Einleitung

Die Griechen kannten für das, was wir mit dem Begriff Leben ausdrücken, kein Einzelwort, Sie gebrauchten zwei Begriffe, die morphologisch und semantisch verschieden sind, auch wenn man sie auf eine gemeinsame Wurzel zurückführen kann: zök meinte die einfache Tatsache des Lebens, die allen Lebewesen gemein ist (Tieren, Menschen und Göttern), bios dagegen bezeichnete die Form oder Art und Weise des Lebens, die einem einzelnen oder einer Gruppe eigen ist. Wenn Platon im Philebos drei Lebensarten anführt und Aristoteles in der Nikomachischen Ethik das kontemplative Leben des Philosophen (bios theöretikh) vom Leben der Lust und des Vergnügens (bios apoZatastikch) und vom politischen Leben (bios politikbs) unterscheidet, hätten sie niemals den Begriff z& gebrauchen können (dem bezeichnenderweise im Griechischen die Pluralform fehlt); und zwar aus dem einfachen Grund, weil es beiden in keiner Weise um das natürliche Leben, sondern um ein qualifiziertes Leben, um eine besondere Lebensweise zu tun war. Aristoteles kann sehr wohl von einer z& ariste kai aidios, einem höheren und ewigen Leben sprechen (Met. 1072 b, 28), aber nur, um die nicht banale Tatsache herauszustreichen, daß auch Gott ein Lebewesen ist (so wie er sich im selben Kontext des Begriffs zöf bedient, um in ebensowenig trivialer Weise den Akt des Denkens zu bestimmen); von einer zö; Politik6 der Athener Bürger zu sprechen hätte jedoch keinen Sinn ergeben. Nicht daß der Antike die Idee nicht vertraut gewesen wäre, daß das natürliche Leben, die einfache zök als solche, an sich ein Gut sei; Aristoteles druckt dieses Bewußtsein in einem Abschnitt der Politik sogar mit unübertrefflicher Klarheit aus. Nachdem er daran erinnert hat, daß der Zweck des Gemeinwesens sei, dem Guten gemäß zu leben, sagt er: »Und das [dem Guten gemäß zu leben] ist nun besonders das Ziel, sowohl für alle in Gemeinschaft als auch voneinander getrennt. Sie kommen aber auch bloß um des Lebens willen zusammen, und sie verfügen zusammen über eine politische Gemeinschaft. Vielleicht liegt nämlich schon ein Teil des Guten im Leben allein an sich [KatA t0 z&r aut& m&.zon]. Wenn die Beschwerlichkeiten des Lebens nicht zu sehr über,. 11

handnehmen [X?ata t&z bion], so ist es klar, daß viele Menschen in ihrem Verlangen nach Leben [.&] reichlich Not ertragen, als gäbe es in diesem ein gewisses Glücksgefühl [ez&merkz: schöner Tag] und eine natürliche Annehmlichkeit.« (Pol. I 278 b, 23 - 30)

In der antiken Welt ist das einfache natürliche Leben jedoch aus der polis im eigentlichen Sinn ausgeschlossen und als rein reproduktives Leben strikt auf den Bereich des c&os eingeschränkt (1 2 5 2 a, 26- 3 2). Am Anfang seiner Politik verwendet Aristoteles alle Sorgfalt darauf, den oikonsmos (Kopf eines häuslichen Unternehmens) und den despotes (Familienoberhaupt), die sich um die Fortpflanzung und Erhaltung des Lebens kümmern, vom Politiker zu unterscheiden, und verspottet diejenigen, die glauben, es handle sich um einen quantitativen Unterschied und nicht um einen Unterschied in der Art. Und wo er den Zweck der Gemeinschaft bestimmt - eine Stelle (125 2 b, 30), die für die abendländische Tradition kanonisch bleiben sollte -, tut er dies gerade, indem er die einfache Tatsache des Lebens (t6 z&z) gegen das politisch qualifizierte Leben abgrenzt (lt0 ez? &n): ginomthb m&n oh to6 ze’n hhaeken, oha de tozG eG z&z, »enstandenum des Lebens willen, aber bestehend um des guten Lebens willen« (in der lateinischen Übersetzung des Wilhelm von Moerbeke, die sowohl Thomas von Aquin wie Marsilius von Padua vor sich hatten: facta quidem igitur vivendi gratia, existens autem gratia bene vivendi). Es stimmt, daß an einer sehr berühmten Stelle desselben Werkes der Mensch als politikon $on definiert wird (1253 a, 4); hier aber (abgesehen davon, daß in der attischen Prosa das Verb bi&ai kaum im Präsens gebraucht wird) ist »politisch« nicht ein Attribut des Lebewesens als solches, sondern eine spezifische Differenz zur Bestimmung der Gattung &on. (Im übrigen wird unmittelbar danach die menschliche Politik von derjenigen der anderen Lebewesen unterschieden, weil sie durch einen sprachgebundenen Zusatz an Politizität auf einer Gemeinschaft von Gutem und Bösem, Gerechtem und Ungerechtem und nicht einfach nur von Lust- und Schmerzvollem gegründet ist). Auf diese Bestimmung bezieht sich Michel Foucault, wenn er am Schluß von Der Wille zum Wissen den Prozeß zusammenfaßt, aufgrund dessen man auf der Schwelle zur Moderne das natürliche Leben in die Mechanismen und Kalküle der Staatsmacht einzubeziehen beginnt und sich die Politik in Biopolitik
