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Tiefe Wolken

Tiefe Wolken

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Tiefe Wolken

Length:
212 pages
Publisher:
Released:
Sep 16, 2021
ISBN:
9781071520925
Format:
Book

Description

Gabriele ist eine Schauspielerin, die, als das Ende ihrer Karriere naht, wieder die Stadt aufsucht, in der sie ihre Jugend verbracht hat. Ihr unerwarteter Besuch trifft zwei ihrer alten Freundinnen unvorbereitet, sie betrachten ihn als eine Art Flucht aus ihren grauen, eintönigen Tagen. Die Schauspielerin selbst kann anhand ihrer Leben auf jenes schließen, das sie selbst erwartet hätte. Auf der anderen Seite war ihr der Ruhm vierzig Jahre lang eine Last, und nur eines ist offensichtlich: Die Reise hat alte Leidenschaften wiedererweckt und das Leben aller verändert, die Gabriele wiedergesehen hat.

“Was uns Núria Añó in ihrem Buch beschreibt, ist ein Stück wirkliches Leben, das sie mit dem feinen Skalpell ihrer Erzählung seziert. In dem Werk steckt eine große Arbeit hinsichtlich Sprache und Stil. Die Novelle ist nicht einfach, weder thematisch, noch stilistisch, aber sehr interessant. Sie stellt meiner Meinung nach eines der großen Versprechen der zeitgenössischen, katalanischen Prosa dar.” –L'Ull crític, Nr. 15-16

Publisher:
Released:
Sep 16, 2021
ISBN:
9781071520925
Format:
Book

About the author

Núria Añó (1973) is a Catalan/Spanish novelist and biographer. Her first novel "Els nens de l’Elisa" was third among the finalists for the 24th Ramon Llull Prize and was published in 2006. "L’escriptora morta" [The Dead Writer, 2020], in 2008; "Núvols baixos" [Lowering Clouds, 2020], in 2009, and "La mirada del fill", in 2012. Her most recent work "El salón de los artistas exiliados en California" [The Salon of Exiled Artists in California] (2020) is a biography of screenwriter Salka Viertel, a Jewish salonnière and well-known in Hollywood in the thirties as a specialist on Greta Garbo scripts.Some of her novels, short stories and articles are translated into Spanish, French, English, Italian, German, Polish, Chinese, Latvian, Portuguese, Dutch, Greek and Arabic.Añó’s writing focus on the characters’ psychology, most of them antiheroes. The characters in her books are the most important due to an introspection, a reflection, not sentimental, but feminine. Her novels cover a multitude of topics, treat actual and socially relevant problems such as injustices or poor communication between people. Frequently, the core of her stories remains unexplained. Añó asks the reader to discover the deeper meaning and to become involved in the events presented.Literary Prizes/ Awards:2020. Awarded at International Writing Program in China.2019. Awarded at International Writers’ and Translators’ House in Latvia.2018. Fourth prize of the 5th Shanghai Get-together Writing Contest.2018. Selected for a literary residence in Krakow UNESCO City of Literature, Poland.2017. Awarded at the International Writers’ and Translators’ Center of Rhodes in Greece.2017. Awarded at the Baltic Centre for Writers and Translators in Sweden.2016. Awarded at the Shanghai Writing Program, hosted by the Shanghai Writer’s Association.2016. Awarded by the Culture Association Nuoren Voiman Liitto to be a resident at Villa Sarkia in Finland.2004. Third among the finalists for the 24th Ramon Llull Prize for Catalan Literature.1997. Finalist for the 8th Mercè Rodoreda Prize for Short Stories.1996. Awarded the 18th Joan Fuster Prize for Fiction.


Book Preview

Tiefe Wolken - Núria Añó

Núria Añó

Tiefe Wolken

übersetzt von Martina Ullrich

Tiefe Wolken

von Núria Añó

Copyright © 2019 Núria Añó

Die Originalausgabe ercheint unter dem Titel Núvols baixos © 2009

www.nuriaanyo.com

Alle Rechte vorbehalten

Herausgegeben von Babelcube, Inc.

www.babelcube.com

Übersetzt von Martina Ullrich

Einband Design © 2019 Núria Añó. Foto von Birgit Eilenberger. Zeichnung von Gordon Johnson

Babelcube Books und Babelcube sind Schutzmarken der Babelcube Inc.

