Sammelband 6 Krimis: Ein Profi gibt nicht auf und andere Krimis by Alfred Bekker, A. F. Morland, and Horst Bosetzky by Alfred Bekker, A. F. Morland, and Horst Bosetzky - Read Online

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Sammelband 6 Krimis - Alfred Bekker

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Sammelband 6 Krimis: Ein Profi gibt nicht auf und andere Krimis

von Alfred Bekker, Uwe Erichsen & A. F. Morland & Horst Bosetzky alias „-ky"

KRIMIS DER SONDERKLASSE - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Der Kopf-Abhacker

Alfred Bekker: Ein Profi gibt nicht auf

Horst Bosetzky: Archibald Duggan und die bebende Bombe

Uwe Erichsen: In die Falle gelockt

A. F. Morland: Mordbefehl aus dem Knast

Alfred Bekker: Stirb, McKee!

ROBERTO TARDELLI, SEINES Zeichens Mafiajäger, möchte diesmal einen besonders dicken Fisch fangen. Doch natürlich legt ihm der Mob jede Menge Fallstricke und Hindernisse in den Weg. Selbst der Schachzug, als Undercover-Agent zu agieren, hilft Roberto bald nicht mehr weiter. In den Bergen, nahe einer geheimen Heroin-Fabrik, kommt es zum alles entscheidenden Showdown, zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, Jack Raymond, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Alfred Bekker

DER KOPF-ABHACKER

H aben Sie schon gehört ? fragte mich Mrs. Cross, als sie an meinen Bankschalter trat. Loretta ist verschwunden.

Ich schluckte, sah der alten Dame in die Augen und wurde rot. Eine alte Krankheit von mir. Ich kann nichts dagegen machen. Welche Loretta? fragte ich.

Wir haben doch nur eine Loretta hier im Ort. Loretta Grayson.

Oh.

Sie sind eigentlich noch ein bißchen jung für Gedächtnisschwund!

Liegt wohl daran, daß ich schon viel mitgemacht habe.

Es war keine besonders intelligente Antwort, das gebe ich zu, aber mir fiel halt nichts besseres ein. Und außerdem konnte ich ihren unterschwellig tadelnden Tonfall nicht ausstehen. Wie möchten Sie Ihre fünfzig? So wie immer?

Wie immer, nickte sie. Manchmal hatte ich das Gefühl, daß sie nur in die Bank kam, um mit jemandem zu reden.

Deswegen hob sie ihre Rente in Fünfzig-Dollar-Raten ab. Wenn man so darüber nachdachte, dann war es schon ziemlich traurig.

Sie fing wieder an, von Loretta zu reden, obwohl ich gehofft hatte, daß sie damit aufhören würde. Aber die Sache schien Mrs. Cross ziemlich zu beschäftigen.

Mich auch.

Und das war auch der Grund dafür, daß ich nicht darüber reden wollte. Aber Mrs. Cross kümmerte das nicht. Ihre Worte plätscherten wie ein Wasserfall.

Was denken Sie darüber? erkundigte sie sich.

Ich weiß nicht.

Man hört jetzt soviel von diesem Wahnsinnigen. Sie wissen schon...

Hm.

Ich meine den, der seinen Opfern den Kopf abhackt...

Die Sache hatte groß in der Zeitung gestanden. Fünf Leichen, alle geköpft. Die Köpfe hatte man nie gefunden.

Genau der richtige Stoff, um alten Frauen den Schlaf zu rauben und ihnen einen Grund zu geben, sich das Maul zu zerreißen.

Und was war mit jungen Frauen?

Ein anderes Thema.

Ihre faltige Haut wirkte irgendwie reptilienhaft. Die Gläser ihrer Brille waren nahezu flaschendick.

Sie haben sie doch ganz gut gekannt, oder? fragte sie.

Ich zuckte etwas zusammen. Mein Gott, ich stierte sie an wie ein Alien-Monster, das direkt von einer stockigen Leinwand heruntergestiegen war.

Wen? fragte ich und schluckte. Ich konnte ihren Blick durch die dicken Brillengläser nicht sehen. Nur die tiefen  Furche auf ihrer Stirn.

Na, Loretta! Oh, Gott, jetzt rede ich schon in der Vergangenheit von ihr!

Ich sagte: Machen Sie sich keine Sorgen um Loretta.

Meinen Sie?

Ganz bestimmt?

Ja. Ich habe sie heute morgen noch gesehen.

Wirklich?

Hören Sie, ich habe noch zu tun.

Ja, sicher...

Bis zum nächsten Mal, Mrs. Cross!

Sie humpelte davon. Ich atmete tief durch. Und dabei registrierte ich, daß Mrs. Cross einen sehr kurzen Hals hatte. Ich weiß auch nicht, warum mir das in diesem Moment auffiel. Ja, ein sehr kurzer Hals war das

Ich war ziemlich müde, als ich nach Hause kam. Das Haus hatte ich geerbt. Für mich allein war es viel zu groß, aber streng genommen lebte ich auch gar nicht allein. Das Haus war immer voller Freunde.

Immer.

Ich atmete tief durch, als ich die abblätternde Fassade sah. Mein Gott, das Haus brauchte mal wieder einen Anstrich.

Vielleicht im nächsten Frühjahr.

Vielleicht...

Ich schloß die Tür auf.

Hallo? rief ich. Dann legte ich den Schalter um. Der Strom ging an. Das Licht auch.

Loretta? fragte ich. Sie hatte die Augen geschlossen. Sie sah so friedlich aus, wenn sie die Augen geschlossen hatte. Ich ging zum Tisch, wo ich meine Apparatur aufgebaut hatte und legte einen Hebel um.

