Pit! by Pit Boston by Pit Boston - Read Online

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Pit! - Pit Boston

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Inhaltsverzeichnis

Die erste Liebe

Clayton

Die neue Straße

Der ungebetene Gast

Das Segelschiff

Der Mondfisch

Das silberne Fahrrad

Die Bären

Bienen

Highway-Weihnachten

Weihnachtswunder

Schulden

Nebel

Alles Truthähne

Ein zauberhafter Sonntag

Die geheimnisvolle Frau

Kleiner Bubi

Die Wunderlampe

Alte Tassen

Das Geräusch

Teufelsmagd

Hochzeit

Das Lieblingsgericht

Das Kleeblatt

Die Mutprobe

Die Fahrt nach San Diego

Der Tränenbrunnen

Dämonen

Der Geistersee

Die Nebelbrücke

Weiße Taube

Das Riesenrad

Computerspiel

Kleiner Kasper

Dampfer der Träume

Die Sterne im Meer

Der Tauchgang

Unabhängigkeitstag

Der seltsame Traum

Das Märchenschloss

Der Tag-Traum

Das Spukhaus

Die Erscheinung

Der Helikopter

Bedrohte Träume

Die rätselhafte Tasche

Die kranke Mami

Die Mumien

Der Kobold

Gruselshop

Die Reise

Der Benzindieb

Angst

Verrücktes Computerprogramm

Der Türspion

Zaubersteine

Der Troll

Der Modedesigner

Die Entführung

Begegnung am See

Die erste Liebe

Der kleine Pit aus Holiday war nun schon ein großer Junge. Zwar zählte er erst acht Jahre aber seit einigen Tagen spürte er solch ein sonderbares Gefühl in sich, welches er sich einfach nicht erklären konnte. Es glich so einem komischen und doch äußerst rätselhaften Zwicken oder Stechen im Herzen. War er etwa Herzkrank? Nachdenklich starrte er aus dem Fenster seines Klassenzimmers und Mrs. Clearwater hatte große Mühe, ihren kleinen Schüler an den Unterricht zu erinnern. Pit bat darum, dass Fenster öffnen zu dürfen und als er die würzige Frühlingsluft einatmete, wäre er am liebsten sofort nach draußen gerannt, um durch die saftig frischen Wiesen zu springen. Doch Mrs. Clearwater ermahnte ihn streng, sich schnell wieder auf seinen Platz zu setzen. Pit wollte das gerade tun, als er wie angewurzelt stehenblieb. Über den Schulhof schlenderte ein kleines blondes Mädchen. Als sie Pit am Fenster entdeckte, winkte sie ihm lachend zu. Das musste Pit derart getroffen haben, dass er schnell zurückwinkte und laut: „Hallo! rief. Mrs. Clearwater hatte jedoch absolut kein Verständnis für das absonderliche Verhalten ihres Schülers. Vielmehr ermahnte sie ihn nachdrücklich, sich endlich auf seine „vier Buchstaben zu setzen und aufzupassen. Widerwillig tat Pit das und hatte plötzlich nur noch einen Gedanken – er musste dieses fremde Mädchen unbedingt wiedersehen! Sicher lernte sie auch in dieser Schule und er brauchte nur nach ihr zu suchen. Doch in welchem Klassenzimmer sollte er nur mit der Suche beginnen? In der nächsten Pause hatte es Pit furchtbar eilig, aus dem