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verwandelt: »Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.« (Foucault 1, S. 171) Foucault zufolge liegt die »>biologische Modernitätsschwellet einer Gesellschaft« dort, wo die Gattung und das Individuum als einfacher lebender Körper zum Einsatz ihrer politischen Strategie werden. Im Brennpunkt seiner Vorlesungen am Collège de France steh von 1 9 7 7 an der Übergang vom »Territorialstaat« zum »Bevölkerungsstaat<< und damit die schwindelerregend wachsende Bedeutung des biologischen Lebens und der Volksgesundheit für die souveräne Macht, die sich zunehmend in eine »Regierung der Menschen« verwandelt (Foucault 2, S. 719). Daraus ergibt sich eine gewisse Animalisierung des Menschen, die durch die ausgeklügeltsten politischen Techniken ins Werk gesetzt wird. Gleichzeitig mit der Ausbreitung der Möglichkeiten der Human- und Sozialwissenschaften entsteht nun auch die Möglichkeit, das Leben sowohl zu schützen wie auch seinen Holocaust zu autorisieren. Von dieser Seite her betrachtet wären insbesondere die Entwicklung und der Triumph des Kapitalismus ohne die disziplinarische Kontrolle nicht möglich gewesen, welche die neue Biomacht ausgeübt hat; mittels einer Reihe geeigneter Technologien schuf sie gewissermaßen die »gelehrigen Körper«, deren sie bedurfte. Auf der anderen Seite hat Hannah Arendt in The Human Conditionl bereits Ende der fünfziger Jahre (also fast zwanzig Jahre vor Der Wille zum Wissen) den Prozeß analysiert, der den homo laborans und mit ihm das biologische Leben zunehmend ins Zentrum der politischen Bühne der Moderne rückt. Sogar die Veränderung und den Niedergang des öffentlichen Raumes hat Hannah Arendt auf diesen Vorrang des natürlichen Lebens vor dem politischen Handeln zurückgeführt. Daß ihre Forschungen praktisch ohne Nachfolge geblieben sind und Foucault sein biopolitisches Feld ohne Bezug auf sie hat eröffnen können, zeugt von den Schwierigkeiten und den Widerständen, die das Denken in diesem Bereich zu gewärtigen hatte. Und ge1 Deutsche Ausgabe unter dem Titel Vita activa oder Vom tätigen Leben; der auch im Original genannte Titel der amerikanischen Ausgabe (1959) entspricht dem referierten Inhalt thematisch besser.
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rade diesen Schwierigkeiten ist wahrscheinlich sowohl die sonderbare Tatsache geschuldet, daß Hannah Arendt in The Human Condition keinerlei Anschlüsse an die tiefgehenden Analysen herstellt, die sie zuvor der totalitären Macht gewidmet hat (und in denen jegliche biopolitische Perspektive fehlt), als auch der ebenfalls merkwürdige Umstand, daß Foucault seine Untersuchungen nie auf das Feld schlechthin der modernen Biopolitik verlegt hat: das Konzentrationslager und die Struktur der großen totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts. Der Tod hat Foucault daran gehindert, alle Implikationen des Konzepts der Biopolitik zu entfalten und die Richtung anzuzeigen, in der er die Untersuchung vertieft hätte. Doch das Eintreten der z& in die Sphäre der polis, die Politisierung des nackten Lebens als solches bildet auf jeden Fall das entscheidende Ereignis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der klassischen politisch-philosophischen Kategorien. Es ist sogar wahrscheinlich, daß es, wenn die Politik heute eine fortwährende Finsternis zu durchqueren scheint, genau daran liegt, daß sie versäumt hat, es mit diesem Gründungsereignis der Moderne aufzunehmen. Die »Rätsel« (Furet, S. 7), die unser Jahrhundert dem historischen Verstehen aufgegeben hat und die ihre Aktualität behaupten (der Nazismus ist davon bloß das beunruhigendste), wird man nur auf dem Boden - demjenigen der Biopolitik - lösen können, auf dem sie gewachsen sind. Nur in einem biopolitischen Horizont wird man entscheiden können, ob die Kategorien, auf deren Opposition sich die moderne Politik gegründet hat (rechts/links, privat/öffentlich, Absolutismus/Demokratie etc.), die nun aber immer mehr verschwimmen und heute in eine eigentliche Zone der Ununterscheidbarkeit geraten, endgültig aufzugeben sind oder ob sie womöglich die Bedeutung wiedergewinnen können, die sie gerade in jenem Horizont zeitweilig verloren haben. Und nur eine Reflexion, die ausgehend von Foucaults und Walter Benjamins Ansätzen die Beziehung zwischen nacktem Leben und Politik thematisch befragt - eine Beziehung, die im geheimen auch die scheinbar am weitesten entfernten Ideologien regiert -, wird das Politische aus seiner Verborgenheit heraus- und das Denken zu seiner praktischen Aufgabe zurückführen.

Eine der konstantesten Ausrichtungen von Foucaults Arbeit ist die entschiedene Abkehr von den traditionellen Zugangsweisen zum Machtproblem, weg von den juridisch-institutionellen Modellen (die Definition der Souveränität, die Theorie des Staates) in Richtung einer vorbehaltlosen Analyse der konkreten Weisen, in denen die Macht selbst den Körper der Subjekte und ihre Lebensformen durchdringt. In den letzten Jahren, wie das etwa ein an der Universität von Vermont gehaltenes Seminar zeigt, scheint diese Analyse zwei gesonderte Forschungsrichtungen einzuschlagen: auf der einen Seite das Studium der politischen Techniken (wie die Polizeiwissenschaft), mit denen der Staat die Sorge um das natürliche Leben der Individuen übernimmt und in sich integriert; auf der anderen Seite das Studium der Technologien des Selbst, mittels deren sich der Subjektivierungsprozeß vollzieht, der die Individuen dazu bringt, sich an die eigene Identität und zugleich an eine äußere Kontrollmacht zu binden. Es ist offensichtlich, daß diese beiden Linien (sie folgen übrigens zwei seit Beginn von Foucaults Arbeit vorhandenen Tendenzen) sich an mehreren Punkten verknoten und auf ein gemeinsames Zentrum verweisen. In einer seiner letzten Schriften stellt Foucault fest, daß der moderne westliche Staat in einem bislang unerreichten Maß subjektive Techniken der Individualisierung und objektive Prozeduren der Totalisierung integriert hat; er spricht von einem eigentlichen »politischen double bind, das die gleichzeitige Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen bildet« (Foucault 3,
s. 229 - 232).

