus von einem harmonischen, widerspruchs- und konfliktfreien, „fortschrittlichen" und traditionsfernen Gebilde ausgehen, aufgebrochen werden, schätzen sich die Autoren glücklich.

Die Darstellung beginnt mit Hinweisen auf die Vorläufer des Bauhauses, auf seine Einbettung in die Zeitgeschehnisse und auf die Umstände, die zu seiner Gründung führten. In einem kurzen Überblick werden die innere Struktur der Schule, ihre einzelnen Wirkungsstätten in Weimar, Dessau sowie Berlin und die Konzeptionen ihrer drei Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe vorgestellt. Das darauf folgende Kapitel informiert über die Lehr- und Ausbildungsstruktur des Bauhauses und stellt die Unterrichtskonzepte der wichtigsten Lehrer vor. Größere Aufmerksamkeit wird den Bauhaus-Werkstätten, ihrer jeweiligen Struktur, dem Leistungsspektrum und den Modifikationen unter den verschiedenen Direktoren zugewiesen. Dem folgen kurze Kapitel zu übergreifenden Fragestellungen, wie denen zur Architektur, zur Fotografie, zur Bildenden Kunst am Bauhaus sowie zu Leben und Arbeiten. Den Abschluss bildet ein knapper Überblick über die Wirkung und Rezeption des Bauhauses von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Ein besonderer Wert wird darauf gelegt, anhand einer ausgewählten und aufeinander abgestimmten Bildfolge Zusammenhänge, Folgeerscheinungen, wechselseitige Einflussnahmen und Entwicklungen etwa in der Werkstättenproduktion des Bauhauses nachvollziehbar zu machen, um auf diesem Wege dem Leser über die Sprache der Dinge auch einen optischen Zugang zum Bauhaus zu ermöglichen.

Im Anhang erlaubt eine komprimierte Chronologie, die die Geschichte des Bauhauses zusammenfasst und parallele Ereignisse aus Kunst und Kultur, Politik, Technik und Wissenschaft in Erinnerung ruft, individuelle Rückschlüsse und das Erkennen von im Text nicht aufgeführten Querverbindungen und Bezügen.

Ein Quellenverzeichnis sowie Angaben zur wichtigsten Literatur zum Bauhaus allgemein aber auch zu ausgewählten Themen bieten Möglichkeiten für eine weiterführende, vertiefende Beschäftigung mit dem Thema.

Die Geschichte des Bauhauses

Vorläufer, Wurzeln und Vorgeschichte

Die künstlerischen und pädagogischen Leistungen des Bauhauses waren im deutschen sowie im europäischen Maßstab Bahn brechend. In der Absicht, Kunst und Architektur zu erneuern, stand es in einer Reihe mit anderen, gleichgerichteten Bemühungen. Aus der produktiven Reibung mit ihnen und dem intensiven Austausch bezog es unzählige Anregungen für die eigene Arbeit.

Dennoch ist die geschichtliche Bedeutung der Schule nicht zu überschätzen. Das Bauhaus ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Es gehört zu den Stereotypen der Bauhausgeschichtsschreibung, dass die Schule einerseits mit allen Traditionen gebrochen und sozusagen beim Nullpunkt begonnen hätte. Andererseits gibt es eine allgemeine Neigung dazu, bei der Aufzählung der Quellen des Bauhauses kaum eine der Kunstströmungen und bedeutenden Künstler des späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts auszulassen.