Inhaltsverzeichnis

Title page

Copyright

Tiefe Wolken

Über die Autorin

Weitere Titel der Autorin

Der Blick des Sohnes

Die tote Schriftstellerin

Der Salon der Exilkünstler in Kalifornien

Núria Añó

Tiefe Wolken

Marianne saß in ihrem Lehnstuhl, als die Glocke läutete. Ihre Füße waren langsamer als sonst, als ob sie schon lange Pantoffeln tragen würde und sich nicht daran erinnerte, dass man ihr heute Schuhe angezogen hatte, sie sehen geputzt aus; oder dieser Absatz, drei fingerbreit hoch, wie viele Schritte hat sie wohl in diesem Schuhwerk getan, und nun sehen Sie, jetzt erinnert sie sich nicht einmal daran, wie sie hierhergekommen ist, auch wenn der Schuh schon ihre Zehen quetscht, er ist so spitz. Wie sie auf die Zeit achtet, sie könnte die Wanduhr eine ganze Weile betrachten, bis sie bemerken würde, dass die Frau, die sie gerade aufgefordert haben, einzutreten, zu spät kommt. Sie wüsste es nicht in Worte zu kleiden, aber 40 Jahre ohne Wiedersehen… Ist es denn so schwer, in Verbindung zu bleiben? Und was ist jetzt los, die Besucherin begrüßt die Familienangehörigen, verschwendet Zeit, als ob sie sich nicht an sie erinnere, denkt Marianne, während sie den Rücken krümmt und den Saum ihres Rockes herunterstreicht. Im gleichen Moment bewegt die Schauspielerin eine Hand zur Tür, und jeder würde sehen, dass sie eintreten will, aber sie wird aufgehalten auf der anderen Seite des Glases. Wie viele Wörter könnten sie sich gegenseitig ersparen, wie war die Reise, wie gut du aussiehst, und ihre Handfläche gleitet über das Glas zum Türknauf, sie müsste sich entscheiden, ob sie hineingehen will oder nicht. Denn die Tochter hat schon Mist gebaut, obwohl Marianne genau das nicht wollte, was weiß ich; hier sitzt eine Frau mit der Hoffnung, nur für einen Tag den Namen dieser Krankheit nicht zu hören, aber was passiert ist, ist passiert. Nicht einmal stehend könnte sie sich gegen jenes Wort wehren, aber wie soll sie sich denn mitteilen; der Arm der Schauspielerin zeigt sich wieder sehr nahe am Glas, auch wenn sie sie mit ihren Dummheiten aufhalten, sie hätte den Preis verdient für was weiß ich welchen Film. C’est la vie, bemerkt die andere und legt ihre Hand auf den Türknauf. Und wo Sie doch die Gelegenheit hatten, den begehrtesten Männern zu begegnen, warum sollten Sie es verheimlichen, so redet die Tochter der Greisin, schon wenn ich sie nur sehe, dann prickelt es in mir. Wirklich? Bei mir nicht, stellt die Schauspielerin klar. Die gleich darauf die Tür öffnet und die andere auf den Füßen stehend antrifft. Das wird auch Zeit, ruft Marianne aus und macht einen Schritt vorwärts. Es wurde mehr als Zeit, stellt Gabriele fest und nimmt sie in den Arm.