Der Punkt, in dem diese beiden Aspekte konvergieren, ist in seinen Forschungen dennoch seltsam unbeleuchtet geblieben, so daß man bemerkt hat, er habe sich einer einheitlichen Theorie der Macht konsequent verweigert. Doch wenn Foucault den traditionellen Zugang zum Machtproblem von juridischen (»was legitimiert die Macht?«) oder institutionellen (»was ist der Staat?«) Modellen her ablehnt und vorschlägt, sich »von der theoretischen Privilegierung des Gesetzes und der Souveränität« zu lösen (Foucault I, S. I I 1) und eine Analytik der Macht aufzubauen, deren Modell und Code nicht mehr das Recht ist, wo im Körper der Macht befindet sich dann jene Zone der Ununterscheidbarkeit (oder wenigstens der Schnittpunkt), in der sich die Techniken der Individualisierung und die Prozeduren

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wenn das Leben sich als das darbietet. daß sie über Wahrnehmung von Leid und 17 . subjektive Technologien und politische Techniken auseinanderzuhalten? Obwohl eine solche Ausrichtung in Foucaults Forschungen logisch impliziert zu sein scheint. das auch die metaphysische Definition des Menschen als »Lebewesen. sich zu fragen. daß gerade die Bedeutung dieses »auch« problematisch ist. daher steht sie auch den anderen Lebewesen zu Gebote. m u ß konsequent integriert werden. Tatsächlich vollzieht die Opposition im selben Zug eine Einbeziehung des ersten in das zweite. Dem nackten Leben kommt in der abendländischen Politik das einzigartige Privileg zu. überhaupt noch legitim oder auch nur möglich. Die eigentümliche Formel »Enstanden um des Lebens willen. scheint in dieser Perspektive konsubstantiell mit der abendländischen Politik zu sein. daß die Produktion eines biopolitischen Körpers die ursprüngliche Leistung der souveränen Macht ist. bleibt sie ein blinder Fleck im Gesichtsfeld des Forschers oder eine Art Fluchtpunkt.der Totalisierung berühren? Gibt es. in dem die freiwillige Knechtschaft der einzelnen mit der objektiven Macht kommuniziert? Ist es möglich. die eine Parallele zwischen äußeren und inneren Neurosen zieht? Und ist es angesichts von Phänomenen wie der Medien-Spektakel-Macht. in dem das »double bind« seinen Ort hat? Daß es in der Genese der Macht einen subjektiven Aspekt gibt. daß man sich in einem so entscheidenden Bereich mit psychologischen Erklärungen begnügt wie jener (gewiß nicht reizlosen). doch welches ist der Punkt. Wenn das zutrifft. ein einheitliches Zentrum. allgemeiner gesagt. die wir im ersten Teil dieses Buches nachgezeichnet haben. Das Band zwischen nacktem Leben und Politik ist dasselbe. ihre Natur ist nämlich bis dahin gelangt.Kern der souveränen Macht bildet. Die Stimme nun bedeutet schon ein Anzeichen von Leid und Freud. ohne ihn je erreichen zu können. immer schon das nackte Leben wäre. des nackten Lebens in das politisch qualifizierte Leben. sondern auch als eine einschließende Ausschließung (eine exceptio) der zök aus der polis gelesen werden. aber bestehend um des guten Lebens willen« kann nicht nur als Einbeziehung der Zeugung (ginomhz~) in das Sein (ousa). wenn ein Abschnitt der Politik den eigentlichen Ort der polis im übergang von der Stimme zur Sprache ansiedelt. und zwar in dem Sinn. wie das bis anhin geschehen ist. Foucaults Feststellung. dann muß man die aristotelische Defini16 tion der polis in der Opposition von leben (z&) und gut leben (eG Ah) mit erneuter Aufmerksamkeit betrachten. Die vorliegende Untersuchung betrifft genau diesen verborgenen Kreuzpunkt zwischen dem juridisch-institutionellen Modell und dem biopolitischen Modell der Macht. bringt er bloß das geheime Band wieder ans Licht. das über die Sprache verfügt« in der Verbindung zwischenphone’ und Logos sucht: »über die Sprache aber verfügt allein von den Lebewesen der Mensch. Man kann sogar sagen. besteht genau darin. warum die abendländische Politik sich vor allem über eine Ausschließung (die im selben Zug eine Einbeziehung ist) des nackten Lebens begründet. auf dessen Ausschließung sich das Gemeinwesen der Menschen gründet. das die Macht an das nackte Leben bindet. an dem sich das Leben in gutes Leben verwandeln muß. was durch eine Ausschließung eingeschlossen werden muß? Die Struktur der Ausnahme. das zu sein. der sich unendlich entzieht. Und was sie als eine der wahrscheinlichen Folgerungen hat festhalten müssen. den Sinn. beinah als ob die Politik der Ort wäre. auf den die verschiedenen Perspektivlinien seiner Untersuchungen (und allgemeiner die ganze abendländische Reflexion über die Macht) zulaufen. vielmehr ist es notwendig. war bereits im Begriff der servitude volontaire von La Boétie implizit enthalten. die Modi und die möglichen Einteilungen des »guten Lebens« als telos des Politischen zu untersuchen. was politisiert werden muß. In diesem Sinn ist die Biopolitik mindestens so alt wie die souveräne Ausnahme. Indem der moderne Staat das biologische Leben ins Zentrum seines Kalküls ruckt. der Mensch sei Aristoteles zufolge »ein lebendes Tier. Welcher Art ist die Beziehung von Politik und Leben. das auch einer politischen Existenz fähig ist«. die heute überall den politischen Raum verwandelt. In der aristotelischen Definition gilt es nicht nur. und als ob das. und knüpft auf diese Weise (gemäß einer hartnäckigen Entsprechung zwischen Modernem und Archaischem. die man in den verschiedensten Bereichen antrifft) an das Unvordenkliche der arcana imperii an.wenn auch verborgenen . Es ist also kein Zufall. daß die beiden Analysen nicht getrennt werden können und daß die Einbeziehung des nackten Lebens in den politischen Bereich den ursprünglichen .

