Nichts Böses by Jakob Schmidt and Boris Koch by Jakob Schmidt and Boris Koch - Read Online

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Nichts Böses - Jakob Schmidt

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Entdecker

Von WGs, bösen Kindern und Monstern, die nicht böse sind

ein Vorwort von Boris Koch

Zum ersten Mal lesen sah ich Jakob Schmidt vor einigen Jahren in der Berliner Buchhandlung Otherland. Er gab dort einen Pfarrer auf einer Harry-Potter-Release-Party, und wie er über den Rand seiner Brille ins Publikum blickte, wie er die Pausen setzte, das zeugte von subtilem Humor. Er brauchte keine großen Gesten, um das Publikum zum Schmunzeln zu bringen, sondern er war mit feiner Betonung und knappem Minenspiel erfolgreich.

Etwas später, 2007, las ich dann im Magazin Pandora einen analytischen Aufsatz von ihm über Robert Charles Wilsons Roman Spin, in dem Schmidt auch gesellschaftliche Fragen erörterte. Wieder war ich beeindruckt.

»Schön«, mag man sich nun denken, »das kann ja alles stimmen, aber was haben Harry Potter und ein kanadischer SF-Roman mit den unheimlichen Geschichten zu tun, die uns hier versprochen wurden?«

Auf den ersten Blick natürlich gar nichts. Doch wie vertrauensvoll ist der erste Blick denn überhaupt?

Eben ...

Ganz sicher sind Humor, die Fähigkeit zu subtilen Nuancen und ein analytischer Verstand beim Schreiben hilfreich, egal in welchem Genre.

Ernsthaft zu schreiben, bedeutet auch innerhalb eines Genres nicht, lediglich irgendwelche Versatzstücke zusammenzufügen, sondern sich selbst einzubringen.

Die typischen Motive und Themen von unheimlicher Phantastik und Horror mit eigenen Erfahrungen, Gedanken, Ängsten, Wut und Beobachtungen anzureichern. Sie auf diese Weise zu zerschlagen, neu zu definieren oder durch eigene Varianten zu ersetzen, über sie zu lachen oder sie ganz zu ignorieren und eine dunkle Geschichte zu erzählen, die sich neuer Motive und Symbole bedient.

Als ich Jakob Schmidt das nächste Mal lesen hörte, war das im Rahmen der Lesebühne Schlotzen & Kloben, die er kurz zuvor mit seinen phantastischen Kollegen Simon Weinert und Jasper Nicolaisen aus der Taufe gehoben hatte. Er las unter anderem die schwarz-humorige Erzählung Frühzeitige Förderung, in der ein naivzuvorkommender Pfarrer die zentrale Rolle spielt.

Schon wieder ein Pfarrer, dachte ich, aber das stellte sich als Zufall heraus; Schmidts Themen sind eigentlich andere. Und der Junge in der Geschichte hatte rein gar nichts mit dem netten Harry Potter gemein. Die ganze Geschichte war viel stärker vom klassischen Horror inspiriert, und damit sind wir nun bei der vorliegenden Sammlung angekommen.

Der Ort, an dem die Lesung stattfand, war die kollektiv organisierte Neuköllner Kneipe Tristeza, die sich »als Teil linker, außerparlamentarischer Infrastruktur« begreift. Diese alternative Szene bildet regelmäßig den Hintergrund für Schmidts Geschichten, und das macht sie zum einen authentisch, weil Schmidt sich hier offensichtlich bewegt und auskennt. Auch wenn sein Blick dabei oft humorig oder von leichter Distanz geprägt ist, wie etwa in der Erzählung Du bist raus. Vielleicht ein wenig nostalgisch, doch nie hämisch oder gar gehässig.

Zum anderen hilft dieser Hintergrund auch, einen ganz eigenen Blick auf bekannte Horrorwesen und Situationen zu werfen, weil die handelnden Figuren anders reagieren als üblich oder anderes bedrohlich finden. In erster Linie sind es nicht die Bedrohungen und Monster, die andere sind (nun gut, manche sind es, wie etwa die Polizei in Du bist raus), sondern die Ängste und Figuren, die auf das Grauen stoßen.

Wenn Phantastik der berühmte »Riss in der Wirklichkeit« ist, dann besteht die Wirklichkeit hier aus WGs, Rucksacktouristen und Demonstranten, nicht aus Mittelstandfamilien mit zwei Kindern.

Natürlich geht es hier nicht nur um die Wirklichkeit, sondern im Zentrum der Erzählungen steht der erwähnte Riss, und was durch diesen dringt ist – das verrät bereits der Buchtitel – nichts Böses. Aber ganz bestimmt auch nichts Nettes.

