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Napoleon Bonaparte - Gottfried Mai

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Napoleon Bonaparte – Die Versuchung der Macht

Gottfried Mai

Impressum

© 2017 Folgen Verlag, Langerwehe

Autor: Gottfried Mai

Cover: Caspar Kaufmann

ISBN: 978-3-95893-042-1

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: info@folgenverlag.de

Shop: www.ceBooks.de

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Inhalt

Titelblatt

Impressum

Vorwort

KAPITEL 1 Verwirrspiel für die Macht

1. Das Napoleonbild

2. Die Quellen

KAPITEL 2 Der Zwang zur Macht

1. Napoleons Geburt und Familie

2. Die Abkehr von den christlichen Grundwerten

3. Der Weg der Gewalt

4. Auf dem Weg zur Macht

5. Erstes Spiel auf der Klaviatur der Macht

KAPITEL 3 Die Lust an der Macht

1. Durch Staatsstreich zur Machtfülle

2. Reformen für den bankrotten Staat

3. Auf dem Weg zum Alleinherrscher auf Lebenszeit

4. Terror im Kampf um die Macht

5. Zum Höhepunkt der Macht

KAPITEL 4 Die Anbetung der Macht

1. Der Kaiser Europas

2. Mittel auf dem Weg zur Macht

3. Die Veränderung der europäischen Landkarte

4. Festigung der Macht durch Terror

5. Die Kirchenpolitik im Dienste der Machtfestigung

KAPITEL 5 Die Selbstzerstörung durch Macht

1. Risse im Machtgefüge

2. Der Größenwahn des Kaisers

3. Die Katastrophe in Russland

4. Die Befreiung Europas

5. Der Sturz des Kaisers

6. Die Desillusion eines Despoten

7. Machtlos auf Elba

8. Die Herrschaft der Hundert Tage

9. Der Weg der Erniedrigung

KAPITEL 6 Die Befreiung von der Sucht der Macht

1. Das Martyrium als erneute Versuchung zur Macht

2. Napoleon als schwankendes Rohr zwischen Glaube, Aberglaube und Atheismus

3. Der Widerspruchsgeist Napoleons

4. Auf der Suche nach dem Seelenheil

5. Das Zeugnis Napoleons von Jesus Christus

Unsere Empfehlungen

Vorwort

In meiner brandenburg-preußischen Heimatstadt, mitten zwischen Berlin und Dresden, Sachsen und Schlesien gelegen, in der die Erinnerung an die französische Besetzung und die Befreiungskriege bis heute lebendig geblieben ist, habe ich mich schon als Kind mit der Persönlichkeit Napoleon Bonapartes befasst. Die Namen der Schlachtorte Möckern und Großgörschen, Luckau und Bautzen, Großbeeren und Hagelberg, Katzbach und Dresden, Kulm und Dennewitz, Wartenberg und Leipzig in der näheren und weiteren Umgebung waren vertraut. Napoleon erschien uns Heranwachsenden immer noch als Schreckgespenst, als Inbegriff von Unterdrückung und Gewalttat, als verabscheuungswürdiges Ungeheuer, das Krieg und Verderben über friedliche Menschen gebracht hatte.

Später, als ich Zinnfiguren der napoleonischen Epoche sammelte und sich durch das dazu notwendige Hintergrundwissen der Horizont weitete, lernte ich eine andere Seite Napoleons kennen. Er erschien nun als der große Staatsmann, der geniale Stratege, der Vorkämpfer für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, der die zündenden Ideen der französischen Revolution in das morsche feudalistische Gesellschaftssystem des alten Kontinents trug und das moderne Europa schuf, der als Gesetzgeber und Administrator das öffentliche Leben in seiner Ausgestaltung bis auf den heutigen Tag prägte. Doch dazwischen blieb immer wieder der Diktator sichtbar in seiner grenzenlosen Gier nach Macht, mit der er rücksichtslos nach der Weltherrschaft strebte; ein Streben, das den sonst so talentierten Mann letztlich in seiner Selbstüberschätzung und seinem Größenwahn zu Fall brachte.

Schließlich, als ich auf den Spuren Napoleons reisend 1983 nach St. Helena gelangte, offenbarte sich mir in der Person des gefangenen Kaisers ein Mensch mit seinen Ängsten und Nöten, ein vom Machtstreben befreiter, sich seiner menschlichen Ohnmacht bewusster Mann. Und als solcher zeigte er sich auch als Suchender, als eine nach Christus fragende erlösungsbedürftige Seele.

