Der Himmel ohne Richtung by Marius Nam by Marius Nam - Read Online

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Der Himmel ohne Richtung - Marius Nam

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Erinnerung

1. Kapitel

Das Dämmern

(... was keine Antwort erwartet)

Ihr seid ohne Wachheit. Da ist ein seltener Schmerz.


1

Ich weiß von einer Gabe, die wertvoller ist als alle anderen Gaben. Du kannst sie nicht einfach erwerben wie einen guten Mantel, eine Hütte oder die Zärtlichkeit eines Weibes. Nur um den Preis der Trauer und des Kummers vermagst du sie zu erlangen. Ihr Wert ist der Wert der zahllosen Tränen, die du um ihretwillen vergossen hast.

Einst lebte in unserer Stadt ein junger Schmied, der es verstand, mit großem Geschick aus Silber die schönsten Bänder und Ketten zu machen. Kein anderer kam ihm darin gleich, und seine Kunstfertigkeit wurde überall gepriesen. Zu jener Zeit lebte er in der Blüte seines Glückes, denn er hatte ein schönes, kräftiges Weib, das er liebte, und seine Arbeit erzielte bei den vorüberziehenden Händlern gute Preise. Eines Tages suchten Soldaten des Königs sein Haus auf, denn sein Weib wurde bezichtigt, an einer Verschwörung teilgenommen zu haben. Nachdem sich vor Gericht ihre Schuld erwiesen hatte, wurde sie zum Tode verurteilt. Da geriet der Schmied in ein lautes Heulen und lief zu den Richtern, um gegen all sein Geld und Silber das Weib freizukaufen. Die Richter aber ließen sich nicht erweichen. Man brachte den Schmied nach Hause und gab ihm eine Arznei. Drei Monate lang trat der Schmied nicht mehr hinaus auf die Straße. In dieser Zeit nahm er all sein Silber zusammen und machte daraus einen silbernen Schrein, der von solcher Kunstfertigkeit war, über und über mit Bildern verziert, als sei er für einen König bestimmt. Er legte sein totes Weib hinein und vergrub den Schrein zwölf Fuß tief unter der Erde. Dann verließ er die Stadt. Ich habe gehört, er habe sich einer Karawane angeschlossen und sei in ein fremdes Land gelangt. Dort habe er begonnen mit Gewürzen zu handeln.

Auch eine andere Geschichte ist mir zu Ohren gekommen. Einer der Reisenden, die unsere Stadt bevölkern wie die Käfer die nächtliche Düne, hat sie erzählt. Er berichtete von der Alten, die ihn gebeten hatte, mit ihm reisen zu dürfen. Im Verlauf des gemeinsamen Weges erzählte sie ihm ihre Geschichte. Als junges Weib hatte sie einen aus der Kaste der Krieger geliebt. Als der aus der nahen Oase, wo sich die Aufständischen versammelt hatten, zurückkehren sollte, wartete sie vergebens. Niemand konnte ihr sagen, was mit ihm geschehen war. Also machte sie sich auf, ihn zu suchen. Sie gelangte von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, zu unruhig und hoffend, um irgendwo zu verweilen. Was sie zum Leben brauchte, erbettelte sie vom Mitleid der Leute. So kam sie in die Gesellschaft des Reisenden. Der hatte Mitleid mit ihr, wollte sie mit sich nehmen und ihr eine Arbeit geben. Aber die Alte war stur und schlug das Ansinnen aus. Sie keifte nur und beleidigte den Wohlmeinenden, als wolle er ihr etwas Übles. Dann machte sie sich davon und setzte ihre Suche fort.

Als mir davon berichtet wurde, zog ich mich zurück, um über den Menschen, der sucht und seine Heimat verläßt, nachzudenken. Und ich wußte, ich achte den Menschen, der auf der Suche ist, weil er an etwas glaubt, das größer ist als er selbst. Der die Stadt verläßt und in der Wüste eine Heimat findet. Der aus fünf Steinen einen Tempel errichtet und unter dem Mantel der Nacht sein Lager findet. Ich liebe den, der die Stadt verläßt, weil er mutig und voller Taten ist, nicht den, der verwegen oder verzweifelt oder voll Kummer ist. Dieser sucht die Fremde, um seine Geschichte dem Sand des Vergessens anzuvertrauen. Jener aber begibt sich fort, um seine Geschichte mit sich zu nehmen, damit ihr Wasser in fremde Brunnen gelange.

Ebenso habe ich Mitleid mit ihm, denn ich weiß um die Qualen, die er leidet, ich kenne seine Rastlosigkeit und seine endlose Trauer.

Und ich weiß, wollten wir das Gewicht des Lebens an den Kämpfen messen, die wir um seinetwillen auszutragen haben, so käme das größte Gewicht auf die Mühen, die wir uns auferlegen, um gegen das Vergessen anzugehen. Das Vergessen begleitet das Leben wie das Kennenlernen. Da aber die Menschen gierig sind, wollen sie das einmal Erworbene nicht mehr hergeben, häufen Schätze an, weil sie glauben, es sei nur eine Frage der Menge der Perlen, des Gewichts des Goldes, der Länge der Seidenbahnen und Größe der Gemmen, die ihre Schatzkammern anfüllen, um aus der Vielzahl der Schätze einen einzigen neuen Schatz zu schmieden, einen unverwechselbaren, der einen eigenen Namen besitzt, der sprichwörtlich ist und durch keinen anderen Schatz dieser Welt ersetzt werden kann. Aber diese Menschen sind im Irrtum. Sie stehlen wohl ihre Schätze zusammen, erwerben sich feine Stücke, die sie sorgsam verschließen, doch es ermangelt ihnen am Geschick des Schmiedes, es gebricht ihnen am Talent des Bildhauers, und es fehlt ihnen die Fähigkeit des Baumeisters, all diese Schätze einzubringen in ein neues Werk, das einen eigenen Namen verdient, den die Menge mit Staunen im Munde führt.