Die Voraussetzungen, die zur Entstehung des Bauhauses geführt haben, sind tatsächlich komplex und weit reichend verzweigt. Seine geistes- und sozialgeschichtlichen Quellen reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück. Mehr noch, die Problematik, mit der sich das Bauhaus beschäftigte, hat ihren Ursprung in der industriellen Revolution, einer Mitte des 18. Jahrhunderts in England beginnenden nachhaltigen Umwälzung, deren Ergebnis die industrielle Produktionsweise, die Industriegesellschaft war. Der Prozess der Modernisierung hatte zu Spannungen in nahezu allen Bereichen des Lebens geführt; ein tief greifender Paradigmenwechsel vollzog sich durch die Ablösung des Handwerkzeugs durch das Maschinenwerkzeug. In Ermangelung neuer Konzepte wurde in Kunst und Architektur auf ein historisches Formenvokabular zurückgegriffen, was mehr und mehr zu Widersprüchen führte. Die veränderten Bedingungen für die Herstellung von Gebrauchsgegenständen erforderte eine auf deren nunmehr maschinelle Produktion abgestimmte, neue Formgebung. Es dauerte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, bis sich die Versuche, dieses Problem zu lösen, mehrten und konkrete Formen annahmen. Das Bauhaus ist Bestandteil einer als Moderne bezeichneten Traditionslinie von Initiativen und Bestrebungen, die hier ihren Ausgang nahmen und danach trachteten, die durch die aufkommende industrielle Produktion entzweite Einheit von Bereichen der künstlerischen mit der technischen Produktion wieder zu vereinigen. Die damit verbundene gesellschaftliche Ausgliederung des Künstlers, seine Isolation und die Zersplitterung sowie Vereinzelung der verschiedenen Gattungen der Künste sollten rückgängig gemacht werden. Das führte zur Idee des Gesamtkunstwerkes, ein Gedanke, der bereits in früheren Jahrhunderten unterschiedlich akzentuiert, realitätsbezogen die Synthese aller am Bau und am Handwerk beteiligter Künste anstrebte. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde die Idee des Gesamtkunstwerks mit dem utopischen Anspruch verbunden, auf der Grundlage eines Einheitsstrebens die Lösung der sozialen und kulturellen Probleme der Gesellschaft zu befördern.

Kunstschulreform

Diesem Gedanken sah sich auch die Kunstschulreform verpflichtet, bei der es darum ging, im Sinne einer Erneuerung der Künstlerausbildung die Kunstakademien in Einheitskunstschulen umzuwandeln und die künstlerische Ausbildung auf das Handwerk und eine allgemeine künstlerische Elementarausbildung zu gründen. Gropius selbst sah schließlich das Bauhaus als Bestandteil „zeittypischer Reformideen" sowie als eine neuartige Schule, deren pädagogisches Grundkonzept auf Reformüberlegungen basierte.

Vor dem Bauhaus und parallel dazu gab es ebenfalls Versuche, die Ziele der Kunstschulreform praktisch umzusetzen. Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang die Kunstschule in Frankfurt/Main, die Obrist-Debschitz-Schule in München, die Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe, die Düsseldorfer Kunstgewerbeschule, die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle, die Reimann-Schule in Berlin, die Itten-Schule in Berlin, die Folkwangschule in Essen, die Kunstgewerbeschule in Bratislava und schließlich die Höheren künstlerisch-technischen Werkstätten (Wchutemas) in Moskau.

Das Bauhaus war neben der Schule in Moskau eine die Ideen der Kunstschulreform in unvergleichlicher Weise folgerichtig, ideenreich, weitgehend vollständig und konsequent sowie nachhaltig verwirklichende Institution. Gropius zufolge war das Bauhaus eine Lebensangelegenheit des ganzen Volkes. In diesem umfassenden Anspruch, der über Architektur und Design weit hinausging, liegt u.a. seine historische Bedeutung.

Ruskin, Olbrich und die anderen

In seinem Aufsatz Idee und Aufbau des Staatlichen Bauhauses von 1923 weist der Bauhausgründer Walter Gropius selbst auf die Quellen hin, die für ihn und die Gründung der Institution Bauhaus unmittelbar bestimmend gewesen sind. Gropius nennt in seiner Genealogie „… Ruskin, Olbrich, Behrens, (Darmstädter Künstlerkolonie) und andere in Deutschland, endlich der Deutsche Werkbund. John Ruskin (1819 bis 1900), englischer Maler, Kunsthistoriker und Sozialreformer, wandte sich in seinen Schriften zwar gegen eine überladene historistische Ornamentierung, aber auch gegen die Industrieproduktion und stellte der entfremdeten Arbeit an der Maschine das schöpferische Handwerk des Mittelalters als Ideal gegenüber. In seinen besonders in der 2.Hälfte des 19. Jahrhunderts in England außerordentlich einflussreichen Erneuerungsbestrebungen postulierte er die Herstellung materialgerechter, weitgehend ornamentfreier, aber dennoch ausdruckstarker Dinge nach dem Leitbild des gotischen Stils. Produkte maschineller Produktion hingegen waren nach seinem Verständnis „Surrogate und seelenlose „tote Gegenstände". Dem Schriftsteller, Gestalter und Begründer der sozialistischen Bewegung in Großbritannien, William Morris (1834 bis 1896) und der mit ihm verbundenen Arts and Crafts-Bewegung blieb es vorbehalten, die kritischen Gedanken John Ruskins in die Praxis zu überführen und der Kunstgewerbereform weiteren Auftrieb zu verleihen. Morris entwarf neuartige Gegenstände und Inneneinrichtungen, wobei er es vermied, auf ein falsches, historistisches Ornamentwerk zurückzugreifen. Auch er sah, wie die Arts and Crafts-Bewegung, in der Rückbesinnung auf die Qualitäten des Handwerks einen Weg, um produktgestalterisch auf die Herausforderungen der industriellen Revolution angemessenen zu reagieren. Die so unter anderem in eigens gegründeten Firmen für Kunsthandwerk entstandenen Produkte waren von Einfachheit, Robustheit, Rustikalität und großer Wertschätzung dem Material gegenüber gekennzeichnet. Morris, ein engagierter Sozialist, verband seine formgestalterische Tätigkeit und die damit verbundene Reaktivierung des Kunsthandwerks mit einem forcierten, allerdings illusionären sozialen Anspruch, der darin bestand, dem Verfall der Gesellschaft durch ein genossenschaftliches Leben, durch freudvolle, handwerkliche, weitgehend selbst bestimmte Arbeit und daraus hervorgehender guter Form entgegenzuwirken. Als Ergebnis dessen sollte eine konfliktfreie, glückselige Gesellschaft entstehen, frei von der Herrschaft der Maschine.