Und warum bleiben Sie nicht hier, bemerkt Mariannes Tochter, es dauert doch nur einen Moment, ein Zimmer herzurichten. Gabriele ist plötzlich da, in einer Ecke sitzend, als sie das hört, ihre Hand hält die Mariannes, als ob Wörter überflüssig wären, stattdessen sind ihre Augen sehr wach, da ist Glanz zu beiden Seiten, aber die Schauspielerin zerstört den Moment, dreht leicht den Kopf und teilt mit, dass sie schon in einem Hotel untergekommen ist. In einem Hotel, und was soll das, ruft die Tochter aus, wo Sie doch hierbleiben können, solange Sie wollen! Indessen wendet sich Gabriele wieder der Hand Mariannes zu, führt sie an ihr Gesicht, eine Hand, die sie küsst. Ich werde nur drei Tage bleiben, die Schauspielerin dreht sich wieder um, wie Sie wissen, es gibt letzten Endes immer Dinge zu erledigen, Projekte. Ja, Marianne kann sich vorstellen, was das bedeutet. Ihre Projekte verschwimmen, wie Dampf aus einem Druckkochtopf, eh sie sich versieht, sind sie verschwunden. Und die Tochter redet: ich bereite Ihr Zimmer vor. Und der Enkel: drauf geschissen, gib ihr deins. Und die Tochter: halt den Mund, siehst du denn nicht, dass sie uns hören kann? Wo doch sogar die Schauspielerin die Beine in ihre Richtung übereinanderschlägt und bestätigt, ja, es ist bezahlt, das Hotel. Arthur ist tot, sagt Marianne plötzlich. Ich weiß, bestätigt Gabriele, aber schon seit Jahren. Ja, mit leiser Stimme die andere, sie schaut jetzt aus dem Fenster und seufzt. Wenn du Licht in der Garage siehst, hebt sie nach kurzem Schweigen wieder an, sag Arthur, er soll reinkommen, er verbringt sein ganzes Leben da unten, wir sehen uns kaum. Da steht Gabriele vom Sofa auf und versetzt: aber du lebst jetzt nicht mehr in jenem Haus. Fragt die andere, ach, nein?

Sonntagnachmittag, könnte Gabriele sagen, als sie aus dem Wohnblock tritt und nach oben schaut. Auf dem letzten Treppenabsatz zweifelt sie noch, ob sie in das Hotel gehen soll. Aber der nächste Schritt entscheidet sich für die andere Richtung. Ungeschützt ihr Gesicht, als ob sie bessere Tage erwartet hätte, als es tatsächlich sind. Wahrscheinlich, weil diese Stadt etwas verherrlichte Erinnerungen beherbergt, als ob der Lauf der Jahre viele graue Tage aus dem Kalender getilgt hätte, und jetzt müsste sie den Kragen hochschlagen und durch die Nase atmen, während sie diese Stadt, die so anders ist als die in der Erinnerung aus ihrer Kindheit, betrachtet. Ich weiß nicht, möglicherweise erwartete sie Häuser und findet Wolkenkratzer, und wo freie Räume waren, wurde übereinandergestapelt, also ob es auf dieser Erde nicht genug wüste Gegenden zum Bebauen gäbe. Man kann annehmen, dass sie keine Architektin ist, auch nicht sein wollte, sie wurde stattdessen Schauspielerin, obwohl sie jetzt wer weiß schon in welche Richtung geht. Entweder sie lässt sich überraschen wie sie ziellos durch die Straßen streift, oder an einer Ampel wartet, als ob diese Stadt nicht mehr dieselbe wäre, stattdessen nur viele neue Straßenzüge. Gleichwohl, sie hebt eine Hand, schon hält irgendein ein Taxi, es ist egal, sie hatte nicht vorausgesehen, sich hier zu verlaufen.

