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Altweiberherbst - Roswitha Gruler

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Altweiberherbst

Roswitha Gruler

Roman

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www.net-verlag.de

Erste Auflage 2013

© net-Verlag, 39517 Cobbel

© Coverbild: Jenny Schneider

Covergestaltung: net-Verlag

Lektorat: Miriam Steinröhder

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 978 - 3-944284 - 61-3

Für alle Freunde dieser Welt

Freundschaft

Die Bäume wiegen sich leicht im Wind,

welch eine harmonische Einheit sie doch sind.

Gemeinsam trotzen sie allen Gefahren,

versuchen, sich vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Die Äste berühren und streicheln einander,

welch ein schönes und friedliches Miteinander.

Wie viel würde ein einzelner Baum aushalten,

schutzlos ausgeliefert den Naturgewalten?

Er würde zwar trotzen, aber doch verkümmern,

irgendwann würde ihn ein Blitz zertrümmern.

Wem kann er seine ganzen Sorgen erzählen?

Er muss gerade stehen und sich alleine quälen.

Wie schön ist es doch, sich fallen zu lassen,

sich freundschaftlich an den Händen zu fassen,

gemeinsam an einem Strang zu ziehen,

sich der tödlichen Einsamkeit zu entziehen.

Lasst uns wie die Bäume im Wald leben,

jeder hat jedem etwas zu geben.

Roswitha Gruler

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Freundschaft

– 1 –

– 2 –

– 3 –

– 4 –

– 5 –

– 6 –

– 7 –

– 8 –

– 9 –

– 10 –

– 11 –

– 12 –

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– 16 –

– 17 –

– 18 –

– 19 –

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Buchempfehlungen

– 1 –

Theresa Meindl machte keine Anstalten, aus dem Auto zu steigen. Sie konnte nicht. Heute wurde ihr Mann Otto beerdigt, und sie musste dabei sein. Jeder würde sie beobachten, und jede Gefühlsregung würde später kommentiert werden.

Sie kannte dieses Gerede bereits von anderen Beerdigungen:

»Sie hat ja gar nicht geweint. Wahrscheinlich ist sie froh, dass er unter der Erde ist!«

»Sieh dir nur diese scheinheiligen Tränen an! Für mich sehen die nicht echt aus …«

Und so weiter.

Theresa hasste solche Auftritte. Sie war es nicht gewohnt, im Vordergrund zu stehen.

Nun musste sie sich von dem Mann verabschieden, mit dem sie fast vierzig Jahre verheiratet gewesen war. Was sollte jetzt aus ihr werden? Sie war völlig ratlos. Plötzlich hatte sie jede Menge Zeit, über sich nachzudenken, und das gefiel ihr überhaupt nicht.

Theresa hatte mit Otto eine glückliche Ehe geführt, auch wenn sie ihn die letzten zehn Jahre hatte pflegen müssen. Aber sie hatte es gerne getan, weil sie ihn liebte. Nun ließ er sie alleine in dem viel zu großen Haus zurück. Ihre Tochter Corinna hatte schon lange ihr eigenes Leben und wohnte mit ihrer Familie im entfernten Luzern, sodass sie sich nicht allzu oft sahen.

»Kommst du?«

Ihre Freundin Magda, mit der sie zum Friedhof gefahren war, holte Theresa aus ihren Gedanken zurück. Magda war bereits ausgestiegen und öffnete ihr die Beifahrertür.

»Ja, ich komme. Auch wenn ich jetzt lieber woanders wäre …« Schwerfällig stieg Theresa aus dem Auto, ordnete nochmals ihre schwarze Kleidung und holte vom Rücksitz ihre Handtasche und einen kleinen Blumenstrauß, bestehend aus roten Rosen. Aus der Handtasche nahm sie eine dunkle Sonnenbrille, die sie gleich aufsetzte. »Ich bin so weit.«

Magda schloss die Autotür, und dann gingen sie nebeneinander her zum Haupteingang.