Etwas surrte.

Und es stank ein bißchen verschmort.

Loretta machte die Augen auf.

Schön, daß du wieder da bist.

War anstrengend heute in der Bank.

Hat dir Mister Bascomp wieder zugesetzt?

Dieser Mann ist die personifizierte Nervensäge!

Mach dir nichts draus, Billy.

Tu ich nicht.

Irgendwann liegt Mister Bascomp unter der Erde und du bist Direktor!

Ich zuckte die Achseln und machte ein ziemlich skeptisches Gesicht.

Der ist ziemlich zäh.

Du doch auch, oder?

Naja, geht so!

Dann zischte es und ich fluchte vor mich hin. Weißer Qualm stieg auf. In meiner Apparatur gab es einen Kurzen. Loretta schloß die Augen. Sie schloß die Augen, als würde sie sagen wollen: Welcher erwachsene Mann verbringt seine Zeit schon damit, solche Apparaturen zu bauen? Aber sie sagte es nicht. Und sie sagte auch nicht, daß ich mit dem Zeug auf dem Tisch vermutlich irgendwann mir selbst das Dach überm Kopf anzünden würde...

Sie sagte nichts.

War auch am besten so. Aber das war das Gute an ihr. Sie wußte einfach, wann sie den Mund halten mußte.

Von vielen kann man das nicht sagen.

Am nächsten Tag stand etwas von einer Leiche in der Zeitung.

Sie war ganz in der Nähe in einem Maisfeld gefunden worden.

Und sie hatte keinen Kopf.

Die ganze Gegend sprach darüber.

Auch Dorothy, die in Bewleys Cafe arbeitete, wo ich immer in der Mittagspause hinging. Da ich meine Pause erst machte, als die Mittagszeit schon längst vorbei war, hatte sie Zeit, sich zu mir zu setzen.

Wir waren die einzigen in dem Laden.

Ich frage mich, was er mit den ganzen Köpfen macht, sagte sie.

Wer?

Na, der Verrückte!

Woher weißt du, daß es ein Mann ist?

Sie zuckte die Achseln. "Habe ich einfach so angenommen.

Übrigens habe ich gehört, daß die Tote Loretta Grayson sein soll."

Ach, ja? Wie will man das sagen - ohne Kopf?

Ihre Sachen gehörten Loretta.

Naja...

Furchtbar sowas.

Schlimm.

Willst du noch einen Kaffee, Billy?

Ich hob die Schultern. Sicher. Ich war etwas müde.

Ein bleiernes Gefühl hatte sich in mir breitgemacht. Es ging von meinem Kopf aus, begann irgendwo hinter der Stirn und es dauerte gar nicht lange, dann war es bis in die Zehenspitzen vorgedrungen.

Ich würde dich gerne mal besuchen, Billy.

Heute besser nicht.

Wieso nicht?

Heute paßt es schlecht.

Vielleicht komme ich einfach mal vorbei, ja?

Ich weiß nicht...

Als ich wieder zu Hause war, wurde mir klar, daß ich Loretta nicht wieder hinkriegen würde. Ich experimentierte noch etwas mit den Drähten herum, die ich an ihrem Kopf angebracht hatte. Über feine elektrische Impulse ließen sich die Augenlider und der Mund öffnen und schließen. Sie wirkte dann so lebendig, auch wenn ihre Gesichtszüge manchmal etwas maskenhaft blieben. Ich vermied daher, sie grellem Licht auszusetzen. Man muß die Dinge nicht so genau sehen. Muß man wirklich nicht. Sie war da. Loretta. Einfach da. Eine Gefährtin. Sie konnte auch den Mund halten. Habe ich das schon erwähnt? Ich weiß nicht...

Traurigkeit erfaßte mich.

Was ist los, Billy?

Ich weiß es nicht.

Warum ist da immer dieser weiße Qualm?

Ich schluckte. Ich krieg' das schon hin, Loretta.

Eine Lüge.

Als der weiße Qualm erneut aufstieg, schaltete ich die Apparatur ab. Schade, dachte ich. Du wirst mir fehlen.

Was?

Nichts.

Der bleiche, tote Mund verstummte.

Endgültig.

Ich ging zum Kühlschrank, fragte mich, was ich verkehrt gemacht hatte und nahm mir eine Dose Budweiser. Das Bier war warm. Scheiße. Ich hatte nicht daran gedacht, daß ich den Stecker herausgezogen hatte, um die Dose für meine Apparatur nutzen zu können. Ich schlürfte die warme Brühe, machte den Fernseher an, hörte aber nicht richtig zu.

Beim nächsten Mal mache ich es besser, dachte ich. In Gedanken ging ich die gesamte Schaltung noch einmal durch.

Ich sah dabei zu Loretta hinüber.

Zu ihrem Kopf.

Irgendein Schleim tropfte unten aus der Öffnung am Hals, die ich eigentlich mit einer Polyester-Dichtung verstopft hatte.

Es war fünf Uhr nachmittags, als Dorothy kam. Sie trug ein Kleid. Ich hatte sie noch nie in einem Kleid gesehen, immer nur in karierten Hemden und Jeans.

Ich starrte sie an. Sie wurde rot. Ich wahrscheinlich auch.

Hi!

Hi, Dorothy!

Ich dachte, ich komme mal vorbei.

Tja...

Komme ich ungelegen?

Nein, aber...

Ich hielt sie zurück, als sie an ihm vorbeigehen wollte.

Sie sah mich an. Ihre Augenbrauen bildeten eine Schlangenlinie. Eine Frage stand in ihrem Gesicht.

