Bier für Rostock by Ingo Sens by Ingo Sens - Read Online
Bier für Rostock
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Die Quelle guten Geschmacks sprudelt in Rostock
Schon 1878, als zwei Unternehmer die »Mahn & Ohlerich Bierbrauerei oHG« in Rostock
gründeten, wurde nach dem Reinheitsgebot gebraut. Die norddeutsche Hansestadt konnte damals bereits auf eine Brautradition blicken, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichte. Die Geschichte der Hanseatischen Brauerei Rostock vom renommierten Historiker Ingo Sens widmet sich den Anfängen des Unternehmens, die eng mit der Stadt- und Landesgeschichte verknüpft sind. Der Aufstieg zur wichtigsten Brauerei Mecklenburgs wird dargestellt, die Probleme zu Kriegszeiten sind Thema, Besatzung, Enteignung durch die Sowjets, die Mangelwirtschaft in der DDR, ein Großbrand und die 25 Jahre nach dem Mauerfall all dies wird mit teils unveröffentlichtem Material gezeigt. Und schließlich kehrten sogar Mahn & Ohlerich wieder: auf dem Etikett der Flaschen M&O aus der Rostocker Brauerei.
Published: Hinstorff Verlag on
ISBN: 9783356020694
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Bier für Rostock - Ingo Sens

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Ingo Sens

Bier für Rostock

Die Geschichte der Hanseatischen Brauerei

HINSTORFF

Inhalt

Vorwort: Spuren suchen – Spuren finden

1 Auftakt. Über das Brauen in der Hansestadt Rostock zwischen Hochmittelalter und Industrieller Revolution (1200–1850)

Mecklenburg, die Hanse und das Bier

Vom Brauen in Rostock zwischen 1250 und 1850

2 Julius Meyer oder »Mahn & Ohlerich«? Die Gründung der Rostocker Brauerei (1850/1869–1878)

Bier

Zur Vorgeschichte von M&O (1850–1878)

Die Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV)

Die Übernahme der Meyer’schen Brauerei. Die Gründungsväter

Friedrich Ohlerich. Ein Lebensbild

Georg Mahn. Ein Lebensbild

3 Die ersten Jahre (1878–1889)

Wachstum und Ansehen

Technik, Baugeschehen und Biersorten

4 Familienunternehmen oder Aktiengesellschaft (1889–1914)

Von der oHG zur AG

Expansion

Bis zum Ersten Weltkrieg (1904–1914)

5 Krieg, Krisen und Expansion (1914–1933)

Zwischen Weltkrieg und Inflation (1914–1923)

Die Bilanz des Krieges in Rostock

Die Goldenen Zwanzigerjahre (1924–1928/29)

Die »Philharmonie« im Patriotischen Weg

In der Weltwirtschaftskrise (1929–1933)

6 Die Brauerei unterm Hakenkreuz (1933–1945)

Neue Rahmenbedingungen

M&O bis zum Kriegsausbruch

Die Brauerei im Zweiten Weltkrieg

Guido von Oertzen. Ein Lebensbild

7 Von der Aktiengesellschaft zum Volkseigenen Betrieb. Die Rostocker Brauerei in den Nachkriegsjahren und im System der Planwirtschaft (1945–1990)

Die Brauerei von Mai bis Dezember 1945. Die Demontage der Anlagen

Wiederaufbau. Die Brauerei von 1946 bis 1948

Die Verstaatlichung

Der VEB Rostocker Brauerei im System der Planwirtschaft (1948–1990)

Die Brandkatastrophe von 1967

VEB Getränkekombinat »HANSEAT« Rostock

8 In der Marktwirtschaft. Die Rostocker Brauerei zwischen Reprivatisierung und Gegenwart (1990–2015)

Die Brauerei in der Wende-Zeit

Konsolidierung. Zur neuen Firmenphilosophie

Auf dem Weg ins neue Jahrtausend

Von »Brau und Brunnen« zur »Radeberger Gruppe«

Die Marken der Hanseatischen Brauerei Rostock

Spuren suchen – Spuren finden

Wer mit offenen Augen und einigem Interesse an regionaler Geschichte Städte in Mecklenburg oder Vorpommern durchstreift, eventuell sogar Archive und Bibliotheken aufsucht, stößt noch heute auf zahlreiche Zeugnisse eines alten Rostocker Unternehmens, der Brauerei Mahn & Ohlerich.

