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Reichengasse: Essays von Anton Christian Glatz

Reichengasse: Essays von Anton Christian Glatz

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Reichengasse: Essays von Anton Christian Glatz

Length:
329 pages
4 hours
Publisher:
Released:
Mar 28, 2017
ISBN:
9783741221507
Format:
Book

Description

Dieser Band versammelt sechzehn Essays zu diversen gesellschaftlich relevanten Themen. Diese entzünden sich besonders an den strategischen Unterschieden zwischen Theorie und Praxis. Die Sicht ist freigeistig, religions- und sozialkritisch.
Ein Vademecum für alle Querdenkenden von heute.
Publisher:
Released:
Mar 28, 2017
ISBN:
9783741221507
Format:
Book

About the author

Anton Christian Glatz, geb. 21.02.1956, Schriftsteller in Graz, Vater dreier Kinder. Seit seinem 17. Lebensjahr schreibt er Sachbücher, Lyrik und diverse Epik. A. Ch. Glatz fühlt sich der Fantastik sowie der Gesellschaftskritik verpflichtet.


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Book Preview

Reichengasse - Anton Christian Glatz

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Weikhard-Uhr

Babsi, eine Sünderin vor dem Herrn

Sind wir alle Charlie Hebdo?

Des Glückes Schmied

Das bedingungslose Grundeinkommen – eine pragmatische Vision

Der lange Weg zum Mann

Im Zentrum des Zyklons

Zwischenwort

Stramm gestanden

Es geht um die Wurst

Theodizee

Die Becherwaschanlagen-Sinfonie

Danila

Vegetarisch leben

Sieben Söhne für den Himmel

Gehen

Nachwort

Vorwort

Anfang der 90er-Jahre stellte sich mir die Aufgabe, meine Interessen stärker zu fokussieren, wobei Literatur, Politik oder Philosophie zur Auswahl standen. Die Befürchtung, mich zu verzetteln und folglich meine Energien zu vergeuden, führte mich an diesen Punkt. Strategisch schien eine Spezialisierung geraten. Ich sah mich am Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit, die ich dem Betätigungsgebiet mit den besten Aussichten zukommen lassen wollte. Nach eingehender Introspektion entschied ich mich für die Literatur. Ich meinte damit über ein Mittel zu verfügen, das politische und philosophische Inhalte ebenfalls zu transportieren imstande ist, wenngleich in eingeschränktem Umfang. Wie es sich für einen politisch bewussten Schriftsteller gehört, griff ich fortan gesellschaftskritische Inhalte auf, verpackte subversive Botschaften aller Art auf unterschiedliche, möglichst raffinierte Weise in meine Texte. Ich kultivierte die wohldosierte Provokation, würzte mit Seitenhieben gegenüber den offiziellen Autoritäten, usw. Lange Jahre ging es mir gut damit, dergestalt Gott, der Welt und vor allem den gesellschaftlichen Eliten ans Bein zu pinkeln.

Inzwischen ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Die Gesellschaft scheint mir Formen angenommen zu haben, die nach einer deutlicheren, einer expliziteren Sprache verlangen. Ich möchte nicht die gute, alte Zeit beschwören, denn diese ist meist einer romantisierenden Erinnerung geschuldet. Aber dass wir heutzutage, angesichts einer Weltwirtschaftskrise nach der anderen, Sozialabbau, Massenarbeitslosigkeit, fanatisierten Gotteskriegern etc., in der öffentlichen Diskussion eine wuchtigere Sprache führen müssen, ist offensichtlich. Die in Belletristik, und sei es mit noch so viel Liebe und Sorgfalt, eingebauten Botschaften erscheinen mir nunmehr zu fragil. Zu leicht fallen sie der Vergessenheit anheim, wenn man sie überhaupt wahrnimmt. Außerdem ist Belletristik, von wenigen glücklichen Ausnahmen abgesehen, nicht dazu angetan, die Welt zu verändern, geschweige denn zu verbessern. Ich halte das fest, wenngleich diese Erkenntnis mit einer gewissen Düsternis umflort ist. Prätentiöses gehört zu den marginalen Effekten in der Literatur. Der langen Rede kurzer Sinn: Es drängte mich, schweres Geschütz aufzufahren. In diesem Sinne möge man sich nicht wundern, wenn ich in dieser Essaysammlung bisweilen klardeutsch rede. Flaue Texte ohne Ecken und Kanten kann ich nicht ausstehen. Ich halte es mit Martin Luther, der gesagt hat: „Wenn ich furze, soll man es bis Rom riechen."