Hast du Besuch?

Quatsch.

Was ist dann los?

Ich muß eben was wegräumen, Dorothy. Dann kannst du reinkommen, okay?

Irgendwie riecht das komisch bei dir da drinnen...

Ich habe gebastelt. Mit Polyester... Warte hier, ja?

Okay, seufzte sie.

Ich wußte nicht, wo ich Lorettas Kopf so schnell hinstecken sollte. Ich packte ihn schließlich in den Mülleimer. Die Klappe ging nicht richtig zu. Ich mußte ihn ziemlich quetschen.

Die Apparatur ließ ich so stehen, wie sie aufgebaut war.

Es hätte zuviel Arbeit gemacht, alles von neuem zu verkabeln. Nur die Blutflecken wischte ich weg. Und diesen Schleim, der aus Lorettas Kopf herausgequollen war. Aber viel war davon nicht vorhanden.

Ich bin immer sehr reinlich.

Ich holte die Axt.

Der Puls schlug mir bis zum Hals.

Dorothy...

Sie hat ein schönes Gesicht, dachte ich. Und einen schlanken, langgezogenen Hals. Anders als Mrs. Cross.

Du kannst reinkommen, Dorothy!

Alfred Bekker

EIN PROFI GIBT NICHT AUF

Joe Martinez steckte das Zielfernrohr auf das Gewehr und legte an. Von hier, dem siebten Stock eines Rohbaus, aus dem irgendwann einmal das Bürogebäude eines mittelgroßen Versicherungskonzerns werden sollte, hatte Martinez eine hervorragende Aussicht auf das ehrwürdige Gerichtsportal. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, dann würde Gordon Smith durch dieses Portal geführt werden - jener Mann, dem Martinez eine Kugel in den Kopf jagen wollte... Martinez war ein Profi-Killer, sein Ruf in Syndikats- und Unterweltkreisen mehr als hervorragend! Er arbeitete schnell und präzise. Und vor allem konnte man sich auf ihn verlassen! Wenn er einen Auftrag annahm, konnte man todsicher davon ausgehen, daß er die Sache auch durchzog. Joe Martinez hatte noch nie versagt. Martinez verengte die Augen ein wenig. Der Finger am Abzug spannte sich, als der gepanzerte Wagen vorfuhr. Sicherheitsbeamte stiegen aus und blickten sich mit der Waffe im Anschlag nach allen Seiten um. Und dann kam endlich Gordon Smith zum Vorschein, von beiden Seiten von Polizisten eingekeilt. Gordon Smith mußte sterben. Martinez wußte über diesen Mann zwar kaum mehr, als man aus der Presse erfahren konnte, aber die Sache lag wohl ziemlich klar auf der Hand. Smith sollte als Kronzeuge gegen einige große Nummern des organisierten Verbrechens aussagen, wodurch diese vielleicht endlich hinter Gitter kamen. Natürlich war diesen Leuten kaum ein Preis zu hoch, um Smith aus dem Weg zu räumen. Und so hatten sie über einen Mittelsmann Joe Martinez angeheuert - den Besten seines Fachs. Martinez hielt den Atem an.

Smith befand sich nun genau in seinem Fadenkreuz. Unter seiner Kleidung trug der Kronzeuge sicher eine kugelsichere Weste. Das bedeutete, daß Martinez den Kopf treffen mußte, wenn er sichergehen wollte. Noch einen Sekundenbruchteil wartete er ab, dann glaubte er den richtigen Zeitpunkt für gekommen und feuerte. Martinez wußte, daß er wahrscheinlich nicht mehr als einen Schuß haben würde. Aber für einen Profi seiner Klasse reichte das in der Regel auch.

Und genau so schien es auch diesmal zu sein. Durch das Zielfernrohr beobachtete er, wie Smith getroffen zu Boden stürzte. Die Sicherheitsbeamten rotierten und ließen irritiert die Köpfe kreisen. Martinez lächelte kalt und packte sein Gewehr in eine Tasche für Golfschläger. Es hatte ihn niemand gesehen.

JOE MARTINEZ WOHNTE in einer schäbigen Absteige, in der man sich nicht sonderlich um Identität und Herkunft der Gäste kümmerte, solange im Voraus bezahlt wurde. Gestern abend war er in die Stadt gekommen und morgen früh würde er sie auch schon wieder verlassen. Bis zum nächsten Auftrag vielleicht. Die erste Hälfte seines Honorars hatte man ihm bereits im Voraus bezahlt, die zweite würde wohl irgendwann in den nächsten Tagen auf seinem Züricher Bankkonto eingehen. Alles war glattgegangen. Leicht verdientes Geld! dachte Martinez, bis er am nächsten Morgen eine böse Überraschung erlebte, als er die Morgenzeitung aufschlug. Über das Attentat auf den Kronzeugen Gordon Smith wurde groß berichtet. Und Martinez glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als er da lesen mußte, daß Smith noch lebte! Smith lag schwerverletzt im Städtischen Krankenhaus und war bis auf weiteres nicht vernehmungsfähig. Martinez ballte grimmig die Rechte zur Faust. Er würde noch einmal in Aktion treten müssen! Schließlich war er Profi und hatte immerhin einen exzellenten Ruf zu verlieren. Und diesmal vielleicht sogar noch mehr! durchzuckte es ihn fröstelnd. Denn es mochte gut sein, daß seine Auftraggeber es ihm nicht verzeihen würden, wenn er versagte... Schließlich ging es ja auch für sie um die Existenz. Martinez würde die Sache also zu Ende bringen müssen. Um jeden Preis!

