G.F. Barner 93 - Western by G.F. Barner by G.F. Barner - Read Online

Book Preview

G.F. Barner 93 - Western - G.F. Barner

You've reached the end of this preview. Sign up to read more!
Page 1 of 1

G.F. Barner –93–

Die Fährte des Mörders

G. F. Barner

Sam Denton liegt auf der Pritsche im Jail. Er hat die Schlinge fertig und lauscht.

Der alte Ed Mills in der Nebenzelle pfeift immer, wenn er schläft. Ein seltsam unmelodisches Pfeifen, das manchmal in einem Gegurgel endet.

Sam Denton sieht nichts mehr von den anderen. Das Licht ist aus, der Deputy hat es gelöscht wie sonst der Sheriff an jedem Abend. Doch Denton weiß, wo der Alte liegt. Wären die Gitter nicht zwischen ihnen, er könnte ihn im Dunkel der Nacht, die über der Stadt und diesem Jail liegt, erreichen – genau wie die anderen beiden – Stevens, den Gewohnheitsdieb und Säufer, oder Bunny Shields, den sie »das Häschen« nennen, weil er dauernd Angst hat. Hätte sie haben sollen, denkt Denton, als er mit ihnen Vieh stehlen ging und Stevens den Cowboy anschoß. Nun wird er ein halbes Jahr brummen.

Denton lauscht. Jenseits des Ganges und der Wand bewegt sich etwas. Dann pfeift der Zug. Der langgezogene, schrille Jammerton kommt klagend durch die Nacht.

Ein Uhr, der Güterzug, denkt Denton. Er bringt ihnen Schienen und das Material für die Brücke, deren Pfeiler ich noch entstehen sah. Sam Denton sitzt nun, nimmt den Hocker und stellt ihn auf die Pritsche.

Denton kniet sich hin, greift unter die Decke und zieht den Strick heraus. Ein geflochtener Strick aus lauter schmalen Deckenstreifen.

Er steigt hoch. Einen Augenblick stemmt er beide Hände gegen die rauhe Mauer. Der Hocker hat keinen richtigen Stand auf dem Stroh­sack.

Denton reckt sich, der geflochtene Strick baumelt an der Wand. Die linke Hand erwischt den äußeren Stab vor dem kleinen Fensterloch. Er steht nun auf dem Hocker, hat sich ausbalanciert.

Der Zug pfeift noch einmal. Die Freiheit ist draußen. Denton zieht den geflochtenen Strick um einen Stab und knotet ihn fest.

Er hängt sich an den selbstgerissenen und geflochtenen Strick. Flechten kann er, das hat er gelernt. Sattler werden, das war einmal. Aber es hat gereicht, aus einer Decke Streifen zu reißen und sie in einer Nacht – genau in zwei Stunden – zu einem Seil zu drehen.

Fest…!, sagt Denton sich, als er hängt und leise atmet, es hält mich doch.

Seine Hände tasten über die Wand, er schwitzt leicht, die Handflächen sind feucht, der Kragen so eng, daß ihm die Luft schon knapp wird, ehe er noch die Schlinge fühlt.

Sam Denton dreht sich vorsichtig, den Rücken preßt er an die Wand. Und danach greift er hinter sich. Nun nimmt er die Schlinge, zerrt noch einmal am Kragen.

Morgen, denkt er, als er die Schlinge zuzieht, morgen werden sie ihre Sensation haben, wenn ich nicht mehr hier bin.

Der Hocker wackelt, er verlagert sein Gewicht etwas.

Und dann gibt er sich einen Stoß.

Unter seinen Stiefeln kippt der Hocker weg.

Der selbstgedrehte Strick hält. Er spielt ihnen allen einen Streich.

*

Der Alte fährt jäh hoch. Sein Pfeifen ist abgebrochen, er sitzt aufrecht und hört es nun ganz deutlich.

Etwas trommelt, klopft unregelmäßig und tackend gegen die Wand drüben.

Einen Moment ist er verwirrt, hat den Schlaf noch in den Augen, aber in den Ohren ist das Getrommel, das Scharren an der Mauer drüben.

Der Alte starrt in die Dunkelheit, gegen das schwache Licht einer Straßenlaterne, die nur wenig Licht durch das schmale Fenster oben in die Nachbarzelle wirft.

»Denton«, sagt er heiser. »Denton, he?«

»Was ist?«

Stevens’ Stimme japsend und erschrocken, der Junge links bewegt sich auch.