auf der sich die Verbindung zwischen Lebewesen und Sprache vollzieht. daß das nackte Leben. auf dem das ganze politische System ruhte. in der über die Menschheit und den lebenden Menschen entschieden wird. in dem das nackte Leben zugleich von der Ordnung ausgeschlossen und von ihr erfaßt wurde. das in der Sprache das nackte Leben von sich abtrennt und sich entgegensetzt und zugleich in einer einschließenden Ausschließung die Beziehung zu ihm aufrechterhält. im Staat frei und wird zum Subjekt und Objekt der Konflikte der politischen Ordnung. Doch die Sprache ist da. schuf gerade in seiner Abgetrenntheit das verborgene Fundament. Politik gibt es deshalb. insofern sie die Schwelle besetzt. die das erste Paradigma des politischen Raumes im Abendland bildet. weil der Mensch das Lebewesen ist. tut sie nichts anderes. Es scheint ganz so. dem einzigen Ort sowohl der Organisation der staatlichen Macht als auch der Emanzipation von ihr. indem es das eigene nackte Leben in ihr ausgenommen sein läßt. die einander in vielem entgegengesetzt sind und (wenigstens scheinbar) in hartem Konflikt stehen. eingeschlossen wird. sondern als Subjekt der politischen Macht präsentiert. stimmen jedoch in der Tatsache überein. als der wesentlichen Struktur der metaphysischen Tradition ihre Treue zu bekunden. entscheidend ist vielmehr. Wenn seine Grenzen bis ins Unbestimmte verschwimmen. durch den die Staatsmacht den Menschen als Lebewesen zu seinem eigenen spezifischen Objekt erhebt. im Gleichschritt mit dem Prozeß. Ausschluß/Einschluß. ursprünglich am Rand der Ordnung angesiedelt. Die »Politisierung« des nackten Lebens ist die Aufgabe schiechthin der Metaphysik. indem es in ihm die eigene Stimme aufhebt und bewahrt. liefert also den Schlüssel. Das fundamentale Kategorienpaar der abendländischen Politik ist nicht jene Freund/Feind-Unterscheidung. Und die Gemeinschaft mit diesen Begriffen schafft Haus und Staat. daß nur sie allein über die Wahrnehmung des Guten und des Schlechten.Freud verfügen und das den anderen auch anzeigen können. ein weiterer Prozeß in Gang gekommen wäre. in der das menschliche Leben einzig in der Form ihrer Ausschließung in die Ordnung’ I »Ordinamento« meint im Unterschied zu »ordine« (auch »Befehl«) die »politisch-rechtliche Ordnung «. so wie es die polis bewohnt. sondern allgemeiner noch die Kodices der politischen Macht selbst ihre arcana enthüllen. Eine obskure Figur des archaischen römischen Rechts. dank dessen nicht nur die heiligen Texte der Souveränität. ist nicht so sehr die an sich uralte Einschließung der zö: in die polis noch einfach die Tatsache. daß das Leben als solches zu einem vorrangigen Gegenstand der Berechnungen und Voraussicht der staatlichen Macht wird. als ob im Gleichschritt mit dem Prozeß der Disziplinierung. zur Verdeutlichung steht hier bisweilen »Rechtsordnung«. in der sich der Mensch als Lebewesen nicht mehr als Objekt. des Gerechten und des Ungerechten und anderer solcher Begriffe verfügen. Recht und Faktum in eine Zone irreduzibler Ununterscheidbarkeit geraten. der neue biopolitische Körper der Menschheit auf dem Spiel steht. das ihn bewohnte. durch den die Ausnahme überall zur Regel wird. dann setzt sich das nackte Leben. und wenn die Moderne diese Aufgabe annimmt. Die Foucaultsche These muß mithin berichtigt oder wenigstens ergänzt werden: Was die moderne Politik auszeichnet. das heißt das Leben des homo sacer. der im großen und ganzen mit der Geburt der modernen Demokratie zusammenfällt. immer mehr mit dem politischen Raum zusammenfällt und auf diesem Weg Ausschluß und Einschluß. der getötet werden kann. Die Politik erweist sich demnach als im eigentlichen Sinn fundamentale Struktur der abendländischen Metaphysik. Aber zugleich stellt uns diese vielleicht älteste Bedeutung des Begriffs sacer vor das Rätsel einer Figur des Heiligen diesseits oder jenseits des Religiösen. wie der Begriff in dem von Carl Schmitt geprägten Zusammenhang in der Folge gebraucht wird. zök/bios. um das Nützliche und das Schädliche klarzulegen und in der Folge davon das Gerechte und das Ungerechte. zök und bios. sondern diejenige von nacktem Leben/politischer Existenz. Diese Prozesse. Außen und Innen. aber nicht geopfert werden darf. Denn das ist im Gegensatz zu den anderen Lebewesen den Menschen eigentümlich. Demnach kennzeichnet sich die moderne Demokratie gegen‘9 18 . und dessen bedeutende Funktion in der modernen Politik wir zu erweisen beabsichtigen. daß in beiden das nackte Leben des Staatsbürgers. Der Ausnahmezustand.« (1253a. Der Protagonist dieses Buches ist das nackte Leben. 10-18) Die Frage: »In welcher Weise verfügt das Lebewesen über die Sprache?« entspricht genau der Frage: »In welcher Weise bewohnt das nackte Leben die polis?« Das Lebewesen verfügt über den logos.