Wiederum gibt es Menschen – und auch solche lernte ich kennen –, denen ist es ein Leichtes, das eigene Heim, den Brunnen, die Stadt und das Land zu verlassen. Sie sind unbekümmert, und ihre Unbekümmertheit erwächst ihrer Gleichgültigkeit. Diese Menschen besitzen keine Geschichte. Wenn sie ihr Heim verlassen, so ist das, als gingen sie auf die Weide, um nach dem Vieh zu sehen. Es spielt keine Rolle, auf welcher Weide sie ihr Tagwerk verrichten, denn niemand wird einen Schrein für sie bauen.

Wenn ich die Stadt verlasse, um in den Krieg zu ziehen, so bin ich freudig und traurig zugleich. Freudig bin ich dadurch, daß das Unbekannte mich lockt und mich das Ungewisse stärker macht. Traurig bin ich, weil ich eine Geschichte habe, die ich nicht fortspinnen werde und die nicht durch das andachtsvolle Lauschen derer, die mich hören, wertvoller wird. Andere werden sie weitererzählen und einen Schrein daraus machen. Oder sie werden die Geschichte vergessen.

Und wenn der Mensch, den ich liebe, die Stadt verläßt, so empfinde ich Freude und Trauer zugleich. Traurig bin ich um meinetwillen, da mir von dem, den ich liebe, nur die Geschichte bleibt. Freudig bin ich um seinetwillen, dem andere andachtsvoll lauschen werden, wenn er erzählt. Sein Wasser wird den Durst zahlreicher Brunnen stillen.

Und ich weiß, es ist gut, die Trauer zu überwinden.

Dann werde ich einen Schrein errichten oder einen Brunnen graben. Denn auf diese Weise vererbe ich meinen Reichtum denen, die leichter vergessen.

Dann werde ich die Stadt verlassen. Und deine Geschichte wird mich begleiten.

2

Die Sonne stand nur noch eine Handbreit über dem Wasser, als sie zu zerfließen begann. Wie ein Fleck aus zähflüssigem Himbeersirup begann sie zu tropfen, auszulaufen am unteren Ende infolge der Schwerkraft, Tropfen für Tropfen, Schlieren bildend über dem Wasser, bis der farblose Schwamm des Meeres sie ganz aufgesogen hatte. Es war still, windstill. Ich drehte zwischen meinen Fingern den Anhänger, den ich an einem Lederband um den Hals trug. Der Stein fühlte sich warm an. Ein blauer Stein, wie die Spitze eines Obelisken, mit einer goldenen Ader. Das lederne Band, an dem er hing, war speckig, abgewetzt, roch nach Ziege, Talg, modriger Erde. Ich mochte den Geruch. Daheim bist du da, wo es gut riecht.

Ich blickte mich um. Die Küste war schon hinter der Wölbung des Meeres verschwunden. Von hier aus betrachtet spielt es gar keine Rolle, wie groß die Insel ist, dachte ich. Ich atmete tief ein, füllte die Lungen mit feuchter salziger Luft. Reinigung. Element des Lebens. Wertvoll ist das, was rar ist. Landesspezifisch. Es kommt nicht so sehr darauf an, ob oder was du verläßt. Denn deine Herkunft verläßt dich nie ganz, du trägst sie in dir wie ein Organ, einen Magen. Deshalb machen die Speisen fremder Länder dich krank. Gegrillte Heuschrecken oder Austern. Brackwasser oder Champagner. Wildgänsedaunen oder Kamelhaar. Daheim bist du da, wo es gut schmeckt.

Du müßtest hierbleiben, dachte ich, genau hier, ein bißchen tiefer, zwischen den Inseln, den Magneten, schwebend im ausgewogenen Kräftefeld. Die Luft ist neutral. Ich beugte mich vor, über die Reling, blickte hinunter, wo das Wasser gegen den unbeweglichen Schiffsrumpf strömte und schäumende Strudel bildete. Man könnte in kürzester Zeit überall sein. Aber vielleicht schwindet dann das Bedürfnis. Verfügbarkeit entwertet. Ich versuchte, meine Gedanken auf das zu richten, was hinter der Wölbung lag, von dessen Existenz ich wußte, weil ich beobachtet hatte, wie es unter meinen Füßen dahingeglitten war, sich zu einem Holzsteg verjüngt hatte und schließlich Zentimeter für Zentimeter in der quecksilberartigen Masse verschwunden war. Einfach verschwunden. Ich griff nach dem Stein, um mich daran festzuhalten. Handschmeichler. Selbstexistenzversicherer. Wenn die physischen Dinge nicht wären, die einen daran erinnern, daß man nicht nur aus Erinnerungen besteht, würde man vielleicht die Welt als materiell erachten, sich selbst aber zweifelsohne als Einbildung. Sinnestäuschung. Phantasmagorie.

Was würde mich erwarten am Ende dieser Richtung, in die der Schiffsrumpf so verläßlich zeigte wie eine Kompaßnadel? Neugierde. Fragen. Bewunderung? Neid. Ein exotischer Casus, Varietätenschau. Was zog mich zurück? Diffuses Bedürfnis. Als ob man immer so genau wüßte, warum man dies oder jenes tut. Gerade dies und nicht jenes. Da ist ein Bild, das ich vor mir sehe. Das ich besser kenne als mein eigenes Spiegelbild. Weil ich es häufiger sah. Mit meinen Händen sah ich es, die das wertvolle Gesicht schützend, haltend umarmten. Ich hatte es mitgenommen, dieses Gesicht, ein essenzielles Gepäck. Vielleicht wollte ich es endlich wieder an seinen alten Platz zurückstellen, auf den Kaminsims, in die Trophäensammlung. Man kann nicht ewig so schwere Gewichte mit sich herumtragen. Weglaufen hilft nicht, weil du immer noch bei dir bist und vor dir selbst nicht weglaufen kannst. Also zurückkehren. Oder hat das diffuse Bedürfnis doch mit Hoffnung zu tun? Jedenfalls diffus, ungeklärt. Vage. Der Horizont, die paar verlorenen Wolken, die Wellen, die mit dem trägen Auge spielen. Alles vage. Ich werde von meiner Reise, von meinen Abenteuern berichten, und jene werden sich einbilden, sie seien an meiner Stelle gewesen. Sie werden urteilen, das ist schön, das ist grausam und das ist verwerflich. Nicht, weil sie eine besondere Freude am Urteilen haben, sondern weil sie wie Kinder sind. Sie können nicht anders. Aber sie haben nie eine Düne gesehen, die so vage ist wie der Wellenkamm und aus unzähligen miniaturhaften Felsen besteht, von denen ein Riese nicht einen einzigen wegnehmen könnte, um daraus den Anfang für eine neue Düne zu machen. Sie werden mich fragen, du bist nach Südwesten gegangen, während ich nichts anderes tat, als dem ausgetrockneten Flußtal zu folgen. Aber das werden sie nicht verstehen. Und vor allem werden sie mich fragen, warum bist du zurückgekehrt? Und sie werden die vielen Antworten wissen. Was aber werde ich ihnen sagen?

