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Extrem gesund: Wie uns eiskaltes Wasser und extreme Höhe gesünder und fitter denn je machen

Extrem gesund: Wie uns eiskaltes Wasser und extreme Höhe gesünder und fitter denn je machen

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Extrem gesund: Wie uns eiskaltes Wasser und extreme Höhe gesünder und fitter denn je machen

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4/5 (1 rating)
Length:
385 pages
6 hours
Publisher:
Released:
Jun 13, 2017
ISBN:
9783864704703
Format:
Book

Description

Zu warm? Schnell die Klimaanlage einschalten. Zu kalt? Lieber die Heizung aufdrehen, bevor wir uns erkälten. Wim Hof, der holländische Survival-Profi, der zahlreiche Rekorde in Sachen Kälteresistenz hält, weiß aber: Wir brauchen diese Annehmlichkeiten gar nicht, ganz im Gegenteil, sie machen uns sogar krank. Sein Credo: Die Evolution hat uns robuster gemacht, als wir denken. Kälte, Hitze und Höhe tun uns also gut. Scott Carney hat in einem Selbstversuch die Wim-Hof-Methode getestet und seinen eigenen Körper auf eine Reise bis an den Rand der menschlichen Belastbarkeit geschickt, unter anderem auf den Kilimandscharo, nur mit Turnschuhen und Shorts bekleidet. Er hat festgestellt: Extrem ist extrem gut – und extrem gesund!
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Jun 13, 2017
ISBN:
9783864704703
Format:
Book

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Extrem gesund - Scott Carney

2015

EINLEITUNG

VERBRENNEN

DIE REIHE UNSERER Stirnlampen durchschneidet die Dunkelheit der pechschwarzen afrikanischen Nacht und beleuchtet Teile eines geröllbedeckten Pfads. Wanderstöcke aus Aluminium und Wanderstiefel knirschen auf der Erde, während sich die Gruppe nordwärts bewegt, auf einen vulkanischen Felsbrocken zu, der jährlich die Leben von etwa acht Bergsteigern fordert. Unser Atem geht schwer und rhythmisch, als wären wir in einem Raum gefangen, dem langsam der Sauerstoff entzogen wird. Es hört sich an, als könnte jeder unserer Atemzüge unser letzter sein. Wir trotten in der Dunkelheit konzentriert vorwärts wie eine Einheit, bis die Finger einer orangefarbenen Dämmerung am Horizont erscheinen und die Decke der Nacht wegziehen. Der Umriss eines Berggipfels wird sichtbar. Zuerst ist es nur die purpurfarbene Abwesenheit von Sternen, die im Rest des Himmels wie Nadelstiche wirken, aber während der Himmel die Umarmung der Nacht abschüttelt, lässt die Sonne den Gletscher auf dem Gipfel wie ein Leuchtfeuer erscheinen.

Kilimandscharo.

Der größte Berg in Afrika erhebt sich aus der sonnendurchfluteten Savanne bis über die Wolken. Dort oben rasen Winde mit über 80 Kilometern pro Stunde über das, was wohl das einzige natürlich vorkommende Eis auf dem ganzen Kontinent darstellt. Es ist das erste Mal, dass wir ihn von so nahe sehen, und ich weiß nicht, ob ich aufgeregt oder verängstigt sein soll. Während der letzten 20 Stunden war der Gipfel hinter den Wolken und den Ausläufern des Berges selbst versteckt, aber jetzt ist der massive Haufen erstarrter Lava keine vage Idee in unseren Köpfen mehr, sondern ein tödliches, reales Hindernis, das es zu überwinden gilt. Unser gradueller Anstieg über die letzten 25 Kilometer vom Beginn des Nationalparks aus wird in einigen Kilometern abrupt zum Stillstand kommen, an der Stelle, wo die Basis des vulkanischen Kegels aus der Ebene nach oben schießt und sich zu einem unfruchtbaren und feindlichen Ödland wandelt. Leblos und nur mit einem Basecamp ausgestattet, das aussieht, als wäre es auf dem Mond errichtet, wird es den Beginn der größten Herausforderung meines Lebens markieren – einer Herausforderung, die mich an das Limit dessen heranführen wird, was ein Mensch ertragen kann. Zwar versuchen jedes Jahr Tausende von Touristen, den Gipfel zu erklimmen, aber sie teilen meistens den Aufstieg in einfache Abschnitte ein und sind mit modernster Bergsteigerausrüstung ausgestattet. Wir versuchen, den Gipfel im Rekordtempo zu erreichen, ohne Gewöhnung an die Höhe, mit wenig Nahrung oder Schlaf und bemerkenswerterweise ohne Ausrüstung für kalte Witterung. Ich trage nur Stiefel, eine Badehose und eine Wollmütze sowie einen Rucksack mit ein wenig Notfallausrüstung und Wasser. Mein Oberkörper ist nackt und der Kälte ausgesetzt.