JOE MARTINEZ BESORGTE sich in einem einschlägigen Fachgeschäft einen weißen Kittel. Natürlich konnte er sich bei seiner Anmeldung nicht einfach danach erkundigen, in welchem Zimmer man Gordon Smith untergebracht hatte. Das hätte nur Verdacht erregt. Und wahrscheinlich führte man den Kronzeugen sogar unter falschem Namen. So mußte er also suchen. Flur um Flur ging Martinez durch, bis er schließlich fündig wurde. Vor einem Krankenhauszimmer hatte ein uniformierter Beamter Posten bezogen. Das mußte es sein! Martinez versuchte wie selbstverständlich an dem Wachmann vorbeizugehen, aber dieser trat ihm in den Weg.

Wer sind Sie?

Dr. Morton, Facharzt für Neurologie. Der Patient hat eine schlimme Kopfverletzung. Und da vielleicht das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen ist, meinte der Chef, ich sollte ihn mir mal ansehen!

Der Chef? Sie meinen Dr. Miller!

Ja, genau den! Der Wachmann trat zur Seite. Gehen Sie hinein! meinte er. Und Martinez dachte: Jetzt ist es so gut wie geschafft!

Er würde eintreten, die Tür hinter sich schließen, dann die Schalldämpferpistole unter dem Kittel hervorziehen und abdrücken. Eine Sekundensache.

MIT EINEM SCHNELLEN Schritt war Martinez im Krankenzimmer und seine Rechte hatte bereits nach der Waffe unter dem Kittel gegriffen, da erstarrte er mitten in der Bewegung. Er blickte direkt in die Mündungen einiger Revolver. Jemand hielt ihm eine Polizeimarke unter die Nase. Wir wußten, daß es ein Profi sein mußte, der es auf Smith abgesehen hatte, erklärte einer der Kriminalbeamten, während Martinez ein anderer die Waffe abnahm und ihm Handschellen anlegte.

Martinez fluchte.

Ich begreife nicht..., murmelte er.

Wir brauchten nur warten, fuhr der Beamte fort. Ein Profi gibt schließlich nicht auf, stimmt's? Er grinste. Ich schätze, wir haben irgendwo ein schönes Foto von Ihnen in unseren Karteien...

Und wo ist Smith? knurrte Martinez.

An einem sicheren Ort, wo er sich vermutlich besser von seiner Schußverletzung erholen wird als hier! war die trockene Antwort.

Archibald Duggan und die bebende Erde

Krimi von Horst Bosetzky

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

8000 Mann sollen sterben, sämtliche Spezialisten der CIA im legendären Hauptquartier Langley. Diesen teuflischen Plan hat ein geniales, aber krankes Hirn ersonnen. Die Methode scheint unfehlbar: ein künstlich hervorgerufenes Erdbeben wird die CIA Zentrale buchstäblich in den Abgrund stürzen lassen.

Ein Kollege kann CIA-Agent Archibald Duggan in der Sekunde seines Todes einen Tipp geben, einen Namen nur: Rebecca Reed. Und nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Zelle war drei Yard lang, drei Yard breit und drei Yard hoch, keinen Zoll weniger, keinen Zoll mehr. Archibald Duggan brauchte es nicht nachzumessen, er wusste es.

In diesem Lande hatte alles seine Ordnung. Nur mit der Hinrichtung der gegnerischen Geheimagenten klappte es noch nicht ganz, darin hatte die neue Regierung einfach zu wenig Erfahrung. Meist hallten die Salven des Exekutionskommandos eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang durch den schmalen Gefängnishof. Ab und zu aber tötete man auch um elf Uhr vormittags oder gegen fünf Uhr nachmittags, wenn der silberne Düsenclipper in Richtung Nordosten vorübergezogen war. Manchmal flog er so hoch, dass langgezogene Kondensstreifen am blass-blauen Sommerhimmel klebten. Tingji, einer seiner Wächter, hatte einmal gespottet, dass dies bestimmt nicht der berühmte „Silberstreif am Horizont" sei.

„Noch eine knappe Stunde bis zur nächsten Hinrichtung ..."

Archibald Duggan erschrak. Er hatte laut gesprochen, ziemlich laut sogar. Vielleicht, um seine Stimme wieder einmal zu hören, noch einmal zu hören, vielleicht, um besser zu begreifen, welche ungeheure Bedeutung diese wenigen Worte hatten.

Urplötzlich verlor er seine Selbstbeherrschung. Wie von Sinnen trommelte er mit beiden Fäusten auf seine klobige Holzpritsche. Der Lärm betäubte ihn. Immer heftiger, immer kraftvoller wurden seine Schläge. Diese Eruption war eine Erlösung für ihn. Aber schon nach wenigen Sekunden knackte es in dem kleinen ovalen Lautsprecher oben an der Decke und ein zartes, getragenes Volkslied erfüllte seine glutheiße Zelle. Typisch, das war ihre Psychologie! Er hasste diese Musik, aber unwillkürlich erstarrte er doch und lauschte.

Unten erklang ein dumpfes Kommando. Wenn er doch bloß mehr von dieser verdammten Sprache gelernt hätte! Da, das verstand er wieder ...

„Holt ihn!"

Ja, das war der kleine Leutnant, der das Exekutionskommando befehligte. Diese helle, beißende Stimme traf Duggan jedes Mal wie der Stich einer Injektionsnadel.

Archibald stürzte zum Fenster. Seine Stirn prallte gegen die kantigen Gitterstäbe. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es ihm, als hätte er eben eine tolle Silvesterfeier hinter sich und würde nun mit einem gewaltigen Champagnerrausch ins Bett sinken. Er klammerte sich mit aller Kraft an diese Illusion. Aber sie entglitt ihm sofort wieder. Zurück blieb ein unfassbarer Schmerz. Dabei war der Hof noch leer, und der kleine Leutnant hatte noch gar nicht gerufen.