die den Bruch zwischen zö. die Massengesellschaft des Konsums und des Hedonismus auf der anderen Seite geben gewiß. jene zök vor einem nie dagewesenen Ruin zu bewahren. S. die Freiheit und Glückseligkeit der Menschen am selben Ort . Doch solange keine völlig neue . das nur durch eine Ausschließung eingeschlossen wird.« (Antelme. und der *schöne Tag« des Lebens wird das politische Bürgerrecht nur über Blut und Tod erlangen oder in der vollkommenen Sinnlosigkeit. Vorschub leisten soll. uns angesichts der neuen Realitäten und der unvorhergesehenen Konvergenzen dieses Jahrtausendendes zu orientieren und das Feld für jene neue Politik frei zu machen. Carl Schmitts Definition der Souveränität (»Souverän ist. stellt sich ein fast biologischer Anspruch auf Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung ein. wenn auch mit aller Vorsicht. Der Niedergang der modernen Demokratie und ihre zunehmende Konvergenz mit den totalitären Staaten in den postdemokratischen Spektakel-Gesellschaften (was sich bereits mit Alexis de Tocqueville abzeichnet und in den Analysen Guy Debords klar zutage tritt) finden ihre Wurzel vielleicht in dieser Aporie.das heißt nicht mehr auf die exceptio des nackten Lebens gegründete . an der These entschieden festgehalten werden. Indem Aristoteles im oben zitierten Abschnitt den »schönen Tag« (euh<merta) des einfachen Lebens den »Beschwerlichkeiten« des politischen bios entgegensetzte. zwischen Stimme und Sprache hätte überwinden sollen. die der Ausräumung und Einebnung der enormen Unterschiede. sondern ein für allemal verstehen zu wollen. wird jede Theorie und jede Praxis in einer Sackgasse steckenbleiben. Daher rührt auch die spezifische Aporie. der sie zunehmend die Form einer Biopolitik hat annehmen lassen. nicht gelöst sind. was ihr Endziel angeht). der doch ihre Verknechtung bezeichnete. Diese Aporie ins Bewußtsein zu heben. das heißt als etwas. 13) ist. Hinter dem langen antagonistischen Prozeß. bedeutet nicht. bedrohlich aktuell bleiben. die den Beginn der Demokratie markiert und sie zu einer geheimen Komplizenschaft mit ihrem erbittertsten Feind zwingt. Das nackte Leben bleibt in diesem Bruch in der Form der Ausnahme eingefaßt. die seither verflossen sind. da sie endgültig über ihre Gegner zu triumphieren und den Gipfel erreicht zu haben schien. Der Zeugenschaft von Robert Antelme zufolge bestand die Lektion. die Errungenschaften und Anstrengungen der Demokratie zu entwerten. haben keine anderen als vorläufige und unwirksame Lösungen gebracht. eine Antwort auf diese Fragen. S. die ihre Geschichte und ihre Gegnerschaft kennzeichnen. der zur Anerkennung der Menschenrechte und der formalen Freiheiten fuhrt. ihre vielleicht schönste Ausformulierung. jedoch tötbaren Leben. gab er der Aporie. Schmitt 1. die sich daraus ergeben. jede auf ihre Art. IO) Die These von einer innersten Solidarität zwischen Demokratie und Totaliarismus (die wir hier.Politik da ist. die »natürliche Annehmlichkeit« der zök zu »politisieren«? Und vor allem: Bedarf die zö6 wirklich der Politisierung. Unsere Politik kennt heute keinen anderen Wert (und folglich keinen anderen Unwert) als das Leben. Die vierundzwanzig Jahrhunderte. oder ist das Politische etwa bereits als ihr wertvollster Kern in ihr enthalten? Die Biopolitik des modernen Totalitarismus auf der einen. das nackte Leben selbst in Lebensform zu verwandeln und sozusagen den bios der zö6 zu finden. steht noch einmal der Körper des homo sacer [uomo sacro] mit seinem souveränen Doppel. Wie ist es möglich.dem »nackten Leben« ins Spiel bringen zu wollen. aufstellen müssen) ist offensichtlich keine historiographi2 0 sche These (übrigens ebensowenig wie Leo Strauss’ These von einer geheimen Konvergenz zwischen Liberalismus und Kommunismus. und bios. Trotzdem muß auf der historisch-philosophischen Ebene. zu deren Befreiung und Glückseligkeit sie alle ihre Kräfte aufgeboten hatte. und solange die Widerspruche. die Verbindung herzustellen. 21 . die der abendländischen Politik zugrunde liegt. zu der es die Spektakel-Gesellschaft verdammt.über der antiken dadurch. darin: »Sobald das eigentliche Menschsein in Frage gestellt wird. welche die Konzentrationslager ihren Insassen beigebracht hatten. die darin besteht. werden Nazismus und Faschismus. die im wesentlichen noch zu erfinden bleibt. seinem nicht opferbaren. die ihr eigen ist. welche die Entscheidung über das nackte Leben zum höchsten politischen Kriterium erhoben haben. Es ist der Politik in der Ausführung des metaphysischen Auftrags. denn sie allein erlaubt es. daß sie unablässig versucht. daß sie von Anfang an als eine Einforderung und Freisetzung der z& erscheint. wer über den Ausnahmezustand entscheidet«. nicht gelungen. sich wider alles Erwarten als unfähig erwies. warum sie in dem Moment.

