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Der Teufel Sex: Über die verdammte Lust und die katholische Unmoral

Der Teufel Sex: Über die verdammte Lust und die katholische Unmoral

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Der Teufel Sex: Über die verdammte Lust und die katholische Unmoral

Length:
340 pages
5 hours
Publisher:
Released:
Sep 20, 2012
ISBN:
9783867895361
Format:
Book

Description

"Du sollst nicht!" - die Bibel, auf die die katholische Kirche ihre leibfeindliche Sexualmoral stützt, ist voll von Verboten. Ungefragt mischt sich die Kirche in die Schlafzimmerangelegenheiten ihrer Gläubigen ein und hält unbeirrt am Zölibat fest. Aber diese Moral ist doppelbödig, wie nicht zuletzt die Skandale um Inzest, Kindesmissbrauch oder homosexuelle Priester zeigen. Anschaulich und mit viel Humor stellt Thomas Veszelits den katholischen Glauben auf den Prüfstand, entlarvt die Doppelmoral und die Scheinheiligkeit der Kirche und macht auch nicht vor dem Papst halt: "Mit einer Frau als Oberhirtin auf dem Heiligen Stuhl würde die katholische Kirche eine historische Chance erhalten, noch einmal von vorn anzufangen." Kritisch, kurzweilig und höchst provokant.
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Released:
Sep 20, 2012
ISBN:
9783867895361
Format:
Book

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Der Teufel Sex - Thomas Veszelits

aufschreibe.

EINFÜHRUNG

Nach der Beichte Prügelstrafe

Jesus Christus als Batman

Eines düsteren Tages im November. Ich war gerade zwölf Jahre alt, als mir meine innere Stimme zuraunte: »Du musst es tun! Nur Mut!« Und dann tat ich es. Mit meinem Vater als Komplizen. Ich sehe es noch wie gestern vor mir. Wir sind in einem alten Haus, die Dunkelheit bricht an. Es ist schummrig, und der Korridor ist unheimlich. Ich zittere vor Aufregung. Mein Vater nimmt ein Kruzifix von der Wand und wickelt es in einen Kartoffelsack. Wir schleichen uns davon. Wir sind Diebe. Wir haben tatsächlich einen hölzernen Christus am Kreuz gestohlen.

Zu Hause packte ich die Beute aus. Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Das Kruzifix war riesig, ich hielt es in der Hand, es war verdammt schwer. Dann stellte ich es auf, fasste die Dornenkrone an. Die Spitzen waren rostig und scharf. Ich wischte vorsichtig den Staub vom Haupt Christi ab.

Mein Vater befestigte den Märtyrer an der Decke. Seine gekreuzigten Arme füllten die ganze Ecke meines Zimmers aus. Mein Bett stand genau darunter. Schon die erste Nacht mit Christus, der über mir wie Batman schwebte, erwies sich als eine starke Mutprobe. Als ich plötzlich aus dem Schlaf erwachte, erschien der Sohn Gottes, vom Mondschein fahl beleuchtet, unheimlich, gespenstisch, schreckensvoll. Angst und Grauen packten mich, aber das war ja der Zweck der Übung.

Ich wollte lernen, wie man Ängste überwindet, wie man es hinbekommt, sich im Leben vor nichts zu fürchten. Deshalb zwang ich mich, in der Dunkelheit der Nacht auf die Wunden Christi zu schauen, auf die Blutflecken um sein offenes Herz. Die blutigen Rinnsale, die auf seinen holzgeschnitzten Körper gemalt waren, wirkten täuschend echt. Sie flossen über die Arme und Schenkel. Grauenvoll bohrten sich die Nägel in seine Hände und Füße. Die Nacktheit Christi, nur mit einem blutverschmierten Lendentuch knapp verhüllt, machte für mich die Grausamkeit schmerzlich nachfühlbar. Niemals wollte ich so entblößt und ungeschützt vor brutalen Peinigern dastehen müssen.