Klassenraum zu stürmen. Er rannte über den Flur und suchte jedes einzelne Klassenzimmer nach dem fremden Mädchen ab. Doch so sehr er sich auch mühte, das fremde Mädchen fand er nicht. Wo konnte sie nur sein? Er konnte ja nicht einmal jemanden fragen, denn anhand seiner spärlichen Beschreibungen würde sie wohl keiner erkennen. Ihm blieb weiter nichts, als jeden noch so kleinen Winkel des Schulgebäudes abzusuchen. Doch alle Mühe war vergebens- das fremde Mädchen blieb verschwunden. Traurig kehrte Pit in den Klassenraum zurück und setzte sich schweigend auf seinen Platz. Mrs. Clearwater, der das natürlich sofort auffiel, erkundigte sich bei Pit, was ihn so beschäftige und warum er so niedergeschlagen sei. Pit jedoch schaute seine Lehrerin nur traurig an und schwieg weiterhin. Was sollte er auch sagen, wenn er doch nicht einmal wusste, ob dieses fremde Mädchen in diese Schule ging. Mrs. Clearwater jedoch ahnte, was Pit so beschäftigte. Und leise sagte sie: „Sei nicht traurig Pit. Sicher wirst Du sie bald wiedersehen. Glaube mir, im Leben gibt’s noch viele Chancen und auch viele Wege, an die Du jetzt noch gar nicht denkst. Mit diesen Worten lief sie nach vorn und schrieb die neuen Aufgaben an die Tafel. Pit hatte so gar keine Lust mehr auf den Unterricht, wollte viel lieber durch die Straßen ziehen und sich seiner Traurigkeit hingeben. Der ganze Schultag glich einer regelrechten Tortur. Jede Stunde schien sich endlos lang hinzuziehen und Pit erfand die unglaublichsten Ausreden, nur, um ans Fenster gehen zu können. Er wollte den Schulhof beobachten- vielleicht sah er das fremde hübsche Mädchen ja noch einmal. Seltsamerweise spielte auch Mrs. Clearwater mit. Sie ahnte wohl längst, was Pit vorhatte, wenn er zum hundertsten Male das Fenster öffnen wollte. Nach der Schule trottete Pit den Holiday-Boulevard hinab und blieb mit hängendem Kopf vor seinem Stern auf dem „Kids-Run stehen. Lange dachte er nach und am liebsten hätte er seinen Papa gefragt, was der wohl in einer solch hoffnungslosen Lage getan hätte. Und als ob sein Wunsch erhört wurde, tippte ihm jemand auf die Schulter. Pit fuhr herum und starrte in das lächelnde Gesicht seines Papas. Der hob seinen kleinen Sohn hoch und freute sich so sehr, ihn wieder zu sehen. Doch als er Pit nach dem Grund seiner Traurigkeit fragte, verzog der nur sein Gesicht. Dann flüsterte Pit mit bebender Stimme: „Ich habe heute ein fremdes Mädchen auf dem Schulhof gesehen. Sie hat mir gewinkt und ich habe ihr dann auch zugewinkt. Und dann war sie verschwunden. So gern wollte ich sie wiedersehen, doch ich fand sie nirgends mehr. Nicht in der Schule und nicht in der Stadt. Wo kann sie nur sein? Und kann das schon die große Liebe sein, ich habe nämlich so ein komisches Gefühl im Bauch."

