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Ein Verteidiger

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Summary

"Ein Verteidiger" wurde um 1900 verfasst. Auszug: [...] Minutenlang standen die Männer in kochendem Haß, zu Angriff und Abwehr bereit, einander gegenüber. Plötzlich faßte sich Vermissen an die Stirn, ließ die Hände sinken und sagte keuchend: »Kommen Sie!« Er watete mit langen Schritten durch den Sand dem ihm folgenden Anwalt voraus, den Häusern zu. Er sah sich nicht um, stürmte eine schlechte, hölzerne Treppe hinauf, riß eine Thüre weit auf und zeigte auf ein weibliches Bildnis in Lebensgröße. »Hedwig!« stieß Bendring überrascht hervor. »Ja, Hedwig!« bestätigte der Maler, nach Atem ringend. »Ja, das Weib, das für mich zu rein, zu groß war. Das ich liebte mit dem heißen, thörichten, gefesselten Herzen! Das ich fortreißen wollte mit mir in die Seligkeit der Sünde – das mir den Glauben zurückgab an das Weib, das edle Weib, das kostbarste aller Erdengüter – das mich den Pfuhl erkennen lehrte, in dem ich schwamm – das mich den Ekel lehrte gegen die verdummende, vertierende Genußsucht und die Anbetung der beglückenden Reinheit, der Göttlichkeit. Das Weib lebt!« schloß er fast drohend. »Sie ist gefallen durch Mörderhand!« wiederholte Bendring mit furchtloser Energie. Vermissen faltete die Hände: »Gott im Himmel! Vergehen so deine Altäre?« murmelte er bebend. Die Thränen rollten ihm in den verwilderten Bart, der Riese stand da in schluchzender Erschütterung. In dem Rechtsanwalt zuckte die Erkenntnis auf wie ein Blitz. So sprach die Trauer, nicht die Schuld! [...]

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