Einfach nur ein Engel by Simone Schwarze, Anja Dreier, and Christina Fischer by Simone Schwarze, Anja Dreier, and Christina Fischer - Read Online

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Einfach nur ein Engel - Simone Schwarze

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Einfach nur ein Engel

Anthologie

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www.net-verlag.de

Dritte Auflage 2013

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

© Coverbild: Saza Bacheh

Covergestaltung, Layout und Korrektur: Maria Weise

© Illustrationen:

S. 49 Varia Antares

S. 68 Thomas Dietrich

S. 84 Uschi Blumöhr

S. 89 Dörte Müller

S. 105 Marie Claire Chargallet

S. 106 Brigitte Wacker

S. 123 Yvonne Laub

S. 174 Gitte Hedderich

S. 185 Frederieke Ruberg

S. 201 Katja Fiedler

S. 256 Linda Schmitz

© net-Verlag, Cobbel

ISBN 978-3-942229-60-9

Einfach nur ein Engel

In dieser Anthologie erwarten Sie viele unterschiedliche Engelsgeschichten – und Gedichte.

Von Schutzengeln, die über ihre Erdenbürger wachen, bis hin zu Engeln, die eine zweite Chance auf der Erde erhalten oder sich gar in Menschen verlieben, oder auch Geschichten über das Leben von Engeln im Himmel – es ist für jeden Geschmack etwas dabei!

Wir wünschen allen Lesern

einige unterhaltsame Stunden!

Ihr net-Verlag-Team

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Simone Schwarze - Vendix – Der Preis der Perfektion

Anja Dreier - June & Jamie

Christina Fischer - Ein himmlischer Beschützer

Varia Antares - Gefangen in Albtraumland

Christian Reul - Am hellsten Tag und in der dunkelsten Nacht

Ramona Stolle - Amors Pfeile

Sophie Seifert - Für immer lebendig

Renate Roos - Haben Engel wirklich Flügel?

Dörte Müller - Dinner mit einem Engel

Anke Bastelberger-Gustavus - Der Preis des Lebens

Marie Claire Chargallet - Engel der Nacht

Brigitte Wacker - Wunder Engel

Peter Suska-Zerbes - Ein himmlischer Plan

Doris Schmitz - Engelsgefühl

Martina Köhler - Und Engel gibt es doch

Maria-Luise Sonja Kleineberg - Schutzengel

Regina Schleheck - Engels-Fallen

Gabriela Bornemann - Schutzengel

Kerstin Cimbal-Marocke - Eine magische Nacht

Cosima Konrad - Gibt es Engel?

Halina Monika Sega - Der perfekte Engel

Yvonne Bohrer - Wenn Engel reisen

Gerrit Hauswirth - Der Todesengel

Sophie R. Nikolay - Anetta

Rainer Wüst - Mein Schutzengel

Gitte Hedderich - Das Mahnmal!

Frederieke Ruberg - Wenn Engel sterben

Miriam Schäfer - Engel

Arndt Waßmann - Die Brücke im Nebel

Tanja Maria Pütz - Begegnungen mit einem Engel

Lotte Maria Kaml - Die Feuerprobe

Raaga - Der Rauschgoldengel

Marie-Luis Rönisch - Engelgeflüster

Lioba-Dyrane Shadowmoon - Zwei kleine Engel

Linda Schmitz - Zwischen Himmel und dir

Edith Theisen - Siehe, ich bin in Euch alle Tage

Claudia Timpen - Emanuel

Melanie Vogltanz - Der Verfolgte

Autorenbiografien

Illustratorenbiografien

Buchempfehlungen

Simone Schwarze

Vendix

Der Preis der Perfektion

Mijan ging in den Ruhestand, als seine Seele sich in dem Klumpen Zellen einnistete, der im Leib seiner Mutter schon seit einigen Wochen mehr und mehr heranwuchs. Er hätte sich auch in den ewigen, seligen Schlaf begeben können, doch dies war seine Wahl, der Abschluss seines Daseins: Er wollte eine Lebensspanne lang einer von denen sein, die er sein Leben lang beschützt hatte.