Ruskin, Morris und die englische Arts and Crafts-Bewegung sind mit ihrer Kritik an der ästhetischen Erscheinung der Maschinenerzeugnisse und ihrer auf die Qualität von Handwerksprodukten setzenden künstlerischen Reform eng mit den Anfängen des modernen Designs in Europa verbunden. Ebenso aber auch die Bemühungen des schottischen Künstlers und Architekten Charles Rennie Mackintosh (1868 bis 1928), der Secession in Österreich mit Künstlern wie Otto Wagner (1841 bis 1918), Josef Hoffmann (1870 bis 1956), Koloman Moser (1868 bis 1918) und des von Gropius erwähnten Architekten Josef Maria Olbrich (1867 bis 1908). Olbrich, Erbauer des Wiener Secessionsgebäudes, lehnte, wie seine Wiener Künstlerkollegen, den traditionellen, konservativen, am Historismus orientierten Kunstbegriff ab und erprobte u.a. die Idee des Gesamtkunstwerks durch den Entwurf neuartiger, zukunftsweisender Bau- und Wohnformen.

Diesen Anspruch verfolgte er auch wenig später zusammen mit den Mitgliedern der 1899 gegründeten Darmstädter Künstlerkolonie in Deutschland, der neben Olbrich auch der deutsche Architekt und Designer Peter Behrens (1868 bis 1940) angehörte. Behrens zählt zu den einflussreichsten Begründern des modernen Industriedesigns und der modernen sachlichen Industriekultur. Zu seinen Mitarbeitern gehörten Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und der Schweizer Architekt Le Corbusier. Peter Behrens gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter des Funktionalismus, der am Bauhaus zum leitmotivischen Gestaltungsprinzip entwickelt wurde.

In Deutschland gehörten ferner Richard Riemerschmid (1868 bis 1957) und Bruno Paul (1874 bis 1968) zu jenen Künstlern, die durch ihre Typenmöbel-Entwürfe, etwa für die Dresdener Werkstätten für Handwerkskunst, zu Industriedesignern wurden. Ähnlich der Künstler Henry van de Velde (1863 bis 1957) in Belgien und später in Deutschland. Auch er versuchte die Kunst vom Handwerk her zu erneuern, ohne die Technik zu negieren, wandte sich dem Kunstgewerbe zu, entwarf funktionale Gegenstände für die industrielle Produktion und baute Häuser als Ausdruck einer hochkultivierten künstlerischen Individualität. Frei vom Ballast historischer Formen und unter Einsatz eines der Natur entlehnten feinsinnig kalkulierten Liniensystems, das die Konstruktion des Gegenstandes bzw. des Hauses und seine Funktionen auf subtile Weise veranschaulichen sollte, entsprachen die von van de Velde entworfenen Gegenstände dennoch nicht den gestalterischen Erfordernissen einer maschinellen Serien- bzw. Massenfertigung. Van de Velde, dessen in Weimar gegründete Großherzoglich Sächsische Kunstgewerbeschule zur unmittelbaren Vorläuferinstitution für das Staatliche Bauhaus gehörte, gilt ebenso wie die zuvor erwähnten Künstler als einer der bedeutendsten Vertreter des Jugendstils, einer Bewegung von Künstlern, die sich der Gesellschaft gegenüber verantwortlich fühlten und die das fortschreitende Auseinanderfallen der künstlerischen und produktkulturellen Gebiete verhindern und zu einer neuen Einheit verschmelzen wollten. Im Ergebnis dessen stand ein neues, allerdings exklusives Lebenskonzept, das letztlich den Bedürfnissen einer hoch entwickelten Industriegesellschaft nicht gerecht werden konnte.