Der Papa stellte seinen kleinen Sohn auf den Bürgersteig zurück und stöhnte dann leise vor sich hin. „Ach, sagte er dann, „das weiß ich leider auch nicht Pit. Aber wenn Du Dir ganz fest wünschst, dass sie wieder da ist und wenn Du ganz fest daran glaubst, dann kann es sein, dass Dein Wunsch in Erfüllung geht. Du darfst nur nicht aufgeben oder trübsinnig werden. Du musst ganz stark sein, und das bist Du ja auch. Ich weiß das ganz genau! Pit wusste im ersten Augenblick gar nicht, wie er das, was sein Papa da zu ihm sagte, verstehen sollte. Aber er wusste genau, dass er nicht aufgeben würde, niemals! Und als ob ihm der Papa neue Kräfte verliehen hätte, schloss er seine Augen und wünschte sich ganz fest, das fremde Mädchen wiederzusehen. Und als er seine Augen wieder aufschlug, war der Papa verschwunden. Dafür traute Pit seinen Augen kaum, denn um die Straßenecke sprang das fremde blonde Mädchen. Pit wurde es plötzlich ganz warm ums Herze und seine Knie begannen so merkwürdig zu schlottern. Hatte sein Papa also wieder einmal recht gehabt! Schnurstracks lief Pit auf das Mädchen zu und sprach es an: „Hallo, ich bin Pit! Erinnerst Du Dich, heute in der Schule, da habe ich Dir zugewinkt. Das Mädchen grinste frech, blinzelte in die Sonne und rief: „Ja, stimmt, ich erinnere mich! Du bist doch der nette Junge, der am Fenster stand. Wie geht’s Dir? Pit war glücklich, dass ihn das Mädchen erkannt hatte und sagte schnell: „Mir geht’s blendend. Ich heiße Pit und Du? Das Mädchen wurde ganz rot und flüsterte dann: „Ich bin Heidi. Und ich komme von ganz weit her. Pit wunderte sich, denn irgendwie schien ihm dieses Mädchen ein wenig verschlossen zu sein. Aber er wollte es sich natürlich nicht anmerken zu lassen und lud sie kurzerhand auf ein Eis ein. Die beiden liefen zu einem Eiscafé und Pit kaufte für Heidi ein riesengroßes Eis mit Schlagsahne. Für ihn blieb leider nur ein kleines mickriges Eis ohne Sahne, denn sein Taschengeld ging stark zur Neige. Das Mädchen schleckerte genüsslich an seinem großen Eis und die beiden setzten sich auf die Stühle, die vor dem Eiscafé standen. Sie unterhielten sich über Gott und die große weite Welt und Pit bemerkte gar nicht, wie er Heidi sein ganzes Leben offerierte. Heidi hingegen lächelte nur und schien sich über Pits Redseligkeit sehr zu amüsieren. Irgendwann war das Eis alle und die beiden liefen fröhlich durch die Straßen. Pit wollte Heidi seine ganze Stadt Holiday zeigen und war stolz, dass er schon so gut Bescheid wusste. Heidi nickte immer nur und hatte viele Fragen, die ihr Pit sichtlich bemüht zu beantworten versuchte. So kam die Dämmerung. Heidi meinte, dass sie nun schnellstens nach Hause müsste. Und auf Pits Anfragen, wo sie wohnte, antworte sie nur: „Gar nicht weit von hier. Aber ich möchte allein heimgehen. Es war trotzdem richtig schön mit Dir, Pit, adieu! Sie drückte Pit einen Kuss auf die Stirn und sprang um die nächste Straßenecke. Pit, der noch ziemlich verdutzt war, weil er mit einem Kuss nun wahrlich nicht gerechnet hatte, rannte hinter ihr her und wollte sich bei ihr bedanken. Doch als er in die Seitenstraße kam, war Heidi nirgends mehr zu sehen. Eigentlich wäre unser kleiner Pit nun traurig geworden, weil er das kleine Mädchen nicht mehr bei sich hatte. Doch er lachte in sich hinein und freute sich schon auf den nächsten Tag. Dann wollte er mit Heidi unbedingt wieder Eis essen gehen. Zuhause bei der Mami erzählte er nichts von Heidi. Das wollte er sich für später aufheben. Denn so richtig traute er Heidi dann doch nicht. Er war sich nicht so ganz sicher, das hübsche Mädchen am nächsten Tage wieder zu sehen. Wie sie davonlief und wie sie lachte, seltsam. Vielleicht wollte sie auch nur spielen und mehr nicht. Am nächsten Tag allerdings konnte es Pit kaum erwarten, dass die Schule endlich zu Ende war. Mrs. Clearwater hatte das wohl bemerkt und Pit noch einen guten Rat mit auf den Weg gegeben: „Immer vorsichtig sein und nichts überstürzen. Pit hingegen pfiff sich ein lustiges Liedchen und hopste fröhlich den Holiday-Boulevard entlang. Vor seinem Stern auf dem „Kids-Run" blieb er stehen und wartete. Doch er wartete vergebens. Heidi kam nicht. Stattdessen tauchte sein Papa vor ihm auf. Verblüfft erkundigte sich Pit nach dem kleinen Mädchen und der Papa schien Heidi seltsamerweise genau zu kennen.

