Raffinierte Mordgeschichten by Roland Wolf by Roland Wolf - Read Online

Book Preview

Raffinierte Mordgeschichten - Roland Wolf

You've reached the end of this preview. Sign up to read more!
Page 1 of 1

AutorInnen

Die Freiheit nach dem Tod

Renate Völkner

Nach einem ausgiebigen Abendmahl versammelten sich sechs Menschen bei einem guten Tropfen am knisternden Kamin des Apothekers Gottlob Egelhaaft. Das Feuer brannte hell und wärmte die ungeduldigen Damen und Herren, denn der Apotheker hatte bei der letzten Zusammenkunft versprochen, beim nächsten Treffen eine besonders merkwürdige, schreckliche, makabere wahre Geschichte einer Ehe zu erzählen, die von den Beteiligten jedoch zunächst zu ihrem unausweichlichen Ende geführt werden musste.

An diesem Samstag im späten November tobte draußen ein orkanartiger Sturm, und es goss wie aus Kannen. Ein schauerlich ungemütliches Wetter, das, wie der alte Apotheker glaubhaft versicherte, genau zu seiner Geschichte passte.

»Es ist die Geschichte zweier biederer Einzelhändler, die ich Rosemarie und Horst Grunwald nennen werde, denn ihre wahre Identität dürft ihr nie erfahren. Alles hat sich so zugetragen, wie ich es erzählen werde, denn ich habe es aus berufenem Munde:

An einem Freitagmorgen saßen Rosemarie und Horst beim Frühstück zusammen. Er las wie immer die Zeitung. Rosemarie nörgelte ihn deswegen an: »Es ist unhöflich, beim Essen zu lesen, Horst, hässlich ist es außerdem, weil du mein liebevoll bereitetes Früh- stück einfach so in dich rein schlingst.«

Sie hasste es, wenn er beim Essen las. Er tat es trotzdem, um nicht ihr Gesicht sehen zu müssen. Er antwortete abwesend: »Ja, Liebes, gleich, sofort.«

Sein Blick war plötzlich auf eine fette Überschrift gefallen: ›Der berühmte Rennfahrer M. wurde gestern verhaftet! Mord an Ehefrau!‹

Begierig verschlang er den Artikel, während Rosemaries anklagende Worte wie aus weiter Ferne un- deutlich zu ihm drangen. Dann ließ er die Zeitung sinken, sah das unzufriedene Gesicht seiner Frau, das noch aufgedunsen war vom gestrigen Weingenuss. Sein Blick drang durch sie hindurch.

›Ich werde sie umbringen, morgen‹, dachte er und erschrak, denn ihm war, als hätte er die Worte laut ausgesprochen.

Rosemarie antwortete, als hätte sie ihn gehört »Ja! Gleich, sofort, nicht morgen. Du musst ins Geschäft, heute kommt die Lieferung, du weißt genau, dass du das beaufsichtigen musst.«

»Ich weiß, verdammt noch mal, ich gehe schon.« Er schmiss seine Serviette auf den Teller, trank has- tig den Rest Kaffee, zog noch einmal gierig an seiner Zigarette, blies seiner Frau den Rauch ins Gesicht, welche daraufhin angeekelt ihr Gesicht verzog. Sie sprang wütend auf, hob die Hand, um ihn zu ohrfei- gen, aber er wich aus und stammelte eine Entschuldigung:

»Das war keine Absicht, Liebes, ein Versehen. Tut mir Leid, du darfst dich nicht so aufregen, denk an

dein Herz, Rosi!« Er gab ihr sogar einen Kuss auf die rundliche Wange, obwohl es ihm sehr schwer fiel.

Ihr Jähzorn legte sich sofort - wie immer, wenn er sich demütigte.

›Wie ich das alles hasse, immer das gleiche, immer wieder dasselbe, heute Abend die Aussprache, alles zerpflücken, zerbröseln, zerreden. Ich kann mich entschuldigen, es kommt trotzdem wie das Amen in der Kirche: Tränen, Trennungsdrohungen, die sie nie wahr machen würde. Täte sie’s doch endlich, dann bräuchte ich sie nicht zu töten. Allerdings, das Geschäft gehört ihr, dann hätte ich gar nichts mehr. Ich habe also keine Wahl.‹

»Bis nachher, Liebes.« Er war schon fast aus der Wohnungstür, als sie ihm heiter hinterher rief: »Heute Mittag gibt’s Rouladen - sei bitte pünktlich - und morgen mache ich dein Lieblingsgericht: Pilzomelett, das letzte in dieser Saison.« Er brummte ein freudloses

»Danke, Liebes« und ging. Auch das ständige Reden über Essen, das warme Mittagessen täglich seit zwanzig Jahren - er hasste das alles bis zum Erbrechen.