Hier eine langsam ausbleichende Reklame an maroden Häuserwänden, dort – in einer nostalgischen Kneipe – ein fürsorglich gepflegtes Emailleschild aus längst vergangenen Tagen. In alten Büchern sind ganzseitige Produktanzeigen des Unternehmens zu finden. Passionierten Modelleisenbahnern dürfte der M&O-Waggon ein Begriff sein.

Und obwohl es nun schon mehr als sechs Jahrzehnte zurückliegt, dass unter dem Namen Mahn & Ohlerich produziert wurde, erinnern sich ältere Rostocker immer noch liebevoll an das Kürzel »M. & O.«, denn dieses war »in ganz Mecklenburg alles andere als ein Geheimzeichen. Jedermann (und nicht nur jeder Mann!) [wusste], daß man M. & O. t r i n k t. [...] Daher [erklärte] sich die Volkstümlichkeit des Zeichens, und daher stellte sich das in ähnlichen Fällen auch sonst nachweisbare sprachliche Bedürfnis ein, statt des langen Namens eine Abkürzung zu wählen, statt ›Mahn und Ohlerichs Bier‹ einfach zu sagen ›M. & O.‹«¹

Wie sehr dieser Name noch nach Jahrzehnten im Rostocker Bewusstsein präsent war, beweist allein schon die Tatsache, dass ein im November 2011 auf den Markt gebrachtes Bier im Retrogewand sich »Mahn & Ohlerich« nennt und seitdem eine Erfolgsgeschichte schreibt.

Viele Jahrzehnte nahm das Unternehmen »die erste Stelle unter den mecklenburgischen Grossbrauereien […] ein, […] weit über die Grenzen Mecklenburgs hinaus rühmlichst bekannt«.² Und nicht nur das, die Brauerei zählte zu den größten Industrieunternehmen in Rostock und ganz Mecklenburg sowie zu den führenden Brauereien Norddeutschlands.

Aber um dies wirklich zu verstehen, müssen wir uns in die Anfangstage der Stadt Rostock begeben und langsam ins 19. Jahrhundert vorarbeiten. Ich darf den Leser also auf eine kleine Zeitreise mitnehmen.

Gewerbliches Brauen im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

1

Auftakt. Über das Brauen in der Hansestadt Rostock zwischen Hochmittelalter und Industrieller Revolution (1200–1850)

Mecklenburg, die Hanse und das Bier

Als im ausgehenden 12. Jahrhundert Mönche und ihnen folgend ab etwa 1200 deutsche Kaufleute und Siedler dauerhaft in die Landstriche kamen, die bald Mecklenburg werden sollten, führten sie zahlreiche Kulturtechniken mit sich. Darunter befand sich nicht zuletzt das Wissen von der Bierherstellung – die Braukunst.

Bier galt ihnen vor allem als nahrhaftes Lebensmittel. Es wurde nördlich der Alpen von nahezu jedem und zu jeder Tageszeit getrunken. Es war ein Alltagsgetränk, ein Grundnahrungsmittel. Ja, sogar Schwangeren und Stillenden reichte man es in Gestalt einer besonders malzreichen Variante, dem »Ammenbier«, zur Kräftigung. Und in der damaligen Heilkunde fand Bier als beruhigendes und stärkendes Heilmittel bei der Behandlung Kranker Anwendung. Auch in der Küche diente der Gerstensaft als Grundlage oder Zutat für so manches Gericht. So war die Biersuppe – hergestellt aus Dünnbier – bis ins 19. Jahrhundert hinein ein beliebtes Frühstück (!) für Jung und Alt, für Arm und Reich. Kein Radikalabstinenzler oder Gesundheitsfanatiker bereitete dem Biertrinkenden ein schlechtes Gewissen.

In Zeiten mangelhafter hygienischer Verhältnisse und keimbelasteten Trinkwassers war Bier oftmals die einzige Form, Wasser ohne Gefahr für die Gesundheit zu sich zu nehmen. Durch das Kochen der Würze, seinen Alkoholgehalt und dem niedrigen pH-Wert ist es eine einigermaßen »sichere Flüssigkeit«. Ansonsten diente Bier in den katholischen Jahrhunderten als »flüssiges Brot« in der vorösterlichen Fastenzeit. Die Regeln erlaubten nur eine Mahlzeit und diese für gewöhnlich in den Abendstunden. Während der Verzehr von Fleisch, Milchprodukten, Alkohol (Wein) und Eiern verboten war, fiel Bier nicht unter diese Bestimmungen. Es galt: »Was flüssig ist, bricht kein Fasten.«