Er nahm den kleinen Pit an die Hand und die beiden liefen in die Seitenstraße, in welcher er Heidi am Vorabend davonlaufen sah. Der Papa meinte: „Heidi wird nicht kommen können. Sie hatte gestern Geburtstag und durfte nur gestern einmal hierher. Aber glaube mir, sie war unsagbar glücklich, Dich getroffen zu haben. Pit, der nicht wusste, wie das sein Papa gemeint haben konnte, hatte schon wieder dicke Tränen in seinen Augen. Warum nur konnte er Heidi nicht wiedersehen? War sie krank oder durfte sie nicht kommen? Noch mehr wunderte es ihn, als der Papa mit ihm auf den Friedhof ging. Sie liefen zwischen all den vielen wunderschön bepflanzten Gräbern umher bis sie an einem weißen Marmorstein stehenblieben. Pit starrte zuerst auf den glänzenden Stein und dann zu seinem Papa. Er wusste noch immer nicht, was sie ausgerechnet an diesem sonderbaren Ort zu suchen hatten? Doch der Papa flüsterte nur: „Setz Dich auf die Bank mein Sohn. Wir sind dort, wo Du hinwolltest, wir sind bei Heidi. Pit durchzuckte es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er schaute auf den weißen Grabstein und entdeckte ein kleines Bild unter einer goldenen Schrift: Hier ruht in Gottes Frieden, unser Kind, das wir ewig lieben. Als Pit sich das Bild anschaute traf ihn beinahe der Schlag! Es war das fremde Mädchen, es war seine geliebte Heidi! Damit hatte er nun wahrlich nicht gerechnet. Wie konnte das nur möglich sein? Wieso war ihm dieses wunderschöne Mädchen erschienen, wenn es doch gar nicht mehr am Leben war? Und plötzlich schoss es ihm in den Sinn, was Heidi gestern Abend gemeint hatte, als sie davon sprach, dass sie es nicht weit bis zu sich nach Hause hatte. Sie meinte diesen kleinen Friedhof in der Seitenstraße. Dicke Tränen rannen ihm über die Wangen und der Papa hatte Mühe, seinen kleinen Sohn zu trösten. Doch als er sagte: „Ich weiß, wie Dir zumute ist. Ich werde Heidi von Dir grüßen. Sie hat Dich ganz dolle lieb. Und ich werde versuchen, dass Du sie irgendwann, vielleicht als Engel, wiedersiehst, wurde Pit wieder etwas ruhiger. Der Papa strich seinem Sohn übers Haar und lächelte ihm aufmunternd zu. „Weißt Du, sagte er dann, „es ist doch gar nicht wichtig, ob wir einen geliebten Menschen stets und immerzu sehen können. Wenn wir ihn nicht vergessen, uns an die schönen Stunden mit ihm erinnern, ihn liebhaben, dann ist er immer bei uns. Wir dürfen ihn nur niemals vergessen. Und Pit wusste, dass sein Papa recht hatte. Denn er hatte es selbst erlebtmit seinem Papa. Nur weil er ihn so sehr liebte, konnte er ihn immer wieder sehen. Erleichtert wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und sagte leise: „Mach´s gut Heidi. Ich hab Dich sehr lieb. Und er winkte noch einmal zum Abschied und ihm war, als ob sie hinter dem weißen Marmorstein stand und ihm ebenfalls lächelnd zuwinkte. Der Papa nahm Pit wieder an die Hand und die beiden liefen zurück in die Stadt. Dann verabschiedeten sie sich und Pit ging nach Hause zu seiner Mami. Und endlich konnte er ihr von seinem unglaublichen Erlebnis mit Heidi und mit Papa erzählen. Und es war ganz seltsam, denn seine Mami zeigte großes Verständnis für ihren kleinen Sohn. Sie hatte Tränen in ihren Augen und flüsterte dann mit zitternder Stimme: „Ich weiß Pit, ich wollte es Dir nie erzählen. Und bisher war es mir auch gelungen, Dich damit nicht unnötig zu belasten. Aber Heidi war mein erstes Kind. Sie starb an einer schweren Herzerkrankung, sie ist Deine Schwester."