Den ganzen Tag über arbeitete er mechanisch, dachte über einen todsicheren tödlichen Plan nach… Und die Idee nahm Formen an, als er den Wein ein- sortierte und an ihre Herzinsuffizienz dachte.

Rosemarie kam am Abend wie immer ins Geschäft, um die Abrechnung zu machen, sortierte die Fleisch- zettel, notierte, wie viel Gemüse, Käse, Getränke und sonstige Lebensmittel verkauft worden waren, bekam rote Wangen, denn dies war ihre Welt im Laden: die sorgfältigste aller Buchführungen, der sie mit nie erlahmendem Eifer nachging.

In dieser Zeit konnte Horst nach Hause gehen, eine Stunde am Tag, die er oft mit mir verbrachte - wir waren gute Freunde, aber das durfte sie nicht wissen. Wir spielten heimlich Schach. Montags bis freitags von achtzehn bis neunzehn Uhr, samstags von dreizehn bis vierzehn Uhr. Nur am Sonntag hatte er keine Freistunde, nie - aber übermorgen würde er mehr Stunden für sich haben, als er sich träumen konnte.

Beflügelt machte er sich sofort an die Vorbereitung seines Plans, der im Laufe des Tages in seinem Kopf bis zur völligen Gewissheit gediehen war. Er legte zwei Literflaschen ihres Lieblingsweines in den Kühlschrank. Eine Flasche nach ganz unten - dort wurde sie am kältesten, die zweite Flasche allerdings versteckte er hinter Bergen von Vorräten. Überraschung! Horst hüpfte vergnügt durch die Wohnung und betrachtete sein grinsendes Gesicht und seinen kleinen, drahtigen Körper im Flurspiegel. Dann stellte er die Kristallgläser, die nur zu besonderen Gelegenheiten benutzt wurden, neben das von Rosemarie vorbe- reitete, mit Klarsichtfolie bedeckte kalte Abendbrot in der Küche auf das rot karierte Tischtuch, das aus dem gleichen war Stoff wie die Vorhänge und die Bezüge der Eckbank und der beiden Stühle. »Piefig«, sagte er laut vor sich hin, »piefig wie die ganze Wohnung, wie Rosemarie. Piefig, geschmacklos und piefig.«

Rosemarie kam nach Hause. »Puh, bin ich fertig, das war heute besonders viel und anstrengend.« Das sagte sie jeden Abend. »Jetzt bin ich aber hungrig.« Auch das. Und dann aß sie mindestens drei gut be- legte Brote. Sie wurde langsam dicker, bisher war sie nur pummelig. Nun entdeckte sie die Weingläser: »Du willst Wein mit mir trinken? Das ist aber lieb, Horsti. Gleich nach dem Essen stoßen wir an. Hast du auch nicht vergessen, den Wein kalt zu stellen?«

Sie tranken sich in der Küche zu, räumten das Geschirr weg. Dann zogen sie gemeinsam ins Wohn- zimmer, das Rosemarie in ›Gelsenkirchener Barock‹ eingerichtet hatte. Scheußlich fand er das, aber er durfte es nicht sagen, sie würde sofort wieder einen ihrer Jähzornsanfälle bekommen.

Nach dem ersten Glas und acht Zigaretten ver- abschiedete er sich: »Ich geh‹ schlafen, Liebes, gute Nacht.«

»Das war sehr lieb von dir, Horsti« - wie er diesen Kosenamen hasste! - »aber wenn du soviel rauchst, wird mir ganz schwummerig, das Herz, du weißt. Und reden tun wir dann morgen, wir müssen deinen An- fall vom Frühstück aus der Welt schaffen.«

Sie schliefen seit langem in getrennten Schlaf- zimmern. Vor Jahren hatte sie ihm mitgeteilt, dass sie körperlich nicht mehr mit ihm zusammen sein woll- te, da es sie anstrenge und außerdem langweile. Auch den Brocken hatte er geschluckt. Er zog seinen Schlaf- anzug an, streifte seinen plüschigen Morgenrock - ein Weihnachtsgeschenk von Rosemarie - über und horch- te an der Wohnzimmertür. Sie sah sich einen Krimi an. In einer Werbepause ging sie aufs Klo, ließ die Zimmertür offen - er versteckte sich, dann huschte

er hinein; darauf hatte er gewartet. Rasch kramte er aus ihrer Handtasche das Nitro-Not-Aerosol heraus, und leerte es in Stößen aus dem Fenster hinaus. Schließlich rauschte die Wasserspülung. Gleich würde sie zurück sein. Er hastete gerade noch rechtzeitig aus dem Wohnzimmer, horchte weiter.

