Kleine Fische küssen besser by Jana Krivanek by Jana Krivanek - Read Online

About

Summary

Was gibt es Schlimmeres als verlassen zu werden? Genau dann verlassen zu werden, wenn Frau es am allerwenigsten erwartet – in Strapsen, High Heels und einem Hauch von Nichts in der Küche stehend zum Beispiel. Statt scharfem Liebesschmaus setzt es für Lola ein bitteres Liebesaus und sie steht im verflixten siebten Jahr plötzlich auf der Straße. Schlimmer kann es also kaum kommen! Bis ein metrosexueller Millionär, ein schnuckeliger Schwuler und ein manierloser Macho in Lolas Leben treten. Da hilft nur eine von Lolas perfekt ausgeklügelten Strategien, doch die macht das Chaos erst recht perfekt…
Published: Unsichtbar Verlag on
ISBN: 9783942920520
Availability for Kleine Fische küssen besser
With a 30 day free trial you can read online for free
  1. This book can be read on up to 6 mobile devices.

Reviews

Book Preview

Kleine Fische küssen besser - Jana Krivanek

You've reached the end of this preview. Sign up to read more!
Page 1 of 1

Freundschaft!

STRUMPF IST TRUMPF

In der Küche zu stehen um zu kochen macht schon verdammt wenig Spaß. Mir zumindest. Aber in halterlosen Strümpfen, Strapsen, roter Seidenwäsche und einer rotweißkarierten Designerkochschürze in der Küche zu stehen, macht nicht nur keinen Spaß, sondern sieht auch noch bescheuert aus. Also hoffentlich stürzt jetzt kein Passagierflugzeug im Nachbarsgarten ab, denn ich möchte in diesem Aufzug nicht das Letzte sein, was die Insassen zu Gesicht bekommen!

Ich werfe einen kurzen Kontrollblick durch das Küchenfenster, aber alles ruhig da draußen. Auch keine Vögel, die bereits an der Fensterscheibe kleben und sich köstlich amüsieren.

Gut, wenigstens keine Zuschauer, aber trotzdem peinlich genug.

Da stellt sich doch die Frage: Warum tun Frauen Dinge, die ihnen offensichtlich gegen den Strich gehen? Und die Antwort kann hier nur lauten: Der Liebe wegen. Und um der Leidenschaft willen natürlich, die in meinem speziellen Falle nach sieben Jahren Beziehung etwas auf der Strecke geblieben ist. Doch hätte mein Freund Max mir vor ein paar Wochen nicht von genau dieser bescheuerten Sexphantasie erzählt, dann wäre ich nie im Leben dort, wo ich jetzt bin: Am Herd, Gemüse schneidend, hochkonzentriert damit beschäftigt, in meinen High Heels nicht das Gleichgewicht auf den glatten Fliesen zu verlieren und mir die Finger abzuhacken. Bei einer Körpergröße von Einsvierundsiebzig und der Mini-Schuhgröße von 37 ist das bei Neun-Zentimeter-Absätzen nämlich ein wahrer Zirkusakt.

Ob halbnackt oder voll angekleidet, Fakt ist, dass ich, Caroline Fecht, einfach nicht für die Küche geschaffen bin. Als Kind hasste ich es, meiner Mama beim Kochen zu helfen, als Schülerin hatte ich in Hauswirtschaft die meisten Fehlstunden und als Erwachsene betrete ich die Küche für gewöhnlich nur, um mir eine Pizza in den Ofen zu schieben. Also, Kochen und ich sind in glorreichen 32 Jahren definitiv keine Freunde geworden.

Demzufolge hat es mich ganze vier Tage und Nächte Bedenkzeit und eine Menge Überzeugungskraft meiner besten Freundin Marie gekostet, über meinen Schatten zu springen und diese Nummer hier abzuziehen. Aber so lautet der Plan, und ist er einmal angefangen, wird er auch zu Ende geführt. So bin ich. Ich brauche immer eine perfekte Strategie und sobald ich sie habe, führt kein Weg zurück. Und der Auftrag für heute Abend lautet rauszufinden, wie viel Luft noch in unserer Beziehung ist.

Nicht dass es bei Max und mir offensichtlich kriselt, nein, unsere Beziehung ist nach wie vor harmonisch, in seinen Augen zumindest. Wir streiten nämlich nicht. Es bin immer nur ich diejenige, die streitet.

Du unternimmst nichts mehr mit mir.

Du treibst dich nur auf dem Fußballplatz rum.

Du und deine blöden Berge.

Du nimmst mich nicht ernst.

Du liebst deine Playstation mehr als mich.

Du bist nicht der gleiche Max wie damals.