Einer der Führer, dick eingepackt in voller Winterausrüstung, beäugt mich misstrauisch, bis er es nicht mehr aushält. „Bitte, zieh dir was an", sagt er, besorgt über die nackte Haut, die ich zur Schau stelle.

Eine vernünftige Forderung. Selbst angesichts der aufgehenden Sonne ist die Temperatur weit unter dem Gefrierpunkt und es wird kälter, je weiter wir hinaufsteigen.

Was er nicht weiß, ist, dass die Kälte meine geringste Sorge ist. Tatsächlich habe ich es genau darauf angelegt. Meine Haut fühlt sich an wie eine Rüstung, welche von der Kälte nicht durchdrungen werden kann. Zum Teil deswegen, weil ich mich so sehr anstrengen muss, höher zu steigen, dass mein Körper über mehr Wärme verfügt, als er überhaupt braucht, aber auf einer anderen Ebene – einer Ebene, die ich immer noch zu begreifen versuche – liegt es daran, dass ich der Kälte einfach nicht gestatte, in meinen Körper einzudringen. Was auch immer der wahre Grund sein mag – ich schwitze, anstatt zu frieren. Aber es gibt noch eine andere Herausforderung, welche ein genauso tückisches Problem darstellt – ein Problem, das die gesamte Expedition gefährden könnte.

Vernünftige Menschen nehmen sich fünf bis zehn Tage Zeit, um den Gipfel des Kilimandscharo zu erreichen, und steigen in kurzen und vorab überlegten Abschnitten entlang der Route auf, um ihren Körpern genug Zeit zu geben, ausreichend rote Blutkörperchen zu produzieren, damit sie mit dem geringer werdenden Sauerstoff bei zunehmender Höhe zurechtkommen. Wir sind jedoch keine vernünftigen Menschen. Unser kühner Plan besteht darin, den Gipfel in zwei Tagen zu erreichen. Bei diesem Tempo bleibt keine Zeit, sich an die Höhe zu gewöhnen. Auf etwa 4.000 Metern – das sind nur etwa zwei Drittel des Weges bis zum Gipfel – ist die Luft schon dünn genug, um manchen Menschen, die nicht an die Höhe gewöhnt sind, Kopfschmerzen, Krämpfe und manchmal sogar den Tod zu bescheren. Die Bedingungen haben bereits zu zwei Ausfällen in unserer kleinen Prozession geführt. Ein über zwei Meter großer Holländer gab an diesem Morgen erst zehn Minuten lang sein Frühstück von sich und wankte dann bei jedem Schritt. Und die Besitzerin einer ganzen Kette der berühmten holländischen „Coffee Shops", in denen Marihuana verkauft wird, hatte in der letzten Nacht so wenig Sauerstoff im Blut, dass sie die Kontrolle über ihre Gliedmaßen verlor.

Die Bergkrankheit kann selbst die ausdauerndsten Athleten niederstrecken. Das Militär stand dem Problem so ratlos gegenüber, dass es einfach einen gewissen Prozentsatz an Ausfällen ihrer Soldaten aufgrund des Sauerstoffmangels mit einkalkuliert, wenn es Spezialeinheiten in hoch gelegene Kampfgebiete entsendet – wie sie zum Beispiel in Afghanistan häufig sind. Bisher waren zusätzliche Soldaten auf jeder Mission die einzige Lösung. Wenn man sich also nur die reinen Zahlen ansieht, sind die Aussichten für unsere Gruppe finster. Einen Tag vor unserer Abreise hat einer der leitenden Wissenschaftler in einer Armee-Forschungseinrichtung, die sich mit Risiken durch Umwelteinflüsse beschäftigt, berechnet, drei Viertel von uns würde das gleiche Schicksal ereilen wie die beiden, die wir bereits verloren hatten. Doch nicht nur die Armee ist sicher, dass die meisten von uns scheitern werden. Kurz bevor ich aufgebrochen bin, hat ein Journalist, der einen Großteil seiner Zeit damit verbringt, die Viertausender in Colorado zu besteigen, meiner Frau gesagt, er glaube nicht, dass ich es je bis zum Gipfel schaffe.

