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PIERRE TEILHARD DE CHARDIN

DER GÖTTLICHE BEREICH
EIN ENTWURF DES INNEREN LEBENS

« SICUT DEUS DILEXIT MUNDUM »1
Jenen gewidmet, die die Welt lieben

«Der Göttliche Bereich» ist unter dem Originaltitel «Le Milieu Divin» als Band IV der Œuvres de Pierre Teilhard de Chardin in den Éditions du Seuil erschienen. © Éditions du Seuil, Paris, 1957 Die Übersetzung besorgte Josef Vital Kopp. Sie wurde von den Inhabern der Französischen Originalrechte durchgesehen und autorisiert. Dritte Auflage 1963 © Walter-Verlag AG Olten und Freiburg im Breisgau, 1962
«So sehr hat Gott die Welt geliebt.» Joh 3, 16.

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INHALT
Hinweis ................................................................................................................................................................ 4 Wichtige Bemerkung ...................................................................................................................................... 4 Einleitung ............................................................................................................................................................ 5 Erster Teil ........................................................................................................................................................... 8 Die Vergöttlichung des Tätigseins ......................................................................................................... 8 Die Tatsache steht außer Zweifel; ihre Erklärung aber ist schwierig. Für den Christen stellt sich das Problem, wie er sein Handeln heilige .............................................................................................8 Eine unvollständige Lösung: Das menschliche Handeln ist wertvoll, es bezieht seinen Wert aber nur von der Absicht, in der es vollzogen wird ................................................................................ 10 Die endgültige Lösung: Jede Anstrengung trägt dazu bei, die Welt ‹in Christo Jesu› zu vollenden .................................................................................................................................................................. 12 a] In unserem Weltall ist jede Seele für Gott da in Unserem Herrn ............................................. 13 b] Und nun – so haben wir beigefügt –: im Weltall, wo jeder Geist in Unserem Herrn auf Gott zustrebt, ist alles Wahrnehmbare für den Geist da .................................................................. 13 c] Wir können nun den Obersatz und den Untersatz unseres Syllogismus miteinander verbinden, um ihren Zusammenhang zu erfassen, und aus ihnen die Folgerung ziehen... 15 Die Vereinigung im Handeln ............................................................................................................................. 16 Die christliche Vollendung der menschlichen Anstrengung ............................................................... 17 a] Die Heiligung der menschlichen Anstrengung ................................................................................ 17 b] Die Vermenschlichung der christlichen Anstrengung ................................................................. 19 Die Loslösung durch das Handeln .................................................................................................................. 21 Zweiter Teil ..................................................................................................................................................... 23 Die Vergöttlichung des Erleidens ....................................................................................................... 23 Ausmaß, Tiefe und verschiedene Formen des menschlichen Erleidens ........................................ 23 Das Erleiden des Wachstums und die beiden Hände Gottes ............................................................... 24 Das Erleiden der Minderung ............................................................................................................................. 27 a] Der Kampf mit Gott gegen das Übel ..................................................................................................... 29 b] Unsere scheinbare Niederlage und ihre Umwandlung ................................................................ 29 c] Die Vereinigung durch die Minderung................................................................................................ 32 d] Die wahre Ergebung................................................................................................................................... 33 Anmerkung der Herausgeber ........................................................................................................................... 35 Schlussfolgerung aus den zwei ersten Teilen ..................................................................................... 37 Einige Zusammenfassende Ansichten über die christliche Askese ........................................ 37 1. Verhaftung und Loslösung ............................................................................................................................ 37 a] Entwickelt euch zuerst, sagt das Christentum dem Christen .................................................... 38 b] «Und wenn ihr etwas besitzt», sagt Christus im Evangelium, «verlaßt es und folget mir nach» ...................................................................................................................................................................... 38 c] So schließen sich im allgemeinen Rhythmus des christlichen Lebens Entfaltung und Verzicht, Verhaftung und Loslösung keineswegs aus. Im Gegenteil. Sie stehen im Einklang wie das Einatmen und Ausatmen der Luft im Spiel unserer Lungen. Sie sind die beiden Phasen im Atemholen unserer Seele oder, wenn man lieber will, die beiden Komponenten

3 jenes Antriebs, der die Seele immerfort auf den Dingen Fuß fassen läßt, damit sie die Dinge übersteige ............................................................................................................................................... 40 2. Der Sinn des Kreuzes ...................................................................................................................................... 41 Bemerkung der Herausgeber ........................................................................................................................... 43 3. Die geistige Potenz der Materie .................................................................................................................. 44 Dritter Teil....................................................................................................................................................... 48 Der göttliche Bereich............................................................................................................................... 48 Die Eigenschaften des Göttlichen Bereiches .............................................................................................. 48 Die Natur des Göttlichen Bereiches. Der universale Christus und die große Vereinigung ..... 53 Das Anwachsen des Göttlichen Bereiches ................................................................................................... 59 a] Das Erscheinen des Göttlichen Bereiches. Die Freude am Sein und das Durchschimmern Gottes ................................................................................................................................ 59 b] Die Fortschritte des Göttlichen Bereiches im einzelnen Menschen: Die tätigen Tugenden der Reinheit, des Glaubens und der Treue ....................................................................... 61 1. Die Reinheit ............................................................................................................................................... 62 2. Der Glaube.................................................................................................................................................. 63 3. Die Treue .................................................................................................................................................... 65 c] Die Fortschritte des Göttlichen Bereiches in der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Heiligen und die Liebe .................................................................................................................................... 67 1. Vorbemerkung über den Wert des Göttlichen Bereiches für den Einzelmenschen .... 67 2. Die Verdichtung des Göttlichen Bereiches durch die Liebe .................................................. 69 3. Die Finsternis draußen und die verlorenen Seelen .................................................................. 71 Epilog ................................................................................................................................................................. 74 Die Erwartung der Parusie.................................................................................................................... 74 Bemerkung der Herausgeber ................................................................................................................... 78

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HINWEIS
Wenn der Leser die folgenden Seiten in Inhalt und Form ganz begreifen will, darf er vor allem die Absicht nicht mißverstehen, in der sie geschrieben sind. Das Buch wendet sich nicht ausgesprochen an Christen, die in ihrem Glauben fest gegründet sind und von seinem Inhalt nichts zu lernen haben. Für die Unruhigen ist es geschrieben, in der Kirche und außerhalb, das heißt für jene, die statt sich der Kirche ganz zu übergeben, ihr nur am Rande angehören oder sich gar von ihr entfernen, indem sie hoffen, über sie hinauszuwachsen. Seit einem Jahrhundert hat sich das aus der wissenschaftlichen Erfahrung gewonnene Weltbild grundlegend gewandelt. Mit ihm hat sich aber auch das moralische Gewicht vieler Einzelteile verschoben. Infolge dieses Wandels nimmt das ‹menschliche religiöse Ideal› immer mehr eine Form und eine Sprache an, die auf den ersten Blick mit dem ‹christlichen religiösen Ideal› nicht mehr übereinzustimmen scheinen. Wer von Natur aus oder durch Erziehung vornehmlich auf die Stimmen der Erde zu lauschen gewohnt ist, hegt daher eine gewisse Befürchtung, er könnte sich untreu werden oder sich irgendwie herabwürdigen, wenn er auf der Linie des Evangeliums verharrt. Dieser Entwurf des Inneren Lebens oder der Inneren Schau will nun gewissermaßen greifbar bestätigen, daß diese Besorgnis unbegründet ist; denn was seit je den Grundbestand des Christentums ausmachte – Taufe, Kreuz und Eucharistie –, erlaubt uns auch heute eine Deutung, die den besten Bestrebungen unserer Zeit entspricht. Dies ist unser Ziel. Möge das Buch klarmachen, daß Christus – immer alt und immer neu – nicht aufgehört hat, ‹der Erste› in der Menschheit zu sein. (15)2

WICHTIGE BEMERKUNG
Man möge in diesem Buch keine vollständige Abhandlung der asketischen Theologie suchen. Es will nur die seelische Entfaltung beschreiben, wie sie in einer bestimmten Entwicklungsphase beobachtet wird. Eine Reihe innerer Durchblicke, die sich dem Menschen vielleicht im Laufe eines bescheidenen Anstiegs zur ‹Erleuchtung› Schritt für Schritt enthüllen – das ist alles, was wir hier aufzuzeichnen beabsichtigen. Man darf sich also nicht wundern, daß dem moralischen Übel, der Sünde, ein anscheinend so bescheidener Platz eingeräumt wird. Wir setzen nämlich voraus, der Mensch, mit dem wir uns beschäftigen, habe sich schon von schuldhaften Bestrebungen abgewendet. Man soll sich auch nicht beunruhigen, wenn nicht öfter ausdrücklich auf das Wirken der Gnade hingewiesen wird. Der hier untersuchte Gegenstand ist der gegenwärtige, konkrete, ‹in die Übernatur erhobene› Mensch – aber nur im Bereich seiner bewußten Psychologie genommen. Natur und Übernatur, göttlicher Einfluß und menschliches Handeln mußten also nicht ausdrücklich unterschieden werden. Auch wenn die Worte fehlen, ist die Sache doch überall

Anmerkung des Verfertigers der PDF: Tiefgestellte, in Klammer gesetzte Zahl bezeichnet die Seitennummer in der Druckausgabe.
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5 mitverstanden. Das Wissen um die Gnade, nicht nur als ein theoretisch anerkanntes Sein, sondern als lebendige Wirklichkeit, erfüllt die ganze Atmosphäre dieses Buches. Der Göttliche Bereich verlöre in der Tat für den ‹Mystiker› alle Größe und allen Geschmack, wenn dieser nicht mit seinem ganzen ‹teilhabenden› Sein, mit seiner ganzen ohne sein Verdienst gerechtfertigten Seele, mit seinem ganzen von Gott aufgerufenen und (17) gestärkten Willen fühlte, wie vollständig er jeglichen Halt im göttlichen Ozean verliert, so sehr verliert, daß ihm selbst schließlich in seinem Innersten für sein Handeln überhaupt keine Stütze mehr bleibt. (18)

EINLEITUNG
«In eo vivimus.»3 Die Bereicherung wie auch die Beunruhigung im religiösen Denken unserer Zeit rühren ohne Zweifel daher, daß sich die Größe und die Einheit der Welt um uns und in uns immer deutlicher offenbaren. – Um uns dehnen die Naturwissenschaften die Abgründe der Zeit und des Raumes unermeßlich aus und enthüllen dauernd neue Verbindungen zwischen den Bestandteilen des Universums. – In uns erwacht aus der Begeisterung über diese Entdeckungen eine ganze Welt von Verwandtschaften und einigenden Zuneigungen, die so alt sind wie die menschliche Seele selbst, die aber bis heute eher geträumt als gelebt wurden. Diese ganze Welt erwacht nun und nimmt Gestalt an. Überall auf einmal – bei wirklichen Denkern weise und abgestuft, bei den Halbgebildeten naiv oder snobistisch – erscheint das gleiche Streben nach einem umfassenderen und besser geordneten Einen hin. Alle ahnen unbekannte und auf neue Gebiete sich erstreckende Kräfte. Es gehört heute fast zu den Alltäglichkeiten, einen Menschen anzutreffen der ganz natürlich und ohne sich aufzuspielen im ausdrücklichen Bewußtsein lebt, ein Atom oder ein Bürger des Universums zu sein. Dieses kollektive Erwachen ist jenem Erwachen ähnliche, das dem einzelnen eines schönen Tages das Bewußtsein für die wahren Ausmaße seines Lebens öffnet. Darum hat es unausweichlich eine religiöse Rückwirkung auf alle Menschen. Es kann niederschlagen oder erheben. (19) Für die einen enthüllt sich die Welt als zu groß. In einem so gewaltigen Gefüge ist der Mensch verloren – er zählt nicht. Was uns von nun an noch zu tun bleibt, ist: nicht zu wissen und zu verschwinden. – Für die andern jedoch ist die Welt zu schön: sie, und nur sie allein muß man anbeten. Es gibt Christen – wie überhaupt Menschen –, die dieser Beklemmung oder Bezauberung noch entgehen. Die folgenden Seiten werden sie nicht interessieren. Aber es gibt andere, die über die Beunruhigung oder die Anziehung erschrecken, die das aufsteigende neue Gestirn unwiderstehlich auf sie ausübt. – Kann der Christus der Evangelien, den man in den Dimensionen einer Mittelmeerwelt sich vorstellt und liebt, noch unser unvorstellbar groß gewordenes Universum umfassen und dessen Mittelpunkt bilden? Ist die Welt nicht auf dem Weg, sich unbegrenzter, tiefer und strahlender zu zeigen als Jehova? Wird die Welt unsere Religion nicht sprengen? Wird sie nicht unsern Gott verfinstern?

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«In Ihm leben wir.» Apg 17, 28.

6 Vielleicht wagen es viele nicht, sich diese Unruhe einzugestehen, aber sie spüren sie lebhaft in ihrem Innersten. Ich weiß es, weil ich ihnen oft und überall begegnet bin. Für sie schreibe ich. Ich will also weder Metaphysik noch Apologetik treiben. Doch ich will mit jenen, die mir folgen wollen, auf die Agora zurückkehren. Dort wollen wir alle miteinander Paulus zuhören, wie er den Leuten vom Areopag sagt: «Gott, der den Menschen schuf, auf daß er Ihn finde – Gott, den unser Leben tastend zu fassen sucht –, dieser Gott ist überall gegenwärtig und berührbar wie (20) eine Atmosphäre, in die wir getaucht sind. Er umhüllt uns von allen Seiten, wie die Welt selbst. Was fehlt euch also, Ihn zu umfassen? Nur eines: ‹Ihn sehen›.»4 In diesem kleinen Buch wird man nur die ewige Lehre der Kirche finden, von einem Manne wiederholt, der leidenschaftlich mit seiner Zeit zu fühlen glaubt. Es möchte lehren, Gott überall zu sehen: in dem, was das Geheimste, Beständigste Endgültigste unserer Welt ist. Was diese Seiten enthalten und vorschlagen, ist also nur eine praktische Haltung – oder, genauer vielleicht, eine Erziehung der Augen. Wir wollen nicht diskutieren, nicht wahr? Stellt euch vielmehr hierher, wo ich stehe, und schaut! Dieser bevorzugte Punkt ist nicht ein schwieriger, nur einigen Auserwählten vorbehaltener Gipfel, sondern ein fester, durch zweitausend Jahre christlicher Erfahrung errichteter Standort. Von da aus werdet ihr auf ganz einfache Weise sehen, wie sich die Konjunktion der beiden Gestirne vollzieht, deren entgegengesetzte Anziehungskräfte euren Glauben verwirrten. Ohne Vermischung und ohne Verwechslung wird Gott, der wahre christliche Gott, vor euren Augen vom Universum Besitz ergreifen; vom Universum, von unserem heutigen Universum, von jenem Universum, das euch mit seiner gefährlichen Größe oder seiner heidnischen Schönheit erschreckte. Er wird es durchdringen, wie ein Strahl einen Kristall durchdringt; Er wird sich euch durch die ungeheuren Schichten des Geschaffenen hindurch überall faßbar und wirkend zeigen – ganz nahe und sehr fern zugleich. Wenn ihr imstande seid, euer geistiges Auge anzupassen (21) und diese Herrlichkeit zu schauen, werdet ihr, ich verspreche es euch, die grundlose Furch der aufsteigenden Erde gegenüber vergessen und nur noch ausrufen: «Noch größer, Herr, immer größer sei Dein Universum, damit ich es immer lebendiger und umfassender berühre und Dich so festhalte und von Dir gehalten werde.» Der Weg, den wir in unserer Darlegung einschlagen, ist sehr einfach. Weil im Felde der Erfahrung das Dasein jedes Menschen in zwei Teile zerfällt, in das, was er tut, und in das, was ihm widerfährt, wollen wir nacheinander den Bezirk unseres Tätigseins und den Bezirk unseres Erleidens ins Auge fassen. In beiden Bezirken werden wir zuerst feststellen, daß Gott seinem Versprechen gemäß uns wirklich in den Dingen erwartet, uns sogar aus ihnen entgegen kommt. Dann werden wir staunend erkennen, wie Er durch die Kundgebung Seiner erhabenen Gegenwart die Harmonie der menschlichen Haltung nicht stört, sondern ihr im Gegenteil die wahre Form und Vollendung bringt. Wenn es soweit ist, das heißt, wenn es sich zeigt, daß beide Hälften unseres Lebens – und daher die Ganzheit unserer Welt selbst – von Gott erfüllt sind, dann bleibt uns nur noch übrig, die wunderbaren Eigenschaften dieses überall – und doch

(FN 1) Der Verfasser ist am Ende seines Lebens in zwei autobiographischen Schriften auf das «Milieu Divin» zurückgekommen, wo er folgendermaßen entwickelt, was er unter ‹Ihn sehen› versteht: «Die Welt hat sich im Laufe meines ganzen Lebens, durch mein ganzes Leben allmählich entzündet, sich in meinen Augen entflammt, bis sie um mich herum vollständig aus dem Innern leuchtete… Wie ich es in der Berührung mit der Erde erfahren habe: die Diaphanie des Göttlichen im Herzen eines Universums, das brennend geworden ist… Christus. Sein Herz. Ein Feuer: imstande, alles zu durchdringen – und das sich allmählich überallhin ausbreitete.» [Anmerkung der Herausgeber] 4

7 jenseits von allem – sich ausbreitenden Bereichs aufzuzeichnen. In ihm allein sind wir geschaffen, um bereits jetzt voll atmen zu können. (22)

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ERSTER TEIL DIE VERGÖTTLICHUNG DES TÄTIGSEINS5
DAS TÄTIGSEIN
Von den beiden Hälften oder Komponenten, in die man unser Leben zerlegen kann, setzen wir den Bezirk des tätigen Wirkens und der Selbstentfaltung an die erste Stelle. Seine offensichtlich wichtige Rolle im Leben und der Wert, den wir selbst ihm beimessen, geben ihm den Vorrang. Aber denken wir daran, daß es keine Wirkung ohne Gegenwirkung gibt, und auch daran, daß alles in uns, nach seiner ursprünglichen Herkunft und in seinen tiefsten Schichten betrachtet, wie Augustinus sagt, «in nobis sine nobis»6 ist. Auch wenn wir anscheinend völlig aus eigenem Antrieb und eigener Kraft handeln, werden wir doch teilweise von den Dingen gelenkt, die wir zu beherrschen glauben. Wohl offenbart sich der Kern unserer selbständigen Persönlichkeit in der Betätigung unseres Schaffensdranges. Doch selbst dieser Schaffensdrang ist im Grunde genommen nur Gehorsam gegenüber dem Willen zu leben und zu wachsen, und weder die Stärke dieses Willens noch die unendliche Vielfalt seiner Betätigung liegen in unserer Hand. Auf die damit angedeuteten wesentlichen Arten menschlichen Erleidens werden wir zu Beginn des zweiten Teiles zurückkommen. Die einen haften im Innersten unseres Wesens, die andern in jenem Zusammenspiel allgemeiner Ursachen, das wir als ‹unsere Natur›, oder als ‹unseren Charakter›, oder als ‹unser gutes oder schlechtes Geschick› bezeichnen. Zunächst wollen wir das Leben in seinen unmittelbarsten und allergewöhnlichsten Erscheinungsformen nehmen. Jeder Mensch unterscheidet die Augenblicke, da er selbst handelt, genau von den Augenblicken, in denen an ihm gehandelt wird. Wir wollen (25) also den Zustand betrachten, in dem die eigenen Tätigkeit vorherrscht, und zu sehen versuchen, wie mit Hilfe unseres Tuns, und zwar in dessen ganzer Ausdehnung, das Göttliche uns bedrängt und Einlaß in unser Leben sucht. (26)

DIE TATSACHE STEHT AUßER ZWEIFEL; IHRE ERKLÄRUNG ABER IST SCHWIERIG. FÜR DEN CHRISTEN STELLT SICH DAS PROBLEM, WIE ER SEIN HANDELN HEILIGE
Nichts ist, dogmatisch gesehen, so sicher wie die Ansicht, daß das menschliche Handeln geheiligt werden könne. «Was immer ihr tut», sagt Paulus, «tut es im Namen Unseres Herrn Jesus Christus.» Es gehörte stets zu den vertrautesten christlichen Überlieferungen, daß die Redeweise: „Im Namen Unseres Herrn Jesus Christus» bedeutet: in inniger Verbindung mit Unserem Herrn Jesus Christus. Hat nicht Paulus selbst, nachdem er dazu aufgerufen hatte, «Christus anzuziehen», eine Reihe berühmter Ausdrücke in der ganzen Fülle ihrer Bedeutung oder gar in ihrem Wortlaut geprägt: «collaborare, compati, commori, con-ressuscitare»7? Darin drückt sich die Überzeugung aus, jedes menschliche Leben müsse sich auf irgendeine Art mit
(FN 2) Hier ist es angezeigt, das oben, am Ende des Hinweises, Gesagte nochmals besonders in Erinnerung zu rufen. Wenn wir von ‹Tätigsein› sprechen, ist dieser Ausdruck im gewöhnlichen Sinn des Wortes genommen. Es soll dabei nichts von dem geleugnet werden, was in den erfahrungsmäßig nicht faßbaren Bereichen der Seele zwischen Gnade und Willen vor sich geht. Im Gegenteil. Ich betone noch einmal, das macht das Göttlichste in Gott aus, daß wir außerhalb von Ihm absolut nichts sind. Die kleinste Beimischung von etwas, was an den Pelagianismus erinnern könnte, würde genügen, um für den ‹Sehenden› sofort allen Zauber des Göttlichen Bereichs zu zerstören. 6 «In uns ohne uns.» Augustinus. Vergleiche De praedestinatione sanctorum 3,7. 7 «Mit-arbeiten, Mit-leiden, Mit-sterben, Mit-auferstehen.» Vergleiche 2 Tim 1, 8; Phil 1, 27; Röm 8, 17; 1 Kor 12, 26; 2 Tim 2, 11; 2 Kor 7, 3; Eph 2, 6. 5

9 dem Leben Christi vereinigen. Unter den Tätigkeiten, um die es sich hier handelt, dürfen natürlich nicht bloß die religiösen und frommen Werke [Gebete, Fasten, Almosen usw.] verstanden werden. Die Kirche lehrt, das ganze menschliche Leben, bis in die sogenannten ‹natürlichsten› Gebiete hinein, könne geheiligt werden. «Ob ihr esset oder ob ihr trinket…», sagt Paulus. Die ganze Geschichte der Kirche ist dafür ein Beweis. Angefangen von den durch Wort und Beispiel der Päpste und Kirchenlehrer feierlich verkündeten (27) Richtlinien bis hinab zu den einfachen Ratschlägen, die jeder Priester in der Verborgenheit des Beichtstuhls erteilt, im gesamten Wirken hat die Kirche ihren umfassenden und bis ins einzelne wirksamen Einfluß stets ausgeübt, um der Pflichterfüllung im Berufe, dem Forschen nach der natürlichen Wahrheit und der Entfaltung menschlicher Tätigkeit Würde zu verleihen, sie emporzuheben und in Gott umzugestalten. Die Tatsache ist unbestreitbar. – Doch ihre Rechtmäßigkeit, das heißt, ihr logischer Zusammenhang mit den Grundzügen christlichen Denkens, ist nicht so unmittelbar klar. Warum stürzen die Perspektiven des Reiches Gottes, sobald sie aufleuchten, die Rangordnung und das Gleichgewicht unseres Tuns nicht um? Wie kann, wer an Himmel und Kreuz glaubt, dennoch fortfahren, ernstlich an den Wert der irdischen Beschäftigungen zu glauben? Wie kann der Gläubige sich aus innerstem christlichen Denken heraus an alle seine menschlichen Pflichten mit einer Hingabe heranmachen, als ob er sich Gott nähere? Dieses Wie ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich; und dieses Wie beunruhigt tatsächlich mehr Gemüter, als man glaubt. Das Problem stellt sich folgendermaßen: Den ehrwürdigsten Sätzen seines Glaubensbekenntnisses folgend nimmt der Christ an, sein Dasein auf Erden setze sich in einem Leben fort, dessen Freuden, dessen Leiden und dessen Wirklichkeit in gar keinem Vergleich zu den Verhältnissen unserer jetzigen Welt stünden. Dieser Gegensatz und dieses Mißverhältnis würden allein (28) schon genügen, um uns Überdruß und Gleichgültigkeit gegen die Erde einzuflößen. Dazu kommt aber noch die ausdrückliche Aufforderung, die lasterhafte oder hinfällige Welt zu verdammen oder zu verachten. «Die Vollkommenheit besteht in der Loslösung. Alles, was uns umgibt, ist verachtungswürdige Asche.» Immer wieder liest oder hört der Gläubige diese strengen, unermüdlich wiederholten Worte. Wie kann er sie mit dem andern Rat vereinen, den er ganz allgemein vom selben Meister empfangen hat und der schon von der Natur in sein Herz eingeschrieben ist: er müsse den Heiden ein Beispiel treuer Pflichterfüllung und des Eifers geben, ja ihnen sogar auf allen Wegen voranschreiten, die der menschlichen Tätigkeit offenstehen? Lassen wir die enfants terribles und die Faulenzer beiseite. Sie sind der Meinung, es sei verlorene Mühe, ein Wissen anzusammeln oder ein Wohlbefinden anzustreben, wie sie es nach ihrem letzten Atemzug ja doch hundertfach genießen werden; sie helfen daher bei der Lösung menschlicher Aufgaben [wie man ihnen unklugerweise gesagt hat – ich zitiere] nur «mit den Fingerspitzen». Es gibt aber Naturen – jeder ‹Seelenführer› ist ihnen schon begegnet –, für die sich diese Schwierigkeit bis zu einer beständig lähmenden Verwirrung steigert. Diese Menschen sehnen sich nach dem Ideal innerer Einheit und sind nun das Opfer eines echten geistigen Zwiespaltes. Einerseits lockt sie in ihrer Liebe zum Dasein und in ihrer Lebensfreude ein untrüglicher Instinkt zur Lust am Schaffen und Erkennen. Anderseits schreckt sie ein höheres Streben, Gott über alles zu lieben, davon ab, sich auch nur (29) irgendwie zu teilen und in ihren Gefühlen auch nur im geringsten von Gott abzuweichen. So wogen gerade in den geistigsten Bezirken ihres Wesens Strömung und Gegenströmung hin und her; und dieses Hin und Her wird von den zwei Gestirnen ausgelöst, die miteinander um die größere Anziehungskraft auf den Menschen wetteifern. Wir haben sie eingangs genannt: Gott und Welt. Welches von beiden wird sich auf die edelste Art verehren lassen?

10 Je nach der mehr oder weniger kraftvollen Natur des einzelnen endet der Konflikt auf eine der drei folgenden Arten: Im einen Fall drängt der Christ seine Lust an allem Greifbaren zurück und zwingt sich, seine Aufmerksamkeit einzig auf religiöse Gegenstände zu richten. Er versucht also, in einer Welt zu leben, die eine möglichst große Zahl von irdischen Dingen ausschließt und auf diese Weise vergöttlicht ist; – im andern Fall schlägt er, gereizt durch den inneren Zwiespalt, der ihn hemmt, die Ratschläge des Evangeliums in den Wind und entschließt sich, ein Leben zu führen, wie es ihm menschlich und aufrichtig scheint; – schließlich, und das ist der häufigste Fall, verzichtet er darauf, zu verstehen. Er gehört nie ganz Gott und nie ganz den Dingen. Unvollkommen in seinen eigenen Augen, unaufrichtig im Urteil der Menschen, findet er sich damit ab, ein Doppelleben zu führen. Ich spreche hier, man möge das nicht vergessen, aus Erfahrung. Diese drei Auswege sind in verschiedener Hinsicht gefährlich. Mag man sich untreu werden, sich angewidert fühlen oder sich zweiteilen, das Ergebnis ist in allen Fällen (30) gleich schlecht und ganz bestimmt dem entgegengesetzt, was das Christentum eigentlich in uns bewirken muß. Es gibt also zweifellos eine vierte Möglichkeit, dem Problem zu entrinnen. Man muß innewerden, wie man, ohne der ‹Natur› das Geringste einzuräumen, nur aus Durst nach größerer Vollkommenheit, die Liebe zu Gott und die gesunde Liebe zur Welt, das Bemühen sich loszulösen und das Bemühen sich zu entfalten, miteinander versöhnen und so das eine durch das andere nähren kann. Betrachten wir nun die zwei Möglichkeiten, wie man das christliche Problem, ‹die menschliche Anstrengung zu vergöttlichen›, lösen kann. Die eine Lösung ist unvollständig, die andere vollständig. (31)

EINE UNVOLLSTÄNDIGE LÖSUNG: DAS MENSCHLICHE HANDELN IST WERTVOLL, ES BEZIEHT SEINEN WERT ABER NUR VON DER ABSICHT, IN DER ES VOLLZOGEN WIRD
Es stellt sich die Frage, wie ein Christ, der entschlossen ist, die Welt zu verachten und sein Herz ungeteilt Gott allein zu schenken, sein eigenes Wirken lieben und so der Lehre der Kirche folgen könne, daß der Gläubige nicht weniger, sondern besser handeln solle als der Heide. Die Antwort der Seelenführer läßt sich, etwas grob und schematisch auf ihren eigentlichen Inhalt beschränkt, ungefähr so ausdrücken: «Mein lieber Freund, Sie möchten Ihrem menschlichen Wirken, das Ihnen im Lichte der christlichen Weltanschauung und Askese abgewertet erscheint, neuen Wert verleihen. Wohlan, lassen Sie die wunderbare Kraft des guten Willens in das Wirken einfließen! Läutern Sie Ihre Absicht, dann ist die geringste Ihrer Handlungen von Gott erfüllt. Das tatsächliche Ergebnis Ihrer Handlungen hat bestimmt keinen endgültigen Wert. Ob die Menschen eine Wahrheit oder eine Naturerscheinung mehr oder weniger entdecken, ob sie schöne Musik und schöne Bilder machen oder nicht, ob ihre irdische Ordnung besser oder schlechter sei, das alles hat unmittelbar keine Bedeutung für den Himmel. Ganz gewiß gehört keine dieser Entdeckungen oder Schöpfungen zu den Steinen, aus denen das Neue Jerusalem erbaut (32) wird. Was aber droben zählt und für immer bleibt, ist die Antwort auf die Frage, ob Sie in allen Dingen dem Willen Gottes gemäß gehandelt haben.

11 Gott braucht freilich die Früchte Ihrer emsigen Geschäftigkeit nicht, weil Er sich alles ohne Sie geben könnte. Wofür Er sich aber ausschließlich interessiert und was Er beispielsweise inständig wünscht, ist, daß Sie Ihre Freiheit getreu gebrauchen und Ihm vor allen Dingen, die Sie umgeben, den Vorzug einräumen. Verstehen Sie das wohl: Die Dinge auf Erden sind Ihnen nur als Übungsstoff gegeben, an dem Sie Geist und Herz exerzieren sollen. Sie befinden sich also an einem Ort der Prüfung, damit Gott darüber urteilen kann, ob Sie würdig sind, in den Himmel, in Seine Gegenwart versetzt zu werden. Sie stehen auf der Probe. Für die Zukunft ist es ohne Bedeutung, was die Früchte der Erde wert sind und was aus ihnen wird. In Frage steht einzig, ob Sie sich ihrer bedient haben, um zu lernen, wie Sie gehorchen und lieben sollten. Klammern Sie sich also nicht an die groben Hüllen der menschlichen Werke. Sie sind immer nur leicht entzündliches Stroh oder zerbrechliches Geschirr. Bedenken Sie vielmehr, daß Sie in jedes dieser bescheidenen Gefäße den Geist der Gefügigkeit und der Gottverbundenheit wie einen Saft oder eine kostbare Flüssigkeit einfüllen können. Die irdischen Ziele besitzen also in sich selbst keinen Wert. Sie dürfen sie aber dennoch um der Gelegenheit willen lieben, die sie Ihnen bieten, dem Herrn Ihre Treue zu zeigen.» Wir wollen nicht behaupten, diese Sätze seien jemals (33) wörtlich gesagt worden. Doch glauben wir, sie schlagen einen Ton an, der in Wirklichkeit bei vielen geistlichen Ratschlägen mitschwingt. Jedenfalls sind wir überzeugt, daß sie nicht übel wiedergeben, was ein großer Teil der Predigthörer und Beichtkinder von den empfangenen Ermahnungen versteht und behält. Wie sollen wir die seelische Haltung beurteilen, die diese Ermahner empfehlen? Vor allem liegt in dieser Haltung ein außerordentliches Maß an Wahrheit verborgen. Mit Recht betont sie die von allem Anfang an entscheidende und grundlegende Rolle der Absicht, die wirklich – wir werden das später wiederholen müssen – der goldene Schlüssel ist, der unsere innere Welt der göttlichen Gegenwart öffnet. Sie weist mit Nachdruck auf den entscheidenden Wert des göttlichen Willens hin, der gerade durch sie für den Christen – wie für sein göttliches Vorbild – zum stärkenden Mark jeder irdischen Nahrung wird. Diese Haltung bleibt zudem inmitten der verschiedensten und vielfältigsten menschlichen Tätigkeiten immer gleich und schafft gleichsam einen einzigartigen Lebensraum, in dem wir uns einrichten können, ohne ihn jemals verlassen zu müssen. Die verschiedenen eben genannten Züge dieser Haltung zeigen eine erste und wesentliche Annäherung an die Lösung, die wir suchen. Wir beabsichtigen daher, diese Züge unangetastet in einen Entwurf des Inneren Lebens aufzunehmen, der besser befriedigt und den wir unten vorlegen werden. – Doch diesen Zügen fehlt, wie uns scheint, die Vollendung, nach der unsere innere Ruhe und geistige Freude mit aller Macht verlangen. (34) Die Vergöttlichung unseres Wirkens durch den Wert der damit verbundenen Absicht haucht zwar allen Handlungen eine kostbare Seele ein; doch dem Körper dieser Handlungen gesteht sie keine Hoffnung auf eine Auferstehung zu. Nun aber brauchen wir gerade diese Hoffnung, damit unsere Freude vollkommen werde. – Es bedeutet schon viel, denken zu dürfen, wenn wir Gott lieben, werde etwas von unserer inneren Tätigkeit, etwas von unserer operatio, nie verloren gehen. Aber wird nicht auch die Arbeit selbst, die Geist und Herz und Hände leisten, das Arbeitsergebnis, das Werk, das opus, auf irgendeine Weise ‹verewigt› und gerettet?

12 O doch, Herr, kraft des Anspruchs, den Du selbst ins Innerste meines Willens gelegt hast, wird es so sein. Ich will, ich habe es nötig, daß es so sei. Ich will es, weil ich unwiderstehlich liebe, was Deine fortwährende Mithilfe mir täglich zur Wirklichkeit hinzuzufügen erlaubt. Diesen Gedanken, dieses greifbare Kunstwerk, diese Harmonie von Tönen, diesen ganz bestimmten Ausdruck der Zuneigung, den köstlichen Anflug eines Lächelns oder eines Blickes, alle diese neuen Schönheiten, die in mir und um mich erstmals auf dem menschlichen Antlitz der Erde erscheinen, ich liebe sie wie Kinder, von denen ich einfach nicht glauben kann, daß sie in ihrem Fleisch vollständig sterben werden. Wenn ich glaubte, die Dinge würden für immer verwelken, hätte ich ihnen denn jemals das Leben gegeben? – Je mehr ich mich selbst erforsche, um so deutlicher wird mir die psychologische Wahrheit bewußt, daß der Mensch nicht einmal den kleinen (35) Finger für eine Arbeit rührt, wenn er nicht von der mehr oder weniger deutlichen Überzeugung beseelt ist, er arbeite ein klein wenig [wenigstens auf Umwegen] am Bau eines Endgültigen mit, das heißt, an Deinem eigenen Werk, mein Gott. Dieser Gedanke mag jenen fremd und übertrieben scheinen, die einfach tätig sind, ohne sich dabei bis ins Innerste zu prüfen. Und doch wird auch ihr Handeln von diesem grundlegenden Gesetz bestimmt. Es braucht nichts weniger als die Anziehungskraft dessen, was man das Absolute nennt – es braucht nichts weniger als Dich selbst, um die gebrechliche Freiheit, die Du uns gegeben hast, in Schwingung zu versetzen. Alles, was also meinen ausdrücklichen Glauben an den himmlischen Wert meiner Arbeitsergebnisse vermindert, entwertet unheilbar auch meine Fähigkeit zu handeln. Zeige allen Deinen Gläubigen, Herr, wie «ihre Werke ihnen» im wahren und vollen Sinn in Dein Reich «nachfolgen»: «opera sequuntur illos»8. Ohne diesen Glauben sind sie träge Arbeiter, die keine Aufgabe drängt. Ist aber der menschliche Instinkt bei ihnen stärker als das Zaudern oder die Sophismen einer ungenügend erleuchteten Religion, dann bleiben sie geteilt und im tiefsten Grunde ihres Wesens behindert. Dann kann man mit Recht sagen, daß die Söhne des Himmels im Bezirk des Menschlichen nicht mit der gleichen Überzeugung, also nicht mit den gleichen Waffen wetteifern können wie die Kinder dieser Erde. (36)

DIE ENDGÜLTIGE LÖSUNG: JEDE ANSTRENGUNG TRÄGT DAZU BEI, DIE WELT ‹IN CHRISTO JESU› ZU VOLLENDEN
Die allgemeine Ordnung des Heils, das heißt der Vergöttlichung unserer Handlungen, kann man etwa folgendermaßen in einer kurzen Erwägung festhalten: Im Schoße unseres Weltalls ist jede Seele für Gott da in Unserem Herrn. Anderseits ist aber alles, auch die materielle Wirklichkeit, die jeden von uns umgibt, für unsere Seele da. Somit ist alle wahrnehmbare Wirklichkeit, die jeden von uns umgibt, durch unsere Seele für Gott da in Unserem Herrn. Versuchen wir, die drei Glieder dieser Schlußfolgerung tiefer zu erfassen. Die Begriffe und ihre Verbindung sind zwar leicht verständlich. Doch nehmen wir uns in acht! Den Wortlaut der Schlußfolgerung begreifen heißt noch nicht in jene erstaunliche Welt vordringen, deren

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«Ihre Werke folgen ihnen nach.» Offb 14, 13.

