Dr. Norden 633 - Arztroman by Patricia Vandenberg by Patricia Vandenberg - Read Online

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Dr. Norden 633 - Arztroman - Patricia Vandenberg

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Dr. Norden –633–

Halte fest, was dir gehört

Roman von Patricia Vandenberg

Es war Herbst geworden nach herrlichen warmen Spätsommertagen. Ein kalter Nordwind fegte die Blätter von den Bäumen und jagte sie über regennasse Straßen.

In Dr. Nordens Praxis ging es zu wie in einem Taubenschlag. Wendy wußte nicht, wo sie zuerst hinspringen sollte. An solchen Tagen wäre sie mit einer Hilfe einverstanden gewesen, so sehr sie sich sonst dagegen sträubte.

Anscheinend hatte der Himmel ihr Stoßgebet erhört, denn jetzt trat eine junge Frau ein, bei deren Anblick ein heller Schein über Wendys angespanntes Gesicht lief.

»Tina, du kommst wie gerufen«, sagte sie erfreut, »suchst du vielleicht einen Job?«

»Woher weißt du das?« fragte Martina Kröger.

»Ich dachte es nur, weil du hier erscheinst zu dieser Zeit.«

»Ich gehöre zu denen, die eingespart werden, weil ich mal drei Wochen krank war. Das darf man sich jetzt nicht mehr leisten, Wendy. Ich wollte Dr. Norden fragen, ob er eine Pflegestelle für mich weiß.«

»Wir könnten hier Hilfe brauchen. Ich war ja nie so recht einverstanden, aber du siehst ja, wie es hier zugeht. Wenn du einspringen könntest, wäre es prima.«

»Und für mich die Rettung. Du weißt ja, daß ich mit jeder Mark rechnen muß.«

»Mußt du immer noch seine Schulden abbezahlen?« fragte Wendy.

»Noch zweitausend, dann habe ich es endlich hinter mir. Dummheit muß bestraft werden, Wendy, aber sag lieber, was ich tun kann.«

»Erst werde ich dem Chef Bescheid sagen, daß wir gerettet sind, aber du kannst dir inzwischen schon einen Kittel heraussuchen, in dem Raum, wo ›privat‹ steht.«

Gleich danach rief Dr. Norden Wendy zu sich.

»Schauen Sie sich die Röntgenaufnahmen von Peter Binder an, Wendy. Seine Mutter hat sie gebracht. Der Bruch will nicht heilen, da hat ein Kollege wohl einen Wurm hineingebracht. Es ist tatsächlich schlimmer, als ich annahm.«

»Aber es ist nicht Ihre Schuld«, sagte Wendy resolut. »Ich wollte Ihnen sagen, daß Tina Kröger hier ist und aushelfen kann. Sie gehört zu den Entlassenen.«

»Ausgerechnet sie, da hat sie wohl jemanden nicht in den Kram gepaßt. Mich würde es nicht wundern, wenn es der gleiche ist, der an Peter Binders Bein schuld ist. Ich werde nachher gleich mit ihr reden.«

»Dann kann sie bleiben?«

»Natürlich. Sie waren doch immer diejenige, die sich nicht ins Handwerk pfuschen lassen wollte.«

»Sie pfuscht nicht«, sagte Wendy.

»Wenn man jemand so gut kennt, blockiert man nicht.«

Tina konnte wieder lächeln. Es wurde nicht mehr geredet, sie ging Wendy gleich zur Hand und sie hatte Erfahrung, da brauchte man nichts sagen.

Mittags hatte Dr. Norden dann Zeit, ein paar Minuten mit ihr zu reden. Seine Mittagspausen waren jetzt sowieso kurz.

»Hatte Hunger das Sagen bei den Entlassungen?« fragte er direkt.

Sie nickte. »Daß Sie das schon wissen«, sagte sie gepreßt.

»Ich habe es vermutet. Sie sind eine erfahrene Krankenschwester. Was sagen Sie zu diesen Röntgenaufnahmen, Tina?«

Sie blickte erschrocken auf die Sichtscheibe. »Die kenne ich, woher haben Sie die?«

»Frau Binder hat sie mir gebracht, und wahrscheinlich ist das nicht der einzige Fall, wo etwas schiefgelaufen ist.«

»Sie haben recht, Dr. Hunger trinkt, und ich habe das ziemlich laut gesagt. Ich meine sowieso, daß er überprüft werden müßte. Aber er ist ja mit der Tochter vom Chefarzt verlobt.«