Als er endlich erleichtert hörte, dass der Film dem Ende zuging, holte er die zweite Flasche Wein, ging sehr leise ins Wohnzimmer und stand mit einem Male vor ihr. Er machte: »Buh!« Rosemarie schrak heftig zusammen und fasste sich ans Herz. Sie sah die zweite Flasche, als sie bereits Luft geholt hatte, um loszu- keifen, die erste war fast leer, ließ die Luft ab und wurde gnädig. »Doch noch ein Gläschen, Horsti?«

»Ja, ich konnte nicht einschlafen.«

»Oh, das tut mir aber Leid. Der Krimi war übrigens spannend, hat mich sehr aufgeregt.« Und - im Hinblick auf die zweite Flasche: »Nachher möchte ich mir noch einen Film ansehen, fängt in einer halben Stunde an - du hast doch nichts dagegen?«

»Aber nein, Liebes. Du sollst es doch gut haben.« Widerwillig, aber mit eisernem Willen gewappnet, schenkte er ihr und sich aus der neuen Flasche ein:

»Prösterchen, Rosi.« Sie trank bereits. Er nippte an seinem Glas und steckte sich eine Zigarette nach der anderen an. Das Wohnzimmer wurde langsam grau von dem Qualm.

»Horst, rauch‹ nicht soviel, ich vertrage das nicht.« Gewollt wütend antworte er: »Ich rauche, soviel ich will - und du trinkst so viel du willst, wir haben uns gegenseitig wohl nicht allzu viel vorzuwerfen.«

»Aber du mit deiner Qualmerei bringst nicht nur dich, sondern auch mich um.«

»Gut, wie du meinst, Liebes…«

»Sag nicht immer ›Liebes‹ zu mir, ich heiße Rose- marie!« Sie war schon wieder auf hundertachtzig, und er zündete sich noch eine an. Nun bekam sie einen Tobsuchtsanfall: »Horst, ich warne dich!«, und warf ihm ihr - wohlgemerkt leeres - Glas an den Kopf. Er hat- te damit gerechnet und fing es ab. Es zerbrach nicht.

»Liebes, die guten Gläser!«

»Scheiß drauf, du Mistkerl. Hau ab, verzieh dich, ich hab‹ genug von dir. Ich will jetzt den Film sehen.«

»Ich gehe gleich, Rosemarie, tut mir Leid, du weißt, ich vertrage keinen Alkohol. Entschuldige bitte. Ich mache das Fenster auf.« Er entschuldigte sich noch einmal für seinen Ausbruch, katzbuckelte vor ihr, kniete neben ihrem Sessel nieder, bat wieder und wieder um Verzeihung.

Schließlich vergab sie ihm und wurde wieder fröh- lich. »Mach das Fenster zu, bevor du gehst.«

»Ja, Rosemarie. - Und morgen, weißt du, wenn du mit der Abrechnung fertig bist, machen wir mal wieder einen schönen Spaziergang. Bitte, ja?«

Sie nickte wohlwollend und drückte die Fernbe- dienung. Der Film begann.

Horst zog sich zurück. Leise ging er in ihr Schlaf- zimmer, leerte das Nitro-Aerosol auf dem Nachttisch bis auf einen kleinen Rest. Er hatte sein bisheriges Pensum an Vorbereitungen glänzend geschafft: Sie würde zuviel trinken, daraufhin schlecht schlafen, der Rauch schadete ihrem Herzen, sie hatte sich sehr aufgeregt - morgen würde sie zu schwach sein für den Weg, den er mit ihr gehen wollte.

Vorrat an Not-Spray hatte sie nicht mehr. Sie vergaß oft, sich rechtzeitig Nachschub verschreiben zu lassen, das war auch ihrem Kardiologen bekannt. Der Arzt hatte sie oft gewarnt. Für heute Nacht hatte Horst genug übrig gelassen, sie würde nichts merken. Zu- frieden schmatzte er vor sich hin und schlief ein.