Beim Anblick der Leiden Christi fand ich mich auf mich selbst zurückgeworfen. Ich wollte stärker sein als andere Kinder in meinem Alter. Ich wollte so schnell wie möglich erwachsen werden, um in die Welt hinausgehen zu können. Ich nahm mir vor, die Totengeister zu besiegen. Deshalb ging ich auch oft auf Friedhöfe. Ich fürchtete mich nicht. Darüber staunte ich selbst am meisten, aber irgendwie hatte es mit der Religion zu tun. »Diese Welt ist nicht alles«, schärfte mir mein Vater ein, »erst was danach kommt, ist das wahre Leben.« Lieber heute als morgen wollte ich schon so weit sein, um diese mir unbekannte Welt zu erfahren. Das Jenseits kam mir so vertraut vor, als wäre es gleich um die Ecke.

Später wurde es mir klar. Die Religion wird einem in die Wiege gelegt. Man muss sie überwinden, um frei zu sein. Man muss die Methoden der Kirche hinterfragen, die Instrumente des Gottesglaubens prüfen. Das Ergebnis steht für mich seit meiner Jugend unerschütterlich fest: Religion ist Aberglaube.

Die Kraft der heiligen Quellen

Marienbad ist ein Ort der Liebe. Von einem bewaldeten Hang wie von einer Talsperre abgeriegelt, liegt es im westböhmischen Hochland. Oben auf dem Hügelkamm thront das weiße Grandhotel Esplanade. Erbaut im honorig-imperialen Jugendstil strahlt es die Pracht der Kaiserzeit aus. Steht man auf der Terrasse, fühlt man sich wie auf einem Kreuzfahrtschiff, das wie durch ein grünes Meer pflügt. Wälder über Wälder, sie kommen wie Wellen auf einen zu. Das Aroma von Edeltannen hängt in der Luft. So duftet bestimmt auch das Paradies.

Gegründet wurde Marienbad 1808. Die Mönche aus dem nahe liegenden Kloster Tepl entdeckten die Heilkraft der Quellen schon ein halbes Jahrhundert zuvor. Das Wasser, das abwechselnd nach jodhaltigem Meeressalz oder rostigem Eisen schmeckt, verordnete der Arzt Johann Josef Nehr für radikale Trinkkuren. Bis zu drei Liter am Tag. Einem wegen Gicht gehbehinderten Abt aus Prag half er damit wieder auf die Beine. Man hielt es für ein Mirakel der Jungfrau Maria. Nach ihr taufte man erst die Quelle, später auch das dort eröffnete Heilbad.

Für ein böhmisches Lourdes reichte das Wunder nicht. Aber seit Johann Wolfgang Goethe im Jahre 1823 hier kurte, ist Marienbad unzertrennlich mit dem Wort »Liebe« verbunden. Wahrscheinlich vom heiligen Marienwasser revitalisiert, entbrannte im deutschen Dichterfürsten im greisen Alter von 72 Jahren die längst erloschen geglaubte Lust und Leidenschaft aufs Neue. Die erst 17-jährige Hofmarschallstochter Ulrike von Levetzow, ebenfalls in Marienbad zu Wellness-Wochen angereist, erweckte seine Begierde. Nicht nur platonisch, sondern auch körperlich. Der große Geist Goethes begehrte die Berührung der Lippen einer jungen Frau, den innigen Kuss, das verdinglichte Glück.

Ich habe in Marienbad meine Kindheit verbracht. Das Goethe-Museum lag knapp 200 Meter von unserem Haus entfernt. Ich habe es mit meiner Mutter häufig besucht. Sie war deutscher Abstammung und kannte sich mit dem Werk und Nachlass Goethes bestens aus. Sie zeigte mir seine Liebesbriefe in einer Vitrine. Daneben lag ein Taschentuch mit Spitze, Ulrikes Geschenk an JWG. Das alte Häkelstück war stark vergilbt, längst brüchig und rissig geworden. Dennoch hat es mich beeindruckt. So zart, so fein gewebt, so geheimnisvoll. Beim Anblick erwachte bei mir zum ersten Mal der Sinn dafür, was weiblich ist. Spitze, Seide, Satin. Solche Stoffe tragen Männer nicht.