Traditionelles Hauptgetränk der Christenheit ist bekanntlich der Wein. Aufgrund der klimatischen Bedingungen im Norden Deutschlands musste er umständlich aus seinen Anbaugebieten im Süden hierher gebracht werden, was ihn teuer, sehr teuer machte. Ersatz fand der Norddeutsche im Bier. Dies galt insbesondere für die mecklenburgischen Regionen, denn hierzulande verhielt es sich so, wie Ernst Boll zutreffend beschreibt, dass »Wein [...] nur mit großen Kosten vom Auslande zu beziehen [war], und daß der Versuch, ihn in Meklenburg selbst zu gewinnen, gänzlich mißrieth. [...] Im Allgemeinen blieb man daher unter allen Ständen beim Biertrinken, selbst bei festlichen Gelegenheiten. [...] Selbst die feinschmeckende katholische Geistlichkeit mußte sich mit Bier begnügen, und noch im J[ahre] 1610 wird in der revidirten Klosterordnung für die drei protestantischen Landesklöster verordnet, daß jede Domina alle vier Wochen zwei Tonnen Bier und eine halbe Tonne Cofent, die Unter-Priorin 1 ½ T. Bier und ½ T. Cofent, die anderen Jungfrauen aber jede 1. T. Bier und ½ T. Cofent erhalten sollen.«³ Vom Brauen hinter mecklenburgischen Klostermauern und dem ansehnlichen Bierkonsum der Mönche und Nonnen zeugt heutzutage u. a. die Ruine des Wirtschaftsgebäudes des Doberaner Münsters (gegründet 1186). In diesem imposanten Gemäuer befanden sich Mälzerei und Brauerei des Klosters. Die Größe des Hauses lassen auf eine beachtliche Produktionsmenge schließen.

Auf ihrem Zug nach Osten trafen die zuwandernden Deutschen auf die hier seit dem 8. Jahrhundert lebenden slawischen Stämme und die ihrerseits eine lange und eigenständige Brautradition besaßen. Diese Slawen oder Wenden brauten ihr Bier gleich den deutschen Brauern aus verschiedenen Getreidesorten wie Gerste, Hafer, Hirse, Roggen oder Weizen, das jedoch, wie archäologische Funde belegen, bereits unter Verwendung von Hopfen. Die immer wieder nach Mecklenburg vorstoßenden Dänen nutzten ihn ebenfalls. Dieses Wissen brachten dann wohl die dänischen Zisterziensermönche mit, die die Führung des 1172 gegründeten Darguner Kloster übernahmen.

Die Wenden hatten den Hopfen früh kultiviert und bauten ihn – besonders im Raum des heutigen Parchim – zunächst für den Eigenverbrauch später auch für den Handel umfangreich an. Vom 13. bis ins 15. Jahrhundert sollen es vor allem diese wendische Hopfenbauern gewesen sein, die ihre Waren auf den Märkten der Hansestädte Lübeck oder Wismar anboten. Auch Brauer in Hamburg, Rostock und Stralsund bezogen ihren Hopfen von dort. Slawischer Hopfen war also begehrt.

Zwar kannte man im deutschen Kulturraum dieses »Kraut« und seine Wirkungen schon seit längerer Zeit – seit dem 8. Jahrhundert wurde Hopfen hier angebaut – aber sein Bier würzte der deutsche Brauer traditionell mit einer regional unterschiedlichen Kräutermischung, »Grut« genannt.⁵ Erst im 12. Jahrhundert begann in den deutschsprachigen Regionen langsam die Nutzung des Hopfens für die Produktion von Bier. Es brauchte noch bis ins 16. Jahrhundert, dass sich das Hopfenbier endgültig durchsetzte.

In den Städten Mecklenburgs gingen die Bürger ab Mitte des 13. Jahrhunderts vom häuslichen zum gewerblichen Brauen über. Vorzugsweise in den Seestädten wurde aus dem »Haustrunk« eine im Laufe der Jahre wichtige Handelsware. »Das Bier mancher Städte erlangte [...] einen bedeutenden Ruf. [...] Ganze Schiffsladungen meklenburgischen Bieres sollen früher nach Schweden, Dänemark und Rußland gegangen sein, und auch zu Lande soll eine bedeutende Ausfuhr desselben stattgefunden haben.«⁶ Neben Bier aus Rostock und Wismar hatte sich das Güstrower »Kniesenack« vor allem in Mecklenburg selbst einen überragenden Namen erworben. Diese Entwicklung in den Städten stand längere Zeit in Konkurrenz zum klösterlichen Brauen. Aber mit Einführung der Reformation in Mecklenburg (1523–1549) und der darauf folgenden Säkularisierung der Klöster hatte dies ein ziemlich abruptes und endgültiges Ende. Die Auswirkungen dieser Zäsur indes reichen bis in die jüngste Gegenwart:

Als 1991 ein dänischer Braukonzern in Dargun eine Brauerei errichten ließ, wollte er hier an die klösterliche Vergangenheit anknüpfen und nannte das neue Unternehmen »Darguner Klosterbrauerei« mit dem »Darguner Klosterbräu« als Hauptprodukt. Diese Namensgebung passte allerdings einigen bayerischen Klosterbrauern überhaupt nicht. Sie strebten in einem bundesweit Aufsehen erregenden Musterprozess die Änderung des Namens an. Ihre Argumentation zielte u.a. auf die durch die Reformation abgebrochene Tradition des Klosterbrauens in Dargun (1552 säkularisiert). Die Kläger bekamen Recht und 1998 wurden aus der Klosterbrauerei die »Darguner Brauerei« und aus dem »Klosterbräu« das »Darguner Pilsner«.

Die Braukunst in Mecklenburg wurde endgültig ein städtisches Gewerbe. Allein die Städte besaßen das Privileg, Bier zum Verkauf, das heißt für den Markt, zu brauen. »Auf dem Lande«, so Boll, »durften nur Ritterschaft, Amtleute und Geistliche Bier für den eigenen Bedarf brauen, aber nichts verkaufen.«

Die Kogge (auch: der Koggen): Haupttransportschiff der Hanse

Überhaupt entwickelten sich die aufblühenden nord- und nordostdeutschen Hansestädte seit etwa 1300 zu Zentren des Bierhandels und der Braukunst. Allen voran die Hafenstädte an Nord- und Ostsee, die günstig zu »weinlosen« Regionen lagen und im Besitz des größten damaligen Transportmittels, der Kogge, waren. Hier wurde Bier zu einem der einträglichsten Exportgüter. Der Bierhandel der Hanse reichte von Holland, Flandern, England und Nord- und Osteuropa bis nach Portugal und Italien. So war Bremen um 1300 ein Handelsplatz für Bier größten Ausmaßes mit einer Ausfuhr nach den Niederlanden, auf die britischen Inseln und nach Skandinavien.

Die hansischen bzw. hanseatischen Kaufleute handelten aber nicht nur mit Bier, sondern sie brauten selbst, und dies mit einem Ausstoß weit über den Eigenbedarf hinaus. Die Brauhäuser der Handelsherren waren vornehmliche »Handels-Brauereien«. Hamburg mit seinen rund 600 Brauhäusern⁸ um 1500 und einem Volumen von rund 25 Millionen Litern galt als das »Brauhaus« der Hanse. Diesen Titel beanspruchte im Übrigen auch Wismar. Und in den Augen der Zeitgenossen war Rostock das hansische »Malzhaus«.

Ein Spruch im Stadtarchiv von Reval charakterisiert [...] die Hansestädte als: ›Lübeck ein Kaufhaus, Köln ein Weinhaus, Braunschweig ein Zeughaus, Danzig ein Kornhaus, Hamburg ein Brauhaus, Rostock ein Malzhaus, Lüneburg ein Salzhaus‹ […].

Rostocker Anzeiger vom 7. Januar 1928.

In Wismar beispielsweise produzierten in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mehr als 180 Brauherren etwa 50 000 Tonnen besten Bieres.⁹ Das sind rund sechs Millionen Liter, von denen allein ca. 4,6 Millionen Liter in den Export nach Flandern, England und Skandinavien gingen. Den Rest tranken die Wismaraner selbst. Ihr jährlicher Verbrauch soll sich im 16. Jahrhundert auf 320 Liter pro Kopf belaufen haben. Gerade die einheimischen Seeleute stellten eine wichtige Konsumentengruppe dar, denn Bier war nicht nur als Ware sondern auch als Proviant an Bord. Angeblich bis zu zwölf Liter (!) trank ein Matrose auf einer Hansekogge täglich!

Diese enormen Mengen konnten zustande kommen, da das »Alltags«-Bier »dünn« war, d. h. verhältnismäßig arm an Alkohol. Daneben gab es aber auch Starkbiere, die zu besonderen Anlässen und zum Zwecke des Rausches ausgeschenkt wurden. Eine Gemeinsamkeit hatten alle Biere: Sie waren trübe, also ungefiltert, und – in unserem heutigen Verständnis – obergärig.¹⁰

Nicht nur in Bremen, Hamburg, Wismar oder Rostock auch in den Hafenstädten Stralsund, Greifswald, Stettin und Danzig wurde kräftig und vor allem gut gebraut. Ebenso gab es Biere aus dem Binnenland wie die Braunschweiger Mumme oder das Einbecker Bier, das einer ganzen Biersorte – dem Bockbier – bis auf den heutigen Tag seinen Namen gab, die sich einen legendären Ruf erwarben und Liebhaber weitab von der Heimat fanden.

