G.F. Barner 95 - Western by G.F. Barner by G.F. Barner - Read Online

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G.F. Barner 95 - Western - G.F. Barner

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G.F. Barner –95–

2000 Dollar auf den Kopf

G. F. Barner

Im Mondlicht sieht die Mauer wie vom Alter zernarbt aus. Und doch kennt Ezra Barry die Geschichte dieser Mauer und all der anderen in Santa Cruz. Die Narben rühren von Pfeilen, Kugeln oder dem sinnlosen Hieb eines Tomahawks her.

Das schwere Holztor ist brandneu. Irgendwo rechts daneben ist ein Fleck auf der Mauerkrone und eine rostrote Bahn abwärts bis zum Boden.

Barry gleitet aus dem Sattel, führt sein Pferd durch das Tor und bindet es an einen Balken. Der Hof liegt in trübem Licht. Von den Hügeln dringt das klagende Heulen eines Kojoten. Am Haus knarrt die Hintertür.

Sie muß mich gesehen haben, denkt Barry, als das Mädchen heraustritt. Ich kann kommen, wann ich will, sie ist da.

»Hallo«, sagt er leise, als sie stehenbleibt und ihn mit ihren dunklen Augen ansieht. »Guten Abend, Juana.«

»Mr. Barry. Es ist lange her.«

Ihre mandelförmigen Augen mustern ihn eindringlich. Ihr schwarzes langes Haar, das sie selten aufgesteckt trägt, fällt bis über ihre Schultern herab. Zum Braun ihrer Haut passen die weiße Bluse, der weite Rock mit seiner breiten Bordüre und das Kirsch­rot ihrer Ohrgehänge.

»Ja«, erwidert er ernst, »es ist lange her. Ich hatte viel zu tun. Hm, ihr hattet vor drei Wochen Besuch?«

Sie nickt, deutet dann auf sein Pferd und fragt: »Schnell geritten?«

»Das kann man wohl sagen.«

Er lächelt verkrampft, sie kennt ihn so gut, daß sie dieses Lächeln zu deuten versteht.

»Ärger, Mr. Barry?«

»Ja.«

»Apachen?«

»Nein. Es ist Jim.«

»Der Junge?«

»Ja. Hast du ihn gesehen?«

Sie hat ihn gesehen, denkt er. Jim muß ja hier vorbei, wenn er von Norden kommt. Vielleicht war es ein Fehler, aber er ist schließlich der einzige Sohn meines Onkels. Vater hätte ihn strenger anfassen müssen. Der Junge haßt jede Arbeit und treibt sich am liebsten herum. Ich bin sicher, er würde jeden Indianer töten, der ihn schief ansieht. Wenn wir nicht mit den Apachen so gut auskämen – wer weiß, ob er es nicht längst getan hätte.

»Er kam gegen Mittag, Mr. Barry.«

»Und wohin ist er geritten?«

»Ins Casa Grande, denke ich. Was ist, hat er etwas angestellt? Ezra, er ist jung.«

»Das weiß ich. Nein, angestellt hat er nichts, nur einen Fehler gemacht.«

»Einen Fehler? Jeder macht Fehler, warum er nicht auch?«

»Wir hatten eine Wildpferdherde zusammen, fast vierzig gute Tiere.«

»Ah, und nun?«

»Er sollte auf sie aufpassen – sollte.«

Er hat sie verlassen, denkt Juana bitter, es gibt nichts Schlimmeres für einen Barry, als irgend etwas im Stich zu lassen. Seltsam, sie sind immer noch drüben, und seit fünfzehn Jahren haben sie die Ranch. Vielleicht hätten sie sich so wenig halten können wie alle anderen Leute, die versucht haben, eine Ranch im gefährlichen Apachengebiet zu errichten. Vielleicht würden sie alle tot sein, wie viele, die nicht mehr da sind, von denen es auch kein Grab gibt, wenn nicht…

Einen Moment erinnert sie sich an die fast unglaubliche Geschichte jener Freundschaft, die die Barrys und Mangas Coloradas, den Chief-Häuptling der Apachen, verbindet.

»Und?« erkundigt sie sich besorgt. »Ezra, sind die Pferde weg?«

»Wir hatten nur einen einfachen Zaun gebaut«, gibt er zurück. »Jim sollte ihn befestigen und verstärken. Die Arbeit muß ihm nicht sehr gefallen haben. Niemand kann Wildpferde in einem einfachen Zaun halten. Die brechen aus, sobald sie seine schwachen Stellen entdeckt haben. Vater hat es ihm gesagt, jetzt ist er wütend.«

Sie blickt Ezra Barry groß an und schweigt. Wenn die Barrys wütend sind, dann ist das so schlimm, als wenn hundert Apachen den Kriegspfad beschreiten, so sagt man hier. Ein wütender Barry nimmt es mit zehn Gegnern auf, das sagt man auch. Sie mustert Ezra neugierig und fragt sich, welche Gedanken ihn beschäftigen mögen.

Es ist keine Frage, daß ihr dieser Mann gefällt. Wenn sich ihre Blicke treffen, dann errötet sie jedesmal. Es ist gut, daß es dunkel ist. Sie kann seine hellen Augen kaum erkennen, aber sie spürt, daß Ärger in ihnen liegt.