Wenn man dem Worte Jesu Christi am Kreuz verbindliche Autorität zutraut, als er zum ihn als Herrn bekennenden Schächer verspricht: »Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!«¹, wird man dann nicht auch von dem seinerzeit als mächtigsten Mann der Welt geltenden Napoleon Bonaparte als einem durch Jesus Christus begnadeten Sünder sprechen dürfen? Die unter der Dämonie der Macht begangenen Taten und Verbrechen Napoleons, die zu Recht ihre Verurteilung finden müssen und keine Verharmlosung erfahren dürfen, und seine wohl glaubhafte Hinwendung zu Gott in Jesus Christus während seiner Verbannung auf St. Helena sind zwei verschiedene Dinge, von denen aber in diesem Büchlein die Rede sein wird.

Vom Kreuz her gesehen ist das Thema der Weltgeschichte das Widerspiel der »Ohnmacht der Macht« und der »Macht der Ohnmacht«. In der Ohnmacht der Macht stößt die Immanenz an die Mauer der Transzendenz. In der Macht der Ohnmacht schlägt die Transzendenz eine Bresche zur Immanenz. Kreuz und Auferstehung sind das übergreifende Ereignis göttlicher Macht als Macht der Liebe, weil der Hereinbruch des neuen in den alten Äon unsere Zeit zur Gnadenzeit macht. Gott lässt die Ohnmacht des Kreuzes in die Auferstehung und das ewige Leben münden. So wird von der Ewigkeit her die Zeit qualifiziert.

Napoleon hat alle Kraft daran verschwendet, die vom Versucher in der Schöpfungsgeschichte der Bibel mit der Lockung »Ihr werdet sein wie Gott!«² verheißene Frucht totaler Machtfülle zu erkämpfen. Er erlag der Versuchung der Macht und stand seither unter der Macht der Versuchung, die ihn schließlich zu hilfloser Ohnmacht sinken ließ.

Für fachliche Beratung, Überprüfung der Quellen und Lesen der Korrekturen danke ich Herrn Oberleutnant zur See Holger Rattay und Herrn Marinepfarrer Erhardt Fuchs.

Wilhelmshaven,

Dr. Dr. Gottfried Mai


¹ Luk.23,43

² Gen.3,5

KAPITEL 1 Verwirrspiel für die Macht

1. Das Napoleonbild

Die Zahl der Veröffentlichungen über Napoleon kann nur annähernd geschätzt werden. Der Italiener A. Lumbroso hatte 1894 versucht, eine Bibliographie zu erstellen. Unter seiner unvollständigen Aufstellung fanden sich schon mit dem Anfangsbuchstaben A die Namen von 810 Autoren mit ihren Werken. Beim Buchstaben B blieb Lumbroso hoffnungslos stehen und gab seine Absicht auf. Die Napoleon-biographen Eugen Tarle, Jacques Bainville und Jacques Presser sowie die Biographin der Mutter Napoleons Monica Stirling folgen den Schätzungen E Kircheisens, der schon 1902 in seiner Bibliographie von 200 000 Titeln spricht.¹ Als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die bedeutenden Ereignisse der napoleonischen Ara zum hundertsten Mal jährten, kam eine weitere Flut von Veröffentlichungen hinzu.

Der römische Komödiendichter Terenz (ca. 195-159 v.Chr.) hatte schon die Erkenntnis gewonnen: quot homines, tot sententiae², wie viele Menschen, so viele Meinungen. Entsprechend verwirrend und gegensätzlich ist auch das Napoleonbild. Der französische Philosoph André Glucksmann spricht in seinem 1985 erschienenen Werk »Die Macht der Dummheit« vom Napoleonismus:

»Wir kennen den Napoleon der Taktiker, der Diplomaten, der Juristen, der Politiker … Er war auch der Kosar eines Byron, der Kaiser eines Musset und Hugo, der Befreier eines Heine, der Messias eines Mickiewicz, der Emporkömmling eines Rastignac, das Individuum eines Taine. Keiner dieser großen Männer hat sich getäuscht. Auch die Völker – Franzosen, Deutsche, Italiener, Polen, Russen – haben sich nicht geirrt, als jedes von ihnen glaubte, Napoleon sei nur geboren, um sie elektrisieren zu können, denn es trifft zu, dass er die Nationalitäten aus ihrer Lethargie herausgerissen hat. Alle Nationen Europas und, seit einem Jahrhundert jede Generation in Frankreich! Den Liberalen der Restauration, den Romantikern von 1830, den Messianisten, den Administratoren des Second Empire, den Internationalisten, die sich vom europäischen Proletariat das Reich Karls des Großen erträumten – allen diesen Sturels, deren Hauptsorge die Verbindung von Analyse und Aktion war, gab er das Feuer ein. In jeder Generation Frankreichs formierte er selbst das vorderste Glied, so wie er es bei seiner Leibwache an der Neige jenes Tages der höchsten Anstrengung vor Waterloo getan. Und wenn das ganze Regiment überläuft, richtet er eine kurze Ansprache an sie und zeigt mit dem Schwert auf die Stellungen, die sie zu erstürmen haben. Wie muss man hier sagen, so viele Napoleons in einem Mann!«³

Napoleon ist nicht unschuldig an der Entstehung eines verwirrenden Bildes seiner Persönlichkeit. Er war nicht nur ein sehr vielseitiger Mann, sondern auch eine zwiespältige Natur und schillernde Person. Sein Leben ist voll von gegensätzlichen Handlungsweisen. Leistete er einst seinen Beitrag als Streiter der französischen Revolution bei der Abschaffung des Königtums, so krönte er sich wenige Jahre später selbst zum erblichen Kaiser der Franzosen, steigerte die Monarchie ins Gigantische, um seine und seiner Familie Macht für alle Zeiten zu festigen. Er riskierte sein Leben, um für Freiheit und Unabhängigkeit zu kämpfen und überzog sowohl Franzosen wie Nachbarvölker mit Terror, Unfreiheit und Besatzungsmacht. Er sprach ständig vom Frieden, brachte aber Krieg über die Völker, weil er sich in der Rolle des Feldherrn gefiel. Seine von ihm erlassenen Gesetze ordneten Europa, doch er setzte sich vielfach über seine eigenen Anordnungen hinweg, Er predigte die Moral und äußerte seine Abneigung gegen geschiedene Frauen, pflegte aber beständig mit anrüchigen Damen Liebesverhältnisse und ließ sich von seiner Gemahlin Josephine scheiden. Er hasste es, von anderen belogen zu werden und entschuldigte seine ständigen Lügen aus einem konsequenten Nützlichkeitsdenken heraus mit der These, dass er dem Vorteilhaften vor der Wahrheit stets den Vorzug zu geben habe. Seine Leutseligkeit mit seinen Soldaten war gepaart mit verletzender Arroganz gegenüber Andersdenkenden. Er gab sich mit Vorliebe als Mann, der eigentlich zur Wissenschaft berufen wäre, förderte sie auch ständig, doch daneben gab er sich auch ausgesprochen primitiv und vulgär.

Noch auf St. Helena liebte es Napoleon, seine Gesprächspartner wie z. B. den gutgläubigen General Gourgaud durch radikale gegensätzliche Äußerungen zu schocken und freute sich anschließend kindisch, wenn sein Vorhaben gelungen war. So hat Napoleon auch durch seine Worte beigetragen, ein unklares Bild seines Denkens und seiner Absichten zu erzeugen.

So kommt es letztlich auf Standpunkt und Vorurteil des Betrachters an, wie er Napoleon beurteilt. Aus den Quellen lässt sich beides, Positives wie Negatives, entnehmen. Napoleon war sich bereits zu Lebzeiten als Gefangener auf St. Helena dieser Problematik bewusst, die er nun nicht mehr beeinflussen konnte. In einem Gespräch mit General Bertrand sagt er:

»Unsere Heldentaten werden als Aufgaben von Lehrern den Schülern gegeben, die dann Tadel oder Lob auszusprechen über uns zu Gericht sitzen.«

Vielleicht war Napoleon weniger zwiespältig als vielmehr opportun. Er passte sich an, um seiner Karriere zu nutzen, auch wenn er sich dabei selbst untreu wurde. Und später, als er auf dem Instrument der Macht spielte, passte er sich ebenso den Gegebenheiten an, um die Macht zu erweitern und zu stärken. Er ordnete alles der Erhaltung seiner Macht unter, auch sich selbst. Nicht er spielte mehr auf dem Instrument der Macht, sondern die Macht beherrschte ihn.