noch bevor man begriffen hätte. Dieses Buch.einer rückhaltlosen Revision bedurften.zuvorderst der Heiligkeit des Lebens -. mußte sich indes Problemen stellen . das heißt die Diktatur des Proletariats als Übergangsphase zu einer staatslosen Gesellschaft) ist gerade die Klippe. wer innerhalb der Ordnung mit gewissen Machtbefugnissen ausgestattet wurde. daß man sich mit ihm identifiziert.und Rechtslehre. die in ihm (da jeder Grenzbegriff die Grenze zwischen zwei Begriffen ist) an die Sphäre des Lebens anstößt und sich mit ihr vermischt. daß in einem derartigen Bereich keiner der Begriffe. konnte diese »äußerste Sphäre« (ebd. das Problem der Grenzen und der originären Struktur der Staatlichkeit erneut und in einer neuen Perspektive aufzuwerfen. Erster Teil Logik der Souveränität . Heute. religiösen. juridischen und ökonomischen Lehren. wovon sie wirklich handelt.) nicht wirklich ans Licht kommen. die ihm zur Rechtfertigung beigestellt wurden. die ihn stützten. endet früher oder später damit. Aber im Verlauf der Untersuchung ist klar geworden. an der die Revolutionen unseres Jahrhunderts gescheitert sind. zu bestimmen. zur Regel geworden ist. Denn die Unzulänglichkeit der anarchistischen und marxistischen Kritik des Staates bestand genau darin. zu einem Gemeinplatz geworden. Der Kampf gegen einen Feind. Das Problem der Souveränität war damals darauf beschränkt. wie das Benjamin vorausahnte. diese Struktur nicht einmal erahnt und deshalb das arcanum imperii voreilig beiseite geschoben zu haben. Und die Theorie des Staates (und besonders des Ausnahmezustandes. Solange der Horizont der Staatlichkeit den weitesten Kreis des Gemeinschaftslebens bildete und die politischen. Es ist nicht weniger als der Grenzbegriff der Staats. wie wenn es außerhalb der Simulakren und der Ideologien. da die großen staatlichen Strukturen in einen Prozeß der Auflösung geraten sind und der Notstand. welche die Humanwissenschaften (von der Jurisprudenz bis zur Anthropologie) zu definieren glaubten oder als evident voraussetzten. als verbürgt anzunehmen ist und daß viele dieser Begriffe -in der Dringlichkeit der Katastrophe . mit denen es nicht gerechnet hatte. keinen Bestand hätte. noch Bestand hatten. wird es Zeit. dessen Struktur einem unbekannt bleibt. ohne daß die Schwelle der Ordnung selbst je in Frage gestellt wurde. das anfänglich als Antwort auf die blutige Mystifikation einer neuen globalen Ordnung konzipiert worden war.

wenn erst die Situation geschaffen werden muß. oder: »Ich. Es muß eine normale Situation geschaffen werden.« Wenn derjenige souverän ist. denn erst wenn seine Struktur einmal begriffen ist. Die Norm braucht ein homogenes Medium. Es gibt keine Ordnung. In seiner absoluten Reinheit ist der Ausnahmefall dann eingetreten.I. in der Rechtssätze gelten können. daß das Paradox auch so formuliert werden kann: »Das Recht ist außerhalb seiner selbst«. denn er ist zuständig für die Entscheidung. dem die Rechtsordnung die Macht zuerkennt. dann »steht« er in der Tat »außerhalb der normal geltenden Rechtsordnung und gehört doch zu ihr. Alles Recht ist Situationsrecht<. ob die Verfassung in toto suspendiert werden kann« (Schmitt 1. erkläre. über die dem Paradox implizite Topologie nachzudenken. der definitiv darüber entscheidet. auf welche sie tatbestandsmäßig Anwendung finden soll und die sie ihrer normativen Regelung unterwirft. in welchem Maß die Souveränität die Grenze (im doppelten Sinn von Ende und Anfang) der Rechtsordnung bezeichnet. Schmitt stellt diese Struktur als die Struktur der Ausnahme dar: »Die Ausnahme ist das nicht Subsumierbare. Jede generelle Norm verlangt eine normale Gestaltung der Lebensverhältnisse. ob dieser normale Zustand tatsächlich herrscht. Das bedeutet. damit die Rechtsordnung einen Sinn hat. aber gleichzeitig offenbart sie ein spezifisch-juristisches Formelement. den Ausnahmezustand auszurufen und auf diese Weise die geltende Ordnung aufzuheben. der ich außerhalb des Rechts stehe. I. Das Paradox der Souveränität I. der Souverän.sie entzieht sich der generellen Fassung. Die Ordnung muß hergestellt sein. der die legale Macht innehat. sie gehört vielmehr zu ihrer immanenten Geltung. Das Paradox der Souveränität druckt sich so aus: »Der Souverän steht zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung. Diese faktische Normalität ist nicht bloß eine >äußere Voraussetzung<. und souverän ist derjenige.« Es lohnt sich. die auf ein Chaos anwendbar wäre. S. daß es kein Außerhalb des Rechts gibt. setzt sich legal außerhalb des Rechts. in absoluter Reinheit. Die Präzisierung »zugleich« ist mitnichten trivial: Der Souverän. wird klar. die Dezision. die Geltung des Rechts aufzuheben. die der Jurist ignorieren kann. Der Souverän schafft und garantiert die Situation als 25 . 14).