Im Gegensatz zu jedem normalen, menschlichen Kind hatte Mijan sich das Leben aussuchen können, in das er hineingeboren wurde – allerdings ohne in die Zukunft sehen zu können. Diese blieb auch ihm verborgen. Zumindest aber hatte er sich Eltern ausgesucht, die sich ein Kind von Herzen wünschten und sich bewusst dafür entschieden hatten, eines zu zeugen. Seine Kindheit verlief daher ruhig, geborgen und sorgenfrei, und er wuchs zu einem jungen Mann heran, der immer wieder für seine Ruhe, Gutmütigkeit und Liebe zu den Menschen Bewunderung erhielt.

Schon mit sechzehn fand Mijan Neele, die Frau, die er vier Jahre später heiratete. Gemeinsam zogen sie hinaus aus der Stadt ans Ende der Welt, wie sie ihren kleinen Dreiseitenhof liebevoll nannten, denn er stand malerisch am Rand von Klippen über einem schmalen Geröllstrand. Und aus den nordwärts gerichteten Fenstern sahen sie bis zum Horizont nichts anderes als Wasser.

Ihre Tochter kam in einer sternklaren Nacht zur Welt, während das Licht des Leuchtturms drüben auf der Halbinsel in regelmäßigen Abständen ins Zimmer sah. Ein paar Tage lang ging es Neele schlecht, aber sobald sie sich von den Strapazen der Geburt erholt hatte, fädelte sich das Leben mit dem Baby in funktionierende, glatte Bahnen. Freunde kamen zu Besuch, bestaunten das winzige, blonde Mädchen und bemerkten – mal gönnerhaft, mal mehr oder minder neidvoll – die Vollkommenheit des Lebens auf diesem kleinen Flecken Land: zwei wunderbare Menschen, in beneidenswert intensiver Liebe vereint, mit Haus und Hof an einem idyllischen Ort, und nun als Sahnehäubchen des Glücks noch dieses zuckersüße Baby, das aufgeweckt und neugierig war und so gut wie nie schrie. Sie nannten die Kleine Minou. Und Neele sah Mijan oft an, wenn sie stillte, streichelte dem Baby das Köpfchen und sagte: »Minou – ein Engel, wie du.«

Mijan war glücklich. Sein Leben war nahezu perfekt. Er wusste sehr genau, dass das nicht die Norm war. Vor seinem Ruhestand hatte er oft das genaue Gegenteil erlebt. Er hatte viel Elend gesehen, viel Leid. Aber er hatte es sich gegönnt, sich sein eigenes Leben besser auszusuchen. Da war nur diese eine Sache, die er Neele nie erzählt hatte. Dieses Geheimnis, das er immer mehr mit ihr teilen wollte, je mehr sein Leben dem vollendeten Glück entgegenstrebte.

Neele lehnte ihre Wange gegen Mijans Schulter und seufzte. »Sie ist so goldig.« Ihre Augen ruhten auf ihrer friedlich am Strand zwischen den Steinen spielenden Tochter. »Ein Engelchen.«

»Wie ich«, ergänzte er, bevor sie es tun konnte. Das hatte er noch nie getan. Stets hatte er Neeles kleinen Reim unkommentiert gelassen.

»Genau. Minou – wie du.« Ihre Hand lag auf seinem Oberschenkel. Jetzt tätschelte sie sein Knie. Er fing sie ein und hielt sie fest.

»Du sagst das immer so, Neele. Aber …« Kurz zögerte er. Er war angehalten, nicht über sein Dasein vor diesem Leben zu sprechen. Doch mit jedem Jahr, das verging, wollte er es Nele mehr und mehr sagen. Er kannte sie besser als jeden anderen Menschen auf dieser Welt. Sie würde ihn nicht deswegen verlassen. Sie würde es, so gut es ihr möglich war, verstehen. Und sie würde nicht mit ihrem Wissen zu den Medien gehen und alles verraten. Nele war ein ruhiger, fürsorglicher Mensch, der stets willig war zu glauben, anstatt von vornherein abzulehnen. Vielleicht war es genau diese Tatsache, die Mijans Wunsch, ihr alles zu erzählen, in letzter Zeit so in den Vordergrund gerückt hatte. Wäre Nele eine Skeptikerin, wäre er möglicherweise niemals auf diesen Gedanken gekommen.

» … du ahnst nicht, wie sehr du damit recht hast«, beendete er schließlich seinen Satz.