Es ist nicht einfach, dem Rest der Welt klarzumachen, dass das, was wir tun, kein Stunt oder eine Selbstmordmission ist. Die fehlende Kleidung und das Tempo sind tatsächlich Teil eines Experiments, um eine der drängendsten Fragen der modernen Welt zu beantworten: Hat unsere Abhängigkeit von Technologie uns schwach gemacht? So gut wie jeder, den ich kenne, vom skeptischen Journalisten in Colorado über den Wissenschaftler der US-Army bis zum Bergführer an meiner Seite, umgibt sich mit einem Kokon an Technologie, die ihn sicher und warm hält und ihm hilft, die natürlichen, wechselnden Bedingungen auf unserem Planeten auszuhalten. In den letzten sechs Millionen Jahren der menschlichen Evolution haben unsere Vorfahren Expeditionen über in Eis gehüllte Berggipfel und durch trockene Wüsten mit einem Minimum an unterstützender „Technologie" bewerkstelligt. Sie haben vielleicht nicht versucht, diesen speziellen Berg zu besteigen, aber sie haben die Alpen und den Himalaja überquert, sind über Ozeane navigiert und haben die Neue Welt bevölkert. Welche Kräfte standen ihnen dabei zur Verfügung, die wir längst verloren haben? Und was noch wichtiger ist: Können wir diese Kräfte zurückgewinnen? Die zugrunde liegende Hypothese ist, dass wir unsere Körper schwächen, wenn wir Behaglichkeit und Ausdauer von den Dingen erwarten, die uns umgeben, und dass wir uns einfach nur einige der normalen Stressfaktoren durch unsere Umwelt wieder zumuten müssen, um uns einen Teil dieser evolutionären Kraft erneut anzueignen. Jede Person in dieser auf und ab wippenden Reihe mit Stirnlampen setzt ihr Leben aufs Spiel, um diese Theorie zu testen. Wir wissen auch, dass wir durch die simple Gewöhnung über einen längeren Zeitraum, mit der richtigen Einstellung und mentalen Stärke eine offenbar in uns schlummernde biologische Kraft erwecken können, die unseren Körper von innen wärmt.

Ich nehme einen Atemzug kalter Luft und konzentriere mich auf den orange leuchtenden Felsen vor mir. Beim Ausatmen mache ich ein Geräusch, das sich wie ein tiefes Knurren anhört: wie ein Drache, der aus einem tausendjährigen Schlaf erwacht. Ich merke, wie die Energie sich in mir aufbaut. Der Rhythmus meiner Atmung beschleunigt sich. Meine Zehen fangen an, in den Wanderstiefeln zu kribbeln. Die Welt wird vor meinen Augen immer heller, so als wäre die Dämmerung zwei Mal am Werk – einmal beim Sonnenaufgang und einmal in den Tiefen meines eigenen Geistes. Hinter meinen Ohren fühlt es sich so warm an, als hätte jemand an eine Zündschnur Feuer gelegt. Die Wärme breitet sich über meine Schulter und entlang meines Rückgrats aus. Es bringt wenig, aufs Thermometer zu sehen. Die Temperatur liegt weit unter dem Gefrierpunkt und ich verbrenne innerlich.

EINFÜHRUNG

EINE ODE AN DIE QUALLE

ICH LEIDE NICHT gerne. Genauso wenig mag ich es, wenn mir kalt ist, wenn ich nass bin oder hungrig. Wenn ich ein Totemtier hätte, wäre es wohl eine Qualle, die in einem Ozean der ewigen Behaglichkeit schwimmt. Ab und an würde ich mir einen kleinen Plankton-Snack gönnen (oder was auch immer Quallen gerne naschen) und ich würde mich von den Strömungen des Meeres genau in der richtigen Tiefe treiben lassen. Hätte ich das Glück gehabt, als Turritopsis dohrnii auf die Welt zu kommen, die sogenannte „unsterbliche Qualle", dann müsste ich mir nicht einmal um den Tod Gedanken machen. Wenn meine letzten Tage gekommen wären, würde ich mich einfach in eine Art Schleim verwandeln und ein paar Stunden später als verjüngte Version meiner selbst wieder erscheinen. Ja, eine Qualle zu sein – das wäre toll.

Leider ist es aber so, dass ich kein formloser Glibber bin, der im Meer lebt. Als Mensch bin ich nur die jüngste Verkörperung von mehreren hundert Millionen Jahren an Evolution, die ins Land gingen, seit wir als kleiner Dreckklumpen in der Ursuppe schwammen. Die meisten der vorhergehenden Generationen hatten es ziemlich schwer. Es gab Raubtiere, die man überlisten musste, Hungersnöte zu überstehen, Katastrophen, die ganze Spezies auslöschten, und den sich ständig wandelnden Kampf ums Überleben in einer geradezu feindlichen Umgebung. Und wollen wir mal ehrlich sein – die meisten unserer potenziellen Urahnen starben einfach, ohne ihre Gene weiterzugeben.

