Der kleine Fürst 77 - Adelsroman by Viola Maybach by Viola Maybach - Read Online

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Der kleine Fürst 77 - Adelsroman - Viola Maybach

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Der kleine Fürst –77–

Liebe heilt alle Wunden

Wird Gräfin Barbara den schlimmsten Tag ihres Lebens vergessen?

Roman von Viola Maybach

»Wer war denn dran?«, erkundigte sich Baron Friedrich von Kant, als seine Frau, Baronin Sofia, an den Frühstückstisch zurückkehrte. »Du hast ja mindestens eine halbe Stunde telefoniert.«

Die Baronin griff seufzend nach einem Toast. »Es war Barbara von Thurau«, antwortete sie.

»Und das war so schlimm, dass du seufzen musst?«, wunderte sich der Baron.

»Ich seufze nicht wegen Barbara, sondern wegen ihres Bruders.«

An dieser Stelle wurden die drei Teenager, die ebenfalls am Tisch saßen, aufmerksam. Bis dahin hatten sie sich leise über andere Dinge unterhalten. »Benjamin?«, fragte die dreizehnjährige Anna, Sofias und Friedrichs Tochter.

»Ja. Barbara will eine Aussprache mit ihm herbeiführen, und als Ort dafür hat sie sich Sternberg ausgesucht. Ich konnte ihr ihre Bitte nicht abschlagen – ich verstehe ihre Beweggründe. Hier hat sie Ruhe, und er kann ihr nicht ohne Weiteres ausweichen. Außerdem, das hat sie auch zugegeben, hofft sie, dass wir sie unterstützen, falls es Schwierigkeiten gibt. Aber die Vorstellung, Benjamin von Thurau als Gast hier zu haben …« Sofia beendete den Satz nicht.

»Mit ihm soll es doch immer Schwierigkeiten geben«, stellte der fünfzehnjährige Christian von Sternberg, Sofias Neffe, fest.

»Eben, deshalb seufze ich bei dem Gedanken, ihn hier zu Gast zu haben, Chris.«

»So schlimm wird es schon nicht sein«, meldete sich nun Konrad zu Wort, Annas Bruder. Er bildete sich ziemlich viel darauf ein, drei Jahre älter als sie zu sein. »Und was kann er hier schon groß machen?«

Aber sein Vater war anderer Ansicht. »Wie Chris schon gesagt hat: Ben sorgt eigentlich immer für Ärger, Konny«, entgegnete Friedrich, »von daher sind die Sorgen deiner Mutter nur zu berechtigt.«

»Er hat Schulden«, zählte Anna auf, wie immer gut informiert, »er trinkt zu viel, vielleicht nimmt er sogar Drogen …«

»Und das weißt du alles so genau, weil du dabei warst, oder?«, fragte Konrad spöttisch. Er konnte es nicht lassen, seine Schwester aufzuziehen, wenn auch zum Glück viel seltener als früher. Da hatten sich die Geschwister oft so heftig gestritten, dass die Eltern eingreifen mussten. Das übernahm in letzter Zeit meistens Christian, der zu Anna ein sehr viel engeres Verhältnis hatte, als zu Konrad. Fast immer verteidigte er seine Cousine.

»Nein, ich habe es gelesen«, erklärte Anna jetzt, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. »Er hat sogar schon mal vor Gericht gestanden, glaube ich, aber er ist irgendwie wieder herausgekommen.«

»Ist er denn überhaupt bereit, mit ihr hierherzufahren?«, fragte Christian. »Ich meine, wenn er weiß, was Barbara vorhat …«

»Das weiß er, aber er ist trotzdem bereit, weil ihm nämlich nichts anderes übrig bleibt, Chris«, erwiderte die Baronin. »Er braucht Geld von Barbara, weil er ziemlich böse in der Klemme sitzt, und sie hat gesagt, sie gibt es ihm nur, wenn er mit ihr hierherfährt und bereit ist, mit ihr auch einige schriftliche Vereinbarungen für die Zukunft zu treffen.«

»Daran hält er sich doch bestimmt nicht!«, rief Anna und schüttelte den Kopf, dass die blonden Locken flogen. »Jedes Mal, wenn es Ärger gab, hat er versprochen, sich zu bessern, aber getan hat er es nie …«

»Das hast du auch gelesen?«, stichelte Konrad weiter. »Oder hat er es dir vielleicht sogar selbst erzählt?«

»Sei nicht albern Konny!«, warf Christian ein, was ihm einen dankbaren Blick von Anna und einen bösen von Konrad einbrachte. Immerhin blieb Konrad danach stumm.