Deutscher Werkbund

Walter Gropius betonte immer wieder, dass das Bauhaus aus dem Geist des Deutschen Werkbundes hervorgegangen ist. Als Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen 1907 von Hermann Muthesius (1861 bis 1927) in München gegründet und von Gestaltern wie Peter Behrens und Walter Gropius getragen, versuchte der Deutsche Werkbund eine praxiswirksame Verbindung zwischen Handel, Handwerk und Industrie mit dem gestaltenden Künstler herzustellen. Auf der Grundlage einer positiven Bewertung der sozialen und technischen Potenziale der Industrie und ihrer neuartigen Erzeugnisse wie Flugzeuge, Schnellzüge, Waschmaschinen und Automobile wurde eine Ästhetik entwickelt, die, im Sinne einer Industriekultur für alle, ganz auf Nützlichkeit und Sachlichkeit sowie auf Materialgerechtigkeit von Architektur und Gebrauchsgerät setzte. Großer Wert wurde auf eine nachhaltige, auch mediale Vermarktung der Werkbund-Produkte gelegt. Trotz grundsätzlicher Übereinstimmungen konnte in Einzelfragen unter den Mitgliedern des Werkbundes keine Einigkeit hergestellt werden, was letztendlich auf den mit der Warenproduktion eng verbundenen Prozess der Verwertung, der Entfremdung und Verdinglichung in der modernen Industriegesellschaft zurückzuführen ist.

De Stijl, Blauer Reiter und Der Sturm

Einen ganz unmittelbaren Einfluss übte auf die künstlerische Entwicklung des Bauhauses die 1917 gegründete holländische Künstlergruppe De Stijl aus, deren konstruktivistische Gestaltungsgrundsätze in Weimar durch den Maler Theo van Doesburg (1881 bis 1931) propagiert wurden. Die Auseinandersetzung des Bauhauses mit Technik und Industrie wurde durch De Stijl beschleunigt, und die Formensprache von Gropius und anderen Bauhauskünstlern zum Teil nachhaltig danach ausgerichtet. Im Bereich der bildenden Kunst waren für das Bauhaus besonders diejenigen Künstler von Bedeutung, die sich mit ihrem Werk um den Blauen Reiter und um die vom Musiker und Kunstkritiker Herwarth Walden (1878 bis 1941) gegründete Zeitschrift und Galerie Der Sturm gruppierten. Dazu gehörten u.a. auch die Maler Paul Klee (1879 bis 1940) und Wassily Kandinsky (1866 bis 1944), die später als Meister an das Bauhaus berufen wurden. Zu den Besonderheiten dieser Maler gehörte es, mit großer Sensibilität und Eindringlichkeit auf die gesellschaftlichen Veränderungen und den tief greifenden Wandel innerhalb der wissenschaftlichen Sicht auf die Welt zu reagieren. Gestaltungsweisen, die angemessen erschienen, auf die Widersprüche der Zeit einzugehen, wurden in der Ablehnung des überkommenen Abbildbegriffes sowie in der Konzentration auf Abstraktion und Expression, auf Kubismus und Futurismus gesehen. Die eingehende Analyse der künstlerischen Gestaltungsmittel sowie die Erkundung ihrer Gesetzmäßigkeiten dienten der Suche nach einer neuen Geistigkeit durch Erkenntnisfortschritt auf der Basis aufgeklärter Rationalität.

In politischer Hinsicht ist das Bauhaus infolge sowie in Reaktion auf die Oktoberrevolution von 1917 in Russland, die Novemberrevolution von 1918 in Deutschland und das Ende des Ersten Weltkriegs entstanden. Die Situation nach diesem Krieg und die politischen Umwälzungen waren allgemeine Prämissen für die avisierten Erneuerungen von Kunst und Architektur. Aus Gropius programmatischen Texten geht hervor, dass sich der Bauhausgründer durchaus dieses Zusammenhangs bewusst war und er selbst, wie viele seiner Zeitgenossen und späteren Mitstreiter, einen Beitrag zur Schaffung einer neuen, demokratischen Gesellschaft leisten wollte. Für Gropius war der Erste Weltkrieg mehr als ein verlorener Krieg. Für ihn war eine Welt zu Ende und er suchte 1918 nach radikalen Lösungen für die Probleme seiner Zeit. Ihm kommt schließlich das Verdienst zu, in seinem Denken den Versuch unternommen zu haben, einige der bedeutendsten kulturellen Einflüsse, Impulse und Strömungen aus Vergangenheit und Gegenwart zusammengefasst und daraus als Synthese das Bild einer neuen Welt entwickelt zu haben. Darin war das Bauhaus fest verankert.