»Deine Tochter ist schon da. Siehst du, da vorne steht ihr Auto! Sie wartet sicher schon drinnen.«

Magda versuchte, Theresa etwas abzulenken, aber diese ging nur wie ein Roboter neben ihr her. Vor dem Eingang blieben sie kurz stehen, damit sie sich nochmals sammeln konnten.

Theresa war jedes Mal beeindruckt, wenn sie diesen Friedhof betrat. Er zählte zu den schönsten weit und breit. Vor allem das imposante, schmiedeeiserne Tor sah sehr majestätisch aus. Links und rechts vom Tor standen zwei historische Gebäude, in denen sich die Friedhofsverwaltung und die öffentlichen Toiletten befanden. Geradeaus führte der Weg direkt zur alten Friedhofskapelle, und von dort kam man entweder zu den Gräbern, zur Gärtnerei oder zu anderen Einrichtungen auf dem Friedhof.

Theresa kannte sich auf dem Friedhof bestens aus. Sie war oft mit Otto hier gewesen – entweder bei anderen Beerdigungen oder einfach nur so zum Verweilen. Der Friedhof lag nämlich auf einer Anhöhe, direkt am Waldrand, und bot so einen wundervollen Blick auf den Stadtteil, in dem sie wohnten.

Ein Kiesweg führte an der Kapelle vorbei bis zur Einsegnungshalle. Ein wunderschöner, alter Baumbestand sorgte für ein parkähnliches Ambiente. Vereinzelt standen Bänke an der Seite, die die Besucher zum Ausruhen oder auf ein Schwätzchen mit anderen einluden. Viele verweilten dort einfach nur in der Betrachtung der Gräber.

An diesem Tag nutzten einige Besucher das strahlend blaue, schöne Wetter aus, um die Gräber herzurichten oder die Pflanzen zu gießen.

Magda und Theresa kamen zur Einsegnungshalle, wo Corinna bereits mit ihrer Familie wartete. Da sonst noch keine Trauergäste anwesend waren, begrüßte Theresa ihre Tochter und deren zwei Kinder mit einer innigen Umarmung und gab ihrem Schwiegersohn Peter herzlich die Hand.

Die Einsegnungshalle war sehr schön hergerichtet. Zwei prachtvolle Trauerkränze mit bedruckten Schleifen zogen die Blicke automatisch an. Eine der beiden Kranzschleifen trug die Worte In inniger Liebe. Theresa, und die andere war beschriftet mit In Liebe und Dankbarkeit. Corinna mit Familie. Der eine Kranz bestand aus leuchtend pinkfarbenen Gerbera mit weißen Rosen und der andere aus gelb-roten Sommerblumen. Daneben standen mehrere blühende Blumenschalen mit einem letzten Gruß von Bekannten und vom Arbeitgeber. In der Mitte befand sich auf einer Staffelei ein vergrößertes Foto von Otto Meindl, und davor stand wie nackt die blau glänzende Urne. Darin befanden sich nun die Überreste von ihrem Otto. Kaum zu glauben! Theresas Blick wurde von diesem kleinen Gefäß angezogen. Sie war nicht mehr imstande zu reden.

Magda und Corinna führten sie zu den beiden Stuhlreihen und setzten sich in die erste Reihe. Die beiden Kinder und der Schwiegersohn nahmen in der zweiten Reihe Platz.

So nach und nach trafen die ersten Trauergäste ein. Betroffene Stimmung machte sich breit. Ein gemeinsames Schweigen der Anwesenden, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, kündigte die bevorstehende Zeremonie an. Nur das fröhliche Vogelgezwitscher von den nahe gelegenen Bäumen und das leichte Wasserplätschern von einem Brunnen hauchte der kleinen Menschenmenge Leben ein. Die Natur lebte weiter und ließ sich nicht vom Tod anderer Lebewesen stören.

Theresa nahm dies zwar alles wahr, konnte diese Erkenntnisse jedoch nicht direkt zuordnen. Ihr Blick war immer noch gefangen von der Urne und von dem großen Foto von Otto.