Clayton

Dem achtjährigen Pit aus Holiday lag etwas Schlimmes auf der Seele. Seit geraumer Zeit traute er sich nicht mehr auf hohe Häuser, Türme oder gar Berge. Als er kürzlich mit seiner Mami bei einem Spezialisten in L.A. war, hatte er es ganz deutlich gespürt. Als er aus der zwanzigsten Etage nach unten schauen wollte, wurde ihm schwindelig und seine Knie zitterten, als seien sie aus Wackelpudding. Noch schlimmer wurde es, als er auf die Aussichtsplattform des Gebäudes fuhr. Seine Mami musste ihn an der Hand halten, so als sei er noch gar kein großer Junge, damit er sich sicherer fühlte. Pit konnte sich das nicht erklären und auch der Arzt war ziemlich ratlos. Er sprach nur davon, dass Pit wieder etwas mehr an sich glauben müsste, dann könnte es schon besser werden. Doch Pit hatte ganz andere Sorgen. In seiner Klasse hatte man nämlich längst bemerkt, dass er an Höhenangst litt und alle Einladungen in hohe Gebäude absagte. Man hänselte ihn, weil er sich verändert hatte, ängstlicher geworden war. Er war einfach anders als die anderen und nicht einmal die sonst so gewandte Mrs. Clearwater konnte ihm noch helfen. So zog sich Pit mehr und mehr zurück. Er sprach mit keinem mehr und fühlte sich krank und kränker. Dabei fehlte ihm gar nichts. Er konnte eben nur nicht auf hohe Gebäude oder Berge mehr gehen. Eines Tages, als er mal wieder von der so sehr verhassten Schule kam und traurig über den Holiday-Boulevard schlenderte, kam er auch an seinem Stern vorüber, den er damals wegen seines Mutes bekommen hatte. Irgendwie schien alles so weit weg von ihm, dass er es schon gar nicht mehr glauben konnte. In einer dunklen Fensterscheibe vor sich entdeckte er sein Gesicht. Und er erschrak fürchterlich, wie sah er nur aus? Er konnte ja nicht einmal mehr lachen. Wie war das nur möglich? Das konnte auf keinen Fall so weitergehen! Doch was sollte er nur tun? Er fühlte sich mächtig allein und wollte sich auch niemandem mehr anvertrauen. Seine Mami hatte ihm zwar stets ans Herz gelegt, dass er mit jedem Problem zu ihr kommen könnte. Doch nun, in dieser schier ausweglosen Situation traute er sich nicht. Er stand auf seinem Stern mitten auf dem „Kids-Run und zitterte vor Angst! Nein, das war wirklich kein Leben mehr. Da stieß plötzlich jemand gegen ihn! Erschrocken fuhr Pit herum und konnte im ersten Augenblick gar niemanden sehen. Doch als er seinen Blick ein wenig nach unten lenkte, bemerkte er einen Rollstuhlfahrer, der sich wohl ein wenig in der Richtung vertan hatte. Er war einfach gegen Pits Beine gefahren. „Ach verdammt, rief der kleine Junge, der im Rollstuhl saß, „das wollt ich nicht, tut mir echt leid! Abwartend starrte er in Pits Gesicht und wagte wohl kaum Luft zu holen. Pit hingegen war gar nicht böse. Es tat ja nicht weh und außerdem hatte er doch ganz andere Probleme. Der kleine Junge schien das zu bemerken und sagte schnell: „Bist Du mir auch wirklich nicht böse wegen des Remplers? Pit schüttelte den Kopf, wollte eigentlich nur in Ruhe gelassen werden, damit er sich ungehindert seinen Sorgen hingeben konnte. Doch der kleine Junge ließ ihn nicht in Ruhe. Er holte tief Luft und traute sich, noch etwas zu Pit zu sagen: „Sag mal, was hältst Du davon, wenn wir einen Saft trinken gehen? Pit, der mit dieser Ansage gar nicht gerechnet hatte, musste plötzlich verschmitzt lächeln. Natürlich war er einverstanden, denn der kleine Junge war seit Tagen der erste fremde Mensch, der ihn einfach so ansprach. Pit willigte ein und der kleine Junge stellte sich kurz vor: „Ach so, rief er laut, „ich bin Clayton! Komm, ich weiß hier in der Nähe einen tollen Laden! Pit ließ sich nicht lange bitten, entgegnete nur, dass er Pit hieße und dass er sich freute, dass jemand mit ihm was Trinken ginge. Clayton setzte seinen Rollstuhl in Bewegung und Pit erkundigte sich schuldbewusst, ob er den Rollstuhl schieben sollte. Clayton schüttelte den Kopf und meinte, dass er das schon selber konnte. Und so lief Pit eben neben Claytons Rollstuhl her und fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so einsam und allein. Irgendwie schienen alle Sorgen und Probleme der letzten Tage von ihm gewichen zu sein. So leicht hatte er sich seit langem nicht mehr gefühlt. Die beiden kamen zu einem kleinen Café, vor dem lauter bunte Sonnenschirme aufgespannt waren. „Wir sind da, rief Clayton und Pit wollte schon loslaufen, um auch für Clayton etwas zu kaufen. Doch der war gar nicht einverstanden damit, wollte sich seinen Saft lieber selber holen. Als die beiden ihre Getränke in den Händen hielten, setzten sie sich unter einen der bunten Sonnenschirme und unterhielten sich angeregt. Clayton war gar nicht aus Holiday. Er lebte in Pomona in Kalifornien und war hier nur mit seinen Eltern bei Verwandten zu Besuch. Und Pit gestand, dass er noch niemals in Pomona gewesen war. Er fand es spannend, wie sich Clayton durchs Leben kämpfte. Doch er fand es noch viel interessanter, dass Clayton alles allein bewältigte und sich nicht von seinen Eltern helfen lassen wollte Er lebte schon seit Jahren mit dieser Behinderung, denn schon von Geburt an waren seine Beine nicht funktionstüchtig. Pit wollte ihn bedauern, doch Clayton wurde böse. Bedauert werden war wohl das allerletzte, was er wollte.