Napoleon war einer der größten Egoisten der Weltgeschichte. Um zu seinen Zielen zu gelangen, scheute er sich nicht, primitive und niedere Handlungsweisen zu begehen. Kein Mittel schien ihm unwürdig, wenn es seinen Ansprüchen nur diente. Goethe sagte von ihm:

»Napoleon hat die Tugend gesucht und, als sie nicht zu finden war, die Macht bekommen.«

Nach seiner enttäuschten Hoffnung, für Korsika die Freiheit zu gewinnen, folgte Napoleon seit 1793 nur noch als berechnender Egoist seinem maßlosen Ehrgeiz und der Gewinnung von Macht. Der sittliche Wert seines Handelns war denkbar gering. Anfangs verstand er es, mit meisterhaftem Geschick zu heucheln und die Zeitgenossen über seine Absichten zu täuschen; später, im Besitz der Macht, legte er sich keinen Zwang mehr an und trug seine charakterlichen Schwächen offen zur Schau – seinen Neid, seine Rohheit, seine Unbeherrschtheit, seine Taktlosigkeiten. Und trotzdem wusste er mit einem gewissen Charme und auch einem Anflug von Gutmütigkeit, Freunde und Gegner zu beeindrucken.

Napoleon hatte richtig erkannt, dass sein machtpolitisch motiviertes Handeln eine ethische Beurteilung von Tadel und Lob erfahren würde. Aber nicht nur bei den oben von ihm genannten Schülern! Das Napoleonbild entbehrt nicht einer gewissen Polarität. Kritiker bzw. Verehrer kristallisieren sich an den jeweils ihnen zusagenden Polen. Allen ist die gemeinsame Auffassung eigen, Napoleon sei eine faszinierende Persönlichkeit.

Ist es erlaubt, hier von einer faszinierenden Persönlichkeit zu sprechen? Man stelle sich vor, jemand spräche in Gegenwart eines von den Nazis verfolgten und deren Verbrechen familiär betroffenen Juden über Adolf Hitler als nur einer faszinierenden Persönlichkeit! Der Vergleich zwischen Hitler und Napoleon ist legitim, nicht nur weil beide aus kleinen Verhältnissen kommend außerhalb ihrer Heimat in einem fremden Land ihr Glück zu machen glaubten, im Streben nach Weltherrschaft weite Teile Europas in ihre Gewalt brachten und dabei eine gewaltige Blutspur hinterließen, beide im russischen Winter vor Moskau scheiterten, beide über Nordafrika England in Indien zu Fall bringen wollten, England weder durch geplante Invasion noch vollzogene Blockade in die Kniee zwingen konnten usw. Der Napoleonbiograph Philipp Bouhler hat den Vergleich zwischen beiden Diktatoren in seinem 1943 in Deutschland erschienenen Buch glorifizierend und mit positivem Ergebnis vorgenommen. Anders verhält es sich mit dem Ergebnis Jacques Pressers. Er war ursprünglich ein Verehrer des korsischen Usurpators. Als holländischer Jude in Amsterdam, dem 1943 die Ehefrau verschleppt und in einem Konzentrationslager der Nazis umgebracht wurde, lernte er Napoleon mit neuen Augen sehen. Sein Vergleich Napoleons mit Hitler fällt negativ aus.

Doch zurück zu dem Begriff »faszinierende Persönlichkeit«! Von Napoleon können wir leichtfertig in dieser Weise sprechen, weil nach mehr als eineinhalb Jahrhunderten keine Betroffenen bzw. Angehörige von Opfern napoleonischer Willkür mehr leben. Dagegen heute in Gegenwart von überlebenden Juden – und nicht nur von Juden – bei Hitler von einer faszinierenden Persönlichkeit zu sprechen, wäre geschmacklos und fatal. Doch der Lauf der Jahre und Jahrhunderte breitet einen Mantel des Vergessens und der Verklärung über die blutigen Ereignisse. Die persönlich Betroffenen sterben aus. Andere Gesichtspunkte rücken in den Vordergrund. Und selbst da, wo die abscheulichen Menschenopfer noch Erwähnung finden, werden sie verharmlost und müssen in der Beurteilung hinter nun angeblich wichtigere Dinge zurücktreten.

»Beträchtliche gesetzmäßige und administrative Errungenschaften wiegen in erheblichem Maß die mehreren Millionen Toten und das unabsehbare Elend auf, das die unvermeidlich mit seinem Namen verknüpfte lange Reihe von Kriegen mit sich brachte.«

Dieser Satz bezieht sich nicht, wie man meinen könnte (obwohl er auch auf ihn passt) auf Adolf Hitler, sondern auf Napoleon Bonaparte.

