Der große Roman 6 - Liebesroman by Lieselotte Immenhof by Lieselotte Immenhof - Read Online

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Der große Roman 6 - Liebesroman - Lieselotte Immenhof

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Der grosse Roman –6–

Wolken, die vorüberziehen

Roman von Lieselotte Immenhof

Marianne Sanders bekam Herzklopfen, als der Zug auf dem kleinen Landbahnhof einfuhr. Sie stand am geöffneten Fenster, und der Fahrtwind spielte mit ihrem goldblonden Haar.

Als das Rattern der Lokomotive immer langsamer wurde, beugte Marianne sich weit hinaus und atmete tief die milde Vorfrühlingsluft ein.

Es riecht nach Wiesen und ein wenig nach Kühen! dachte Marianne und mußte lächeln.

Es war schön, wieder einmal daheim zu sein!

Wie lange war sie nicht bei den Eltern gewesen? Fast ein Jahr! Nicht einmal zu Weihnachten war sie nach Hause gekommen, obwohl Mutter einen so bittenden Brief geschrieben hatte. Aber Marianne war standhaft geblieben. Sie wußte nur all zu gut, warum sie dem elterlichen Gut fernblieb. Ihr Fortgehen vor mehr als zwei Jahren sollte nicht umsonst gewesen sein!

Marianne seufzte, und ihr jugendliches Gesicht mit den zart geröteten Wangen wurde ernst. Sie bog den Kopf zurück und schloß die Augen zu einem schmalen Spalt.

In diesem Augenblick gewahrte sie den kleinen graublauen Wagen, der neben dem Bahnhofsgebäude parkte. Die Farbe des Autos war unter der dicken Staubschicht, die ihn bedeckte, kaum zu erkennen, aber Marianne ließ sich dadurch nicht täuschen.

Ihr stockte der Atem.

Früher fuhr nur einer im ganzen Ort einen graublauen Wagen: Kai von Pettrum!

Aber das war schon einige Jahre her… Warum denke ich schon wieder an Kai? fragte sie sich.

Wahrscheinlich hatte er heute längst einen größeren Wagen. Marianne schob den Gedanken an Kai von Pettrum energisch beiseite.

Warum habe ich einen früheren Zug genommen? überlegte sie.

Sie hatte geschrieben, daß sie am Nachmittag eintreffen würde, und Veit hatte versprochen, sie abzuholen. Jetzt aber würde niemand auf dem Bahnsteig sein, um sie zu empfangen.

Sie erblickte nur fremde Gesichter, als sie wieder zum Fenster hinaussah. Eine leise Traurigkeit beschlich sie und dämpfte ihre Freude über das Heimkommen.

Sie hob ihren Koffer aus dem Gepäcknetz und ging zur Abteiltür.

Ach was, sagte sie sich im Stillen, ich hab’s ja selbst so gewollt, weil ich es vor Sehnsucht einfach nicht mehr aushalten konnte! Nun wird die Überraschung um so größer sein, wenn ich plötzlich daheim vor der Tür stehe!

Als sie aus dem Zug geklettert war, blieb sie einen Augenblick unschlüssig auf dem Bahnsteig stehen und schaute sich mit einer Mischung von freudiger Rührung und leiser Wehmut in der vertrauten Umgebung um.

Die milchige Märzsonne tauchte alles in ein fahles Licht. Die kahlen Bäume sahen mit ihrem blattlosen Geäst sonderbar nackt aus, und das Grün der Wiesen war noch sehr hell. Auch die Felder auf den nahen Hügeln ließen kaum den Frühlingsanfang ahnen.

Marianne hob ihren Koffer auf und überquerte die Gleise.

In der kleinen Bahnhofshalle roch es muffig wie immer. Ein vierschrötiger Mann fegte Papierfetzen und allerhand Unrat zusammen. Einige Leute liefen eilig an Marianne vorbei und drängten zur Sperre.

Ich werde meinen Koffer in die Gepäckaufbewahrung geben, beschloß Marianne, und Veit kann ihn später abholen. So kann ich den ganzen Weg bis nach Hause zu Fuß gehen.

Am Gepäckschalter stand ein Mann, der Marianne den Rücken zukehrte. Er trug braune Cordhosen, die schon etwas ausgebeult waren, und eine dunkelbraune Lederjacke. Er war ziemlich groß und breitschultrig.

Marianne trat hinzu.