Er wollte als vollwertiger Mensch anerkannt werden. Schließlich hatte auch er eine Mami und einen Papa und er spielte genauso mit Teddybären wie es Pit getan hatte. Nur das Claytons Fahrrad anders aussah als Pits. Pit fand das alles total faszinierend, wenngleich auch irgendwie traurig, dass er schnell auch seine Probleme mit der Höhenangst beichtete. Als er schließlich auch noch erzählte, dass er sich deswegen von seinen Mitschülern abgekapselt habe und mit seiner Höhenangst einfach nicht fertig wurde, verzog Clayton sein Gesicht. Pit glaubte schon, der fremde Junge würde ihn auch wieder nicht ernst nehmen und ihn meiden wollen, da geschah etwas vollkommen Unerwartetes. Clayton hatte lediglich sein Gesicht so furchtbar verzogen, weil er mit aller Macht versuchte, sein Lachen zu unterdrücken. Schließlich gelang es ihm nicht mehr und er schmetterte laut los. Er lachte, dass sich die anderen Gäste des Freiluftcafés nach den beiden Jungen umdrehten und einfach mitlachten. Sie schienen sich weder an Claytons Rollstuhl noch an Pits vermeintlicher Höhenangst zu stören, die man ja auch nicht sehen konnte. Sie lachten und plötzlich schienen alle Schranken in Pits Kopf durchbrochen. Er war der einzige, der noch wie ein Stock und mit ernster Miene am Tische saß. Längst hatte Clayton Tränen im Gesicht, so sehr hatte er gelacht. Da begriff Pit, dass es im Leben ganz sicher nicht darauf ankam, welche Behinderung oder Schwäche man hatte. Es ging doch vielmehr nur darum, einfach ein Mensch zu sein. Denn Menschen ohne Fehler gab und gibt es schließlich nicht! Es hatte sehr lange gedauert und wertvolle Lebenszeit gekostete, bis Pit das endlich einsah. Er schüttete sich aus vor Lachen und Clayton sagte, dass es ganz einfach sei, die Höhenangst zu überwinden. Er wollte noch am gleichen Tag mit Pit auf ein hohes Gebäude in Holiday fahren. „Es kostet natürlich Überwindung, sagte er zu Pit, „doch, wenn Du Dich einmal überwunden hast, ist es gar nicht mehr so schwierig. Du wirst merken, dass Du die hohen Gebäude plötzlich nicht mehr meidest und wirst dort hinaufgehen oder fahren und die gute Aussicht genießen, denn diese Welt ist so wunderschön, glaube mir. Sie ist so schön. Und wieder hatte Clayton Tränen in seinen Augen, nur sahen sie diesmal so anders aus, dass Pit Clayton einfach umarmen musste. Er wusste, dass er seine Höhenangst nicht mit Claytons Rollstuhl vergleichen konnte. Seine Höhenangst ging schließlich auch wieder weg. Clayton aber musste wohl noch lange Zeit im Rollstuhl sitzen. Die beiden begaben sich angeregt unterhaltend zum kreisrunden Gebäude des „Capitol und nun kam es auf Pit an. Denn jetzt ging´s nach oben! Die beiden bestiegen den Lift und rauf