Du schläfst nicht mehr mit mir!

Letzteres ist ein sehr heikles Thema, denn kein Mann hört es gerne, wenn an seiner Libido gezweifelt wird. Aber ist es nicht ungewöhnlich, dass ausgerechnet ein Mann – und ich bin mir sicher, Max gehört dieser Spezies an, es locker wochenlang ohne Sex aushält? Wie kommt man sich da als Frau vor? Spontan fallen mir ungeliebt, unattraktiv, unbegehrt, uninteressant und ausgedient ein. Aber sobald ich dieses Thema anschneide, schaltet mein lieber Freund auf Durchzug und ich rede mit einer Wand. Ach, was sage ich, mit einer ganzen Gebirgskette!

Seit Monaten betreibe ich nichts anderes als Ursachenforschung und zwischenzeitlich bin ich auch zu der Erkenntnis gelangt, dass ich an dieser Misere unschuldig bin. Eigentlich hatte ich das von Anfang an gewusst, denn erfahrungsgemäß sind wir Frauen ja nie wirklich schuld, aber für mein Ego wollte ich es genau wissen. Wo ich mir nur noch nicht ganz sicher bin, ist, ob Max weiß, dass es in unserer Beziehung nicht rund läuft und es einfach typisch männlich ignoriert oder ob er denkt, das wäre in Lebensgemeinschaften mit der Zeit einfach so. Nachdem Männer generell ein Talent haben, keinesfalls dort Probleme zu sehen, wo Frauen es tun, tippe ich bei Max eher auf Zweiteres. Und das ist kein Klischee, sondern die bekannteste Tatsache der Welt.

Ich bin für ihn genauso selbstverständlich wie die Luft zum Atmen, und nachdem Luft weder Bedürfnisse, noch Wünsche, noch Sorgen hat, nimmt er meine auch nicht wahr. Aber lange kann und werde ich mir das nicht mehr mit ansehen, doch kampflos wird das Feld sicherlich nicht geräumt, denn sieben Jahre wirft man nicht einfach so weg. Aber da Worte bisher nicht fruchteten, müssen eben Taten folgen. Also, nichts wie ran an die Spaghettinester mit Basilikumtörtchen in frischer Tomatensoße. Jamie Oliver lässt grüßen und steht mir bei meiner Dessous-Kochshow hilfreich zur Seite. Leider nur auf 360 bunt gedruckten Seiten, die selbstverständlich nicht mir gehören. Persönliches Eigentum von Max, denn in unserem Haushalt ist er der Koch, worüber ich hochgradig begeistert bin.

Als er mir bei unserem ersten Rendezvous erzählte, Kochen sei eine seiner großen Leidenschaften, hätte ich ihm am liebsten ad hoc einen Heiratsantrag gemacht.

Max und ich sind uns an einem der romantischsten Orte der Welt zum ersten Mal begegnet: in der Disco. Ich war 25 und er gerade 26, also rein vom Alter sozusagen füreinander bestimmt.

Ich kam etwas abgehetzt nach einer rockigen Nummer von der Tanzfläche und platzierte mich mit einem frisch gezapften Pils an der Bar. Der Durst war so groß, dass ich das Glas binnen Sekunden fast geleert hatte, und das schien einem Nachbar an der Theke besonders zu imponieren. Er sprach mich an.

«Wow! Für ein Mädchen nicht schlecht.»

Äh, wie bitte? Hatte ich «Sprich mich schwach an.» auf meinem Top stehen? Mädchen? Zufälligerweise war ich mit Mitte Zwanzig bereits ausgewachsen, ungefähr einen halben Kopf größer als Tom Cruise und hatte – mit ein klein wenig Schummeln vielleicht – Körbchengröße B, also fiel ich wohl eindeutig in die Kategorie der erwachsenen, gestandenen Frauen. Und außerdem war es ein unverschämter Akt der Diskriminierung, Frauen für minderwertige Biertrinker zu halten. Dieser Anfänger konnte einfach nicht mich gemeint haben!

Ich bemühte mich gar nicht, meinen Blick zu wenden, sondern nahm lieber noch einen weiteren Schluck und schaute starr in Richtung Tanzfläche. Dass ich genervt mit den Augen kullerte, konnte er wahrscheinlich nicht sehen. Und nachdem Männer es gar nicht mögen, ignoriert zu werden, ging das Spiel weiter.

«Ich wüsste gerne den Namen der Frau, die so cool ist.»

Er hatte das «so» nicht abwertend gesagt, vielmehr frech, süß, herausfordernd. Irgendwie klang das richtig nett, doch ich hielt seiner Anmache weiterhin stand und tat, als existierte er nicht.