Evolution ist ein ständiger Kampf, der Generationen dauert und kleinste Mutationen hervorbringt, in dem nur die besonders gut angepassten Kreaturen oder diejenigen, die einfach Glück hatten, sich gegen glücklose genetische Sackgassen durchgesetzt haben. Der Körper, den wir heute haben, entwickelt sich stets weiter, aber wenn wir einen Blick hinter den Vorhang der Äonen an Veränderungen werfen, die uns dahin gebracht haben, wo wir heute sind, werden wir im Herzen unseres Wesens immer noch ein wenig Qualle finden.

Das kommt daher, weil wir ein Nervensystem haben, das beinahe perfekt an die Homöostase angepasst ist: den mühelosen Zustand, in dem unsere Umgebung uns alle körperlichen Bedürfnisse erfüllt. Eigentlich ist unser Nervensystem aber darauf getrimmt, auf Herausforderungen in unserer Umwelt zu reagieren – Muskelkontraktionen auszulösen, Hormone freizusetzen, die Körpertemperatur zu regeln und eine Million anderer Aufgaben, die uns in einem bestimmten Moment einen Vorteil verschaffen.

Aber abgesehen von einem dringenden Bedürfnis, zu überleben, ist der menschliche Körper völlig damit zufrieden, sich auszuruhen und gar nichts zu tun. Etwas zu tun, egal was, verbraucht eine gewisse Menge an Energie und unser Körper ist darauf angelegt, diese Energie zu sparen, nur für den Fall, dass er sie später brauchen könnte. Der Großteil dieser körperlichen Funktionen liegt nur knapp unterhalb unseres Bewusstseins, aber wenn das, was unser Nervensystem antreibt, sich artikulieren könnte, würde es wohl die Meinung zum Ausdruck bringen, unser Körper funktioniere am besten, wenn er sich in einer ewigen und stressfreien Komfortzone befindet.

Aber was ist Komfort? Es ist nicht wirklich ein Gefühl, sondern vielmehr die Abwesenheit von Dingen, die nicht komfortabel sind. Unsere Spezies hätte vielleicht niemals notwendige, aber mühsame Wanderungen durch heiße Wüsten oder eiskalte Berge überlebt, wenn es nicht das Versprechen einer irgendwie gearteten körperlichen Belohnung gegeben hätte, die am Ende der Reise auf uns wartet. Wir stillen unseren Durst, tragen Lagen dicker Kleidung an kalten Tagen und reinigen unsere Körper, weil das Verlangen nach Komfort in unserem Gehirn fest einprogrammiert ist. Es ist das, was Freud das „Lustprinzip" nannte.

Die einprogrammierte Neigung, welche uns zu bequemen Vielfraßen macht, die ein einfaches Leben anstreben, kam nicht aus dem Nichts. Abgesehen von meinem fiktiven Totemtier kämpft fast jeder Organismus gegen die Umgebung, die er bewohnt. Jede biologische Anpassung, die das Leben schrittweise einfacher machte, entstand durch den schleichend langsamen Prozess der natürlichen Auslese, wenn zwei Tiere es schafften, vorteilhafte Gene an ihre Nachkommen weiterzugeben. Überleben ist mehr als eine biologische Pflicht, die in einem Moment intensiver Leidenschaft gipfelt, es ist ein Zusammenspiel aus Glück, Motivation und der Fähigkeit einer Kreatur, ihre biologischen Eigenschaften voll auszuspielen. Ob Amöbe oder Menschenaffe, jedes Lebewesen braucht Motivation, um die Herausforderungen seiner Umwelt zu bewältigen. Komfort und Vergnügen sind die beiden machtvollsten und unmittelbarsten Belohnungen.