13 unausschöpfliche Reichtümer sich uns in der nüchternen Strenge dieser Schlußfolgerung enthüllen. a] In unserem Weltall ist jede Seele für Gott da in Unserem Herrn Dieser Obersatz drückt das katholische Grunddogma aus. Alle andern Dogmen sind nur Erläuterungen oder nähere Bestimmungen dazu. Der Obersatz muß also (37) zwar nicht bewiesen, aber von unserem Verstand voll und ganz erfaßt werden. Jede Seele ist für Gott da in Unserem Herrn. Begnügen wir uns nicht damit, in dieser Bestimmung für Christus bloß eine juristische Beziehung zwischen einer Sache und ihrem Eigentümer zu erblicken. Die Verbindung ist viel naturhafter und tiefer gegründet. Da das vollendete Universum – das Pleroma, wie Paulus sagt – eine Gemeinschaft von Personen, die Gemeinschaft der Heiligen ist, müssen wir diese Verbindungen mit Hilfe von sozialen Analogien ausdrücken. Allerdings läuft unser Denken Gefahr, materialistisch oder pantheistisch mißdeutet zu werden, wenn es zum Ausdruck seiner mystischen Begriffe die wirkungsvolle aber gefährliche Hilfe von Analogien aus der Welt des Organischen verwendet. Deshalb sehen es viele Theologen, die darin ängstlicher sind als Paulus, nicht gern, wenn man der Verbindung, die im mystischen Leib die Glieder mit dem Haupt verknüpft, einen zu realistischen Sinn gibt. Aber diese Klugheit darf nicht zur Furchtsamkeit werden. Wir wollen doch die Lehre der Kirche vom Wert des menschlichen Daseins und von den Versprechungen oder Drohungen für das künftige Leben in ihrer vollen Gültigkeit verstehen, weil diese allein sie schön und annehmbar macht. Dann dürfen wir zwar die Macht der Freiheit und des Gewissens nicht im geringsten schmälern, weil sie wesentlich zur physischen Realität der menschlichen Seele gehören; wir müssen aber doch zwischen uns und dem fleischgewordenen Wort Verbindungen feststellen, die ebenso unerbittlich sind wie die Verbindungen, die in der sichtbaren Welt die (38) Anziehung der Elemente zum Bau von ‹natürlichen Ganzheiten› hinsteuern. Wir brauchen keinen neuen Namen zu suchen, um die überragende Natur dieser Abhängigkeit zu bezeichnen, die das Geschmeidige einer menschlichen Beziehung und das Unbeugsame einer organischen Konstruktion im höchsten Grade harmonisch in sich vereint. Nennen wir sie, wie man es immer tat, mystische Verbindung. Dieser Ausdruck soll aber ja keine Abschwächung in sich schließen. Die mystische Verbindung ist vielmehr eine Verdichtung und Läuterung dessen, was in allen Ordnungen des physikalischen wie des menschlichen Bereiches die Teile mächtig zueinander hinzieht und zusammenhält. Auf diesem Weg können wir voranschreiten, ohne zu fürchten, wir könnten die Wahrheit verfehlen; denn über die Tatsache selbst, wenn auch nicht über ihre systematische Benennung, ist sich jedermann in der Kirche Gottes einig: Durch die Macht der Menschwerdung des Wortes ist unsere Seele vollkommen Christus geweiht und hat in Ihm ihren Mittelpunkt.

b] Und nun – so haben wir beigefügt –: im Weltall, wo jeder Geist in Unserem Herrn auf Gott zustrebt, ist alles Wahrnehmbare für den Geist da In dieser Form hat der Untersatz einen finalistischen Aspekt, der die positivistischen Gemüter sehr befremden könnte. Doch er will nur eine natürliche und unbestreitbare Tatsache ausdrücken, nämlich, daß unser (39) geistiges Sein sich dauernd aus den unzähligen Kräften der faßbaren Welt ernährt. Auch hier ist ein Beweis überflüssig. Aber sehen muß man die Dinge, so wie sie sind, wirklich und eindringlich. Wir leben mitten in einem Netz von kosmischen Einflüssen, wie inmitten der Menge der Menschen oder wie in der Myriade von Sternen, leider

14 ohne uns der Unermeßlichkeit dieser Einflüsse bewußt zu werden. Wenn wir die ganze Fülle unseres Menschseins und unseres Christseins leben wollen, müssen wir die Stumpfheit überwinden, die uns die Dinge um so mehr zu verstecken sucht, je näher sie uns kommen und je größer sie sind. Gehen wir von den allerpersönlichsten Zonen unseres Bewußtseins aus und verfolgen wir die Verlängerungen unseres Seins durch die ganze Welt hindurch! Die Übung ist heilsam und lohnt sich. Wir werden überwältigt feststellen, wie vielfältig und wie eng wir mit dem Weltall verbunden sind. Die Wurzeln unseres Seins? Sie tauchen in die unergründlichste Vergangenheit hinab. Welch ein Geheimnis sind die ersten Zellen, die eines Tages vom Hauch unseres Geistes beseelt wurden! In welch eine niemals ganz zu entziffernde Synthese von sich fortsetzenden Einflüssen sind wir für immer verflochten! Durch die Materie wirkt in jedem von uns die ganze Geschichte der Welt in einem Teil nach. Mag unsere Seele auch noch so selbständig sein, sie ist doch die Erbin eines Daseins, das vor ihr durch das Zusammenwirken aller irdischen Kräfte wunderbar bearbeitet wurde. Auf einer bestimmten Entwicklungsstufe begegnet sie dem Leben und vereinigt sich mit ihm. – (40) Kaum findet sie sich an diesem bestimmten Punkte des Weltalls eingefügt, fühlt sie sich ihrerseits schon umlagert und durchdrungen von der Flut kosmischer Einflüsse, die sie ordnen und verarbeiten muß. Blicken wir um uns! Die Wellen kommen von überallher aus der Tiefe des Horizonts. Durch alle Zugänge überflutet uns das Wahrnehmbare mit seinen Reichtümern. Speise für den Körper und Nahrung für die Augen, Harmonie der Töne, Fülle des Herzens, unbekannte Erscheinungen und neue Wahrheiten, alle diese Schätze, alle diese Reize, alle diese Anrufe steigen von allen vier Enden der Welt auf und durchdringen in jedem Augenblick unser Bewußtsein. Was wollen sie in uns bewirken? Was bewirken sie in uns, selbst wenn wir sie wie schlechte Arbeiter untätig oder gleichgültig empfangen? Sie vermischen sich mit dem innersten Leben unserer Seele, um es zu entfalten oder zu vergiften. Beobachten wir uns selbst nur eine Minute, und schon sind wir davon bis zur Begeisterung oder bis zur Beklemmung überzeugt. Wenn schon die unscheinbarste und materiellste Nahrung imstande ist, unsere geistigsten Fähigkeiten tief zu beeinflussen, was ist dann von den unendlich tiefer durchdringenden Kräften zu halten, die die Musik der Schattierungen, der Töne, der Worte und der Ideen mit sich führt? Es gibt in uns nichts Körperliches, das sich unabhängig von der Seele ernährt. Was immer der Leib annimmt und umgestaltet, muß auch von der Seele vergeistigt werden. Sie tut das natürlich ihrer Würde gemäß und auf eigene Weise. Aber sie kann sich dieser universellen Berührung (41) und pausenlosen Verarbeitung nicht entziehen. So vollendet sich in ihr auf Glück und Gefahr immer mehr die ihr eigentümliche Kraft zu verstehen und zu lieben, die ihre ganz durchgeistigte Einmaligkeit ausmacht. Wir wissen zwar nicht, in welchem Verhältnis und in welcher Form die natürlichen Fähigkeiten dereinst in unser letztes Tun, in die Schau Gottes, übergehen. Doch man kann kaum daran zweifeln, daß wir uns auf Erden mit Gottes Hilfe jene Augen und jenes Herz bereiten, aus denen eine letzte Umwandlung die entsprechenden Organe schaffen wird. Diese werden einst – bei jedem auf seine Art – über die Kraft verfügen, anzubeten, und über die Fähigkeit, selig zu sein. Gott will nur unsere Seele, wiederholen die Meister des geistlichen Lebens immer wieder. Um den Worten ihr wahres Gewicht zu lassen, dürfen wir aber nicht vergessen, daß die Menschenseele, mag sie auch, nach Ansicht unserer Philosophen, getrennt erschaffen sein, in Geburt und Reifung vom Weltall untrennbar ist, in dem sie geboren wurde. In jeder Seele liebt und rettet Gott teilweise die ganze Welt, die diese Seele auf besondere und unveräußerliche Art zusammenfaßt. Nun aber wird uns diese Zusammenfassung, diese Synthese nicht mit dem ersten Erwachen des Bewußtseins fertig und vollendet geschenkt. Wir selbst müssen in eifriger

15 Tätigkeit ihre überall zerstreuten Elemente sammeln. Die Arbeit der Alge verdichtet die Stoffe, die in winzigen Dosen in der ungeheuren Wassermenge des Ozeans enthalten sind, in ihr Gewebe – der Fleiß der Bienen bildet ihren Honig aus dem in zahllosen Blumen verteilten Seim – doch die Tätigkeit dieser Lebewesen ist nur ein blasses Abbild der fortwährenden Verarbeitung, wodurch alle Kräfte des Universums in uns zu Geist werden sollen. So muß der Mensch im gegenwärtigen Leben nicht nur folgsam und fügsam sein; er muß vom natürlichsten Bezirk seiner selbst her in Treue ein Werk, ein ‹opus› schaffen, in das etwas von allen Elementen der Erde Eingang findet. Er schafft sich seine Seele während der ganzen Dauer seiner irdischen Tage. Gleichzeitig aber arbeitet er an einem andern Werk, einem andern ‹opus› mit, das die Perspektiven seines persönlichen Erfolges unendlich übersteigt, sie aber streng auf sich ausrichtet: an der Vollendung der Welt. Man darf nämlich bei der Darstellung der christlichen Heilslehre auch folgendes nicht übersehen: In ihrer Gesamtheit, das heißt, sofern die Welt eine Hierarchie von Seelen bildet, die nur allmählich erscheinen, sich nur miteinander entwickeln und sich nur gemeinsam vollenden werden, erfährt auch die Welt selbst eine Art umfassender ‹Ontogenese›. Die Entwicklung jeder Seele unter dem Einfluß der wahrnehmbaren Dinge stellt nur einen Vorgang im Kleinen dar, der dieser ‹Ontogenese› der Welt gleichläuft. Durch unser persönliches Bemühen um Vergeistigung trägt also die Welt, von aller Materie ausgehend, allmählich das zusammen, was aus ihr das Himmlische Jerusalem oder die Neue Erde machen wird. (43)

c] Wir können nun den Obersatz und den Untersatz unseres Syllogismus miteinander verbinden, um ihren Zusammenhang zu erfassen, und aus ihnen die Folgerung ziehen Wenn es dem Glauben gemäß wahr ist, daß die Seelen so geradlinig in Christus und in Gott eingehen, wenn es nach den allgemeinsten Feststellungen der Psychologie wahr ist, daß das sinnlich Wahrnehmbare so lebendig in die geistigen Bezirke unserer Seele eindringt, dann müssen wir auch erkennen, daß im Vorgang, der die Elemente des Universums von oben bis unten bewegt und lenkt, alles ein Ganzes bildet. Wir beginnen auch deutlicher wahrzunehmen, wie sich über unsere innere Welt die große Sonne Christi des Königs erhebt, des Christus «amictus Mundo»9, des universalen Christus. Nach und nach, von Relais zu Relais wird alles schließlich mit der höchsten Mitte «in quo omnia constant»10 verbunden. Der Strom, der von dieser Mitte ausgeht, wirkt aber nicht nur in den höheren Bezirken der Welt, dort, wo die menschlichen Tätigkeiten in einer ausgesprochen übernatürlichen und verdienstvollen Form ausgeübt werden. Um diese erhabenen Energien heil und stark zu erhalten, strahlt die Kraft des fleischgewordenen Wortes bis in die Materie hinein. Sie steigt hinab bis zum dunkelsten Grund der niederen Kräfte. Und es wird die Menschwerdung Christi erst vollendet sein, wenn der Teil auserwählter Substanz, den jeder Gegenstand einschließt, zuerst in unseren Seelen, dann mit unseren Seelen in Jesus vergeistigt ist und sich so mit der endgültigen (44) Mitte seiner Erfüllung verbindet. «Quid est quod ascendit, nisi quod prius descendit, ut repleret omnia.»11 Christus geht von jedem Geschöpf aus, Er vollendet sich und erreicht seine Fülle durch unsere Mitarbeit, die Er anregt. Paulus sagt es uns. Wir stellen uns vielleicht vor, die Schöpfung sei schon längst abgeschlossen. Doch das ist ein Irrtum; sie setzt sich stärker als zuvor fort, und
«Mit der Welt bekleidet.» Vergleiche Hebr 1, 12 und Ps 103, 2.7. «In dem alles Bestand hat.» Kol 1, 17. 11 «Was heißt dies, daß er aufgestiegen ist, wenn nicht, daß er zuerst herniedergestiegen ist, um alles in seine Fülle einzubeziehen.» Eph 4, 9f.
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16 zwar in den höchsten Bezirken der Welt. «Omnis creatura adhuc ingemiscit et parturit.»12 Zur Vollendung der Schöpfung helfen wir auch mit der niedrigsten Arbeit unserer Hände. Dies ist letzten Endes der Sinn und der Preis unseres Tuns. Kraft der Verbindung Materie–Seele– Christus führen wir, was immer wir tun mögen, einen Bruchteil des Seins, das Er wünscht, zu Gott zurück. Durch jedes unserer Werke arbeiten wir mit, atomhaft, aber wirklich, das Pleroma aufzubauen, das heißt, Christus ein wenig Vollendung zu bringen. (45)

DIE VEREINIGUNG IM HANDELN
Da jedes Werk eine mehr oder weniger ferne und unmittelbare Rückwirkung auf die geistige Welt hat, trägt es dazu bei, Christus in seiner mystischen Ganzheit zu vollenden. Das ist, so vollkommen wie möglich formuliert, die Antwort auf unsere Frage: Wie können wir der Einladung des Apostels Paulus folgen und Gott in der ganzen tätigen Hälfte unseres Lebens sehen? Weil die Menschwerdung Christi fortdauert, durchdringt das Göttliche unsere geschöpflichen Kräfte so vollständig, daß wir keinen geeigneteren Bereich als unser eigenes Handeln finden könnten, um dem Göttlichen zu begegnen und es zu erfassen. Im Handeln schließe ich mich der Schöpfungskraft Gottes an; ich falle mit ihr zusammen; ich werde nicht bloß ihr Instrument, sondern ihre lebendige Verlängerung. Und da es in einem Wesen nichts Innerlicheres gibt als seinen Willen, so werde ich auf gewisse Weise durch mein Herz mit dem Herzen Gottes eins. Diese Berührung dauert immer an, weil ich ja immer tätig bin; und da der Vollkommenheit meiner Treue und der Inbrunst meiner Absicht keine Grenzen gesetzt sind, erlaubt mir dieses Berührung, mich Gott immer enger und immer unbegrenzter anzugleichen. In dieser Vereinigung hält die Seele nicht inne, um zu genießen, noch verliert sie den materiellen Gegenstand ihres Handelns aus den Augen. Ist denn die Tätigkeit, zu der sie sich so entschließt, nicht schöpferisch? Der Wille zum Erfolg und eine gewisse leidenschaftliche (46) Liebe zum Werk, das geschaffen werden soll, gehören wesentlich zu unserer Treue als Geschöpf. Von daher enthüllt sich sogar die Ehrlichkeit, mit der wir für Gott den Erfolg wünschen und erstreben, als eine neue – ebenfalls unbegrenzte – Triebfeder, uns noch vollkommener mit dem Allmächtigen zu verbinden, der uns beseelt. Erst waren wir mit Gott bloß im gemeinsamen Wollen verbunden. Jetzt aber vereinigen wir uns mit Ihm in der gemeinsamen Liebe zum Ergebnis, das geschaffen werden soll. Und, o Wunder aller Wunder, entzückt finden wir Ihn im erreichten Ergebnis wieder gegenwärtig. Dies ergibt sich unmittelbar aus dem, was wir oben über die natürliche und übernatürliche Verbindung alles Handelns auf der Welt sagten. Jedes Wachstum, das ich mir selbst oder den Dingen verschaffe, vermehrt meine Kraft zu lieben und bedeutet einen Fortschritt in der glückseligen Besitznahme des Universums durch Christus. Zwar erscheint uns unsere Arbeit vor allem als ein Mittel, das tägliche Brot zu verdienen. Aber ihr letzter Wert ist viel höherer Art. Durch die Arbeit vollenden wir in uns das Subjekt der göttlichen Vereinigung und durch sie vergrößern wir auch in gewissem Sinne – in bezug auf uns – das göttliche Ergebnis dieser Vereinigung, Unsern Herrn Jesus Christus. Was immer also unsere menschliche Aufgabe ist, ob wir Künstler, Arbeiter oder Gelehrter sind, als Christen können wir uns auf den Gegenstand unserer Arbeit stürzen wie auf ein offenes Tor zur höchsten Erfüllung unseres Seins. Wirklich,
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«Bis zur Stunde liegt die ganze Schöpfung in Seufzen und Wehen.» Röm 8, 22.

17 wir brauchen nicht zu schwärmen und weder in Gedanken noch in Worten (47) zu übertreiben – wir müssen die grundlegendsten Wahrheiten unseres Glaubens und der Erfahrung miteinander vergleichen, dann werden wir zur Feststellung gedrängt: Gott ist in der Ganzheit unseres Handelns unbegrenzt ertastbar. Dieses Wunder der Vergöttlichung kann man nur mit der Behutsamkeit vergleichen, mit der sich eine Metamorphose vollzieht; sie trübt auf keine Weise die Vollkommenheit und Einheit der menschlichen Anstrengung. «Non minuit, sed sacravit.»13 (48)

DIE CHRISTLICHE VOLLENDUNG DER MENSCHLICHEN ANSTRENGUNG
Man könnte, wie schon erwähnt, befürchten, das Gleichgewicht des menschlichen Handelns werde durch die Einführung der christlichen Schau schwer gestört. Zielt die Suche nach dem Himmel und die Erwartung des Himmels nicht darauf ab, das menschliche Tätigsein von den natürlichen Beschäftigungen abzulenken oder wenigstens das Interesse daran auszulöschen? Wir sehen jetzt, daß es nicht so sein kann und nicht so sein darf. Die Verbindung von Gott und Welt hat sich soeben vor unseren Augen im Bezirk des menschlichen Handelns vollzogen. Nein, Gott lenkt unsern Blick nicht vorzeitig von der Arbeit ab, die Er selbst uns auferlegt hat; im Gegenteil, Er ist ja gerade in dieser Arbeit ertastbar. Nein, Er läßt die Einzelheiten unserer irdischen Ziele in seinem starken Licht nicht verblassen; denn die Innigkeit unserer Vereinigung mit Ihm hängt ja geradezu von der gewissenhaften Vollendung ab, die wir dem kleinsten unserer Werke geben. Üben wir uns bis zur Sättigung in dieser grundlegenden Wahrheit, bis sie uns ebenso vertraut sie wie das räumliche Sehen oder das Lesen einer Schrift. Der lebendige und fleischgewordene Gott ist nicht weit von uns. Er ist nicht außerhalb der greifbaren Sphäre. Er erwartet uns vielmehr jederzeit im Handeln, im Werk des Augenblickes. Er ist gewissermaßen an der Spitze meiner Feder, meiner Hacke, meines Pinsels, meiner Nadel – meines Herzens, (50) meines Gedankens. Indem ich den Strich, den Schlag, den Stoß, mit dem ich beschäftigt bin, bis zur höchsten natürlichen Vollendung bringe, erfasse ich das letzte Ziel, nach dem mein tiefstes Wollen strebt. Gleich jenen furchtbaren physischen Kräften, die der Mensch so weit zu bändigen vermag, daß sie Wunder an Feinheit hervorbringen, gleich ihnen legt sich die unermeßlich Kraft der göttlichen Anziehung auf unsere zerbrechlichen Wünsche und unsere mikroskopischen Gegenstände, ohne ihnen die Spitze abzubrechen. Sie beseelt; daher stört und erstickt sie nichts. Sie beseelt; daher führt sie in unser geistiges Leben ein höheres Prinzip der Einheit ein, dessen besondere Wirkung darin besteht – je nach dem Gesichtspunkt, den man einnimmt –, die menschliche Anstrengung zu heiligen oder das christliche Leben zu vermenschlichen.

a] Die Heiligung der menschlichen Anstrengung Ich übertreibe wohl nicht, wenn ich behaupte, daß für neun Zehntel der praktizierenden Christen die menschliche Arbeit bloß eine ‹geistliche Behinderung› bedeutet. Trotz der Gewohnheit, die gute Meinung zu machen und das Tagewerk jeden Morgen Gott zu weihen, hält die Masse der Gläubigen im geheimen am Gedanken fest, die im Büro, in der Studierstube, auf dem Felde oder in der Fabrik verbrachte Zeit werde eigentlich der Anbetung entzogen. Einerseits ist es unmöglich, ohne Arbeit zu leben, anderseits ebenso (50) unmöglich, auf jenes tiefe religiöse Leben Anspruch zu erheben, das Menschen vorbehalten ist, die Zeit haben, den ganzen Tag zu beten oder zu predigen. Wohl können aus dem Alltag einige Minuten für Gott
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«Er hat nicht gemindert, sondern geheiligt.» Sekret des Festes Mariä Heimsuchung.

18 herausgeholt werden, aber die besten Stunden werden durch die materiellen Sorgen verbraucht oder wenigstens entwertet. – Beherrscht von diesem Gefühl, führt eine große Zahl von Katholiken tatsächlich ein geteiltes oder behindertes Leben: sie müssen ihr Menschenkleid ablegen, um sich als Christen, und selbst dann noch als Christen zweiten Ranges zu fühlen. Nach dem, was wir über die göttlichen Ausmaße und die göttlichen Forderungen des mystischen oder universalen Christus gesagt haben, wird offenbar, wie falsch diese Auffassungen sind und wie berechtigt die dem Christentum so teure Lehre ist, man werde durch die Pflichterfüllung im Berufe geheiligt. Zweifellos, es gibt im Verlauf unseres Tages besonders vornehme und kostbare Minuten: jene des Gebetes und der Sakramente. Ohne diese Augenblicke einer wirksameren oder bewußteren Berührung würden der Strom der göttlichen Allgegenwart und die Vorstellung, die wir von ihr haben, so sehr verblassen, daß unser bestes menschliches Bemühen zwar für die Welt nicht ganz verloren, aber für uns leer von Gott wäre. In diesen Augenblicken begegnen wir Gott, wenn ich so sagen darf, im ‹reinen Zustand›, das heißt, im Zustand eines Seins, das von allen Elementen dieser Welt verschieden ist. Wenn wir diesen Begegnungen den Vorzugsplatz eifersüchtig wahren – wie sollen wir dann fürchten, eine Beschäftigung, und wäre sie noch so alltäglich, (51) so aufreibend oder fesselnd, könnte uns zwingen, aus Ihm herauszutreten? Wiederholen wir es: Kraft der Schöpfung, mehr noch, kraft der Menschwerdung Christi gibt es auf der Welt für einen, der zu sehen versteht, nichts Profanes. Im Gegenteil, wer in jedem Geschöpf einen Bruchteil des auserwählten Seins erblickt, das auf seinem Weg zur Vollendung von Christus angezogen wird, für den ist alles geheiligt. Erkennet mit Hilfe Gottes den geradezu physischen und natürlichen Zusammenhang eurer Arbeit mit dem Bau des Himmelreiches! Sehet, wie der Himmel selbst euch durch eure Werke hindurch zulächelt und anzieht! Dann werdet ihr, wenn ihr aus der Kirche in den Lärm der Stadt tretet, nur das Gefühl haben, weiterhin in Gott einzutauchen. Wenn die Arbeit euch schal oder erschöpfend vorkommt, flüchtet euch in den unerschöpflichen und beruhigenden Gedanken, im göttlichen Leben voranzuschreiten! Wenn die Arbeit euch leidenschaftlich packt, dann laßt den geistigen Ansporn, den euch die Materie vermittelt, in die Freude an Gott übergehen, Den ihr unter dem Schleier seiner Werke besser erkennt und inniger ersehnt! Findet euch nie, in keinem Falle, «möget ihr essen oder möget ihr trinken», damit ab, irgend etwas zu tun, ohne seine Bedeutung und seinen aufbauenden Wert in Christo zuerst zu erfassen und dann bis ins letzte zu verfolgen! Das ist nicht nur irgendwie Anweisung, wie man sein Heil wirken könne, sondern je nach dem Stand und der Berufung eines jeden der eigentliche Weg zur Heiligkeit. Was bedeutet es denn für ein Geschöpf, heilig zu sein, wenn nicht, Gott mit allen seinen (52) Kräften anzuhangen? – Und was heißt, Gott mit allen Kräften anzuhangen, wenn nicht in der auf Christus hin gerichteten Welt die bestimmte, bescheidene oder überragende, Aufgabe zu erfüllen, die dem Geschöpf durch Natur und Übernatur aufgetragen ist? Wir sehen in der Kirche verschiedenartigste Vereinigungen, deren Mitglieder sich der vollkommenen Ausübung irgendeiner besonderen Tugend widmen: der Barmherzigkeit, der Loslösung von der Welt, der Prachtentfaltung der Riten, den Missionen oder der Beschauung. Warum könnte es nicht auch Menschen geben, die es auf sich nehmen, durch ihr Leben zu zeigen, daß man überhaupt jede menschliche Anstrengung heiligen kann? – Menschen, deren gemeinsames religiöses Ideal es wäre, den göttlichen Möglichkeiten oder Ansprüchen, die jede irdische Beschäftigung in sich birgt, ihren bewußten und vollständigen Ausdruck zu geben? – einfache Menschen, die auf dem Gebiet des Denkens, der Kunst, der Industrie, des Handels, der Politik und so fort den hohen Geist, den diese Beschäftigungen erfordern, dafür einsetzen, jene wesentlichen Werke zu schaffen, die die Grundlage der menschlichen Gesellschaft bilden? Um

19 uns herum werden die ‹natürlichen› Fortschritte, von denen sich die Heiligkeit jedes neuen Jahrhunderts nährt, allzu oft den Kindern der Welt überlassen, das heißt Agnostikern und Gottlosen. Zweifellos arbeiten zwar auch diese unbewußt oder ungewollt am Reiche Gottes und an der Vollendung der Auserwählten mit; denn ihre Anstrengungen übersteigen oder berichtigen ihre unvollkommenen oder schlechten (53) Absichten und werden von Dem eingeholt, «Dessen Kraft imstande ist, Sich alles dienstbar zu machen». Doch dies ist nur eine Notlösung, ein vorübergehender Zustand im Ablauf des menschlichen Tätigseins. Von den Händen, die ihren Teig kneten, bis zu jenen, die sie verwandeln, sollte die große universale Hostie nur in Anbetung bereitet und berührt werden. Oh, möge die Zeit kommen, da die Menschen sich der engen Verbindung bewußt werden, die alle Betätigungen dieser Welt in der einzigen Arbeit der Menschwerdung Christi vereinigt. Dann werden sie sich überhaupt keiner Aufgabe mehr widmen können, ohne sie durch die tiefe Einsicht zu verklären, daß auch die niedrigste Arbeit durch eine göttliche Mitte des Universums aufgenommen und nutzbar gemacht wird. Wahrlich, wenn die Zeit gekommen ist, wird sich das Leben der Klöster vom Leben der Welt nur noch wenig unterscheiden. – Und erst in dieser Zeit wird das Handeln der Kinder des Himmels gleichzeitig mit dem Handeln der Kinder der Welt die erwünschte Fülle seiner Menschlichkeit erreicht haben.

b] Die Vermenschlichung der christlichen Anstrengung Der große Einwand unserer Zeit gegen das Christentum, die eigentliche Quelle jenes Mißtrauens, das ganze Gruppen der Menschheit vom Einfluß der Kirche abschließt, beruht nicht unbedingt auf historischen oder theologischen Schwierigkeiten, sondern auf dem Verdacht, unsere Religion mache die Gläubigen un-menschlich. «Das Christentum», so denken oft gerade die besten unter den Heiden, «ist schlecht oder minderwertig, weil es seine Anhänger nicht über das Menschsein hinaus, sondern vom Menschsein weg und abseits führt. Das Christentum sondert die Anhänger ab, statt sie mit der übrigen Masse zu verschmelzen. Es macht sie der Welt gegenüber gleichgültig, statt sie auf die gemeinsame Aufgabe hinzulenken. Es begeistert sie also nicht, sondern hemmt und verbiegt sie. Gestehen sie es übrigens nicht selbst ein? Wenn zufällig ein Ordensmann oder Priester sich der sogenannten profanen Forschung widmet, betont er meistens mit allem Nachdruck, er gebe sich diesen zweitrangigen Beschäftigungen nur hin, um sich einer Mode oder einer Illusion anzupassen und zu zeigen, daß die Christen nicht die dümmsten Menschen sind. Mit einem Wort, wenn ein Katholik mit uns arbeitet, haben wir stets den Eindruck, er tue es nicht ehrlich, sondern aus Herablassung. Er scheint sich zu interessieren. Doch in Wirklichkeit glaubt er, aus seiner religiösen Schau heraus, nicht an die menschliche Anstrengung. Sein Herz ist nicht mehr bei uns. Das Christentum schafft Fahnenflüchtige und falsche Brüder; und eben das können wir ihm nicht verzeihen.» Diesen Einwand – todbringend, falls er zu Recht bestände! – haben wir in den Mund eines Ungläubigen gelegt. Doch klingt er nicht da und dort auch in den gläubigsten Menschen auf? Welcher Christ hat nicht schon eine gewisse Isolierung oder etwas wie Eis verspürt, (55) das ihn von seinen ungläubigen Kameraden trennte, und sich dann unruhig gefragt, ob er sich nicht auf dem falschen Weg befinde und die Fühlung mit dem großen menschlichen Strom verloren habe?

20 Wir können nicht bestreiten, daß einzelne Christen – mehr durch ihre Worte als durch ihre Taten – den Vorwurf heraufbeschwören, wir seien, wenn nicht ‹Feinde›, so doch zumindest ‹müde Glieder› des Menschengeschlechtes. Doch nach dem, was oben vom übernatürlichen Wert der irdischen Anstrengung gesagt wurde, können wir behaupten, diese Haltung ergebe sich nur aus einem ungenügenden Verständnis, keineswegs aber aus einer gewissen Vollkommenheit unserer Religion. Wir, Fahnenflüchtige? Wir, Skeptiker in bezug auf die Zukunft der wahrnehmbaren Welt? Wir, angeekelt von der menschlichen Arbeit? Ach, wie wenig ihr uns kennt… Ihr verdächtigt uns, wir würden an euren Ängsten, an euren Hoffnungen und an eurer Begeisterung, die Geheimnisse zu durchdringen und die Kräfte der Natur zu erobern, nicht teilnehmen. «Solche Gefühle», sagt ihr, «können nur von Menschen geteilt werden, die zusammen um die Existenz kämpfen: aber ihr andern, ihr Christen, behauptet schon gerettet zu sein.» Als ob es für uns nicht ebenso gut oder noch viel mehr als für euch eine Frage auf Leben und Tod wäre, daß die Erde bis in ihre natürlichsten Kräfte hinein ihr Ziel erreicht! Gerade ihr seid darin noch nicht menschlich genug. Ihr geht ja nicht bis auf den Grund eures Menschseins. Euch geht es nur um den Erfolg oder den Zusammenbruch einer Wirklichkeit, (56) die, selbst wenn sie die Züge einer gewissen Übermenschlichkeit trägt, verschwommen und ungewiß bleibt. Uns aber geht es im wahren Sinn darum, den Triumph eines Gottes zu vollenden. Eines ist allerdings unendlich enttäuschend, ich gebe es zu: daß viele Christen – der ‹göttlichen› Verantwortung ihres Lebens viel zu wenig bewußt – wie die andern Menschen leben, mit bloß halbem Einsatz, ohne den Stachel oder den Rausch zu verspüren, das Reich Gottes von allen menschlichen Bezirken aus zu fördern. Aber rüget hier nur unsere Schwäche; denn im Namen unseres Glaubens haben wir das Recht und die Pflicht, uns leidenschaftlich für die Dinge der Erde einzusetzen. Von uns beiden kann ja nur ich, wie mein Herz es verlangt, die Perspektiven bis ins Unendliche verlängern. Darum will ich mich genau wie ihr, oder sogar besser als ihr, mit Leib und Seele der geheiligten Aufgabe der Forschung weihen. Untersuchen wir jedes Gemäuer. Versuchen wir alle Wege! Durchforschen wir alle Abgründe! Nihil intentatum…14 Gott will es, der gewollt hat, dessen zu bedürfen. – Ihr seid Mensch? «Plus et ego.»15 «Plus et ego.» Zweifeln wir nicht daran! In unserer Zeit ist die Menschheit im Begriffe, erwachsen zu werden. Mit vollem Recht ist in ihr das Bewußtsein ihrer Kraft und ihrer Möglichkeiten erwacht. Deshalb ist es eine der ersten apologetischen Aufgaben des Christen, durch folgerichtiges religiöses Denken und noch mehr durch folgerichtiges Handeln zu zeigen, daß der fleischgewordenen Gott nicht gekommen ist, um in uns die großartige Verantwortung und den herrlichen (57) Drang, uns selbst zu schaffen, zu vermindern. Ich wiederhole: «Non minuit, sed sacravit.»16 Nein, das Christentum ist nicht, wie man es bisweilen darstellt oder lebt, eine zusätzliche Last von Übungen und Pflichten, die das ohnehin schwere Gewicht des Lebens in der Gemeinschaft noch schwerer und drückender macht oder seine ohnehin lähmenden Fesseln noch vermehrt. Tatsächlich ist das Christentum eine mächtig wirkende Seele, die dem, was wir schon jetzt tun, einen Sinn, einen Zauber und eine ganz neue Leichtigkeit verleiht. Zwar führt uns der Weg des Christentums zu Gipfeln, die wir noch nicht sehen können. Aber der Hang, der zu jenen Höhen emporführt, ist so sehr mit dem Gebiet verbunden, über das wir schon auf dem natürlichen Weg aufstiegen, daß es im Christen nichts Menschlicheres gibt als – wie wir gleich sehen werden – seine Loslösung. (58)
«Nichts unversucht.» Horaz, Ars poetica 285. «Ich bin es noch mehr.» 2 Kor 11, 23. 16 «Er hat nicht gemindert, sondern geheiligt.» Sekret des Festes Mariä Heimsuchung.
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DIE LOSLÖSUNG DURCH DAS HANDELN
Was wir eben über die innere Vergöttlichung der menschlichen Anstrengung gesagt haben, kann man unter Christen offenbar nicht bestreiten. Wir haben uns ja bei der Begründung darauf beschränkt, nur solche theoretische und praktische Wahrheiten in ihrer ganzen Strenge zu nehmen und einander gegenüberzustellen, die von allen anerkannt sind. Und doch: ohne in unseren Gedankengängen eine ausdrückliche Unrichtigkeit zu entdecken, werden sich gewisse Leser irgendwie verwirrt oder unruhig fühlen, weil das dargestellte christliche Ideal der Sorge um die menschliche Entwicklung und dem Bemühen um irdische Verbesserungen einen so weiten Platz einräumt. Diese Leser mögen nicht vergessen, daß wir erst den halben Weg auf den Berg der Verklärung zurückgelegt haben. Wir haben uns ja bis jetzt nur mit dem tätigen Teil unseres Lebens beschäftigt. Bald, das heißt im Kapitel über das menschliche Erleiden und über die Minderungen, werden wir sehen, wie sich die alles beherrschenden Arme des Kreuzes weiter enthüllen. Doch stellen wir vorläufig fest: Auch in der so optimistischen, so befreienden Haltung, deren Grundzüge wir eben entworfen haben, ist überall ein wahrer und tiefer Verzicht verborgen. Wer sich der menschlichen Aufgabe im christlichen Sinn widmet, mag er äußerlich noch so sehr in die Sorgen um die Erde eingetaucht scheinen, ist bis auf den Grund seiner selbst ein großer Losgelöster. (59) Die Arbeit bildet schon von Natur aus ein vielfältiges Mittel zur Loslösung für alle, die sich ihr ohne Auflehnung und in Treue hingeben. Sie erfordert vorerst Anstrengung und einen Sieg über die Trägheit. So interessant und geistig die Arbeit auch sein mag, man könnte sogar sagen, je geistiger sie ist, desto mehr bedeutet sie ein schmerzhaftes Gebären. Der Mensch entrinnt zwar durch sie der schrecklichen Langeweile einer eintönigen und alltäglichen Beschäftigung, tauscht dagegen aber die Ängste und inneren Spannungen des ‹Schaffens› ein. Materielle Kraft, Wahrheit oder Schönheit hervorzubringen oder sie zu ordnen, bedeutet eine innere Qual, die jedem, der sich daran wagt, das friedliche und zurückgezogene Leben raubt, in dem eigentlich das Laster des Egoismus und der Verhaftung wurzelt. Schon um ein guter Arbeiter der Erde zu werden, muß der Mensch Ruhe und Frieden opfern. Er muß aber auch immer wieder die früheren Gebilde seines Fleißes, seiner Kunst, seines Denkens aufgeben, um bessere zu finden. Jedes Verweilen, um zu genießen und zu besitzen, wäre ein Verstoß gegen das menschliche Handeln. Immer und immer wieder muß der Mensch sich selbst überholen und sich sich selbst entreißen. Immerfort muß er die geliebtesten Entwürfe hinter sich lassen. – Doch auf dieser Straße, die vom königlichen Weg des Kreuzes gar nicht so verschieden ist, wie es zunächst scheinen mag, bedeutet Loslösung nicht bloß, einen Gegenstand fortwährend durch einen andern derselben Ordnung zu ersetzen, wie sich auf einer ebenen Straße Kilometer auf Kilometer folgen. (60) Dank der wunderbar aufsteigenden Kraft, die in den Dingen verborgen liegt – wir werden sie ausführlicher darlegen, wenn wir von der ‹geistigen Macht der Materie› sprechen –, dank dieser Kraft drängt uns jede erreichte und überholte Wirklichkeit voran, ein Ideal von noch höherem geistigen Gehalt zu entdecken und zu verfolgen. Wer sein Segel richtig in den Atem der Erde spannt, der fängt eine kräftige Brise ein, die ihn zwingt, immer weiter auf die hohe See hinauszufahren. Je edler das Wünschen und Handeln des Menschen ist, um so sehnsüchtiger verlangt er, großen und erhabenen Gegenständen nachzujagen. Seine Familie, sein Land, die einträgliche Seite seines Handelns allein werden ihm bald nicht mehr genügen. Er wird allgemeine Organisationen schaffen, neue Wege bahnen, Bestrebungen unterstützen, Wahrheiten entdecken, ein Ideal nähren und verteidigen müssen. – So gehört der Arbeiter der