Neele lachte auf, hob ihre Wange von seiner Schulter und griff nach der Thermoskanne, die neben ihr auf dem Fels stand. Es war ein windiger Herbsttag, aber Minou hatte am Strann schpieln wollen, also hatten sie sich warm angezogen, Tee aufgebrüht und waren über die lange Holztreppe von ihrem Haus aus die Klippen hinuntergestiegen.

»Schatz!«, antwortete Neele tadelnd. »Du bist der wunderbarste Mensch, der mir je begegnet ist, aber Eigenlob stinkt!« Mit einem beherzten Schwung ließ sie den Deckel der Kanne wirbeln, so dass er sich ganz von selbst abschraubte, und drehte ihn dann um, um etwas von dem heißen Tee hineinzugießen.

»Ein Engel hat eine gewisse Schutzkraft«, erzählte Mijan. Niemals zuvor hatte er ein Wort darüber verloren, jetzt würde er es aussprechen – sein letztes und gleichzeitig größtes Geheimnis mit seiner Familie teilen. »Sie reicht für etwa acht bis zehn Menschen – je nach dem, wie oft der Engel in das Leben eingreift. Und wenn die Schutzkraft aufgebraucht ist, beendet der Engel sein Dasein.« Mijan sprach einfach. Ihm war bewusst, dass Neele ihm nicht glaubte – noch nicht. Das konnte sie jetzt noch gar nicht. Er blickte geradeaus und erzählte, weil er es erzählen wollte. Weil er wollte, dass sie wusste, wer er gewesen war.

»Er kann es sich aussuchen«, setzte er fort. »Entweder er legt sich einfach zur Ruhe und versinkt in unendlichen, tiefen Schlaf – dem Tod ähnlich, aber doch nicht das Gleiche. Oder er verbringt noch ein Leben als ganz normaler Mensch auf Erden. Wir nennen das den Ruhestand. Und … in dem bin ich gerade.«

Neele hatte den Tee eingegossen und die Kanne zur Seite gestellt. Jetzt sah sie ihm ins Gesicht – forschend. Aber sie sagte nichts.

Mijan wartete geduldig. Sie musste das verarbeiten, das war ihm klar. Er war nicht so naiv zu glauben, sie würde das einfach hinnehmen und ohne es zu hinterfragen damit leben – trotz ihrer Tendenz zur Gutgläubigkeit. Dass sich ihr Mund schließlich aber zu einem amüsierten Lächeln verzog, erstaunte ihn.

»Du solltest Schriftsteller werden«, sagte sie. »Das ist guter Stoff für einen schönen Roman.« Sie musterte ihn weiter. Und er begegnete ihrem Blick. Deshalb bemerkte keiner von beiden, wie eine schwarze Daunenfeder – völlig ungerührt des Windes – sanft vom Himmel schwebte und neben Minou auf einem flachen Stein landete. Das kleine Mädchen bemerkte es.

Eine halbe Ewigkeit sagte niemand etwas. Neele las in den Augen ihres Mannes, während der Becher mit Tee vergessen in ihrer Hand ruhte. Sie las, und Mijan schwieg und ließ sie nachdenken, die Erkenntnis bei ihr ankommen. Irgendwann blinzelte sie heftig und legte den Kopf etwas schräg. Noch immer war ihr Blick auf sein Gesicht gerichtet.

»Du meinst das ernst«, hauchte sie schließlich, um Fassung bemüht, während Minou ungeschickt die schwarze Feder in die Luft warf und dabei zusah, wie der Wind mit ihr spielte.

Mijan nickte sachte. »Ich würde dir gern meine Flügel zeigen oder meine Hand leuchten lassen, wie man es in Filmen oft sieht, aber das kann ich nicht. Ich bin ein ganz normaler Mensch – nur war ich das eben vorher nicht.« Er betrachtete Neele intensiv, sah ihr dabei zu, wie sie darüber nachdachte. Offenbar bastelte sie gerade verschiedene Puzzleteile ihres gemeinsamen Lebens neu zusammen: Bei ihrer Hochzeit hatte sie eine Rede gehalten und darin erwähnt, wie alt und weise Mijan manchmal auf sie wirke. Auch wie detailliert er sich mit der Herstellung von Turmuhren aus dem 19. Jahrhundert auskannte, war ihr aufgefallen. Aber sie hatte es als skurriles Hobby abgetan. Wie hätte sie auch auf die Idee kommen sollen, dass Mijan ab 1876 einen Menschen begleitet hatte, der dreißig Jahre lang in einer Turmuhrenfabrik gearbeitet hatte?