Als er die näherkommenden Schritte hörte, wandte der Mann sich um und blickte Marianne gerade ins Gesicht.

Da wußte sie, daß ihre Ahnung sie vorhin nicht getrogen hatte.

»Kai!« stammelte sie und hätte beinahe den Koffer fallengelassen.

Kai von Pettrum stutzte einen Moment, dann lief ein erkennendes Lächeln über seine männlichen Züge. »Marianne!« rief er erfreut aus und streckte ihr beide Hände entgegen. »Beinahe hätte ich Sie nicht erkannt!«

Sie lachte befangen und fühlte, daß ihr glühende Röte ins Gesicht stieg. »Habe ich mich so verändert?«

Er hielt immer noch ihre Hände und betrachtete sie prüfend. »Nein, eigentlich nicht«, sagte er dann mit seiner dunklen Stimme, deren Klang schon früher stets ihr Herz erzittern ließ. »Sie sind die gleiche geblieben: dasselbe fröhliche Lachen, die klaren Augen und der feste Händedruck!« Erst jetzt ließ er sie los. »Es war nur Ihre äußere Erscheinung, die mich im ersten Augenblick verwirrt hat! Sie sehen so elegant aus!« Er musterte mit einem bewundernden Blick ihr schickes rehbraunes Kostüm und sah dann verlegen an seiner ­eigenen Aufmachung herab. »Wir leben hier halt auf dem Lande!« Er lachte, und ­Mariannes Herz zog sich schmerzhaft zusammen.

Ich wollte ihn vergessen! dachte sie verwirrt, nur darum bin ich weggegangen. Und nun ist er der Erste, der mir auf dem Bahnhof begegnet, und ich erkenne, daß ich meine Liebe zu ihm immer noch nicht überwunden habe!

Kai von Pettrum nahm ihr den Koffer aus der Hand. »Schön, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen!« sagte er, und Marianne wünschte, er würde nicht so vertraut mit ihr sprechen.

»Wollen Sie den Koffer abgeben?« fragte der Beamte am Gepäckschalter.

»Ja«, antwortete Marianne, »mein Bruder wird ihn später abholen.«

»Werden Sie daheim gar nicht erwartet?« erkundigte sich Kai. »Sonst wäre doch sicher jemand zum Bahnhof gekommen, nicht wahr?«

Marianne errötete wieder. »Ich hatte meine Ankunft für den Nachmittag angemeldet«, erwiderte sie rasch.

Kai von Pettrum nahm dem Bahnbeamten den Koffer wieder aus der Hand. »Lassen Sie mal«, sagte er, »wir nehmen ihn gleich mit!« Er nickte dem Mann freundlich zu. »Und rufen Sie mich bitte sofort an, wenn die Expreßsendung für uns eintrifft, ja?«

»Wird gemacht, Graf«, versprach der Bahnbeamte.

»Kommen Sie«, sagte Kai von Pettrum und legte wie selbstverständlich eine Hand auf Mariannes Schulter. »Ich fahre Sie nach Hause.«

Sie blieb mitten in der Halle stehen. »Nein«, stieß sie mit spröder Stimme hervor, »das geht nicht – ich möchte nicht nach …«

Er lachte gedämpft auf. »Kommen Sie!« forderte er sie noch einmal auf und öffnete die Bahnhofstür.

Sie widersprach nicht mehr. Wie im Traum folgte sie ihm mit einem Schritt Abstand.

Während er um den Wagen herumging und den Koffer auf den Rücksitz legte, betrachtete sie sein Gesicht.

Er hat sich verändert, dachte sie. Sein Gesicht ist härter geworden und älter. Er sieht viel reifer aus als damals …

Sie bemerkte auch die beiden Falten, die sich über seiner Nasenwurzel eingegraben hatten, und sie sah, daß das dunkle Haar von einigen silbernen Fäden durchzogen wurde.

Er war erst Ende Zwanzig, aber das unbekümmerte, jungenhafte Lachen, das sie damals so an ihm geliebt hatte, war verloren gegangen. War er nicht glücklich geworden?

Er hatte die rechte Wagentür für Marianne geöffnet und wischte mit einem Lappen über den Sitz. »Verzeihung, es ist alles ziemlich staubig«, entschuldigte er sich. »Hoffentlich machen Sie sich nicht schmutzig!«

Sie wehrte ab und setzte sich ohne Umschweife neben ihn. »Ich bin nicht empfindlich und mein Kostüm auch nicht!« Sie lachte, obwohl sie eigentlich sehr unglücklich war. Und dennoch war sie wiederum gerührt über seine unbeholfene Fürsorge. War er früher auch so gewesen?