Ich werde sagen, ich wollte den, der mein Freund war, meinen geliebten Bruder, ihn wollte ich nicht vergessen. Aber wie soll ich ihnen erklären, daß man allmählich vergißt, wenn man nicht bereit ist, das Bewahrenswürdige zu verlassen? Langsam, beständig, so wie der Nord-Ost die Düne versetzt und den Reisenden in die Irre leitet. Aber weil die Straßen gepflastert sind dort, wohin ich zurückkehre, wissen die Menschen das nicht. Sie verstehen nicht, daß die Straße, die vor ihrem Haus beginnt und sie gestern noch in eine Stadt geleitet hat, sie heute zu einem ganz anderen Ort bringen wird, den sie noch nicht einmal in Gedanken besucht haben. In welcher Stadt, an welchem Ort mag der Freund angelangt sein?

Ich lächelte, spürte den strenger werdenen Wind an meinen Haaren zerren, über mir flog eine zerrissene Wolkendecke, holte das sich schließende Kielwasser des Schiffes ein, es begann leise zu nieseln.

Vielleicht sind alle Gedanken müßig? Der Himmel hat keine Richtung. Vielleicht komme ich niemals an, Freund, Bruder, Sadak.

2. Kapitel

Der Aufbruch

(... es ist der Durst)

Ihr brecht auf, um Reichtum zu finden. Ein großes Verlangen.


3

Am 15.01.99 verließ mein Schiff den Hafen von Genua. Die umständlichen Ladevorgänge hatten die Abfahrt um einen halben Tag verzögert und es war bereits Nachmittag geworden. Als wir die letzte Berührung mit dem Kontinent lösten, um uns in eine graue teigige Masse hineinzuwagen, von der ich nie begreifen konnte, wie es möglich war, darin einen Halt zu finden, dämmerte bereits wieder der Abend, und der forschende Blick konnte zwischen dem Grauen unten und dem genauso massiven farblosen Gebilde oben keinerlei Unterschied ausmachen, so daß unten und oben mir gegenstandslos erschienen, und ein Inmitten wohl deutlicher macht, wie ich an der hinteren Reling stehe, von Niesel und Gischt gleichermaßen durchnäßt und auf das sich entfernende Festland blicke, das eigentlich nur eine Insel ist, die allmählich hinter dem grauen Schleier verschwindet.

In meiner Kabine, drei Männer jedweden Alters mit arabischen Mienen und Gebärden, die ihre Schlafnischen bereits in Beschlag genommen hatten. Ich war zu müde, zu sehr noch der Insel verhaftet, um meine Mitbewohner auf die arabische Art zu begrüßen, nickte ihnen mehr höflich als freundlich zu und verließ mit zwei Büchern, die meine Reiselektüre bildeten, alsbald den Verschlag. In einem Gemeinschaftsraum ein weicher Teppich aus Stimmengewirr. Ich fand eine schützende Ecke, wo ich es mir bequem machte, und betrachtete meine Bücher. Das eine in grünes Leinen gebunden, Heinrich Barth, Overweg und Richardson, Reise in Central-Afrika in den Jahren 1849-1855, Berlin, ohne Jahr, wahrscheinlich um 1860. Eine historische Ausgabe mit Berichten über die Reisenden, auf deren Spuren ich mich bewegen sollte. Das fünfbändige Original von Barth, in das ich mich zur Vorbereitung vertieft hatte, wäre zur Mitnahme zu gewichtig und wertvoll gewesen. Das andere Buch eine vornehme Ausgabe des Korans in der Übersetzung von Rückert. Außer diesen beiden Büchern noch eine Landkarte: Afrika von R. Andree und A. Scobel 1890, das Beste, was man zur damaligen Zeit hatte bekommen können.

In den Offenbarungen des Mekkaner Kaufmanns hatte ich zuweilen gelesen, um mich auf meine bevorstehende Aufgabe einzustimmen und mich auf dem Boden, auf dem ich in einigen Tagen schreiten sollte, nicht sogleich aus Unkundigkeit zu verlaufen. Mir kam ein Vers in den Sinn, den ich nach einigem Blättern wiederfand. Gott, der da schuf die Himmel und die Erde, und sendete vom Himmel Wasser, mit dem er bracht’ hervor von Früchten und von Nahrung euch, und machte dienstbar euch die Flüsse, und macht’ euch dienstbar Sonn’ und Mond, die beiden Ruhelosen...

Die Ruhelosen. Die Frage nach dem Wohin, das ein Woher enthält, und nach dem Warum, das auch mit einem Wie lange zusammengeht.

Warum befand ich mich auf dem Schiff? Wohin? Wie lange? Wie kommt es, daß ein junger Gelehrter der Altertumswissenschaften, dessen Äußeres die sechsundzwanzig Jahre seines Geformt- und Verändertwerdens auf den ersten Blick ein wenig übertreffen mochte, sich auf ein solches postarchaomodernes Abenteuer einläßt? Daß er die Bücher, die er gelesen und manchmal auch geliebt hatte, auf seiner Insel zurückläßt und nur die Erinnerungen an manches mitnimmt, das ihm die Insel letzten Endes zu klein werden ließ?