»Schlimm für den Vater?« fragt sie leise. »Und schlimm für Sie, Ezra.«

»Zwei Wochen harter Arbeit umsonst.«

*

Das Casa Grande, das »große Haus«, das einzige größere Hotel in Santa Cruz, gleichzeitig Station der Postlinie und Aufenthaltsplatz aller Emigranten, die nach Kalifornien gehen, wird von Pablo Mendozza geleitet. Mendozza ist ein freundlicher, aber etwas ängstlicher Mann. Man erzählt sich, daß er bei einem Indianer­überfall auf die Stadt einmal unter den weiten Rock seiner Frau gekrochen sein soll. Sie schoß, und er betete, das soll es geben…

Ezra folgt Juana ins Haus, nimmt aber sein Gewehr mit. Sie kennt das, er geht keinen Schritt ohne sein Gewehr. Es ist ein sechsschüssiger Colt-Trommel-Lader, eine Waffe, die nur wenige Männer hier besitzen. Der Lauf ist sechskantig, der Kolben glatt und gepflegt. Dazu trägt Ezra ein Messer und einen Revolver. Es ist die übliche Bewaffnung für einen Mann in einem unsicheren, wilden Land.

Als er in die Tür tritt, blickt sie kurz in seine Augen. Er ist verärgert, sie hat es gewußt. Dies ist nun schon das vierte Mal in diesem Jahr, daß er Jim Barry, seinen Vetter, aus der Stadt holen muß.

Und dann fällt Juana etwas ein: Als er ihn das dritte Mal holte, sagte er etwas davon, daß aller guten Dinge drei wären, und es nun genug sei.

»Ezra?«

»Ja?«

Er bleibt stehen, blickt sie fragend an.

»Dies ist das vierte Mal, nicht wahr? Wird es jetzt für den Jungen – ich meine, bekommt er Ärger?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie hatten doch gesagt, daß aller guten Dinge…«

»Ich weiß, ich weiß«, unterbricht er sie. »Nur, ich mag den Jungen. Er ist in Ordnung. Ich habe keinen Bruder und keine Schwester, ich mag ihn so wie einen Bruder. Vielleicht ist es darum besonders schlimm für mich, daß ich es wieder sein muß, der ihn holt. Ich wollte nicht reiten, aber Vater meinte, einen anderen Mann würde Jim gar nicht anhören.«

»Ja«, sagt sie schluckend. »Ezra, es ist schwer, sich zu fügen, wenn der Vater bestimmt, nicht wahr? Sie lieben Ihren Vater, ich weiß es.«

»Manchmal möchte ich abhauen«, sagt er, und seine Stimme klingt nun ganz rauh und heiser. »Dann denke ich, ich sollte mein Pferd nehmen und weit fortgehen mit dem Mädchen, das ich mehr als alles andere mag. Nur käme ich mir dann wie ein Mann vor, der Soldat ist und seine Fahne verläßt. Er würde es nicht überwinden können, ich bin für ihn alles, was er besitzt, vielleicht mehr als die Ranch. Und das ist immerhin sein Leben gewesen und wird es bleiben. Sie kennen ihn kaum, Juana, aber man kann einem Mann wie ihm das nicht antun.«

Er redet, denkt sie, und muß immer wieder schlucken. Mein Gott, warum sagt er es jetzt, warum ausgerechnet in dieser Stunde? Vielleicht bedrückt ihn das alles zu sehr, und er wird nicht mehr allein damit fertig. Aber wenn ich ihm sage, daß ich jeden Tag und jede Stunde auf ihn warte, dann vergißt er Major Irwings Tochter. Ich kann es dem alten Mann, der sein Vater und ein so großer Mann ist, einfach nicht antun. Er würde mich hassen, der alte Mann, und ihn verdammen. Damit würde Ezra vielleicht auch nie fertig.

Mein Gott, denkt er, ich kenne sie nun elf Jahre. Als ich sie zum erstenmal sah, war sie ein Mädchen von elf Jahren. Ob sie mich schon als Kind gemocht hat, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich sie in meinen Träumen sehe. Immer und immer.

Sie lehnt an der gekalkten Flurwand. Den Kopf hält sie gesenkt. Und ihr Atem geht schwer.

Und dann spürt sie seine Hand auf ihrem Haar.

»Es ist schlimm«, murmelt er stockheiser. »Es ist ganz schlimm, Mädel. Ich muß gehen und Jim suchen, ich weiß nicht, wann ich wieder in die Stadt komme.«

»Ist es schon besprochen, Ezra?«

»Nein, aber ich kenne das, wenn mein Vater etwas haben will. Er weiß nicht, daß ich es nicht haben will, er weiß gar nichts. Für ihn ist sein Sohn sein Erbe und Nachfolger. Der Sohn muß den Vater eines Tages vertreten und als Boß einer Ranch ablösen können. Zu etwas anderem hat mein Vater keine Zeit, oder nur wenig. Auf Wiedersehen, Juana.«

»Vielleicht, wenn Major Erwings Tochter auf die Ranch kommt, sehen wir uns nie mehr«, sagt sie flüsternd.

»Nein, nein, sie kommt nicht. Ich muß es ihr sagen, irgendwann muß ich es ihr sagen, nur nicht jetzt, er hat so viele Sorgen. Mangas ist nicht da, Gomez macht die