Die sanfte Musik brach abrupt ab, und im gleichen Augenblick wurden draußen die schweren Riegel zurückgeschoben.

War das der Henker?

Dann erkannte Archibald das runde Gesicht des Mannes, der die mächtige Stahltür aufgezogen hatte. Tschen Tingji war es, einer der brutalsten Wächter. Er warf Duggan einen leicht verschimmelten Kanten Brot auf die Pritsche.

Archibalds Magen krampfte sich zusammen, er taumelte und fiel mit der rechten Schulter gegen die rissige Wand.

Tingji beobachtete ihn mit kaltem Interesse. Seine dunklen Augen blieben ausdruckslos, das ganze Gesicht war steinern wie in all den Tagen zuvor.

„Starr mich nicht so an!", schrie Duggan. Wie von einer gewaltigen Peitsche getrieben, warf er sich auf den Wächter.

Doch Tingji glitt zur Seite, schnell wie ein Lichtreflex. In seinem schwammigen Gesicht flackerte ein höhnisches Lächeln auf.

Archibald schlug mit dem Kopf gegen die nur angelehnte Tür. Sie sprang auf, so dass er vielleicht einen halben Yard weit auf den Flur hinaus rutschte. Zwei, drei Sekunden lang lag er regungslos da, das Blut lief ihm in dünnen Fäden über die Stirn. Dann schleifte Tingji ihn in die Zelle zurück.

Als Duggan wieder zu sich kam, war der Wächter verschwunden. Archibald wischte sich mit den zerrissenen und schmutzverkrusteten Ärmeln seines Nylonhemdes das Blut aus dem Gesicht.

Er hatte allen ihren ausgeklügelten Methoden widerstanden, er hatte ihnen nicht mehr verraten, als sie ohnehin schon in ihren Akten vermerkt hatten.

Immer wieder hatten sie ihn verhört, um das zu erfahren, was sie für die Wahrheit hielten. Unzählige Male hatte er ihnen versichert, dass er nichts weiter wüsste, aber sie hielten ihn lediglich für einen großartig geschulten und abgehärteten Agenten.

Er hatte noch immer nicht begriffen, worum es den anderen eigentlich ging.

Ohne es zu merken, hatte er seine Wanderung durch die stickige Zelle wieder aufgenommen. Zwei Schritte zum Fenster hin, eine müde Drehung um die eigene Achse, zwei knappe Schritte zur Tür zurück und wieder eine Drehung.

Warum das ganze Theater hier, warum liefen sie plötzlich Amok? Warum machten sie ihn zu der einen entscheidenden Figur, die er gar nicht war? Wahrscheinlich war die Sache ganz einfach. Man plante ein Unternehmen von außergewöhnlicher Tragweite und fürchtete, CIA sei schon dahintergekommen. Es musste sich um eine ganz ausgefallene, eine ungeheuer brisante Sache handeln.

Was, in aller Welt, mochten sie diesmal ausgebrütet haben?

Egal – wenn es ihm wirklich bekanntgewesen wäre, es hätte doch niemandem mehr nützen können. Dass er hier nicht mehr lebend herauskam, das war sicher. Duggan hatte es aufgegeben, nach einem Ausweg zu suchen. Mit dem bloßen Willen allein ließen sich weder Berge versetzen noch die Mauern dieser alten Grenzfestung sprengen. In einer solchen Lage gab es für einen Mann nur eins: Den Tod zu akzeptieren.

Ein paar schrille Kommandos hallten über den Hof und verloren sich in immer schwächer werdenden Echos. Vögel schossen in den schon rosa getönten Himmel, Mauersegler wahrscheinlich.

Duggan blieb stehen, um zu lauschen. Aber das Blut in seinen Schläfen hämmerte derart laut, dass er die nachfolgenden Geräusche kaum mehr richtig deuten konnte. Er presste beide Handflächen gegen die Ohren und atmete tief durch. Dann umklammerte er mit seinen aufgerissenen Händen die beiden äußersten Gitterstäbe und zog sich mit ziemlicher Mühe etwas nach oben, so dass er den Hof fast vollständig überblicken konnte.

Als er sah, was dort unten vorging, wollte er unwillkürlich schreien, so laut schreien, dass die ganze Welt es hören musste, aber er brachte keinen einzigen Ton hervor. Es schien ihm, als wäre er schon gestorben und nur die Augen allein funktionierten noch.

Es war ein Bild, das fast heiter schien, so, als wäre es eine Szene im Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud. Sieben kleine, aber ungemein kräftige Soldaten, deren bräunliche Uniformen makellos sauber waren, standen ordnungsgemäß ausgerichtet vor dem Tor, aus dem man die Todeskandidaten herauszuführen pflegte. Etwa fünf Yard vor ihnen hatte sich der kleine Leutnant aufgebaut. Keine Sekunde ließ er seine Soldaten aus den Augen.

Jetzt wandte er sich um und blickte zum Gefangenentrakt hinüber. Es dauerte endlos lange, dann hatten seine kalten Augen wohl gefunden, was sie suchten. Er fixierte das schmale Fenster, hinter dessen Gitterstäben Duggans Kopf zu erkennen war.

Archibald erstarrte.

Das war ein Todesurteil! Sie warteten auf ihn, der Henker hatte sich sein nächstes Opfer angesehen.