22 Erde allmählich nicht mehr sich selbst. Nach und nach hat ihn der große Atem des Universums, der durch den Spalt eines bescheidenen, aber treuen Handelns in ihn eingedrungen ist, weit gemacht, ihn aufgehoben und mit sich fortgetragen. Beim Christen, der aus den Quellen des Glaubens zu schöpfen weiß, erreichen diese Wirkungen ihren höchsten Grad und ihre Krönung. Wir haben es ja gesehen: Wenn wir das letzte Ziel, nach dem sich selbst die geringste unserer Handlungen ausrichten soll, auf seine Wirklichkeit, Klarheit und Strahlungskraft hin betrachten, dann sind wir, die Jünger Christi, die glücklichsten Menschen. Der Christ erkennt es als seine Funktion, die Welt in Jesus Christus zu vergöttlichen. (61) Bei ihm also erreicht der natürliche Vorgang, der das menschliche Handeln von Ideal zu Ideal zu immer beständigeren und umfassenderen Gegenständen vorantreibt, mit Hilfe der Offenbarung erst seine volle Entfaltung. Bei ihm muß daher auch die Loslösung durch das Handeln den höchsten Grad ihrer Wirksamkeit erreichen. Und das ist durchaus richtig. Wie wir ihn auf diesen Seiten gezeichnet haben, ist der Christ zugleich der abhängigste und der losgelösteste unter den Menschen. Er ist mehr als irgendein ‹Weltlicher› vom unergründlichen Wert und von der unergründlichen Wichtigkeit überzeugt, die auch im kleinsten irdischen Erfolg verborgen liegen. Er ist aber gleichzeitig, wie nur je ein Waldbruder, von der Nichtigkeit jedes Erfolges überzeugt, wenn man ihn nur als persönlichen – oder auch als universellen – Vorteil außerhalb von Gott betrachtet. Gott selbst, und nur Gott allein, sucht er durch die Wirklichkeit der Geschöpfe hindurch. Für ihn liegt das Interesse wirklich in den Dingen, aber in absoluter Abhängigkeit von der Gegenwart Gottes in ihnen. Das göttliche Licht zeigt sich ihm im Kristall alles Seienden wahrnehmbar und erfaßbar; aber er will nur das Licht; und wenn das Licht erlischt, weil der Gegenstand verschoben wurde, überholt ist oder sich selbst verschiebt dann wird die kostbarste Substanz in den Augen des Christen nur Asche. Er sucht in sich selbst und in seinen persönlichsten Entwicklungen nicht sich selbst, sondern Den, Der größer ist als er und für Den er sich bestimmt weiß. Wahrlich, in seinen eigenen Augen zählt er (62) nicht mehr; er existiert nicht mehr; er hat sich in eben der Anstrengung, die ihn vervollkommnet, völlig vergessen und verloren. Er lebt nicht mehr als Atom, in ihm lebt das ganze Universum. Er ist also Gott im ganzen Bezirk seines wahrnehmbaren Tätigseins begegnet. Doch nicht bloß das. Im Laufe dieser ersten Phase seiner geistigen Entwicklung nimmt der entdeckte Göttliche Bereich seine Kräfte um so vollständiger in sich auf, je mehr sich diese bemühen, ihre Individualität zu erlangen. (63)

23

ZWEITER TEIL DIE VERGÖTTLICHUNG DES ERLEIDENS
DAS ERLEIDEN
Der Mensch wird durch die Entwicklung seiner Kräfte dazu getrieben, immer weitere und höhere Ziele für sein Handeln zu entdecken. Gleichzeitig neigt er aber dazu, vom Eroberten beherrscht zu werden. Wie Jakob in seinem Handgemenge mit dem Engel, so betet der Mensch schließlich an, was er bekämpft hat. Die Größe, die er entschleiert und entfesselt hat, unterjocht ihn. Und weil der Mensch seiner Natur nach Teil ist, muß er erkennen, daß im endgültigen Akt, der ihn mit dem Ganzen verbinden soll, die beiden Glieder der Vereinigung überaus ungleich sind. Er, der kleinere, hat mehr zu empfangen als zu geben. Er fühlt sich von dem gefangen, was er selbst in Besitz zu nehmen glaubte. Der Christ ganz zu Recht der erste und menschlichste unter den Menschen, ist mehr als irgend jemand jener psychologischen Antagonie unterworfen, die in jedem vernünftigen Geschöpf die Lust zu handeln und den Wunsch zu erleiden – die Begeisterung, sich selbst zu verwirklichen, und das Verlangen, in einem andern zu sterben – unmerklich miteinander verschmilzt. Nachdem er sich vielleicht vor allem dazu verlockt fühlte, sich mit Gott durch sein Handeln zu vereinigen, beginnt er nun, eine komplementäre Seite, eine spätere Phase seiner Vereinigung zu erkennen und herbeizuwünschen, in der er sich weniger in sich selbst entwickeln als sich vielmehr in Gott verlieren möchte. Die Möglichkeit, sich in der Hingabe zu vollenden, und ihre Verwirklichung muß er nicht weit suchen. Sie bietet sich ihm jeden Augenblick an, ja, man müßte sagen, sie belagert ihn geradezu infolge der (67) zahllosen, vielfältigen und tiefen Abhängigkeiten, die aus uns weit eher die Diener als die Herren des Weltalls machen. Untersuchen wir nun, da wir soweit sind, die Vielfalt und die Natur des menschlichen Erleidens sowie die Art, wie es vergöttlicht werden kann. (68)

AUSMAß, TIEFE UND VERSCHIEDENE FORMEN DES MENSCHLICHEN ERLEIDENS
Wir haben zu Beginn dieser Studie daran erinnert, daß das Erleiden die andere Hälfte des menschlichen Daseins ausmacht. Dies heißt ganz einfach, daß alles, was in uns nicht Handeln ist, Erleiden bedeutet. Es soll aber keineswegs etwas über das Verhältnis aussagen, nach welchem Handeln und Erleiden unseren inneren Bezirk unter sich teilen. Tatsächlich sind der handelnde und der erleidende Teil im Leben außerordentlich ungleich. In unseren Augen nimmt der erste auch den ersten Platz ein, weil er für uns angenehmer und wahrnehmbarer ist. In der Wirklichkeit der Dinge aber ist der zweite unermeßlich ausgedehnter und tiefer. Zunächst begleitet das Erleiden unsere bewußten Handlungen unausgesetzt in Form von Reaktionen, die unsere Anstrengungen lenken, unterstützen oder ihnen entgegenarbeiten. Schon aus diesem Grunde hat das Erleiden notwendigerweise den doppelten Umfang unseres Tätigseins. – Doch sein Einfluß reicht weit über diese engen Grenzen hinaus. Wenn wir darauf achten, bemerken wir nicht ohne Bestürzung, daß wir nur mit der höchsten Spitze unseres Wesens in den Bezirk der Überlegung und der Freiheit hinaufreichen. Wir erkennen uns und wir

24 lenken uns, aber nur in einem unglaublich kleinen Umkreis. Unmittelbar außerhalb dieses Kreises beginnt eine undurchdringliche Nacht, die aber erfüllt ist von (69) Gegenwärtigem – es ist die Nacht all dessen, was in uns und um uns, ohne uns und trotz uns existiert. In dieser Dunkelheit, die ebenso umfassend, reich, unklar und verwickelt ist wie die Vergangenheit und die Gegenwart des Weltalls, sind wir nicht untätig; wir reagieren, weil ja all das über uns ergeht. Diese Reaktion erfolgt durch eine unbekannte Verlängerung unseres Seins, ohne daß wir sie überwachen können, und sie gehört deshalb, menschlich gesprochen, auch zu unserem Erleiden. In Wirklichkeit ist, aus einer gewissen Entfernung betrachtet, alles schwarz; und doch ist alles um uns herum erfüllt von Dasein. Es sind die von Versprechen und Drohungen schweren Finsternisse, die der Christ mit der göttlichen Gegenwart wird erleuchten und beleben müssen. Inmitten der verworrenen Kräfte, die diese bewegte Nacht bevölkern, werden durch unser bloßes Erscheinen unmittelbar zwei Gruppen gebildet, die an uns herantreten und die auf recht verschiedene Weise behandelt werden wollen. Auf der einen Seite stehen die freundlichen und fördernden Kräfte, die unsere Anstrengungen unterstützen und uns zum Erfolg führen: Sie bewirken ‹das Erleiden des Wachstums›. Auf der andern Seite stehen die feindlichen Mächte, die unsern Bestrebungen schmerzlich zuwiderlaufen, die unsern Aufstieg zum Mehr-Sein erschweren oder ablenken und unsere wirklichen oder scheinbaren Fähigkeiten zu weiterer Entwicklung vermindern: Sie bewirken das ‹Erleiden der Minderung›. Betrachten wir beide nacheinander; schauen wir ihnen offen ins Gesicht, bis wir ganz auf den Grunde (70) ihrer verführerischen, ausdruckslosen oder feindseligen Augen den segensvollen Blick Gottes aufleuchten sehen. (71)

DAS ERLEIDEN DES WACHSTUMS UND DIE BEIDEN HÄNDE GOTTES
Unser Wachstum scheint uns so natürlich, daß wir gewöhnlich gar nicht daran denken, die Kräfte, die unser Handeln nähren, und die Umstände, die den Erfolg begünstigen, von diesem Handeln zu unterscheiden. Und doch, «quid habes quod non accepisti?»17 Genau wie den Tod, wenn nicht noch mehr, erleiden wir das Leben. Dringen wir bis in die geheimsten Bezirke unseres Selbst ein! Machen wir einen Rundgang durch unser Sein! Versuchen wir eingehend das ganze Meer von Kräften zu erfassen, denen wir ausgesetzt sind und in die unser Wachsen gleichsam eingetaucht ist! Das ist eine heilsame Übung; denn gerade in der tiefen, alles umfassenden Abhängigkeit wird das innige Geborgensein unserer Vereinigung bestehen. … So habe ich – von dem man annimmt, daß er täglich meditiere! – vielleicht zum erstenmal im Leben die Lampe genommen, den scheinbar klaren Bereich meiner täglichen Beschäftigungen und Beziehungen verlassen und bin hinabgestiegen in das Innerste meiner selbst, in jenen tiefen Abgrund, aus dem, wie ich es undeutlich fühle, mein Vermögen zu handeln aufsteigt. Und je mehr ich mich von den herkömmlichen Gewißheiten entfernte, die das Leben der menschlichen Gesellschaft oberflächlich erhellen, um so mehr habe ich erkennen müssen, daß ich mir selbst entglitt. Mit jeder Stufe, die ich hinabstieg, (72) enthüllte sich in mir eine andere Persönlichkeit, deren genauen Namen ich nicht mehr nennen konnte und die mir nicht mehr gehorchte. Als ich meine Forschung aufgeben mußte, weil der Weg unter meinen Schritten aufhörte, da öffnete sich
17

«Was hast du, das du nicht empfangen hättest?» 1 Kor 4, 7.

25 vor meine Füßen ein bodenloser Abgrund, aus dem, ich weiß nicht woher, der Strom floß, den ich mein Leben zu nennen wage. Welche Wissenschaft offenbart je dem Menschen die Herkunft, die Natur und die Gesetze seiner bewußten Kraft zu wollen und zu lieben, in der sein Leben besteht? Ganz gewiß hat weder unsere eigene Anstrengung noch die Anstrengung von irgend jemand um uns diesen Strom ausgesandt. Auch kann weder unsere Sorgfalt noch die Sorgfalt eines Freundes das Absinken dieses Stromes verhindern oder sein Überschäumen besänftigen. Wir können wohl Schritt für Schritt den Generationen entlang die vorausgegangenen Teilstücke des Stromes abstecken, der uns emporträgt. Wir können auch durch eine gewisse Zucht oder durch gewisse körperliche oder moralische Reizmittel die Mündung, durch die der Strom sich in uns hineinergießt, eindämmen oder vergrößern. Aber es gelingt uns durch jene Geographie ebensowenig wie durch Kunstgriffe, in Gedanken oder in der praktischen Erfahrung die Quellen des Lebens zu fassen. Ich empfange mich weit mehr, als ich mich selber schaffe. Der Mensch, sagt die Schrift, kann seiner Länge keinen Zoll zufügen. Überdies kann er weder seine Liebesfähigkeit um eine Einheit vermehren noch den Grundrhythmus, der das Reifen seines Geistes und (73) seines Herzens lenkt, um eine Einheit beschleunigen. Letzten Endes sind uns die Tiefe, die Quelle und die Entstehung des Lebens vollständig unfaßbar. Ganz erschüttert von meiner Entdeckung wollte ich wieder zum Tageslicht hinaufsteigen und das beunruhigende Rätsel in der bequemen Umgebung der vertrauten Dinge vergessen – ich wollte das Leben an der Oberfläche wieder aufnehmen, ohne unvorsichtig die Abgründe auszuloten. Aber da sah ich sogar auf der Bühne der menschlichen Betriebsamkeit das Unbekannte, dem ich entfliehen wollte, vor meinen gewarnten Augen wieder auftauchen. Diesmal entzog es sich nicht in die Tiefe eines Abgrundes. Es versteckte sich unter der Menge der sich überschneidenden Zufälle, aus denen der Soff des Weltalls und meiner kleinen Persönlichkeit gewoben ist. Doch es war durchaus dasselbe Geheimnis. Ich habe es wiedererkannt. Unser Geist verwirrt sich, wenn wir die Tiefe der Welt unter uns auszumessen trachten. Aber er taumelt auch, wenn wir die günstigen Zufälle aufzuzählen suchen, deren Zusammenwirken in jedem Augenblick das kleinste Lebewesen erhält und gedeihen läßt. Außer dem Bewußtsein, ein anderer und ein größerer als ich zu sein, hat mich ein zweites schwindlig gemacht: die geradezu undenkbare und furchterregende Unwahrscheinlichkeit, mich lebend im Schoß einer wohlgelungenen Welt zu befinden. In diesem Augenblick habe ich, wie jeder, der dieselbe innere Erfahrung machen will, die unausweichliche Trostlosigkeit, ein im Weltall verlorenes Atom zu sein, über mir schweben gefühlt – jene Trostlosigkeit, (74) die täglich menschliches Wollen unter der überwältigenden Zahl der Lebewesen und Sterne zum Scheitern bringt. Und wenn mich etwas gerettet hat, so war es die durch göttliche Erfolge verbürgte Stimme des Evangeliums, die aus der tiefsten Tiefe der Nacht zu mir sprach: «Ego sum, noli timere.»18 Ja, mein Gott, ich glaube es, und ich glaube es um so lieber, weil es ja nicht nur um meine Beschwichtigung, sondern um meine Vollendung geht: Du bist am Ursprung Ansporn und am Ende Anziehung, und ich kann mein Leben lang nur dem ersten Antrieb und seinen Entfaltungen folgen oder sie begünstigen. Und Du bist es auch, Der für mich die Myriaden Einflüsse, die jeden Augenblick auf mich eindringen, durch Deine Allgegenwart belebst, mehr belebst als mein Geist die Materie, die er beseelt. – Im Leben, das in mir emporquillt, und in der Materie, die mich trägt,
«Ich bin es, fürchte dich nicht.» Gen 26, 24.

18

26 finde ich noch Besseres als Deine Geschenke: Dir selbst begegne ich, Dir, Der Du mich an Deinem Sein teilhaben läßt und mich knetest. In der Tat, im anfänglichen Regulieren und Modulieren meiner Lebenskraft, im günstig fortgesetzten Spiel der Zweitursachen berühre ich, so nah wie nur möglich, die zwei Gesichter Deiner Schöpfertätigkeit. Ich begegne Deinen zwei wunderbaren Händen und ich küsse sie: die Hand, die so tief greift, daß sie sich in uns mit den Quellen des Lebens vermischt, und jene, die so weit umfaßt, daß sich unter ihrem geringsten Druck alle Spannkräfte des Weltalls auf einmal harmonisch beugen. Diese seligen Formen des Erleidens – für mich sind es der Lebenswille, die Freude, so und nicht anders (75) zu sein, und die Gelegenheit, mich nach meinem Gutfinden zu verwirklichen –, sie sind schon ihrer Natur nach von Deinem Einfluß geladen, von einem Einfluß, der mir bald ganz klar als die ordnende Kraft des mystischen Leibes erscheinen wird. Um mich in ihnen mit Dir zu vereinigen, in einer Vereinigung im Ursprung – einer Vereinigung an den Lebensquellen –, muß ich Dich nur in ihnen erkennen und Dich bitten, immer mehr in ihnen zu sein. Dein Anruf geht allen unseren Bewegungen voran. So erwecke Du, Herr, in mir die Sehnsucht nach dem Sein, damit durch den göttlichen Durst, den Du mir gegeben, Der Zugang zu den großen Wassern sich in mir weit öffne. Entziehe mir nie die heilige Freude am Sein, diese Urkraft, diesen allerersten Halt: «Spiritu prinicipali confirma me.»19 Du, Dessen liebende Weisheit mich aus allen Kräften und allen Zufällen der Erde herausformt, laß mich eine Gebärde tun, deren volle Wirksamkeit sich mir angesichts der Mächte der Minderung und des Todes offenbaren wird – laß mich, nachdem ich es gewünscht habe, glauben, glühend glauben, über allen Dingen an Deine wirkende Gegenwart glauben. Durch Dich sind diese Erwartung und dieser Glaube schon voll von wirkender Kraft. Doch wie soll ich es anstellen, um durch eine äußere Anstrengung Dir zu bezeugen und mir selbst zu beweisen, daß ich nicht zu jenen gehöre, die einfach mit den Lippen sagen: «Herr, Herr!»? Ich will an Deinem vorgreifenden Wirken mitarbeiten, und zwar auf zweifache Art. Zunächst will ich auf Deine tiefe Eingebung, die mir (76) zu sein befiehlt, mit dem Vorsatz antworten, meine Kraft zu lieben und zu handeln nie zu ersticken, nie abzulenken und nie zu vergeuden. Zweitens will ich mich an Deine einhüllende Vorsehung klammern, die mir immerfort durch die Ereignisse des Tages den nächsten Schritt, den ich zu tun, und die nächste Sprosse, die ich zu erklimmen habe, zeigt, und will mich hüten, eine Gelegenheit zu verpassen, um ‹zum Geist› aufzusteigen. Das Leben eines jeden von uns ist gleichsam aus zwei Fäden geflochten: Dem Faden der inneren Entwicklung entlang formen sich nach und nach unsere Ideen, unsere Gefühle, unsere menschliche und mystische Haltung. Am Faden des äußeren Erfolges befinden wir uns in jedem Augenblick an dem bestimmten Punkt, wo die gesamten Kräfte des Universums konvergieren, um auf uns die von Gott erwartete Wirkung auszuüben. Mein Gott, damit Du mich immerzu so, wie Du mich wünschest, dort findest, wo Du mich erwartest, das heißt, damit Du mich durch mein Inneres und durch mein Äußeres voll erfassest – gib, daß ich niemals diesen doppelten Faden meines Lebens zerreiße. (77)

19

«Erquicke mich mit einem frohgemuten Geiste!» Ps 50, 14.

27

DAS ERLEIDEN DER MINDERUNG20
Gott anhangen, Der unter jenen inneren und äußeren Kräften verborgen ist, die unser Sein beleben und es in seiner Entwicklung stützen, das heißt schließlich, sich jedem Hauch des Lebens öffnen und anvertrauen. Wir nehmen das Erleiden des Wachstums an und antworten ihm mit unserer Treue im Handeln. So werden wir im Verlangen, Gott zu erleiden, zur liebenswerten Aufgabe zu wachsen zurückgeführt. Doch der Augenblick ist gekommen, die ausgesprochen negative Seite unseres Lebens zu untersuchen – jene Seite, wo unser Blick, wie weit er auch suchen mag, in allem, was uns zustößt, kein erfreuliches Ergebnis und keine dauerhafte Vollendung mehr erkennen kann. Daß Gott in unserem Leben und durch unser Leben erfaßbar ist, scheint uns leicht verständlich. Aber ist Gott auch in jedem Tod zu finden? Das ist die Frage, die uns verwirrt. Und doch werden wir lernen müssen, auch das mit geübtem und erfahrenem Blick zu erkennen, sonst bleiben wir gerade für das Christlichste im christlichen Denken blind – und gehen der Berührung mit Gott auf einer der ausgedehntesten und empfänglichsten Seiten unseres Lebens verlustig. Die Kräfte der Minderung sind unser Erleiden im eigentlichen Sinn. Ihre Zahl ist unermeßlich, ihre Form unendlich verschieden und ihr Einfluß ununterbrochen am Werk. Um die Gedanken klar zu fassen (78) und die Betrachtung etwas zu ordnen, wollen wir sie in zwei Teile zerlegen, die den zwei Arten entsprechen, unter denen uns schon die Kräfte des Wachstums erschienen sind; die Minderungen, die aus unserem Innern herrühren, und jene, die von außen kommen. Zum Erleiden der Minderung von außen gehören alle unsere mißlichen Geschicke. Folgen wir in Gedanken unserem Lebenslauf, dann werden wir sie von überallher aufsteigen sehen: hier eine Schranke, die uns aufhält, dort eine Mauer, die uns einschließt, hier ein Stein, der uns aus der Bahn wirft, dort ein Hindernis, an dem wir zerschellen; hier eine Mikrobe, dort ein unsichtbares Wort, wodurch der Körper getötet oder der Geist angesteckt wird. Wie viele Zwischenfälle und Unfälle jeder Schwere und jeder Art, wie viele schmerzliche Durchkreuzungen [Hemmnisse, Ängste, Verstümmelungen und Todesarten] gibt es zwischen der Welt der ‹andern› Dinge und der Welt, die von uns ausstrahlt! Und doch, als der Hagel, das Feuer und die Banditen Job alle seine Reichtümer und seine ganze Familie genommen hatten, konnte Satan zu Gott sagen: «Leben um Leben! Der Mensch schickt sich darein, alles zu verlieren, wenn er nur seine Haut behält. Rühre nur an den Körper Deines Dieners und Du wirst sehen, ob er Dich preist!» In gewissem Sinn bedeutet es wenig, daß uns die Dinge entschlüpfen, weil wir uns immer vorstellen können, sie kämen wieder zurück. Das Schreckliche für uns ist, wenn wir selbst den Dingen durch ein inneres und endgültiges Schwinden entschlüpfen. Menschlich gesprochen, bildet das Erleiden der Minderungen (79) von innen her den dunkelsten und hoffnungslos unbrauchbaren Rückstand unseres Lebens. Die einen lauerten auf uns und packten uns schon beim ersten Erwachen: angeborene Fehler, körperliche, geistige oder
(FN 3) Wenn wir uns hier mit dem Bösen beschäftigen, ohne ausdrücklicher von der Sünde zu sprechen, so geschieht dies, weil diese Seiten ja nur zeigen wollen, wie dem Gläubigen alle Dinge helfen können, sich mit Gott zu vereinigen. Wir mußten uns also nicht unmittelbar mit der schlechten Handlung, das heißt, mit der ausdrücklichen Gebärde der Trennung, beschäftigen. Die Sünde interessiert uns hier nur wegen der Schwächung und Abweichung, die unsere persönlichen Fehler, auch die bereuten, in uns zurücklassen, oder auch wegen des Kummers und Ärgernisses, die uns die Sünden anderer bereiten; denn so gesehen leiden wir durch die Sünde, und so kann auch sie wie die andern Schmerzen umgewandelt werden. Aus diesem Grund haben wir hier das körperliche und das moralische Übel beinahe ohne Unterscheidung in das gleiche Kapitel über das ‹Erleiden der Minderungen› einbezogen. 20

28 moralische Mängel, wodurch das Feld unserer Tätigkeit, unseres Genießens und unseres geistigen Horizontes von Geburt an und für das ganze Leben unbarmherzig begrenzt wurde. Andere Minderungen erwarteten uns später, grob wie ein Unfall oder tückisch wie eine Krankheit. Uns allen kam eines Tages zum Bewußtsein oder wird eines Tages zum Bewußtsein kommen, daß irgendeiner jener zerstörenden Vorgänge sich mitten im Mark unseres Lebens eingenistet hat. Einmal sind es die Zellen unseres Körpers, die sich auflehnen oder zerfallen. Ein andermal sind es die Elemente unserer eigenen Persönlichkeit, die ihre Harmonie zu verlieren oder sich selbständig zu machen scheinen. Machtlos erleben wir dann Zusammenbrüche, Aufstände, innere Gewaltherrschaften in einem Bezirk, wo kein freundlich gesinnter Einfluß uns zu Hilfe kommen kann. Selbst wenn wir das Glück gehabt haben, mehr oder weniger allen gefährlichen Arten des Ansturmes zu entkommen, der in der Tiefe unserer selbst unwiderstehlich die Kraft, das Licht oder die Liebe, aus der wir leben, tötet, so wartet doch eine schleichende, aber wesentliche Veränderung auf uns, der wir nicht entrinnen können: die Jahre, das Alter, die uns von Augenblick zu Augenblick uns selbst entreißen, um uns dem Ende zuzutreiben. Dauer, die die Besitznahme verzögert, Dauer, die dem Genuß entreißt, Dauer, die aus uns allen zum Tode Verurteilte (80) macht – furchtbares Erleiden, der Ablauf der Dauer… Im Tode fließen die plötzlichen oder allmählichen Arten des Schwindens wie in einem Meer zusammen. Der Tod vereinigt alle unsere Minderungen und vollendet sie: Er ist das Übel selbst – bloß physisches Übel, sofern er eine organische Folge der materiellen Vielheit ist, in die wir eingetaucht sind, aber auch moralisches Übel, sofern diese in Unordnung geratene Vielheit die Ursache allen Anstoßes und jeder Verderbnis, durch den Mißbrauch unserer Freiheit in der Gesellschaft oder in uns selbst entstanden ist. Übersteigen wir den Tod, indem wir in ihm Gott entdecken! Und das Göttliche wird sich auf einen Schlag in unserem Herzen selbst finden, in der hintersten Falte, die Ihm entgehen zu können schien. Hier, wie bei der ‹Vergöttlichung› des menschlichen Tätigseins, finden wir den christlichen Glauben in seiner Lehre wie in seiner Praxis vollkommen bestätigt. Christus hat den Tod überwunden, indem er nicht nur dessen Missetaten Einhalt gebot, sondern seinen Stachel umkehrte. Kraft der Auferstehung führt nichts mehr unausweichlich zum Tode. Alles ist fähig, für unser Leben zur gesegneten Berührung der göttlichen Hände, zum gesegneten Einfluß des göttlichen Willens zu werden. Mag unsere Lage infolge unserer Fehler noch so schmählich oder verzweifelt sein, wir können doch in jedem Augenblick durch eine vollständige Neuausrichtung die Welt um uns wieder ordnen und unser Leben froh wieder aufnehmen. «Diligentibus Deum omnia convertuntur in bonum.»21 Dies (81) ist die Tatsache, die über jeder Erklärung und über jeder Diskussion steht. Aber wie damals, als es darum ging, den Wert der menschlichen Anstrengung zu retten, so will unser Geist auch hier seine Hoffnungen vor sich selbst rechtfertigen, um sich ihnen besser überlassen zu können. «Quomodo fiet istud?»22 Diese Untersuchung ist um so notwendiger, als die christliche Haltung dem Übel gegenüber mehr Anlaß zu gefährlichen Mißverständnissen gibt. Eine falsche Deutung der christlichen Ergebung und eine falsche Auffassung von der christlichen Loslösung sind die

21 22

«Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten.» Röm 8, 28. «Wie soll dies geschehen?» Lk 1, 34.

29 Hauptquelle der Abneigung, aus der heraus eine große Zahl von Heiden das Evangelium in guten Treuen haßt. Wir wollen uns fragen, wie und unter welchen Bedingungen unser scheinbares Sterben – das heißt, die Zerfallsteile unserer Existenz – in den Aufbau des göttlichen Reiches und Bereiches um uns integriert werden können. Dazu mag es dienlich sein, den Vorgang, der auf die Umwandlung unseres Hinschwindens zielt, in Gedanken in zwei Phasen oder zwei Zeitabschnitte zu zerlegen. Die erste Phase besteht im Kampf gegen das Übel, die zweite in der Niederlage und ihrer Umwandlung.

a] Der Kampf mit Gott gegen das Übel Wenn der Christ leidet, sagt er: «Gott hat mich berührt.» Diese Redewendung ist überaus richtig. Doch (82) sie faßt in ihrer Einfachheit eine ganze Reihe verwickelter Vorgänge zusammen und darf erst mit Recht ausgesprochen werden, wenn sich alle diese Vorgänge abgespielt haben. Wenn wir bei unseren Begegnungen mit dem Übel auszusondern suchen, was die Scholastiker ‹natürliche Ursachen› nennen, müssen wir zunächst einmal ganz im Gegenteil sagen: «Gott wünscht, mich von diesem Hinschwinden zu befreien, – Gott will, daß ich Ihm helfe, diesen Kelch von mir fernzuhalten.» Gegen das Übel, das uns bedroht, zu kämpfen, das Übel – auch wenn es nur körperlich ist – möglichst zu verringern, ist ohne Zweifel die erste Gebärde unseres Vaters, Der im Himmel ist. Unter einer andern Gestalt könnten wir Ihn ja gar nicht denken, geschweige denn lieben. Ja, es ist eine richtige und streng evangelische Betrachtungsweise der Dinge, wenn man sich vorstellt, die Vorsehung sei darauf bedacht, der Welt im Laufe der Zeitalter Verletzungen zu ersparen und Wunden zu verbinden. Es ist wahrhaftig Gott, der im Laufe der Jahrhunderte dem allgemeinen Rhythmus des Fortschrittes entsprechend die großen Wohltäter und Ärzte erweckt. Er ist es, Der auch bei den ungläubigsten Menschen das Suchen nach allem anregt, was erleichtert und heilt. Müssen denn die Menschen nicht instinktmäßig diese göttliche Gegenwart erkennen, sie, deren Haß sich legt und deren Einwände sich verflüchtigen, sobald sie einem Menschen zu Füßen sitzen, der ihren Körper oder ihre Seele befreit? Zweifeln wir nicht daran! Wenn sich die Minderungen zum erstemal nähern, können wir Gott ja (83) nur finden, indem wir das, was uns überfällt, verabscheuen und unser möglichstes tun, ihm auszuweichen. Je mehr wir das Leiden in diesem Augenblick von ganzem Herzen und mit allen Kräften23 zurückstoßen, um so näher stehen wir den Herzen und dem Handeln Gottes.

b] Unsere scheinbare Niederlage und ihre Umwandlung Wenn Gott unser Bundesgenosse ist, sind wir jederzeit sicher, unsere Seele zu retten. Aber – wir wissen das nur zu gut – nichts verbürgt uns, daß wir dem Schmerz, nicht einmal, daß wir gewissen inneren Niederlagen immer entrinnen, die in uns die Vorstellung erwecken, unser
(FN 4) Natürlich ohne sich aufzulehnen und ohne Bitterkeit, sondern zum voraus in der Absicht, das Leiden anzunehmen und sich schließlich zu ergeben. Es ist begreiflicherweise schwierig, die beiden natürlichen Ursachen voneinander zu trennen, ohne sie in der Beschreibung ein wenig zu entstellen. Halten wir folgendes fest: Die Notwendigkeit dieses anfänglichen Widerstandes gegen das Übel liegt auf der Hand und wird von jedermann anerkannt. Der Mißerfolg als Ergebnis der Trägheit, die Krankheit, die man sich aus grundloser Unvorsichtigkeit zuzieht und so fort dürfen für niemanden unmittelbar als Wille Gottes gelten. 23