ging´s! Pit spürte, wie ihm der Schweiß über den Rücken lief und er stand irgendwie gar nicht mehr so sicher auf seinen Beinen wie eben noch. Der Lift fuhr auch so schnell, dass es gar nicht lange dauerte, bis sie auf der Aussichtsplattform ankamen. Die Tür öffnete sich und Clayton rollte als erster auf den Flur hinaus. Pit traute sich einfach nicht und krallte sich an einer Haltestange im Aufzug fest. Clayton drehte sich um und rief: „Also was soll denn das jetzt! Ich dachte, Du bist mutig und ein richtiger Mann! Außerdem bist Du doch mein neuer Freund und da darfst Du doch kein Angsthase sein. Also jetzt trau Dich und komm endlich! Damit drehte sich Clayton wieder um und fuhr durch eine breite offenstehende Glastür nach draußen auf die Plattform. Pit trat aus dem Aufzug und atmete tief durch. Er musste es wagen, wenn er nun schon mal da war. Und entschlossen schritt er über den Teppichboden bis er in der Glastür stand. Clayton hatte sich bereits am Geländer postiert und genoss die herrliche Aussicht und das wunderschöne Sommerwetter. Er stöhnte und es schien ihm augenscheinlich gut zu gehen. Pit hingegen war alles andere als froh. Sein letztes bisschen Mut schien ihm in diesen Sekunden in die Hosentasche zu rutschen und er wollte schon wieder zurück gehen. Da rief jemand von drinnen: „Mist, jetzt geht auch noch der Lift nicht mehr. Ich muss doch dringend, mehr konnte Pit nicht mehr verstehen. Nun war er hier oben gefangen und er zitterte vor Angst. Ausgerechnet jetzt, in dieser unglaublichen Situation musste auch noch der Aufzug defekt sein. Da stand er also, dutzende Stockwerke über der Erde und starrte in den blauen Himmel hinein. Vielleicht war das ja doch eine falsche Idee, hier herauf zu fahren? Sollte er es sich nun doch noch anders überlegen? Da entdeckte er plötzlich eine sonderbare Wolkenformation, die sich vor die Sonne schob. Sollte es jetzt zu allem Unglück auch noch regnen? Er wollte Clayton schon darauf aufmerksam machen, da formte sich die Wolke zu einem Gesicht und niemand geringerer als Pits Papa schwebte da vor ihm. Pit bekam einen gehörigen Schrecken. „Auch das noch, zischte er genervt. Sein Papa aber sprach kein einziges Wort. Er schüttelte nur mit seinem Kopf und holte tief Luft. So stark, dass Pits Haare von einer starken Windbö aufgewirbelt wurden. Das war deutlich! Und als sich die Wolke wieder auflöste, rief auch noch Clayton von draußen: „Na jetzt komm endlich raus, Du Angsthase! Hast es bis hier hoch geschafft, jetzt gibt’s kein Kneifen mehr! Los jetzt! Ich bin doch auch hier draußen. Und zittere ich? Hast zwei Beine, die funktionieren und läufst nicht. Du bist mir vielleicht ein schöner Freund!" Das war zu viel für Pit.