Auf der Suche nach literarischen Ausdrucksmöglichkeiten für dieses Bedürfnis kam mir die Textgattung Essay gelegen. Der Essay wurde von Michel de Montaigne (1533 – 1592) begründet. Ein solcher Text beschäftigt sich mit Sachfragen, ist aber keine wissenschaftliche Arbeit. In der Wissenschaft muss sich ein Autor möglichst zugunsten objektiver Fakten zurücknehmen. Trotzdem hat bereits der Nobelpreisträger und Begründer der Quantenphysik Werner Heisenberg¹ die Beobachterrelevanz gerade für eine, gemeinhin als exakt und objektiv geltende, Wissenschaft, die Physik, nachgewiesen. Man ist sich speziell in der Geisteswissenschaft lange schon im Klaren, wie hypothetisch dieses Postulat ist, vor allem, wenn es um Hermeneutik geht. Damit ist die Deutung aufgrund von Verstehen bzw. eines tieferen, intuitiven Verständnisses gemeint. Hermeneutisch werden z. B. Kunstwerke oder Texte interpretiert und beurteilt. In diesen Fällen geht es gar nicht anders, weil es an objektiven Kriterien mangelt. Bei allem Verständnis für die Lage driftet die Hermeneutik damit bereits in die Tümpel der subjektiven Beliebigkeit. Das schmälert ihren Wert in Bezug auf die Ergebnisse.

Als Autor von Belletristik ist man selbstverständlich implizit von der ersten bis zur letzten Zeile zugegen, bei einer auktorialen Erzählung oft sogar expressiv verbis. Ein Essay räumt dem Autor jede Menge Raum ein, seine subjektiven Interpretationen, Hoffnungen, Wünsche, Befürchtungen usw. einzubringen, vorausgesetzt, sie werden als solche deklariert. In diesem Sinne stelle ich persönliche Erfahrungen, sowie die Erkenntnisse, die ich daraus destillierte, beispielhaft zur Diskussion. Ich tue dies keineswegs, weil ich mich für wichtig halte (glücklicherweise bin ich das nicht), sondern weil es sich über eigene Erlebnisse am treffsichersten schreiben lässt. Meiner demokratischen Grundhaltung folgend nahm ich Gastkommentare auf.

An den Erfahrungen und Erkenntnissen, welche das eigene Leben anbietet, vorbeizugehen, ist die einzige Sünde, die ich kenne. Dazu neigen Personen, die sich einem geisteswissenschaftlichen Zugang verschrieben haben, ganz besonders. Meinen diese doch, die eigene Person im Interesse einer objektivierten Erkenntnis als Instanz aus dem Diskurs nehmen zu müssen, und unterliegen dabei dem Irrtum, dies sei möglich. Da kann es denn geschehen, dass sich eine Soziologin kopfschüttelnd fragt, warum nicht mehr Mädchen klassische Männerberufe ergreifen, obwohl seit Jahren die obrigkeitliche Beeinflussung in dieser Richtung läuft. Sie findet keine Untersuchungen, keine Statistiken auf ihrem Schreibtisch, die Auskunft geben. Nie käme sie auf die Idee, sich selbst die Frage zu stellen, wieso aus ihr eine Wissenschaftlerin geworden ist, und keine LKW-Mechanikerin.

Der Essay vermag diese Lücke zu schließen. Insofern finde ich diese Textgattung ehrlicher und als Ausdrucksform authentischer. Freilich wird es sich mitunter um philosophische und wissenschaftliche Überlegungen oder gar Exkurse handeln, die in den Text einfließen. Bei allen Türen jedoch, die der Essay zu Philosophie und zur Wissenschaft aufstößt, ist und bleibt er letztlich ein literarisches Unterfangen. Folgerichtig leuchtet der Name de Montaigne weitaus heller in der Ahnengalerie der Literaten, als bei den Philosophen.