30 Leben verfehlt zu haben. Wir altern jedenfalls alle, und wir alle werden sterben. Das heißt, wir spüren irgendwann, wie stark auch unser Widerstand sein mag, daß der Druck der mindernden Kräfte, gegen den wir ankämpften, allmählich über unsere Lebensgeister Herr wird und uns als körperlich Besiegte zu Boden wirft. – Wie können wir geschlagen werden, wenn Gott mit uns kämpft? Was bedeutet diese Niederlage? Das Problem des Übels, das heißt die Frage, wie man unsere Verluste, auch wenn sie nur körperlich sind, mit der Güte und Macht des Schöpfers vereinen könne, wird für Verstand und Herz immer eines der verwirrendsten Geheimnisse des Weltalls bleiben. Wir würden den Schmerz der Kreatur – wie auch die (84) Qual des Verdammten – erst verstehen, wenn wir die Natur und den Wert des bloß ‹teilhabenden Seins› richtig einschätzen könnten. Das aber ist uns unmöglich, weil uns die Vergleichspunkte fehlen. Wir ahnen immerhin folgendes: Das von Gott unternommene Werk, sich mit geschaffenen Wesen innig zu vereinen, verlangt einerseits von diesen Geschöpfen eine allmähliche Vorbereitung. Im Verlauf der Vorbereitung können diese Wesen nun – da sie zwar sind, aber noch keineswegs vollendet sind – ihrer Natur nach gewissen Gefahren nicht entrinnen, zumal diese durch eine Erbsünde noch verschärft sind; denn die unvollkommene Anordnung des Vielfachen in ihnen und um sie herum bringt diese Gefahren mit sich. – Anderseits kann sich der endgültige Sieg des Guten über das Böse nur in der gesamten Ordnung der Welt vollenden. Deshalb kann unser unendlich kurzes Einzelleben auf Erden den Zutritt ins Gelobte Land nicht erhalten. Wir gleichen Soldaten, die im Sturmangriff fallen, aus dem der Friede hervorgeht. Gott ist also in unserer Niederlage zunächst einmal nicht besiegt; denn wenn wir auch persönlich zu unterliegen scheinen, so triumphiert die Welt, in der wir weiterleben werden, doch gerade durch das Sterben jedes einzelnen von uns. Diese erste Seite seines Sieges würde zwar genügen, die Allmacht seines Armes zu bezeugen; sie wird aber noch durch eine andere Offenbarung seiner alles umfassenden Herrschaft ergänzt. Diese ist vielleicht unmittelbarer, jedenfalls für jeden von uns unmittelbarer ertastbar. Gott kann gerade wegen seiner Vollkommenheiten24 nicht bewirken, daß die Elemente einer (85) Welt, die sich auf dem Wege des Wachsens befindet – oder wenigstens einer gefallenen Welt, die auf dem Weg des Wiederaufstiegs ist –, den Stößen und Minderungen, auch nicht den moralischen, entgehe: «necesse est enim ut veniant scandala.»25 Nun, er wird den Verlust wettmachen – er wird sich rächen, wenn man so sagen darf –, indem er das Übel, das ihm der gegenwärtige Stand der Schöpfung nicht sofort zu unterdrücken erlaubt, einem höheren Gut seiner Gläubigen dienstbar macht. Wie ein Künstler einen Fehler des Steins, den er behaut, oder einen Unreinheit der Bronze, die er gießt, dazu benützt, um erlesenere Linien oder einen schöneren Ton herauszubringen, so hält Gott, wenn wir uns ihm nur liebend anvertrauen, das stückweise Absterben oder den endgültigen Tod, weil sie einen wesentlichen Anteil an unserem Leben haben, von uns nicht fern, sondern wandelt sie um und baut sie in einen höheren Plan ein. Zu dieser Umwandlung sind nicht nur unsere unvermeidlichen Übel zugelassen, auch unsere Fehler sind es, selbst die freiwilligsten, sofern wir sie nur beweinen. Für Gottsucher ist noch nicht alles unmittelbar gut, aber alles ist fähig, gut zu werden: «Omnia convertuntur in bonum.»26, 27 Wie
(FN 5) Denn Seine Vollkommenheiten könnten der Natur der Dinge nicht zuwiderhandeln. Nun aber liegt dies ja gerade in der Natur einer Welt, die auf dem Weg der Vervollkommnung oder ‹im Wiederanstieg› gedacht ist, daß sie teilweise noch ungeordnet ist. Eine Welt, die keine Spur oder keine Drohung des Übels mehr aufwiese, wäre eine schon vollendete Welt. 25 «Es müssen zwar Ärgernisse kommen.» Mt 18, 7. 26 «Alles gereicht zum Guten.» Röm 8, 28. 27 (FN 6) Man vergleiche, was unten über die mehr ‹wunderbaren› Wirkungen des Glaubens gesagt wird [S. 162]. Wir beabsichtigen selbstverständlich nicht, hier eine allgemeine Theorie des Gebetes auszustellen. 24

31 und über was für Entwicklungsstufen bewirkt Gott diese wunderbare Umwandlung unseres Sterbens in ein besseres Leben? Wenn wir aus dem, was wir selbst verwirklichen können, analog folgern und die Haltung und die praktische Lehre der Kirche dem menschlichen Leiden gegenüber in Betracht ziehen, dürfen wir versuchen, ein wenig zu mutmaßen. (86) Auf drei hauptsächliche Arten, so könnte man sagen, wandelt die Vorsehung jenen, die an sie glauben, das Böse zum Guten. Oft wird die Niederlage, die wir erlitten haben, unser Handeln auf Gegenstände oder Tätigkeitsbereiche hinlenken, die zwar noch immer in der Ebene des erstrebten irdischen Erfolges liegen, aber doch für uns günstiger sind. So wird uns Job vor Augen gestellt, dessen neues Glück das alte überstieg. – Ein andermal, und das weit öfter, wird der Verlust, der uns betrübt, uns zwingen, die Befriedigung unserer enttäuschten Wünsche in einem weniger materiellen Bereich zu suchen, dem Rost und Motten nichts anhaben. Die Geschichte der Heiligen oder allgemeiner die Geschichte aller Persönlichkeiten, die an Geist oder Güte des Herzens hervorragten, ist voll von solchen Beispielen. Der Mensch geht gewachsen, gestählt und erneuert aus einer Prüfung oder selbst aus einem Zusammenbruch hervor, der ihn anscheinend für immer hätte mindern und niederschmettern müssen. Der Mißerfolg spielt also für uns dieselbe Rolle wie das Höhensteuer für das Flugzeug oder, wenn man lieber will, wie die Baumschere für die Pflanze. Der Mißerfolg lenkt unseren innern Schwung auf ein bestimmtes Ziel, er legt die reinsten Komponenten unseres Seins frei, indem er uns höher und gerader aufsteigen läßt. Der Verlust, sogar der moralische, verwandelt sich so in einen Erfolg, der, selbst wenn er noch so geistig ist, in der tatsächlichen Erfahrung empfunden wird. Angesichts des heiligen Augustinus, der heiligen Magdalena oder der heiligen Lidwina zaudert kein Mensch, zu denken: «Felix dolor» oder «Felix culpa»28. (87) Bis zu diesem Punkt können wir die Vorsehung immer noch ‹verstehen›. Doch es gibt schwierigere Fälle – und das sind ausgerechnet die alltäglichsten –, wo unsere Weisheit völlig am Ende ist. Jeden Augenblick beobachten wir in uns oder um uns Minderungen, die offensichtlich durch keinen Vorteil auf irgendeiner wahrnehmbaren Ebene aufgewogen werden: frühzeitiger Tod, sinnlose Unglücksfälle und Schwächungen in den höchsten Schichten unseres Seins. Unter diesen Schlägen erhebt sich der Mensch nach keiner wertvollen Richtung mehr, sondern stirbt oder bleibt hoffnungslos geschwächt. Solche Minderungen ohne Entgelt bedeuten den Tod in seiner reinen Tödlichkeit. Wie sollen sie sich für uns in ein Gut verwandeln? Gerade hier zeigt sich im Bereich unserer Minderungen das dritte, wirksamste und besonders heiligende Walten der Vorsehung. Gott hatte bereits unsere Leiden verwandelt, indem er sie unserer faßbaren Vollendung dienen ließ. In Seinen Händen sind die mindernden Kräfte spürbar zum Werkzeug geworden, das jenen Stein in uns zuschneidet, behaut und zuschleift, der bestimmt ist, im Himmlischen Jerusalem einen festgesetzten Platz einzunehmen. Aber Gott wird noch mehr tun; denn durch sein allmächtiges Wirken, das sich auf unsern Glauben senkt, werden die Ereignisse, die sich erfahrungsgemäß in unserem Leben nur als Mißerfolg zeigen, zur unmittelbaren Triebfeder jener Vereinigung, die wir mit Ihm sehnlichst einzugehen wünschen. (88) Sich vereinigen heißt in jedem Fall aus sich auswandern und teilweise im Geliebten sterben. Da aber nach unserer Überzeugung diese Sichselbstverlieren im andern um so vollständiger sein muß, je höher das Wesen ist, dem man sich anschließt, wie sehr müssen wir dann uns selbst entrissen werden, um in Gott einzugehen? – Wenn unsere Selbstsucht durch die ‹zwangsläufige›
«Glücklicher Schmerz» oder «Glückliche Schuld». Liturgie der Osternacht.

28

32 Erweiterung des menschlichen Gesichtskreises29 immer mehr zerstört wird und Neigungen und Ehrgeiz infolge gewisser Mißgeschicke von Stufe zu Stufe vergeistigt werden, so sind das ohne Zweifel sehr wirkliche Formen der Ekstase, die uns uns selbst entreißen soll, um uns Gott unterzuordnen. Und doch verlegt diese erste Loslösung den Mittelpunkt unserer Persönlichkeit bloß bis an die äußersten Grenzen unserer selbst. An diesem äußersten Punkt angekommen, können wir den Eindruck haben, uns im höchsten Grade zu besitzen – freier und tätiger als je. Wir haben also den entscheidenden Punkt, an dem wir unsere Mitte verlassen und in Gott einkehren, noch nicht hinter uns. Wir müssen einen Schritt weiter gehen: jenen Schritt, bei dem unser ganzes Ich den Boden unter den Füßen verliert. - «Illum opportet crescere, me autem minui.»30 Wir haben uns noch nicht verloren. – Wer wird der Vollstrecker dieser endgültigen Umwandlung sein? Eben der Tod. An sich ist der Tod eine unheilbar Schwäche der körperlichen Wesen, die in unserer Welt durch den Einfluß eines Sündenfalles noch verwickelter geworden ist. Der Tod ist das Urbild und die Zusammenfassung aller Minderungen, gegen die wir kämpfen (89) müssen, ohne von diesem Kampf einen persönlichen und unmittelbaren Sieg erwarten zu dürfen. Das ist ja in christlicher Schau gerade der große Triumph des Schöpfers und des Erlösers, daß sie eine an sich allumfassende Macht des Minderns und des Auslöschens in eine wesentliche Triefeder der Belebung verwandelt haben. Gott muß, um endgültig in uns einzudringen, uns auf irgendeine Weise aushöhlen und entleeren und so für sich selbst Platz schaffen. Er muß, um uns sich anzugleichen, uns immer wieder in die Hand nehmen, uns umschmelzen und die Moleküle unseres Seins aufbrechen. Der Tod ist beauftragt, diese ersehnte Aufschließung bis auf den Grund unseres Selbst durchzuführen. Er wird an uns die erwartete Trennung vollziehen. Er wird uns in jenen Zustand versetzen, der organisch unerläßlich ist, damit das göttliche Feuer sich auf uns senke. Und so wird seine unheilvolle Macht – zu zersetzen und aufzulösen – sich dazu gedungen sehen, die erhabenste Tätigkeit des Lebens zu vollziehen. Was seiner Natur nach leer war, eine Lücke bildete, Rückkehr zur Vielheit bedeutete, kann in jedem menschlichen Leben Fülle und Einheit in Gott werden.

c] Die Vereinigung durch die Minderung Mein Gott, mitten im tätigen Leben fühlte ich voll Freude, wie ich mich selbst entwickelte und dadurch Deine Macht über mich vermehrte. Gerne überließ ich mich unter dem innern Drang des Lebens oder im (90) günstigen Spiel der Ereignisse Deiner Vorsehung. Nachdem ich also die Freude entdeckt habe, jedes Wachstum einzusetzen, um Dich in mir größer zu machen oder größer werden zu lassen, gib, daß ich nun auch ohne Verwirrung an diese letzte Stufe der Vereinigung herantrete, auf der ich Dich, in Dir abnehmend, besitzen werde. Nachdem ich Dich als Den erkannt habe, ‹Der mein erhöhtes Ich ist›, laß mich, wenn meine Stunde gekommen ist, Dich unter der Gestalt jeder fremden oder feindlichen Macht wiedererkennen, die mich zerstören oder verdrängen will. Wenn sich an meinem Körper und noch mehr an meinem Geist die Abnutzung des Alters zu zeigen beginnt; wenn das Übel, das mindert oder wegrafft, mich von außen überfällt oder in mir entsteht; im schmerzlichen Augenblick, wo es mir plötzlich zum Bewußtsein kommt, daß ich krank bin und alt werde; besonders in jenem letzten Augenblick, wo ich fühle, daß ich mir selbst entfliehe, ganz
29 30

Siehe oben, Seite 60. «Jener muß wachsen, ich aber muß abnehmen.» Joh 3, 30.
(FN 7)

33 ohnmächtig in den Händen der großen unbekannten Mächte, die mich gebildet haben; in all diesen düstern Stunden, laß mich, Herr, verstehen, daß Du es bist, Der – sofern mein Glaube groß genug ist – unter Schmerzen die Fasern meines Seins zur Seite schiebt, um bis zum Mark meines Wesens einzudringen und mich in Dich hineinzuziehen. Ja, je tiefer das Übel im Grunde meines Fleisches unheilbar eingefressen ist, um so mehr kannst Du es sein, Den ich in mir berge wie einen liebenden und tätigen Quell der Reinigung und der Loslösung. Je mehr sich die Zukunft vor mir wie eine schwindelerregende (91) Kluft oder wie ein dunkler Durchgang öffnet, um so mehr kann ich, wenn ich mich auf Dein Wort hin hineinwage, Vertrauen haben, mich in Dir zu verlieren oder mich in Dich wie in einen Abgrund zu stürzen – in Deinen Leib, Jesus Christus, aufgenommen zu werden. Oh, Kraft meines Herrn, unwiderstehliche und lebendige Macht, weil Du von uns beiden der unendlich Stärkere bist, fällt Dir die Rolle zu, in der Einigung, die uns verschmelzen soll, mich zu verbrennen. Gib mir also etwas noch Wertvolleres als die Gnade, um die Dich alle Deine Gläubigen bitten. Es genügt nicht, daß ich beim Sterben kommuniziere. Lehre mich zu kommunizieren, indem ich sterbe.

d] Die wahre Ergebung Im Vorangehenden haben wir zu unterscheiden versucht, in welchen Entwicklungsstufen sich unsere Minderungen vergöttlichen können. Die Untersuchung hat uns erlaubt, jene Redewendung vor uns selbst zu rechtfertigen, die allen leidenden Christen so teuer ist: «Gott hat mich angerührt, Gott hat es mir genommen. Sein Wille geschehe.» Dank dieser Formel haben wir durch Leiden, die uns innerlich zerstören, und durch Schläge, die uns von außen zerbrechen, erkannt, wie sich die beiden Hände Gottes noch tätiger und tiefgreifender als je zeigen konnten. – Die Untersuchung hat ein anderes, fast ebenso wertvolles Ergebnis gezeitigt: Wie wir oben angekündigt haben, setzt (92) sie uns Christen instand, die Rechtmäßigkeit und den menschlichen Wert der Ergebung vor den andern Menschen zu rechtfertigen. Viele durchaus ehrenhafte Menschen tadeln die christliche Ergebung ernsthaft, weil sie sie zu den Bestandteilen des ‹religiösen Opiums› rechnen, die am gefährlichsten einschläfern. Neben dem Abscheu vor der Erde wirft man dem Evangelium keine andere Seelenhaltung, die es verbreitet hat, mit größerem Groll vor als das tatenlose Hinnehmen des Übels – ein Hinnehmen, das bis zum widernatürlichen Kult der Minderung und des Leidens gehen kann. Wir haben es oben gesagt, als wir von der ‹falschen Loslösung› sprachen: Diese Anklage oder auch nur dieser Verdacht verhindert zur Zeit die Bekehrung der Welt weit wirksamer als alle Einwände der Wissenschaft oder der Philosophie. Eine Religion, von der man glaubt, sie bleibe hinter unserm menschlichen Ideal zurück, ist eine verlorene Religion, mag sie sich noch so sehr mit Wundern umgeben. Es ist für den Christen also von größter Bedeutung, die Unterwerfung unter den Willen Gottes in dem tätigen und allein richtigen Sinne, den wir erwähnt haben, zu verstehen und zu leben. Nein, der Christ muß, wenn er sein Christentum echt und vollkommen leben will, vor der Pflicht, sich dem Übel zu widersetzen, nicht fliehen. Im Gegenteil! Anfänglich muß er, wie wir gesehen haben, ehrlich und aus allen Kräften zusammen mit der Schöpfermacht der Welt dafür kämpfen, daß jedes Übel zurückweiche – damit nichts in ihm und um ihn gemindert (93) werde. Auf dieser ersten Stufe ist der Gläubige der überzeugte Bundesgenosse all jener, die denken, daß die

34 Menschheit nur dann ihr Ziel erreiche, wenn sie unter dem Aufgebot aller Kräfte bis zur äußersten Möglichkeit ihrer selbst vordringe. Wie wir bemerkten, als wir von der menschlichen Entwicklung sprachen, ist der Gläubige sogar inniger als irgend jemand an die Größe dieser Aufgabe gebunden; denn in seinen Augen ist ja der menschliche Sieg, auch über die körperlichen und natürlichen Minderungen der Welt, zum Teil geradezu die Vorbedingung für die Vollendung eben jener Wirklichkeit, die er anbetet. – Solange der Widerstand möglich bleibt, wird der Sohn des Himmels also ebensosehr wie die irdischsten Kinder der Welt allem Trotz bieten, was ausgemerzt oder zerstört zu werden verdient. Dann möge die Niederlage für ihn kommen – die persönliche Niederlage. Kein Mensch kann hoffen, ihr in dem kurzen Zweikampf zu entrinnen, den er mit Mächten auszufechten hat, die gemäß ihrer Größenordnung und ihrer Rolle in der Entwicklung über dem einzelnen stehen. Ebensowenig wie der besiegte heidnische Held wir der Christ seinen innern Widerstand aufgeben. Seine Anstrengung bleibt, selbst wenn sie erstickt und unterdrückt wird, gespannt. Doch um den Tod, der anrückt, aufzuwiegen und ihn zu beherrschen, wird er nicht bloß den unklaren und fragwürdigen Trost der Stoiker haben; wenn man diesen nämlich tiefer untersucht, findet man als letzte Quelle der Schönheit und Beharrlichkeit bloß einen verzweifelten Glauben an den Wert des Opfers. Nein, der (94) Christ wird sehen, wie sich vor ihm im Tod ein neues Feld von Möglichkeiten öffnet. Die feindliche Kraft, die ihn niederdrückt und zersetzt, kann für ihn, sofern er sie im Glauben annimmt und doch nicht aufhört, gegen sie anzukämpfen, zu einem liebenden Quell der Erneuerung werden. Auf dem Gebiet der Erfahrung ist alles verloren. Aber im Bezirk, den wir übernatürlich nennen, gibt es eine Dimension mehr, die Gott erlaubt, unmerklich eine geheimnisvolle Umkehr des Übels in das Gute zu bewirken. Wenn der Christ den Bezirk der menschlichen Erfolge und Verluste verläßt, gelangt er durch ein Bemühen und Vertrauen auf Den, der größer ist als er, in das Gebiet des übersinnlichen Verwandelns und Zuwachsens. Seine Ergebung ist also nur ein Aufschwung, das Feld seiner Tätigkeit höher hinauf zu verlagern. Wie weit, nicht wahr, wie christlich weit sind wir jetzt von dieser allzu berechtigt beanstandeten ‹Unterwerfung unter den Willen Gottes› entfernt, die den tauglichen Stahl des menschlichen Willens, der gegen alle Mächte der Finsternis und der Schwächung geschwungen wird, weich und brüchig machen könnte. Verstehen wird das recht und sorgen wir, daß auch andere es verstehen: Den Willen Gottes zu erkennen und zu erfüllen – selbst wenn man hinschwindet und stirbt – besteht weder in einer unmittelbaren Begegnung noch in einer passiven Haltung. Von einem Übel, das mich durch meine Nachlässigkeit oder durch meine Schuld träfe, hätte ich nicht das Recht zu denken, es sei Gott, Der mich anrühre31. Dem Willen Gottes – in seiner zu erleidenden Gestalt – werde ich stets nur am Ende (96) meiner Kräfte begegnen, dort, wo mein Tun, das zum Bessersein – im normalen menschlichen Sinne – hindrängt, sich immerfort durch jene entgegenwirkenden Kräfte aufgehoben sieht, die mich aufzuhalten oder umzustoßen suchen. – Wenn ich nicht alles tue, was ich kann, um vorzurücken oder zu widerstehen, befinde ich mich nicht am gewollten Punkt – erleide ich Gott nicht so, wie ich könnte und wie Er es wünscht. Wenn aber meine Anstrengung tapfer und beharrlich ist, begegne ich Gott durch das Übel hindurch, tiefer als das Übel; ich presse mich gegen Ihn; und dann wird der höchste Grad meiner ‹Vereinigung in der Ergebung› ihrem Wesen nach notwendig zusammenfallen mit meiner größten Treue zur menschlichen Pflicht.
(FN 8) Indessen kann auch das Übel, das durch meine Nachlässigkeit entstanden ist, zum Willen Gottes werden, wenn ich bereue und meine träge oder unbekümmerte Haltung ändere. Alles kann in Gott neu begonnen und umgeschmolzen werden, selbst die Sünden. 31

35

ANMERKUNG DER HERAUSGEBER
Es ist aufschlußreich, mit diesen Seiten über die ‹Vergöttlichung des menschlichen Tätigseins und Erleidens› die folgenden Erläuterungen zu vergleichen. Sie sind einem Brief entnommen, in dem Pierre Teilhard kurz vor der Abfassung dieses Buches einem der besten Freunde, P. Auguste Valensin, seine geistliche Lehre darlegte. «Ich nehme grundsätzlich an, daß sich die Vollendung der Welt nur durch einen Tod, durch eine ‹Nacht›, durch eine Umkehrung, durch eine Verschiebung des Mittelpunktes, durch eine Art Entpersönlichung erfüllt… (96) Die Vereinigung mit Christus setzt wesentlich voraus, daß wir den letzten Mittelpunkt unseres Daseins in ihn zurückverlegen, dies aber bedeutet das vollständige Opfer des Egoismus… [Indessen] – Damit Christus mein ganzes Leben – alles Leben überhaupt – nehme, muß ich unbedingt in ihm wachsen, nicht nur durch asketischen Verzicht und durch das Leiden, das uns auf höchste Weise mit Gott vereinigt, indem es uns der Welt entreißt, sondern auch durch alles, was mein Leben an positiver Anstrengung, an natürlicher Vollendung enthält. Die Formel des Verzichts muß, wenn sie vollkommen sein soll, dieser doppelten Bedingung genügen: 1. Der Verzicht muß uns über alles, was es in der Welt gibt, hinausführen. 2. Der Verzicht muß uns gleichzeitig nötigen, die Entfaltung dieser selben Welt überzeugt und leidenschaftlich voranzutreiben. Im Ganzen schenkt sich uns Christus durch die Welt, die im Hinblick auf ihn vollendet werden soll. Beachten Sie das wohl: Ich messe den verschiedenen natürlichen Denksystemen keinen endgültigen und absoluten Wert bei. Ich liebe an ihnen nicht die konkrete Erscheinungsform, sondern ihre Aufgabe: auf geheimnisvolle Weise zunächst etwas zu bilden, was vergöttlicht werden kann – und dann, wenn sich die Gnade Christi auf unsere Anstrengung senkt, etwas Göttliches… Kurz zusammengefaßt, besteht die vollständige christliche Anstrengung meiner Ansicht nach in drei Dingen: (97) 1. leidenschaftlich beizutragen zur menschlichen Anstrengung, im Bewußtsein, daß wir nicht nur durch die Treue im Gehorsam, sondern durch das verwirklichte Werk an der Vollendung des Pleromas mitarbeiten, indem wir dessen mehr oder weniger nahen Baustoff zubereiten; 2. in dieser mühseligen Arbeit und in der Verfolgung eines immer weiter gefaßten Ideals eine erste Art von Verzicht und Sieg über den engen und trägen Egoismus zu gewinnen; 3. neben der ‹Fülle› des Lebens auch seine ‹Leere› zu lieben, das heißt, sein Erleiden und die providentiellen Minderungen, durch die Christus unmittelbar und in hervorragendem Maße die Elemente, die Persönlichkeit, die wir für Ihn zu entfalten suchten, in Sich umwandelt…

36 Loslösung und menschliche Anstrengung stehen also miteinander im Einklang. Man muß hinzufügen, daß ihre Verbindungsmöglichkeiten unendlich vielfältig sind. Es gibt unzählige Berufungen. In der Kirche stehen Thomas von Aquin und Vinzenz von Paul neben Johannes vom Kreuz. Es gibt für jeden von uns eine Zeit zu wachsen und eine Zeit abzunehmen. Bald herrscht die aufbauende Anstrengung des Menschen vor, bald die mystische Vernichtung… Alle diese Haltungen entspringen einer gleichen inneren Richtung, einem gleichen Gesetz, das die doppelte Bewegung, die natürliche Personwerdung des Menschen und seine übernatürliche Entpersönlichung in Christus, vereinigt.» (98)

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SCHLUSSFOLGERUNG AUS DEN ZWEI ERSTEN TEILEN EINIGE ZUSAMMENFASSENDE ANSICHTEN ÜBER DIE CHRISTLICHE ASKESE
DIE CHRISTLICHE ASKESE
Wir haben soeben das sieghafte Voranschreiten der Vergöttlichung im tätigen und im erleidenden Bezirk unseres Daseins verfolgt. Somit ist es uns möglich, einen umfassenden Blick auf jene himmlischen Schichten zu werfen, in die uns diese Flut von Licht getaucht hat. Dies wird im dritten Teil des Buches geschehen. Vorläufig können wir uns noch nicht der Beschauung dessen hingeben, was wir den Göttlichen Bereich nennen. Wir müssen vorerst noch die Gedanken über Askese, die auf den vorangehenden Seiten zerstreut sind, in einer zusammenfassenden Betrachtung kurz und so klar wie möglich ordnen. Wir wollen die Ausführungen in drei Abschnitte mit folgenden Themen gliedern: 1. Verhaftung und Loslösung. 2. Der Sinn des Kreuzes. 3. Die geistige Potenz der Materie.

1. VERHAFTUNG UND LOSLÖSUNG
«Nemo dat quod non habet.»32 Ohne Weihrauchkörner kein Wohlgeruch. Kein Opfer ohne Opfergabe. Wie könnte der Mensch sich Gott hingeben, wenn er nicht lebte? Welchen Besitz könnte er durch Loslösung vergeistigen, wenn seine Hände leer wären? Diese einfache Feststellung des gesunden Menschenverstandes erlaubt es, eine Frage grundsätzlich zu lösen, die häufig, allerdings schlecht genug, etwa folgendermaßen gestellt wird: «Was ist besser für einen Christen, Handeln oder Leiden? Leben oder Tod? Wachsen oder Abnehmen? Entfaltung oder Einschränkung? Besitz oder Verzicht?» (101) Die allgemeine Antwort lautet: «Wozu zwei natürliche Entwicklungsstufen derselben Anstrengung trennen und zueinander in Gegensatz bringen? Eure Pflicht und euer Wunsch bestehen im wesentlichen darin, mit Gott vereint zu sein. Um euch aber vereinigen zu können, müßt ihr zuerst sein, und zwar so vollständig wie möglich ihr selbst sein. So entwickelt euch denn und nehmt von der Welt Besitz, um zu sein. Habt ihr das erreicht, dann entsagt euch selbst und willigt ein, abzunehmen, um dem andern zu gehören. Dies ist das zweifache, aber einzige Gebot der ganzen christlichen Askese.» Untersuchen wir beide Seiten dieser Handlungsweise etwas näher, wie sie im einzelnen zusammenspielen und was sie bewirken.

32

«Niemand kann geben, was er nicht besitzt.» Scholastisches Prinzip.

38 a] Entwickelt euch zuerst33, sagt das Christentum dem Christen Dieser erste Schritt zur christlichen Vollkommenheit wird in der geistlichen Literatur im allgemeinen nicht beleuchtet. Vielleicht erscheint er den Verfassern so selbstverständlich, daß sie es nicht notwendig finden, überhaupt davon zu sprechen – vielleicht erscheint er ihnen aber von einer zu ‹natürlichen› oder gar zu gefährlichen Tätigkeit abzuhangen, als daß es ratsam wäre, darauf zu dringen. Jedenfalls verschweigen sie diesen ersten Schritt oder setzen ihn voraus. Das ist ein Unrecht und eine Lücke. Die Pflicht, sich menschlich zu vervollkommnen, wird von den meisten Leuten (102) leicht begriffen und ist im Grunde genommen jeder weltlichen oder religiösen Moral gemeinsam. Sie wurde aber, wie überhaupt das ganze Universum, ins Reich Gottes eingeholt, eingeschmolzen und über die Natur hinausgehoben. Es ist also eine ausgesprochen christliche Pflicht, zu wachsen – auch vor den Menschen – und seine Talente – auch die natürlichen – Frucht tragen zu lassen. Es ist eine wesentlich katholische Betrachtungsweise, zu glauben, die Welt lasse – nicht nur im einzelnen oder in der Nation, sondern im ganzen Menschengeschlecht – eine eigentümliche Kraft zu erkennen und zu lieben heranreifen. Diese Kraft gipfelt und verklärt sich in der Nächstenliebe. Aber sie wurzelt im Erforschen und Hochschätzen von allem, was in der Schöpfung wahr und schön ist. Daraus zieht sie ihren ursprünglichen Lebenssaft. Wir haben das ausführlich dargelegt, als wir vom christlichen Wert des Handelns sprachen. Doch wir müssen uns an dieser Stelle wieder daran erinnern: Im christlichen Leben muß die menschliche Anstrengung bis in jene Bezirke, die man ungenau als ‹profan› bezeichnet, zu einer heiligen und einigenden Handlung werden. Eine Mitarbeit, bebend vor Liebe, bieten wir den Göttlichen Händen an, die uns [und die Welt] zur letzten Vereinigung im Opfer schmücken und zurüsten. So gesehen ist die Sorge um persönliche Vollendung und Schönheit nur ein Beginn der Hingabe. Und deshalb wandelt sich die Verhaftung in den Geschöpfen, die sich scheinbar in diesen Bemühungen ausdrückt, ganz unmerklich zu einer völligen Loslösung. (103)

b] «Und wenn ihr etwas besitzt», sagt Christus im Evangelium, «verlaßt es und folget mir nach» Der Gläubige der den christlichen Sinn der Entfaltung verstanden hat und daran arbeitet, sich und die Welt für Gott zu bereiten, braucht gewissermaßen dieses zweite Gebot gar nicht zu hören; er hat den ersten Schritt zu dessen Durchführung schon getan. Hat er sich selbst nicht schon verlassen, als er von sich selbst Besitz ergriff, er, der mit der Eroberung der Erde nur ein wenig mehr Materie dem Geist zu unterwerfen suchte? Hat sich selbst nicht schon verlassen, wer auf Genuß, Bequemlichkeit, trägen Besitz der Dinge und Ideen verzichtet hat und auf der Bahn der Arbeit, der inneren Erneuerung, der unermüdlichen Erweiterung und Vergeistigung seiner Ideale mutig vorangeschritten ist? Hat sich schließlich nicht selbst verlassen, wer seine Zeit, seine Gesundheit oder sein Leben dahingegeben hat, für etwas Größeres, als er selbst ist,
(FN 9) Natürlich bedeutet das Wort ‹zuerst› ebensosehr oder noch mehr einen Vorrang der Natur als einen Vorrang der Zeit. Nie wird der wahre Christ einzig und allein an irgend etwas hangen; denn er sucht ja die Berührung mit den Dingen immer im Hinblick darauf, über sie hinauszukommen oder sie zu vergeistigen. Die Bindung, von der wir hier sprechen, ist also ganz durchdrungen und beherrscht von Loslösung. [Siehe weiter unten im Text.] Wann und wieweit wir uns entfalten sollen, bleibt aber im geistlichen Leben ein besonders heikles Problem; denn nichts ist einfacher, als unter dem Vorwand, in Gott zu wachsen und in Gott zu lieben, sich selbst zu suchen. Es gibt nur einen wirksamen Schutz gegen diese Gefahr der Illusion: sich immerfort zu bemühen, die leidenschaftliche Schau des Größeren als alles [mit Gottes Hilfe] sehr lebendig zu erhalten. Diesem höchsten Anspruch gegenüber wird der bloße Gedanke, egoistisch um seiner selbst willen zu wachsen und zu genießen, abgeschmackt und unerträglich. 33

39 um eine Familie zu erhalten, ein Land zu retten, eine Wahrheit zu entdecken und eine Sache zu verteidigen? Sie alle schreiten fortwährend und fortgesetzt von der Verhaftung zur Loslösung, weil sie ihrer Bestimmung getreu den Weg der menschlichen Anstrengung hinansteigen. Es gibt jedoch zwei vorbehaltene Formen des Verzichtes, die der Christ nur auf eine Einladung oder einen bestimmten Befehl seines Schöpfers wählen darf. Wir meinen die evangelischen Räte und jene Minderungen, die durch kein Streben nach (104) einem höheren, genau bestimmten Gut gerechtfertigt sind. Im Hinblick auf die evangelischen Räte läßt sich nicht leugnen, daß das Mönchsleben [das außerhalb des Christentums gefunden wurde und noch immer geübt wird] ein normales, ‹natürliches› Aufblühen des menschlichen Tätigseins auf der Suche nach höherem Leben sein kann. Aber die Übung dieser Tugenden – der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams – stellt eigentlich doch den Beginn einer Flucht aus den normalen Sphären der zeugenden und erobernden Menschheit der Erde dar. Daher mußte diese Flucht, bevor sie allgemein erlaubt war, auf ein «duc in altum»34 warten, das den in der menschlichen Seele heranreifenden Drang beglaubigen sollte. Der Herr der Dinge hat diese Erlaubnis im Evangelium ein für allemal gegeben. Aber sie muß überdies von jedem, der davon Gebrauch macht, persönlich vernommen werden: Dies ist ‹die Berufung›. Bei den Kräften der Minderung steht die Initiative noch deutlicher ganz und allein Gott zu. Gewiß kann und soll der Mensch seine niedern Kräfte durch irgendeine Buße unterordnen und befreien. Er kann und soll sich einem höheren Interesse, das ihn beansprucht opfern. Aber er hat kein Recht, sich zu mindern, nur um sich zu mindern. Die freiwillige Verstümmelung, auch wenn sie als ein Weg zur innern Befreiung aufgefaßt wird, ist ein Verbrechen gegen das Sein. Das Christentum hat sie in aller Form verurteilt. Es ist die wohlverbürgte Lehre der Kirche, daß wir Geschöpfe verpflichtet sind, dem Streben (105) unseres gegenwärtigen Lebens gemäß kraft der höchsten Schichten unseres Selbst immer mehr zu leben. Dies allein geht uns an. Alles andere ist Sache der Weisheit Dessen, Der allein aus jedem Tod ein neues Leben hervorrufen kann. Drängen wir nicht unvernünftig! Der Meister des Todes kommt ohnehin bald, vielleicht vernehmen wir schon Seine Schritte. Kommen wir Seiner Stunde nicht zuvor, aber fürchten wir sie auch nicht! Wenn Er in uns eintritt, um scheinbar die Tugenden und Kräfte zu zerstören, die wir für Ihn mit so viel Sorgfalt und Liebe aus allen Lebenssäften der Erde gewonnen haben, dann tritt Er wie ein liebendes Feuer ein, um unsere Vollendung in der Einigung zu erfüllen.

34

«Fahre hinaus auf die hohe See.» Lk 5, 4.