Er fühlte sich in seiner Ehre verletzt und wollte allen zeigen, wie mutig er war. Mit noch immer weichen Knien, aber festem Willen setzte er einen Fuß vor den anderen und schaute dabei unablässig auf den Boden. Noch traute er sich nicht, nach oben zu sehen. Doch er bewegte sich vorwärts, nur das zählte! Schließlich stand er neben Clayton und der lachte. „Schau nur sagte er zu Pit, „dort drüben ist der Holiday-Boulevard und da vorn sind die Holiday-Hills. Ist das nicht herrlich!? Pit faste sich ein Herz und richtete seine Augen nach oben. Ganz langsam bewegte er seinen Blick über das Geländer und nach einer anfänglichen, endlos scheinenden Minute der Panik schien sich alles in ihm zu beruhigen. Er hatte es durchgestanden, er hatte keine Angst mehr- er hatte sie überwunden! Und plötzlich fühlte er sich so frei wie ein Vogel. Er breitete seine Arme aus und rief laut: „Hallo Holiday, ich habe es geschafft! Ich bin sooo glücklich! Clayton beobachtete seinen Freund und hatte wieder Tränen in den Augen. Doch ohne das Pit etwas bemerkte, wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und freute sich mit seinem Freund. Und laut riefen die beiden: „Wir sind die Könige der Welt! Und die wenigen Leute, die sich ebenfalls auf der Aussichtsplattform befanden, klatschten in die Hände und riefen: „Ein dreifaches Hoch für unsere beiden Könige! Alle hatten eine Menge Spaß und Pit atmete den frischen Wind tief in sich ein. Clayton klopfte Pit auf den Rücken und die beiden schauten noch sehr lange auf diese wunderschöne Stadt. Irgendwann vernahmen sie eine Männerstimme, die von drinnen rief: „Der Aufzug funktioniert wieder! Und Pit fiel auf, dass er gar nicht mehr an den Lift gedacht hatte. Er hatte es schlichtweg vergessen. Das erste Mal seit langer Zeit hatte er keine Angst mehr. Was für ein Wunder! Die beiden Jungen wollten sich einfach nicht von ihrer Aussichtsplattform trennen. Doch irgendwann meinte Clayton leise: „Ich muss nun wieder gehen. Meine Eltern werden warten und sich sicherlich schon Sorgen um mich machen. Wenn Du willst, sehen wir uns morgen wieder?" Pit versprach es und wollte gleich nach der Schule im Eiscafé auf Clayton warten. Die beiden fuhren nach unten und verabschiedeten sich voneinander. Lange schaute Pit Clayton hinterher, als dieser mit seinem Rollstuhl über die Straße fuhr. Und ihm wurde klar, dass es gar keine Menschen gab, die anders sind. Alle Menschen sind gleich und alle Menschen brauchen nur eines auf dieser Welt: Liebe. Und als er das dachte, schwebte wieder diese sonderbare weiße Wolke übers Himmelszelt und diesmal schien es Pit, als ob das Gesicht, welches sich aus der Wolke formte, ein zufriedenes Lächeln zeigte. Da wusste Pit, dass er diesen wichtigen Schritt in seinem Leben, einfach aus dem Dunkel ins Licht, auf die Aussichtsplattform dort oben zu treten, nicht nur für sich getan hatte…

Die neue Straße

Der kleine achtjährige Pit aus Holiday kam gerade aus der Schule und lief frohen Mutes seinem Zuhause in den Holiday-Hills entgegen. Es war ein wunderschöner warmer Sommertag und er hatte seinen nagelneuen MP3-Player eingeschaltet. Für die Vorkommnisse auf der Straße schien er vollkommen abgemeldet. Gerade spielte seine Lieblingsmusik, da begann plötzlich die Erde unter ihm zu vibrieren. Komisch, dachte sich Pit, von einem Erdbeben hatte er den ganzen Tag über nichts gehört. Auch Mrs. Clearwater in der Schule hatte nichts davon erwähnt, und gewarnt hatte ihn erst recht keiner. Dennoch wurden die Stöße unter seinen Füßen immer heftiger und er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Die Straße, welche er gerade durchquerte, war eng und schmal und es standen kaum Häuser da. Dennoch waren die wenigen