»Dein Name ist so ungewöhnlich«, sagte Neele mitten in ihren Überlegungen. Sie war vollkommen ruhig, was es Mijan leichter machte. Auch das war etwas, was er schon immer an ihr geschätzt hatte: Ruhigbleiben war ihre Art, mit schwierigen Situationen umzugehen.

»Mein Name hat damit nichts zu tun«, erklärte er ihr. »Den haben meine Eltern mir gegeben. Der Klang hat ihnen gefallen.«

»Wie hast du denn vorher geheißen?«

Die Frage erstaunte ihn. Und nicht weniger die Neugier, die in Neeles Augen kroch. Das kam ihm trotz allem zu einfach vor. Sie glaubte ihm zu schnell! Er musste in nächster Zeit gut auf sie aufpassen – auf sie und ihre geistige Gesundheit. Vielleicht nahm sie jetzt erst einmal alles wertungslos auf, und der Schock kam später.

»Ich hatte keinen Namen«, antwortete er. »Brauchte ich nicht. Engel kommunizieren mental.« Jetzt hatte er es ausgesprochen, das Wort. Das Schlüsselwort, das ihr sagte, was er gewesen war, wenn sie es nicht schon von selbst begriffen hatte. Er hatte es auch schon vorher benutzt, jedoch allgemeiner, nicht in so direkter Verbindung mit sich selbst.

Unterdessen verstaute Minou die schwarze Feder in der großen Bauchtasche ihres braunen Wollkleidchens.

»Und ihr lebt … in den Wolken?«, fragte Neele.

Mijan schüttelte sachte den Kopf. »In einer parallelen Sphäre – zeitgleich mit den Menschen, im selben Raum, in derselben Zeit, aber parallel.« Spätestens jetzt würde sie sicher aufgeben. Das war zu kompliziert, um es einfach so hinzunehmen.

Aber Mijan irrte sich. Neele fragte weiter. Und so kam es, dass sie beide mehrere Stunden lang auf dem Felsen saßen und über das Dasein eines Engels sprachen, während Minou zwischen den Steinen Muscheln und Donnerkeile suchte und die schwarze Feder in der Tasche ihres Kleidchens mit sich herumtrug.

Dieser Herbsttag am Strand veränderte das Leben der kleinen Familie. Neele sagte nie wieder Minou – ein Engel, wie du. Der Satz hatte seine ursprüngliche Bedeutung verloren. Und erst jetzt, da sie ihn nicht mehr sagte, wurde Mijan bewusst, wie viel er ihm bedeutet hatte. Doch er sprach sie nicht darauf an.

Mijan spürte, dass sich an Neeles Liebe zu ihm nichts veränderte, jedoch an ihrem Blick auf die Welt. Sie beschäftigte sich viel mit Spiritualität, dem Wesen Gottes und paranormalen Erscheinungen. In den ersten drei Jahren nach Mijans Offenbarung war dies ihr oberstes Interesse. In ihrem Wahn neigte sie sogar dazu, die Fürsorge ihrem Kind gegenüber zu vernachlässigen.

Minou reagierte darauf gänzlich normal: Sie forderte mehr Aufmerksamkeit von ihrer Mutter. Und je erfolgloser sie war, desto drastischer wurden ihre Mittel. Anfangs gelang es Mijan noch, Neeles Fehlen ein wenig abzufangen, indem er sich in jeder freien Minute mit Minou beschäftigte. Er ging mit ihr schwimmen, nahm sie mit zum Segelfliegen, spielte und bastelte mit ihr, fuhr sie zu Freunden und zum Reitunterricht. Doch das Kind brauchte nicht nur Vater, sondern auch Mutter.