Von der humorigen Ausnahme der Frühzeitigen Förderung abgesehen, vermeidet Schmidt das metaphysische und abstrakte Böse. Ebenso – da ist er konsequent – das Gute. Es gibt menschliche und monströse Figuren, friedfertige und hungrige, aktive und passive, und sie prallen immer wieder ungeschützt aufeinander.

Es mag Taten geben, die man böse nennen kann, doch das Motiv, so zu handeln, ist nie das Böse an sich. Durch das Fehlen des absolut Bösen, stecken die Fragen nach Moral und Ethik, die in der Phantastik oft mitschwingen, in den Details.

Diese Details, kleine Taten oder tatenlose Passivität, summieren sich schließlich zu etwas auf, das, wenn auch nicht explizit böse, ganz bestimmt unangenehm ist.

Zumindest für die eine oder andere bedauernswerte Figur. Für uns Leser ist die Lektüre dagegen eine äußerst angenehme Erfahrung. Wie könnte es auch anders sein, das alles hier ist schließlich nichts Böses …

Boris Koch, im September 2013

Der Traum vom Reisen

Mein Traum geht so: Ich sitze in einem Loch. Es gibt kein Licht. Keinen Funken. Es ist so dunkel, dass man sich nicht sicher ist, ob es einen überhaupt gibt, solange man sich nicht bewegt. Wenn man sich aber bewegt, dann spürt man glatten Stein. Und dann tut es weh, und man ist wieder ich, und ich erinnere mich, dass die Knochen in meinem Bein zersplittert sind und dass all die Splitter mit dem Fleisch verrührt sind. Ich höre mich hecheln und jaulen wie einen Hund. Das Echo ist seltsam dumpf, fast wie unter Wasser. Sonst höre ich niemanden.

Was halten Sie von diesem Traum?, will meine Psychotherapeutin wissen. Glauben Sie, dass das etwas heißt?

Tja, sage ich lakonisch, um meine – wie lautet noch mal der wissenschaftliche Begriff dafür? – Affiziertheit zu überspielen, ich sitze in einem Loch. Expliziter geht’s ja wohl kaum, oder?

Gut, sagt sie, und möchten Sie aus dem Loch heraus?

Natürlich, antworte ich.

Wie wollen Sie das anstellen?, fragt meine Therapeutin.

Vi sitzt mit mir vorm Café, über uns raschelt das Laub, neben uns brummen die Autos, in uns gluckert der Milchkaffee. Vi heißt eigentlich Verena, aber ich nenne sie Vi, spricht sich wie die Spielkonsole. Alle ihre Freunde nennen sie Vi. Auch ihre gute Freundin Franzi, und um die geht es gerade, denn deren Mutter ist gestorben. Das ist nicht schön. Man muss plötzlich an die eigenen Eltern denken, auch die werden ja einmal sterben, so erwachsen wollte man doch eigentlich nie sein, dass man sich mit solchen Gedanken herumschlagen muss …

Auch nicht schön ist, dass Franzi und Vi zusammen in den Wanderurlaub fahren wollten, in ein weit entferntes, wildes Land. So ein Land, wo man sofort Filmaufnahmen aus der Hubschrauberperspektive vor seinem geistigen Auge sieht, von riesigen Nadelwäldern auf schroffen Bergflanken, und dazwischen kreist ein Adler. Wo es Bären und Elche und Opossums gibt. Ein unglaubliches Abenteuerland, und mittendrin die kleine Vi.

Auf dem Bild, das ich dazu vor Augen habe, sehe ich sie immer schräg von vorne, die schwarzen Dreadlocks mit einem Tuch zurückgebunden, den Blick halb auf den Bergpfad gesenkt, sodass man beinahe fürchtet, dass ihr die Brille von der spitzen Nase rutscht, und mit einem konzentrierten, glücklichen Lächeln auf den Lippen. Mit einer Hand hält sie sich an der Felswand fest, und über ihrem Kopf schwankt der hochaufgetürmte Wanderrucksack.

Als sie mir von ihren Reiseplänen erzählt hat, war ich zuerst einmal neidisch. Ganz anders ist mir geworden bei der Vorstellung, wie Vi zurückkommt und mit ihrer typischen, unverfälschten und uneitlen Begeisterungsfähigkeit von hubschrauberansichtsmäßigen Naturpanoramen und Bären, die ihren Proviant gefressen haben, erzählt. Vi kann staunen, das ist ihre ureigenste Fähigkeit, und Staunen ist das beste Mittel gegen Angst.

Mir wäre dann mal wieder nichts übrig geblieben, als meinen Marokkourlaub von vor fünf Jahren hervorzukramen, wo ich mir auf einem Dromedar den Arsch wundgeschaukelt habe, und zu schauen, ob der noch eine Anekdote abwirft. Ich bin nämlich ein Langweiler. Das ist fast schon ein Beruf bei mir. Wenn ich mal was Aufregendes mache – zum Beispiel verreisen oder Flirtversuche unternehmen –, dann nur, weil es der einzige Weg ist, ans langweilige Ziel meiner Langweilerträume zu gelangen. Eine Freundin. Eine gemeinsame Wohnung. Vielleicht sogar ein Kind, das wäre ideal, dann kann man gar nicht mehr auf so Abenteuerreisen gehen, dann kann man ihm in Ruhe Brei in den Mund schaufeln und Windeln wechseln.