»Stevens, mach Licht, mit Denton stimmt was nicht! Da, hör doch.«

Stevens kauert auf seiner Pritsche, seine Hand tastet fahrig über die Kante zur Wand hin. Dort hat er Streichhölzer versteckt, genau sieben müssen es noch sein, die niemand in seinem Hosenfutter gefunden hat, als sie ihn durchsuchten. Aber wo sind sie denn nur?

Er hat endlich eins, hört das Scharren langsamer werden. Es hört sich an, als kratze einer mit einem Stein ganz bedächtig über die rauhe Wand des Jails. Und dann…

Stevens zuckt zusammen – der Junge, den sie Bunny nennen, preßt die Faust zwischen die Zähne. Ed Mills stiert entsetzt in die Dunkelheit, als der gräßliche Ton durch das Jail weht wie der Hauch des Todes.

Ein entsetzlicher Ton, langgezogen, gurgelnd, gräßlich abbrechend, mit einem Glucksen, das einem durch Mark und Bein geht.

»Deputy – Deputy, schnell! Denton hat sich aufgehängt! Deputy, mit Denton ist was!«

Im gleichen Moment, als der Alte losschreit, flammt das Streichholz auf. Der Alte stiert auf die Beine an der Wand. Dann entdeckt er den Hocker und weiß, was das Poltern zu bedeuten hatte: Der Hocker ist von der Pritsche gefallen. Denton hat sich auf den Hocker gestellt und dann…

»Deputy!«

Sie rufen nun alle drei. Das Streichholz in der Hand von Stevens flackert, als der Atem von Bunny die Flamme streift.

»Deputy!«

Drüben ist der Deputy – hinter der schweren Tür steckt er. Er heißt John Saylor, ist dreiundzwanzig Jahre alt und Sheriffgehilfe in dieser Town.

Er schreckt hoch und hört sie rufen.

Er springt auf, dreht blitzschnell den Docht der Lampe höher und stürmt auf die Tür zu, schließt auf und bleibt abrupt stehen. Lichtschein fällt in die Zellen. Er sieht im Lichtkegel der Laterne den Hocker am Boden – dann die Stiefel an der Wand. Blitzschnell wandert der Laternenlichtkegel nun hoch.

Der Lichtschein trifft Dentons dunkelrotes Gesicht, die seltsam nach oben gerichteten Pupillen. Mehr sieht Saylor nicht, er muß etwas tun.

Der Kerl, denkt er, dieser verdammte, kaltblütige Schurke, der nie zum Reden zu bewegen war. Wo hat er das Seil her?

Ausgerechnet jetzt, wo der Sheriff nicht da ist, der hat es gemacht, damit ich Ärger bekomme, der verdammte Messerheld. Wenn er sich doch einen anderen Tag ausgesucht hätte.

Er ist in der Zelle, der Mörder hängt ganz still. In der linken Hand hat Saylor die Laterne, sieht sich um, stellt sie einfach zu Boden und geht dann auf die Pritsche zu. Das Messer heraus, den Mörder abschneiden.

Ein Satz, er ist auf der Pritsche, hat die Hand mit dem Messer hoch und sieht nun, daß der Strick aus geflochtenen Deckenstreifen besteht. Er reckt sich, das Messer funkelt, der Stahl säbelt den Wollstoff durch.

Es knirscht, das selbstgeflochtene Seil zerfasert sich, reißt dann durch. Neben Saylor fällt der Körper des Mörders auf die Pritsche, bleibt seltsam verdreht liegen.

Hinter dem Deputy sagt Ed Mills keuchend: »Bring ihn raus, bring ihn schnell weg, das ist die Hölle. Ich werde jede Nacht von ihm träumen, wenn ich keinen Whisky habe, um den Anblick zu vergessen. Whisky, bring einen Whisky, Deputy.«

»Halt das Maul, Mensch«, knurrt Saylor grob und dreht sich wütend um, als der Alte zu greinen beginnt wie ein Kind, das sich vor dem schwarzen Mann fürchtet.

Stevens kann in Dentons Gesicht blicken. Er sieht es und kann es doch nicht glauben: Genau in dem Moment, als sich Saylor umdreht, kommt die Wandlung. Sam Denton bewegt sich. Er zieht blitzschnell die Beine an.

Der Mann, der sich selbst ans Gitter gehängt hat, beginnt sich zu bewegen.

Er ist verflucht lebendig.

*

Es ist der Gesichtsausdruck von Stevens, der Saylor irgend etwas sagt, das er jedoch nicht versteht. Jenes ungläubige Staunen. Irgend etwas muß hinter Saylor sein, aber was?

Saylor will sich drehen, doch Denton tritt blitzschnell zu. Er erwischt den Deputy, ehe der sich auch nur weiter als bis zur Seite