Esther ermittelt by Andreas Mundt by Andreas Mundt - Read Online

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Esther ermittelt - Andreas Mundt

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Blödsinn.

1

Esther liebt ihre Hühner. Und sie kennt sich aus. Sie weiß genau, wie viel Futter in die Tröge gehört. Sie kann jedes Huhn beim Namen nennen. Wenn Bärbel und Klaus behaupten, sie sähen alle gleich aus, lacht sie darüber. Sie kann alle Hennen mit Leichtigkeit voneinander unterscheiden.

Esther braucht nicht so klug zu sein wie andere Leute. Sie kümmert sich um die Hühner und sonst um gar nichts. Wenn sie ratlos ist und nicht weiter weiß, helfen ihr Nager und Uganda. Das sind zwei winzige Zwerge, die in ihrem Kopf wohnen. Direkt hinter der Stirn. Immer wenn Esther durch das Dorf geht und freche Kinder hinter ihrem Rücken Witze machen, wenn sie tuscheln, sich gegenseitig anstupsen und lachend auf sie zeigen, helfen ihr die Zwerge. Die Zwergenfrau Uganda sagt meistens: „Bleib ruhig, liebe Esther, bleib ruhig." Und Nager singt ein Lied. Der Zwerg hat eine wunderbare Stimme. Wenn sie ihn hört, bleibt Esther ruhig und ärgert sich fast gar nicht über die Kinder. Sie geht einfach weiter zur Tankstelle, wo sie jeden Freitag ein paar Süßigkeiten und eine Zeitschrift mit bunten Bildern kauft. Am Abend sieht sie das Heft genau an. Geschriebenes interessiert sie nicht. Sie kann nicht lesen. Bloß die Zahlen. Und ihren eigenen Namen. Der steht nur selten in den Magazinen. Wenn Esther alle Seiten durchgeblättert und angesehen hat, schneidet sie die schönsten Fotos aus. Manche befestigt sie mit Klebeband am Kleiderschrank.

An Samstagen macht sie oft einen Ausflug mit Bärbel, Klaus und den Betreuerinnen. Meistens gehen sie gemeinsam spazieren und anschließend in ein Café. Aber zuerst muss sie die Hühner versorgen. So ist das auf einem Bauernhof. Bärbel und Klaus haben es da besser. Die arbeiten in der Gärtnerei. Da können sie an den Wochenenden lange schlafen. Trotzdem möchte Esther nicht mit ihnen tauschen. Sie liebt ihre Hühner.

Schon seit vielen Jahren lebt sie auf dem Sonnenhof. Vorher wohnte sie in der „Diakonischen Wohn- und Pflegeanstalt für psychisch Kranke und geistig Behinderte". Als der Sonnenhof eröffnet wurde, durfte sie gleich als eine der Ersten einziehen. Bärbel und Klaus sind viel später dazugekommen.

Früher hat Esther die Schweine und Rita die Hühner versorgt. Schweine mochte sie noch nie. Die waren ruppig und gemein. Sie musste immer aufpassen, nicht gebissen zu werden. Hühner sind nett und freundlich. Hühner sind lieb. Als entschieden wurde, dass die blöden Schweine weg sollten, hat Esther sofort darum gebeten, zu den Hühnern zu dürfen. Und weil Rita gestorben ist, durfte sie diese Aufgabe übernehmen.

Die Mutti ist ungefähr zur gleichen Zeit gestorben. Esther hat vorher gar nicht gewusst, dass Mutti sterben könnte. Kurz darauf sind Nager und Uganda in ihren Kopf eingezogen. Die Zwerge haben von Mutti schöne Grüße bestellt und da war sie etwas weniger traurig. Seitdem sind die beiden immer da, wenn sie Hilfe braucht.

Letzte Woche hatte Esther Geburtstag. Da ist sie 52 Jahre alt geworden. Nun sitzt sie im Aufenthaltsraum und wartet auf Herrn Weinert. Herr Weinert kommt schon das dritte Jahr zu ihrem Geburtstag. Jedes Mal bringt er ihr eine Tafel Schokolade mit.