Indes stellen das wissenschaftliche und das essayistische Vorgehen nur zwei grundverschiedene Zugänge dar. Sie erübrigen sich gegenseitig keineswegs, sondern sollten als Ergänzung wahrgenommen werden. Zuweilen ergibt sich für den Autor bereits aus dem allgemeinen Kontext, wie etwa Thema, persönliche Interessenlage, usw., welcher Zugang adäquat ist. Der Essay eröffnet andere Möglichkeiten als die wissenschaftliche Abhandlung und entspricht überdies meinem Naturell.

Bevor aus diesem Vorwort jedoch ein Essay über den Essay wird ... Es ist mir lediglich ein Bedürfnis, meinen Lesern darzulegen, weshalb ich, als Erzähler, mich nun einer anderen Ausdrucksform bediene. Durch die enorme thematische Bandbreite und sprachliche Geschmeidigkeit der Textgattung fand ich ein Instrumentarium, dessen Klaviatur mich nach Belieben in dur und moll schreiben lässt. Ich hatte zwar bereits Ende der 80er-Jahre mit einer Veröffentlichung im Eigenverlag („Die Alchemie von Speis und Trank") einschlägige Erfahrungen gesammelt, machte jedoch in meinem Buch „Die Dunkelfrau will herein" 2012 erstmals professionellen Gebrauch. Wegen Platzmangels – immerhin beinhaltet der Band auch Kurzgeschichten und Gedichte –, entschied ich mich damals für ein eigenständiges Projekt mit ausschließlich Essays, die „Reichengasse".

In diesem Sinne: Willkommen zum Buch. Sie finden inhaltlich sehr verschiedene Texte versammelt, wodurch hoffentlich jeder Leser ein Thema findet, auf das er sich näher einlassen möchte. Zudem stammen die Essays aus verschiedenen Epochen meiner schriftstellerischen Laufbahn. Insider erkennen bestimmt unschwer die Texte über den Vegetarismus und „Sieben Söhne für den Himmel" als älter. Deren Urfassungen datieren in die 80er-Jahre. Ich habe diese Essays behutsam aktualisiert, ohne sie gänzlich des Flairs meiner früheren Sprache zu entkleiden. Grundsätzlich verbuche ich es positiv, wenn sich die Schreibe entwickelt. Was sollte ihre Lebendigkeit besser beweisen? Diese Texte liegen nun in der finalen Form vor und ich freue mich, sie endgültig loslassen zu können.

Der merkwürdige Untertitel „Auf der Suche nach dem Wesentlichen – Teil 2" hat eine Geschichte, die zum besseren Verständnis in aller Kürze verraten sei. In meiner Jugend wollte ich, analog der 22 Karten des Großen Arkanums des Tarots, ein 22-bändiges Werk aus allen möglichen Wissensgebieten schaffen ... Nun ja, jedes Flugzeug startet die Schnauze spitz nach oben und mit eindrucksvoller Beschleunigung. In achttausend Metern Höhe und bei Reisegeschwindigkeit sieht es lange nicht mehr so beeindruckend aus. Dieser Effekt widerfuhr mir ebenso. Das Leben setzte mir andere Prioritäten, führte mich zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen. Insofern es sich um die Vermehrung meiner Fähigkeiten und meines Wissens, oder um die Entfaltung meines menschlichen Potenzials handelte, ließ ich mir das gern gefallen. Auf diese Weise entwickelte sich meine Literatur gemeinsam mit mir. Geblieben sind ein Sachbuch über den Tarot², das den Untertitel „Auf der Suche nach dem Wesentlichen – Teil 1" trägt, sowie der Plan, allen folgenden Veröffentlichungen mit Sachthemen die jeweilige Nummerierung zukommen zu lassen. Daher trägt dieser Band im Untertitel den Hinweis: Teil 2.