Fangen wir bei den endogenen Gründen an:

Anerkennung? Damit hatte das Unternehmen gewiß zu tun! Denn ich erhoffte mir freilich nicht nur, mir durch meinen Beitrag einen Namen im Kreise derer erwerben zu können, denen ich mich durch Studium, wissenschaftliche Arbeit und Titel beigesellt hatte. Darüber hinaus war mir das Erforschen fremder Länder seit meiner Kindheit als Inbegriff eines heldischen Wirkens erschienen, das in hohem Maße Bewunderung und Ehrfurcht auf den Helden zurückfallen läßt, sozusagen als Kompensation für die von ihm erbrachten Opfer.

Opferbereitschaft? Dieser Zug ist meinem Wesen nicht fremd, allerdings eher im Sinne eines selbstgefälligen Märtyrertums, das sich irgendwo mit hypochondrischen Neigungen berührt, und dessen Ursache ich in meiner eminent katholischen Erziehung erblicke. (Wobei ich durchaus die Erfahrung gemacht habe, daß Opferbereitschaft hilfreich ist. Erneuerung durch Verbrauch!)

Erneuerung etwa? Gewiß, auch Erneuerung! Persönliche und zu einem bescheidenen Teil auch gesellschaftliche. Denn was läge angesichts des erwarteten Wechsels von einer Ära des Menschseins in eine andere näher, als sich zur Feier des Neuen der Taten eines Mannes zu erinnern, der seine Insel verlassen hat, um einen neuen Kontinent zu entdecken?

Also Entdeckungsgeist, das heißt Neugierde! Neugierde auf die eigene Stärke, den eigenen Mut, die sich noch nie beweisen mußten, Neugierde auf das Andere, Fremde in welchem man seine eigene Einzigartigkeit wiedersucht und – entdeckt.

Und dann war da noch der Auftrag der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, illustrer Kreis (immer noch), potente Geldgeber, der Auftrag, mit historischen Mitteln eine Nachreise auf den Spuren Barths und Richardsons zu unternehmen. Jubiläumsverpflichtung mit ein bißchen Nostalgiegeist und Wiederbelebungseifer. 1849 war der berühmte Deutsche zu seiner über fünfjährigen Reise aufgebrochen. Bei der Durchsicht der Archive zur Herausgabe einer Jubiläumsausgabe hatten sich Fragen aufgetan. Wie war es dem Forscher überhaupt möglich gewesen, in dieser und jener Zeit eine solch ungeheuerlich Strecke zu bewältigen, übermenschliche Leistung oder Betrug? Die alte Kritik. Außerdem Hinweise auf in einem Dorf nahe Kukawa von Barths Reisebegleiter Overweg zurückgelassene Schriften. Jubiläumsmythologie. Jedenfalls hatte oben genannte Gesellschaft die Mittel zu einer Nachreise entlang der Bornustraße bereitgestellt, und weil diese Mittel nicht besonders ergiebig waren, wurde von der Royal Geographical Society London, die sich der Pflege des Andenkens Richardsons widmet, noch etwas dazugelegt. Das Ergebnis der auf drei Monate angelegten Unternehmung (für eine längere Ausführung reichte das Geld nicht), sollte es sein, Barths Rückweg von Kuka am Tschadsee nach Tarablus in der umgekehrten Richtung nachzuvollziehen und dabei mit historischen Mitteln diejenigen Aufzeichnungen zu vervollständigen, welche aufzunehmen der Forscher damals aus welchen Gründen auch immer vernachlässigt hatte. Soweit die offizielle Beschreibung. Da die inzwischen bedeutungslose Stadt Kuka oder Kukawa in einem immer noch umstrittenen Grenzgebiet mit vormals englischen und auch deutschen kolonialen Einflüssen liegt, spielten sicher auch politische Hintergedanken eine Rolle. Von diesen nahm ich allerdings nicht weiter Notiz, als daß man mir ein Bündel Papiere für einige wichtige Leute dort unten mit auf den Weg gab, die ich, an alte Zeiten erinnernd, und mit der Autorität einer Wüstendurchquerung gewappnet, dort zu übergeben hatte. Präsentationspolitisches Ränkespiel, das mich nur peripher interessierte. Vehikel meiner eigenen Ambitionen.

Ich schlief mit einem zufriedenen Lächeln ein und erwachte mitten in der Nacht in dem teppichlosen Raum mit dem Gefühl des Rollens des Schiffes in meinen inneren Räumen. Wie betrunken torkelte ich zu meiner Kabine, wo ich vom säuerlichen Geruch von frisch Erbrochenem empfangen wurde. Für mich die beste Arznei, denn die Übelkeit geht bei mir vorwiegend vom Kopfe aus, und wenn ich andere ihr Inneres nach außen stülpen sehe, so überkommt mich ein vehementer Widerwille, meine Natur in selbiger Weise zu verkehren, und zugleich eine große Genugtuung, es noch nicht getan zu haben. Ein Gefühl der Befriedigung ergriff mich, das mich sanft in den Schlaf schaukelte.

Am nächsten Morgen hielt das Rollen und Schlingern noch vor, was meine Kabinengenossen daran hinderte, ihre Nischen zu verlassen. Mich trieb es hinauf aufs Deck, wo die frische salzige Luft wie ein Fremdkörper in meine Lungen eindrang und mir den säuerlichen Geschmack aus der Nase blies. Böen! Über einen grellblauen Himmel fegten zerrissene Wolkenfetzen, als wollte eine irrsinnige Haushälterin mit ihnen den Himmel blankwischen. Die Oberfläche des Wassers wie der riesige schuppige, abwechselnd grün, schwarz und blau schillernde Rücken eines urzeitlichen Ungetiers, auf dem das Schiff fröhlich dem Thanatos entgegenreitet! Ich umklammerte mit beiden Händen die Reling, ließ den Wind an meinen Haaren zerren und genoß mit kindischem Vergnügen das imperiale Gefühl des Trotzens gegen Naturgewalten. Manchmal öffnete ich die Augen gegen die wilde Gischt und forderte mit stolzen, kraftvollen Blicken und mächtigen Schlachtrufen die Elemente auf, nicht nachzulassen, so, als befehligte ich ein furchtbares Heer, das ich dem Siege entgegenführte.