Aber im Augenblick geschah noch nichts. Die sieben Soldaten schoben ihre Magazine in ihre etwas altmodischen Karabiner und stießen dann die Kolben in den gelben Boden. Mehrere Sekunden lang standen alle acht Männer regungslos da, sie wirkten wie kunstvoll bemalte Holzfiguren, dann begann das schwarze Tuch, das der Leutnant in der linken Hand hielt, im plötzlich einfallenden Wind ein wenig zu flattern.

Ein Klingelzeichen ertönte. Das Tor, das mit seinem schmutzigen Grau vom Rostrot der Steine abstach, wurde nach innen aufgezogen. Und dann erfüllte ein Schrei den Hof, der selbst die Soldaten erschaudern ließ.

Der Todeskandidat war erschienen.

Er hieß nicht Archibald Duggan.

Der Mann, der diesen tierhaften Schrei ausgestoßen hatte, war etwa fünfunddreißig Jahre alt, athletisch, gebaut und blond. Er trug eine graue Hose und ein frisches weißes Hemd. Auf seinem breiten, etwas rosigen und fast noch kindlichen Gesicht zeichnete sich Entsetzen ab.

Der Mann hieß Mel Chipping und war ein Agent des englischen MI 6. Damals in Mexiko hatte er Archibald Duggan das Leben gerettet. Ohne ihn wäre Archibald gefesselt aus dem Flugzeug geworfen worden und mehrere tausend Fuß in die Tiefe gestürzt. Und mit seiner Hilfe war es Duggan dann auch gelungen, den gefürchteten Agenten Sun Bodjau, den alle den „Henker" nannten, endlich zur Strecke zu bringen.

Inzwischen war Mel Chipping an der weißgekalkten Wand angekommen, die die westliche Begrenzung des Hofes bildete. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb sein Blick an den kraterförmigen Löchern haften, die mehr als zwei Dutzend Kugeln in den lockeren Putz gerissen hatten. Abrupt wandte er sich um und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die sieben Soldaten.

Archibald Duggan wollte einfach nicht begreifen, was sich dort unten abspielte.

Der kleine Leutnant hatte Chipping erreicht und streckte ihm das schwarze Tuch entgegen.

„For your eyes", sagte er in gebrochenem Englisch.

Chipping nahm das Tuch mit der rechten Hand, zögerte einen Augenblick, knüllte es dann zusammen und ließ es auf den staubigen Boden fallen. Der Leutnant nahm diese Handlung mit Gleichmut hin und gab einem seiner Soldaten den Befehl, Chipping an einen dünnen Holzpfahl zu binden.

Dann hoben die sieben Soldaten ihre Gewehre und begannen, sehr sorgfältig zu zielen. Chipping hatte den Kopf gesenkt und fixierte einen Fußabdruck, den der Leutnant zurückgelassen hatte.

„Mel!", schrie Duggan, ohne eigentlich zu merken, dass er schrie.

Die Soldaten zuckten zusammen, behielten aber ihre Gewehre weiterhin im Anschlag, nur der gefürchtete Leutnant drehte sich etwas herum, um denjenigen zu suchen, der eben gerufen hatte.

Mel Chipping nutzte seine Chance.

„Archibald!, schrie er nach oben. „Sie haben etwas vor ...!

Der Leutnant bellte einen kurzen Befehl und hob den rechten Arm.

„Sie planen etwas ganz Gewaltiges! Chippings heisere Stimme schallte über den ganzen Hof. „Sie wollen die CIA vernichten ...!

Der Leutnant senkte seinen Arm, langsam wie ein Roboter.

„Such nach Rebecca Reed!, stieß Mel Chipping noch hervor. „Das ist der Schlüssel ...

Archibald Duggan fiel auf seine Pritsche zurück und presste die Handflächen gegen die Ohren.

Trotzdem hörte er die Schüsse. Er schrie auf, als wäre er selbst getroffen worden.

Doch vielleicht war es nur ein Bluff?

Wie im Fieber stürzte er wieder zum Fenster und zog sich nach oben.

Nein!

Chippings Körper hing noch am Pfahl, leicht vornüber geneigt, die Brust zerfetzt.

Archibald wusste nun, was ihm bevorstand. Seine Finger gaben nach, er glitt nach hinten, sein Hinterkopf schlug gegen die Wand, Nacht umfing ihn.

Er kam erst wieder zu sich, als der Lautsprecher von Neuem eingeschaltet wurde. Sofort war er hellwach. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Eine Stimme, die er vorher noch nie gehört hatte, füllte den kleinen Raum. Sie sprach ein schlechtes Englisch, er verstand nur wenig.

„Archibald Duggan ... CIA-Agent ... Feind des Volkes ... Wird hiermit zum Tode verurteilt ... Vollstreckung des Urteils morgen früh!"

Das amtliche Todesurteil.

Duggan nahm diese Nachricht mit einer Gelassenheit hin, die er vorher nie für möglich gehalten hätte.

Duggan zog Bilanz. Er saß in einer Falle, die auch die mächtigste Regierung dieser Erde nicht mehr zu öffnen vermochte. Er kannte zwar den Schlüssel, um das vielleicht gewaltigste Verbrechen dieses Jahrhunderts zu verhindern und sein Land vor unermesslichem Schaden zu bewahren, aber dieser Schlüssel, diese beiden Worte REBECCA REED, nutzten ihm nichts mehr. Im Gegenteil, sie ließen der anderen Seite erst recht keine andere Wahl mehr. So wichtig wie Chipping war er ganz bestimmt.

Mel Chipping.

Rebecca Reed.

Diese beiden Namen füllten Duggans ganzes Bewusstsein aus, jeder Gedanke war mit ihrer Last beladen.