Esther mag Herrn Weinert. Der reißt niemals Witze über sie. Er ist ihr Betreuer. Nicht so wie Maike, Franzi oder all die anderen, die täglich auf den Hof kommen und aufpassen. Herr Weinert ist ihr rechtlicher Betreuer und macht das, was früher ihr Vormund Doktor Ahrens getan hat. Der war auch immer freundlich gewesen. Er war gar kein richtiger Doktor. Er hat nie den Blutdruck gemessen oder den Puls gefühlt. Einen weißen Kittel hat er auch nie getragen. Er hat immer nur irgendwelche Papiere vollgeschrieben. Doktor Ahrens ist nett gewesen, aber nicht so nett wie Herr Weinert. Der füllt jetzt immer alle Formulare für Esther aus. Weil Doktor Ahrens schon tot ist, so wie die Rita. Und die Mutti.

Esther kann nicht so gut schreiben wie Herr Weinert oder wie früher der Doktor Ahrens. Sie kann nur ihren Namen schreiben. Und Zahlen. Lesen kann sie auch nicht. Aber das macht nichts, denn Herr Weinert hilft ihr ja. Manchmal, wenn er sie besucht, bringt er irgendwelche amtlichen Briefe mit. Die liest er ihr vor und erklärt Esther genau, was sie bedeuten. Herr Weinert kann gut erklären. Esther hört ihm gerne zu. Er hat eine schöne Stimme. Meistens versteht sie nicht, was er ihr da so Wichtiges erzählt. Das stört sie nicht, sie mag den freundlichen Mann mit dem lustigen Bärtchen und der hübschen goldenen Brille. Doktor Ahrens hat ihr nie etwas erklärt.

Esther hört ein Auto auf den Hof fahren. Das ist Herr Weinert mit seinem flotten Sportwagen. Sie hört das Zuschlagen einer Autotür.

Im nächsten Moment begrüßt Herr Weinert die Betreuerin Maike auf dem Flur. Die beiden gehen ins Büro. Dort reden sie und blättern in den Akten. In der Zwischenzeit wartet Esther. Nager singt ihr ein Lied vor, bis Uganda ihn unterbricht: „Sei still, Nager, er kommt."

Endlich betritt Herr Weinert den Aufenthaltsraum. Er geht freundlich lächelnd auf Esther zu, reicht ihr die Hand und sagt: „Guten Morgen Frau Schütze, ich wünsche Ihnen nachträglich alles Gute zu Ihrem Geburtstag. Wie geht es Ihnen?"

Esther freut sich.

„Gut, mir geht es gut! Ich habe Kaffee gekocht!"

Aufgeregt gießt sie Herrn Weinert eine Tasse ein.

„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Frau Schütze."

Er reicht ihr eine Tafel Schokolade. Höflich bedankt sie sich. Gerne hätte sie ihn umarmt und einen Kuss gegeben. Uganda rät ihr davon ab: „Das gehört sich nicht!"

Da lässt sie es bleiben.

„Was machen die Zwerge?", fragt Herr Weinert.

Esther lacht über diese Frage. Sie weiß genau: Er glaubt gar nicht, dass Nager und Uganda in ihrem Kopf wohnen. Er denkt, es gäbe keine Zwerge. Die Frage muss ein Scherz sein. Weil Herr Weinert immer nett zu Esther ist, muss es ein netter Scherz sein. Deswegen lacht sie.

Sobald sie fertig gelacht hat, sagt Herr Weinert: „Frau Schütze, wir haben jetzt etwas Wichtiges zu besprechen. Können Sie sich noch an ihre Mutter erinnern?"

Esther nickt.

„Hat sie Ihnen einmal Geld gegeben?"

Warum fragt Herr Weinert das? Er weiß doch, dass Esther kein Geld hat. Sie hat immer nur das Geld, das sie an den Freitagen von den Betreuerinnen bekommt. Esther überlegt.