Für derlei Übungen blieb noch viel Zeit, denn die See bewahrte ihre Untier – eigenschaft während der gesamten Dauer der dreitägigen Überfahrt, was mir in Hinblick auf meine leidenden Kabinengenossen nicht wenig Freude verschaffte. Erst als wir uns der afrikanischen Küste schon so weit genähert hatten, daß man von weitem die Inselform des Kontinents glaubte erkennen zu können, hatte Allah ein Nachsehen mit seinen Gläubigen, die ihn drei Tage lang durch ihre Oper und Enthaltsamkeit gütig gestimmt hatten, und die letzten Stunden der Fahrt war das Deck mit gutgelaunten, zuweilen noch bleichen Menschen bevölkert, die sich am Bug zusammenballten und aufgeregt zu deuten und zu rufen begannen, als man schließlich die Türmchen der Moscheen von Tarablus mit bloßem Auge erkennen konnte.

4

Grausam ist der Abschied und herrlich! Denn wenn ich mein Volk verlasse, um mich der Fremde zu übergeben, vermengt sich die Trauer über einen Verlust mit der Freude einer Erwartung.

Wenn ich verlasse, so verlasse ich ganz. Ich gehe, ohne mich umzublicken, und meine Gedanken sind darauf gerichtet, was mich erwartet. Ich erwarte nicht, zurückzukehren, und so ist jeder Abschied ein endgültiger und jede Rückkehr ein Neuanfang. Wie viele Abschiede bin ich gestorben! Aber nur wenn du für die Daheimgebliebenen stirbst und wenn sie für dich sterben, wirst du neu geboren werden. Wenn dein Herz bei deinen Frauen und bei deinen Ziegen verweilt, so wird die Fremde dich quälen. Sie wird als ein Fremdes an dir vorübereilen, eine Last sein, die du gerne abwirfst, und dein erster Schritt hinaus in die Wüste ist der Beginn deiner Rückkehr.

Aber warum bist du fortgegangen? Die gefährliche Reise hat dich älter gemacht und wenn du zurückgekehrt bist, wirst du dich in dein Zelt verschließen und es nicht mehr verlassen. Und deine Frauen sind älter geworden und deine Ziegen dürrer. Du wirst nichts Neues finden bei deiner Rückkehr, weil du das Alte nicht losgelassen hast, und du hast deinen Frauen keine Geschenke gebracht.

Darum verabschiede dich, als kehrtest du niemals zurück. Nimm diesen letzten Kuß, den letzten Blick mit dir, als einziges Abzeichen deiner Herkunft. Und wenn du zurückkehren solltest, so lege sie vor zum Beweis deiner Herkunft. Denn die Liebe wird dich wieder zurückführen. Oder sie gibt dir eine neue Heimat, einen anderen Blick und anderen Kuß. Und auch der Kuß, der dich empfängt, wird ein anderer sein. Er ist das Dankgebet, daß du dem Tode entronnen bist. Daß du durch die Liebe wiedergeboren wardst und die Liebe durch dich. Der Abschiedskuß war der Kuß auf die Lippen des Toten, der ihn zum Leben erwecken soll. Und jener, der dich begrüßt, ist der Jubelgesang, den die Geliebte auf deinen Lippen anstimmt und durch deinen Mund ertönen läßt. Für den aber, der geht, um wiederzukehren, ist der Abschied ein Gruß, ein Wunsch, ein Vorwurf vielleicht, und die Ankunft ein Gruß, ein Wunsch und ein Vorwurf zugleich.

Ein Fremder, dem ich auf einer meiner Pilgerfahrten, die ohne Ziel sind, begegnete, fragte mich nach dem Grund meines Reisens. Ich sagte ihm, mein Reisen sei Ausdruck meines Glaubens. Da lachte er, denn er hielt das Reisen für eine praktische Tätigkeit, um zu einem Ziel zu gelangen, er sah darin ein Mittel, um die Entfernung zu bezwingen. Und er fragte mich, woran ich glaube. Ich glaube an die Vielheit, antwortete ich.

Nicht glaube ich an Vieles, aber die Vielheit umschließt mein Glaube. Ich glaube die Mannigfaltigkeit und die Verschiedenheit, das Nebeneinander und Unvereinbare. Die Vielheit ist die letzte Wahrheit, die ich glauben muß, um die Welt zu verstehen. Die mein Bekenntnis ist. Ich kann sie erkennen, doch kann ich sie nicht wissen. Deshalb glaube ich sie.

Denn aus der Vielheit entspringt die unendliche Vielfalt der Blüten, die meine Welt schmücken. In ihr wohnt die Biegsamkeit der Zypresse und die Zähigkeit der Zeder. Und nie würde ich die beiden verwechseln, indem ich sie achtlos abmäße und sagte, es seien beide Bäume. Denn so, wie die Menschen einander nicht gleich sind, sind auch die Bäume nicht gleich. Keine Zeder gleicht einer anderen. Jede besitzt ihren eigenen Namen. Aber jener, der still in seinem Zelt sitzt und über die Welt nachdenkt, kennt nicht ihre Namen. Er sagt, da draußen ist die Welt. Und weil die Welt alles ist, vermeint er alles zu wissen. Aber das Denken faßt die Dinge zusammen und macht sie ununterscheidbar. Das Betasten und Beobachten entscheidet die Dinge. Muß ich also nicht mein Zelt verlassen, um meinem Glauben rechten Ausdruck zu verleihen? Um unterscheiden zu lernen und die Dinge in ihrer einzigartigen Weise zu erfassen, in der sie als Wunder erscheinen? Dem Denken sind derlei Wunder fremd, da es stets eins auf das andere zurückführt. So schafft es die Begriffe, die die Hüllen der Dinge sind und verwechselt die Dinge mit ihren Hüllen. Aber kennst du die Frau, deren Schleier du von ferne erblickt hast? So mag dir ein Weib wie das andere scheinen, und was du über ihre Eigenheiten hast verlauten hören, wird der Schmuck sein, den du am Schleier befestigst. In der Hochzeitsnacht aber lasse sie nackt vor dich treten und du wirst des Wunders gewahr, das diese Frau verborgen hielt. Und wenn du mehrere Frauen zu Weibern nimmst, so wirst du das Wunder wieder erleben, denn keine von ihnen gleicht einer andern und alle sind sie verschieden, obwohl sie sich nicht unterscheiden, wenn sie sich unter dem Schleier verbergen.