Es war meine Mutter, die mich lehrte, was das Besondere an den Frauen ist und warum sie für einen Mann ein Geschenk Gottes sind. Meine Mutter war evangelisch und von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau überzeugt. Und sie meinte: »Wenn der Mann nicht lernt, eine Frau richtig zu schätzen, bleibt er ein gottloser Barbar.«

Kartoffelernte mit dem Teufel

Wir lebten in einer realsozialistischen Zeit. Eines der größten Probleme war die Ernte. Um sie einzufahren, musste jeder ran. Auch die Schulklassen. Jeden Herbst halfen meine Mitschüler und ich den Kollektivbauern dabei, die Kartoffeln vom Acker zu holen. Dick waren die Knollen nicht, was die Arbeit zusätzlich erschwerte. Dennoch erinnere ich mich gern daran. Der Traktor ratterte wie ein polterndes Monster zwischen den Furchen, zog den Schleuderroder hinterher. Die Bauern nannten diese Maschine »den Teufel«. Dieselqualm, Schmiere und ölige Dämpfe vermischten sich mit dem erdigen Geruch des frisch aufgerissenen Bodens. War die Krume trocken, staubte es fürchterlich. Aber das gefiel uns auch, so roch das echte Leben. Diese sozialistische Pflicht nahmen wir Kinder als ein willkommenes Abenteuer auf.

Kartoffeln waren damals wichtiger als die Kirche. Ihre Auflösung und Enteignung durch den Staat war unsere geringste Sorge. Auch mit den Mönchen, die zur Umerziehung ins Arbeitslager verbannt wurden, hatte niemand Mitleid. In der Schule hatte man uns gesagt, dass es nutzlose Schmarotzer seien, die sich vor der Arbeit drückten und auf Kosten des Volkes durchlavierten.

Die Mönche als Zuhälter? Das konnten wir nicht dulden. An Stammtischen hörte man haarsträubende Geschichten über Pfarrer und Priester in Gefängnissen. In der Zeitung las man gelegentlich über Todesurteile und Exekutionen im Namen des Volkes. Aber kaum jemand empfand es als eine Ungerechtigkeit. Hatte die katholische Kirche in ihrer Vergangenheit nicht ebenfalls unzählige Verbrechen begangen? Man gab den Genossen recht! Die Geistlichen verdienten es, für die Sünden der Kirche bestraft zu werden.

Faszination Orient

So war sie, unsere religionsbereinigte Welt. Kein Bibelunterricht in der Schule und selbstverständlich auch kein Gottesdienst in der Kirche. Aber sie stand da! Und sie übte auf mich eine geradezu magnetische Anziehung aus. Allein ihre Form war ungewöhnlich. Mit ihrem achteckigen Grundriss dominierte sie die Mitte des Platzes, wobei ihre Kanten genau mit dessen Winkeln korrespondierten. Wir wohnten direkt gegenüber der Kirche. Wenn ich den Platz überqueren wollte, stand sie mir gewissermaßen im Weg. Einfach hindurch zu marschieren, den Seiteneingang rein über das Hauptportal wieder heraus, ergab eine praktische Abkürzung.

Dass diese Kirche Maria-Himmelfahrt hieß, wusste ich nicht. Das war auch nicht wichtig. Ich hielt sie für meinen Palast des Orients. Die massiven Pfeiler, die Kapitelle wie Königskronen, der Goldschimmer der Mosaike, die dekorativen Muster aus wechselnden Schichten von Haustein mit Ziegelbändern, all diese architektonische Gestaltung ließ das Kirchenambiente zum Abbild des Kosmos werden.

Zur Kreuzkuppel hoch blickte ich gern. Die Perspektive überwältigte mich jedes Mal. Als würde ich auf eine Reise gehen, so kam es mir vor. Ich bildete mir ein, in die biblischen Gemälde an den Wänden einzusteigen, wähnte mich im Orient, spazierte dort in den prachtvollen Gärten und nahm den Blumenduft wahr. An der Freitreppe setzte ich mich zu den luftig in Weiß gekleideten Leuten, hörte ihre Sprache und glaubte sie zu verstehen. Von meinem Vater wusste ich, wie diese wunderbare Stadt hieß – Jerusalem.