Warum war dann alles so gekommen?

Eine ältere Frau, die vorüberging, erwiderte den freundlichen Gruß von Kai und rief ihm etwas zu, was Marianne nicht verstand, weil Kai gerade den Motor anließ.

Er nickte, kurbelte die Fensterscheibe herunter und rief der Frau zu: »Ich komme morgen!« Dann gab er Gas und fuhr los.

Das Gut von Mariannes Eltern lag in entgegengesetzter Richtung von Kais Weg.

»Haben Sie auch wirklich Zeit?« fragte Marianne. »Selbst wenn ich in allergrößter Eile gewesen wäre«, erwiderte er mit einem Anflug eines verhaltenen Lächelns – »für Sie hätte ich mir Zeit genommen!«

Marianne fragte sich, was sie von dieser Erklärung halten sollte.

Warum hat er mir früher niemals derartiges gesagt? dachte sie gequält. Erst jetzt spricht er aus, worauf ich damals so lange sehnsüchtig gewartet hatte – jetzt, da es zu spät ist.

Zu spät!

In diesem Augenblick wurde ihr alles wieder so klar, wie es ihr schon in den vergangenen Monaten gewesen war, die sie fern von ihm verlebt hatte. Sie verkrampfte die Hände ineinander, ihre Lippen waren fest zusammengepreßt.

Ich darf nicht schwach werden! nahm sie sich vor. Er soll nichts von meinen Empfindungen erfahren! Ich muß heiter und unbefangen sein!

»Wie geht es Ihnen – und Ihrer Frau?« Sie bemühte sich, ihre Stimme so harmlos wie möglich klingen zu lassen.

Ein plötzlicher Ruck ging durch seinen Körper, seine Hände, die lose auf dem Steuerrad lagen, griffen hart nach einem Halt, und sein Gesicht wurde finster und verschlossen.

Marianne befiel eine unerklärliche Angst.

»Sie wissen es nicht?« Seine Stimme war vollkommen verändert, rauh, ohne Leben und Wärme. »Man hat es Ihnen nicht geschrieben?«

Marianne erschrak. »Nein – ich weiß nicht …«

Lieber Gott, Was war denn geschehen?

Erst jetzt sah sie, daß Kai keinen Trauring trug, aber sie sah auch sein totenblasses, versteinertes Gesicht. Und nun bereute sie ihre Frage.

Völlig unvermittelt brachte er den Wagen zum Stehen.

»Ellen ist tot«, sagte er und starrte blicklos geradeaus.

Marianne war es, als erhielte sie einen Schlag. »Tot?« wiederholte sie fassungslos.

Er nickte stumm. »Ich dachte, Sie wüßten davon«, brachte er dann mühsam hervor.

Zu Hause wußte keiner, daß sie Kai von Pettrum geliebt hatte und immer noch liebte und wohl bis an ihr Lebensende lieben würde. Mutter hatte es vielleicht insgeheim geahnt und deshalb so schnell zugestimmt, daß Marianne vor zwei Jahren zu Tante Franziska ging. Und aus dem gleichen Grund hatte sie wohl nie in ihren Briefen den Namen Kai von Pettrum erwähnt. Vater schrieb selten, und Veit konnte Kai nicht leiden, schon früher nicht…

Immer wieder dachte sie das gleiche: Warum habe ich es nicht erfahren? Warum hat es mir keiner gesagt?

Sie war unfähig, ein Wort zu sprechen. Völlig betäubt saß sie neben ihm. Endlich wagte sie, sich zu rühren. Vorsichtig legte sie eine Hand auf seinen Arm. »Es tut mir so leid«, murmelte sie, und es war wahr, was sie sagte. »Wie – wie ist es geschehen? Verzeihen Sie – vielleicht sollte ich lieber nicht danach fragen?«

Er wandte ihr sein Gesicht zu, und allmählich löste sich die Verkrampfung. »Ich werde es Ihnen erzählen. Es ist eine ganz kurze Geschichte. Sie bekam ein Kind. Es war wirklich eine sehr schwere Geburt. Kaiserschnitt…! Der Junge wog acht Pfund. Sie hat ihn nicht einmal gesehen. Eine Stunde nach der Geburt war sie tot.« Er schwieg und biß die Zähne