Dieses Zitat stammt von dem britischen Historiker und Napoleon Verehrer David Chandler und wurde 1973 niedergeschrieben. Es schockiert, wie hier fragwürdige Errungenschaften zum Nachteil von Millionen Toten aufgewogen werden! Napoleon hat nicht die Massenvernichtungsquoten erreicht, die durch Hitler zustande gekommen sind. Er verfügte nicht über die technische Perfektion des 20. Jahrhunderts. Es ist müßig zu fragen, ob er sie eingesetzt hätte. Er hatte sie nicht. Was an Menschenopfern auf dem Altar der Macht dargebracht wurde, ist bereits zu viel gewesen.

Sehen wir einmal von der Aufrechnung der Menschenopfer ab und versuchen – da das persönliche Leid und das unermessliche Elend und die erlittenen Grausamkeiten der Menschen infolge der napoleonischen Kriege zwischen Atlantik und dem Roten Meer, zwischen Spanien und Russland nicht rückgängig zu machen sind – eine objektivere Sicht, dann lassen sich durchaus positive Auswirkungen nach dem Ende der Eroberungspolitik Napoleons in den einst besetzten Ländern feststellen, die von den betroffenen Völkern anfangs nicht erkannt, später aber als selbstverständlich gegeben hingenommen wurden. Was erst als nationale Schande erschien, entpuppte sich nachher als politischer Vorteil. Napoleon hat, indem er die deutsche Kleinstaaterei weitgehend rigoros beseitigte, die spätere Einigung des Deutschen Reichs vorbereitet. Aber was noch wichtiger ist: In den besetzten Ländern Deutschlands hat er den Feudalismus bis auf die Wurzeln zerstört, und dieser hat nach den Befreiungskriegen nicht wieder zu neuem Leben erwachen können. Der Gedanke der französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bei all seiner Fragwürdigkeit der Verwirklichung im französischen Ursprungsland, hat in den besetzten Gebieten Europas eine geistige Veränderung mit gesellschaftspolitischen Folgen und den Aufbruch in eine moderne Welt bewirkt. Nur England und Russland, die unbesetzt blieben und sich gegen den geistigen Einfluss abschirmen konnten, behielten die Strukturen des Feudalismus. In Russland entluden sich die nicht gelösten gesellschaftlichen Spannungen in der blutigen Revolution von 1917 mit all ihren weitreichenden Folgen. England, das fälschlicherweise als Stammland der Demokratie angesehen wird, wo man doch nur allenfalls von einem Parlamentarismus sprechen dürfte, hat sich bis heute weder gedanklich noch praktisch aus seinen feudalistischen Strukturen in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Militär lösen können.

Was in der Person Napoleons sichtbar wurde, ereignete sich parallel an England. Während die europäischen Nationen auf dem Kontinent verbluteten – England hat es immer verstanden, andere für seine Interessen kämpfen zu lassen, auch die englischen Truppen bei Waterloo bestanden überwiegend aus Deutschen, Niederländern und Belgiern – haben die Briten als lachende Nutznießer der napoleonischen Kriege ein gewaltiges Welt- und Kolonialreich im 19. Jahrhundert in ihrer Hand vereinigen können. Die einstige Machtfülle wurde im 20. Jahrhundert zur Ohnmacht und Schwäche Englands und ein Ende des derzeitigen Niedergangs ist noch nicht abzusehen.

Sehr früh haben sich Romantisiererei und Verherrlichung Napoleons ausgebreitet. Dass die Franzosen ihren Napoleon lieben und verehren, weil er sie ihrer Mentalität entsprechend zu Ruhm und nationaler Größe führte, ist verständlich, obwohl auch in Frankreich Hass und Verbitterung entstanden, so groß, dass Napoleon, als er nach seinem Sturz in sein erstes Exil auf der Insel Elba gebracht wurde, inkognito durch Frankreich reisen musste, um nicht von empörter durch die Kriegslasten ausgelaugter Landbevölkerung gelyncht zu werden.

Aber er fand auch, vor allen Dingen als er noch erfolgreich war, auf breiterer Ebene in Frankreich Zustimmung. Hatte er doch den Franzosen, die es während der Revolutionszeit leid geworden waren, sich gegenseitig umzubringen, vorexerziert, wieviel mehr Freude es bereitet, die Menschen anderer Nationen zu töten.