Der moderne Mensch existiert, anatomisch betrachtet, auf diesem Planeten seit fast 200.000 Jahren. Das heißt, dass unser Bürokollege, der auf einem Bürostuhl mit Rollen daran den ganzen Tag unter Neonröhren sitzt, noch ziemlich genau denselben Körper hat wie der prähistorische Höhlenmensch, der aus Feuerstein Speerspitzen fertigte, um Antilopen zu jagen. Um von der damaligen Zeit in die heutige zu kommen, musste die Menschheit zahllose Herausforderungen bestehen, während wir vor Raubtieren flohen, in Schneestürmen froren, vor dem Regen Schutz suchten, unsere Nahrung jagten und sammelten und trotz brütender Hitze weiteratmeten. Bis vor nicht allzu langer Zeit konnte Komfort nicht als gegeben betrachtet werden – es gab immer eine Balance zwischen dem Aufwand, den wir betrieben, und den Verschnaufpausen, die wir uns dadurch verdienten. Den Großteil der Zeit schafften wir das alles ohne auch nur einen Hauch dessen, was wir heute als moderne Technologie betrachten. Stattdessen mussten wir stark sein, um zu überleben. Wenn Ihr blasser Kollege aus dem Büro in der Zeit zurückreisen könnte und einen seiner prähistorischen Vorfahren träfe, dann wäre es wohl eine sehr schlechte Idee, diesen Höhlenmenschen zu einem Wettlauf oder einem Ringkampf herauszufordern.

Im Lauf der Jahrtausende haben die Menschen einige Dinge erfunden, die das Leben einfacher machten – Feuer, Kochen, Steinwerkzeuge, Fellkleidung und Fußlappen – aber wir waren immer noch größtenteils der Gnade der Natur ausgeliefert. Vor etwa 5.000 Jahren, zum Beginn der Geschichtsschreibung, wurden die Dinge ein wenig einfacher, da wir verschiedene Tierarten domestizierten und für uns arbeiten ließen, bessere Unterkünfte bauten und weiterentwickeltes Werkzeug benutzten. Das Leben wurde schrittweise etwas leichter, als sich auch die menschliche Kultur fortentwickelte. Dennoch war das Leben als Mensch nicht gerade sorgenfrei. Jedes neue Zeitalter erlaubte es uns, mehr auf unseren Einfallsreichtum zu setzen als auf unsere zugrunde liegende biologische Ausstattung, bis der technische Fortschritt schließlich die Evolution überholte. Und dann, irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wurde unsere technologische Leistungsfähigkeit schließlich so hoch, dass die fundamentalen biologischen Verbindungen zu der Welt um uns herum zerstört wurden. Abwassersysteme im Haus, Zentralheizung, Lebensmittelgeschäfte, Autos und elektrisches Licht gaben uns die Möglichkeit, unsere Umgebung so gründlich zu kontrollieren und anzupassen, dass viele von uns in einem ständigen Zustand der Homöostase leben können. Es spielt keine Rolle, wie das Wetter draußen ist – drückende Hitze, Schneestürme, Gewitter oder einfach ein schöner Sommertag – man kann aufstehen, lange nachdem die Sonne aufgegangen ist, ein Frühstück zu sich nehmen mit Früchten, die aus Klimazonen von der anderen Seite der Erdkugel eingeflogen wurden, in einem klimatisierten Auto zur Arbeit fahren, den Tag im Büro verbringen und wieder nach Hause kommen, ohne die Luft im Freien überhaupt mehr als ein paar Minuten gespürt zu haben. Der moderne Mensch ist die erste Spezies seit der Qualle, welche die natürlichen Hindernisse, die ihrem Überleben im Wege stehen, fast vollständig ignorieren kann.

Aber das goldene Zeitalter des Komforts hat eine dunkle Seite. Wir können uns zwar vorstellen, wie eine lebensfeindliche Umgebung sich anfühlen mag, aber nur wenige von uns ertragen regelmäßig die Belastungen, die unsere Vorfahren erleben mussten. Ohne Herausforderungen, die gemeistert werden müssen, Grenzen, die verschoben werden sollen, oder Gefahren, vor denen man fliehen müsste, leben die Menschen dieses Jahrhunderts ein übersättigtes, überheiztes und an Reizen armes Leben. Unsere Kämpfe als privilegierte Bewohner der Ersten Welt – einen Job kriegen, die Rente finanzieren, eine gute Schule für die Kinder finden, das richtige Status-Update zur richtigen Zeit in den Social Media zu posten – verblassen angesichts der täglichen tödlichen Bedrohungen, denen sich unsere Urahnen ausgesetzt sahen. Dieser anscheinende Sieg über unsere natürliche Umwelt hat unsere Körper nicht stärker gemacht. Ganz im Gegenteil: Der mühelose Komfort hat uns fett, faul und zunehmend krank gemacht.

Die Menschen in den Industrienationen und auch in einem Großteil der Schwellenländer leiden nicht länger an Mangelerkrankungen. Stattdessen macht uns der Überfluss krank. In diesem Jahrhundert gab es einen explosionsartigen Anstieg von Krankheiten wie Adipositas, Diabetes, chronischen Schmerzen, Arthritis, Bluthochdruck – sogar die Gicht kehrte zurück. Millionen Menschen leiden an Autoimmunerkrankungen – von Arthritis bis zu Allergien, von Lupus bis zu Morbus Crohn und Parkinson –, bei denen der Körper sich buchstäblich selbst angreift. Es scheint fast so, als hätten unsere Körper so wenig zu bekämpfen, dass unsere überschüssige Energie stattdessen in unserem Inneren Chaos anrichtet.