Gleichzeitig offenbarte sich mir noch eine andere Seite der Kirche. Hoch über dem Altar schwebten himmlische Heerscharen. In überirdischer Sorglosigkeit fröhlich und heiter, nur ihre Augen waren irgendwie unheimlich. Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, ihre Blicke würden mich verfolgen. Egal, wohin ich mich auch drehte, ich spürte sie überall. Nirgendwo konnte ich mich vor ihnen verstecken. Ich versuchte es immer wieder. Vergeblich.

Bei diesem Versteckspiel leuchtete mir allmählich ein, was das göttliche Prinzip sein könnte. Eine höhere Macht, die alles sieht, kontrolliert und über einen Daten sammelt. Ein System, das jedem, der im Sozialismus lebte, vertraut war, und vor dem es kein Entrinnen gab. Vor diesen alles registrierenden Augen aus der Gotteskuppel begann ich mich zu fürchten. Fortan mied ich die Kirche.

Die katholische Tobsucht meines Vaters

Kommunismus hin, Sozialismus her. Mein Vater hielt an seinem Glauben fest. Bigott katholisch war er. Manchmal hatte ich das Gefühl, am liebsten würde er an einem Kreuz hängen und wie Christus leiden. So sprach er auch oft von der ewigen Verdammnis, von Feuer und Rache. Mit dem Fluchen fackelte er nicht lang. Wenn er losbrüllte, konnte man wirklich befürchten, die Faust Gottes werde gleich zuschlagen.

Ach, war es schön, wenn ich allein mit meiner Mutter zu Hause war. Sie war zwar ernüchternd sachlich, aber wie sie über die katholische Kirche urteilte, erheiterte mich jedes Mal: »Alles nur Kokolores!«

So stritten sich um mein Seelenheil zwei gegensätzliche Kräfte: Katholisch gegen evangelisch-lutherisch, dogmatisch und autoritär gegen aufgeklärt und tolerant. Wenn ich groß bin, dachte ich mir, werde ich mir aus allen Religionen das herauspicken, was mir gefällt.

Aber dann ist etwas Furchtbares passiert. Ich hatte mir im Laufe der Jahre eine Burg aus Pappe gebaut. Bauchhoch war sie schon. Ich sparte mein Taschengeld, um mir Marionetten zu kaufen. Zu Weihnachten wünschte ich mir einen König, zum Geburtstag eine Königin, zwischendurch für gute Noten im Zeugnis einen Ritter, einen Knappen und ein Pferd für beide. Die tschechischen Marionetten sind auf der ganzen Welt berühmt. Mit ihnen hatte ich meine Burg wunderbar besiedelt, eine Illusion von einer Märchengesellschaft verwirklicht. Einen ganzen Hofstaat mitsamt Prinzessin, Hofdamen und einem Gaukler besaß ich. Sogar ein Mönch und eine Nonne gehörten dazu.

Dann an einem milden Herbsttag nach der Schule – die Natur zeigte berauschende Farben und das Laub fiel als goldene Blätter von den Bäumen – fielen sie mir auf: Kastanien. Sie glänzten wie edle Möbelstücke. Ich begann sie zu sammeln. Es wurden immer mehr. Ich hatte meinen Pulli ausgezogen, die Ärmel verknotet und füllte sie hinein. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber es war schon spät, als ich zu Hause ankam.

Sodom und Gomorrha im Heimformat

Mein Vater sagte kein Wort. Meine Mutter weinte. Ich blieb wie angewurzelt in der Tür zum Wohnzimmer stehen. Mein Herz blieb fast stehen. Das Eisentürchen zum Kachelofen war auf. Ich sah das Feuer lodern. Mein Vater brach in einen erderschütternden Groll aus.