Und analog dazu kann das positive Recht den Normalfall nur deshalb als Bereich seiner eigenen Gültigkeit bestimmen. noch .oder Herrschaftsmonopol. weil man das Allgemeine nicht einmal mit Leidenschaft. . 1. sondern die Situation. sondern funktioniert bei näherem Hinsehen wie das Prinzip. Die »Souveränität«. braucht Bereich der Rechtswissenschaften keine Theorie der Ausnahme. Daß die juridisch-politische Ordnung die Struktur einer Einschließung dessen hat. Die Ausnahme dagegen denkt das Allgemeine mit energischer Leidenschaft. die Billigkeit oder eine Ausnahme von der allgemeinen Regel verdienen. das die Möglichkeit von etwas wie Theologie im allgemeinen begründet. .* 26 27 . Und wenn man das Allgemeine richtig studieren will. welcher vitalen Interessen die theologische Reflexion auch im 19. deswegen nicht völlig ohne Beziehung zur Norm ist. Die Norm wendet sich auf die Ausnahme an. daß Schmitt für seine Definition der Ausnahme sich auf das Werk eines Theologen beruft (der niemand anderes ist als Sören Kierkegaard). quae aequitatem sive exceptionem. ist die Bedingung der Möglichkeit selbst der Gültigkeit der Rechtsnorm und mit ihr der Sinn der Staatsautorität. wenn sie bloß in der Aufhebung der Norm besteht? K Vicos Opposition zwischen positivem Recht (ius theticum) und Ausnahme drückt die besondere Stellung der Ausnahme gut aus. herausgenommen (excaptum < excapere) und nicht einfach nur ausgeschlossen. sich von ihr zurückzieht. Letztere befindet sich dennoch nicht außerhalb der Theologie. nicht Recht zu haben braucht. Gewöhnlich merkt man die Schwierigkeit nicht. Sie ist ein Element im Recht. negiert und suspendiert die negative (oder mystische) Theologie mit ihrem »weder . die Regel lebt überhaupt nur von der Ausnahme. daß das. weil die Göttlichkeit negativ als das vorausgesetzt worden ist. . und (um es paradox zu formulieren) die Autorität beweist. hat es gesagt: ›Die Ausnahme erklärt das Allgemeine und sich selbst. qui beata memoria ius theticum sive summum et generale regularum tenet. Der Ausnahmefall offenbart das Wesen der staatlichen Autorität am klarsten. was ausgeschlossen wird. Auf die Länge wird man des ewigen Geredes vom Allgemeinen überdrüssig. sondern mit einer bequemen Oberflächlichkeit denkt. ist der Umstand. der Etymologie gemäß. wie sich die negative zur positiven Theologie verhält. indem sie sich von ihr abwendet. was zugleich ausgeschlossen wird.] Ein protestantischer Theologe. Sie ist ein Einzelfall. . ist oft bemerkt worden. promereant«. sondern eher von einem. Kap. sondern als Entscheidungsmonopol juristisch zu definieren ist. II).2. der aus der generellen Norm ausgeschlossen ist. In diesem Sinn ist die Ausnahme wirklich. . Kann man sie nicht erklären. deren das Recht für seine eigene Geltung bedarf. sed qui acri iudicio videt in causis ultimas factorum peristases seu circumstantias. Darin liegt das Wesen der staatlichen Souveränität. Nur deshalb. 19-21) Es ist kein Zufall. wobei das Wort >Entscheidung< in dem noch weiter zu entwickelnden allgemeinen Sinne gebraucht wird. Während diese Gott bestimmte Eigenschaften prädiziert. um Recht zu schaffen. Doch was ist das für eine »Situation«? Welches ist ihre Struktur. der mittels eines gesegneten Gedächtnisses das positive Recht oder die allgemeinen Regeln des Gesetzes meistert. Hier sondert sich die Entscheidung von der Rechtsnorm. doch gibt es im I »Daher wird die Rechtswissenschaft nicht von dem betrieben. s. . sie bestätigt nicht nur die Regel. . Die Ausnahme ist eine Art der Ausschließung. so kann man auch das Allgemeine nicht erklären. 1 De antiquissima. weil die Gültigkeit des positiven Rechts im Ausnahmezustand suspendiert ist. die aus ihrer Aufhebung hervorgeht. Sie verhält sich zum positiven Recht. die Ausnahme beweist alles. das über das positive Recht in Form seiner Aufhebung hinausgeht.<« (Schmitt 1. quibus lege universali eximantur. daß sie.« die Attribution jeglicher Prädikate. Durch den Ausnahmezustand »schafft und garantiert« der Souverän »die Situation«. Zwar hatte Giambattista Vico die Vorrangigkeit der Ausnahme in nicht allzu unähnlicher Weise als »letzte Konfiguration der Fakten« bestimmt (»Indidem iurisprudentia non censetur. [. es gibt Ausnahmen. Der Ausnahmezustand ist also nicht das der Ordnung vorausgehende Chaos. was außerhalb jedes möglichen Prädikats Bestand hat. [.Ganzes in ihrer Totalität. so schreiben Gilles De- man sich nur nach einer wirklichen Ausnahme umzusehen.] Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. Denn was Schmitt zufolge mit der souveränen Ausnahme in Frage steht. kann sie Subjekt einer Prädikation werden. der mit scharfem Urteil die Fälle betrachtet und die letzten Sachverhalte oder Umstände der Tatsachen zuerkennt. Jahrhundert fähig sein kann. Doch was die Ausnahme eigentlich kennzeichnet. sie bleibt im Gegenteil mit ihr in der Form der Aufhebung verbunden. . die also richtigerweise nicht als Zwangs. Er hat das Monopol dieser letzten Entscheidung. Das Normale beweist nichts. der bewiesen hat. welche dieser einen solch hohen Rang zuspricht. Sie legt alles viel deutlicher an den Tag als das Allgemeine selbst.