Die Abbildungen zwischen den einzelnen Kapiteln stellen Alltagsansichten in Graz 2013 dar. Ich habe mich für typisch urbane Szenarien und gegen touristische Motive entschieden, weil diese den allgemeingültigen Anspruch besser repräsentieren. Man soll diese Motive in jeder Stadt antreffen können. Aus ästhetischen Gründen sowie der Metaphorik halber ließ ich den Fotos eine quasi künstlerische Nachbearbeitung zukommen. Es möge den ungewohnten Blick auf das Gewöhnliche versinnbildlichen. Für manche Informationen benötigen wir Worte, für andere nicht. Viele wirklich gute Gedanken kommen bestens ohne Worte aus. Ich hoffe, diese werden trotzdem entdeckt.

Abbildungen sind aus konzeptuellen Gründen eine willkommene Idee, bilden sie doch einen Gegenpol zum Text und balancieren diesen aus. Eine ähnliche Überlegung liegt den Witzen unter den Abbildungen zugrunde. Wo auf der einen Seite abstrakte Überlegungen aller Art den Intellekt mit schwerer Kost beschäftigen, darf auf der anderen auch Lachen von innen wärmen. Im Alten Rom hat Seneca (1 – 65) so treffend gesagt: „Es ist des Menschen würdiger, sich lachend über das Leben zu erheben, als es zu beweinen." Humor gehört genauso zum Repertoire der fundamentalen Lebensäußerungen wie das Nachdenken ... Worin mehr Leben steckt? Ich weiß es nicht. Humor ist in der deutschen Literatur fast verpönt, will der Text ernst genommen werden. Gerne verfrachtet das Fachpublikum solche Veröffentlichungen in die Ecke der Trivialliteratur. Dieses Klischee will ich unterlaufen. In der anglo-amerikanischen Literatur sieht man Humor gelassener.

damit sich niemand dabei über Gebühr aufhalte.

Ich habe Graz erwähnt. Grazer, allen voran der Bürgermeister, hören es nicht gerne, dennoch muss es gesagt werden: Graz ist eine Stadt wie jede andere. Wenn etwas diesen Ort besonders macht, ist es unsere eigene Geschichte, die wir über die Jahre darin schreiben. Und sollte in den Schlachten, die wir in diesem Verlaufe schlagen, bestimmte Themen als beherrschend auftauchen, mag es sein, dass Essays daraus entstehen, in der Hoffnung, sie mögen der Allgemeinheit dienlich sein. Das ist der Grund, aus dem es dieses Buch gibt.

Ein weiterer Hinweis, der mir sehr am Herzen liegt. Obwohl ich in den Essays stets männliche Bezeichnungen gebrauche, wende ich mich natürlich genauso an die weibliche Leserschaft. Nur ist es sprachlich sehr holprig, stets die männliche und die weibliche Form („der (die) Leser(in) z. B.) gleichzeitig anzuführen, zu gendern, wie sich die Fachleute ausdrücken. Das beliebte Binnen-I ist schlicht und ergreifend falsch, weil es im Deutschen keine Großbuchstaben im Wortinneren gibt. Ich habe im Buch „Die Dunkelfrau will herein penibel gegendert, musste aber feststellen: Sprachlich elegant liest sich anders.

In meinem Bemühen, politische Korrektheit mit sprachlicher Eleganz zu versöhnen, richtete ich 2015 eine E-Mail an die Duden-Redaktion. Darin regte ich an, Begriffe mit dem dritten Geschlecht für die Fälle einzuführen, in denen beide Geschlechter gemeint sind. Bis heute erhielt ich keine Antwort. Gerne wäre ich korrekt, schon aus Prinzip, leider ...

Schweren Herzens besann ich mich dessen, was der Duden³ schreibt: „Wie weit man in der (...) Kommunikation der Forderung nach einer geschlechterberechtigten Behandlung von männlichen und weiblichen Formen nachkommt, ist auch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Texte, in denen viele Doppelnennungen oder Verkürzungen vorkommen, können schwerfällig und überkorrekt wirken. (...) Bei der sprachlichen Gleichbehandlung von Männern und Frauen kommt es also vor allem auf das richtige Augenmaß an. Manchmal steht die Kürze einer sprachlichen Äußerung im Vordergrund, dann wieder kommt es mehr auf Geschlechtergerechtigkeit an."