Der »internationale« Erfolg norddeutscher »Export«-Biere beruhte insbesondere auf ihrer Qualität. Durch die Verwendung von Hopfen und einen im Vergleich höheren Alkoholgehalt verfügten sie über einen herausragenden Geschmack. Dass das so blieb, dafür sorgten Brauordnungen, in denen nicht nur Mengen und Preise geregelt wurden, sondern auch die Zutaten, die verwendet werden durften. Ein Schwur der Brauherren vor dem Rat sicherte die Einhaltung dieser Ordnungen.

Die herausragende Bedeutung des Bieres bzw. der Braukunst spiegelte sich unmittelbar in der Sozialstruktur der Hansestädte und deren Stadtbild wider. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit bildeten die Brauherren gemeinsam mit den Kaufleuten die politisch und wirtschaftlich dominierende Oberschicht in diesen Städten. Viele Brauherren waren ratsfähig. In Wismar beispielsweise stellten Mitte des 15. Jahrhunderts die Brauer 22 der 24 Ratsherren. Das Recht, Bier (für den Handel) zu brauen – die Braugerechtigkeit –, lag nicht in den Händen einzelner Personen mit besonderen Befähigungen, sondern war an ein Grundstück, das die Braugerechtigkeit besaß, gebunden. Sein Besitzer konnte dieses Recht entweder selbst oder über beauftragte Brauer wahrnehmen. Grundeigentum in der Stadt setzte den Besitz des Bürgerrechts voraus. Außerdem waren Gebäude und Braugerätschaft sehr teuer. Es waren demzufolge nur Vermögende in der Lage, dies zu leisten. Mit wenigen Ausnahmen traten daher vor allem die reichen, im Fernhandel aktiven Kaufleute als Besitzer von Brauhäusern – als Brauherren – auf. Allerdings brauten diese zumeist nicht persönlich, sie ließen brauen. Die Arbeiten erledigten von ihnen beschäftigte hochqualifizierte Braumeister und erfahrene Brauknechte u. U. gemeinsam mit mehr oder weniger zahlreichen Hilfskräften. Während der Brauherr beispielsweise als Ratsherr oder Bürgermeister öffentliche Ämter bekleidete und sich um die Geschäfte kümmerte, zeichneten sich seine Mitarbeiter für die Abwicklung des gesamten Brauvorgangs vom Mälzen des Getreides bis zum Abfüllen des Bieres in Fässer verantwortlich.

In der Hand des Braumeisters lag, durchaus als eine Art Geheimwissen, die Rezeptur. Selbst hatte sich der (Handwerker-) Stand der Braumeister seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entwickelt. Schrittweise entstand ein exklusiver Personenkreis, der seine Privilegien streng bewachte, das Wissen hütete und nur nach Überwindung hoher Hürden den Zugang von Nachwuchsbrauern ermöglichte. Begleitet wurde diese Entwicklung durch ein außerordentliches Standes- und Selbstbewusstsein dieser Berufsgruppe.

In den Brauereien wurde mit großen, offenen Feuern gearbeitet. Dadurch ging von ihnen eine nicht unerhebliche Brandgefahr aus. Aus diesem Grunde mussten die Brauhäuser solide und massiv in (Back-) Stein ausgeführt sein. Darüber wachte der Rat. In den Hansestädten des Nordens zählten diese Gebäude zur höchsten Kategorie der Profanbauten, die (absteigend) in »Häuser«, »Buden« und »Keller« unterteilt wurden. Ein solches Haus gab dem Besitzer außerdem die Möglichkeit, seinen Wohlstand architektonisch auszudrücken. Häufig schmückten reich verzierte Giebel das Haus, hinter dessen Mauern gebraut wurde.¹¹

Sie prägten mit ihren prächtigen Brau-, Wohn- und Geschäftshäusern nicht nur das Stadtbild der Hansestädte nachhaltig, darüber hinaus nahmen die Brauherren einen ebenso großen Einfluss auf die Entwicklung der kommunalen Infrastruktur. Brauer benötigen prinzipiell gutes Wasser und davon sehr