Das Staatliche Bauhaus in Weimar von 1919 bis 1925

Wohl keine andere Schule in Deutschland war so eng mit den kulturellen, politischen und sozialökonomischen Entwicklungen der Weimarer Republik verbunden wie das Bauhaus. Das Gründungsdatum des Bauhauses am 1. April 1919 fiel mit den Verhandlungen der Verfassung gebenden Versammlung im Weimarer Hoftheater zusammen, die am 31. Juli die Weimarer Verfassung verabschiedete. Nur wenige Wochen nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 wurde das Bauhaus Berlin am 12. April 1933 polizeilich nach kommunistischem Material untersucht und geschlossen, bevor sich die Hochschule am 19. Juli 1933 selbst auflöste, ein letzter Akt geistiger Entscheidungsfreiheit.

Dazwischen liegen zwei Ortswechsel – 1925 nach Dessau und 1932 nach Berlin – sowie zwei Direktorenwechsel – 1928 zu Hannes Meyer und 1930 zu Ludwig Mies van der Rohe -, die sämtlich überwiegend politisch motiviert waren. Stets bestimmten die jeweils zuständigen Parlamente die Entwicklung am Bauhaus mit, so der Thüringer Landtag in Weimar bis 1925 oder der Dessauer Stadtrat bis 1932, und mit politischen Aktivitäten und juristischen Prozessen oft noch zeitlich darüber hinaus.

Bereits im März 1920 hatten rechtsextreme Militärs und Politiker unter der Führung von Wolfgang Kapp (1858 bis 1922) und Walther Freiherr von Lüttwitz (1859 bis 1942) versucht, die junge Republik mit einem Militärputsch zu vernichten (Kapp-Putsch). Dieser Putsch wurde durch einen Generalstreik niedergeschlagen, bei dem zahlreiche Demonstranten von den Putschisten erschossen wurden. Für die in Weimar Gefallenen schuf Walter Gropius 1922 auf dem Weimarer Hauptfriedhof das Denkmal der Märzgefallenen und im gleichen Jahr auch am Deutschen Nationaltheater die Gedenktafel für die Weimarer Verfassung. Das von Ludwig Mies van der Rohe im Auftrag der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) geschaffene Ehrenmal für die ermordeten Karl Liebknecht (1871 bis 1919) und Rosa Luxemburg (1871 bis 1919) wurde 1926 auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde eingeweiht. Die Not der Nachkriegszeit, die noch durch Reparationszahlungen aus dem Versailler Vertrag dramatisch verstärkt wurde, führte zum wirtschaftlichen Zusammenbruch mit der Inflation des Jahres 1923. Während der Dollarkurs zur Mark Anfang Januar 1919 noch 1:8 stand, fielen die Werte zum Jahresbeginn 1920 auf 1:50, dann 1922 auf 1:200, Anfang 1923 auf 1:7000 und bis zur Währungsstabilisierung Ende 1923 auf 1:4,2 Billonen! Die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs und relativer Stabilität – „die goldenen 20er Jahre – dauerte in Deutschland von 1924 bis 1929, bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise nach dem „schwarzen Freitag an der New Yorker Börse am 25. Oktober 1929.

Das Bauhaus wurde zum Fokus der Avantgarde in Bildung, Design und Architektur: im Jahr 1923 mit der großen Weimarer Bauhaus-Ausstellung und angeschlossener Exposition Internationaler Architektur 1923, mit den Bauhausgebäuden in Dessau 1926 oder der Bauhaus-Wanderausstellung 1929/1930 und der vom Deutschen Werkbund initiierten deutschen Abteilung auf der Exposition de la société des artistes décorateurs unter der Leitung von Walter Gropius in Paris 1930.

Aber auch die Diskussionen und Konflikte innerhalb des Bauhauses in Weimar, die programmatischen und strukturellen Veränderungen spiegeln diese Zusammenhänge in oft dramatischer Weise: Der „Fall Groß" 1919, die Sezession der ehemaligen Kunstschulprofessoren und die Neugründung einer Weimarer Kunsthochschule 1920/1921, der De Stijl-Kurs Theo van Doesburgs und der Konstruktivisten-Kongress in Weimar,

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