Immer wieder versuchte Mijan, zwischen Neele und Minou zu vermitteln, ihre Bindung wieder zu stärken, auch Neele in die Hobbys von Tochter und Vater einzubinden. Das war etwas, was er jahrhundertelang geübt hatte, doch hier auf Erden – bei seiner eigenen Familie – wollte es ihm nur unzureichend gelingen. Neele lebte in ihrer Besessenheit an ihrer Familie vorbei, und Minou entwickelte sich zu einem hyperaktiven, quengelnden Kind, das nicht damit umgehen konnte, wenn es keine Aufmerksamkeit bekam. Dass sie sich eine Weile allein beschäftigte, wie sie es noch mit drei Jahren stundenlang gekonnt hatte, war nicht mehr denkbar.

Freunde, die sie noch bei Minous Geburt um ihr perfektes Leben beneidet hatten, seufzten nun mitleidig und empfahlen einen Gang zur Familientherapie. Aber diesen Schritt wagten weder Mijan noch Neele. Es wäre ein Eingeständnis gewesen, dass sie mit der Situation nicht mehr zurechtkamen. Noch bestand ihre Hoffnung, sie würden den richtigen Weg zurück zur Harmonie allein wiederfinden.

Ein Eingeständnis jedoch machte sich Mijan – wenn er des Abends zu Bett ging, über den vergangenen Tag nachdachte und feststellte, dass Minou von Jahr zu Jahr bösartiger wurde: Dass es ein Fehler gewesen war, Neele von seinem Dasein zu erzählen. Damit hatte alles begonnen, auch wenn er es anfangs nicht hatte sehen wollen. Und er begann zu begreifen, warum er aufgefordert worden war, darüber zu schweigen. Er war kurzsichtig gewesen, nur darauf bedacht, alles von sich zu offenbaren. Für sein Leben, seine Familie und sich.

»Minou, jetzt ist aber Schluss!«, rief er, als sie bestimmt zum fünften Mal die Decke von ihrem Bett strampelte. Dieser Tag war besonders schlimm gewesen. Minou hatte einen hysterischen Anfall nach dem anderen gehabt, in der Küche einen Teller zu Boden geworfen, ihre Hausaufgaben nicht gemacht und eine Seite aus dem Mathematik-Buch gerissen. Sie hatte Mijan als Hurenbock bezeichnet – einen Ausdruck, den sie mit Sicherheit in der Schule aufgeschnappt hatte, – und Neeles Lippenstift zerbrochen, weil sie es absolut nicht akzeptieren wollte, dass ihre Eltern sich für einen Kinoabend zurechtmachten und sie allein zu Hause bleiben würde.

»Ich will aber nicht schlafen, und ihr sollt nicht gehen!« Sie trommelte mit den Fäusten auf der Matratze herum.

Mijan griff nach der am Boden liegenden Decke und warf sie lieblos auf seine Tochter. »Es wird geschlafen! Punkt! Wir gehen doch erst um elf. Da schläfst du sowieso schon.« Er drehte sich herum und wollte zur Tür des Kinderzimmers eilen, aber ihn traf etwas großes Weiches direkt im Nacken und ließ ihn vorwärtsstolpern.

Wütend wirbelte er wieder herum. Minou lachte höchst begeistert, weil etliche weiße Daunen vor seinen Füßen zu Boden segelten. Das Kopfkissen war hinüber. Mijan hingegen starrte fassungslos auf das Bett seiner Tochter – an die Stelle, wo das Kopfkissen eben noch gelegen hatte.

Er erkannte eine Engelsfeder, wenn er eine sah. Sie waren kompakter als jede andere Feder, die er je gesehen hatte, und die Federäste glänzten silbrig. Das taten sie bei allen Engelsfedern. Bei den weißen, wie sie die Schutzengel besaßen, und auch bei den schwarzen, den Federn der Vendices.

»Warum sagst du nichts?«, fragte Minou und legte den Kopf schief, um ihren Vater genau zu mustern. Aber ihre Frage klang nicht nach kindlicher Neugier oder Verwunderung, eher nach Spott.

Mijans Blick wanderte zwischen der schwarzen Feder und dem Gesicht seiner Tochter hin und her. Was hatte das zu bedeuten? Weshalb war eine Vendix-Feder in Minous Zimmer? Womit hatte sie das verdient? Wofür wurde sie bestraft?

»Woher hast du die?«, fragte er – fassungslos auf die Feder starrend – und sah nicht, wie das blonde, lange Haar seines Mädchens sich im Ansatz plötzlich verdunkelte.