Ich meine, der Umstand, dass ein Essay Literatur darstellt und nicht Wissenschaft, legt die Spur zu sprachlichen Ansprüchen. In wissenschaftlichen Publikationen sehe ich die Priorität bei der politischen Korrektheit. Folglich entschloss ich mich, wie viele andere Autorinnen und Autoren, zu der erwähnten, vereinfachenden Vorgangsweise, Generalklausel genannt. Meiner Beobachtung nach machen genauso schreibende Frauen von dieser Klausel Gebrauch. Insofern sollte es kein Problem geben.

Die Leserinnen sollen das bitte nicht als Diskriminierung missverstehen. Solange die Statistik mehr Frauen als Männer bücherlesend dokumentiert, weiß ich deren Bedeutung zu schätzen. Allerdings, so gesehen legte die Logik näher, grundsätzlich Frauen anzusprechen und Männer stillschweigend zu inkludieren, und diese um Verständnis zu bitten, usw. … Halt, da ist etwas dran! Warum praktiziere ich es dann anders? Was sollte mich veranlassen, die Minderheit der Leser gezielt anzusprechen, obwohl die Mehrheit just das andere Geschlecht hat? Ist doch widersprüchlich. Wenn ich schon das Unübliche für mich reklamiere, dann … Ich fürchte, ich brauche eine Pause. Die Leserinnen und Leser wollen mich bitte kurz entschuldigen ...

Nun habe ich einen Kaffee getrunken, denn als linientreuer Österreicher überdenkt man wichtige Fragen grundsätzlich bei Kaffee und Kuchen. Dabei traf ich folgende Entscheidung: Obwohl ich in den Essays stets weibliche Bezeichnungen gebrauche, wende ich mich natürlich genauso an die männliche Leserschaft. Die Leser sollen das daher bitte nicht als Diskriminierung missverstehen. Zur weiteren Begründung siehe oben.

Vielleicht ist Ihnen, liebe Leserinnen, aufgefallen, dass ich mich über das, an sich marginale, Gendern ein wenig detailverliebter verbreite. Wieso? Weil wir uns damit im Grunde bereits mitten im Buch und einem seiner Hauptthemen befinden, dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis; hier: gesellschaftspolitischer Anspruch einerseits, praktische Umsetzung andererseits. Ich habe früh aufschlussreiche Bekanntschaft mit dem Konfliktfeld Theorie versus Praxis gemacht. Im Alter von 15 Jahren arbeitete ich in den Sommerferien als Nachtportier im Hotel Goldener Adler, Innsbruck. Hier wurden gelegentlich volkstümliche Musikabende gegeben. Eines Nachts waren die Töne gegen halb zwei Uhr zu meiner Freude wieder einmal verklungen, als ich bemerkte, wie sich der Sänger mit zwei jungen Damen im Schlepptau Richtung Zimmer auf den Weg machte. Ich darf durchaus sagen, dass man fröhlicher Dinge war.

Allerdings war mir bei Arbeitsbeginn eingeschärft worden, dass derlei in unserem Hause nicht erwünscht war und ich allenfalls einzuschreiten hätte. Hatten doch unter unserem Dach seinerzeit Goethe und Mozart genächtigt, vom Lokalmatador Andreas Hofer ganz zu schweigen. Von diesem Geiste beseelt rief ich den Sänger auf seinem Zimmer an. Ob sich die Damen denn gleich entfernen würden, oder wie der Herr gedenke, die Übernachtung zu regeln. Er legte auf. So einfach wollte ich mich nicht abspeisen lassen, also rief ich neuerlich an. Und gleich noch einmal. Und noch einmal. Konsterniert stellte ich fest, dass der Sängerknabe von Mal zu Mal ungehaltener, ja geradezu unwirsch, wurde. Ein Schwall unsachlicher Ideen kam auf mich zu. Ob ich es ihm nicht vergönne, ob ich gar selbst mitmachen wolle, usw. Mitnichten, protestierte ich, ging es doch nur darum, meine Arbeitsanweisung umzusetzen. Zu meinem Bedauern gab sich mein Gast unbeeindruckt. Nachdem er meine Anrufe konsequent ignorierte, gab ich zähneknirschend auf.