Von irgendwoher schrillte eine Sirene herüber. Der Zapfenstreich für die Soldaten. Duggan rechnete nach. Er hatte noch genau sieben Stunden zu leben. Vielleicht blieben ihm noch die hundertzwanzig Minuten bis Mitternacht, um die schönen und erfüllten Abschnitte seines Lebens noch einmal durchzugehen und zu genießen.

Plötzlich stand Tingji, der gleichgültig brutale Wächter neben ihm. Duggan hatte ihn gar nicht kommen hören. Tingji brachte eine Schüssel mit dampfendem Reis.

„Hau ab!", schrie Duggan und schleuderte ihm den Reis ins Gesicht.

Tingji heulte auf und warf sich nach vorn.

Auf einmal fühlte er, dass Tingji ihm etwas in die linke Hand schob, eine kleine Tüte, wie man sie in den Staaten benutzt, um Backpulver zu verkaufen. Im gleichen Augenblick begann Tingji, ihn mit den vulgärsten Ausdrücken zu beschimpfen.

Sekunden später erschienen zwei andere Wächter in der Tür. Tingji trat noch einmal nach Duggan, dann lachten alle drei auf und wandten sich ab. Die Tür fiel wieder ins Schloss, die Riegel wurden vorgeschoben, der Schlüssel zweimal herumgedreht.

Duggan fixierte die matte Glühbirne, die neben dem Lautsprecher baumelte. Langsam erholte er sich wieder.

Dann betrachtete er die Tüte. Sie passte gerade in seine Handfläche. Ein dünnes braunes Papier, an allen vier Kanten zusammengeklebt. Auf der einen Seite erkannte er chinesische oder japanische Schriftzeichen, auf der anderen lateinische Buchstaben. Mit wachsender Erregung las er:

„Schlucken Sie das Pulver! Eine neue Droge. Man wird Sie für tot halten. Ihre letzte Chance! Zögern Sie nicht lange!"

Duggan war fassungslos. Hoffnung und Misstrauen mischten sich, Gedankenfetzen, Kombinationen jagten ineinander.

Er hatte noch keinen Entschluss gefasst, als die Musik plötzlich abbrach. Zwei Stimmen drangen zu ihm. Die eine musste einem Amerikaner gehören, sie war metallisch kalt und merkwürdig arhythmisch, die andere dem Offizier, der vorhin das Todesurteil verlesen hatte.

„Für Chipping bekomme ich auch noch zehntausend Dollar, sagte der Amerikaner. So wie er sprach man nur in Brooklyn, woanders konnte dieser Mann gar nicht geboren sein. „Schließlich habe ich ihn in die Falle gelockt.

„Sagen wir acht!‟

„Na schön ... Er war verdammt nahe am Ziel. Hätte er noch eine Woche Zeit gehabt, wäre alles aufgeflogen. Ein derart tollkühnes Unternehmen wie ..."

„Passen Sie auf, Sie sitzen da auf den Schalthebel!"

„Verdammt!"

Augenblicklich war es wieder still.

Das war also der Mann, der Mel Chipping auf dem Gewissen hatte. Ein Amerikaner. Ein Mann, dessen Stimme Duggan nie vergessen würde. Gehört hatte er sie noch nicht, das war sicher.

Mit leicht vibrierenden Fingern riss er die kleine Tüte auf und roch an dem weißen Pulver, das wie Gips aussah. Einen bestimmten Geruch schien es nicht zu haben. Er befeuchtete seinen rechten Zeigefinger und steckte ihn in die Tüte, um von dem geheimnisvollen Zeug zu kosten. Es schmeckte ein bisschen nach Mehl und ein bisschen nach Schlämmkreide.

Ein makabrer Spaß, den sich die Wächter mit ihm machen wollten?

Er glaubte nicht so recht daran. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf. Von wem stammte dieses Pulver? Von Tingji oder einem der Offiziere? War Tingji einer der ihren? Unmöglich, ausgeschlossen! Was war es wirklich, wenn es nicht nur einfache Kreide war? Ein Betäubungsmittel, das einen Kreislaufkollaps vortäuschen sollte, eine Wahrheitsdroge oder ganz einfach ein Gift? Unter Umständen würde man später sagen: Wir hätten ihn ja gerne freigelassen, aber er hat sich leider vorher mit einem eingeschmuggelten Gift selbst getötet.

Archibald Duggan war ratlos. Aber was blieb ihm denn anderes übrig? Dass sie wirklich Ernst machten, hatten sie eben erst wieder bewiesen. Sie hatten keinen Grund, ihn länger am Leben zu lassen, er besaß ja keinerlei Informationen mehr, die ihnen genützt hätten, im Gegenteil.

Ohne es vielleicht wirklich zu wollen, fast widerstrebend, führte er die kleine Tüte zum Mund, ließ das Pulver auf die Zunge rinnen und schluckte es dann hinunter. Auch die Tüte selbst zerkaute und verschluckte er.

Dann ließ er sich auf die Pritsche gleiten. Er kam gar nicht mehr dazu, noch etwas zu denken. Augenblicklich rissen Krämpfe ihn hoch, tausend Pfeile schienen sich durch seinen Körper zu bohren, er bäumte sich noch einmal auf, dann war alles aus.

2

In New York war es Samstagabend, und oben in Spanish Harlem zogen Tausende von Puertoricanern, Kubanern, Mexikanern und Spaniern mit ihren Mädchen durch die Tanzlokale. In den 174 Blocks des „Barrios" waren an die 200 000 Menschen zusammengepfercht, aber heute, als die Bands in unzähligen Tanzclubs Padianga, Mambo und Bossa Nova spielten, vergaßen sie den drückenden Alltag. Von der 96 th zur 125 th Street und von der 5 th Avenue zum East River hinüber wurde gefeiert.