So sprach ich zu dem Fremden, denn ich wußte, daß seine Frauen ihre Gesichter verbergen.

Einem anderen begegnete ich, der reiste ebenfalls um seines Glaubens willen. Denn er wollte zu einem heiligen Ort gelangen, um sein Leben alsdann in Ruhe beschließen zu können. Es war ein reicher Mann und er hatte viele Begleiter bei sich, die ihn während der Reise mit allen Genüssen versorgten, damit er nichts entbehre. Seine Sänfte wurde von zwei Pferden getragen. Ich fragte ihn, welcher Art ist dein Glaube, da du in dieser Sänfte reisest? Er sagte, ich glaube an den einzigen Gott, und gab mir damit zu erkennen, daß er meine Frage nicht verstanden hatte. Denn wenn ich meines Glaubens wegen eine Reise unternehme und ich möchte nur an das Ziel gelangen, so muß es wohl so sein, daß ich an das Ziel glaube. Denn ich habe noch nie gehört, daß einer sich zu seinem Gott in einer Sänfte hätte tragen lassen.

Ich aber ergreife mit meinen Schritten den Sand und wasche mich an jenem Brunnen, dessen Wasser faulig riecht und nicht frisch und klar ist wie das Wasser unserer Brunnen. Damit diene ich meinem Glauben. Und wenn ich zurückkehre zu unseren Brunnen und wasche mir das Gesicht, meine Hände und Füße bevor ich trinke, so schmecke ich den Duft unseres Wassers und atme ihn ein wie einen Wohlgeruch. Und abermals diene ich meinem Glauben. Und mich durchströmt große Dankbarkeit.

Weil ich an die Vielheit glaube, glaube ich auch an das Gute in meinem Tun. Ich sehe, daß andere Völker anders leben, daß sie Felder bestellen oder schöne Sachen herstellen, die sie verkaufen und die einmal auch in meine Hände gelangen. Aber ich sehe nicht, daß ihr Tun besser wäre oder auch schlechter als das meine oder das meines Volkes. Es ist lediglich anders. Vielleicht auch ist es nicht grundsätzlich anders, denn der Bauer entreißt dem Feld das Korn und der Kaufmann beraubt den unerfahrenen Käufer. Doch ist es besonders und daher kann es weder besser noch schlechter sein, denn besser und schlechter sind nicht besonders. Sie sind Hüllen des Handelns. Man kann mit ihnen verschleiern, wie man mit Worten Taten verschleiert. Dann werden nicht nur die Taten sich selbst erzählen, sondern man wird beim Feuer von Taten erzählen.

Weil ich an die Vielheit glaube, achte ich meinen Feind. Und ich besitze die Größe, ihn zu verachten, wenn er mir verachtenswert scheint. Und ebenso verfahre ich mit dem Fremden, der mein Land besucht, um sich an meiner Größe zu laben. Ich werde sie ihm nicht versagen. Und wenn er mit Geschenken erscheint und eine Absicht hegt, so werde ich ihn gewaltig davonjagen lassen!

So erging es auch einem, der meinem Volke zugehörig gewesen war. Er war in die Fremde gegangen und mit Geschenken zurückgekehrt. Weil wir ihn nicht wiedererkannt haben, ist es ihm schlecht ergangen. Denn wenn ich heimkehre, so bin ich selbst das Geschenk, das ich bringe. Und bringe ich andere Geschenke, so bin ich niemals wirklich fortgewesen. Wer aus dem Tode erwacht, kommt auch nicht mit vollen Taschen. Er hat alle Hüllen fallen gelassen und tritt nackt vor sein Weib hin, um sich wiedergebären zu lassen.

Wenn ich die Reise beginne, so werde ich nicht zurückblicken. Den letzten Blick und den letzten Kuß werde ich als Ausweis meiner Herkunft bewahren. Und wenn ich zurückkehre, so werde ich nackt das Dankgebet auf meinen Lippen empfangen und es wird sein, als würde ich gerade geboren.

5

Ain wurde in den fruchtbaren Steppen am südlichen Rand der Wüste geboren. Seine Ahnen waren dorthin gezogen, als der Sand die Felder überschwemmt hatte, immer wieder und mit immer größerer Heftigkeit, so daß sie einsehen mußten, es hatte keinen Zweck mehr, dem unfruchtbaren Boden Früchte entreißen zu wollen. Also waren sie weiter nach Süden gezogen. Zunächst gingen sie nur so weit nach Süden, bis sie meinten, es sei dort fruchtbar genug – denn sie waren ja Leute der Wüste, in der Wüste großgeworden, die sich nicht eintauschen läßt gegen irgendein Stück Land.

Aber kaum hatten sie sich dort eingerichtet, so fanden ihre Kinder, daß es weiter im Süden leichter sein müsse, das Land zu bestellen. Und als die Alten gestorben waren, begruben sie sie und deckten die Gräber mit Steinhaufen zu, über die sie einen Mantel aus feinkörniger Erde breiteten. Und sie zogen mit all ihrer Habe weit hinein in die Steppe, die die meiste Zeit des Jahres mit dürrem Gestrüpp bedeckt ist, aber einmal im Jahr, zur Zeit des Regens, sich in ein Land der Fruchtbarkeit verwandelt. Hier siedelten sie sich an und bestellten den Boden, wie sie es von den Alten gelernt hatten und ernteten Palmen- und Knollenfrüchte, Hirse und Gerste, Melonen, Feigen und sogar Tabak und hielten sich auch ein paar Ziegen und Dromedare.