Gabriele, ruft Silvia, kaum hat sie die Tür geöffnet; da redet sie sonst wie ein Wasserfall und bringt jetzt, schon halb in ihren Armen, nur heraus: du hättest mir früher Bescheid geben sollen. Gleich tritt die Schauspielerin ein, hängt ihren Mantel an die Garderobe, dann geht sie in das Wohnzimmer, reibt die Hände und sagt: wenn ich es lange geplant hätte, wäre ich nicht gekommen. Ja, schließlich lädt Silvia sie ein, Platz zu nehmen, die andere setzt sich, sie sind sich sehr nah am Tisch, wo beide die Arme verschränken, die eine mit hängendem Kopf. Was ist los?, fragt Gabriele und hebt das Kinn. Nichts, sagt die andere. Sie steht auf und holt zwei Gläser aus dem Schrank, dann schenkt sie ohne Eile einen Likör ein. Natürlich nicht, versetzt die Schauspielerin und senkt den Blick. Und Silvia bricht in Tränen aus; es scheint mir ein schlechter Moment, ausgerechnet jetzt zu weinen, wenn auch in ihrer Schürze ein Taschentuch steckt, gleich darauf klagt sie, ich dachte schon, du erinnerst dich nicht an mich, oh, warum solltest du auch? Du hast ein tolles Leben, hast alles, was du wolltest, zweimal verheiratet, zweimal geschieden, und mit was für Männern! Tausendmal besser als meiner, aber hier ist alles wie immer, wie eine stehengebliebene Uhr, du hast gut daran getan, wegzugehen, ich habe es dir einmal gesagt, und jetzt wieder, hier gibt es nichts als Elend. Daran erinnere ich mich nicht, bemerkt die Schauspielerin nach einem Schluck. Ein Lächeln huscht auch über Silvias Gesicht, dann trinkt sie. Geht es dir besser?, fragt Gabriele. Besser, wiederholt die Andere, aber geht es dir gut, fühlst du dich wohl, willst du etwas essen? Die Schauspielerin nickt und schüttelt gleichzeitig den Kopf, seltsam, dass Silvia diese wortlose Kommunikation sofort versteht, und ich habe die erste Kopfbewegung verpasst habe. Aber worauf wollte ich hinaus, ach ja, da taucht von irgendwo her Silvias Ehemann auf, und was sieht er da am Tisch! Man hat ja noch nie an Wunder geglaubt, aber wenn er jetzt nicht umfällt, dann nur, weil er Gabriele schon in den Armen hält. Er scheint etwas nervös zu sein, er hatte nicht erwartet, dieser Frau von der Leinwand, von der seine Gattin erzählte, dass sie hier irgendwann gewohnt hat, drei oder vier Blocks weiter unten, einmal so nahe zu sein. Und so wie die Dinge stehen, er erinnert sich nicht an sie als Mädchen, für ihn ist sie unsterblich wegen was weiß ich welchen Films, er wird es wissen, bei mehr als einer Gelegenheit diente sie ihm als Wichsvorlage, während seine Frau schlief. Oder vielleicht auch nicht schlief? Ein Mann, der damit sozusagen eine enge Beziehung mit Gabriele hatte. Auf intime Weise, auch wenn er sie heute von Nahem betrachtet und angesichts der Grausamkeit der Zeit Tränen vergießen wollte. Nicht einmal ein bösartiger Schlag von hinten hätte das gleiche Ergebnis. Silvia, sagt der Ehemann, bleib nur sitzen, ich kümmere mich um das Abendessen. Und was kann man alles erahnen in deren überraschten Blick, als ob sie das gerade Gehörte nicht glauben könnte und sich mit ihren eigenen Augen dessen versichern müsste, was um sie herum vorgeht, und wie sie, als sie sich umdreht sieht, wie die Schauspielerin schon wieder ihren Mantel vom Bügel nimmt und fragt: sehen wir uns morgen? Zwar sinnt Silvia ein paar Sekunden nach, doch dann bestimmt sie: ruf mich am Vormittag an.

Warum ist Gabriele denn nicht zum Abendessen geblieben?, fragt ihr Ehemann Silvia. Glaubst du etwa, fährt sie ihn an, dass man jemandem wie ihr vier Bissen halbgares Gemüse und ein verbranntes Schnitzel vorsetzen könnte? Die kann auch nicht einfach von jetzt auf gleich hier auftauchen, am Sonntag, einfach so, und eine Einladung zum Abendessen erwarten. Du weißt doch, was wir für heute dahatten, hebt Silvia wieder an, sie ist bestimmt daran gewöhnt, was weiß ich zu essen, Kaviar; und wir sind ein älteres Ehepaar, das mit einem einzigen Gehalt auskommen muss. Wenn du mich wenigstens hättest arbeiten lassen, als Zeit war, dann hätten wir jetzt zwei Einkommen, und Gabriele zum Abendessen ins Restaurant einladen können. Ich hatte noch daran gedacht, aber gleich gewusst, dass wir dann diesen Monat nicht mehr hinkommen würden. Mal sehen, wie lange sie bleibt, diese Frau ist gleich wieder weg, ich hoffe für sie, sie bleibt nicht zu lange, ich möchte nicht, dass sie sieht, wie ihre Freundin ihre Tage verschwendet. Oh, aber bestimmt merkt sie es, wenn sie mitkriegt, wie ich ständig nur mit den Enkeln unterwegs bin! Ich weiß nicht, warum sie gekommen ist, das Erste, was sie mir gesagt hat, war, dass wenn sie die Vorhänge öffnete, würde sie eine Alte sehen, die aus der nächsten Telefonzelle winkt, und das im gleichen Moment, als ich auch meine Hand hob und dachte: Erde, tu dich auf! Und dann kommt sie mir damit, geht und sagt, dass sie gerade Marianne besucht hat, wo doch ich in Wirklichkeit ihre Freundin war, sie war älter als wir, sie war ja schon verlobt, als wir noch zur Schule gingen. Aber wenn sie Marianne so liebt, kommt sie zum Ende und holt sich ein Glas Wasser, ihren Körper hat sie ja da.