40 c] So schließen sich im allgemeinen Rhythmus des christlichen Lebens Entfaltung und Verzicht, Verhaftung und Loslösung keineswegs aus. Im Gegenteil. Sie stehen im Einklang wie das Einatmen und Ausatmen der Luft im Spiel unserer Lungen. Sie sind die beiden Phasen im Atemholen unserer Seele oder, wenn man lieber will, die beiden Komponenten jenes Antriebs, der die Seele immerfort auf den Dingen Fuß fassen läßt, damit sie die Dinge übersteige35 Dies ist die Lösung im allgemeinen. Im Einzelfall des täglichen Lebens gibt es zahllose Schattierungen, wie sich die beiden Phasen folgen und die beiden Komponenten (106) verbinden. Sie im richtigen Maße auszugleichen erfordert geistliches Taktgefühl, wie es die besondere Stärke und Tugend der Meister des innern Lebens ist. Bei gewissen Christen wird die Loslösung immer die Gestalt des Unbeteiligtseins und jener Anstrengung beibehalten, die jede treu ausgeführte menschliche Arbeit begleitet: die Verklärung des Lebens wird ganz innerlich sein. Bei andern wird eines Tages ein körperlicher Bruch oder ein moralischer Schnitt stattfinden, der sie aus der Ebene des sehr heiligen Alltags auf die Stufe der auserwählten Verzichte und der mystischen Zustände emporträgt. Für alle mündet übrigens der Weg im selben Punkt: der endgültigen Beraubung durch den Tod, die das Neuschmelzen begleitet und das Vorspiel zur endgültigen Einverleibung in Jesus Christus bildet. Ferner hängt für uns alle der Erfolg des Lebens vom mehr oder weniger harmonischen Verhältnis ab, in dem die beiden Elemente, für Christus zu wachsen und in ihm abzunehmen, unseren natürlichen und übernatürlichen Anlagen gemäß verbunden sind. Es wäre selbstverständlich ebenso unsinnig, zu einem unbegrenzten Entwickeln oder unbegrenzten Verzichten zu drängen wie zu pausenlosem Essen oder Fasten. Wie in jedem organischen Vorgang gibt es auch im geistlichen Leben für den einzelnen ein Optimum. Es zu überschreiten ist ebenso schädlich wie es nicht zu erreichen.36 Was wir vom einzelnen Menschen sagten, muß man ebenso auf die Kirche als Ganzes übertragen. Wahrscheinlich fühlt sich die Kirche, ihren Entwicklungsstufen (107) entsprechend, im allgemeinen Leben dazu gedrängt, bald sich mehr um die Hingabe an die irdische Arbeit zu sorgen – bald eifriger die letzte Transzendenz ihres Wirkens hervorzuheben. Ganz sicher aber ist, daß Gesundheit und Unversehrtheit der Kirche in jedem Augenblick davon abhangen, wie gewissenhaft die Glieder, jedes an seinem Platz, ihre Aufgaben erfüllen. Diese Aufgaben stufen
(FN 10) In dieser ‹dynamischen› Sicht verschwindet der allzuhäufig erwähnte Widerspruch zwischen Askese und Mystik. Vom Augenblick an, da die asketische Anstrengung nur der Beginn einer ‹mystischen Vernichtung› ist, lenkt die Sorge, die der Mensch seiner persönlichen Vervollkommnung widmet, ihn durch nichts davon ab, in Gott aufzugehen. Sobald der menschliche Mittelpunkt nur in Verbindung mit dem göttlichen Mittelpunkt [also in Bewegung auf den göttlichen Mittelpunkt hin] gesehen und geliebt wird, hat man keinen Grund mehr, ‹anthropozentrische› Askese und ‹theozentrische› Mystik zu unterscheiden. Selbstverständlich ist das Geschöpf in der Besitznahme des Menschen durch Gott letzten Endes passiv [denn in der göttlichen Vereinigung sieht es sich über-geschaffen]. Aber diese Passivität setzt ein reagierendes Subjekt voraus, das heißt eine aktive Phase. Das Feuer des Himmels muß auf irgend etwas fallen: sonst wird nichts verzehrt und nichts vollendet. 36 (FN 11) Man schafft also das grundlegende Problem, wie wir uns der Geschöpfe bedienen sollen, statt es zu lösen, allzuleicht aus dem Weg, wenn man sagt, man müsse sich ihrer in jedem Fall sowenig als möglich bedienen. Diese Theorie des Minimums ist bestimmt aus der ungenauen Vorstellung heraus entstanden, Gott wachse in uns, indem eher etwas zerstört oder ersetzt als umgewandelt werde [vergleiche FN 12] oder, was aufs gleiche hinausläuft, die geistigen Möglichkeiten der materiellen Schöpfung seien gegenwärtig erschöpft. Diese Theorie des Minimums dient vielleicht dazu, gewisse scheinbare Gefahren zu vermindern, aber sie lehrt uns nicht, wie wir aus den Dingen, die uns umgeben, einen geistlichen Höchstertrag ziehen können – und darin besteht ja doch das Reich Gottes. Die einzige absolute Formel, die uns hier offenbar leiten kann, ist diese: «Auf der Welt in Gott etwas zu lieben, was immer größer werden soll.» Das übrige ist Sache der christlichen Klugheit und der Berufung des einzelnen. – Vergleiche, was wir Seite 119 und 121f. über den Gebrauch bemerken, den ein jeder von den geistigen Potenzen der Materie machen soll. 35

41 sich ab, von der Pflicht, sich mit dem zu beschäftigen, was man als das Profanste dieser Welt betrachtet, bis zur Berufung zu strengster Buße und höchster Beschaulichkeit. Alle diese Rollen sind notwendig. Wie ein mächtiger Baum braucht die Kirche im Boden kraftvoll verankerte Wurzeln und Blätter, die sich heiter in der vollen Sonne recken. Auf diese Weise schließt sie in einem zusammenfassenden Lebensvorgang jederzeit eine ganze Skala von zahllosen Pulsschlägen ein, von denen jeder einer möglichen Stufe oder einer möglichen Form der Vergeistigung entspricht. Etwas jedoch beherrscht diese Verschiedenheit, etwas, das dem gesamten Organismus wie auch jedem Teil deutlich sein christliches Gesicht aufprägt: es ist der Zug zum Himmel, die mühselige und schmerzliche Ekstase durch die Materie hindurch. Wir müssen daran erinnern [und wir werden weiter auf diesem Punkt beharren], daß die Übernatur die Fortschritte unserer Natur erwartet und unterstützt. Aber man darf auch nicht vergessen, daß sie diese Fortschritte letztlich in einer nur scheinbaren Vernichtung vergeistigt und vollendet. – Die unlösbare Verbindung der beiden Ziele: persönlicher Fortschritt und Verzicht in Gott – (108) aber auch die immerwährende und zuletzt endgültige Vorherrschaft des zweiten über das erste, beides ist im Geheimnis des Kreuzes – in seinem vollen Sinne – zusammengefaßt.

2. DER SINN DES KREUZES
Das Kreuz ist immer ein Zeichen des Widerspruchs und ein Prinzip der Auslese unter den Menschen gewesen. Wie uns der Glaube lehrt, wird die freiwillige Annahme oder Ablehnung seines Einflusses auf die Seelen das gute Korn vom schlechten scheiden und in der Menschheit die auserwählten und die unbrauchbaren Elemente voneinander trennen. Wo das Kreuz erscheint, sind Gärung und Widerstand unvermeidlich. Doch der Konflikt soll nicht unnötig verschärft werden, indem man die Lehre von Jesus dem Gekreuzigten auf herausfordernde und mißtönende Art verkündet. Allzuoft wird uns das Kreuz zur Anbetung weniger als ein höchstes Ziel, das wir erreichen, wenn wir über uns selbst hinauswachsen, hingestellt denn als ein Sinnbild der Traurigkeit, der Einschränkung und der Unterdrückung. In vielen Fällen rührt diese Art, das Leiden Christi zu verkünden, einfach von der verfehlten Verwendung eines frommen Vokabulars her, dessen inhaltsschwerste Worte [wie Opfer, Aufopferung, Sühne] durch Routine ihren Gehalt verloren haben und mit unbewußter Leichtfertigkeit und Unbeschwertheit verwendet werden. Man treibt ein Spiel mit Formeln. (109) Diese Art sich auszudrücken, erweckt schließlich den Eindruck, das Reich Gottes könne sich nur in der Trauer bilden, indem es sich beständig auf der Gegenspur und im Gegenstrom der menschlichen Kräfte und Bestrebungen bewege. So hält man zwar an den richtigen Ausdrücken fest, doch im Grund ist nichts weniger christlich als diese Betrachtungsweise. Was wir im vorhergehenden Kapitel über die notwendige Verbindung der Loslösung und Verhaftung gesagt haben, gibt der christlichen Askese einen viel reicheren und viel umfassenderen Sinn. Wer überzeugt ist, daß sich angesichts der unermeßlichen menschlichen Unruhe ein Weg zu einem Ausgang öffnet und daß dieser Weg ansteigt, der hängt der Lehre des Kreuzes in ihrer allgemeinsten Form an. Das Leben hat ein Ziel. Daher schreibt es auch eine Wegrichtung vor, die tatsächlich durch die größte Anstrengung zur höchsten Vergeistigung hinführt. Wer immer diese wesentlichen Grundsätze annimmt, zählt zu den vielleicht entfernten und stillschweigend zugehörigen, aber wirklichen Jüngern des gekreuzigten Jesus. Von dieser ersten Wahl an ist

42 schon die erste Trennung zwischen den Mutigen, die zum Ziel kommen, und den Genießern, die scheitern, zwischen den Auserwählten und den Verdammten, vollzogen. Das Christentum bestimmt diese noch undeutliche Haltung näher und führt sie zugleich weiter. Vor allem macht es uns durch die Offenbarung eines Sündenfalles das etwas verwirrende Übermaß an Sünde und Leiden in der Welt verständlich. – Um unsere Liebe zu gewinnen und unseren Glauben zu (110) festigen, enthüllt das Christentum den Augen und Herzen überdies die packende und unerforschliche Wirklichkeit des geschichtlichen Christus. In Christus verbirgt sich unter dem vorbildlichen Leben eines Einzelmenschen das folgende geheimnisvolle Drama: Der Herr der Welt führt als Element der Welt nicht nur das Leben eines Elementes, sondern darüber hinaus auch noch das ganze Leben des Universums, das Er auf Seine Schultern nehmen und Sich angleichen will, indem Er es selbst auskostet. Schließlich bedeutet das Christentum unserem Durst nach Glück gerade durch den Kreuzestod dieses anbetungswürdigen Wesens, daß das Ziel der Schöpfung nicht in den zeitlichen Bezirken der sichtbaren Welt zu suchen ist; die von unserer Treue erwartete Anstrengung wird sich erst vollenden, wenn wir selbst und alles, was uns umgibt, vollständig umgestaltet sind. So erweitert sich schrittweise das Bild des Verzichtes, der im Vollzug des Lebens eingeschlossen ist. Und schließlich merken wir, wie sehr wir unsere Wurzeln aus allem Tastbaren auf Erden ausgezogen haben, genau wie das Evangelium es will. Doch dieses Ausreißen hat sich nur nach und nach und in einem Vorgang vollzogen, der die Ehrfurcht, die wir der wunderbaren Schönheit der menschlichen Anstrengung schulden, weder verscheucht noch verletzt hat. Es ist vollkommen richtig, daß das Kreuz Flucht aus der wahrnehmbaren Welt, in gewissem Sinne sogar Bruch mit der Welt bedeutet. Das Kreuz fordert uns auf, zu den letzten Zielen aufzusteigen, und zwingt uns so, eine Stufe, einen kritischen Punkt zu überwinden, (111) wobei wir den Stand im Bezirk der wahrnehmbaren Wirklichkeiten verlieren. Dieses letzte ‹Überschreiten›, das wir von den ersten Tritten an geahnt und angenommen haben, wirft eines Tages notwendig ein besonderes Licht, einen besonderen Geist auf alle unsere Maßnahmen. Und gerade darauf beruht die christliche Torheit in den Augen der ‹Weisen›, die für ein vollständiges ‹Jenseits› kein Gut, das sie im Augenblick in Händen halten, aufs Spiel setzen wollen. Doch dieser herzzerreißende Ausbruch aus den Bezirken der Erfahrung, den das Kreuz darstellt, ist – man muß dies mit allem Nachdruck betonen – nur die Vergeistigung des Gesetzes, das alles Leben beherrscht. Zu den Gipfeln, die für unser menschliches Auge vom Nebel verhüllt sind und zu denen das Kreuz uns einlädt, steigen wir auf einem Pfad hinan, der auch die Bahn des universellen Fortschrittes ist. Die königliche Bahn des Kreuzes ist ja der Weg der menschlichen Anstrengung, der auf übernatürliche Art ausgerichtet und verlängert wird. – Weil wir den Sinn des Kreuzes voll erkannt haben, laufen wir nicht mehr Gefahr, das Leben traurig und häßlich zu finden. Wir sind nur auf sein unfaßbares Gewicht aufmerksamer geworden. Christus am Kreuz ist zugleich Sinnbild und Wirklichkeit der unermeßlichen, jahrhundertelangen Arbeit, die nach und nach den geschaffenen Geist hinaufhebt und ihn in die Tiefen des Göttlichen Bereiches zurückträgt. Christus vertritt [in einem wahren Sinne] die Schöpfung, die, von Gott gestützt, den Hang des Seins hinansteigt. Bald klammert sie sich an den Dingen fest, um an ihnen eine Stütze zu gewinnen, (112) bald reißt sie sich von ihnen los, um über sie hinauszusteigen. Immer aber gleicht sie durch ihre körperliche Mühsal den Rückschritt aus, den das moralische Versagen nach sich zieht.

43 Das Kreuz ist daher nicht etwas Unmenschliches, sondern etwas Übermenschliches. Wir begreifen, daß es seit dem Ursprung der heutigen Menschheit am Weg, der zu den höchsten Gipfeln der Schöpfung führt, aufgerichtet war. Aber erst im wachsenden Licht der Offenbarung erschienen die Kreuzesarme, die vorher leer waren, mit Christus bekleidet: «Crux inuncta.»37 Auf den ersten Blick mag uns dieser blutende Körper leichenhaft erscheinen. Doch, strahlt er nicht aus der Nacht heraus? Treten wir näher hinzu, dann erkennen wir den flammenden Seraph vom Berg Alvernia, ihn, dessen Leiden und Mitleiden «incendium mentis»38 sind. Der Christ sinkt im Schatten des Kreuzes nicht in Ohnmacht, sondern steigt in seinem Lichte höher hinan.

BEMERKUNG DER HERAUSGEBER
Pater Teilhard hat auf anderen Blättern – die nicht wie dieses Buch «für die Unruhigen in der Kirche und außerhalb» bestimmt waren – im Aufschwung einer Meditation die grundlegende Bedeutung frei ausgesprochen, die er der Berufung der Priester und Ordensleute, den evangelischen Räten und dem erlösenden Tod zumaß. Die folgenden kurzen Auszüge mögen das bestätigen. (113) «Jeder Priester hat, weil er Priester ist, sein Leben einem universalen Heilswerk geweiht. Wenn er sich seiner Würde bewußt ist, soll er nicht mehr für sich, sondern für die Welt leben, dem Beispiel Dessen folgend, Den zu vertreten er gesalbt ist. Nach Kräften will ich künftig, weil ich Priester bin, als erster jener Dinge bewußt sein, die die Welt liebt, erstrebt und erleidet; als erster suchen, mitfühlen und mich abmühen; als erster mich entfalten und mich opfern – großherziger menschlich und auf edlere Art irdisch sein als irgendein Diener der Welt… Gleichzeitig will ich den Räten folgen und im Verzicht alle himmlische Glut zurückholen, die die dreifache Begierde in sich schließt – durch Keuschheit, Armut und Gehorsam die in der Liebe, im Gold und in der Unabhängigkeit eingeschlossenen Kräfte heiligen. Gab es, mein Gott, je eine Menschheit, die in ihrem Blut einem dargebrachten Opfer ähnlicher war – in der innern Gärung auf schöpferische Umwandlungen besser vorbereitet – in ihrer Entfesselung reicher an Energien, die nach Heiligung riefen – und in ihrer Angst der höchsten Vereinigung näher?… O ihr Priester!... Niemals wart ihr mehr Priester als jetzt, da ihr vermischt und eingetaucht seid in den Schmerz und das Blut einer Generation – nie wart ihr tätiger – nie unmittelbarer auf der Linie eurer Berufung… Herr, ich fühle mich so schwach, daß ich es nicht wage, Dich zu bitten, Du möchtest mich an dieser Glückseligkeit teilhaben lassen. Aber ich sehe sie deutlich und ich werde sie verkünden: (114) Glücklich jene unter uns, die in diesen entscheidenden Tagen der Schöpfung und der Erlösung zur höchsten Tat erwählt sind, zur folgerichtigen Krönung ihres Priestertums: zur Vereinigung bis zum Tod mit Christus!...» [Le Prêtre.]

37 38

«Gesalbtes Kreuz» [?]. «Entflammung des Geistes.» Bonaventura, Legenda maior Cap. 13 Nr. 3.

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3. DIE GEISTIGE POTENZ DER MATERIE
Das Licht der voll verstandenen christlichen Geistigkeit vermenschlicht das Kreuz, ohne es zu verschleiern; es spiegelt sich aber auch auf der Materie wider, um sie zu vergeistigen. Im Bestreben, ein mystisches Leben zu führen, haben sich die Menschen oft der Illusion hingegeben, man müsse die Dinge, wie das Gute und das Böse, einander rücksichtslos entgegenstellen, Seele und Körper, Geist und Fleisch. Einige dieser Ausdrücke sind uns sehr geläufig. Doch die Kirche hat die darin enthaltene manichäische Tendenz nie gebilligt. – Um den letzten Zugang zur endgültigen Schau des Göttlichen Bereiches zu öffnen, sei es uns erlaubt, jene heilige Materie zu verteidigen und zu preisen, die anzunehmen, zu retten und zu weihen der Herr erschienen ist. Vom asketischen oder mystischen Standort aus, auf den wir uns in diesem Buche gestellt haben, ist die Materie gerade keine jener abstrakten Wesenheiten, die Wissenschaft oder Philosophie unter diesem Namen definieren. Für uns ist die Materie dieselbe konkrete Wirklichkeit wie für die Physik oder Metaphysik, (115) mit denselben grundlegenden Attributen der Vielheit, der Fühlbarkeit und der gegenseitigen Bindung. Doch wir versuchen hier diese Realität als Ganzes, so allgemein wie nur möglich, zu erfassen. Wir nehmen sie in der ganzen Überfülle, mit der sie uns nicht nur in den wissenschaftlichen oder dialektischen Untersuchungen, sondern auch im gesamten praktischen Tätigsein begegnet. Als Materie bezeichnen wir daher die Gesamtheit der Dinge, der Energien und der Geschöpfe, die uns umgeben, sofern sie für uns greifbar, fühlbar und [im theologischen Sinn des Wortes] ‹natürlich› sind. Wir verstehen also unter Materie die uns allen gemeinsame, faßbare, unendlich unstete und veränderliche Umgebung, in deren Schoß eingetaucht wir leben. Wie bietet sich nun das so Definierte gleich am Anfang unserem Handeln dar? Unter den rätselhaften Zügen einer Macht mit zwei Gesichtern. Einerseits ist die Materie die Last, die Kette, der Schmerz, die Sünde und die Bedrohung unseres Lebens. Die Materie macht schwerfällig, leidet, verletzt, versucht und altert. Durch die Materie sind wir plump, gelähmt, verwundbar und schuldig. Wer erlöst uns von diesem Körper des Todes? Aber die Materie ist gleichzeitig auch die körperliche Freude, die Berührung, die erhöht, die Anstrengung, die männliche Kraft verleiht, und die Freude am Wachstum. Die Materie zieht an, erneuert, vereinigt und blüht. Von der Materie werden wir genährt, emporgehoben, mit dem Übrigen verbunden und vom Leben durchdrungen. Ihrer beraubt zu sein ist uns (116) unerträglich. «Non volumus expoliari sed supervestiri.»39 Wer wird uns einen unsterblichen Leib geben? Die Askese bleibt gerne beim ersten Gesicht stehen, das heißt beim Gesicht, das dem Tod zugekehrt ist. Sie weicht zurück und ruft: «Flieht!» Aber was wäre unser Geist, mein Gott, hätte er nicht das Brot der irdischen Gegenstände, um sich zu nähren, den Wein der geschaffenen Schönheiten, um sich zu berauschen, die Übung in den menschlichen Kämpfen, um sich zu stärken? Welche armseligen Kräfte, welche blutleeren Herzen brächten Dir deine Geschöpfe entgegen, wenn sie dazu kämen, sich vorzeitig vom Schoß zu trennen, in dem Du sie in Deiner Vorsehung geborgen hast! Zeige uns, Herr, wie wir diese Sphinx anschauen können, ohne daß sie
39

«Wir wollen lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden.» 2 Kor 5, 4.

45 uns verführt! Laß uns ohne ausgeklügelte menschliche Gelehrsamkeit, bloß aus der einfachen Gebärde Deines erlösenden Eintauchens in die Materie, das Geheimnis verstehen, das auch hier, in den Eingeweiden des Todes, verborgen liegt. Durch Deine schmerzliche Menschwerdung enthülle uns die geistige Kraft der Materie und lehre uns, sie eifersüchtig für Dich einzufangen. Wir wollen für unsere Betrachtung von einem Vergleich ausgehen. Stellen wir uns einen Taucher in der Tiefe des Meeres vor, der ans Tageslicht emporzusteigen versucht. Oder denken wir uns an einem nebelverhüllten Berghang einen Wanderer, der dem ins Licht getauchten Gipfel zustrebt. Für beide Männer zerfällt der Raum in zwei Bezirke mit entgegengesetzten Eigenschaften. Der Bezirk hinter und unter ihnen erscheint immer finsterer, der andere, vor und (117) über ihnen, erhellt sich immer mehr. Das Aufsteigen zu diesem besteht für den Schwimmer wie für den Kletterer darin, daß sie sich erheben, indem sie alles, was sie umgibt, als Stützpunkt benützen. Im Laufe dieser Anstrengung wird das Licht bei jedem Fortschritt größer; gleichzeitig hört der Raum, sobald er überwunden wird, auf, erhellt zu sein, und sinkt in den Schatten zurück. Behalten wir die verschiedenen Züge dieses Bildes im Gedächtnis. Sie drücken gleichnishaft alle Elemente aus, denen wir entnehmen können, auf wie heilige Art wir die Materie berühren und anfassen sollen. Die Materie ist vor allem nicht nur das Gewicht, das nach unten zieht, der Schlamm, in dem man versinkt, die Dornenhecke, die den Pfad versperrt. In sich selbst, bevor wir überhaupt zu ihr Stellung genommen und unsere Wahl getroffen haben, ist die Materie einfach der Berghang, auf dem man ebensogut hinauf- wie hinabsteigen kann; sie ist die Umgebung, die ebensogut trägt wie nachgibt; sie ist der Wind, der zu Boden wirft oder emporreißt. Ihrer Natur nach und infolge der Erbsünde stellt sie allerdings einen dauernden Sog zum Zerfall dar. Sie schließt aber ebenfalls ihrer Natur nach und infolge der Menschwerdung Christi eine Hilfe – einen Stachel oder eine Anziehung – zum Mehr-Sein in sich, womit sie den «fomes peccati»40 ausgleicht oder sogar überwindet. Unsere Lage hier auf Erden ist in Wirklichkeit folgende: Weil wir ins Universum eingefügt sind, ist jeder von uns in seinen Fluten oder an seinem Berghang an einen bestimmten Punkt gestellt, der durch den gegenwärtigen Stand der Weltentwicklung, (118) durch den menschlichen Ort unserer Geburt wie auch durch unsere persönliche Berufung festgelegt ist. Die Aufgabe unseres Lebens heißt: von diesem verschieden hoch gelegenen Punkte aus zum Licht aufsteigen, indem wir, um Gott zu erreichen, eine bestimmte Reihe von Geschöpfen überschreiten. Diese Geschöpfe sind nicht unbedingt Hindernisse; sie sind eher Stützpunkte, die wir überwinden; Zwischenglieder, die wir benützen; Nahrung, die wir verzehren; Säfte, die wir läutern; Elemente, mit denen wir uns verbünden und die wir mit uns fortziehen müssen. Je nach unserer Ausgangslage inmitten der Dinge und je nach der Stellung, die wir später in der Materie einnehmen, teilt sich diese unserer Anstrengung entsprechend immer in zwei Zonen; Die eine Zone ist überwunden oder erreicht. Wir können nicht zu ihr zurückkehren oder uns auf ihr festsetzen, ohne abzusteigen. Es ist die Zone der materiell und fleischlich genommenen Materie. Die andere, die sich unseren neuen Anstrengungen nach Fortschritt, Forschung, Eroberung und ‹Vergöttlichung› anbietet, ist die Zone der geistig genommenen Materie. Die Grenze zwischen den beiden Zonen ist ihrem Wesen nach relativ und beweglich. Was für meinen Bruder, der sich unter oder neben mir am Berghang befindet, gut, heiligend und geistig ist, kann für mich selbst schlecht, verderblich und materiell sein. Was ich mir gestern gestatten mußte, muß ich mir vielleicht heute versagen. Umgekehrt muß ich vielleicht Taten, die für einen heiligen Aloisius von Gonzaga oder einen heiligen Antonius eine schwere Untreue bedeutet
40

«Zunder der Sünde.» Scholastischer Ausdruck.

46 hätten, gerade deshalb (119) unternehmen, um mich zu den Spuren dieser Heiligen zu erheben. Anders ausgedrückt: Keine Seele erreicht Gott, wenn sie nicht durch die Materie hindurch eine bestimmte Wegstrecke überwunden hat. Diese ist einerseits ein Abstand, der trennt, anderseits aber auch ein Weg, der vereinigt. Ohne einen gewissen Besitzstand und ohne gewisse Eroberungen ist keiner so, wie Gott ihn wünscht. Jeder von uns hat seine eigene Jakobsleiter, bei der eine Reihe von Gegenständen die Sprossen bilden. Versuchen wir also nicht vorzeitig aus der Welt zu fliehen. Wir wollen vielmehr unser Sein in die Flut der Dinge ausrichten. Dann werden wir spüren, wie sich anstelle der Schwere, die uns gegen den Abgrund des Genusses und des Egoismus zog, eine heilsame ‹Komponente› von den Geschöpfen löst, die uns nach einem bereits dargelegten Vorgang ausweitet, dem kleinlichen Denken entreißt und gebieterisch dazu drängt, den Gesichtskreis zu vergrößern, auf genießerische Vergnügen zu verzichten und uns an immer geistigeren Schönheiten zu erfreuen. Dieselbe Materie, die uns größeres Vergnügen und geringere Mühe anzuraten schien, wird nun für uns ein Ansporn, weniger zu genießen und uns mehr anzustrengen. Wiederum erscheint also das Gesetz, das über den einzelnen herrscht, bloß als Verkleinerung und Abkürzung jenes Gesetzes, das das Ganze regiert. Täuschen wir uns wohl sehr, wenn wir uns vorstellen, daß auch die Welt als Ganzes einen bestimmten Weg zu durchlaufen hat, bevor sie ihre Vollendung erreicht? Zweifeln wir nicht daran! Auch wenn die Gesamtheit (120) ihrer Materie unbrauchbare Kräfte einschließt; wenn sie auch – was verhängnisvoller ist – entartete Kräfte und Elemente enthält, die sich langsam abtrennen, so schließt sie doch noch viel wirklicher ein gewisses Maß von geistiger Potenz in sich. Ihre fortschreitende Vergeistigung in Jesus Christus ist für den Schöpfer der grundlegend sich vollziehende Vorgang. Gegenwärtig ist diese Potenz noch ein wenig überall zerstreut. Es gibt kein Ding, wie gering oder grob es auch scheinen mag, das nicht eine Spur von ihr in sich trüge. Der Leib Christi, der in seinen Gläubigen lebt, hat die Aufgabe, diese himmlischen Kräfte geduldig auszusondern, diese erwählte Substanz auszupressen, ohne daß etwas davon verloren geht. Wir dürfen vertrauen, daß sich dieses Werk nach und nach vollzieht. Weil die Zahl der Einzelmenschen und der Berufungen so groß ist, dringt der Geist Gottes in alle Bezirke ein und wirkt in ihnen. Das ist der große Baum, von dem wir oben gesprochen haben. Seine besonnten Äste verfeinern die Säfte, die sie aus den niedrigsten Wurzeln gezogen haben, und lassen daraus Blüten entstehen. – Nun aber ist es wahrscheinlich, daß sich gewisse Bezirke im Verlaufe des Werkes erschöpfen. Wir bemerkten schon, wie sich in jedem Einzelleben die Grenze zwischen der geistigen und der fleischlichen Materie unaufhörlich nach oben verschiebt. In gleicher Weise muß auch die Menschheit, je mehr sie christlich wird, immer weniger das Bedürfnis und die Notwendigkeit spüren, sich von gewissen irdischen Nahrungen zu speisen. So sollen Beschauung und (121) Keuschheit darnach streben, rechtmäßig über die betriebsame Arbeit und den unmittelbaren Besitz Herr zu werden. Das ist die allgemeine ‹Abtrift› der Materie auf den Geist hin. Diese Bewegung muß ihr Ziel haben. Eines Tages wird alle Substanz jener Materie, die überhaupt vergöttlicht werden kann, in die Seelen übergegangen sein; alle auserwählte Kraft wird eingebracht sein: Dann ist unsere Welt zur Parusie bereit. Wer sollte nicht in dieser allgemeinen Geschichte der Materie die große sinnbildliche Gebärde der Taufe erkennen? Christus taucht in das Wasser des Jordans, das die Mächte der Erde versinnbildet. Er heiligt es. Und wie Gregor von Nyssa sagt, verläßt er es triefend, die Welt mit sich hinaufhebend.

47 Eintauchen und Auftauchen, Teilnahme an den Dingen und Vergeistigung, Besitz und Verzicht, Durchgang und Mitzug: das ist die doppelte und einzige Bewegung, die dem Anruf der Materie antwortet und sie rettet41. Materie, bezaubernd und stark; Materie, die liebkost und mannhaft macht; Materie, die bereichert und zerstört – im Vertrauen auf den himmlischen Einfluß, der deine Wasser duftend und rein gemacht hat, überlasse ich mich Deinen mächtigen Schichten. Die Kraft Christi ist in dich übergangen. Reiße mich durch deine Anziehung mit, nähre mich mit deinem Lebenssaft! Stähle mich durch deinen Widerstand! Durch dein Losreißen mache mich frei! Und wolle mich schließlich durch dein ganzes Selbst vergöttlichen! (122)

(FN 12) Die Gefühlsmystiker oder auch die Anhänger gewisser neupelagianischer Strömungen [wie des Amerikanismus] sind in den Irrtum verfallen, die göttliche Liebe und das göttliche Reich auf gleicher Höhe wie die menschlichen Zuneigungen und den menschlichen Fortschritt zu suchen, weil sie allzusehr nur die erste Phase vor Augen haben. Anderseits blicken die Vertreter gewisser übersteigerter Formen des Christentums zu sehr nur auf die zweite Phase und glauben, ihre Vollkommenheit erst entwickeln zu können, wenn die ‹Natur› zerstört sei. Die wahre christliche Übernatur, die von der Kirche oft definiert worden ist, läßt das Geschöpf nicht auf seiner Stufe, sie unterdrückt es aber auch nicht: sie beseelt es. Ist es nicht offensichtlich, daß die Liebe und der Eifer Gottes, wie transzendent und schöpferisch sie auch seien, sich nur auf ein menschliches Herz senken können, das heißt auf etwas, das [lange zuvor oder vor kurzem] durch alle Säfte der Erde zubereitet worden ist? Es ist überraschend, wie wenig Menschen hier wie in andern Fällen dazu gelangen, den Begriff der Umwandlung zu erfassen. Bald erscheint ihnen die umgewandelte Sache als die alte, unveränderte; bald sehen sie darin nur etwas ganz Neues. Im ersten Fall entgeht ihnen der Geist, im zweiten Fall die Materie. Die Erfahrung zeigt, daß die zweite Übertreibung zwar weniger plump ist als die erste, daß sie aber das menschliche Gleichgewicht ebensosehr zerstört wie diese. 41

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DRITTER TEIL DER GÖTTLICHE BEREICH
EIGENSCHAFTEN, NATUR, WACHSTUM
«Nemo sibi vivit, aut sibi moritur… Sive vivimus, sive morimur, Christi sumus.» «Es lebt niemand von uns für sich selbst und niemand stirbt für sich selbst… Wir mögen leben oder sterben, wir gehören dem Herrn.» [Röm 14, 8] Die zwei ersten Teile diese Abhandlung waren eigentlich nur der Untersuchung und Überprüfung dieses Pauluswortes gewidmet. Schritt für Schritt haben wir in unserem Dasein die Seite des Tätigseins, der Entfaltung und des Lebens, dann die Seite des Erleidens, der Minderung und des Todes erforscht. Rings um uns, links und rechts, hinten und vorn, unten und oben, sobald wir nur ein wenig über die wahrnehmbaren Erscheinungen hinausgingen, sahen wir das Göttliche hervorquellen und durchschimmern. Und zwar hat sich die göttliche Gegenwart nicht nur uns gegenüber und in unserer Nähe enthüllt. Sie bricht so allgemein hervor, wir sind von ihr dermaßen umringt und durchdrungen, daß uns nicht einmal mehr Platz bleibt, uns auf die Knie zu werfen, nicht einmal in unserem Innersten. Durch alle Geschöpfe ohne Ausnahme belagert uns das Göttliche, dringt in uns ein und durchknetet uns. Wir hielten es für weit entfernt und unzugänglich, und siehe, wir sind in seine glühenden Schichten getaucht. «In eo vivimus»42… Wahrhaftig, wie Jakob sagte, als er aus dem Traum erwachte: Die Welt, diese mit Händen greifbare Welt, der wir eine Langeweile und Respektlosigkeit entgegenbrachten, die für profane (125) Orte angeht, diese Welt ist ein heiliger Ort, und wir wußten es nicht. «Venite, adoremus.»43 In dieser hohen und geistigen Luft, die uns in ihrem lebendigen Lichte badet, wollen wir uns nun sammeln und den köstlichen Versuch machen, ihre Eigenschaften festzustellen und dann ihre Natur zu erkennen. Schließlich wollen wir in einer Gesamtbetrachtung prüfen, durch welche Mittel wir uns ihrer Überflutung immer weiter öffnen können. (126)

DIE EIGENSCHAFTEN DES GÖTTLICHEN BEREICHES
Das wesentliche Wunder des göttlichen Bereiches ist die Leichtigkeit, mit der er Eigenschaften, die uns völlig widersprechend scheinen, in sich zusammenfaßt und in Einklang bringt. Er ist gewaltig wie die Welt und viel furchtbarer als die gewaltigsten Kräfte des Universums; er besitzt aber dennoch im höchsten Grad jene Dichte und Bestimmtheit, die den Zauber und die Wärme der menschlichen Person ausmachen. Er ist weit und unmeßbar wie die funkelnde Flut der Geschöpfe, die sein Ozean trägt und überbelebt; doch er bewahrt gleichzeitig jene konkrete Transzendenz, die es ihm erlaubt, die Elemente der Welt ohne Verwirrung zu seiner triumphalen, personalen Einheit heimzuholen.

42 43

«In Ihm leben wir.» Apg 17, 28. «Kommt, laßt uns anbeten.» Ps 94, 6.

49 Er ist unvergleichlich nahe und faßbar, weil er uns ja in allen Kräften des Universums bedrängt; und doch entzieht er sich immerfort unserem Zugriff. Wir können ihn auf Erden niemals fassen, außer wenn wir uns, von seinen Wogen getragen, bis zur äußersten Anstrengung emporheben: Er ist auf dem unzugänglichen Grund jedes Geschöpfes gegenwärtig, zieht uns an, weicht immer weiter zurück und führt uns so mit sich zum gemeinsamen Mittelpunkt jeder Vollendung hin44. Seinetwegen reinigt uns die Berührung mit der Materie und blüht die Keuschheit als Vergeistigung der Liebe. (127) In ihm führt die Entfaltung zum Verzicht; in ihm hangen wir den Dingen an, ohne in ihre Hinfälligkeit hineingezogen zu werden; in ihm wird der Tod zur Auferstehung. Wenn wir uns nun fragen, warum er so viele seltsam gepaarte Vollkommenheiten haben kann, bemerken wir, daß sie alle von einer einzigen urquellhaften Eigenschaft ausgehen, die wir etwa so ausdrücken können: Gott enthüllt sich unserem Tasten nur deshalb überall als universaler Bereich, weil Er der letzte Punkt ist, in dem alle Wirklichkeiten zusammenlaufen. Jedes Element der Welt, was es auch sein mag, besteht hic et nunc gleichsam in der Form eines Kegels, dessen Mantellinien – am Ende ihrer einzelnen Vervollkommnung und am Ende der allgemeinen Vervollkommnung der Welt, in der sie sich befinden – sich in Gott, als dem gemeinsamen Anziehungspunkt, verknoten. Demnach kann man keines der existierenden Geschöpfe in seiner Natur oder in seinem Handeln betrachten, ohne daß sich in seinem Innersten und Wirklichsten – wie die Sonne in den Splittern eines zerbrochenen Spiegels – dieselbe Wirklichkeit enthüllt, eine unter der Vielzahl, unfaßbar in der Nähe und geistig unter der Stofflichkeit. Kein Ding kann uns durch sein Innerstes beeinflussen, ohne daß in ihm das universale Feuer auf uns ausstrahlt. Keine Wirklichkeit kann durch unseren Geist, durch unser Herz oder durch unsere Hände im Wesen dessen, was sie an Wünschenswertem einschließt, erfaßt werden, ohne daß wir gerade durch den Bau der Dinge gezwungen wären, bis zu Urquelle ihrer Vollkommenheit (128) zurückzugehen. Dieses Feuer, diese Quelle ist also überall. Gerade weil Gott unendlich tief und punktförmig ist, ist Er unendlich nah und überall verbreitet. Gerade weil Er der Mittelpunkt ist, erfüllt Er den ganzen Erdkreis. Im Gegensatz zu jenem trügerischen Überall-Sein, das die Materie wegen ihrer äußersten Auflösung innezuhaben scheint, ist die göttliche Allgegenwart nur die Wirkung Seiner höchsten Geistigkeit. – Im Lichte dieser Entdeckung können wir nun den Weg durch die Wunder weitergehen, die uns der Göttliche Bereich unausschöpflich bereithält. Der Göttliche Bereich, so unermeßlich er auch sein mag, ist in Wirklichkeit ein Mittelpunkt. Er hat also die Eigenschaften eines Mittelpunktes, das heißt vor allem die absolute und letzte Macht, die Wesen ganz in sich selbst zu vereinigen und so zu vollenden. Im Göttlichen Bereich berühren sich alle Elemente des Weltalls in ihrem innersten und endgültigsten Punkt. Im Göttlichen Bereich verdichten sie nach und nach das Reinste und Anziehendste, was sie besitzen, und zwar ohne Verlust und ohne Gefahr, daß es weiterhin verdorben werden könnte. Wenn die Elemente des Weltalls sich dort begegnen, verlieren sie das gegenseitige Außerhalbsein und die Zusammenhanglosigkeit, die ja die grundlegende Mühsal der menschlichen Beziehungen sind. – Möge sich also dorthin flüchten, wer immer über das Trennen, das Knausern und das Verschwenden der Erde untröstlich ist. In den äußern Bezirken der Welt wird der Mensch immerfort zerrissen durch die Entfremdung, die (129) zwischen die Körper die Entfernung, zwischen die Seelen die Unmöglichkeit sich zu verstehen, und zwischen das Leben den Tod setzt. Jeden Augenblick muß der Mensch darüber seufzen, daß er in der Frist so weniger Lebensjahre
(FN 13) In denen, die ich liebe, erreiche ich Gott in dem Maße, wie wir – sie und ich – uns immer mehr vergeistigen. Ebenso fasse ich Ihn auf dem Grund der Schönheit und der Güte, sofern ich diese immer weiter mit unaufhörlich geläuterten Fähigkeiten verfolge. 44

50 nicht allem folgen und nicht alles umfassen kann. Schließlich beunruhigt er sich fortwährend, und dies nicht ohne Grund, über die wahnwitzige Sorglosigkeit oder die zur Verzweiflung bringende Dumpfheit einer natürlichen Umgebung, in der die meisten einzelnen Bemühungen verschleudert oder verloren, wo Schläge und Schreie auf der Stelle erstickt scheinen, ohne überhaupt ein Echo zu wecken. Dies alles ist die Trostlosigkeit der Oberfläche. Doch lassen wir die Oberfläche und versenken wir uns, ohne aus der Welt zu fliehen, in Gott! Dort und von dort her, in Ihm und durch Ihn werden wir alles fassen und alles beherrschen. Alle Blumen und alle Lichter, die wir verlassen müssen, um dem Leben treu zu bleiben, wir finden ihr Wesen und ihren Glanz dort eines Tages wieder. Die Wesen, die zu erreichen und zu beeinflussen wir verzweifelt aufgegeben hatten, sind dort in der verletzbarsten, empfänglichsten, bereicherndsten Spitze ihrer Substanz vereinigt. An diesem Ort sind auch unsere winzigsten Wünsche und Anstrengungen gesammelt und aufbewahrt und können augenblicklich alles Mark des Weltalls zum Schwingen bringen. Lassen wir uns im Göttlichen Bereich nieder. Wir werden uns dort im Innersten der Seelen und im Beständigsten der Materie befinden. Wir werden dort (130) mit dem Zusammenfließen aller Schönheiten den ultra-lebendigen, den ultra-empfindlichen, den ultra-wirksamen Punkt des Weltalls entdecken. Und gleichzeitig werden wir spüren, wie sich in unserem Innern mühelos die Fülle unserer Kräfte zu handeln und anzubeten ordnet. An diesem bevorzugten Ort werden nicht allein die äußeren Triebkräfte der Welt gesammelt und in Einklang gebracht; wie durch ein ergänzendes Wunder fühlt sich der Mensch, der sich dem Göttlichen Bereich ausliefert, durch ihn auch in seinen innern Kräften mit einer Sicherheit ausgerichtet und ausgeweitet, die ihn geradezu spielerisch die so zahlreichen Klippen vermeiden läßt, an denen die mystischen Versuche so oft gestrandet sind. Vor allem ist der Gast des Göttlichen Bereiches kein Pantheist. Auf den ersten Blick mögen die göttlichen Tiefen, die uns Paulus zeigt, jenen fesselnden Welten ähnlich scheinen, die monistische Philosophien oder Religionen vor unsern Augen entrollen. In Wirklichkeit aber sind sie ganz anders; viel gewisser für unsern Geist und für unser Herz viel lieblicher. Der Pantheismus verlockt uns durch seine Schau einer vollkommenen und universalen Einheit. Aber im Grunde brächte er uns, wenn er wahr wäre, nur Verschmelzung und unbewußte Existenz; denn am Ende der Entwicklung, die er zu entdecken glaubt, verlieren sich die Teile der Welt in dem Gott, den sie schaffen oder der sie aufzehrt. Im Gegensatz dazu treibt unser Gott die Differenzierung der Geschöpfe, die Er als Mittelpunkt um sich vereinigt, zum Äußersten. Im (131) höchsten Grad der völligen Hingabe finden die Auserwählten in Ihm die Erfüllung ihrer persönlichen Vollendung. Daher rettet allein das Christentum zugleich mit den Rechten des Denkens das wesentliche Streben aller Mystik: sich zu vereinigen – das heißt, der Andere zu werden – und doch sich selbst zu bleiben. Unser Göttlicher Bereich ist anziehender als alle GottWelten; er nimmt ihre beständige Verlockung: «In omnibus omnia Deus»45 [’Εν πασι πάντα δεóς] in sich auf, schöpft sie aus und reinigt sie; er ist aber deshalb nicht weniger weit entfernt vom falschen Pantheismus. Der Christ kann sich mit ganzem Herzen hineinstürzen ohne Gefahr zu laufen, eines Tages Monist zu werden.