Zum nächsten Dienstantritt erklärte mir der Chefportier, ich möge weniger strikte sein, wir behandelten solche Fälle mit Augenzwinkern. Schließlich sei der Sänger kein gewöhnlicher Gast. Man mag nachvollziehen, wie unsympathisch mir Regeln und Gesetze wurden, die stillschweigend für einige Wenige außer Kraft sind, oder erhabene Schriften, deren nicht minder erhabene Lehren kein Mensch (wirklich) lebt. Oder Leichen im Keller, deren Gestank zwar aller Welt in die Nase weht, gleichwohl niemand ansprechen würde.

Wer es vermag, den Wahrnehmungsfilter Differenz von Praxis und theoretischem Anspruch zu benützen, bewegt sich durch ein schauerliches, irrationales Universum. Was leistet sich ein gütiger, liebender Gott im Alten Testament? Fragt Hiob, als einen unter vielen. Sind wir nicht vor dem Gesetz alle gleich und wie sieht die Praxis aus? Mit wie viel Schein (und wenig Sein) wird allenthalben das beste Geschäft gemacht? Welchen horrenden Preis lässt sich die Gourmet-Wirtin für das nicht viel mehr als Nichts auf ihrem üppigen Designerteller bezahlen, den sie mit einer verirrten Baby-Karotte auf einem exotischen Gemüseblatt verziert hat? Und, und, und …

Ich fange gar nicht erst an, sonst muss ich mich jetzt schon ärgern. In Summe wird jemand mit diesem Wahrnehmungssensorium das beklemmende Gefühl beschleichen, sich anhalten zu müssen. Ja, es gibt trotz alledem Halt und ich hoffe, Sie, liebe Leserin, finden etwas davon in diesen Essays.

Um was geht es noch? Ich bemühe mich vorrangig um die Themen, Meinungen und Argumentationslinien, die im Windschatten der öffentlichen Diskussion, dem sog. Diskurs, ein zu Unrecht missachtetes Dasein fristen. Niemand benötigt ein Buch eines Anton Christian Glatz, um – wieder einmal – festzustellen, wie ungerecht es ist, wenn Frauen für die gleiche Arbeit weniger gezahlt erhalten als Männer. Ohne Frage eine Gemeinheit, doch finden sich glücklicherweise ausreichend Leute und Gelegenheiten, diesen Missstand zu thematisieren. Geht es hingegen beispielsweise um die Rechte (nicht die Pflichten!) der Väter, sieht die Lage betrüblicherweise anders aus. Dazu braucht es einen Anton Christian Glatz.

Wir finden in den Diskursen Hauptthemen vor, die allerorts behandelt werden und die ich mit der Autobahn der kollektiven Kommunikation vergleiche. Mir haben es die Nebenstraßen angetan. Äußerst treffend sagte Karl Marx: „Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden." Abseits dieser gibt es Unberücksichtigtes, das seiner Enthüllung wartet, offene Geheimnisse, die auf die harren, die den Mut (oder den Vorwitz) aufbringt, sie öffentlich zu artikulieren. Hier tummeln sich die brachliegenden Erkenntnisse, die, aus welchen Gründen immer, mehr oder weniger verschwiegenen oder ignorierten Informationen. Da blitzen Strategien, ja sogar Visionen auf, die unserem Leben inspirative Kraft zu verleihen imstande wären, vorausgesetzt, wir lassen dies zu. Nebenwege, Ab- oder gar Irrwege? Wir werden sehen. Ich lade Sie ein, mit mir diese Wege zu erkunden. Es macht Spaß, gemeinsam ein bisschen gegen den Wind zu pinkeln. Natürlich unter Bedachtnahme aller Vorsicht, damit wir nicht … Lassen wird das.

Von diesem Punkt abgesehen finden Sie am Ende jeden Essays eine Seite, die Ihren persönlichen Bemerkungen vorbehalten ist. Verstehen Sie dies bitte als meine ausdrückliche Einladung, in das Buch hineinzuschreiben. Sie sollen das letzte Wort haben und dabei Ihr Exemplar im Fortschreiten der Lektüre zu einem persönlichen Gegenstand entwickeln. Haben Sie keine Bedenken, sollten Sie anderer Meinung sein als ich. Die funktionierende Demokratie lebt von der Unterschiedlichkeit der Ansichten und Argumente. In diesem Sinne wollen wir mehr tun als bloß den gerne bemühten ungewohnten Blick auf das Gewohnte.

