Der Stiefelgeist by Jovanka Komposch-Duric by Jovanka Komposch-Duric - Read Online

Book Preview

Der Stiefelgeist - Jovanka Komposch-Duric

You've reached the end of this preview. Sign up to read more!
Page 1 of 1

Robert

Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2016 united p. c. Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-7103-2142-9

ISBN e-book: 978-3-7103-2573-1

Lektorat: Isabella Busch

Umschlagfoto: Sandra Fedele Caserta

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag

www.united-pc.eu

Vorwort

An einem wunderschönen Ort, umgeben von großen Bergen und Landschaften lebte ich mit meinen sieben Geschwistern, Mutter und Vater. Es war damals fast wie in jedem anderen Dorf. Jeder lebte auf seine eigene Art und Weise. Die meisten hatten einen gut erhaltenen Bauernhof und andere hatten weniger. Aber schlussendlich waren alle auf irgendeine Art zufrieden mit dem, was sie hatten. Die Wohlhabenden hatten auch noch Knechte, die bei denen arbeiten durften. Wir hatten ein Haus mit drei Zimmern, dem Dachboden und einem Keller.

Den Dachboden sieht man vom Wohnzimmer aus direkt bis in seine Spitze rauf, der Keller war so dunkel, vor dem habe ich mich immer gefürchtet. Deshalb habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich den Keller nicht mag und sie soll ihn wegschicken.

In Wohnzimmer hat mein Vater einen Kamin gebaut, der stand mitten im Zimmer und auf ihm stand ein großer schwarzer Topf. In dem großen Topf hat unsere Mutter immer etwas gekocht. Tagsüber waren alle auf dem Feld beschäftigt, und wenn die Arbeit auf dem Feld erledigt war, gab es auch zu Hause immer etwas zu tun.

Die Männer haben das Holz besorgt, während die Frauen mit Wuschen oder Nähten oder mit den Kindern beschäftigt waren. Am meisten liebte ich die Abende, als uns Mutter Geschichten erzählte, es gab keine Bücher, und sie hat uns nie vorgelesen, aber sie konnte damals so schöne Geschichten erzählen. Eine davon fand ich am lustigsten, als sie uns von ihrer Kindheit erzählte.

Als meine Mutter klein war, gab es nicht viel zum Anziehen. Man nähte alles selber, wenn man Stoff hatte. Zum Beispiel eine Art Umhang, um alles zu überdecken. Männer hatten auch so einen Umhang und haben dann ausgesehen, als trügen sie einen Rock. Und so haben sich alle gekleidet, Männer mit Rock und Frauen auch, bis einmal ein Fremder ins Dorf kam mit seltsamen Hosen.

Der Fremde erklärte damals, dass die Männer Hosen tragen müssen und nicht so rumlaufen dürfen wie Frauen, und so verkaufte der Fremde ein paar Hosen und ging weiter. Der Nachbar meiner Mutter hatte auch so eine Hose gekauft. Sie war sehr teuer, aber der Nachbar wusste nicht, wie man so etwas anzieht. So rief er weitere Nachbarn und bat sie, ihm zu helfen. Diese haben es probiert, aber es half alles nichts, niemand wusste, wie man so ein Ding anzog. Und so kamen weitere neugierige Leute.

Schlussendlich hatte einer von denen einen Plan; zwei Männer sollten die Hose aufhalten, während ein anderer auf den Baum klettern und von oben runterspringen und genau in die Hose treffen sollte. Aber jedes Mal, wenn der Mann vom Baum sprang, verfehlte er die Hose und landete mit Abschürfungen und blauen Flecken auf dem harten Boden der Tatsachen. Irgendwann gelang es dem Mann dann aber doch und er hatte die Hose tatsächlich an. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass es so was überhaupt mal gegeben hat, aber damals wussten die Leute anscheinend nicht viel, sie kannten nur die Arbeit auf dem Feld oder wussten, wie man einen Baum fällt.

Ich habe mich danach immer wieder gefragt, ob der Mann diese Hose irgendwann ausgezogen hat, und wenn ja, wie? Und vor allem: Wie hat er sie wieder angezogen bekommen?

Der hinterhergelaufene Baum

Auch mit den Bäumen war es früher viel einfacher. Wenn man Holz brauchte, besorgten man es sich in dem nahe gelegenen Wald. Die Menschen fällten einen Baum und gingen wieder nach Hause, den Baum im Schlepptau. Ja, so hat es mir meine Mutter erzählt, der Baum ist auf irgendeine Weise immer mitgegangen, ganz von alleine. Es war so, bis einmal ein besoffener Mann so müde war, dass er sich auf den hinterhergelaufenen Baum setzte, und da war es stille. Von da an ging kein einziger Baum mehr von alleine hinterher. Für mich war das unvorstellbar, aber tief in meinen Gedanken dachte ich, die Menschen machen so viel kaputt.

Anfang November im Jahr 1961 war es sehr kalt und der Schnee war schon im Anmarsch. Wir kuschelten uns alle in der Wohnstube an den offenen Kamin, und da bekamen wir Besuch von unserer Verwandtschaft.

Meine Cousine mochte ich nicht so besonders, weil sie immer Sachen von mir versteckte, wenn wir zusammen waren. Aber dieses Mal war der Besuch ein bisschen länger als üblich, da sie für eine Weile bei uns wohnen wollte. Am Anfang war es nicht so schlimm, aber nach einer Woche fing sie wieder an mit ihrer ungewöhnlichen Art zu nerven. Überall wo ich mich aufhielt, war sie auch. Ales, was ich anfasste, war schon in ihren Händen. Zu oft rannte ich zu meiner Mutter, um ihre Hilfe zu holen, es war alles umsonst. „Du musst ein bisschen Geduld haben, Jovi, hat meine Mutter immer gesagt, „sie ist nur hier, bis ihre Eltern wieder zurückkommen, außerdem ist sie deine Cousine, sei lieb zu deiner Cousine, Jovi.

So ging es fast jeden Tag. Einmal, als ich mich in einem anderen Zimmer versteckte, als meine Cousine draußen war, wollte ich durch das Fenster schauen, aber da ich noch zu klein war, holte ich schnell einen Hocker und stieg drauf, machte das Fenster auf und staunte über die großen Flocken, die vom Himmel fielen. Ich wollte unbedingt eine