Immer mehr Wissenschaftler und Athleten sind der Meinung, unser Körper sei nicht für einen Zustand ewiger und müheloser Homöostase geschaffen. Die Evolution hat uns dazu gebracht, Komfort anzustreben, doch dieser Komfort war niemals der Normalzustand. Die menschliche Biologie braucht Belastung – aber nicht die Sorte Belastung, die Muskeln schädigt und dafür sorgt, dass wir von Bären gefressen werden oder körperlich verfallen, sondern die Art von wechselnden Umweltbedingungen und körperlicher Anstrengung, die auf unser Nervensystem anregend wirkt. Über die Jahrtausende gewöhnten wir uns daran, uns an eine sich stetig verändernde Umwelt anzupassen. Diese Schwankungen haben in unserer Physiologie unzählige Spuren hinterlassen, die zumeist nicht im Bereich unseres Bewusstseins liegen.

Muskeln, Organe, Nerven, Fettgewebe und Hormone reagieren und verändern sich aufgrund der Reize, die sie von außen erhalten. Entscheidend ist, dass bestimmte externe Signale, die eine ganze Reihe an körperlichen Reaktionen auslösen, den bewussten Teil unseres Geistes umgehen und Einfluss auf einen Bereich nehmen, der zahlreiche unterbewusste Körperreaktionen kontrolliert, die unter den Oberbegriff Kampf-oder-Flucht-Reaktion fallen. Ein Sprung in eiskaltes Wasser löst zum Beispiel nicht nur eine Reihe an Prozessen aus, die den Körper wärmen, sondern verändert auch die Insulinproduktion, reduziert die Durchblutung und erhöht die geistige Aufnahmefähigkeit. Eine Person muss tatsächlich die Komfortzone verlassen und diese Eiseskälte erfahren, wenn sie diese Systeme stimulieren möchte. Aber wer will das schon? Die meisten von uns sehen körperlichen Stress durch Umweltbedingungen nicht im gleichen Licht wie etwa körperliche Ertüchtigung. Es scheint keinen offensichtlichen Grund zu geben, unser Schlaraffenland zu verlassen.

Vielleicht ist das nicht ganz fair. In den letzten Jahren hat eine Gegenkultur versucht, die übermäßige Technologisierung zurückzudrängen und einiges unserer tierischen Natur wiederzuerlangen. Man hat ausgefeiltes Schuhwerk gegen Sandalen getauscht (und in manchen Fällen einfach gar nichts an den Füßen getragen). Klimatisierte Fitnessstudios wurden gegen grobschlächtige Hindernisparcours und harte Drills eingetauscht, bei denen verschiedene Muskelgruppen zusammenarbeiten müssen. Die Anhänger dieser Kultur verändern auch ihre Ernährungsgewohnheiten: Sie essen Knollen und Fleisch und vermeiden Getreide, um die Ernährung unserer urzeitlichen Vorfahren nachzuahmen. Mindestens acht Millionen Menschen haben ein Produkt gekauft, das sich Squatty Potty nennt und dabei helfen soll, in einer hockenden Position aufs Klo zu gehen, so wie unsere Vorfahren, die noch keine Toiletten hatten. Millionen melden sich bei Hindernisrennen an, die unter Strom stehende Netze, Eiswassergruben und große hölzerne Barrieren beinhalten, die man überwinden muss. Menschen verausgaben sich bei diesen Rennen so lange, bis ihre Muskeln zittern. Sie kotzen in den Schlamm mit Tränen in den Augen. Was sie suchen, ist nicht Aufregung, sondern Leid. Der Schmerz steht bei diesen Hindernisrennen und Bootcamps so sehr im Vordergrund, dass man sie auch „Leidensfest" nennt. Darüber sollte man mal einen Moment nachdenken: Manche Firmen verdienen ein Vermögen damit, Leiden zu verkaufen. Wie kam es, dass Schmerz zum Luxusgut wurde? Könnte es sein, dass es eine bestimmte Sorte Schmerz gibt, die eine versteckte Funktion bei der Evolution erfüllt?