Aber Moment, so weit sind wir noch nicht. Mit etwas Glück kommen wir aber noch dahin. Vis Reise steht nämlich infrage, weil Franzis Mutter gestorben ist. Und Franzi, die schon ihre Flugtickets gekauft hat, kann nun gar nicht mit. Und Vi weiß nicht recht, ob sie alleine will. Ich schlucke meinen Neid herunter und mache ihr Mut, wie sich das gehört, sage: Also wenn du das willst, dann kriegst du das hin, Vi, da würde ich mir gar keine Sorgen machen bei dir.

Ja, stimmt schon, meint sie und krümelt an ihrem Kaffeekeks rum. Aber deshalb habe ich dich ja angerufen, weil ich allein keine Lust habe. Und du sagst doch seit Monaten, dass du auch mal raus musst. Und das Ticket kann man noch umbuchen. Da könntest du doch mit, statt Franzi.

Puh. Ich grinse. Mein Herz macht einen Satz vor Freude darüber, dass sie ausgerechnet mich gefragt hat. Und mein Magen macht einen Satz vor Angst: Da muss ich mich doch vorher sicher gegen irgendwas impfen lassen, denke ich, und dieses Bärenspray hilft doch sicher kein bisschen, wenn einem die Dinger erst mal Auge in Auge gegenüberstehen, die werden dann bloß richtig sauer, und wenn man sich in diesen Bergen verläuft, verhungert man, so riesig ist das Land …

Ja, das wäre doch schon. Ich muss bloß mal sehen, ob das mit der Arbeit passt, sage ich starr vor Angst.

In dem Traum finde ich schließlich die Maglite-Taschenlampe in der Seitentasche meines Rucksacks. Als ich sie anknipse, sehe ich, dass neben mir ein zerschmetterter Mensch liegt, ein dunkler Brocken, aus dem ein dünner blasser Arm ragt. Das Licht ist grau, und das Blut im grauen Licht schwarz.

Ich schaue zu meinen Beinen.

Sie sehen gar nicht schlimm aus, nur ein handgroßer Blutfleck ist auf einem Hosenbein zu sehen. Ich leuchte nach vorne. Da ist ein langer, gerader Gang. Die Wände bestehen aus glattem, bräunlichem Stein, der glänzt, obwohl er trocken ist. Ich sitze an einem Ende des Gangs, in der Sackgasse.

Ich leuchte nach oben. Über mir ist ein kreisrundes Loch, in dem die gleiche Finsternis sitzt, die vorher überall um mich herum war. Als ich das sehe, ist mir nach Brüllen zumute, nicht nach einem Hilfeschrei, einfach nur nach Gebrüll. Aber es will nicht raus, es ist wie wenn man heulen muss und fast daran erstickt, weil man so zugepfropft ist.

Ich kann doch nicht einfach so unartikuliert losschreien, denke ich mir, so bin ich doch nicht, ich bin doch kein Tier.

Es braucht schon ein Wort.

Also brülle ich, gerade so laut, wie ich unbedingt muss: Gooottt! Goootttt!

Und bin froh dabei, dass mich niemand hört.

In der Sackgasse, haben Sie gesagt, bemerkt meine Therapeutin. Wieso Sackgasse?

Ich überlege. Wahrscheinlich weil ich Angst habe, dass das Beste an meinem Leben vorbei ist. Dass da nichts Interessantes mehr kommt. Das ich jetzt einfach festsitze, bis ich irgendwann sterbe.

Und der Ort, an dem Sie festsitzen, ist nicht der, an dem Sie sein wollen, sagt meine Therapeutin.

Ich verziehe statt einer Antwort bloß das Gesicht. Das versteht sich ja von selbst, wenn man Worte wie Sackgasse und festsitzen verwendet.

Na schön, sagt sie. Bleiben wir doch mal in dem Bild von ihrem Traum. Da ist ja nicht nur eine Sackgasse, da ist auch ein Gang. Sie wissen doch noch gar nicht, wo der hinführt. Ein Weg ist immer nur von einem Ende eine Sackgasse. Drehen Sie doch einmal um und gehen sie bis zur letzten Abzweigung zurück, dann sehen wir weiter.

Ich zucke mit den Schultern. Sie meinen also, ich soll mir den Gang ansehen?

Wollen Sie sich den Gang denn ansehen? Meinen Sie, es könnte ein Weg nach draußen sein?

Ja, antworte