Sie nickt und antwortet: „Ja, Mutti hat mir Geld gegeben, aber jetzt ist sie tot."

„Viel Geld?"

„Ja, viel Geld. Sogar Papiergeld." Papiergeld ist mehr wert als Münzen.

Herr Weinert sieht sie nachdenklich an.

„Ich habe mir davon Süßes gekauft, sagt Esther. „Und eine Zeitung.

Sie hätte ihm gerne etwas geantwortet, worüber er sich freuen könnte. Weil er so ernst, so fürchterlich ernst, aussieht. Sie strengt den Kopf an.

„Jochen, der hat immer viel Geld. Jochen ist ihr Bruder. „Der hat mir auch mal was davon gegeben. Wenn du ihn fragst, gibt er dir etwas ab. Sogar Papiergeld. Jochen ist lieb.

Herr Weinert seufzt.

„Und sonst, Frau Schütze? Geht es Ihnen gut?"

Nager lacht albern in ihrem Kopf, weil Herr Weinert das doch schon gefragt hat.

„Mir geht es gut, antwortet Esther nochmal. „Ich habe Kaffee gekocht.

Für Geldsachen interessiert sie sich nicht besonders. Obwohl er noch nicht ausgetrunken hat, gießt sie ihm die Tasse wieder voll. Herr Weinert trinkt höflich davon, steht auf und reicht Esther die Hand zum Abschied.

„Ich werde jetzt nach Hause fahren. Auf Wiedersehen Frau Schütze."

„Auf Wiedersehen"

Er verlässt den Aufenthaltsraum. Esther stellt sich an das Fenster und beobachtet, wie er draußen zu seinem flotten Sportwagen geht.

2

Weinert steigt in den alten, etwas rostigen Alfa Romeo.

Er kennt Esther Schütze noch nicht lange. Nachdem Doktor Ahrens einem Herzinfarkt erlegen war, hat er sie von ihm „geerbt". Vom Amtsgericht wurde er als rechtlicher Betreuer für die Besorgung ihrer finanziellen Belange berufen. Sie ist nicht seine einzige Klientin, aber er hat sie besonders ins Herz geschlossen.

Nachdem er den Motor gestartet hat, winkt er Frau Schütze, die noch am Fenster steht, freundlich zu und fährt vom Hof. Auf der Landstraße beschleunigt Frank Weinert zügig auf knapp 120 Stundenkilometer.

„Dieses Auto, schwärmt er in Gedanken, „ist doch schon eine alte Dame – wie Frau Schütze. Und schnurrt immer noch wie ein Bienchen!

Er rast zurück in die Stadt. In die „große Stadt" wie Frau Schütze sie immer nennt. Zum Glück wohnen nicht all seine Betreuten draußen auf dem Land. Da würde Frank bei der mickrigen Pauschale, die er pro Klient bekommt, keine Besuche mehr anbieten können.

Frau Schütze besucht er gerne. Es tut ihm jedes Mal gut, ihr zu begegnen. Erst recht nach einem Streit mit seiner Frau, wie an diesem Morgen.

Maren kann ihm wirklich auf die Nerven gehen mit der ewigen Eifersucht.

Einmal war sie ihm heimlich gefolgt, als er zum Sonnenhof fuhr. Sie hat sich einen Tag frei genommen, um ihm nachzuspionieren. Als würde er sie mit der Schütze betrügen. Er hat so getan, als habe er die Überwachung nicht bemerkt. Maren ist eben dauernd krankhaft eifersüchtig. Daran wird sich wohl niemals etwas ändern.

Es ist still, als Frank die Wohnung betritt.

„Hallo, ich bin zu Hause!"

Kurz lauscht er auf eine Antwort, lässt den Schlüssel auf die Anrichte im Flur fallen und geht ins Wohnzimmer.

„Maren? Bist du da?"

Frank geht durch die einzelnen Räume.