Es wäre falsch, das Ganze nur als Modeerscheinung zu sehen. In gewissem Umfang hat es immer Menschen gegeben, die den Spagat zwischen Biologie und Technologie angestrebt haben. Im alten Sparta trugen die angehenden Krieger nur einfache rote Umhänge und keine Schuhe, egal wie das Wetter war. Sie glaubten, diese Abhärtung mache sie zu wilderen Kämpfern und immun gegen die Herausforderungen der Umwelt. Jahrtausendelang gab es in China und Tibet Mystiker und Mönche, die Monate oder sogar Jahre auf einsamen Berggipfeln verbrachten und nur durch ihre Kutte und tägliche Meditationspraxis gegen die Elemente geschützt waren. Bevor Europäer nach Nordamerika kamen, trugen die Ureinwohner der Gegend, in der heute Boston liegt, kaum mehr als einen Lendenschurz, um sich vor den eiskalten Wintern zu schützen. In den 1920er-Jahren gab es in Russland eine religiöse Bewegung, die ihre Anhänger überzeugte, sich jeden Tag mit kaltem Wasser zu übergießen, um Infektionen und Krankheiten fernzuhalten.

Die fortgeschrittene Technologie durchdringt alles, was wir tun, aber die Menschen, die sich entscheiden, einen Teil dieses Komforts aufzugeben, um wieder die Rauheit der Natur zu erleben, repräsentieren eine ursprüngliche Lebensauffassung, die vom gesellschaftlichen Bedürfnis nach Komfort fast komplett ausgelöscht wurde. Dabei stellen sie fest, dass sie eine verborgene Quelle animalischer Kraft anzapfen können, wenn sie ganz bewusst die Reaktion ihres Körpers auf die natürliche Umwelt zulassen.

Heutzutage entdecken zehntausende Menschen, dass die Natur geheime Werkzeuge enthält, mit denen man das Nervensystem überlisten kann. Aber egal, was sie damit erreichen können, sie sind keine Übermenschen. Die Stärke, die sie entdecken, kommt aus dem Körper selbst. Wenn sie einigen Komfort aufgeben und sich mehr mit ihrer eigenen Biologie befassen, werden sie menschlicher. Mindestens ein halbes Jahrhundert hielt die Schulweisheit Ernährung und Sport für die beiden Säulen körperlicher Gesundheit. Obwohl diese beiden sicher entscheidend sind, gibt es eine genauso wichtige, aber völlig ignorierte dritte Säule. Zudem werden Sie enorme Resultate in kurzer Zeit erzielen, wenn Sie Abhärtung durch Umwelteinflüsse in Ihren Alltag integrieren.

Der menschliche Körper braucht nur wenige Wochen, um sich an eine Vielzahl unterschiedlicher Umweltbedingungen anzupassen. Sobald man sich in große Höhe begibt, produziert der Körper automatisch mehr rote Blutkörperchen, um den geringeren Sauerstoffgehalt der Luft auszugleichen. Wenn man in eine drückend heiße Gegend zieht, wird der Körper mit der Zeit weniger Salz mit dem Schweiß ausscheiden und weniger Urin produzieren. Die Hitze stimuliert den Kreislauf, dieser arbeitet dann effizienter und die Verdunstung und damit Kühlung wird gefördert. Aber kein anderes Extrem der Umwelt verursacht so viele Veränderung der menschlichen Physiologie wie Kälte.

Stellen Sie sich vor, wie es einem Einwohner Bostons im Winter ergeht. Obwohl es in Boston Schneestürme, Graupelschauer, Blizzards und ständig bewölkten Himmel gibt, ist es nicht die kälteste Stadt in Amerika. Dennoch sind die Winter in Boston ekelhaft genug, dass ein Großteil der Bevölkerung in den kälteren Monaten lieber drinnen bleibt und die Heizung aufdreht. Der durchschnittliche Temperaturunterschied zwischen der Innen- und Außentemperatur im Januar beträgt in Boston Gänsehaut verursachende 21 Grad. Wenn also eine typische Bewohnerin von Boston aus ihrem ansehnlichen Reihenhaus tritt, wird sie vermutlich vor Kälte die Zähne zusammenbeißen, wenn ein eiskalter Lufthauch ihre Nerven stimuliert und ihr Gesicht in eine Grimasse verwandelt. Unter ihrer Hautoberfläche bewirken eine Reihe an Reaktionen der Nerven und Muskeln, dass die Blutgefäße sich zusammenziehen, was schmerzhaft sein kann, wenn die darunterliegende Muskulatur nicht dadurch abgehärtet wurde, dass man sich vorher wiederholt diesen Bedingungen ausgesetzt hat. Wenn sie in einem Anfall völlig untypischen Irrsinns die Schuhe auszieht und ihre nackten Füße in den Schnee steckt, dann werden die etwa 40 Grad Temperaturunterschied sich anfühlen, als würde man über glühende Kohlen laufen.