Gabriele ist in ihrem Hotelzimmer, das Telefon in der Hand. Wer auch immer antwortet nicht. So muss sie dann weitermachen mit dem, was sie tat, entscheidet sich, hier zu speisen, in der Intimität zweier Lampen am Kopfende des Bettes und des ununterbrochenen farbigen Geflackers des Fernsehers. So oft sie auch die Augen öffnet oder schließt, sie befindet sich inmitten einer Stadt, die sie seit langem nicht betreten hat. Eine Ewigkeit. Antworte, antworte, flüstert sie wieder in den Hörer. Und schließlich ertönt jene Stimme, die sie ohne sich zu beklagen am anderen Ende festhalten will. Hier ist die Telefonnummer dieses Hotels, teilt die Schauspielerin mit einer Visitenkarte in der Hand ihrem Manager mit, wenn du mich nicht findest, das ist das Fax der Rezeption. Wann kaufst du dir endlich ein Handy?, unterbricht sie der junge Mann. Würdest du mich ernster nehmen, wenn ich eins hätte?, gibt Gabriele plötzlich hitzig zurück. Und wie es mich anmacht, wenn du dich ärgerst. Die Schauspielerin presst den Apparat an ihr Ohr, als ob alles, was er ihr sagte, wichtig wäre; gleichzeitig verdreht sie die Augen nach oben, gerade sie würde sich wünschen, gewisse Dinge zu hören, jetzt lauscht sie nur, ja und nein, das hängt davon ab. Eine moderne Frau, Gabriele, die zum Bett hinüber blickt und einen Ausdruck des Abscheus in ihre Mundwinkel legt, als ob sie viel zurückgehaltene Wut in sich trägt, aber doch den Gesprächsfaden unter kokettem Gelächter weiterspinnen kann; alles verschwindet von ihrem Gesicht, kaum hat sie aufgelegt. Sie setzt einen Fuß vom Bett auf den Boden, nimmt ihren Kalender aus der Tasche und betrachtet die Zukunft auf vielen weißen Seiten. Weiß wie das Nachthemd, das jemand Marianne über den Kopf zieht. Oder die Watte, mit der Silvia zwei Schichten Lack von ihren Nägeln wischt, mit Azeton, um Zeit zu sparen. Zeit, die für Marianne in einem fremden Bett vergeht, gefesselt mit einem Lederriemen, damit sie nicht flieht, nicht fällt, sich nicht einmal bewegt. Eine Frau, der in einem lichten Moment bewusst wird, welche Mühe sie macht, und weint. Wie ihrerseits Gabriele.