Im „Club Caborrojeno, an der Ecke Broadway und 145th Street, spielten die bekannten „Toreros, sieben elegante Musiker in mattblauen Smokings. Sie glänzten vor Schweiß. Ein drahtiger, ungemein männlicher Kubaner bearbeitete wie von Sinnen seine Trommel, der Posaunist und der Trompeter standen ihm kaum nach. Die farbenprächtig gekleideten jungen Leute auf der Tanzfläche verfielen in einen wilden, hektischen Tanz.

„Dieser verdammte Lärm!"

Die vier Personen, die in der ersten Etage des Clubs in einem kleinen Zimmer bei einer Flasche Rotwein zusammensaßen, konnten kaum noch ihr eigenes Wort verstehen.

„Sagen Sie bloß, wir hätten keinen besseren Platz finden können!" Lee Culliford schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Nein! Der Mann, der Culliford gegenübersaß, lächelte milde. „Wir hätten uns ja auch ins Gästezimmer der CIA setzen können.

Culliford schwieg, aber seine blass-blauen Augen funkelten noch um einige Grade bösartiger. Er rülpste zweimal, um den anderen anzuzeigen, dass er ein starker und unabhängiger Mann war, der sich von keinem vorschreiben ließ, was er zu sagen hatte, auch vor diesem scheinbar allmächtigen Broom nicht.

Robert Broom nahm Culliford diese Reaktion nicht weiter übel. Dazu kannte er ihn zu genau. Brooms Kopf war ein ausgezeichnet funktionierender kleiner Computer, und Cullifords Daten waren eindeutig: Lee Culliford, geboren am 1. 2.1986 in Clavburne (Texas), einem kleinen Nest am Trinity River. Der Vater, ein Kidnapper und Raubmörder, 1944 in San Francisco hingerichtet, die Mutter 1941 mit einem Croupier aus Las Vegas nach Rio de Janeiro durchgebrannt und seither verschollen. Aufgewachsen in Kinderheimen und Erziehungsanstalten, und dann mit siebzehn Jahren in die Fänge der Cosa-Nostra-Leute geraten, hatte er sich zu einem Gangster und Killer von Format entwickelt. Er brauchte aber selten seine Special zu ziehen, schon mit seinem massigen Körper und dem kantigen, rötlich schimmernden Gesicht vermochte er seine Widersacher ausreichend einzuschüchtern.

„Heh, was ist denn nun?, brummte er jetzt, während er sich mit dem rechten Zeigefinger im Mund herumstocherte. „Wann geht’s denn nun endlich los?

„Wenn die Zeit gekommen ist, erwiderte Robert Broom gelassen. Broom war – wie immer – Herr der Lage. Er hatte die anderen vollkommen in der Hand, denn einmal war er hier der Auftraggeber, der später auch das Geld zu verteilen hatte, und zum anderen kannte er alle ihre Verbrechen und Vergehen und konnte sie jederzeit hinter schwedische Gardinen bringen. Sie aber wussten nur, dass er Robert Broom hieß und mächtige Hintermänner hatte. Und daran stimmte auch nur das mit den Hintermännern, denn „Robert Broom war natürlich einer der vielen Decknamen dieses Mannes. Auch sein eigener Chef wusste nur, dass er aus London stammte, früher Erdölingenieur war und einem Mädchen namens „Goldlotos" rettungslos verfallen war. Er mochte fünfunddreißig Jahre alt sein, was man bei seinem knabenhaften, feingliedrigen Körper kaum glauben konnte. Der graue Glencheckanzug aus der Londoner Bond Street war ihm ein wenig zu groß. Sein Kopf war auffallend klein und kantig, eine vergoldete Brille gab seinem puppenhaften Gesicht eine freundliche Note. Wer ihn kannte, mochte ihn für den Feuilleton-Redakteur einer Provinzzeitung halten.

„Der Wein ist gut, sagte Broom jetzt und hielt den Kelch mit der roten Flüssigkeit gegen die Tischlampe. „Ein echter Castillo de Tiebas, einer der Könige des spanischen Rotweins. Prost, Miss Sandy ...

Das mit Miss Sandy angesprochene Mädchen war nicht nur das Maskottchen der McCalmon-Gang, sondern auch die Freundin des Bosses. Sie hieß Sandy Perkins, war gerade einundzwanzig Jahre alt geworden und erfreute die anwesenden Männer mit einer vollschlanken, etwas molligen Figur. Sie hatte ein breites, slawisches Gesicht, das von langen blonden Haaren umrahmt war. Sie sah, besonders wenn sie lachte, noch sehr kindlich aus, obwohl die scharfen Falten über den Mundwinkeln anzeigten, dass sie ein ausschweifendes Leben gewöhnt war. Sandy trug ein türkisfarbenes Kostüm a la Chanel aus Kunstseidenkrepp, das ihr ganz ausgezeichnet stand. Ihr Parfüm, „Jolie Madame" aus Paris, erfüllte den ganzen Raum mit der süßen Herbheit des Jasmins.

„Auf Ihr Wohl, Mr. Broom", sagte sie mit ihrer rauchigen, ziemlich aufreizenden Stimme.

Nachdem sie getrunken hatten, ließ Broom noch einmal seinen abschätzenden Blick über die Gesichter seiner drei scheinbar so harmlosen Gäste schweifen. Neben Culliford, dem Stellvertreter McCalmons, saß ein baumlanger, dunkelhaariger