«Du erinnerst mich übrigens an Lara Croft.»

Okay, das war dann zuviel des Guten und brachte das Fass zum Überlaufen. Ich musste schmunzeln, denn von den vielen dummen Sprüchen, die ich bis dato gehört hatte, war das eindeutig der Schmeichelndste.

Ich drehte mich langsam zur Seite, zwang mich, mein Lächeln zu verbannen, und schaute ihn aufgesetzt ernst an. Und mit sehr großem Interesse, das urplötzlich geweckt war: Oh la la halleluja, sah der Typ gut aus! Er war ca. zehn Zentimeter größer als ich, hatte große, faszinierende Augen mit neiderregend langen Wimpern, schön geschwungene, volle Lippen, und gepflegte Zähne, die mich da mit einem schelmischen Grinsen anblitzten. Dieses überaus attraktive Gesicht wurde auch noch durch eine freche, verwuschelte Frisur abgerundet, und was ich bis dahin mit meinem Blick einfangen konnte, war auch der Rest nicht zu verachten. Ich musste zum Gegenschlag ansetzen. Mein Flirtzentrum schaltete sich gerade rechtzeitig ein.

«Meine Hotpants und die 9-mm-Wumme habe ich heute ausnahmsweise zuhause gelassen. Ich BIN Lara Croft.»

Natürlich wusste ich nicht, ob Lara Croft eine 9-mm-Pistole bei sich trug, aber mir fiel kein anderes Kaliber ein. Später sollte ich eines Besseren belehrt werden – Lara hatte immer zwei 9-mm-Wummen an ihre scharfen Oberschenkel geschnallt. Auf jeden Fall lag ich nicht ganz verkehrt.

«Ich wusste es doch. Freut mich, Lara. Ich bin Max.»

«Caro, das Croft-Double.»

Er grinste mich an und ich grinste zurück und schon knisterte da was. Und genau in dem Moment als ich herausfinden wollte, was genau, kam Marie von der Tanzfläche. Sie musterte Max kurz, nickte und schleppte mich mit einem «Du entschuldigst, ich nehme sie kurz mal mit.» auf die Toilette und anschließend in die Cocktail-Bar. Das war es dann mit den Schwingungen für den Abend, was sicherlich auch besser war, denn ich war zu dem Zeitpunkt an Simon vergeben. Nach dem Lara Croft-Auftritt allerdings nur noch ganze zwei Wochen und vier Tage lang, denn der Max-Faktor hatte letztendlich gesiegt.

Ich beendete die eine und stürzte mich in die nächste Beziehung.

Das ist einfach meine Königsdisziplin – einen Mann für einen anderen verlassen. Seit meinem 16. Lebensjahr war ich nie länger als 48 Stunden Single. Und den letzten Wechsel habe ich nie bereut, denn Max ist der große Fang. Mit ihm hatte ich mir den Moby Dick an Land gezogen. Dachte ich jedenfalls …

Es ist jetzt 18.16 Uhr, Samstagabend, letztes Februarwochenende, und mein Jamie-Kochkurs ist bald beendet. Nur noch den Salat schnippeln und anmachen, die Spaghetti leicht anbraten, und schon kann serviert werden. Dazu muss Max aber erst einmal aus dem Fußballtraining nach Hause kommen. Normalerweise ist er spätestens um 18.00 Uhr zurück, denn dann ist Sportschau-Zeit. Heilige Zeit. Männermachtüberdie-Fernbedienung-Zeit.

Heute Abend wird aber alles anders laufen, und ich habe auch schon den perfekten Ablauf vor meinem geistigen Auge: kein Fernsehen, kein Bier, keine Couch, keine Sportschau. Stattdessen hochexplosiver Sex auf dem Küchentresen, natürlich unzählige Liebeserklärungen seinerseits und eine zweite Runde Sex, dann auf dem Barhocker. Oder wo auch immer, schließlich bieten siebzig Quadratmeter Wohnfläche diesbezüglich so einige Optionen. Nach dem Liebesakt werden wir uns dann nackt auf dem Sofa niederlassen und mit Gusto unser «Mahl danach» verspeisen. Besser als jede Zigarette danach, schließlich sind Kohlenhydrate nach körperlichen Anstrengungen das A und O. Ich habe mir ja auch was bei der Menüauswahl gedacht.

Bin bereit zum Anpfiff. Der Ball kann anrollen und ich bin absolut überzeugt, dass diese Strapskochnummer sich am Ende auszahlen und wieder frischen Wind in unsere Beziehung bringen wird. Die luftleeren Reifen werden wieder aufgepumpt. Mein Plan A wird heute Abend aufgehen!

