Dr. Norden 1055 - Arztroman by Patricia Vandenberg by Patricia Vandenberg - Read Online

Book Preview

Dr. Norden 1055 - Arztroman - Patricia Vandenberg

You've reached the end of this preview. Sign up to read more!
Page 1 of 1

Dr. Norden –1055–

Die schwerste Entscheidung seines Lebens

Ein Arzt wächst über sich selbst hinaus

Roman von Patricia Vandenberg

»Vor Schokolade kannst du dich nicht verstecken«, erklärte die Bäckerin Tatjana Bohde und steckte eine Praline in den Mund. »Sie findet dich garantiert.«

Zu dieser frühen Stunde war noch nicht viel los in der kleinen Bäckerei, die Tatjana ihr eigen nannte, und so konnte sie ihr allmorgendliches Ritual mit ihrem Freund genießen.

Der frischgebackene Doktor Danny Norden saß mit ihr am Tisch des kleinen Cafés ›Schöne Aussichten‹ und trank Kaffee mit Tatjana. Ungläubig schüttelte er den Kopf.

»Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der Schokolade frühstücken kann.«

»Das ist der ultimative Kick. Solltest du auch mal probieren!«, forderte Tatjana ihn auf und hielt ihm eine der kleinen Pralinen vor den Mund, die ihre Mitarbeiterin Marianne gezaubert hatte.

Schon beim Gedanken daran schüttelte sich Danny.

»Nein, vielen Dank. So einen Kalorien-Schock verkraftet mein Magen so früh am Morgen noch nicht.«

»Auch gut. Dann bleibt mehr für mich.« Tatjana machte keinen weiteren Versuch, ihren Freund zu überzeugen, und steckte die Praline kurzerhand selbst in den Mund. »Wenn du glaubst, dass die Croissants, die du jeden Morgen isst, weniger Kalorien haben, dann bist du auf dem Holzweg«, fuhr sie grinsend fort und trank einen Schluck von ihrem heißen Milchkaffee.

Unwillkürlich musste Danny an die knusprigen Croissants denken, die mit anderem Gebäck schon in einer Tüte auf ihn und seine Kollegen in der Praxis warteten. Allein beim Gedanken an den feinen Buttergeschmack, an das Gefühl, wenn sich seine Zähne in die knusprige Kruste und dann in den weichen Teig gruben, ließ ihm das Wasser im Mund zusammen laufen. Und diese Köstlichkeit sollte eine Sünde sein?

»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, fragte er ungläubig.

»Natürlich«, gab Tatjana erbarmungslos zurück. »Schließlich wird ein ganzes Pfund Butter mit genauso viel Mehl immer und immer wieder ausgerollt, sodass die vielen feinen Schichten entstehen«, erklärte sie in knappen Worten das aufwändige Procedere, das sie sich oder ihren Mitarbeiterinnen jeden Morgen zumutete. »Du kannst von Glück sagen, dass du nur die einfachen Croissants isst. Die mit Nuss-Nougatfüllung oder mit Marmelade sind noch schlimmer.«

»Vielen Dank, das tröstet mich sehr«, erwiderte Danny mit einem Blick auf seinen Bauch. Er nahm sich vor, am Abend eine Extrarunde zu joggen, als ihm einfiel, dass sie Karten für ein Rockkonzert hatten. »Wollen wir heute Abend vor dem Konzert noch bei Mum und Dad vorbei schauen, oder wird das zu knapp?«, ließ er Tatjana an seinem Gedankengang teilhaben.

Nachdenklich wiegte sie den Kopf.

»Das kommt drauf an, wie lange das Abendessen dauert.« Der Zwiespalt, in dem sie sich befand, spiegelte sich deutlich auf ihrem Gesicht wider.

In Ermangelung einer eigenen Familie – Tatjanas Mutter war bei einem Autounfall ums Leben gekommen und ihr Vater arbeitete als Ingenieur im Orient – hatte sie die Nordens schon nach kurzer Zeit adoptiert. Inzwischen liebte sie Daniel und Fee wie leibliche Eltern und Dannys Geschwister waren auch die ihren.

»Ich werde später mit Lenni telefonieren und ihr Bescheid sagen, dass wir nicht viel Zeit haben«, versprach Danny.

»Das ist lieb von dir!« Tatjanas Augen strahlten auf vor Liebe zu ihrem Freund und sie beugte sich hinüber zu ihm, um ihn zu küssen.