»Der sagt nichts?«

»Ich will mich nicht weiter äußern, es klingt so nach Klinikklatsch, aber entlassen werden wirklich nur die, die ein bißchen mehr Ahnung und Durchblick haben.«

»Dr. Norden deutete auf die Röntgenbilder. »Dieser Sache werde ich nachgehen. Ich habe schon Verbindung zu Professor Riedmann aufgenommen. Er ist eine Kapazität, und wir versuchen für Peter zu retten, was noch zu retten ist. Wären Sie bereit, Ihre Meinung dazu zu sagen?«

»Selbstverständlich, wenn ich auch nicht kompetent bin. Aber ich weiß, daß ich nicht entlassen wurde, weil ich insgesamt drei Wochen krank war, wirklich krank. Das kann sogar mir passieren. Aber Sie wissen ja, was mir gefehlt hat.«

Er wußte es. Sie war von ihrem Exfreund brutal mißhandelt worden, als sie sich von ihm getrennt hatte.

Sie mußte trotzdem jetzt noch seine Schulden abbezahlen, weil sie anfangs guten Glaubens den Kaufvertrag für ein Auto mit unterschrieben hatte, mit dem er dann durchgebrannt war.

Fee Norden sah ihren Mann besorgt an, als er zum Essen kam. »Macht dir das Wetter auch zu schaffen?« fragte sie. »Oder geht es wieder so zu?«

»Es ist nicht nur das Wetter, mein Schatz, es kommt vieles zusammen. Aber jetzt kann Tina Kröger bei uns aushelfen, das wird von Wendy akzeptiert.«

»Aber Tina ist doch Vollzeitkraft in der Berlauer-Klinik«, meinte Fee überrascht.

»Nicht mehr, sie ist leider auch von der Einsparungswelle betroffen.«

»Ausgerechnet Tina, das kann ich nicht glauben!«

»Wahrscheinlich wollte sie der liebe Kollege Hunger aus dem Weg haben. Dieser Dilettant kann es nicht ertragen, wenn eine Schwester mehr Erfahrung hat als er.«

»Liebe Güte, jetzt bist du aber sauer auf ihn. Was hat er denn wieder mal verbockt?«

»Peter Binders Bein. Es ist unglaublich, was er da versiebt hat, aber dazu muß er Stellung nehmen. Ich habe mich schon mit Professor Riedmann in Verbindung gesetzt. Wenn der Peter nicht helfen kann, ist das Bein verloren.«

Fee wurde blaß. »Um Himmels willen, Sport ist doch sein Leben«, sagte sie erregt.

»Hoffen wir, daß ihm sein Leben auch ohne Sport viel bedeutet, denn er wird Mut und Kraft brauchen. Hunger wäre sicher ein erfolgreicher Vertreter geworden, denn im Reden ist er unschlagbar, aber ich hatte immer ein ungutes Gefühl bei ihm. Fehler kann jeder Arzt machen, aber nicht so viele und so gravierende.«

»Er hat als zukünftiger Schwiegersohn von Berlauer eben Privilegien, und der wird froh sein, daß er seine seltsame Tochter doch noch unter die Haube bringt«, sagte Fee ironisch. »Allerdings wäre es besser, er würde kein Skalpell mehr anfassen, wenn Pfusch dabei herauskommt. Hat Tina sich mit ihm angelegt?«

»Sie hat wohl ziemlich unverblümt gesagt, daß er trinkt. Wie ich sie kenne, wird sie auch manches in aller Offenheit bemängelt haben, aber jetzt ist es unser Vorteil. Wendy duldet endlich mal jemand neben sich.«

»Dann bleibt nur zu hoffen, daß Tina nicht mehr von Bräuer belästigt wird«, sagte Fee nachdenklich.

»Er ist auf und davon, aber sie muß seine Schulden immer noch abstottern.«

»Das ist doch ungerecht.«

»Man muß sich vorher überlegen, für wen man bürgt, mein Liebes. Sie war zu blauäugig, was diesen Bräuer betrifft.«

»Sie war verliebt, und man konnte es ihm nicht an der Nasenspitze ansehen, was er für ein Nichtsnutz ist.«

»Nichtsnutz ist aber sehr geschmeichelt. Er ist kriminell, und sie ist nicht die einzige Frau, die er betrogen hat. Aber ihr hat er auch körperlichen Schaden zugefügt. Dafür gehört er hinter Gitter.«

»Und wohin gehört Hunger?«

»Jedenfalls nicht in einen OP.«

»Du handelst dir wieder mal Ärger ein, Schatz.«

»Ich denke daran, daß ein neunzehnjähriger Junge möglicherweise sein Bein und