»Nun wirst du sehen, was geschieht: Sodom und Gomorrha!« Ehe ich mich versah, begann er meine Burg zu zertrümmern. Die Bruchstücke warf er ins Feuer. Und die Marionetten hinterher. Keine einzige hatte er verschont. Sogar die Prinzessin mit ihrem goldenen Vlies schleuderte er in die Feuerhölle des Kachelofens. Und immer wieder brüllte er: »Sodom und Gomorrha! So straft Gott eine ungehorsame Familie, die ihren Vater nicht ehrt!«

»Ich habe nur Kastanien gesammelt«, sagte ich leise. Die Tränen verschluckten meine Worte, meine Mutter rannte aus der Wohnung, um Hilfe zu holen. Mein Vater drohte die ganze Wohnung in Brand zu stecken. Und er brüllte wie von Sinnen: »Der Teufel hat von euch Besitz ergriffen. Gott wird euch strafen! Ihr werdet zu Boden gestoßen, ihr werdet euch wie Krüppel im Staub winden und euren Vater um Verzeihung bitten.«

Der Schmerz über den Verlust meiner geliebten Marionetten verging nie ganz. Noch heute, wenn ich die Bibel in die Hand nehme, fällt mir als Erstes Sodom und Gomorrha ein. Meine schlimmsten Alpträume hängen mit meinem Vater zusammen. Noch heute sucht er mich gelegentlich im Schlaf als der Rächer Gottes heim. Und ich bin, obwohl längst erwachsen, wieder das Kind von damals, das bitterlich weint.

Katholizismus und Kommunismus

Es gab niemanden, mit dem ich über den katholischen Wahn meines Vaters reden konnte. Meine Mutter war als Heimarbeiterin zu beschäftigt. Für eine Kooperative der Volkskünstler fertigte sie Souvenirs an. Tag und Nacht im Akkord. Zum Beispiel 2 000 Geldbörsen aus Leder für die Sommersaison an der Marienbader Kolonnade, wo sie verkauft wurden. Die handbemalten Krawatten mit Saxophonisten, feurigen Flamenco-Tänzerinnen und roten Fliegenpilzen erfreuten sich größter Beliebtheit und gingen weg wie warme Semmeln. Es gab auch Kopftücher mit Klatschmohn oder handgestrickte Schals mit Schachbrettmuster. Wahre Raritäten, nur in den Kurorten wie Marienbad oder Karlsbad erhältlich. Die Planwirtschaft hatte so entschieden.

Mein Vater wurde aus dem Hotel Esplanade, wo er Betriebsdirektor war, strafversetzt. Er musste als Masseur arbeiten, und damit begann das nächste katholische Unglück. Eines Tages glaubte er, wundersame Heilkräfte in seinen Händen zu spüren, und gab sich fortan als Wunderheiler aus. Als der Chefarzt der Rehaklinik von seiner Entdeckung erfuhr, schickte er meinen Vater in die Großküche des Kurzentrums zur Umerziehung. Spirituelle Behandlungen waren verboten. Mein Vater rächte sich. Er versalzte als Koch regelmäßig die Suppe. Es ging relativ einfach. In einen Kessel mit 50 Liter Suppe streute er sieben Kilo Salz hinein. Ich habe einmal zugeschaut und ihn dabei flüstern gehört: »Sodom und Gomorrha.«

Der Stasi-Blick der Jungfrau Maria

Den nötigen Religionsunterricht verpasste ich mir selbst. Der allgegenwärtige Gott, den ich in der Kirchenkuppel vermutete, kam mir langsam wie die Stasi vor. Die Beichte erinnerte mich an die Verhöre bei der Polizei. Auch die sondierte ständig, was den Leuten in ihrem Gehirn vorging. Woran sie denken, ob sie anders denken, ob sie überhaupt denken. Eigentlich war Denken im Kommunismus verboten, genauso wie die Lust in der katholischen Kirche.

Und das war die Crux. Die Jungfrau Maria blickte aus der Kuppelhöhe zwar lieblich herab, aber unbarmherzig. Als würde sie aufpassen, dass ich meinen Penis nicht anfasste. Und das tat ich ja. Als pubertierender Knabe ist man von diesem Wunderwerk der Natur erstaunt. Ein fleischiges Anhängsel, das sich allein durch Gedanken aufpumpen lässt. Meine Mutter, die ursprünglich jüdisch war, ließ mich im zarten Säuglingsalter nach dem jüdischen Ritual beschneiden. Ich wusste, dass auch Christus ursprünglich ein Jude war, also muss seine Vorhaut beschnitten gewesen sein, so wie bei mir. So etwas verbindet, aber nur unter Männern. Für eine Religionszugehörigkeit reicht das nicht aus.