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«Damit Gott alles in allem sei.» 1 Kor 15, 28.

51 Er muß aber auch nicht fürchten, er verliere, wenn er sich diesen tiefen Wassern überläßt, den Halt in der Offenbarung und im Leben, das heißt, er werde unwirklich im Gegenstand seiner Verehrung oder beschäftige sich mit Hirngespinsten. Der Christ, der sich in die göttlichen Schichten verliert, erleidet keine jener verworfenen Verbiegungen des Geistes, die den ‹Modernisten› oder Schwarmgeist kennzeichnen. Zwar sieht sein empfindlich gewordenes Auge den Schöpfer und – wie wir bald sehen werden – noch mehr den Erlöser so sehr in die Dinge eingetaucht und in ihnen ausgedehnt, daß – wie sich die heilige Angela von Foligno ausdrückt – «die Welt voll von Gott ist». Aber diese Ausweitung hat in seinen Augen nur insofern Geltung, als das Licht, von dem ihm alles übergossen scheint, von einem historischen Feuer ausstrahlt (132) und längs einer zuverlässig abgegrenzten überlieferten Achse übertragen wird. Der unermeßliche Zauber des Göttlichen Bereiches bezieht seine ganze konkrete Geltung schließlich von der gott-menschlichen Berührung, die sich in der Epiphanie Jesu offenbart hat. Nimmt man die historische Wirklichkeit Christi weg, dann wird die göttliche Gegenwart, die uns berauscht, allen andern Träumen der Metaphysik ähnlich: ungewiß, verschwommen, herkömmlich – ohne daß eine Nachprüfung aus der Erfahrung sie uns entscheidend aufzwingen könnte – ohne moralische Richtlinien, nach denen sich unser Leben angleichen könnte. Wie berückend von nun an das Anwachsen auch sein mag, das sich uns bald im auferstandenen Gott zeigen wird, so wird sein Zauber und sein Gehalt an Wirklichkeit doch immer von der faßbaren und überprüfbaren Wahrheit des evangelischen Geschehens abhangen. Der mystische Christus, der universale Christus des heiligen Paulus, kann in unsern Augen nur als eine Ausweitung des aus Maria geborenen und am Kreuz gestorbenen Christus Sinn und Geltung haben. Von diesem bezieht der universale Christus wesentlich seine grundlegende Eigenschaft, unanfechtbar und konkret zu sein. Wie weit man sich auch in jene göttlichen Räume fortreißen läßt, die der christlichen Mystik offenstehen, so verläßt man doch niemals den Jesus des Evangeliums. Man empfindet im Gegenteil das wachsende Bedürfnis, sich immer handfester mit seiner menschlichen Wahrheit zu umhüllen. Man ist also kein Modernist in der verurteilten Bedeutung. Und man wird auch (133) nicht mit den Phantasten und Schwarmgeistern stranden. Der eigentliche Fehler der Phantasten besteht darin, daß sie die Ebenen der Welt verwechseln und daher auch deren Tätigsein zerrütten. In den Augen der Schwarmgeister erleuchtet die göttliche Gegenwart nicht nur den Grund der Dinge. Sie neigt dazu, auch ihre Oberfläche zu überwuchern und daher die anspruchsvolle, aber heilsame Wirklichkeit der Dinge zu unterdrücken. Das langsame Reifen der näheren Ursachen, das verwickelte Netz der Kräfte, denen alles Körperliche unterliegt, die unbegrenzten Empfänglichkeiten der universellen Ordnung zählen für sie nicht mehr, sondern sie stellen sich das göttliche Wirken durch diesen nahtlosen Schleier und diese feinen Fäden hindurch vor, als träte es nackt und ohne Ordnung in Erscheinung. So will das falsche Wunderbare die menschliche Anstrengung stören und von ihr abraten. Völlig anders ist die Wirkung – das haben wir zur Genüge gezeigt –, die die echte Umwandlung der Welt in Jesus Christus auf das menschliche Tätigsein ausübt. Im Schoß des Göttlichen Bereiches verklären sich gemäß kirchlicher Lehre die Dinge, aber vom Innern her. Sie sind innerlich im Licht gebadet, doch in dieser Glut bewahren sie – oder erhöhen sie vielmehr gerade das Endgültigste in ihren Zügen. Wir können uns in Gott nur verlieren, indem wir die individuellsten Bestimmungen der Wesen über sie hinaus verlängern: Dies ist die Grundregel, nach der man den wahren Mystiker stets von seinen Verfälschungen unterscheidet. Der (134) Schoß

52 Gottes ist unermeßlich, «multae mansiones»46. Und doch gibt es für jeden von uns in dieser Unermeßlichkeit in jedem Augenblick nur einen einzig möglichen Platz, jenen, auf den uns die immerwährende Treue zu den natürlichen und übernatürlichen Pflichten des Lebens stellt. An diesem Punkte, an dem wir im richtigen Augenblick nur stehen, wenn wir auf allen Gebieten unsere emsigste Tätigkeit entfalten, wird Gott sich uns in Seiner Fülle mitteilen. Außerhalb dieses Punktes existiert der Göttliche Bereich für uns nur unvollständig, oder gar nicht, obwohl er uns auch weiterhin einhüllt. Seine großen Wasser laden uns nicht zu einem widerstandslosen Sichergeben ein, sondern zu einem dauernden Kampf, der uns ihrer Strömung aussetzt. Ihre Kraft erwartet die unsere und fordert sie heraus. Wie sich das Meer an gewissen Tagen nur erhellt, wenn der Steven es durchschneidet oder ein Schwimmer es teilt – so strahlt die Welt nur dann von Gott, wenn sie auf unser Wirken antwortet. Wenn Gott den Christen durch die Ekstase oder den Tod Sich endgültig unterwerfen und mit Sich vereinigen will, so will das heißen, daß Er ihn, außer sich vor Liebe und Gehorsam im Maß seiner Anstrengung, davonträgt. Es mag daher scheinen, wer an den Göttlichen Bereich glaubt, falle durch eine den Quietisten und Schwarmgeistern entgegengesetzte Übertreibung in die Irrtümer des heidnischen Naturalismus zurück. Weil er an den himmlischen Wert der menschlichen Anstrengung glaubt; weil er erwartet, die Fähigkeiten zur Anbetung, die in der Welt schlummern, würden neu (135) erwachen; weil er die geistigen, noch in der Materie eingeschlossenen Kräfte verehrt, könnte unser Christ den Anbetern der Erde seltsam gleich erscheinen. Doch auch da, wie schon beim Pantheismus, handelt es sich nur um eine äußere Ähnlichkeit, wie sie sich zwischen gegenteiligen Dingen so oft findet. Der Heide liebt die Erde, um sie zu genießen und sich ganz in ihr zu begrenzen – der Christ, um sie zu läutern und aus ihr die Kraft zu schöpfen, sich von ihr zu lösen. Der Heide versucht sich allem Wahrnehmbaren zu vermählen, um daraus Lust zu schöpfen: er hängt der Welt an. Der Christ vervielfacht seine Berührungen mit der Welt nur, um die Kräfte einzufangen oder zu erfahren, die er in den Himmel zurückführt, oder die ihn in den Himmel bringen. Er hängt schon zuvor an Gott. Der Heide denkt, der Mensch vergöttliche sich, wenn er sich in sich selbst verschließe. Die Endgebärde der menschlichen Entwicklung bestehe für den einzelnen oder für das Ganze darin, sich in sich selbst zu konstituieren. Der Christ aber sieht seine Vergöttlichung nur in der Assimilation seiner Vollendung durch einen Anderen: Der Höhepunkt des Lebens ist in seinen Augen der Tod in der Vereinigung. Für den Heiden besteht die universelle Wirklichkeit nur in ihrer Projektion auf die Ebene des Greifbaren: sie ist unmittelbar und vielfach. Der Christ nimmt genau dieselben Elemente, doch er verlängert sie ihrer gemeinsamen Achse entlang, die sie mit Gott verbindet; und gleichzeitig einigt sich für ihn das (136) Universum, obwohl es nur im End-Mittelpunkt seiner Vollendung erreichbar ist. Wenn wir schließlich die christliche Mystik mit den hauptsächlichsten Formen vergleichen, die das religiöse Denken der Menschheit in der Geschichte angenommen hat, dann dürfen wir sagen, daß sie von allem, was die mystischen Strömungen der Welt durchpulst, das Zarteste und Stärkste ausschöpft, ohne auch die schlechten oder verdächtigen Elemente mit zu übernehmen.
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«Viele Wohnungen.» Joh 14, 2.

53 In der christlichen Mystik zeigt sich ein erstaunliches Gleichgewicht zwischen Tätigsein und Erleiden, zwischen dem Besitz der Welt und ihrer Preisgabe, zwischen der Freude an den Dingen und ihrer Verachtung. Warum sollen wir uns über diesen lebendigen Einklang wundern? Ist er nicht die selbstverständliche, natürliche Antwort der Seele auf die Anregungen einer Umgebung, in der zu leben und sich zu entwickeln sie durch Natur und Gnade geschaffen ist? Wie im Schoß des Göttlichen Bereiches alle geschaffenen Geräusche, ohne ineinander aufzugehen, in einen einzigen Ton verschmelzen, der sie beherrscht und erhält – zweifellos in jenen seraphischen Ton, der Franz von Assisi betörte –, so fangen alle Kräfte der Seele an aufzuklingen, um auf diesen Anruf zu antworten; ihre verschiedenen Töne setzen sich ihrerseits zu einer unaussprechlich einfachen Schwingung zusammen, in der alle geistigen Abstufungen der Liebe und der Erkenntnis, der Glut und der Stille, der Fülle und der Ekstase, der Leidenschaft und der Teilnahmslosigkeit, des Ergreifens und des Verlassens, der Ruhe und der Bewegung entstehen, vorübergehen und (137) je nach Augenblick und Umständen schillern – wie die unzähligen Möglichkeiten einer innern Haltung, unaussprechbar und einmalig. Wenn irgendein Wort diese andauernde und leuchtende Berauschung besser als ein anderes auszudrücken gestattet, könnte man sie ‹leidenschaftliche Unbeteiligtheit› nennen. In den Göttlichen Bereich einzutreten heißt in Wahrheit das Einzig Notwendige finden, das heißt: Jenen, der brennt, indem er entzündet, was wir ungenügend oder schlecht geliebt haben; Jenen, der beruhigt, indem er durch sein Feuer verdunkelt, was wir zu sehr geliebt haben; Jenen, der tröstet, indem er sammelt, was unserer Liebe entrissen oder niemals gegeben wurde. Bis zu diesen kostbaren Schichten vorzudringen heißt erfahren, daß man gleicherweise alles und nichts nötig hat. Wir haben alles nötig: Denn die Welt wird niemals groß genug sein, um unsere Freude am Handeln die Mittel zu liefern, mit denen wir Gott erfassen können, auch nicht groß genug, um unseren Durst nach dem Erleiden die Möglichkeit zu bieten, daß wir von Ihm durchdrungen werden. Und doch brauchen wir nichts: Denn die einzige Wirklichkeit, die uns verlockt, ist jenseits der transparenten Dinge, durch die sie schimmert, und was alles an Hinfälligem zwischen uns und dieser Wirklichkeit vergeht, wird sie uns nur makelloser zeigen. Alles ist mir alles, und alles ist mir nichts; alles ist mir Gott, und alles ist mir Staub: Dies kann der Mensch mit derselben Berechtigung sagen, je nachdem der göttliche Strahl einfällt. «Welche der beiden Seligkeiten, glauben Sie, ist die (138) größere», fragte jemand eines Tages, «die höchste Einheit Gottes zu besitzen, um dem Weltall seine Mitte zu geben und es zu retten? Oder die konkrete Unermeßlichkeit des Weltalls zu besitzen, um Gott zu erfahren und zu berühren?» Wir machen keinen Versuch, aus dieser wunderbaren Ungewißheit herauszukommen. Aber da wir uns nun mit den Eigenschaften des Göttlichen Bereiches vertraut gemacht haben, wollen wir uns aufmerksamer jenem Etwas selbst zuwenden, das uns auf dem Grund jedes Wesens erschienen ist, lächelnd wie ein Gesicht und anziehend wie ein Abgrund. Und wir wollen ihn fragen: «Herr, wer bist Du?» (139)

DIE NATUR DES GÖTTLICHEN BEREICHES. DER UNIVERSALE CHRISTUS UND DIE GROßE VEREINIGUNG
Schon beim ersten Blick wird klar, daß der Bereich auf der göttlichen Allgegenwart beruht. Er umgibt uns ringsum mit einer reichen und beweglichen Gleichartigkeit, die sowohl Vorbedingung als auch Folge der entscheidensten christlichen Grundhaltungen ist; von ihm

54 erhalten zum Beispiel die rechte Absicht und die Ergebung ihren Sinn. Die Unermeßlichkeit Gottes ist die wesentliche Eigenschaft, die uns erlaubt, Ihn universal in uns und um uns zu ergreifen. Weil diese Antwort das Problem umschreibt, leuchtet sie uns ziemlich ein. Allerdings verleiht sie der Macht, «in qua vivimus et sumus»47, noch nicht jene genauen Konturen, womit wir die Züge des notwendigen Einzigen ausstatten möchten. Unter welcher der Schöpfung eigentümlichen und dem Universum angepaßten Gestalt manifestiert sich die göttliche Unermeßlichkeit und findet sie auf die Menschheit Anwendung? Wir fühlen, daß diese Unermeßlichkeit von jener heiligmachenden Gnade erfüllt ist, die der katholische Glaube überall als den wahren Lebenssaft der Welt pulsieren läßt. Sie gleicht in ihren Eigenschaften jener Liebe – «Manete in dilectione mea»48 –, die gemäß den Worten der Schrift eines Tages als einziges beständiges Prinzip der Naturen und Kräfte bestehen bleiben wird – sie gleicht im Grunde dem wunderbaren, (140) substantiellen göttlichen Willen, dessen überall gegenwärtiges Mark die wirkliche Nahrung unseres Lebens ist, «omnes delectamentum in se habentem»49. Welches ist letzten Endes das konkrete Band, das alle diese universellen Wesenheiten untereinander verknüpft und ihnen die letzte Macht verleiht, sich unser zu bemächtigen? Es gehört zum Wesen des Christentums, sich diese Frage zu stellen und darauf zu antworten: «Das fleischgewordene Wort, unser Herr Jesus Christus.» Laßt uns nun Schritt für Schritt in der Untersuchung voranschreiten, die in unsern Augen die unerhörte Gleichsetzung des Menschensohnes und des Göttlichen Bereiches rechtfertigen soll. Wir tun den ersten, ganz unanfechtbaren Schritt, wenn wir bemerken, daß die göttliche Allgegenwart, in die wir eingetaucht sind, eine Allgegenwart des Handelns ist. Gott umhüllt und durchdringt uns, indem Er uns schafft und erhält. Schreiten wir ein wenig weiter voran! Unter welcher Gestalt, in welcher Absicht hat uns der Schöpfer das Geschenk des teilhabenden Seins gegeben und bewahrt? Unter der Gestalt eines wesentlichen Dranges zu Ihm hin – in der Absicht, uns auf unverhoffte Weise zu einer mit Ihm verschlungenen Einheit verwachsen zu lassen. Das Handeln, durch das uns Gott im Feld seiner Gegenwart festhält, besteht in einer vereinigenden Umwandlung. Dringen wir noch weiter vor: Welches ist diese höchste komplexe Wirklichkeit, für die uns das göttliche Wirken knetet? Paulus hat es uns, mit Johannes (141) zusammen, geoffenbart. Es ist die quantitative Erfüllung und die qualitative Vollendung aller Dinge; es ist das geheimnisvolle Pleroma, worin das seinem Wesen nach Eine und das geschaffene Viele sich ohne Mischung zu einer Ganzheit verbinden, die Gott nichts Wirkliches beifügt, aber doch eine Art Triumph und Verallgemeinerung des Seins darstellen wird. Wir erreichen schließlich das Ziel. Wer ist der tätige Mittelpunkt, das lebendige Band, die ordnende Seele des Pleromas? Wieder ruft es uns Paulus mit seiner machtvollen Stimme zu. Jener ist es, in dem alles sich vereinigt und erfüllt – Jener, von Dem das ganze Gebäude der

«In der wir leben und sind.» Apg 17, 28. «Bleibet in meiner Liebe.» Joh 15, 9. 49 «Die jeglichen Genuß gewährte.» Weisheit 16, 20.
47 48

55 Schöpfung seine Festigkeit bezieht – Christus, Der gestorben und auferstanden ist, «qui replet omnia», «in quo omnia constant»50. Verbinden wir nun das erste und letzte Glied dieser langen Reihe von Gleichungen, so wird uns blitzartig die freudige Erkenntnis zuteil, daß sich die göttliche Allgegenwart in unserem Universum durch das Netz der ordnenden Kräfte des totalen Christus überträgt; Gott bedrängt uns von innen und von außen vermittels aller Mächte des Himmels, der Erde und der Hölle nur in jenem Akt, durch den Er Christus gestaltet und vollendet, Der die Welt rettet und überbelebt. Christus selbst verhält sich im Verlauf dieses Prozesses nicht wie ein toter und untätiger Schnittpunkt; Er ist die Mitte, von der aus die Kräfte ausstrahlen, die das Weltall durch Seine Menschheit hindurch zu Gott zurückführen. Deshalb werden die Schichten des göttlichen Handelns uns schließlich von Seinen organischen Kräften ganz durchtränkt erreichen. (142) Nun nimmt der Göttliche Bereich für uns den Wohlgeruch und die klar umrissenen Züge an, die wir wünschten. Wir erkenne in ihm eine Allgegenwart, die auf uns wirkt, indem sie uns sich angleicht in Unitate Corporis Christi. Die göttliche Unermeßlichkeit hat sich durch die Menschwerdung für uns in eine Allgegenwart der Christwerdung umgewandelt. Von allem, was ich Gutes tun kann, «opus et operatio», wird etwas von seinem Selbst leiblich in die Wirklichkeit des vollendeten Christus aufgenommen. Alles, was ich an Minderung und Tod im Glauben und in der Liebe erleide, läßt mich ein wenig inniger zu einem unbedingt zugehörigen Teilchen Seines mystischen Leibes werden. Christus selbst ist es, genau gesagt, Den wir in allen Dingen schaffen oder erfahren. Nicht allein «diligentibus omnia convertuntur in bonum»51, sondern noch klarer, «convertuntur in Deum»52 oder ganz ausdrücklich, «convertuntur in Christum»53. Trotz den entscheidenden Ausdrücken des heiligen Paulus – er hat sie, vergessen wir das nicht, für den Durchschnitt der ersten Christen geprägt – mögen einige Leser vielleicht doch den Eindruck haben, wir hätten uns dazu verleiten lassen, den Begriff des mystischen Leibes in einem realistischen Sinn zu übertreiben, oder wir fänden doch wenigstens Gefallen daran, darin esoterische Perspektiven zu suchen. – Sehen wir ein wenig näher zu, dann werden wir feststellen, daß wir, über einen andern Pfad, ganz einfach die große Straße erreicht haben, der in der Kirche durch den alles durchdringenden Kult der heiligen Eucharistie gebahnt worden ist.
(143)

Wenn der Priester die Worte spricht: «Hoc est corpus meum»54 dann fällt das Wort unmittelbar auf das Brot und wandelt es unmittelbar in die individuelle Wirklichkeit Christi um. Aber die große sakramentale Handlung bleit nicht bei diesem örtlichen und augenblicklichen Geschehen stehen. Man lehrt es im wesentlichen schon die kleinen Kinder: Durch alle Lebenstage des Menschen, durch alle Zeitalter der Kirche, durch alle Abschnitte der Weltentwicklung hindurch gibt es nur eine einzige Messe und nur eine einzige Kommunion. Christus ist einmal unter Schmerzen gestorben. Peter und Paul empfangen an einem bestimmten Tag und zu einer bestimmten Stunde die heilige Eucharistie. Doch diese verschiedenen Handlungen sind nur unterschiedlich zentrale Punkte, in die sich für unsere Erfahrung die Fortdauer einer einzigen Gebärde in der Zeit und im Raum teilt und festsetzt. Seit dem Beginn der messianischen Vorbereitung über das geschichtliche Erscheinen Jesu und die Wachstumsphasen seiner Kirche
«Der alles erfüllt.» «In dem alles Bestand hat.» Kol 1, 17. «Denen, die Gott lieben, wird alles zum Guten umgewandelt.» Röm 8, 28. 52 «In Gott umgewandelt.» 53 «In Christus umgewandelt.» 54 «Das ist mein Leib.» Wandlungsworte.
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56 hinaus bis zur Parusie vollzieht sich im Grunde ein einziges Ereignis in der Welt: die Menschwerdung, die in jedem einzelnen durch die Eucharistie verwirklich wird. Alle Kommunionen eines Lebens bilden eine einzige Kommunion. Die Kommunionen aller gegenwärtig lebenden Menschen bilden eine einzige Kommunion. Die Kommunionen aller Menschen der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft bilden eine einzige Kommunion. (144) Haben wir je die körperliche Unermeßlichkeit des Menschen und seine zahllosen Verknüpfungen mit dem Universum genügend betrachtet um einigermaßen zu erfassen, was diese grundlegende Wahrheit an Bestürzendem enthält? Versuchen wir so gut wie möglich die ungeheure Masse der Menschen aller Zeiten und Orte vor unser geistiges Auge heraufzubeschwören. Nach dem Katechismus glauben wir doch, daß diese bestürzende und namenlose Vielzahl von Rechts wegen die körperliche und beherrschende Berührung Dessen erfährt, Dem es gegeben ist, «omnia sibi subjicere»55; das wird bis zu einem gewissen Punkt auch tatsächlich der Fall sein; denn wer wird uns sagen, wo unter dem Einfluß der Gnade die Ausbreitung Christi, die von den Gläubigen ausgeht, innerhalb der menschlichen Blutsverwandtschaft aufhört? Ja, die menschliche Schicht der Erde steht ganz und immerfort unter dem ordnenden Einfluß des menschgewordenen Christus. Das erkennen wir alle als einen der sichersten Punkte unseres Glaubens an. Doch wie stellt sich die menschliche Welt in der Struktur des Universums dar? Wir haben schon daran erinnert56, und je mehr man darüber nachdenkt, um so mehr wird man von der Evidenz und der Wichtigkeit dieser Feststellung betroffen: Die menschliche Welt erscheint als eine Zone fortgesetzter geistiger Umwandlung. Hier vereinen sich alle Wirklichkeiten und die niedern Kräfte ohne Ausnahme zu Empfindungen, zu Gefühlen, zu Ideen und zu Fähigkeiten des Erkennens und des Liebens. Um die (145) Erde, um diesen Mittelpunkt unseres Blickfeldes herum, bilden die Seelen gewissermaßen die weißglühende Oberfläche der in Gott eingetauchten Materie. Vom dynamischen, biologischen Standpunkt aus ist es ebenso unmöglich, unterhalb von ihr eine Grenze zu ziehen wie zwischen einer Pflanze und der Umwelt, in der sie wurzelt. Wenn nun die Eucharistie souverän auf unsere menschliche Natur einwirkt, erstreckt sich ihre Kraft ob des fugenlosen Zusammenhangs auch notwendig auf die weniger lichtvollen Gebiete, die uns tragen; «descendit ad inferos»57, könnte man sagen. In jedem Augenblick beaufsichtigt der Eucharistische Christus unter dem Gesichtspunkt des aufzubauenden Pleromas – und das ist der einzig wahre Standpunkt für das Verständnis der Welt – die ganze Bewegung des Weltalls – Christus «per quem omnia, Domine, semper creas, vivficas et praestas nobis»58. Die erwähnte Aufsicht bedeutet mindestens eine letzte Verfeinerung, eine letzte Vergeistigung, eine letzte Aneignung jener Teile, die für den Bau der Neuen Erde verwendbar sind. Aber warum sollen wir nicht weiter gehen und nicht denken, die sakramentale Handlung Christi übe, gerade weil sie die Materie heiligen will, auch diesseits des rein Übernatürlichen einen Einfluß auf alles aus, was die innere und äußere Welt des Gläubigen ausmacht, das heißt, sie drücke allem, was wir ‹unser Schicksal› nennen, ihren Stempel auf?
«Sich alle Dinge untertänig machen.» Phil 3, 21. (FN 14) Siehe Seite 39 und folgende. 57 «Abgestiegen zu der Hölle [zu den Untern].» Apostolisches Glaubensbekenntnis. 58 «Durch den Du Herr, alles immerfort erschaffst, belebst und uns gewährst.» Kanon der Messe.
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57 Wenn dies so ist, dann sind wir wieder mitten in unserem Göttlichen Bereich eingetaucht, obgleich wir nur den ‹Ausweitungen› der Eucharistie gefolgt sind. In (146) jeder Wirklichkeit um uns herum enthüllt sich und strahlt Christus, für Den und in Dem wir mit unserer Individualität und gemäß unserer besonderen Berufung geformt sind. Er enthüllt sich und strahlt als eine letzte Bestimmung, als ein Mittelpunkt, man könnte beinahe sagen, als ein universales Element. Da unsere Menschlichkeit sich die materielle Welt angleicht und da die Hostie sich unsere Menschlichkeit angleicht, übersteigt und vollendet die eucharistische Umwandlung die Transsubstantiation des Brotes auf dem Altar. Allmählich durchdringt sie das Universum unwiderstehlich. Sie ist das Feuer, das über die Heide fährt. Sie ist der Schlag, der die Bronze in Schwingung setzt. In einem zweiten und allgemeineren, aber wahren Sinn werden die sakramentalen Gestalten durch die Gesamtheit der Welt gebildet, und die Dauer der Schöpfung ist die Zeit, die für ihre Konsekration nötig ist. «In Christo vivimus, movemur et sumus.»59 Mein Gott, wenn ich mich dem Altar nähere, um zu kommunizieren, gib, daß ich künftig jene unendlichen Perspektiven erkenne, die unter der kleinen, nahen Hostie, in der Du Dich verbirgst, vor mir versteckt sind. Ich habe mich schon daran gewöhnt, unter der Reglosigkeit dieses Stückleins Brot eine verzehrende Macht zu erkennen, die – wie Deine größten Kirchenlehrer sagen – mich angleicht und weit davon entfernt ist, sich von mir angleichen zu lassen. Hilf mir, den Rest der Illusion zu überwinden, in der ich glauben konnte, Deine Berührung sei begrenzt und vorübergehend. (147) Ich beginne zu begreifen: Unter den sakramentalen Gestalten berührst Du mich zunächst durch die ‹Akzidenzien› der Materie, aber auch durch Rückwirkung des ganzen Universums, in dem Maße, wie dieses unter Deinem ersten Einfluß auf mich zurückfließt und mich beeinflußt. Die Arme und das Herz, die Du mir öffnest, sind tatsächlich nichts weniger als die vereinten Kräfte der Welt, die, bis zu ihrem tiefsten Grunde von Deinem Willen, von Deinem Sinn, von Deinem Wesen durchdrungen, sich auf mein Sein legen, um es zu formen, zu nähren und bis in die innerste Glut Deines Feuers hineinzuziehen. In der Hostie schenkst Du mir mein Leben, Jesus! Was kann ich tun, um diese einhüllende Umarmung aufzufangen? Um diesen Kuß des Universums zu erwidern? «Quomodo comprehendam ut comprehensus sum?»60 Dem unbeschränkten Anerbieten, das mir gemacht wird, wüßte ich nicht anders als durch eine unbeschränkte Annahme zu antworten. Ich werde der eucharistischen Berührung also mit der ganzen Anstrengung meines Lebens antworten – meines heutigen und morgigen Lebens – meines persönlichen Lebens und meines mit allem andern Leben verbundenen Lebens. In mir lösen sich die heiligen Gestalten immer wieder auf. Aber sie lasse mich jedesmal ein wenig tiefer in den Schichten Deiner Allgegenwart zurück. Im Leben und im Sterben, in keinem Augenblick werde ich aufhören, in Dir voranzuschreiten. Das stillschweigende Gebot Deiner Kirche, daß man immer und überall kommunizieren solle, ist also unerhört nachdrücklich und streng gerechtfertigt. Die Eucharistie muß (148) mein Leben überfluten. Mein Leben muß dank des Sakramentes zu einer unbegrenzten und unaufhörlichen Berührung mit Dir werden – das gleiche Leben, das mir vor ein paar Augenblicken wie eine Taufe mit Dir in den Wassern der Welt erschienen war und sich mir jetzt als eine Kommunion mit Dir durch die Welt enthüllt. Das Sakrament meines Lebens – meines empfangenen Lebens – meines gelebten Lebens – meines zurückgelassenen Lebens…

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«In Christus leben wir, bewegen wir uns und sind wir.» Apg 17, 28. «Wie kann ich ergreifen, wie ich ergriffen bin?» Phil 3, 12.