Ein leises Bimmeln ließ die Trauergäste aufhorchen. Der Pfarrer und zwei Ministranten kamen zur Einsegnungshalle. Der Pfarrer nickte kurz den Trauergästen und der Trauerfamilie zu und begab sich hinter das Rednerpult, um seine Predigt zu halten. Theresa bekam in ihrer Versunkenheit nur noch die letzten Worte des Pfarrers mit.

» … Otto Meindl hat ein gutes Leben geführt. Er war ein gottesfürchtiger Diener. Dafür wird Gott ihn mit offenen Armen empfangen und ihn in sein Himmelreich aufnehmen. Wir werden seine Asche der Erde übergeben und für ihn beten. Amen.« Der Pfarrer nickte Corinna zu und ging zur Seite.

Corinna begab sich zögernd an das Rednerpult und faltete zwei Blätter auseinander. Sie schaute kurz zu den Trauergästen und begann, zuerst zaghaft, mit ihrer Rede: »Mein Vater Otto Meindl wurde 1942 in Frauenfeld als Sohn eines Gastwirts geboren. Er hatte einen zehn Jahre älteren Bruder, den er aber bereits früh durch einen Unfall verlor. Da mein Vater ein guter Schüler war, machte er das Abitur und studierte Betriebswirtschaft. Er bekam nach dem Studium eine Arbeitsstelle bei der Firma Schnitteler. Dort arbeitete er sich hoch vom Buchhalter bis in die Geschäftsleitungsebene, wo er bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden tätig war. Im Jahre 1969 lernte er bei einem Stadtfest in Winterthur meine Mutter Theresa kennen. Sie verliebten sich auf den ersten Blick, heirateten, und drei Jahre später kam ich als einziges Kind auf die Welt. Auch wenn mein Vater beruflich sehr eingebunden war, widmete er seine begrenzte Freizeit immer seiner Familie. Ich hatte den besten Papi auf der ganzen Welt. Er war zwar streng, aber immer liebevoll und gerecht. Mit sechzig bekam mein Vater seine schwere, unheilbare Krankheit, von der er erst jetzt – zehn Jahre später – erlöst wurde. Ich werde ihn sehr vermissen und bedanke mich bei ihm für alles. Am meisten danke ich aber dem lieben Gott, dass mein Vater die Welt durch seine Anwesenheit verschönern durfte.« Corinna blickte nun auf die Urne. »Mach’s gut, Papi! Ich liebe dich und werde dich in meinem Herzen tragen. Mach dir keine Sorgen um Mama! Ich werde mich um sie kümmern.« Schluchzend verließ Corinna das Rednerpult und setzte sich wieder in die erste Stuhlreihe neben ihre Mutter.

Theresa nahm ihre Hand tröstend in die ihre und reichte ihr ein Taschentuch.

Der Bestatter, der unauffällig bei den Trauergästen stand, holte die Urne und ging in würdevoller Haltung hinter dem Pfarrer und den Ministranten her, die sich auf den Weg zum Grab gemacht hatten. Danach folgten die Trauerfamilie sowie die Trauergäste.

Ein mit einem schwarzen Trauerflor verziertes Holzkreuz und ein mit Rasenteppich verkleidetes Erdloch wiesen auf die Grabstelle hin. Sogar die herausgeschaufelte Erde war mit einem grünen Teppich bedeckt. Vermutlich sollte damit der Anblick des frischen Grabes ansehnlicher gemacht werden.

Die Urnengräber lagen recht nah beieinander, sodass die Trauergäste dicht gedrängt zwischen den kleinen Gräbern und auf den schmalen Wegen standen, sehr darauf bedacht, in keine Ruhestätte zu treten. Die Angehörigen standen direkt hinter dem Grab, und der Pfarrer platzierte sich mit seinen beiden Ministranten direkt davor.

Als alle Anwesenden einigermaßen ruhig standen, holte der Pfarrer einen Weihwasserwedel hervor und sprach: »Ich segne dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gott sei deiner Seele gnädig! Ruhe sanft in Frieden!« Der Pfarrer schwang den Wedel über die Urne und über das Grab.

Die Trauergäste bekreuzigten sich mit gesenkten Gesichtern. Der Pfarrer wiederholte die Prozedur mit Weihrauch, und nach der Segnung nickte er