Als Knabe spielte Ain zwischen den Schiisträuchern Verstecken, sammelte für die Kamele die süßbitteren roten Beeren des Ghurdoc und kletterte auf die dünnen, biegsamen Stämme der jungen Dumpalmen, wenn er mit den anderen seines Alters nicht gerade im Schatten der Batumbäume lungerte, wo sie heimlich Tabak rauchten und sich voreinander mit ihren ersten Liebesabenteuern brüsteten und den Mädchen nachschielten, die mit aufrechtem Gang die Krüge auf ihren Köpfen zum Brunnen trugen.

Nuur war etwas jünger als Ain. Als Ain sich in sie verliebte, war er sechzehn Jahre alt und Nuur war gerade zwölf geworden, hatte also das heiratsfähige Alter erreicht. Nuur war ein Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Sie war groß gewachsen, hatte schlanke Fesseln und ihr Gesicht war fein und sorgfältig gestaltet. Als sie zwölf geworden war, durfte sie sich mit dem Schmuck der heiratsfähigen Frauen schmücken, das sind zwei goldene Ringe, die durch das linke Ohr und den linken Nasenflügel gezogen werden und mit einer goldenen Kette verbunden sind. Nuur war eine stolze Frau. Sie senkte niemals schamvoll die Augen, wenn sie von einem Mann oder einer Älteren angesehen wurde, sondern blickte geradewegs zurück. Das trug ihr den Beinamen Kuka ein, das heißt die Widerspenstige.

Ain stand Nuur, was die Eigensinnigkeit betrifft, in nichts nach. Als Kind konnte er jähzornig sein, wenn er bei Jagdspielen oder beim Ringen den Älteren unterlegen war. Aber das machte ihn ehrgeizig, und schon in jungen Jahren war er groß und kräftig und brachte ein beachtenswertes Geschick in allen Dingen auf, in denen die Jungen seines Alters ihre Kräfte aneinander zu messen pflegten: im Speerwerfen, im Bogenschießen und auch im Laufen, das einen besonders zähen Willen erfordert. Da er von seinen Fähigkeiten sehr eingenommen war, ließ er sich nur ungern belehren. Dies brachte ihm den Beinamen Mulmula ein, das heißt der Lehrer-Lehrer.

Ain war nicht sehr beliebt in der Sippe, aber die meisten bewunderten ihn oder fürchteten ihn sogar und sahen in ihm einen der künftigen Puqas, einen Sprecher und Kopf der Sippe, denn diese Rolle fiel jenem zu, der sich in einem Wettkampf dafür bewährte. Dieser Wettkampf fand alle drei bis fünf Jahre statt, wenn der Turnus des Felderwechsels abgeschlossen war, oder aber, wenn einer der alten Puqas starb oder sein Amt nicht mehr ausüben konnte. Bestandteil des Wettkampfes war es, Fragen zu beantworten, die das überkommene Wissen betrafen, denn natürlich mußte der Puqa in diesen Dingen Bescheid wissen und danach handeln und sich im Zweifel seinen Rat bei den Ältesten holen. Aber Ain war schlau und wißbegierig, und jeder traute ihm zu, in diesen Tests zu bestehen.

Dann verliebte sich Ain in Nuurs geschmeidigen Gang, in ihre schmalen Fußgelenke und feingliedrigen Füße, die kaum den Staub berührten, wenn Nuur zum Brunnen ging. Und Ain zog mit seinen Freunden in die Büsche, um den gelben Salamander zu fangen, der auf seiner Haut ein Gift herstellt, das geheimnisvolle Wirkungen hat. Sie fingen den Salamander und schabten mit stumpfen Messern den Schleim von seiner Haut, den sich Ain auf die Lippen, auf die Brustwarzen und auf die Spitze an seinem Penis schmierte. Dann ließ er den Schleim einwirken und wusch sich an den besagten Stellen drei Tage nicht. Dies wiederholte er mehrere Male. Dann ging er zu Nuur.

Ain und Nuur trafen sich heimlich. Der Vater von Nuur, der der Sohn des Bruders von Ains Vater war, konnte Ain nicht leiden. Er mochte nicht die selbstgefällige und herablassende Art in Ains Auftreten. Ihm mißfiel, daß Ain sich dagegen sperrte, irgendwelchen Anweisungen Folge zu leisten, es sei denn, denen seines eigenen Vaters, obwohl er, Nuurs Vater, in Rang und Alter doch über Ain stand. Und er sah in Ain seinen Widersacher, da er selbst gern Puqa werden wollte. Daß Nuurs Vater Ain nicht leiden mochte, war der Grund dafür, warum Ain und Nuur sich heimlich trafen.

Dann war der Turnus des Felderwechsels abgeschlossen und der Wettbewerb um die Nachfolge wurde ausgetragen. Ain war zu dieser Zeit achtzehn Jahre alt. Außer Ain und dem Vater von Nuur nahmen noch drei andere Männer an dem Wettbewerb teil. Es waren fünf Männer, es mußte also fünf Wettbewerbe geben. Als erstes stellten die Teilnehmer ihre Schnelligkeit unter Beweis. Sie wurden mit einem Strick um die Brust an ein Pferd angebunden und mußten versuchen, mit dem Lauf des Tieres Schritt zu halten. Wenn sie nicht schnell genug oder entkräftet waren und stolperten, riß der Strick. Wer die weiteste Strecke zurücklegen konnte, hatte gewonnen. In diesem Wettbewerb hatte der leichtfüßige Ain keinen ernstzunehmenden Gegner. Auch im Weitsprung war er der Beste. Die meisten fielen schon beim ersten Versuch in die mit Zweigen bedeckte Grube, weil ihre Sprungkraft nicht ausreichte, oder weil sie sich beim Absprung verschätzten. Als es daran ging, den Speer längs durch einen ausgehöhlten Baumstamm zu werfen, hatte Ain kein Glück. Er war zu siegesgewiß und zielte schlecht und der Speer schlug schräg gegen die Öffnung. Darüber ärgerte sich Ain sehr, weil es unbeholfen aussah. Nuurs Vater war hier der Beste, und er siegte auch im Bogenschießen, wo die Erfahrung und die Ruhe, die mit dem Alter wachsen, von Vorteil sind. Ain spannte den Bogen mit solcher Gewalt, daß sein Pfeil knapp neben dem Ziel zersplitterte, als er den Boden berührte. Es war aber nur erlaubt, einen Pfeil zu benutzen.