58 Du bist zum Himmel aufgefahren, nachdem Du bis zur Hölle abgestiegen bist. Dadurch hast Du, o Jesus, das Universum in jedem Sinn so vollständig erfüllt, daß es uns künftig glücklicherweise unmöglich sein wird, aus Dir hinauszutreten. «Quo ibo a spiritu tuo, et quo a facie tua fugiam.»61 Ich bin nun dessen ganz gewiß. Weder das Leben, durch dessen Ablauf Du immer vollständiger von mir Besitz ergreifst, noch der Tod, der mich in Deine Hände wirft, weder die geistigen Mächte, die guten oder bösen, die Deine lebenden Werkzeuge sind, noch die Kräfte der Materie, in die Du getaucht bist, weder die nicht umkehrbaren Fluten der Dauer, deren Rhythmus und Ablauf Du als letzte Instanz überwachst, noch die unergründbaren Tiefen des Raumes, die ein Maß Deiner Größe sind, «neque mors, neque vita, neque angeli, neque pricipatus, neque potestates, neque virtutes, neque instantia, neque futura, neque fortitudo, neque altitudo, neque profundum, neque [ulla] creatura alia»62 – nichts von alldem wird mich von Deiner wesenhaften Liebe trennen; denn all dies ist ja nur der Schleier, dies sind nur die ‹Gestalten›, unter denen Du mich ergreifst, damit ich Dich ergreifen kann. (149) O Herr, ich frage abermals, welche der beiden Seligkeiten ist kostbarer: daß für mich alle Dingen eine Berührung mit Dir sind? Oder, daß Du so ‹universal› bist, daß ich Dich in jedem Geschöpf erfahren und fassen kann? Manchmal bildet man sich ein, man mache Dich für meine Augen anziehender, indem man in fast ausschließlicher Weise den Reiz und die Güte Deines menschlichen Antlitzes von damals verherrlicht. O wahrhaft, Herr, wollte ich nur einen Menschen lieben, würde ich mich dann nicht jenen zuwenden, die Du mir im Zauber ihrer blühenden Gegenwart gegeben hast? Mütter, Brüder, Freunde, Schwestern, sind unter ihnen nicht viele von unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit und leben mit uns? Was sollten wir denn in dem Judäa vor zweitausend Jahren suchen?... Nein, was ich, wie jedes Wesen, mit dem Schrei meines ganzen Lebens, sogar meiner ganzen irdischen Leidenschaft herbeirufe, ist etwas ganz anderes, als einen mir Ähnlichen zu lieben. Einen Gott will ich anbeten. Oh, anbeten heißt, sich im Unergründlichen verlieren, ins Unausschöpfbare eintauchen, im Unvergänglichen Frieden finden, in der begrenzten Unermeßlichkeit aufgehen, sich dem Feuer und der Transparenz hingeben, sich bewußt und willentlich in dem Maße vernichten, als man seiner selbst bewußter wird, sich vom Grund auf Jenem schenken, Der ohne Grund ist! Wen können wir anbeten? Je mehr der Mensch Mensch wird, um so mehr wird er vom Bedürfnis gepackt, und zwar von einem immer (150) ausdrücklicheren, immer reineren, immer unmäßigeren Bedürfnis anzubeten. O Jesus, zerreiße die Wolken mit Deinem Blitz! Zeige Dich uns als der Starke, der Strahlende, der Auferstandene! Sei uns der Pantokrator, der in den alten Basiliken die volle Einsamkeit der Kuppeln beherrscht! Es braucht nichts weniger als diese Parusie, um in unsern Herzen die Herrlichkeit der aufsteigenden Welt auszugleichen und zu beherrschen. Damit wir mit Dir die Welt besiegen, erscheine uns bekleidet mit der Herrlichkeit der Welt! (151)

«Wohin soll ich vor deinem Geiste gehen, wohin vor deinem Antlitz fliehen?» Ps 138, 7. «Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten und Mächte, weder Gegenwärtiges noch Kommendes, weder Hohes noch Tiefes, noch überhaupt etwas in der Welt.» Röm 8, 38.
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DAS ANWACHSEN DES GÖTTLICHEN BEREICHES
Das Reich Gottes ist mitten in uns. Christus wird, wenn Er auf den Wolken erscheint, die Umgestaltung nur noch kundtun, die sich unter Seinem Einfluß im Herzen der Menschheit allmählich vollzogen hat. Um sein Kommen zu beschleunigen, wollen wir uns nun bemühen, jenen Vorgang, durch den die heilige Gegenwart in uns wächst und sich entwickelt, besser zu begreifen; und um den Fortschritt mit größerem Verständnis fördern zu können, wollen wir die Geburt und das Anwachsen des Göttlichen Bereiches zunächst in uns, dann in der Welt um uns betrachten.

a] Das Erscheinen des Göttlichen Bereiches. Die Freude am Sein und das Durchschimmern Gottes Eine Brise weht in der Nacht. Wann hat sie sich erhoben? Woher kommt sie? Wohin geht sie? Niemand weiß es. Niemand kann erzwingen, daß sich der Geist, der Blick, das Licht Gottes auf ihn lege. Eines Tages wird sich der Mensch bewußt, daß er für eine gewisse Wahrnehmung des Göttlichen, das überall ausgegossen ist, empfindungsfähig geworden ist. Fragt ihn, wann dieser Zustand für ihn begonnen habe. Er kann es nicht sagen. Er weiß nur, daß ein neuer Geist sein Leben durchdrungen hat. (152) «Es fing mit einem eigenartigen und seltsamen Weiterschwingen an, das jeden Einklang steigerte – mit einem unbestimmten Leuchten, das jede Schönheit umstrahlte… Empfindungen, Gefühle, Gedanken, alle Elemente des seelischen Lebens wurden eines nach dem andern ergriffen. Durch ein unbestimmbares, aber immer durch das gleiche Etwas wurden diese von Tag zu Tag wohlriechender, farbiger und hinreißender. Dann begannen Ton, Duft und Licht, zuerst verschwommen, bestimmter zu werden. Und schließlich gelangte ich dazu, gegen alles Herkommen und gegen alle Wahrscheinlichkeit zu fühlen, was allen Dingen auf unaussprechliche Weise gemeinsam ist. Die Einheit teilte sich mir mit, indem sie mir die Gabe mitteilte, sie zu erfassen. Ich hatte wirklich einen neuen Sinn erhalten – den Sinn für eine neue Eigenschaft oder neue Dimension. Doch die Veränderung ging noch tiefer. Es hatte sich sogar in meiner Wahrnehmung des Seins eine Umwandlung vollzogen. Das Sein war mir von jetzt an gewissermaßen faßbar und schmackhaft geworden. Indem es alle Formen, mit denen es sich schmückte, übertraf, begann das Sein selbst mich anzuziehen und mich zu berauschen.» Das könnte mehr oder weniger ausdrücklich jeder Mensch erzählen, der in der Fähigkeit zu fühlen und sich selbst zu analysieren etwas weiter vorangeschritten ist. Dieser Mensch ist äußerlich vielleicht ein Heide. Und wenn er zufällig Christ ist, so wird er gestehen, es komme ihm vor, diese innere Umkehr habe sich in den profanen, ‹natürlichen› Teilen seiner Seele vollzogen.
(153)

Lassen wir uns vom Anschein nicht trügen! Lassen wir uns nicht einmal durch die offensichtlichen Irrtümer verwirren, in die viele Mystiker beim Versuch, das universelle Lächeln festzuhalten oder es nur zu benennen, verfallen sind. Jede Fähigkeit – je reicher sie ist, um so mehr – ist bei der Geburt ungeformt und unklar. So auch der Sinn für das Ganze. Wie Kinder, die zum erstemal die Augen öffnen, setzen die Menschen die Wirklichkeit, die sie hinter den Dingen ahnen, an den falschen Platz. Ihr Tasten begegnet oft nur einem metaphysischen Trugbild oder

60 einem plumpen Abgott. Doch seit wann vermögen Bilder und Widerschein etwas gegen die Wirklichkeit der Dinge und des Lichtes? Die pantheistischen Verirrungen beweisen nur unser maßloses Bedürfnis, ein offenbarendes Wort aus dem Munde Dessen zu hören, Der ist. Diesen Vorbehalt müssen wir machen. Dann aber bleibt nur die eine Erklärung übrig: Physiologisch gesehen ist die ‹natürliche› Freude am Sein in jedem Menschenleben die erste Morgenröte der göttlichen Erleuchtung – die Wahrnehmung des ersten Erschauerns einer Welt, die durch die Menschwerdung Christi belebt wird. Dieselbe physiologische Kraft, die verstümmelt oder verirrt zu den Pantheismen führt, wird durch den Sinn [er ist nicht unbedingt das Gefühl] für die Allgegenwart Gottes verlängert, neu geschaffen und ins Übernatürliche erhoben63. Diese Feststellung, daß der Göttliche Bereich sich uns wie ein Wandel des tiefen Seins der Dinge enthüllt, gestattet uns unmittelbar zwei wichtige Bemerkungen über die (154) Weise, wie seine Wahrnehmung in unser menschliches Denken eindringt und sich dort erhält. Vor allem verändert das Erscheinen des Göttlichen die sichtbare Ordnung der Dinge ebensowenig, wie die eucharistische Wandlung für unser Auge die heiligen Gestalten verändert. Weil das psychologische Ereignis in seinen Anfängen nur als eine innere Spannung oder ein Glanz in der Tiefe erscheint, bleiben die Verbindungen zwischen den Geschöpfen genau die gleichen; sie treten nur in ihrem Sinn deutlicher hervor. Ähnlich jenen durchsichtigen Stoffen, die ein eingeschlossener Strahl vollständig mit Licht erfüllen kann, erscheint die Welt für den christlichen Mystiker von einem inneren Licht durchflutet, das ihr Relief, ihren Bau und ihre Tiefen deutlicher hervortreten läßt. Dieses Licht ist nicht eine oberflächliche Färbung, die ein grober Sinnengenuß fassen kann. Es ist auch nicht der rohe Blitzstrahl, der die Dinge zerstört und das Auge blendet. Es ist das ruhige und machtvolle Leuchten, erzeugt durch die Synthese aller Elemente der Welt in Jesus. Je vollendeter die Wesen, in denen es spielt, ihrer Natur nach sind, um so näher und fühlbarer scheint dieses Leuchten; und je fühlbarer es sich zeigt, um so deutlicher werden die Dinge, die es umfließt, in ihren Umrissen, und um so ferner in ihrer Tiefe. Wenn es erlaubt ist, ein geheiligtes Wort leicht abzuändern, dann würden wir sagen, daß nicht das Erscheinen, sondern das Durchscheinen Gottes im Universum das große Geheimnis des Christentums sei. O ja, Herr, nicht nur der Strahl, der streift, sondern der Strahl, der durchdringt. (155) Nicht Deine Epiphanie, Jesus, sondern Deine Diaphanie. Nichts ist beständiger und nichts flüchtiger – nichts ist inniger mit den Dingen vermischt und zugleich leichter von ihnen zu trennen – als ein Lichtstrahl. Wenn der Göttliche Bereich sich als ein Glühen der innern Schichten des Seins uns zeigt, wer kann uns dafür bürgen, daß diese Schau andauert? Niemand als der Strahl selbst. Keine Macht der Welt kann uns hindern, die Freuden der Diaphanie zu kosten; denn sie liegt tiefer als jede Macht – und aus dem gleichen Grunde kann auch keine Macht der Welt ihr Aufleuchten erzwingen. Das ist der zweite Punkt, den wir erwägen und als Fundament an den Anfang aller folgenden Betrachtungen über den Fortschritt des Lebens in Gott setzen müssen.
(FN 15) Anders und einfacher ausgedrückt: Ebenso wie sich in der Liebe zu Gott ganz offensichtlich das menschliche Liebesvermögen, in den übernatürlichen Zustand erhoben, wiederfindet, so läßt sich nach unserer Ansicht am psychologischen Ursprung des ‹Gefühles für die Allgegenwart Gottes›, das der Christ empfindet, der ‹Sinn für das universale Sein› erkennen, von dem die meisten nichtchristlichen Mystiker ausgegangen sind. Es gibt eine Seele naturaliter christiana. Erinnern wir uns daran, daß diese Seiten [vergleiche den Hinweis] eine psychologische Beschreibung, nicht eine theologische Erklärung der Seelenzustände enthalten, die wir erfahren. 63

61 Die Wahrnehmung der Allgegenwart Gottes ist wesentlich ein Schauen, ein Kosten, das heißt eine Art intuitiver Erkenntnis gewisser höherer Eigenschaften der Dinge. Wir können sie also weder durch irgendeine Beweisführung noch durch irgendeinen menschlichen Kunstgriff unmittelbar gewinnen. Diese Wahrnehmung stellt ohne Zweifel die höchste erfahrungsmäßige Vollendung des Lebens dar und ist, wie dieses, ein Geschenk. Und nun sind wir – in unserem Innern – an den Rand der geheimnisvollen Quelle zurückgekehrt, zu dem wir – zu Beginn des zweiten Teiles – hinuntergestiegen waren, um ihr Hervorsprudeln zu beobachten. Die Anziehung Gottes zu erfahren, empfänglich zu sein für den Zauber, (156) für die Dichtigkeit und die letzte Einheit des Seins, das ist die höchste und zugleich die vollkommenste Art, unser ‹Wachstum zu erleiden›. Aus der Schöpfungstat Gottes ergibt sich folgerichtig, daß Er sich von uns suchen und finden lassen will: «Posuit homines… si forte attrectent eum.»64 Seine zuvorkommende Gnade schwebt immer über uns, um unsern ersten Blick und unser erstes Gebet anzuregen. Die Initiative und das Aufwecken gehen immer von Ihm aus; und wie immer sich unsere mystischen Fähigkeiten auch weiterentwickeln mögen, auf diesem Gebiet verwirklicht sich kein Fortschritt, der nicht eine neue Antwort auf ein neues Geschenk ist. «Nemo venit ad me, nisi Pater traxerit eum.»65 So müssen wir denn an den Anfang unserer Überflutung durch den Göttlichen Bereich ein inständiges und immerwährendes Gebet setzen – das Gebet, das um das grundlegende Geschenkt fleht: «Domine, fac ut videam.»66 – Herr, wir wissen und wir erahnen, daß Du überall um uns bist. Aber es scheint, als hätten wir einen Schleier vor unseren Augen. Laß Dein universelles Antlitz von überallher leuchten: «illumina vultum tuum super nos.»67 Möge Dein tiefer Glanz das Innerste bis in die dichten Dunkelheiten erhellen, in denen wir uns bewegen. «Sit splendor Domini nostri super nos.»68 Sende uns dafür Deinen Geist, «Spiritus principalis»69, dessen entflammendes Wirken allein die große Umgestaltung beginnen und vollenden kann, von der alle innere Vollkommenheit kommt und nach der Deine Schöpfung seufzt: «Emitte Spiritum tuum, et creabuntur et RENOVABIS FACIEM TERRAE.»70 (157)

b] Die Fortschritte des Göttlichen Bereiches im einzelnen Menschen: Die tätigen Tugenden der Reinheit, des Glaubens und der Treue «Ego operor… Pater semper operatur.»71 Daß der Göttliche Bereich rings um uns eine fortwährend wachsende Spannung annehmen kann, macht seinen – an Verantwortung schweren – Zauber aus. Er ist, wenn wir so sagen wollen, eine Atmosphäre, die immer leuchtender wird und immer mehr von Gott geladen. In Ihm, und nur in Ihm verwirklicht sich der närrische Wunsch jeder Liebe: sich im Geliebten zu verlieren und immer tiefer in das Geliebte einzudringen. Drei Tugenden, so könnte man sagen, tragen besonders wirksam zu dieser unbegrenzten Konzentration des Göttlichen in unserem Dasein bei: die Reinheit, der Glaube und die Treue –
«Er schuf die Menschen… ob sie ihn etwa ertasten möchten.» Apg 17, 26f. «Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater ihn zieht.» Joh 6, 44. 66 «Herr, mach, daß ich sehend werde.» Lk 18, 41. 67 «Laß dein Antlitz über uns leuchten.» Vergleiche Ps 66, 2. 68 «Der Glanz des Herrn walte über uns.» Ps 89, 17. 69 «Frohgemuter Geist.» Ps 50, 14. 70 «Sende deinen Odem und sie werden geschaffen werden und du wirst das Angesicht der Erde erneuern.» Ps 103, 30. 71 «So wirke auch ich… mein Vater wirkt immerzu.» Joh 5, 17.
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62 drei scheinbar ‹unbewegliche› Tugenden, doch in Wirklichkeit drei Tugenden, die tätiger und unbegrenzter sind als alle andern. Betrachten wir sie, eine nach der andern, in jener Wirksamkeit, womit sie den Göttlichen Bereich erzeugen.

1. DIE REINHEIT Reinheit im großen Sinne des Wortes ist nicht bloß Freisein von Sünden. Das ist nur ihr negatives Gesicht. Reinheit bedeutet auch nicht Keuschheit. Diese ist bloß ein bemerkenswerter Einzelfall von Reinheit. Reinheit ist jene Geradlinigkeit und jener Schwung, die die Liebe Gottes, wenn man Ihn in (158) allem und über alles sucht, in unser Leben hineinbringt. Ein Wesen ist geistig unrein, wenn es im Genuß verweilt oder sich im Egoismus einrollt und damit sowohl in sich wie um sich eine Gegenkraft erzeugt, die die Vereinigung des Universums in Gott verlangsamt und spaltet. Rein aber ist ein Wesen, wenn es an seinem Platz in der Welt die Sorge um Christus, Der in allen Dingen vollendet werden soll, über den eigenen unmittelbaren oder augenblicklichen Nutzen zu stellen versucht. Immer reiner wird, wer, von Gott angezogen, dahin gelangt, diesem Aufschwung und diesem Überschreiten immer größere Beständigkeit, Eindringlichkeit und Wirklichkeit zu geben, mag er sich infolge seiner Berufung stets in denselben materiellen Bezirken der Welt [wenn auch auf immer geistigere Art] bewegen müssen, oder mag er, was häufiger zutrifft, Bereiche betreten, wo das Göttliche für ihn allmählich die andere irdische Nahrung ersetzt. So verstanden bemißt sich die Reinheit der Wesen nach dem Grad der Anziehung, die sie zum göttlichen Mittelpunkt hinführt – oder, was auf das gleiche herauskommt, darnach, wie nahe sie diesem Mittelpunkt stehen. Die christliche Erfahrung lehrt uns, daß sich diese Reinheit durch die Sammlung, durch das betrachtende Gebet, durch das reine Gewissen, durch die lautere Absicht, durch die Sakramente erhält… Begnügen wir uns hier damit, ihr erstaunliches Vermögen zu preisen, das Göttliche um uns herum zu verdichten. (159) In einer Erzählung stellt Benson sich einen ‹Seher› vor, der zu einer abgelegenen Kapelle kommt, in der eine Nonne betet. Er tritt ein. Da sieht er plötzlich, wie sich die ganze Welt um den unbekannten Ort verknüpft, sich um ihn herum bewegt und anordnet, ganz der Innigkeit und der biegenden Kraft jener Wünsche ausgeliefert, die von der armseligen Beterin ausgehen. Die Kapelle des Klosters ist gleichsam zum Pol geworden, um den sich die Welt dreht. Weil die Betrachtende glaubt, macht sie alle Dinge um sich herum sinnlich wahrnehmbar und belebt sie; und ihr Glaube hat solche Wirkungskraft, weil ihre reine Seele sie ganz nahe zu Gott bringt. – Das dichterische Bild ist ein ausgezeichnetes Gleichnis. Die innere Spannung der Seelen zu Gott hin mag jenen unbedeutend erscheinen, die bloß die Quantität der in der menschlichen Substanz angehäuften Energie abzuschätzen suchen. Doch, wären wir fähig, das ‹unsichtbare Licht› genau so wahrzunehmen wie die Wolken, das Wetterleuchten oder die Sonnenstrahlen, dann erschienen uns die reinen Seelen in dieser Welt schon durch ihre Reinheit ebenso wirksam wie die verschneiten Gipfel, deren unzugängliche Firne für uns immerfort die in der hohen Atmosphäre umherirrenden Kräfte anziehen.

63 Wollen wir, daß der Göttliche Bereich um uns wachse? Dann laßt uns eifersüchtig alle Kräfte der Einigung, des Wünschens, des Gebetes, die uns die Gnade anbietet, empfangen und nähren. Schon allein weil sich dadurch unsere Durchsichtigkeit steigert, wird das (160) göttliche Licht, das immerfort auf uns eindringt, tiefer in uns einbrechen. Haben wir auch schon darüber nachgedacht, was für einen Sinn das Geheimnis von Mariä Verkündigung habe? Als der Augenblick kam, da Gott sich entschloß, die Menschwerdung vor unsern Augen zu verwirklichen, mußte Er zuerst in der Welt eine Tugend erwecken, die fähig war, Ihn bis zu uns herabzuziehen. Er brauchte eine Mutter, die Ihn in die menschliche Sphäre hineingebäre. Was tat Er da? Er schuf die Jungfrau Maria, das heißt, Er ließ auf der Erde eine so große Reinheit entstehen, das Er Sich in diese Durchsichtigkeit verdichte, bis Er als kleines Kind erschiene. Das also ist, in ihrer Kraft und Wirklichkeit ausgedrückt, das Vermögen der Reinheit, das Göttliche unter uns entstehen zu lassen. Und doch fügt die Kirche, wenn sie sich an die jungfräuliche Mutter wendet, bei: «Beata quae credidisti.»72 Im Glauben findet die Reinheit die Erfüllung ihrer Fruchtbarkeit.

2. DER GLAUBE Wir verstehen hier unter Glauben natürlich nicht nur das intellektuelle Bejahen der christlichen Dogmen, sondern in einem viel umfassenderen Sinne einen Glauben an Gott, der mit allem durchtränkt ist, was das Wissen um dieses anbetungswürdige Wesen in uns an Vertrauen auf seine fürsorgende Kraft erwecken (161) kann. Dieser Glaube ist die praktische Überzeugung, daß das Universum in den Händen des Schöpfers noch immer der Ton ist, dessen vielfache Möglichkeiten Er nach Seinem Gutdünken formt. Mit einem Wort, es ist der evangelische Glaube, von dem man behaupten darf, er sei von unserem Erlöser eindringlicher als jede Tugend, selbst eindringlicher als die Liebe eingeschärft worden. Welche Züge trägt nun diese seelische Haltung, die uns in den Worten und Taten des Meisters unermüdlich gezeigt wird? Vor allem und über allem ist sie eine Macht, die tätig ist. Einerseits sind wir durch die Behauptungen eines unberechtigten Positivismus eingeschüchtert und anderseits durch die mystischen Auswüchse der ‹Christian Science› abgekühlt. Darum möchten wir die peinliche Tatsache, daß unserem Gebet eine faßbare Wirkung versprochen ist, oft lieber etwas verhüllen. Und doch können wir sie nicht leugnen, ohne vor Christus zu erröten. Wenn wir nicht glauben, dann verschlingen uns die Wellen, dann rast der Sturm, dann fehlt uns die Nahrung, dann werfen uns die Krankheiten nieder oder töten uns, und dann ist die göttliche Kraft machtlos oder in weiter Ferne. Wenn wir dagegen glauben, werden die Wasser freundlich und still, das Brot vermehrt sich, die Augen tun sich auf, die Toten stehen auf, die Macht wird Gott gleichsam mit Gewalt entlockt und breitet sich über die ganze Natur aus. Entweder muß man das Evangelium willkürlich deuten und zurechtstutzen, oder aber wir müssen zugeben, daß diese Wirkungen nicht bloß eine vorübergehende und vergangene, sondern (162) eine immerwährende und auch heute bestehende Tatsache sind. Hüten wir uns, die geoffenbarte Wahrheit, daß die Kräfte der Natur in Gott belebt werden können, zu ersticken. Stellen wir sie im

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«O selig, die du geglaubt hast.» Lk 1, 45.

64 Gegenteil entschlossen in den Mittelpunkt unserer Weltbetrachtung – einzig darum besorgt, sie richtig zu verstehen. Der Glaube ist tätig. Was will das heißen? Wird das göttliche Wirken auf den Anruf unseres Glaubens hin das normale Spiel der Ursachen ersetzen, die uns umgeben? Sollen wir wie Schwarmgeister erwarten, Gott bewirke die Ergebnisse, die wir bis jetzt durch unser angestrengtes Forschen erzielt haben, unmittelbar in der Materie oder in unseren Körpern? Nein, gewiß nicht. Weder die innere Verkettung der materiellen oder seelischen Welt noch die menschliche Pflicht, sich bis zum letzten anzustrengen, sind durch das Gebot des Glaubens bedroht oder auch nur abgeschwächt. «Jota unum aut unus apex non praeteribit.»73 Unter dem verwandelnden Wirken des ‹tätigen Glaubens› bleiben alle natürlichen Bindungen der Welt unangetastet; doch es legt sich auf sie ein Prinzip, eine innere Zielstrebigkeit, man könnte fast sagen, eine zweite Seele. Unter dem Einfluß unseres Glaubens kann das Weltall, ohne äußerlich seine Züge zu ändern, geschmeidig werden, sich beseelen – sich überbeseelen. Dies ist das ‹Alles› und das ‹Nur› des Glaubens, den uns das Evangelium ausdrücklich auferlegt. Bisweilen übersetzt sich diese Überbeseelung in wunderbare Ereignisse, nämlich dann, wenn die Umwandlung die natürlichen Ursachen bis in den Bereich (163) ihrer ‹potentia oboedientialis› hineinführt. Oder aber, und zwar häufiger, enthüllt sie sich, indem sie gleichgültige oder ungünstige Ereignisse in einen höheren Plan, in eine höhere Vorsehung einbaut. Die Welt auf diese zweite Art durch den Glauben zu vergöttlichen ist nicht weniger tief und nicht weniger wertvoll als die ergreifendsten Wunder. Wir haben schon weiter oben einen besonders bezeichnenden Fall dieser Art berührt und erläutert74. Als wir vom Erleiden der Minderungen sprachen, sahen wir, wie unsere Mißerfolge, unsere Niederlagen, unser Tod, ja sogar unsere Sünden durch Gott zu Besserem umgegossen, in Ihm umgewandelt werden können. Hier müssen wir nun dieses Wunder in seiner ganzen Allgemeinheit und vom besondern Standpunkt des Glaubensaktes aus betrachten; denn unser Glaubensakt ist die Vorbedingung, die von der Vorsehung dafür festgesetzt ist. Ja, die Welt, das Leben – unsere Welt, unser Leben – sind wie eine Hostie in die Hände von uns allen gelegt, bereit, göttlichen Einfluß, das heißt eine wirkliche Gegenwart des menschgewordenen Wortes, aufzunehmen. Das Mysterium wird sich erfüllen. Doch unter einer Bedingung: daß wir glauben, daß dies für uns Handlung werden will und kann, das heißt Verlängerung des Leibes Christi. – Glauben wir? Dann beginnt alles um uns herum zu leuchten und nimmt Gestalt an: der Zufall ordnet sich ein, der Erfolg erhält eine unzerstörbare Fülle, der Schmerz wird zur Heimsuchung und zur Liebkosung Gottes. Zögern (164) wir? Dann bleibt der Fels ohne Wasser, der Himmel schwarz, das Meer heimtückisch und stürmisch, und wir könnten angesichts unseres verpfuschten Lebens die Stimme des Meisters hören: «O ihr Kleingläubigen, warum habt ihr denn gezweifelt?»… «Domine, adiuva incredulitatem meam.»75 Ach, Du weißt es selbst, Herr, da Du ja als Mensch die Angst auch erfahren hast. An gewissen Tagen erscheint uns die Welt als ein schreckliches Ding: ungeheuer, blind und roh. Sie schüttelt uns, zerrt uns hin und her, tötet uns, ohne dessen zu achten. Heldenhaft – das kann man wohl sagen – hat es der Mensch dazu gebracht, zwischen den großen, kalten und dunklen Wassern einen bewohnbaren Bezirk zu schaffen, wo es beinahe hell
«Nicht der kleinste Buchstabe noch ein Tüpflein wird vergehen.» Mt 5, 18. (FN 16) Seite 85f. 75 «Herr, hilf meinem Unglauben.» Mk 9, 24.
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65 und warm ist – wo die Wesen Augen zum Sehen, Hände zum Lindern und ein Herz zum Lieben haben. Aber wie unsicher ist diese Wohnstatt! In jedem Augenblick, durch alle Ritzen bricht das große entsetzliche Ding herein – dieses Ding, dessen Gegenwart wir krampfhaft zu vergessen suchen und das doch immerwährend da ist, nur durch eine dünne Zwischenwand von uns getrennt. Feuer, Pest, Sturm, Erdbeben und die Entfesselungen dunkler seelischer Kräfte reißen in einem Augenblick rücksichtslos ein, was wir mühsam aufgebaut und mit Verstand und Herz ausgestattet hatten. Mein Gott, da mir meine menschliche Würde verbietet, wie ein Tier oder ein Kind davor die Augen zu schließen – und damit ich der Versuchung nicht unterliege, das Universum und seinen Schöpfer zu verfluchen – gib, daß ich es anbete, weil ich Dich in ihm verborgen (165) sehe. Das große befreiende Wort, Herr, das Wort, das zugleich offenbart und tätig ist, wiederhole es mir, Herr: «Hoc est corpus meum.»76 Wahrhaftig, das ungeheure und düstere Ding, das Gespenst, der Sturm – wenn wir wollen – bis Du! «Ego sum, nolite timere.»77 Alles, was uns in unserem Leben erschreckt, alles, was Dich selbst im Ölgarten entsetzt hat, das sind im Grund nur die Gestalten oder Erscheinungsformen, die Materie desselben Sakramentes. Laßt uns nur glauben! Glauben wir um so fester und um so verzweifelter, je drohender und unauflösbarer uns die Wirklichkeit erscheint! Dann wird der Schrecken des Universums vor unsern Augen die strengen Züge allmählich verlieren, später uns zulächeln und uns schließlich in seine mehr als menschlichen Arme schließen. Nein, nicht die starren Determinismen der Materie und der großen Zahlen, sondern die feingewebten Verbindungen des Geistes geben dem Weltall seine Beständigkeit. Für den, der glaubt, ist der unermeßliche Zufall – und die unermeßliche Blindheit der Welt – bloß ein Trugbild. «Fides, substantia rerum.»78

3. DIE TREUE Wenn wir auf der Welt mit reinem Herzen inständig glauben, öffnet die Welt vor uns die Arme Gottes. Es bleibt uns nur noch, uns in diese Arme zu werfen, auf daß sich der Ring des Göttlichen Bereiches um unser Leben schließe. Diese Gebärde wird in der (166) tätigen Erfüllung der täglichen Pflicht bestehen. Der Glaube heiligt die Welt. Die Treue vereinigt mit ihr. Wollten wir die ‹Vorteile› der Treue, das heißt die wesentliche und endgültige Rolle, die sie in der Besitznahme des Göttlichen Bereiches spielt, würdig beschreiben, so müßten wir hier alles wieder aufgreifen, was wir in den zwei ersten Teilen der Untersuchung gesagt haben. Ist es nicht die Treue, die die unerschöpflichen Hilfsmittel ins Spiel wirft, die alle Leidenschaft unserem Wunsch nach Vereinigung anbietet? Durch die Treue legen wir uns so genau in die Hand Gottes und halten uns darin fest, daß wir in ihrem Handeln völlig eins mit ihr sind.

«Das ist mein Leib.» Lk 22, 19. «Ich bin es, fürchtet euch nicht.» Mt 14, 27. 78 «Der Glaube, das Wesen der Dinge.» Vergleiche Hebr 11, 1.
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66 Durch die Treue öffnen wir dem Willen und Belieben Gottes immerfort einen Zugang in uns, der so tief liegt, daß Sein Leben das unsere wie eine mächtige Nahrung durchdringt und angleicht. «Hoc est cibus meus, ut faciam voluntatem Patris.»79. Durch die Treue befinden wir uns schließlich beständig an jenem bestimmten Punkt, an dem gemäß der Vorsehung das Bündel der unzählbaren innern und äußern Kräfte der Welt auf uns hin konvergiert, das heißt an jenem einen Punkt, wo sich für uns in einem gegebenen Augenblick der Göttliche Bereich verwirklichen kann. Die Treue und nur die Treue verschafft uns die Fähigkeit, das universelle und fortwährende Anwachsen der göttlichen Berührung aufzunehmen. Durch sie und nur durch sie geben wir Gott den Kuß zurück, den Er uns unaufhörlich durch die Welt hindurch anbietet. (167) Ganz unschätzbar an der ‹vereinigenden› Macht der Treue aber ist die Eigenschaft, daß sie, wie die Macht des Glaubens und der Reinheit, in ihrer Wirksamkeit keine Grenzen kennt. Es gibt keine Grenze, weder von seiten des Werkes, das man vollendet, noch von seiten der Minderung, die man erleidet: denn wir können uns in die Vervollkommnung der geleisteten Arbeit oder in die bessere Nutzung der unangenehmen Ereignisse immer mehr vertiefen. Immer mehr Fleiß, immer größere Sorgfalt, immer größere Fügsamkeit… Es gibt auch keine Grenze von seiten der Absicht, die dazu anregt, sich zum Handeln oder zum Hinnehmen anzustrengen; denn wir können in der innern Vollendung der Gleichförmigkeit rastlos weiter und weiter voranschreiten. Immer mehr Loslösung. Immer mehr Liebe. Und es gibt noch viel weniger eine Grenze von seiten des göttlichen Gegenstandes. Ihm gegenüber kann sich unser Sein in der Freude, sich immer mehr anzuschmiegen, völlig erschöpfen. – Lösen wir uns hier von der Vorstellung eines unbeweglichen Anhaftens. Sie würde uns nicht befriedigen. Bedenken wir vielmehr das eine: Gott zeigt sich uns begrenzten Wesen nicht als eine ganz fertige Sache, die wir nur anzunehmen hätten. Vielmehr ist Er für uns die ewige Entdeckung und das ewige Wachstum. Je mehr wir Ihn zu begreifen glauben, um so mehr enthüllt Er sich als ein anderer. Je mehr wir Ihn zu halten glauben, um so mehr weicht Er zurück und zieht uns in die Tiefen Seiner selbst hinein. Je näher wir Ihm mit allen Anstrengungen (168) der Natur oder der Gnade kommen, um so größer läßt Er in der gleichen Bewegung nicht nur Seine Anziehung auf unsere Fähigkeiten, sondern auch die Empfänglichkeit dieser Fähigkeiten für die göttliche Anziehung werden. So ist der bevorzugte Punkt, von dem wir eben sprachen – der einzige Punkt, an dem für jeden Menschen in jedem Augenblick der Göttliche Bereich entstehen kann –, kein fester Ort des Weltalls. Er ist ein bewegliches Zentrum, dem wir folgen müssen, wie die Magier ihrem Stern. Auf diesem oder jenem Weg, je nach der Berufung, führt dieser Stern die Menschen auf verschieden Art. Aber alle Bahnen, die er weist, haben das eine gemeinsam, daß sie uns immer höher steigen lassen. [Wir haben diese Dinge schon mehrmals erwähnt, doch es ist wichtig, sie ein letztesmal zu einem einzigen Bündel zusammenzuordnen.] In jedem Leben, das treu ist, folgen größere Wünsche den kleineren; der Verzicht übertrifft nach und nach den Genuß; der Tod verzehrt das Leben. Schließlich wird die allgemeine Abtrift durch das Geschaffene hindurch für alle gleich sein. Die Treue führt uns alle, bald durch eine geistige, bald durch eine tatsächliche Loslösung, mehr oder weniger rasch, mehr oder weniger hoch dem gleichen Bezirk eines
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«Das ist meine Speise, daß ich den Willen des Vaters tue.» Joh 4, 34.

67 geringeren Egoismus und eines geringeren Genießens entgegen – dorthin, wo für das verzücktere Geschöpf das göttliche Licht zureichender und klarer leuchtet. Der Bezirk liegt jenseits der Zwischenstufen, die nicht zurückgewiesen, sondern überwunden wurden. (169) Unter der zusammenstrebenden Wirkung der drei Strahlen, der Reinheit, des Glaubens und der Treue, schmilzt und biegt sich die Welt. Wie ein rasendes Feuer, das sich von dem nährt, wovon es unter gewöhnlichen Umständen erstickt würde – wie ein mächtiger Wildbach, der durch die quer zu seinem Lauf liegenden Hindernisse noch anschwillt –, so löst die durch die Begegnung zwischen Mensch und Gott erzeugte Spannung die Geschöpfe auf, reißt sie mit sich fort und zerstäubt sie; sie läßt sie alle in gleicher Weise der Einigung dienen. Freuden, Fortschritte, Schmerzen, Mißerfolge, Sünden, Werke, Gebete, Schönheiten, Mächte des Himmels, der Erde oder der Hölle, alles beugt sich beim Durchfluten der himmlischen Wellen, und alles gibt den positiven Teil der Kraft, die naturgemäß darin enthalten ist, ab, um zum Reichtum des Göttlichen Bereiches beizusteuern. Wie jene brennenden Strahlen, die ohne Anstrengung durch die härtesten Metalle gehen, so dringt der Geist, den Gott anzieht, in die Welt hinein und schreitet voran, vom lichten Dunst all dessen umhüllt, was er mit Gott zusammen vergeistigt. Er zerstört die Dinge nicht und tut ihnen nicht Gewalt an. Er befreit sie, richtet sie aus, verklärt und beseelt sie. Er läßt sie nicht im Stich, sondern steigt aufwärts, indem er sich auf die Dinge stützt und das, was sie an Auserwähltem haben, mit sich zieht. Reinheit, Glaube und Treue, unbewegliche wie auch tätige Tugenden, in eurer Ungetrübtheit seid ihr wahrhaftig die höheren Kräfte der Natur – jene, die (170) sogar der materiellen Welt ihre letzte Festigkeit und ihre letzte Gestalt verleihen. Ihr seid die formenden Kräfte der Neuen Erde. Durch euch, die ihr ein dreifacher Aspekt derselben vertrauensvollen Anbetung seid, «triumphieren wir über die Welt»: «Haec est quae vincit mundum, fides nostra.»80

c] Die Fortschritte des Göttlichen Bereiches in der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Heiligen und die Liebe 1. VORBEMERKUNG ÜBER DEN WERT DES GÖTTLICHEN BEREICHES FÜR DEN EINZELMENSCHEN Auf den vorangehenden Seiten haben wir uns praktisch mit dem Aufbau und dem Fortschritt des Göttlichen Bereiches in einer Seele beschäftigt, die wir uns mitten in der Welt allein vor Gott vorstellten. «Und die andern?» wird mehr als ein Leser gedacht haben. «Was geschieht mit den andern? Was ist denn das für ein Christentum, das behauptet, sich ohne Nächstenliebe aufbauen zu können?» Wir werden sehen, was für einen wesentlichen Platz der Nächste im Gebäude einnimmt, dessen Umrisse wir zu zeichnen versucht haben. Doch wir konnten ihn in unser Gefüge nicht einreihen, bevor wir das Problem der ‹Vergöttlichung der Welt› im Hinblick auf den einzelnen Menschen gründlich behandelt hatten. Dafür waren zwei Gründe maßgebend.

80

«Das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat, unser Glaube.» 1 Joh 5, 4.