Auch die positive Einstellung der Polen zu Napoleon ist verständlich. War doch ihr Land in ständiger Bedrängnis durch Preußen und Russland. Die russischen Massenheere unter Suworow verwüsteten das Land und ertränkten im November 1794 allein in Warschau 12 000 Zivilisten in der Weichsel.⁸ Polen sah an der Seite Frankreichs mit seiner Theorie von den Menschenrechten seine Zukunft und betrauerte zutiefst nach 1815 die Entmachtung Napoleons.

In Deutschland vollzog sich schon bei Lebzeiten des Kaisers ein Riss in der Einstellung zu Napoleon. Nicht allein die Fürsten der von Napoleon begünstigten Rheinbundstaaten marschierten willig mit und gaben ihre Soldaten als Kanonenfutter für die napoleonische Eroberungspolitik. Auch die deutsche Geisteswelt spaltete sich. Stellvertretend für die vielen anderen seien hier nur die Namen der Dichter Goethe und Grillparzer genannt.

Goethe spielt dabei eine etwas unrühmliche Rolle. Als 1806 nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt plündernde Franzosen nach Weimar einrückten, versteckte er sich feige. Seine Lebensgefährtin, Christiane Vulpius, bewies mehr Courage als er, als sie ihn aus den Händen der randalierenden Soldaten befreite und diese kurzerhand aus dem Haus jagte. Im Jahre 1808 kam es zur Begegnung zwischen Napoleon und Goethe in Weimar. Der 40jährige Napoleon frühstückte im Sitzen, ließ den 60jährigen berühmten Dichter und weimarischen Staatsminister daneben stehen und fragte ihn aus:

»Wie alt sind Sie? Haben Sie Kinder? 60 Jahre, Sie haben sich gut erhalten.«⁹ Und dann folgte das bekannte: »Vous êtes un homme«, das Goethe so schmeichelte, »Sie sind ein Kerl«, wobei aber nicht klar ist, ob es sich nur auf das »gut erhalten« oder die Größe als Dichter bezog. Goethe hat sich für letztere Interpretation entschieden. So wurde er zu einem anbetenden Verehrer Napoleons – bis er nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo nun ohne Zögern dessen Gegner und Überwinder, Lord Wellington, als neuen Helden des Abendlandes anerkannte.¹⁰

Goethes Lob für Napoleon trug dem Dichterfürsten die Ablehnung der deutschen Patrioten ein. Als Goethe im April 1813 zu Besuch bei Appelationsrat Körner in Dresden weilte und hörte, dieser habe seinen Sohn Theodor Körner mit den Lützower Jägern zum Kampf gegen Napoleon ziehen lassen, überhäufte er den stolzen Vater mit zornigen Vorwürfen. Freiherr vom Stein drückte daraufhin seine Verachtung für Goethe mit den Worten aus: »Lasst ihn, er ist alt geworden!«¹¹

Franz Grillparzer war wohl von der Gestalt Napoleons beeindruckt, aber er hat den Mann gehasst, der Deutschland unterjocht hatte. Wo Goethe seiner Bewunderung Ausdruck verleiht, klagt Grillparzer an. Goethe rechtfertigt die Erschießung der 5000 türkischen Kriegsgefangenen am 7. März 1799 in Jaffa als vorsorgliche, militärisch notwendige Aktion,¹² Grillparzer prangert an, dass Napoleon der Besatzung der Stadt bei Übergabe das Leben zu schonen versprochen habe.¹³ Goethe stellt lobend heraus, dass Napoleon selbstlos die Pestkranken in Ägypten besucht habe¹⁴, Grillparzer vermerkt: »Napoleon hat die Pestkranken nie gesehen. Er hat sie vorher vergiften lassen.«¹⁵ Goethe glaubt der Versicherung Napoleons, dass er den Dichter Corneille, hätte er zu seiner Zeit gelebt, in den Fürstenstand versetzt hätte.¹⁶ Grillparzer behauptet dagegen, Napoleon hätte diesen Kritiker lebenslänglich einsperren lassen.¹⁷

Welches Napoleonbild entspricht nun der Wirklichkeit? Die Entgötterung und Entteufelung dieser Welt führt dazu, dass der Mensch entweder vergöttert oder verteufelt wird. Jacques Presser hält Napoleon in seiner Biographie für