Natürlich gibt es auch einen Plan B. Meine Sachen für exakt eine Woche Exil bei Marie sind gepackt, allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass es soweit kommen wird.

Und da ist er auch schon, der lang ersehnte Schlüssel im Schloss. Max ist zurück. Es wurde aber auch höchste Zeit, denn dieser Aufzug wird langsam unbequem und das bisschen Schürze hält auch nicht wirklich warm. Mit dem Frösteln ist es aber gleich vorbei, denn die Ekstase naht!

«Hallo Babe.»

Ist das alles? Ich drehe meinen Kopf nach rechts, setze einen hinreißenden Nimmmich-Blick auf, ziehe die Schürze ein paar Zentimeter hoch und lasse die Spitze des linken Halterlosen dezent rausspitzeln. Jetzt wollen wir mal sehen, ob er außer «Hallo Babe» noch mehr zu bieten hat!

«Wow, Baby! Was versteckst du da?»

Das lasse ich schon eher als passende Reaktion gelten.

Max lässt seine Sporttasche auf den Boden fallen und kommt auf mich zu. Ich drehe mich wieder in Richtung Salatschüssel und zeige mich verführerisch kühl. Es heißt doch, auch ein schöner Rücken könne entzücken. Das will ich doch gleich mal testen.

Max stellt sich hinter mich, umklammert meine Hüften mit seinen Händen und fängt an, mich hinter dem Ohr zu küssen. Das ist Wahnsinn, ich liebe das. Eindeutig eine meiner erogensten Zonen, und das weiß er sehr genau. Ich lasse meinen Kopf leicht nach vorne sinken, schließe die Augen und schmelze langsam dahin. Mein Körper wird zu Wachs unter seinen Berührungen und seine sanft knabbernden Küsse entlang meines Schlüsselbeins bringen mich gerade fast um den Verstand.

Oh mein Gott, hatte beinahe vergessen, wie wunderbar sich seine weichen Lippen auf meiner Haut anfühlen. Wie lange hat er mich schon nicht mehr so geküsst? Zu lange, aber das ist jetzt völlig egal. Seine Hände wandern jetzt langsam meine Hüften entlang und er wird mich gleich zu sich drehen, mich auf die Arbeitsfläche hoch hieven, meine Beine um seinen athletischen Körper schlingen und anfangen, meinen Körper mit zärtlichen Küssen zu übersäen. Und dann…

«Babe, du siehst so scharf aus!», haucht er mir ins Ohr.

Ich wusste, dass mein Plan sich auszahlen wird. Nimm mich. Jetzt!

«Aber lass uns doch später einfach genau hier weiter machen.»

BITTE? Sind das Halluzinationen? Wer spricht da aus dem Off zu mir? Wie «später»?

Ich reiße meine Augen auf und blicke mit Entsetzen in die mit Salatabfällen gefüllte Spüle. Wenn ich mich jetzt umdrehe, dann garantiere ich für nichts, also bleibe ich wie versteinert mit dem Rücken zu Max gewandt stehen und nicke nur, während ich den tonnenschweren Kloß im Hals herunterschlucke.

Er platziert noch einen Kuss in meinem Nacken, nimmt seine warmen Hände von meinen Lenden und setzt sich in Bewegung. Ich drehe mich um, lehne mich an die Arbeitsfläche und stütze mich mit beiden Händen ab, denn irgendwie bin ich gerade einer Ohnmacht nahe. Max macht die Kühlschranktür auf, nimmt sich ein Weißbier raus, aus dem Regal daneben ein Glas und bewegt seinen verdammt heißen, durchtrainierten Körper gemächlich in Richtung Couch. Das einzige was er neben maßloser Enttäuschung hinterlässt, ist der frische Zitronenduft seines Duschgels, der mich in der Nase kitzelt. Ich niese.

Mit verklärtem Blick folge ich Max und wäre ich nicht in einem tranceartigen Zustand, unfähig mich von der Stelle zu bewegen, würde ich einfach nur losrennen und ihm sein Scheißweißbier über den Schädel hauen.

Max hält kurz inne und schaut sich etwas desorientiert im Wohnzimmer um. Setzt sich wieder in Bewegung, steuert den Fernseher an und schnappt sich die Fernbedienung, die in der Schublade darunter verstaut ist. Dabei hatte ich einen Augenblick lang die Hoffnung, er würde zur Vernunft kommen, und wieder umkehren.

«Caro, das Ding heißt nicht Fernbedienung weil es möglichst fern von der Couch platziert wird, sondern um den Fernseher damit vom Sofa aus fern bedienen zu können. Wieso kannst du sie nicht einfach auf dem Tisch liegen lassen?»