»Barbara jedenfalls hofft, dass sie ihn dazu bringen kann, endlich mit diesem Leben aufzuhören. Er ist ihr Bruder, sie hat ihn gern, und sie verzweifelt an seiner selbstzerstörerischen Art. Ihre Eltern haben den Kontakt zu Ben, wie wir wissen, ja längst abgebrochen.« Die Baronin wandte sich ihrem Mann zu. »Hätte ich ihr die Bitte abschlagen sollen, Fritz?«

Er griff nach ihrer Hand und drückte sie. »Natürlich nicht. Wir alle kennen Ben nicht besonders gut, aber er hat ja durchaus charmante Seiten, wenn ich mich recht erinnere, und wir werden schon mit ihm fertig werden, wenn wir uns gemeinsam auf die Situation einstellen. Wann wollen sie denn kommen?«

»An einem der nächsten Wochenenden, sie wollte zuerst wissen, wann es uns am besten passt und ob wir überhaupt einverstanden sind. Ich habe mir gedacht: Je eher, desto besser, dann haben wir es hinter uns.«

Anna stand auf, denn sie, ihr Bruder und Christian mussten zur Schule. »Also, ich finde es interessant, wenn er kommt«, verkündete sie. »Das wird bestimmt kein langweiliger Besuch.«

Sofia seufzte erneut, erwiderte jedoch nichts.

Als sie allein waren, sagte der Baron:

»Mach dir nicht allzu viele Sorgen. So Unrecht hatte Konrad mit seiner Frage gar nicht: Was kann er denn schon machen? Er wird uns sicher nicht ausrauben.«

»Bist du sicher? Es heißt ja, dass er sich wegen seiner hohen Schulden mit dubiosen Leuten eingelassen hat. Mit seinen Eltern hat er sich damals überworfen, weil sie nicht bereit waren, ihm einen Teil seines Erbes vorab auszuzahlen, und jetzt sind sie diejenigen, die den Kontakt endgültig abgebrochen haben. Die Einzige aus der Familie, mit der er noch in Verbindung steht, ist Barbara. Sie will ihn nicht fallenlassen, und ich kann sie gut verstehen. Aber ein Vorbild für Anna, Konny und Chris ist so ein Mann ganz sicher nicht. Und um Konny zumindest mache ich mir immer noch Sorgen, er hatte ja auch schon mal die falschen Freunde, Fritz.«

»Das ist schon ziemlich lange her, und Konny ist im Kern stabil«, erwiderte der Baron nachdenklich. »Um unsere drei ist mir nicht bange. Und so ein Wochenende geht doch schnell herum, Sofia. Wir werden hier sein und die Situation im Auge behalten. Wenn man weiß, dass etwas brenzlig werden könnte, kann man sich ja darauf einrichten.«

Sie schenkte ihm ein liebevolles Lächeln. »Danke für deinen Optimismus, Fritz.«

»Er ist nicht gespielt, Liebste. Warte es ab. Wahrscheinlich erlebst du die Überraschung deines Lebens und es wird ein unerwartet schönes und harmonisches Wochenende.«

Daran freilich vermochte die Baronin nicht zu glauben. Aber immerhin hatte der Zuspruch ihres Mannes bewirkt, dass ihre sonstige Gelassenheit wieder zum Vorschein kam. Sie gab ihm einen Kuss, bevor sie sich eine weitere Tasse Tee einschenkte. Bisher hatten sie noch jede Schwierigkeit gemeistert – und davon hatte es wahrhaftig einige gegeben! Sie würden es auch dieses Mal schaffen.

*

»Du kriegst dein Geld spätes­tens nächste Woche, Marco«, sagte Graf Benjamin von Thurau zu dem untersetzten Dunkelhaarigen, mit dem er in der kleinen Bar schräg gegenüber vom Spielcasino stand. Unterschiedlicher konnten zwei Männer nicht aussehen, als diese beiden. Benjamin war ein großer Blonder mit strahlend blauen Augen, der so viel jungenhaften Charme versprühte, dass er sich um Zuneigung nie hatte bemühen müssen: Sie flog ihm einfach zu. Marco dagegen, dessen Nachnamen Benjamin nicht wusste und auch nie erfahren würde, war dunkelhaarig und untersetzt, er hatte einen Bizeps wie ein Ringer und fast schwarze Augen. Seine Unterarme waren voller Tätowierungen, auf