Jungfrau Maria versus Ulrike von Levetzow

Als Kind träumte ich nicht von der Heiligen Madonna, sondern von Ulrike von Levetzow, Goethes letzter großer Liebe. Das Spitzentuch und das zarte Nachthemd aus dem Marienbader Museum schlugen in meinen ersten erotischen Träumen mit starken Lustimpulsen aus. Solche Phantasien muss man in der katholischen Kirche beichten. Und ich glaube, mein Vater ahnte etwas davon.

Anfang der 1960er-Jahre lockerten sich die Zügel der kommunistischen Totalität ein wenig. In der Marienbader Kirche auf dem Hauptplatz begann ein unerschrockener Pfarrer damit, Gottesdienste zu halten. Er entstaubte auch den Beichtstuhl und hielt dort seine Sprechstunden.

Mein Vater eilte als einer der Ersten hin. Was er wohl auf dem Kerbholz hatte? Machte es ihm etwa zu schaffen, dass er mich regelmäßig verdrosch, oder erlaubte das göttliche Privileg des Vaters eine körperliche Züchtigung?

Du musst beichten, mein Sohn!

Mit dem temporären Kirchenbetrieb beschloss mein Vater, auch mich zum Pfarrer zu schicken.

»Beichte! Das ist eine Pflicht für jeden Katholiken«, herrschte er mich während der Sommerferien an. Ich wurde gerade sechzehn. Der Termin zur Beichte schien verabredet zu sein. Widersprechen wäre zwecklos gewesen. Inzwischen wusste ich von diesen Aktivitäten des Pfarrers, sah immer häufiger alte Frauen an der Stufe zum Beichtstuhl knien. Gebrechlich, einsam, in sich selbst versunken. Auch das gab mir ein Rätsel auf. Warum gerade Frauen? Gebeugte, schwache Altmütterchen. Was lastete so schwer auf ihren Gewissen? Welche so schweren Sünden hatten sie im Laufe ihres Lebens begangen? Sie taten mir leid.

Aber was soll ich Herrn Pfarrer erzählen?, fragte ich mich. Mein Vater brachte mich zur Kirche, schicke mich hinein und wartete draußen.

Die Stimmung war bedrückend. Ich sah vom Pfarrer im Beichtstuhl hinter einem geflochtenen Gitter nur einen verschwommen Umriss. Er segnete mich, murmelte etwas auf Lateinisch und fragte in krächzendem Flüsterton: »Hast du gesündigt, mein Sohn?«

»Nein«, antwortete ich zaghaft.

Etwas raschelte in der Schummerigkeit, als der Pfarrer sich näher zum Gitter beugte. Es wurde noch unheimlicher.

»Aber du denkst schon an Mädchen, mein Sohn, oder nicht? Welche gefällt dir in der Klasse?«, hörte ich seine Stimme.

Da waren schon einige! Ludmila, Bozena, Jitka. Doch welcher Name mir plötzlich rausrutschte, erstaunte mich selbst: »Die Ulrike, ähm, die von Levetzow, die gefällt mir.«

»Aha!«, gurrte der Pfarrer. »Und hast du bei ihr schon unter dem Rock gefummelt?«

»Das geht nicht, Hochwürden, die Ulrike ist …«, wollte ich abwehren, aber der Pfarrer unterbrach mich: »Gib es zu! Auch Lügen ist eine Sünde, du musst ehrlich sein!«

»Die Ulrike …«, versuchte ich nochmals die Sache zu klären und auf das Goethe-Museum hinzuweisen.

Doch der Pfarrer ließ mich nicht zu Wort kommen.