Dann wurden die Männer in den Kreis der Ältesten geführt und jedem wurde eine Frage gestellt. Dies wurde so lange gemacht, bis die Entscheidung gefallen war. Die Ältesten wollten aber, daß nicht der junge eigensinnige Ain Puqa wurde, sondern der ältere, erfahrene Krieger, der Vater von Nuur. Deshalb stellten sie Ain die Frage, wie es geschehe, daß ein Mann der Frau Befriedigung bringt. Das ist ein Geheimnis, das von den Müttern an ihre Töchter gegeben wird, wenn sie die Ringe mit der Kette bekommen. Die Frauen teilen dann das Geheimnis mit dem Mann, mit dem sie verheiratet werden. Die Frage war also gedacht, Ains Jugendlichkeit und Unerfahrenheit bloßzustellen. Aber Ain kannte ja das Geheimnis, und er beantwortete die Frage richtig. Da stellte ihn sein Widersacher zur Rede, und Ain war mutig und sagte die Wahrheit. Als Nuurs Vater ihn mit einem Hieb ins Gesicht bestrafen wollte, wich Ain geschickt aus und rammte dem Angreifer sein Messer ins Bein.

Ain wurde in eine Hütte gebracht, wo er warten mußte, bis die Ältesten über eine Strafe entschieden hatten. Auch Nuur durfte ihre Hütte nicht verlassen. In der zweiten Nacht, nachdem dies alles geschehen war, verließ Ain heimlich die Hütte und besuchte Nuur. Gemeinsam verließen sie den Ort und gingen nach Norden, zurück in die Wüste, von wo ihre Mütter und Väter gekommen waren.

6

Tarablus. Stadt der drei Städte. Auf den ersten Blick eine Festung. Die Stadt ist mit einem gewaltigen Mauerwerk umgeben, das ihr einen wehrhaften Eindruck verschafft, wogegen sich die zierlichen Minarette der Moscheen, die es überragen, spielerisch abheben. Am südöstlichen Ende der Stadtmauer wächst aus der Umgrenzung ein massives, kastenförmiges Gebäude heraus, ein schon aus der Ferne eindrucksvolles Bauwerk, das Kastell.

Lärmende Geschäftigkeit, die die Bedeutung des Ereignisses angemessen würdigte, begleitete das Festmachen des Schiffes. Ich schloß mich dem Pulk der Reisenden an, der wie eine Prozession das Hafengelände verließ und durch ein schöngestaltetes, mit arabischen Schriftschnitzereien verziertes Tor ins Innere der Medina einzog. Vorläufiges Ziel ein niedriges Gebäude mit grünem Kuppeldach, das sich in den Schatten der Stadtmauer duckte. Formalitäten. Zollgelder. Gesprächsbrocken, undefinierbar, ob freundlichen oder feindseligen Inhalts. Ich wies einem Offizier meinen Ausweis, Empfehlungs- und Beglaubigungsschreiben vor. Er studierte jede Seite aufmerksam, wendete die Blätter in alle Richtungen, betrachtete sie lange in der Haltung, die ihm am gefälligsten schien. Dann bedeutete er mir, zu warten.

Nach einer Weile kehrte er in Begleitung eines anderen Mannes zurück. Auch dieser trug einen buschigen Schnurbart unter der Nase und über den Augen. Mit ausgebreiteten Armen und gewinnendem Lächeln trat mir der Fremde entgegen, bewies seine freundlichen Absichten, indem er mich herzhaft auf beide Wangen küßte. Dann nahm er mich bei der Hand wie ein Kind und zog mich aus dem Getümmel hinaus auf die Gasse.

In gebrochenem Englisch: My name is Hussein Omar. I am your friend! Er ergriff meinen Koffer und eilte mir voraus durch eine dichter werdende Menge geschäftiger Gassenbewohner, während ich mich bemühte, ihm zu folgen, was nicht geringe Anstrengung kostete, da das Innere solcher arabischen Städte verwirrend und labyrinthartig angelegt ist. Schließlich bog Hussein in einen Hauseingang, kletterte durch ein dunkles Treppenhaus ohne Geländer und öffnete eine Tür. Ein schlicht gestalteter Raum, wie ich ihn durchaus bevorzuge, mit zwei halbblinden Fenstern zum Innenhof, einem Kleiderschrank ohne Türen, einem Bettkästchen und einem eisernen Bettgestell mit ein paar Decken. Ob es einen Schlüssel gebe? I am the key, no problem.

Musch muschkila, bestätigte ich.

Damit zog mein Führer mich wieder fort, follow me, Victor, hinaus ins Gedränge der Gassen. Abermals blieb er vor einem der weiß getünchten Gebäude stehen, welches die anderen ein wenig überragte und von gepflegtem Äußeren war. Es war das alte englische Konsulat. Innen dunkle viktorianische Möbel, dazu passende Holzpanelen und Deckenkassetten. Eindruck weltmännischer Gediegenheit. Man hatte sich mit dem Ambiente Mühe gegeben, ganz historischer Stil. Ein Araberjunge in roter Livree, mit dem Hussein freundschaftlich scherzte, führte uns in ein geräumiges Zimmer, welches von einem prunkvollen Schreibtisch dominiert war, und bedeutete uns, auf den stilvoll mit grünem Samt bezogenen Stühlen Platz zu nehmen. Dann öffnete sich eine Nebentür und eintrat der Vizekonsul Ihrer Majestät in Tarablus, Sir Cornelius Winter.

Der adlernasige Aristokrat (welchen ich gerne zu karikieren unternommen hätte, wenn mir die Begabung effektvollen Zeichnens eignen würde) bewegte sich mit distanzierter Vornehmheit auf mich zu, stellte sich vor, erwies mir mit einem kurzen sehnigen Händedruck seine Referenz und verschanzte sich hinter der Festung seines Schreibtischs. Nachdem er mich eine Weile gemustert hatte, indem er sein Kinn in die verschränkten Hände stützte, die das Gesicht bis zur Nase verdeckten und leicht gesenkten