Am nächsten Mittag gab es Pilzomelett, das hat- te er wirklich zum Fressen gern. Er ging sogar im Herbst mit ihr Pilze sammeln, obwohl er nichts davon verstand. Sie aber kannte jeden Pilz, sorgte schon dafür, dass nur die geeigneten in den Korb gerieten. In dieser Hinsicht vertraute er ihr blind. Sie machte die Pilze ein, versah die Gläser mit Zeichen, öffnete immer nur die mit dem Zeichen ›ie‹ oder ›st‹, und so konnten sie das ganze Jahr über Pilzgerichte genie- ßen. Die sechs ›G‹-Gläser blieben immer übrig: »Für den Fall, dass mal Gäste kommen, hebe ich diese immer auf«, lautete ihr lakonischer Kommentar.

Nachdem er seine obligatorische Zigarette ge- raucht hatte, bat er sie, jetzt los zu gehen. Es war fünfzehn Uhr, ein heißer Tag Ende August, glänzend geeignet für seinen Plan. Er schnallte seinen Ruck- sack um, sagte auf ihren fragenden Blick hin »Über- raschung« und versprach, nur schattige, ebene Wege zu gehen. Sie fuhren mit ihrem Wagen zum Wald- parkplatz, gingen langsam den flachen Waldweg in Richtung Autobahn. Dort wollte sie umkehren, denn sie spürte die ersten Anzeichen von Erschöpfung.

Aber er bat sie: »Rosi, Liebes, nur noch dieses kleine Stück, ich geh‹ doch so gern an der Autobahn lang. Und du warst hier noch nie. Außerdem gibt es dahinten eine herrliche Bank mit Tisch zum Ausruhen und Essen. Ich hab alles mit.«

Zweifelnd blickte sie auf den Weg, der am Wald entlang ein ganzes Stück oberhalb der Autobahn verlief und von der Sonne voll beschienen war. Dass er leicht anstieg, bemerkte sie nicht.

»Oh je, ich dachte, um diese Zeit wäre der Weg schattig«, sagte er zerknirscht, aber sie zuckte mit den Achseln. Die Aussicht auf ein Picknick im Freien machte sie froh und hungrig. Er hatte diesen Weg gewählt, weil - sollte wider Erwarten nicht das Geplante eintreten - ein kleiner Schubs genügen würde, um sie die felsige Böschung hinunterzustürzen.

Doch alles lief wie am Schnürchen. Sie bekam von der Erschöpfung, der Anstrengung der leichten Steigung, der Hitze, der vorabendlichen Schwächung einen Anfall von Angina Pectoris mit schwerer Atem- not. Sie keuchte: »Spray.« Er entriss ihr die Handta- sche, holte das Aerosol heraus, sie wollte inhalieren - nichts, leer.

»War - voll. Absicht - du… folgst.« Sie versuchte zu lachen, verschluckte sich, hustete erbärmlich und erstickte jämmerlich vor seinen Augen.«

»Oh Gott, wie schrecklich!« Der Aufschrei der fünf Zuhörer kam wie aus einem Munde. »Woher weißt du das alles so genau?«

»Später! -

Auch das Folgende hatte Horst geplant. Er rann- te wie besessen zum Parkplatz zurück. Dort war ein Telefon. Er rief die Feuerwehr und den Notarztwagen, war so außer Atem, dass sein Entsetzen echt klang. Rosemarie wurde ins Krankenhaus gebracht, aberdort wurde nur noch ihr Tod festgestellt. Der Totenschein wurde anstandslos unterschrieben. Todesursache: Atemstillstand durch vorausgegangenen Herzanfall.

Nun hatte er frei. Den Rest des Samstags und den ganzen Sonntag: Er würde faulenzen, lange schlafen, essen, was und wann er Lust hatte, sogar in ihrem Schlafzimmer rauchen.

Abends öffnete er eines ihrer kostbaren sechs

Pilzgläser. Ebenso am Sonntagabend.

»Ich fresse ihre ganzen unbezahlbaren Gäste-Pilze hintereinander weg auf.« Und furzte vernehmlich, rülpste ausdauernd, stöhnte dabei genüsslich. Rose- marie hatte immer auf Anstand geachtet: all das war verboten. Er würde sein Leben in vollen Zügen genie- ßen.«

Hier machte Gottlob eine Pause. Er ließ seine Zuhörer schmoren. Zehn Augenpaare hingen an sei- nen Lippen, denn dass noch etwas Fürchterliches folgen würde, da konnten