Diese ungewohnten Reaktionen des menschlichen Körpers sind nicht angenehm, aber die zugrunde liegende Physiologie des Prozesses ist sehr interessant. Das Kreislaufsystem des Menschen besteht aus vielen elastischen Arterien und Venen, die unser Blut (und Sauerstoff) in jeden Teil des Körpers tragen. Die Arterien transportieren rotes, sauerstoffreiches Blut von Herz und Lunge weg, während die bläulichen Venen es wieder dorthin zurück transportieren. Dieses riesige und komplexe Netzwerk an Blutgefäßen wäre mehr als 90.000 km lang, wenn man es ausbreiten würde. An einem einzigen Tag werden die etwa 5,6 Liter menschlichen Blutes fast 20.000 Kilometer durch das Kreislaufsystem gepumpt, das entspricht etwa vier Mal der Distanz zwischen Ost- und Westküste der USA. Dieser Blutsuperhighway ist weit mehr als nur eine Anzahl von Röhren; er ist ein aktives und reaktionsfähiges System. Die meisten der wichtigen Arterien werden von einem ähnlich komplexen Netz an kleinen Muskelfasern umgeben, die den Blutfluss in einem bestimmten Bereich drosseln und in einem anderen verstärken können. Diese Muskeln sind so stark, dass der Blutfluss fast komplett gestoppt wird, falls Ihnen jemand mit einem Schwert das Bein unterhalb des Knies abschlagen sollte. Zum Glück müssen wir diese Art des Muskelreflexes nicht täglich auf die Probe stellen, aber es ist schön zu wissen, dass wir darüber verfügen. Sobald jedoch unsere unerschrockene Bostonerin ihre Haustür öffnet und der beinahe arktische Wind sie erfasst, spürt sie eine Miniaturversion dieses Reflexes.

Abgesehen davon, dass es Ihnen nach dem Verlust einer Gliedmaße das Leben rettet, gibt es für das Kreislaufsystem noch andere Gründe, seine Muskeln spielen zu lassen. Um eine Unterkühlung zu vermeiden, spart der Körper Wärme ein, indem er die Blutzufuhr zu den Extremitäten einschränkt. Wenn das passiert, werden ganze Kilometer von Adern nahezu abgeklemmt und das Blut wird größtenteils im Körperinneren gehalten, damit die lebenswichtigen Organe sich in einer schützenden Hülle warmen Blutes entspannen, während die Temperatur von Händen, Füßen, Ohren und der Nase stark abfällt. Je kälter es draußen ist, desto stärker läuft diese Reaktion ab. Für Menschen, die nicht an wechselnde Temperaturen gewöhnt sind, ist diese Gefäßverengung schmerzhaft. Für die meisten von uns besteht die einzige Möglichkeit, diese Muskelreaktion auszulösen, darin, tatsächlich rauszugehen und die Kälte zu spüren. Und diejenigen von uns, die sich ständig in klimatisierten Räumen aufhalten, trainieren diesen Teil ihres Herz-Kreislauf-Systems nie.

Schwache Gefäßmuskeln sind ein Nebeneffekt des Lebens in einem sehr engen Temperaturbereich. Die überwiegende Mehrheit der Menschen heutzutage – all diejenigen, die den Großteil ihrer Zeit drinnen verbringen und/oder deren einzige Reaktion auf die Kälte darin besteht, modernste Outdoorkleidung zu tragen – trainiert diese wichtige Körperreaktion nie. Selbst Menschen, die körperlich fit zu sein scheinen, mit Muskeln und Waschbrettbauch, können darunter eine schwache Gefäßmuskulatur verbergen. Und es steht viel auf dem Spiel: Auf lange Sicht sterben fast 30 Prozent aller Menschen an Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems.

Ein großer Bereich unserer Physiologie liegt im Verborgenen und spult ein evolutionäres Programm ab, auf das viele von uns nie versuchen, Einfluss zu nehmen. Die Muskelkontrolle in unserem zentralen Nervensystem besteht aus drei Kategorien. Es gibt Muskeln, die wir bewusst steuern können. Ärzte nennen dies das somatische Nervensystem. Wenn Sie über die Straße gehen wollen, sendet Ihr Gehirn Nervenimpulse aus, welche die Muskeln in Ihren Beinen, Ihrem Rücken und Ihrem Bauch auf einmal aktivieren. Wir müssen nicht an jeden einzelnen daran beteiligten

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