Apropos ungewohnter Blick auf das Gewohnte. Wenn ich durch die Laudongasse gehe, passiere ich ein Fenster im Hochparterre, aus dem ab und an der Dackel des Hausmeisters neugierig seine schwarze, feuchte Schnauze streckt. Stets in derselben Haltung, die Vorderpfoten auf der Fensterbank, beobachtet er in stoischer Ruhe alles, was sich unter ihm auf der Straße abspielt. Ich habe es noch nie erlebt, dass er sich in irgendein Geschehen eingemischt hätte. Er hat mich noch nie angeknurrt, geschweige denn angebellt, und ich bin dessen sicher, er wird dies auch nie tun. Es ist zwar nicht außergewöhnlich wenn ein Hund neugierig zum Fenster hinaussieht, aber was dieser Hund betreibt, lauft bereits unter philosophischen Betrachtungen. Eigentlich fehlt ihm nur die Brille. Huldvoll schenkt er mir mit seinen glänzenden schwarzen Augen seine Aufmerksamkeit. Ich fühle mich, als täte er einen unbestechlichen Blick in die Tiefen meiner Seele und hole mit chirurgischer Präzision alle wesentlichen Erkenntnisse über meinen Charakter zutage.

Ich bin begeistert. Aber es geht mir ebenso mit schnurrenden Katzen, Nebelkrähen Ende Oktober, Dromedaren in der ägyptischen Wüste, Bachstelzen und ich weiß nicht, mit was noch allem. Eigentlich finde ich die ganze Welt großartig. Ich finde sie so toll, dass man sie direkt erfinden müsste, existierte sie nicht ohnehin. Und einem Teil dieser Großartigkeit wollen wir uns in den Essays dieses Buches mit Würde und ohne Respekt nähern.

Die Hausmeister-Töle, der ultimative Hund


1 „Das Naturbild der heutigen Physik", Reinbek 1962

2 „Tarot – Ich ging den Weg des Narren", BoD, Norderstedt, 2010

3 Duden, „Der Deutsch-Knigge", Mannheim 2008 S. 104

Die Weikhard-Uhr

Seit 1930 steht auf dem Grazer Hauptplatz in unveränderter Form die sog. Weikhard-Uhr. Seither ist sie der Treffpunkt in Graz schlechthin, ein Umstand, der sicher besonders auf die zentrale Lage und die dementsprechend leichte Erreichbarkeit zu rückzuführen ist. In der Tat: Wer die Weikhard-Uhr nicht findet, hat sich mit einiger Wahrscheinlichkeit überhaupt in der Stadt geirrt.

Herbst 2014 kam ein Dokumentarfilm in ein Grazer Kino, den Boris Miedl und Jürgen Miedl gedreht hatten. Sie hielten sich 24 Stunden an der Weikhard-Uhr auf und interviewten die Leute. Es stellte sich heraus, dass die Uhr praktisch allen Menschen bestens bekannt war. Kaum jemand, der sich noch nie bei ihr verabredet hätte. Und wehe, sie würde abgetragen, oder auch nur ihr Aussehen verändert!

Dabei war diese Uhr nie Gegenstand eines offiziellen Diskurses, keiner wissenschaftlichen Arbeit, keines Symposiums etc. Schließlich handelt es sich streng genommen lediglich um ein zum Uhrengeschäft Weikhard gehörendes, privates Objekt. Erst der erwähnte Film machte die Uhr zu einem Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung. Dass die 47-Minuten-Dokumentation immerhin fünf Wochen im Kino lief darf als Hinweis interpretiert werden, wie lebendig der solcherart eingeleitete Diskurs war. Normalerweise wird ein Filmchen dieser Länge nach einer Woche wieder abgesetzt. Für ein Filmdebut ist das ein Erfolg, zu dem ich ausdrücklich gratulieren möchte.

Wir konstatieren also ein echtes Interesse der Grazer an dieser Uhr. Womit hängt das zusammen? Wie es in jedem Text einen Subtext gibt, der all das an Inhalten transportiert, was im Text

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