Weil sie da nicht hin gehört. Und schau mich gefälligst an, wenn du mit mir sprichst, du Blindgänger! Wir besitzen eine Stereoanlage, eine Playstation, eine Wii und ein Heimkino, das sind summa summarum sechs Fernbedienungen, die Wii hat ja gleich zwei davon. Und nachdem ich diejenige bin, die jeden Tag Max’ Fingerabdrücke von der Glasplatte des Wohnzimmertischs abwischen darf, bin auch ich diejenige die keine Lust hat, die Scheißdinger ständig hin und her zu stapeln, also räume ich sie weg. Noch dazu sieht es gleich ordentlicher aus, aber mit Ordnung hielt es mein lieber Freund noch nie sonderlich eng. Man könnte meinen, Max hat jede Hausmilbe in diesen vier Wänden ins Herz geschlossen.

«Stört das Feng Shui.»

«Klar. Dann male ich sie rot an und schon passt es wieder.», erwidert er lachend.

Gerade ist sicher nicht der richtige Moment, um Witze zu reißen. Ich persönlich bin nämlich gar nicht zum Spaßen aufgelegt. Vielmehr ist mir zum Weinen zumute, ich schaffe es aber, die Tränen zu unterdrücken. Während also in meiner Welt Untergangsstimmung herrscht, ist in Max’ Universum alles in bester Ordnung. Er kommt gar nicht auf die Idee, mich gedemütigt und verletzt zu haben. Ist ja auch alles überhaupt kein Problem, denn ich laufe ja nicht weg, weil ich nämlich nie weglaufe. Ich drohte bisher immer nur, aber meine Androhungen umzusetzen, brachte ich nie übers Herz.

Dafür ist Max in der Umsetzung unschlagbar und ausgesprochen effizient. Der Fernseher ist an, er sitzt in entspannter Haltung auf der Couch, nippt an seinem Bier und sieht dabei auch noch überglücklich aus. Anstatt mich mit seinen Augen zu verschlingen, lässt er sich lieber von der Flimmerkiste betören.

Ich wünschte, ich wäre rechteckig, zehn Zentimeter dünn und würde Sony heißen, anstatt hier in unserer Scheißküche, in Scheißstrapsen, einer beschissen teuren Kochschürze zu stehen und mir in diesen scheißunbequemen Schuhen dicke Beine zu holen! Fühle mich wie die berühmtberüchtigte heiße Kartoffel, die gerade fallen gelassen wurde.

Keine Frau hat es verdient, so abserviert und derart entwürdigend behandelt zu werden. Und schon gar nicht ich, schließlich war ich mit 19 Jahren Vize Miss Tropicana. In diesem Fall ist es natürlich auch zweitrangig, dass es sich um den Misstitel unserer Stammdisco handelte und ich nur vier Konkurrentinnen hatte. Titel bleibt Titel! Also, was bildet sich dieser verdammte Mistkerl eigentlich ein? Das Moulin Rouge würde sich sicher um mich reißen!

Eines ist sicher, der Appetit ist mir vergangen, und vermutlich ist es auch besser, schnellstmöglich das Gemüsemesser beiseite zu legen, nicht dass noch ein tief verborgener Killerinstinkt in mir schlummert.

Als nächstes werde ich mich dieser lächerlichen Verkleidung entledigen und mich in Schale werfen, um zum Gegenschlag auszuholen. Auf dem Weg ins Schlafzimmer höre ich noch wie der liebe Gerhard Delling, fachmännisch wie immer, die Spiele der ersten Bundesliga anmoderiert. Somit ist es Punkt 18.30 Uhr.

Schlüpfe in meine dunkelblaue Lieblingsjeans, in der meine langen Beine noch länger aussehen, ziehe mein giftgrünes «A star was born – 1978»-Shirt an und überlege, welche Schimpfwörter ich ihm gleich an den Kopf werfen werde.

Stelle für den Notfall auch meine gepackte Reisetasche im Flur bereit, denn wer weiß, in welcher Geschwindigkeit ich im Falle Plan B die Wohnung verlassen möchte. Oder muss. Aber ehrlich gesagt ist Plan B so gar nicht das, was mir als Ausgang des heutigen Abends vorschwebt. Vielmehr ist mir nach einer bühnenreifen Szene meinerseits, ein paar Shakespeare-reifen Worten der Reue seinerseits, einigen Schmollmomenten – wiederum meinerseits – und anschließend einer wunderbaren Versöhnung – diese natürlich beiderseits. Und als Höhepunkt mein Höhepunkt.

Klingt doch eigentlich ganz