*

»Morgen Abend könnte ich fertig sein.« Mit einer Schiebermütze auf dem Kopf stand der Maler nach einem Rundgang durch die Wohnung wieder im kahlen Flur und sah den Eigentümer Dr. Matthias Wiegand fragend an. »Passt das?«

»Absolut perfekt.« Zum Zeichen seiner Zufriedenheit reckte der Internist der Behnisch-Klinik den Daumen der rechten Hand hoch. »Mein Vater kommt heute Nachmittag mit dem Zug. Morgen will er eine Freundin hier in München besuchen. Dann werde ich ihm übermorgen seine neue Bleibe zeigen.«

Herr Karlsen nahm die Mütze vom Kopf und kratzte sich an der Stirn.

»Ihr Herr Vater soll mit seiner Freundin hier einziehen?«, fragte er kritisch.

»Mit Hella?« Allein dieser Gedanke brachte den Arzt zum Lachen. »Ausgeschlossen. Sie ist viel zu verrückt und lebhaft für ihn und würde ihn nur in den Wahnsinn treiben.« Um seine Worte zu unterstreichen, schüttelte er den Kopf. »Nein, mein Vater wird hier allein leben. Was ist? Warum schauen Sie so skeptisch? Die Wohnung ist doch schön.«

»Sie ist perfekt für eine kleine Familie«, erwiderte der Maler. »Aber für einen allein? Nein, das wär mir viel zu groß. Aber wem’s gefällt.« Herr Karlsen setzte die Mütze wieder auf den Kopf und machte Anstalten, die Leiter auszuklappen, die schon an einer Wand lehnte.

Seine Worte hatten den Arzt nachdenklich gestimmt.

»Ehrlich gesagt hat mein Vater noch keine Ahnung von seinem Glück«, gestand er kleinlaut.

»Das haben Sie über seinen Kopf hinweg entschieden?«, fragte der Maler mit großen Augen. »Warum?«

»Weil mein Vater auch nicht jünger wird«, verteidigte Matthias Weigand seine Pläne energisch und hatte gleichzeitig ein schlechtes Gewissen dabei. Er wusste selbst, wie eigenmächtig er handelte. Nachdem aber all seine Überzeugungsversuche der letzten Jahre ungehört verhallt waren, hatte er sich dazu entschlossen, seinem Vater das Messer auf die Brust zu setzen. »Er hat nicht viele Freunde in Frankfurt und will nur nicht herkommen, weil er Angst hat, mir zur Last zu fallen.«

»Mag schon sein«, erwiderte Maler Karlsen ungerührt. »Trotzdem ist er ein erwachsener Mann und kann allein entscheiden. Wenn er die Sache nun mal so sieht, sollten Sie seine Meinung respektieren.« Er griff nach der Malerfolie und schüttelte sie, dass sie sich raschelnd entfaltete.

»Er kann die Wohnung immer noch ablehnen«, erwiderte Matthias trotzig. Er trat zurück, um die Arbeiten nicht zu behindern, und beschloss, das Thema zu wechseln. »Lust auf ein Frühstück? Die Freundin eines Kollegen betreibt ganz in der Nähe ein nettes kleines Café und hat eine fantastische Auswahl an hausgemachten Backwaren.«

Doch auch dazu hatte Maler Karlson eine eigene Meinung.

»Ich brauch diesen Firlefanz nicht«, brummte er. »Aber zu ein paar einfachen Brötchen und Brezen sag ich nicht nein.«

Inzwischen hatte Matthias Weigand beschlossen, sich die Freude an seinem Plan nicht verderben zu lassen, und fand langsam seine gute Laune wieder.

»Selbst einfache Brötchen und Brezen sind ein Gedicht bei Tatjana. Sie werden schon sehen.«

»Ich bin froh, wenn ich Sie jetzt nicht mehr sehe. Sonst wird die Wohnung doch nicht bis morgen Abend fertig«, ließ der Handwerker durchblicken, und der Arzt machte sich auf den Weg zum Café ›Schöne Aussichten‹, wo Tatjana und Danny ihr Frühstück eben beendeten.

*

Die junge Bäckerin löste sich gerade aus der Umarmung mit ihrem Freund, als das Glöckchen über der Tür hektisch klingelte. Der erste Kunde des Tages betrat die Bäckerei.

»Sagt mal, habt ihr nicht die ganze Nacht zusammen verbracht?«, beschwerte sich eine wohlbekannte Stimme scherzhaft. »Man sollte meinen, dass ihr irgendwann genug voneinander habt.«

»Nur kein Neid, lieber Kollege«, lachte Danny und begrüßte Dr. Matthias Weigand.

Hin und wieder hatten die beiden Ärzte miteinander zu tun,