68 Vorerst ein methodischer Grund: In einer wissenschaftlichen (171) Untersuchung muß das Studium der Einzelfälle dem Bemühen um Verallgemeinerung immer vorangehen. Es war aber auch aus einem innern Grund notwendig: Zwar sind wir Menschen in der Entwicklung und Vollendung in Christo Jesu gegenseitig außerordentlich stark verbunden. Aber wir bilden doch, jeder für sich, eine natürliche Einheit, mit ihren eigenen unveräußerlichen Verantwortlichkeiten und Möglichkeiten. Wir retten oder verlieren uns selbst. Es war um so wichtiger, diesen christlichen Glaubenssatz vom Heil des einzelnen zu betonen, als die hier entwickelte Schau sonst alles eher einheitlich und universalistisch sieht. Man darf nämlich folgendes nie aus den Augen verlieren: Obwohl alle Menschen vom gleichen Universum umhüllt sind, stellt doch jeder einzelne in den Erfahrungsbereichen der Welt für dieses Universum einen unabhängigen Mittelpunkt der Weltbetrachtung und des Handelns dar.[Es gibt also genau so viele einzelne Universen, wie es Einzelmenschen gibt.] Mögen wir alle überdies auf dem Gebiet der himmlischen Wirklichkeiten noch so sehr von derselben schöpferischen und erlösenden Macht durchdrungen sein, so bildet doch jeder von uns einen besondern Mittelpunkt der Vergöttlichung. [Es gibt daher ebenso viele einzelne Göttliche Bereiche, als es christliche Seelen gibt.] Wir wissen, daß die Menschen bei demselben Vorgang, auch wenn sie über die gleichen Fähigkeiten der Wahrnehmung dnd des Handeln verfügen, doch je nach Abstufung oder Vollkommenheit der Sinne und (172) des Verstandes auf ganz verschiedene Art reagieren. So würden wir, wenn wir das Unmögliche möglich machen und von einem Bewußtsein ins andere auswandern könnten, jedesmal die Welt wechseln. Desgleichen zeigt und schenkt sich Gott den Seelen, unter denselben zeitlichen und räumlichen ‹Gestalten›, mit einer Wirklichkeit und einem Reichtum, die je nach dem Glauben, der Treue und der Einheit, auf die sein Einfluß stößt, vollkommen verschieden sind. Stelle wir uns vor, eine Gruppe von Menschen erlebe den gleichen Erfolg oder dasselbe Unglück. Dasselbe Ereignis hat ebenso viele verschiedene Gesichter, Zwecke und ‹Seelen›, wie Einzelmenschen daran beteiligt sind. Für den, der nicht liebt und nicht glaubt, ist es blind, sinnlos, gleichgültig und stofflich. Wer aber so weit gelangt ist, daß er Gott überall sieht und berührt, für ihn ist das Ereignis lichterfüllt, von der Vorsehung gelenkt, von Sinn und Leben geladen. Gott überseelt die Zweitursachen auf so verschiedene Arten, als es Grade menschlichen Vertrauens und menschlicher Treue gibt. Die Vorsehung ist wesentlich eine in ihrem Einwirken, vervielfacht sich aber bei der Berührung mit uns – wie ein Sonnenstrahl in der Tiefe der Körper, die er trifft, sich färbt oder sich verliert. Dasselbe Universum hat alle Arten von Stockwerken und viele verschiedene Abteile: «in eadem domo, multae mansiones»81. Deshalb müssen wir die Worte, die der Priester vor der Wandlung über Brot und Wein spricht, über unserem Leben wiederholen und jeder für sich beten, damit sich die Welt so verwandle, daß wir uns ihrer bedienen (173) können: «ut nobis Corpus et Sanguis fiat D. N. Jesu Christi»82. Dies ist der erste Schritt. Bevor der Gläubige sich mit den andern beschäftigt – und um sich überhaupt mit den andern beschäftigen zu können –, muß er seine persönliche Heiligung festigen – nicht aus Egoismus, sondern im starken und weiten Bewußtsein, daß jeder von uns, in einem unendlich kleinen und unveräußerlichen Teil, die ganze Welt zu vergöttlichen hat.

81 82

«Im gleichen Hause viele Wohnungen.» Vergleiche Joh 14, 2. «Daß uns der Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus werde.» Kanon der Messe.

69 Wie diese Teil-Vergöttlichung möglich ist, haben wir nun zu Ende untersucht. Es bleibt uns nur noch, diese Elementarerscheinung zu integrieren und zu sehen, wie sich durch das Zusammenfließen der einzelnen Göttlichen Bereiche der allgemeine Göttliche Bereich bildet und seinerseits auf die einzelnen Geschicke, die er umfaßt, zurückwirkt, um sie zu vollenden. Wir wollen unsere Schlußfolgerungen nun verallgemeinern, indem wir sie durch das Wirken der Liebe gleichsam ins Unendliche vervielfachen.

2. DIE VERDICHTUNG DES GÖTTLICHEN BEREICHES DURCH DIE LIEBE Wenn wir die Kraft zur Vergöttlichung, die in der Nächstenliebe enthalten ist, verstehen und ermessen wollen, müssen wir besonders auf die Erwägungen zurückkommen, die wir oben entwickelten, namentlich als wir die umfassende Einheit der eucharistischen Konsekration beschrieben. (174) Wir sagten, daß sich durch die unermeßliche Zeit und die verwirrende Vielzahl der Einzelmenschen hindurch ein einziger Vorgang vollziehe: die Eingliederung der Auserwählten in Christus; daß aus allen in der Welt zerstreuten und bloß angedeuteten geistigen Kräften ein Einziges entstehe: der mystische Leib Christi. «Hoc est corpus meum.»83 Niemand auf der Welt kann uns wider unsern Willen retten oder verderben – das ist wahr. Wahr aber ist es auch, daß sich unser Heil nur solidarisch mit der Rechtfertigung der ganzen ‹auserwählten Substanz› vollzieht und vollendet. Es wird in einem wahren Sinne nur einen einzigen geretteten Menschen geben: Christus, das Haupt und die lebendige Zusammenfassung der Menschheit. Jeder Auserwählte ist berufen, Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Doch dieses Schauen wird in der lebendigen Wirklichkeit vom erhebenden und erleuchtenden Wirken Christi nicht zu trennen sein. Im Himmel werden wir selber Gott schauen, aber gleichsam durch die Augen Christi. Wenn dem so ist, dann erwartet unsere eigene mystische Anstrengung von ihrer Vereinigung mit der Anstrengung aller andern Menschen eine wesentliche Ergänzung. Der Göttliche Bereich, der im Pleroma endgültig eins sein wird, muß schon auf der irdischen Entwicklungsstufe unseres Lebens eins zu werden beginnen. Auch wenn der Christ, der in Gott zu leben begehrt, seinen Wünschen alle Reinheit, seinen Gebeten allen Glauben, seinem Handeln alle Treue, wozu er fähig ist, gewidmet hat, so öffnen sich ihm trotzdem noch unermeßliche Möglichkeiten, sein Universum (175) zu vergöttlichen. Es bleibt ihm noch übrig, sein Einzelwerk mit dem Werk aller Arbeiter, die ihn umgeben, zu verbinden. Um in herum drängen sich die zahllosen Einzelwelten, mit denen sich die verschiedenen menschlichen Monaden umhüllen. Er muß seine eigenen Wärme an der Wärme aller andern Feuer neu anfachen – seinen Saft mit dem Saft verbinden, der in den andern Zellen kreist – die Bewegung und das Leben zum allgemeinen Wohl aufnehmen oder weitertragen – und sich auf dieselbe gemeinsame Temperatur und Spannung bringen. Welcher Macht ist es vorbehalten, die Hüllen aufzusprengen, in denen unsere eigenen kleinen Welten sich eifersüchtig abschließen und kümmerlich dahinleben möchten? Welcher Kraft ist es gegeben, unsere Teilstrahlung in der Hauptstrahlung Christi zu verschmelzen und zu erhöhen? Der Liebe, die sowohl Ursache wie auch Wirkung jeder geistigen Verbindung ist. Die christliche Liebe, die das Evangelium so feierlich verkündet, ist nichts anderes als die mehr oder weniger bewußte Kohärenz der Seelen, die durch ihr gemeinsames Zusammenstreben in Christo Jesu
83

«Das ist mein Leib.» Lk 22, 19.

70 geschaffen wird. Man kann Christus nicht lieben, ohne auch die andern [in dem Maß, wie sie auf Christus zustreben] zu lieben, ohne sich durch dieselbe Bewegung auch Christus zu nähern. Von selbst also, durch einen echt lebendigen Determinismus drängen die einzelnen Göttlichen Bereiche in dem Maß, wie sie sich selbst bilden, dahin, (176) sich miteinander zu verschweißen. In ihrer Vereinigung finden sie eine grenzenlose Vermehrung ihrer Glut. Diese unausweichliche Verbindung hat sich im innern Leben der Heiligen immer in einer überfließenden Liebe für alles ausgewirkt, was in den Geschöpfen den Keim des ewigen Lebens in sich trägt. Dieser ‹Drang nach Vereinigung›, dessen wunderbare Wirksamkeit, wie wir gesehen haben, den Menschen an seine Pflicht bindet und ihn sogar aus den Mächten, die am meisten mit Tod geladen sind, das Leben gewinnen läßt, dieser Drang will als letzte Wirkung den Christen in die Liebe zu den Seelen stürzen. Wer vom Göttlichen Bereich leidenschaftlich gepackt ist, kann um sich keine Dunkelheit, keine Lauheit und keine Leere in dem ertragen, was von Gott erfüllt sein und von Gott schwingen sollte. Wenn er an die unzähligen Seelen denkt, die in der Einheit derselben Welt mit ihm verbunden sind und um die herum das Feuer der göttlichen Gegenwart noch ungenügend brennt, so fühlt er sich gleichsam erstarrt. Eine Zeitlang konnte er glauben, es genüge, nur seinen Arm, seinen eigenen Arm auszustrecken, um Gott so zu berühren, wie er es wünschte. Jetzt aber merkt er, daß die einzige menschliche Umarmung, die das Göttliche würdig zu umfassen fähig ist, die Umarmung aller menschlichen Arme ist, die alle miteinander ausgebreitet sind, um das Feuer herabzurufen und zu empfangen. Das einzige Subjekt, das der mystischen Verklärung endgültig fähig ist, ist die ganze Gemeinschaft der Menschen, die in der Liebe nur noch einen einzigen Leib und eine einzige Seele bildet. (177) Dieses Zusammenwachsen der geistigen Einheiten der Schöpfung unter der Anziehung Christi ist der höchste Sieg des Glaubens über die Welt. Mein Gott, ich bekenne, ich stand lange Zeit – und stehe leider noch immer – der Nächstenliebe ablehnend gegenüber. Voll Inbrunst habe ich die übermenschliche Freude ausgekostet, mich selbst zu durchbrechen und in jene Seelen zu verlieren, für die mich die so geheimnisvolle Verwandtschaft der menschlichen Zuneigung bestimmt hat. Doch der Gemeinschaft jener gegenüber, die Du mich lieben heißest, fühle ich mich von Geburt an feindselig und verschlossen. Was im Universum über mir oder unter mir [man könnte sagen, auf der gleichen Linie] steht, das füge ich leicht in mein inneres Leben ein; die Materie, die Pflanzen, die Tiere und dann die Kräfte, die Gewalten, die Engel – sie alle nehme ich ohne Schwierigkeit an und fühle mich voll Freude innerhalb ihrer Hierarchie geborgen. Aber der ‹Andere›, mein Gott – nicht nur ‹der Arme, der Lahme, der Krüppel und der Beschränkte›, sondern einfach der ‹Andere›, der ‹Andere› kurzhin – jener, dessen Universum dem meinen anscheinend verschlossen ist, der unabhängig von mir zu leben und mir die Einheit und die Stille der Welt zu zerschlagen scheint – wäre ich aufrichtig, wenn ich leugnete, daß meine gefühlsmäßige Reaktion ihn zurückstoßen möchte? Wenn ich leugnete, daß der bloße Gedanke, mit ihm in geistige Verbindung zu treten, mich schon mit Widerwillen erfüllt? Mein Gott, laß mir im Leben des Andern Dein Antlitz (178) leuchten. Das unwiderstehliche Licht Deiner Augen, das auf dem Grund der Dinge strahlt, hat mich schon zu jedem Werk begleitet, das ich vollbringen, und zu jedem Schmerz, den ich ertragen mußte. Gib, daß ich Dich auch und vor allem im Innersten, im Vollkommensten, im Fernsten der Seele meiner Brüder erkenne.

71 Das Geschenk, das Du von mir für diese Brüder abverlangst – das einzige Geschenk, über das Mein Herz verfügt –, ist nicht jene von privilegierten Zuneigungen übervolle Zärtlichkeit, die Du als stärksten geschaffenen Ansporn des inneren Wachstums in unser Leben setzest. Was Du verlangst, ist weniger angenehm, aber ebenso wirklich und noch stärker. Du willst, daß sich durch Deine Eucharistie zwischen den Menschen und mir jene grundlegende Anziehung offenbare, die jede Liebe dunkel vorausahnt und die aus den Myriaden von vernünftigen Geschöpfen auf mystische Art eine Einheit in Dir, Jesus Christus, bildet. Du willst, daß mich etwas Höheres zum ‹Andern› hinziehe als eine bloß persönliche Sympathie, nämlich die innerste Verwandtschaft, die zwischen jeder Welt für sich und dieser Welt für Gott besteht. Du verlangst ja damit von mir nichts psychologisch Unmögliches; denn Du lädst mich ein, in der fremden und unzählbaren Menge nur immer dasselbe persönliche Sein zu lieben, nämlich das Deine. Du verpflichtest mich dem Nächsten gegenüber auch keineswegs zu scheinheiligen Liebesbezeugungen; denn mein suchendes Herz kann ja Deine Person nur in dem finden, was in jedem andern Menschen den (179) einmaligen und konkreten Kern seiner Person darstellt; an dieses andere Selbst, nicht an ein unbestimmtes Sein um ihn herum, richtet sich meine Liebe. Nein, Du verlangst von mir weder Falsches noch Unmögliches. Durch Deine Offenbarung und Deine Gnade zwingst Du nur das Menschlichste in uns, endlich seiner selbst bewußt zu werden. Die Menschheit schlief – sie schläft noch immer –, indem sie in den schmalen Freuden ihrer kleinen abgeschlossenen Liebe dahindöst. Eine unermeßliche geistige Macht schlummert auf dem Grund unserer Vielzahl, die erst offenbar wird, wenn wir vermögen, die Wände unseres Egoismus zu sprengen und uns durch einen grundlegenden Neuguß unserer Anschauungen zum alltäglichen und praktischen Sehen der universellen Wirklichkeiten zu erheben. Jesus, Erlöser des menschlichen Tätigseins, dem Du einen Grund zum Handeln bringst – Erlöser der menschlichen Mühsal, der Du Lebenswert verleihst – sei Du auch das Heil der menschlichen Einheit, indem Du uns zwingst, unsere Armseligkeit hinter uns zu lassen und uns, an Dich gelehnt, hinauszuwagen auf die unbekannten Meere der Liebe.

3. DIE FINSTERNIS DRAUßEN UND DIE VERLORENEN SEELEN Die Geschichte des Reiches Gottes ist die Geschichte einer Vereinigung. Der totale Göttliche Bereich wird durch das Einverleiben aller auserwählten Geister in (180) Jesus Christus gebildet. Aber wer ‹auserwählt› sagt, denkt an Wahl und Auslese. Man verstünde also das universelle Wirken Jesu nicht christlich genug, wenn man Ihn bloß als Mittelpunkt der Anziehung und der Beseligung betrachtete. Gerade weil er Jener ist, der vereinigt, ist Er auch Jener, der siebt und trennt und richtet. Es ist im Evangelium vom guten Korn, von den Schafen, von der Rechten des Menschensohnes, vom Saal des Hochzeitsmahles und vom Feuer die Rede, das in Freude entzündet. Doch das Evangelium nennt auch die Spreu, die Böcke, die Linke des Richters, die verschlossene Tür und die Finsternis draußen. Den Flammen, die in der Liebe vereinigen, steht das Feuer gegenüber, das absondert und zugrunde richtet. Der vollständige Vorgang, aus dem die Neue Erde stufenweise hervorgeht, besteht also in einer Eingliederung, die von einer Aussonderung begleitet ist. Auf den vorhergehenden Seiten haben wir unsere Augen systematisch dem Licht zugewendet. Wir waren einzig damit beschäftigt, auf noch geraderen Wegen zum göttlichen Brennpunkt aufzusteigen und uns seinen Strahlen noch vollständiger auszusetzen. Doch dabei haben wir

72 hinter uns ständig einen Schatten und eine Leere gespürt – den Rückzug oder die Abwesenheit Gottes –, über der unser Weg immerfort schwebte. Doch diese Finsternisse der Tiefe, denen wir zu entfliehen suchten, hätten ja ebensogut bloß eine Art Abgrund über dem Nichts sein können. Die Unvollkommenheit, die Sünde, das Übel, das Fleisch – sie waren vor allem eine rückläufige Richtung, eine Kehrseite der Dinge, die für uns in dem Maß zu existieren (181) aufhörten, wie wir uns tiefer in Gott hineinversenkten. Aber Deine Offenbarung, Herr, verpflichtet mich, mehr zu glauben. Die Mächte des Bösen im Universum sind nicht nur eine Anziehung, ein Abweichen, ein ‹Minus›-Zeichen, eine vernichtende Umkehr zur Vielheit. Im Lauf der geistigen Entwicklung der Welt haben sich bewußte Elemente, Einheiten, freiwillig aus der Masse herausgelöst, die von Deinem Zauber angezogen ist. Das Böse ist in ihnen gleichsam Fleisch, gleichsam ‹Substanz› geworden. Und nun bestehen um mich herum dunkle Gegenwarten, schlechte Wesen, bösartige Dinge, die unter Deine lichtvolle Gegenwart gemischt sind. Und dieses abgetrennte Ganze stellt einen endgültigen und unwiderruflichen Abfall von der Entwicklung der Welt dar. Es gibt nicht nur untere, sondern auch äußere Finsternisse. Dies sagt uns das Evangelium. Mein Gott, keines der Geheimnisse, an die wir glauben müssen, verletzt unsere menschlichen Anschauungen schmerzlicher als das Geheimnis der Verdammung. Je mehr wir Menschen werden, das heißt, der Schätze bewußt, die im geringsten Sein verborgen sind, und je klarer wir den Wert erkennen, den das kleinste Atom für die schließliche Einheit darstellt, um so verlorener fühlen wir uns beim Gedanken an die Hölle. Ein Zurückfallen in irgendein Nicht-Sein, das könnten wir noch verstehen… Aber eine ewige Nutzlosigkeit, und eine ewige Pein!... Du, mein Gott, hast mir befohlen, an die Hölle zu glauben. Aber Du hast mir auch verboten, mit absoluter (182) Sicherheit von einem einzigen Menschen anzunehmen, er sei verdammt. Ich werde also hier weder versuchen, die Verdammten zu sehen, noch gewissermaßen zu erfahren, ob es solche gibt. Doch indem ich auf Dein Wort hin die Hölle als ein Bauelement des Universums annehme, werde ich so lange beten und betrachten, bis mir dieses fürchterliche Ding als eine bestärkende oder gar beseligende Ergänzung der Einblicke erscheint, die Du mir in Deiner Allgegenwart eröffnet hast. Und wahrhaftig, Herr, muß ich denn meinem Geist oder den Dingen Gewalt antun, um selbst im Geheimnis des zweiten Todes eine Quelle des Lebens zu erkennen? Ist es notwendig, lange hinzusehen, um in den Finsternissen draußen eine erhöhte Spannung und eine Vertiefung Deiner Größe zu entdecken? Ich weiß wohl, daß die Mächte des Bösen dem Göttlichen Bereich um mich herum mit ihrem freiwilligen Zerstörungswerk nichts anhaben können. Im gleichen Maße, wie sie in mein Universum einzudringen versuchen, erfährt ihr Einfluß – wenn mein Glaube nur groß genug ist – das gemeinsame Schicksal jeder geschaffenen Kraft: Von Deiner unwiderstehlichen Macht erfaßt und umgedreht verwandeln sich die Versuchungen und Übel ins Gute und schüren die Glut der Liebe. Selbst wenn man den leeren Platz betrachtet, den der Abfall der abtrünnigen Seelen im Schoß des mystischen Leibes zurückläßt, so können auch sie, das weiß ich wohl, die Vollkommenheit des Pleromas nicht verringern. Jeder Seele, die sich den Anrufen der Gnade (183) zum Trotz zugrunde richtet und also die Vollendung der gemeinsamen Einigung zerstören müßte, stellst Du, mein Gott, eine jener Neugestaltungen entgegen, die jederzeit das Universum in neuer Frische und Reinheit wiederherstellen. Der Verdammte ist nicht aus dem Pleroma

73 ausgeschlossen, sondern nur von seinem strahlenden Antlitz und von seiner Beseligung. Er verliert das Pleroma, doch er ist für das Pleroma nicht verloren. Die Existenz der Hölle kann also im Göttlichen Bereich, dessen Fortschritt um mich herum ich mit Entzücken verfolgt habe, weder etwas zerstören noch etwas verderben. Im Gegenteil. Ich spüre, wie die Hölle darin etwas Großes und Neues bewirkt. Sie fügt dem Göttlichen Bereich einen Akzent, einen Ernst, eine Deutlichkeit und eine Tiefe hinzu, die er ohne sie nicht besäße. Die Bergzinne kann nur durch den Abgrund, über dem sie aufragt, recht gemessen werden. Ich sprach vorhin aus meiner menschlichen Schau von einem Universum, das nach unten durch das Nichts abgeschlossen sei, mit andern Worten davon, daß die Stufenleiter der Größenwerte gewissermaßen bei einem Nullpunkt aufhöre. Jetzt, mein Gott, zerstreust Du die Schatten, die den untern Teil des Universums verhüllten, und zeigst mir, wie sich unter meinen Füßen eine zweite Halbkugel öffnet – jener wirkliche Bezirk von wenigstens möglichen Existenzen, der grenzenlos in die Tiefe geht. Will die Wirklichkeit dieses negativen Poles der Welt nicht die bedrängende und unermeßliche Macht verdoppeln, mit der Du über mich hereinbrichst? (184) O Jesus, entsetzlich schöner und eifersüchtiger Meister, ich schließe die Augen vor dem, was meine menschliche Schwäche noch nicht verstehen und daher auch nicht ertragen kann, nämlich vor der Tatsache, daß es Verdammte gibt. Doch ich will wenigstens in meine gewöhnliche und praktische Weltbetrachtung den Ernst einer immer drohenden Verdammung einfügen – nicht so sehr um Dich zu fürchten, Jesus, als vielmehr um Dir leidenschaftlicher anzugehören. Schon vorhin habe ich zu Dir gerufen: Sei mir nicht bloß Bruder, Jesus – sondern sei mir Gott! Jetzt, da Du mit der fürchterlichen Macht der freien Wahl bekleidet bist, die Dich als das Prinzip universeller Anziehung und universeller Abstoßung auf den Gipfel der Welt stellt, erscheinst Du mir wirklich als jene unermeßliche und lebendige Kraft, die ich überall suchte, um anbeten zu können. Die Feuer der Hölle und die Feuer des Himmels sind nicht zwei verschiedene Kräfte, sondern nur die entgegengesetzten Kundgebungen derselben Energie. Daß doch die Flammen der Hölle mich nicht erreichen, Meister, – und keinen von denen, die ich liebe… Mögen sie überhaupt niemanden erreichen, mein Gott, ich weiß, daß Du mir dieses törichte Gebet verzeihst. Aber für jeden von uns möge sich ihr düsterer Schein mit allen Abgründen, die er aufdeckt, zur lodernden Fülle des Göttlichen Bereiches hinzufügen. (185)

74

EPILOG DIE ERWARTUNG DER PARUSIE
Aussonderung und Eingliederung. Ausscheidung der schlechten Elemente der Welt und ‹Vereinigung› der Elementarwelten, die jeder treue Geist in Arbeit und Mühsal um sich aufbaut. Unter dem Einfluß dieser doppelten, noch fast ganz verborgenen Bewegung verwandelt sich und reift das Universum um uns herum. Wir bilden uns oft ein, in der Geschichte der Schöpfung würden sich die Dinge unendlich und eintönig wiederholen. Doch für unser kurzes Leben dauert die Zeit des Reifens zu lang; überdies ist die Umgestaltung für unsere oberflächliche und eingeengte Sicht zu umfassend und zu sehr im Innern verborgen. Daher können wir die Fortschritte all dessen, was sich in jeder Materie und in jedem Geist und durch sie hindurch pausenlos vollzieht, gar nicht wahrnehmen. Glauben wir der Offenbarung, die – auch hierin wieder – die verläßliche Stütze unserer menschlichsten Ahnungen ist. Unter der nichtssagenden Hülle der Dinge und unter der Hülle all unserer geläuterten und geretteten Anstrengungen entsteht Schritt für Schritt die Neue Erde. Das Evangelium kündet uns an, eines Tages werde die allmählich aufgeladene Spannung zwischen der Menschheit und Gott die durch die Möglichkeiten der Welt gesetzten Grenzen erreichen. Dann wird das Ende da sein. Wie ein Blitz, der von einem Pol zum andern fährt, wird sich die in den Dingen lautlos angewachsene Gegenwart Christi jählings offenbaren. Sie wird alle Dämme, hinter denen die Schleier der Materie und die gegenseitige Abgeschlossenheit der (189) Seelen sie scheinbar zurückhielten, durchbrechen und das Antlitz der Erde überfluten. Wenn schließlich die wahren Verwandtschaften des Seins frei wirken, dann werden die geistigen Atome der Welt von einer Kraft, in der sich die vereinigenden Mächte des Universums enthüllen, mitgerissen und nehmen in Christus oder außerhalb – aber immer unter dem Einfluß Christi – den Platz der Freude oder der Strafe ein, den ihnen die lebendige Struktur des Pleromas zuweist. «Sicut fulgur exit ab Oriente et paret usque in Occidentem… Sicut venit diluvium et tulit omnes… Ita erit adventus Filii hominis.»84 Wie der Blitz, wie ein Lauffeuer, wie eine Sintflut wird die Anziehung des Menschensohnes alle wirbelnden Elemente des Universums ergreifen, um sie seinem Leibe zu vereinigen oder zu unterwerfen. «Ubicumque fuerit corpus illic congregabuntur et aquilae.»85 Dies wird die Vollendung des Göttlichen Bereiches sein. Über die Stunde und die Art und Weise dieses furchtbaren Ereignisses zu mutmaßen, wäre müßig. Das Evangelium warnt uns davor. Aber erwarten müssen wir es. Die Erwartung, die bange, gemeinsame und tätige Erwartung eines Weltendes, das heißt eines Ausweges für die Welt, ist die christliche Aufgabe im höchsten Sinne und vielleicht jener Zug an unserer Religion, der sie am deutlichsten von andern Religionen unterscheidet. Im Laufe der Geschichte hat diese Erwartung den Fortschritten unseres Glaubens stets wie eine Fackel vorangeleuchtet. Die Israeliten sind ewig ‹Wartende› (190) gewesen – und die ersten Christen ebenfalls. Denn die Weihnacht, die unsere Blicke anscheinend hätte umkehren und auf
«Denn gleich wie der Blitz vom Aufgang ausgeht und bis zum Untergang leuchtet… Wie die Sintflut kam und alle wegnahm… So wird die Ankunft des Menschensohnes sein.» Vergleiche Mt 24, 27 und Lk 17, 2427. 85 «Wo das Aas liegt, da werden sich die Adler sammeln.» Mt 24, 28.
84

75 die Vergangenheit lenken sollen, hat sie nur noch weiter nach vorne gewiesen. Nur einen Augenblick lang ist der Messias unter uns erschienen. Er ließ sich nur sehen und berühren, um sich abermals, noch leuchtender und unaussprechbarer, in den Tiefen der Zukunft zu verlieren. Er ist gekommen. Doch wir müssen ihn immer noch und von neuem erwarten – wir, nicht bloß eine kleine, auserwählte Schar, sondern alle Menschen – mehr als je. Der Herr Jesus wird nur dann bald kommen, wenn wir ihn inbrünstig ersehnen. Eine Anhäufung von Sehnsucht muß die Parusie anbrechen lassen. Was haben wir Christen, die wir nach Israel den Auftrag haben, auf der Erde die Flamme der Sehnsucht immer lebendig zu erhalten, was haben wir nur zwanzig Jahrhunderte nach der Himmelfahrt aus der Erwartung gemacht? Ach, die etwas kindliche Hast und der Irrtum in der Perspektive, die die erste christliche Generation an eine unmittelbar bevorstehende Rückkehr Christi glauben ließen, sie haben uns enttäuscht und mißtrauisch gemacht. Der Widerstand der Welt gegen das Gute hat unseren Glauben an das Reich Gottes erschüttert. Ein gewisser Pessimismus, vielleicht von einer übertriebenen Vorstellung des Sündenfalles unterstützt, hat uns zur Meinung geführt, die Welt sei wirklich schlecht und unheilbar… Deshalb haben wir die Wachtfeuer in unseren entschlafenen Herzen ausgehen lassen. Natürlich sehen wir mit mehr oder (191) weniger Angst den eigenen Tod herannahen. Natürlich beten und wirken wir auch gewissenhaft dafür, «daß das Reich Gottes komme». Doch wie viele unter uns erschaudern in der Tat bis auf den Grund ihres Herzens, wenn von der wahnwitzigen Hoffnung auf ein Umschmelzen unserer Erde die Rede ist? Wie wenige beugen sich inmitten unserer Nacht auf ihren Schiffen vor, um das erste Aufdämmern eines wirklichen Morgens zu erspähen? Wo ist der Christ, in dem das ungeduldige Heimweh nach Christus so groß ist, daß es die Sorge um die menschliche Liebe oder die menschlichen Interessen auch nur ausgleichen, geschweige denn überfluten könnte? Und doch müßte es so sein! Welcher Katholik gibt sich den Hoffnungen, die Menschwerdung Christi auszubreiten, ebenso leidenschaftlich hin – aus Überzeugung, nicht nur aus Konvention –, wie viele der bloßen Menschlichkeit, die eine neue Gesellschaft erträumen? Immer noch fahren wir fort zu behaupten, daß wir wachen und auf den Meister warten. Doch wollten wir wirklich ehrlich sein, so müßten wir zugestehen, daß wir überhaupt nichts mehr erwarten. Wir müssen die Flamme entfachen, mag es kosten, was es will. Um jeden Preis müssen wir in uns selbst die Sehnsucht und die Hoffnung auf die große Ankunft erneuern. Doch wo sollen wir die Quelle dieser Verjüngung suchen? Vor allem, das ist ganz deutlich, in der wachsenden Anziehung, die Christus unmittelbar auf seine Glieder ausübt. – Aber wo noch? In einem wachsenden Interesse an der Vorbereitung und Vollendung der Parusie. Und woraus soll dieses Interesse (192) entspringen? Aus der Erkenntnis, daß zwischen dem Sieg Christi und dem Erfolg des Werkes, das die menschliche Anstrengung hienieden aufzubauen sucht, ein innigerer Zusammenhang besteht. Wir vergessen es immer wieder. Das Übernatürliche ist ein Gärungsmittel, eine Seele, nicht ein vollständiger Organismus. Es will ‹die Natur› umgestalten; aber es könnte auf die Materie, die die Natur ihm anbietet, nicht verzichten. Wenn sich die Juden dreitausend Jahre lang, nach dem Messias ausschauend, behaupten konnten, war das nur möglich, weil er ihnen vom Ruhm ihres Volkes umstrahlt erschien. Die Jünger des heiligen Paulus lechzten nur deshalb das ganze Leben nach dem großen Tag, weil sie vom Menschensohn die persönliche und greifbare Lösung ihrer Probleme und der Ungerechtigkeiten des Lebens erwarteten. Die Erwartung des Himmels kann

76 nur leben, wenn sie Fleisch geworden ist. Welche Gestalt werden wir heute unserer Erwartung geben? Die Gestalt einer unermeßlichen, vollständig menschlichen Hoffnung. Betrachten wir die Erde um uns herum. Was geht unter unsern Augen in der Masse der Völker vor? Woher diese Unordnung in der Gesellschaft, diese unruhige Gärung, diese sich aufbäumenden Wogen, diese Strömungen, die kreisen und sich vereinigen, dieses verworrene, erschreckende und neue Drängen? – Die Menschheit macht offensichtlich eine Wachstumskrise durch. Sie wird sich dunkel dessen bewußt, was ihr fehlt und was sie vermag. Vor ihren Augen wird das Universum leuchtend wie der Horizont, aus dem die Sonne aufsteigen will. Auf der (193) ersten Seite haben wir daran erinnert. Die Menschheit ahnt also, und sie wartet. Der Christ, der wie alle andern dieser Anziehung ausgesetzt ist, hält bisweilen erschreckt inne, wie wir sagten, und wird unruhig. Ist es nicht ein Abgott, zu dem sich seine Anbetung aufzuschwingen sucht? Unsere Untersuchung über den Göttlichen Bereich, die wir jetzt abgeschlossen haben, erlaubt uns, auf diese Befürchtung zu antworten. Nein, wir Jünger Christi dürfen nicht zögern, diese Kraft zu ergreifen, die uns braucht und die wir brauchen. Im Gegenteil, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, diese Kraft zu verschleudern und selbst zugrunde zu gehen, müssen wir an den Bestrebungen wahrhaft religiöser Art teilnehmen, in denen die heutigen Menschen die Unermeßlichkeit der Welt, die Größe des Geistes und den geheiligten Wert jeder neuen Wahrheit so machtvoll spüren. In dieser Schule wird unsere christliche Generation das Erwarten wieder lernen. Wir haben uns lange von diesen Gedanken durchdringen lassen: Der Fortschritt des Universums und besonders des menschlichen Universums ist weder eine Konkurrenz gegen Gott noch ein sinnloser Verschleiß der Kräfte, die wir Ihm schulden. Je größer der Mensch ist, je mehr die Menschheit einig, ihrer Kraft bewußt und ihrer Kraft Herr ist, um so schöner ist auch die Schöpfung, um so vollkommener die Anbetung, und um so mehr wird Christus, um sich mystisch auszudehnen, einen der Auferstehung würdigen Leib finden. Es kann auf der Welt ebensowenig (194) zwei Höhepunkte geben, wie es für einen Kreisumfang zwei Mittelpunkte gibt. Das Gestirn, auf das die Welt wartet – dessen Namen sie noch nicht zu nennen vermag, dessen wahre Transzendenz sie nicht ermißt, von dem sie nicht einmal die geistigen und göttlichsten Strahlen erkennen kann –, dieses Gestirn ist Christus selbst, den wir erhoffen. Um die Parusie herbeizuwünschen, müssen wir nur das Herz der Erde in uns schlagen lassen und verchristlichen. Warum denn, ihr Kleingläubigen, fürchtet ihr die Fortschritte der Erde? Warum grollt ihr ihnen? Warum die Voraussagen und die Verbote töricht vermehren: «Geht nicht!... Versucht nicht!... Alles ist bekannt! Die Erde ist leer und alt! Es gibt nichts mehr zu entdecken…»? Alles versuchen für Christus! Alles erhoffen für Christus! «Nihil intentatum!»86 Seht, gerade das Gegenteil ist die wahrhaft christliche Haltung. Vergöttlichen heißt nicht zerstören, sondern überschaffen. Wir können nicht wissen, was alles die Menschwerdung Christi noch von den Mächten der Erde erwartet. Wir können von der wachsenden Einheit der Menschen nie genug erhoffen.

86

«Nichts unversucht.» Horaz, Ars poetica 285.

77 Erhebe dein Haupt, Jerusalem! Betrachte die unermeßliche Zahl jener, die aufbauen, und derer, die suchen. In den Laboratorien, in den Studierstuben, in den Wüsten, in den Fabriken, im ungeheuren sozialen Schmelztiegel, siehst du sie, alle jene Menschen, die sich mühen? Wohlan! Alles, was durch sie an Kunst, an Wissenschaft und an Gedanken gärt, all das ist für dich. – Auf! Öffne deine Arme und dein (195) Herz. Empfange, wie Jesus deinen Meister, die Flut, die Überschwemmung des menschlichen Saftes. Nimm ihn auf, diesen Saft – denn ohne seine Taufe wist du sehnsuchtslos dahinsiechen wie eine Blume ohne Wasser; und rette ihn, da er sich ohne deine Sonne sinnlos in unfruchtbare Stiele verliert. Wo sind sie nun hingekommen, die Versuchung einer allzu großen Welt und die Verführung einer allzu schönen Welt? Es gibt sie nicht mehr. Die Erde soll mich diesmal nur mit ihren Riesenarmen ergreifen. Sie soll mich mit ihrem Leben schwellen oder mich in ihren Staub zurückholen. Sie kann sich vor meinen Augen mit allem Zauber, mit allen Schrecken und mit allen Geheimnissen schmücken. Sie kann mich mit dem Wohlgeruch ihrer Greifbarkeit und Einheit trunken machen. Sie kann mich in der Erwartung dessen, was in ihrem Schoß heranreift, auf die Knie zwingen. Ihre Bezauberungen können mir nicht mehr schaden, seitdem die Erde für mich jenseits ihrer selbst zum Leib Dessen geworden ist, Der ist und Der kommt! Der Göttliche Bereich. Tientsin, November 1926 bis März 1927
(196)

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BEMERKUNG DER HERAUSGEBER
Im März 1955, im letzten Monat, da er noch unter uns lebte, kam Pater Teilhard de Chardin am Anfang eines letzten Glaubensbekenntnisses nochmals auf Le Milieu Divin zu sprechen und schrieb: «Es ist schon lange her, seit ich in La Messe sur le Monde und in Le Milieu Divin versucht habe, meine Bewunderung und mein Erstaunen über diese Perspektiven festzuhalten, die in mir eben erst Gestalt angenommen hatten. Heute, nach vierzig Jahren ununterbrochenen Nachdenkens spüre ich das Bedürfnis – noch ein letztesmal –, die genau gleiche grundlegende Schau darzulegen und sie in reifer Form mitzuteilen. Ich tue es mit weniger Farbenfrische und mit weniger Überschwang im Ausdruck als im Augenblick, da ich dieser Schau zum erstenmal begegnete. Doch immer noch mit demselben Entzücken – mit derselben Leidenschaft.» Kein Werk des großen Glaubenden kann anders als in dieser ‹grundlegenden Schau› des Milieu Divin verstanden werden. Auch wenn sie nicht ausgesprochen ist, ist sie doch immer mitverstanden, diese Schau des Christus, der alles in allem ist; die Schau des Universums, das in der Ganzheit seiner Entwicklung von Gott bewegt und ganz von Ihm durchdrungen ist. Erst diese vorliegende Veröffentlichung wirft also das volle Licht auf Le Phénomène Humain. (197)

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