»Weiß ich nicht mehr«, antwortete Minou kichernd. »Ich hab’ sie schon lange. Hab’ sie immer vor dir versteckt.«

Schon lange? Und weshalb vor ihm versteckt? Mijan wendete ihr den Blick zu – und schrak mit einem Aufschrei zurück. Gerade dunkelte sich ihr Haar bis in die Spitzen gänzlich ein und ringelte sich zu künstlich gedrehten, großen Locken.

Mijan schlug die Hände vor das Gesicht und rieb sich über die Augen. Das durfte nicht wahr sein! Was wollte ein Vendix von seiner Tochter? Wie lange hatte sie schon diese Feder?

»Du weißt ganz genau, was dein Fehler war, Daddy!« Minou sprach hämisch, zog das Daddy boshaft in die Länge, um ihn zu verspotten, ihm klarzumachen, dass er Schuld an der Feder war, nicht sie. Ihre Worte und ihr Ausdruck klangen nicht nach einer Achtjährigen. »Du hast die Regeln vergessen, Daddy!«, spottete sie weiter. Sie saß im Schneidersitz auf ihrem Bett und drehte kokett eine lockige Strähne ihres rabenschwarzen Haares um ihren Zeigefinger. Dabei fuhr sie mit der linken Hand ihren Oberschenkel hinauf, schob das Nachthemdchen zur Seite und entblößte ihre helle, zarte Haut.

»Minou!?« Neele sprang entsetzt in das Zimmer, überstieg das Federchaos des zerfetzten Kissens und wollte zu ihrer Tochter, doch Mijan packte sie beherzt am Oberarm und hielt sie von ihrem Kind fern.

Die Achtjährige verzog den Mund zu einem süßlichen Lächeln und leckte sich die Lippen. »Hallo Mama!« Sie winkte Neele. »Ich zeige Daddy gerade, was aus mir wird, wenn er sich keine Entschuldigung einfallen lässt!«, antwortete sie und formte einen Kussmund, dem nur noch glänzend roter Huren-Lippenstift fehlte, um die Wirkung komplett zu machen.

»Eine Entschuldigung?«, rief Neele aus und zerrte an Mijans Arm. »Wofür sollst du dich denn entschuldigen? Was hast du getan?«

Mijan wusste es nicht. Fieberhaft sortierte er die Puzzleteile zusammen. Minous störrisches, ärgerliches Wesen. Die Feder. Er selbst. Was hatte er getan? Und wenn doch er Schuld hatte, warum hatte dann Minou die Vendix-Feder?

»Der Chef ist bööööööse!«, flötete Minou. Ihre großen, runden Augen funkelten teuflisch, während ihre Hand in ihre Körpermitte wanderte.

»Nein, hör auf!« Mijan stürzte auf sie zu – betend, dass dies auf dem Bett maximal der Körper seiner Tochter war, nicht ihre Seele und schon gar nicht ihr Geist.

»Mijan, was ist hier los?« Neeles Stimme überschlug sich vor Panik, aber er hatte keine Zeit, auf sie zu achten.

»Bleib weg!«, zischte er ihr über die Schulter zu und hoffte, dass sie auf ihn hörte. Er kniete vor dem Bett seiner Tochter, so dass er ihr in die Augen sehen konnte. »Was habe ich getan?«, fragte er das Mädchen, aus dessen dunklen Pupillen ihm eine fremde Macht entgegensah.

»Geredet!«, fauchte Minou und beugte sich vor, so dass ihr Gesicht nur noch ein paar Zentimeter von seinem entfernt war. »Geredet hast du!« Sie klang so zischend und schneidend wie ein garstiger Kobold. »Dabei hättest du nur schweigen müssen, und wir hätten unser langweilig perfektes Leben behalten. Aber nein, du musstest ja schwatzen! Wolltest ehrlich sein, wie du es deinen Schützlingen immer empfohlen hast. Hach, du guter Mensch!« Sie lehnte sich wieder zurück und schlug spöttisch verzückt die Handflächen aufeinander. »Schweigen wär’s gewesen. Schweigen!« Ihre dunklen Augen fixierten ihn streng. »Und erzähl’ mir nicht, das wäre dir neu!«