»Ich erteile dir zur Strafe zehn Vaterunser und fünf Mal Mariahilf zu beten! Geh! Und denke nicht mehr an Ulrike.«

Ich trollte mich davon, verdrückte mich in einen Seitenaltar, damit mich niemand sehen konnte. Ich habe mich geschämt. Aber ich war empört, über den Pfarrer, dass er mich so demütigte. Und ich wunderte mich, dass er die Ulrike von Levetzow nicht kannte. An der kann man doch nicht grabschen, die ist längst tot. Weiß der das denn nicht?, regte ich mich auf, während ich auf die Knie sank und versuchte zu beten. Doch meine Gedanken flogen nach Jerusalem. Ich spürte, wie die Sonne dort schien. Alles war friedlich und freundlich. Allmählich beruhigte ich mich wieder.

Als ich die Kirche wieder guten Mutes verließ, brüllte mich draußen mein Vater an. Von wegen heiliges Beichtgeheimnis. Der Herr Pfarrer hatte ihm in der Zwischenzeit alles gesteckt.

»Du willst also Frauen unter den Rock greifen? Du bist vom Teufel besessen«, schrie mein Vater wie von Sinnen. Dann riss er eine Planke aus dem Zaun vor der Kirche und schlug zu. Ich versuchte wegzulaufen, aber er blieb mir auf den Fersen, jagte mich mit der Zaunlatte quer über den Platz.

Die Tracht Prügel, die ich zu Hause bekam, hatte sich gewaschen. Der Hosenboden war anschließend zerrissen, der Hintern blutig. Tagelang spürte ich die Schmerzen und konnte in der Schule nicht richtig sitzen. Daheim herrschte Eiseskälte. Mein Vater hatte sich mit meiner Mutter heftig gestritten. Ich war entsetzt darüber, was eine einzige, heilige Beichte für ein Unheil anrichten konnte. Die katholische Kirche war für mich ein für alle Mal gestorben.

Die Lust auf Kirchenkunst

Heute tut mir mein Vater, Gott hab ihn selig, leid. Dass er sich derart in seinem Seelenlabyrinth verirrte, schmerzt mich. Ohne diese Sodom-und-Gomorrha-Paranoia hätte er mehr Freude am Leben gehabt. Aber vielleicht empfand er Lust dabei, sich zu quälen. Auch er konnte aus seiner Haut nicht heraus.

Seine Eltern, gottesfürchtig, erzkatholisch, bigott, legten ihm einen Vornamen in die Wiege, der ihn dämonisierte – Tiberius. Den Geist des römischen Imperators, der zu Christus’ Lebzeiten regierte, verinnerlichte er derart, dass er sich in der Rolle des Haustyrannen gefiel. Er wusste auch, und das hatte mich ziemlich verwirrt, dass Maria Magdalena an Kaiser Tiberius einen Brief schrieb, in dem sie über die Auferstehung Christi von den Toten berichtete. Darauf komme ich später noch einmal zurück.

Aber damit keine Missverständnisse entstehen: Ich finde den Petersdom in Rom großartig. Prächtig ist der Balkon, von dem aus der Papst alle Jahre zu Ostern vor die Garde der steinernen Säulenheiligen tritt und das versammelte Volk zu seinen Füßen unten segnet. Was für eine Geste, was für eine majestätische Würde, was für eine göttliche Haltung. Kein weltliches Oberhaupt kann in diesem Augenblick dem Papst das Wasser reichen.

Urbi et Orbi – diese Segnung geht ins Knochenmark. Und sogar für die Mode-Blogger ist es ein Ereignis, die prunkvollen Kleider des Obersten Hirten zu beschreiben. Glänzend weißer Satin aus dem Orient, die Stickerei aus echtem Gold und nicht von Gucci. Daher auch zeitlos. Sein schelmisches Lächeln erinnert an die Schauspielerin Judi Dench. Manche Männer werden im hohen Alter eben weiblich. Auch »Papa Benny« hat etwas von einer gütigen Oma. Wir lieben ihn deshalb sehr. Und schwärmen von seinen Open-Air-Messen, die er auf seinen Weltreisen zelebriert.

Aber auch ohne den Heiligen Vater, der sakrale Sound packt! Die orchestrale Wucht, die von Bachs Oratorien ausgeht, die dämonischen Chöre in Mozarts »Requiem«

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