Man hört schon den Enkel, der an der Reihe ist, der kleinste, kaum ist er angekommen, kreischt er vor Freude. Seine neunjährige Schwester begleitet ihn, sie ist alt genug, sie könnte sich um den Kleinen kümmern, die Schule ist so weit nicht weg. Silvia lässt sie ein. Die beiden frühstücken im Haus ihrer Großeltern, sie sind so lieb, haben immer etwas zu erzählen. Silvias Tochter kommt auch herein und lässt nebenbei fallen, sie hätte einen Arzttermin für den Jungen ausgemacht, er hustet und ist verschleimt, sag ihm, er soll ihn gut untersuchen, hui, ich komme zu spät. Ja, Silvia und ihr Mann kennen dieses hui nur zu gut. Eine ist weg. Der Rest bleibt am Tisch, wo eine weitere Flasche Milch zur Neige geht. Ich gehe dann, sagt einer nach dem anderen und sie stehen von ihren Stühlen auf. Aber es ist nicht wichtig, die Enkel füllen die Herzen mit Jugend, wie ein Frühling nach einem langen Winterschlaf, wenn die Arme für eine Umarmung lang werden wie die einer Vogelscheuche. So, wie Silvias Ehemann sie ausstrecken würde, um Gabrieles Taille zu umschlingen, wenn sie sich anfassen ließe. Ein Mann, der gestern erst die Gelegenheit hatte und heute die Scherben mit Besen und Schaufel zusammenfegen könnte. Nein, er entspricht nicht Gabrieles Stil. Auch seine täglich harte Arbeit ertragenden Hände könnten nicht konkurrieren mit den zarten Händen dieser Frau, die gestern eine Hand auf ihre Schulter gelegt hatte, ja, als sie ihm einen Kuss auf jede Wange gab. Wenn er das heute auf der Arbeit erzählte, niemand würde ihm glauben. Außerdem kämen dann Sätze wie: ja, klar, Mann. Gabriele Bates! Die diesen und jenen Film gemacht hat, oh je, wieso kann ich mich nicht erinnern, sagt mir den Titel von einem, nein, nicht einem so Neuen, mal sehen, vielleicht kommen wir gemeinsam drauf. Und dann würden sie dastehen, wenn er ihnen einfiel, mit hängendem Unterkiefer, als ob sich jener Titel nach altem Film anhören würde. Und nach langem Film, ergänzt ein anderer. Los, macht jetzt weiter, diese Arbeit hat es in sich, Pausen sind nicht drin. Nicht einmal, wenn er erschöpft nach Hause kommt, ruht man sich aus. Stets kommt eine neue Schicht nach der seinen. Die Sache ist die, Silvias Ehemann bewegt Kilo um Kilo Gewichte mit der Maschine und plötzlich bemerkt er, dass er lieber das tut, als zu Hause zu sein.

Gabriele kommt zu dem Park, wo sie mit Silvia verabredet ist. Gerade hat sie sie von Weitem gesehen, sie hebt einen Arm, auch wenn sie hier allein ist mit einem Enkel, den sie aus dem Kinderwagen hebt. Die Schauspielerin geht auf das Kind zu, spricht es mit einem Lächeln an, doch es scheint nur auf seine Befreiung gewartet zu haben und marschiert zu einer Schaukel. Gabriele lässt sich auf die Bank nieder, sie trägt eine Bluse von intensivem Blau mit einer Art Borte an den Manschetten, die unter dem hellen Mantel hervorscheint. Auch die weiten Hosen und die Schuhe mit kleinem Absatz können keinem Teil, das die andere trägt, Konkurrenz machen, denkt Silvia, während sie ihre Finger in die Tasche presst. Das ist der Kleinste, erzählt sie als gute Großmutter, aber meine Tochter hat noch zwei, eine von neun ist sehr fleißig in der Schule, und der Älteste ist siebzehn, ein Gauner, sie liegen im Alter weit auseinander, als ob sie sich nicht alle gleichzeitig getraut hätten, und siehst du, auf den hier muss ich den ganzen Tag aufpassen, aus Vorsicht, tatsächlich geht er in den Kindergarten, aber weil sie ihn husten gehört haben, sollte ich ihn mitnehmen, als ob ich nichts anderes zu tun hätte, na schön, ich freue mich, dass du hier bist. Ich auch, antwortet Gabriele, es ist wirklich bewundernswert, dass du Enkel hast, ich konnte keine Kinder bekommen, da war immer irgendein Projekt, und später, als sich alles beruhigte, ging es nicht mehr, ich bin zu spät gekommen.

Für einen Moment kehrt das Kind in die Arme der Großmutter zurück, sie nutzt die Gelegenheit und zieht ihm den Schal zurecht. Ein Kind, das den Rock der

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