Mijan starrte sie an. Alles in seinem Inneren zog sich zusammen. Eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken. Es war seine Schuld! Er hätte Neele nicht erzählen dürfen, wer er vor seinem Ruhestand gewesen war. Ihm war klar, dass es ein Fehler gewesen war. Seine Offenbarung hatte ihr gemeinsames Leben nicht zerstört, jedoch schrecklich kompliziert gemacht. Vorher war sein Leben vollkommen gewesen. Aber er hatte es noch perfekter haben wollen, indem er dieses eine Geheimnis vor Neele offenbarte. War es seine Gier nach Perfektion gewesen, die die Strafe für seinen Fehler so hoch hatte ausfallen lassen? Indem man Minou von dem kleinen Engel, der sie gewesen war, in den Satansbraten, der sie zu werden drohte, verwandelte, entriss man ihm sein perfektes Leben – Stück für Stück. Langsam und qualvoll. Und jetzt, da er wusste, dass ein Vendix dahintersteckte, war ihm auch klar, dass jedes Bemühen um die Erziehung seiner Tochter vergebens gewesen war und weiter sein würde. Die Wirkung einer Vendix-Feder war unbezwingbar.

Der Chef ist böse, hatte sie gesagt.

Entsetzt schüttelte Mijan den Kopf. »Das würde er nicht tun«, flüsterte er. »Er würde nicht mein Kind belangen, wenn mir die Strafe gilt.«

»Ach, komm schon!« Minous Hand schlug ihm kumpelhaft lässig auf die Schulter. »Ich lebe doch noch! Hab' dich nicht so!«

»Nein!« Mijan sprang auf und wich zurück. »Das würde er nicht tun!«

»Wer hat denn behauptet, dass dein Chef die Strafe verhängt hat?« Minous Grinsen war teuflisch. »Von den Absprachen der beiden wisst ihr nur nichts! Ja, sieh mich nicht so an! Es gibt eben Dinge, von denen auch du keine Ahnung hast.« Die Feder erhob sich von der Matratze und schwebte langsam auf Minou zu. Ein Schatten, der von keinem Licht geworfen wurde, bildete sich unter ihrem Schlüsselbein und zeigte dieselbe schwarze Feder wie eine auf Haut gezeichnete Kopie.

»Was ist das?« Erst Neeles panischer Ruf riss Mijan aus seiner fassungslosen Erstarrung.

»Es gibt nicht nur Schutzengel, Mama!«, erklärte Minou in kindlichem Tonfall, aber mit Wissen, das sie nicht haben dürfte. »Gut und Böse. Yin und Yang.« Sie machte eine Pause, in der sie ihren Blick quälend langsam auf ihren Vater richtete. »Schutzengel und Vendices.«

»Die einen schützen die Menschen«, fügte Mijan atemlos hinzu. »Die anderen strafen sie, wenn sie Unrecht tun.« Sein Blick hing an der schwarzen Feder fest, die Minou fast erreicht hatte. Wenn sie das Gegenstück auf der Haut seiner Tochter berührte, würde es zu spät sein. Sie waren wie Kletten, die sich an einem Menschen festhefteten. Normalerweise drang der Wille des Vendix’ sofort in den Menschen ein und vergiftete sein Wesen. Warum Minou die Feder so viele Jahre gehabt hatte und nur schleichend langsam zum Negativen von ihr beeinflusst worden war, konnte er sich nicht erklären. Vielleicht hatte man ihm eine Gnadenfrist gewährt – eine Chance, weil er nichts Böses gewollt hatte. Nur ein perfektes Leben. Aber wenn die Feder sein Kind jetzt berührte, wäre Minou unwiderruflich dem Vendix ausgeliefert. Das wusste er einfach.

Mit einem Satz sprang er vor, um nach der Feder zu langen.

»Vorsicht!«, zischte der Mund seiner Tochter und brachte ihn damit zum Innehalten. »Das solltest du dir gut überlegen!«

»Da gibt es nichts zu überlegen!«, antwortete er und griff die Feder aus der Luft, bevor sie Minou berühren und sich mit dem schwarzen Schatten auf ihrer Haut verbinden konnte. Augenblicklich kribbelte seine Handfläche. Eine kühle Taubheit breitete sich von ihr aus und kroch seinen Arm hinauf.

»Doch, gibt