weil sie nur durch die Aufhebung der Norm geschaffen wird. 28 . Chaos und normaler Situation. 4 Im Original deutsch hinter »›presa del fuori<. und die Regel setzt sich als Regel. und dem. als ihn Schmitt beschreibt. auch wenn sie die Möglichkeit der Geltung des Rechts eröffnet. die sich der Regel entzieht.] kann« (Deleuze und Guattari.4 K Da es »keine Ordnung [gibt]. Ausnahme. Die äußerste Form der Beziehung. . was aus ihr ausgeschlossen ist. S. S. in dem die Festlegung einer gewissen Ordnung und eines bestimmten Territoriums erstmals möglich wird. welche die Struktur der Souveränität definiert. die etwas einzig durch seine Ausschließung einschließt. 5 Im Original deutsch hinter »localizzazione« beigefügt. das Schmitt formuliert. nennen wir AusnahmeBeziehung.2 Festlegung einer juridischen »Ordnung« und einer territorialen »Ortung«. mit einem Außen in Beziehung zu bleiben. ist jedoch noch komplexer. 29 Zur Übersetzung von »abbandonare« (verlassen) und Begriffsfeld vgl. spricht Maurice Blanchot vom Versuch der Gesellschaft. sondern dazwischen eine paradoxe Schwelle der Ununterschiedenheit errichtet. ist mithin noch komplexer. um sich auf etwas beziehen zu können. in der für Schmitt der souveräne »Nomos« besteht.l die sich nicht darauf beschränkt.3 sondern vor allem »Einnahme des Außen«. was außen. und im Zusammenhang mit der »großen Gefangenschaft« (le grand renfermement). das voraussetzen. . Faktisch ist sie deshalb nicht. welche‘ die Gültigkeit der Rechtsordnung ermöglichen. Das Besondere der Situation. Dies ist der letzte Sinn des Paradoxes. »um Recht zu schaffen. besteht nun darin. wenn er schreibt. in dem die juridisch-politische Ordnung überhaupt gelten kann. Die »Ordnung des Raumes «. 5 Der Nexus von Ortung und Ordnung. die Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft beschrieben hat. ist jedoch nicht nur »Landnahme«. 2 Im Original deutsch hinter »presa della terra« beigefügt. »herrscht nur über das. eingeschlossen werden. Als solcher ist er aber wesentlich unlokalisierbar (auch wenn ihm von Mal zu Mal definierte raumzeitliche Grenzen zugewiesen werden können). S. als vielmehr und zualI lererst um die Schaffung und Bestimmung des Raumes selbst. der Ausnahme stattgibt. was sie verinnerlichen [. von der aus Innen und Außen in jene komplexen topologischen Beziehungen treten. Die souveräne Entscheidung über die Ausnahme ist in diesem Sinn die originäre politisch-juridische Struktur. nicht Recht zu haben braucht«. auf diese Weise »bezeichnet es sich als außerhalb seiner selbst« (Blanchot. es wohnt ihm eine fundamentale Doppeldeutigkeit inne. 3 Im Original deutsch hinter (ordine) »guridico« und »territoriale« beigefügt. was außerhalb der Beziehung ist (das Beziehungslose). was es überschreitet. das »Außen einzuschließen« (enfermer le dehors). Denn eine Norm muß. was innen ist. dann verinnerlicht es das. die als Prinzip der unendlichen Verschiebung letzten Endes gegen 1 Im Original deutsch beigefügt. 48). es ist die Regel. indem sie sich aufhebt. Erfährt das System eine Überschreitung. sie verläßt. Die Ausnahme. Hier wird das. sie zieht dazwischen eine Schwelle (den Ausnahmezustand). aber aus demselben Grund ist sie ebensowenig ein juristischer Tatbestand. daß die souveräne Entscheidung. indem sie mit der Ausnahme in Beziehung bleibt. was in der Ordnung eingeschlossen und das. eccezione« beigefügt. von der aus das. Denn bei der souveränen Ausnahme geht es nicht so sehr darum. erst seine Bedeutung gewinnt. nicht einfach mittels eines Verbots oder einer Internierung eingeschlossen.leuze und Felix Guattari. zwischen normaler Situation und Chaos zu unterscheiden. daß sie weder als faktische noch als rechtliche Situation bestimmt werden kann. was draußen ist. und trotzdem auf diese Weise eine Beziehung damit herstellen. eine Überschreitung zu kontrollieren oder zu neutralisieren. die auf ein Chaos anwendbar wäre«.6 der den »Nomos der Erde« konstituiert (Schmitt 2. Sie ist in diesem Sinn die fundamentale »Ortung«. zwischen dem. das heißt eine »Innerlichkeit der Erwartung oder der Ausnahme« einzurichten. 494). 6 Im Original deutsch hinter »ordinamento« beigefügt. muß dieses zuerst durch Schaffung einer Zone der Ununterschiedenheit zwischen Innen und Außen. die. Die Ausnahmebeziehung führt so einfach die originäre formale Struktur der Rechtsbeziehung vor. Die besondere »Kraft« des Gesetzes rührt von dieser Fähigkeit her. daß sich die 0 r d nung von der Ausnahme zurückzieht. hier und später die grundsätzliche Anmerkung am Ende des Bandes. eine nicht zu lokalisierende Zone der Ununterschiedenheit oder der Ausnahme. das heißt indem zugelassen wird.1 Es ist nicht die Ausnahme. mittels eines Verbots. das heißt des Ausnahmezustandes. In seiner archetypischen Form ist der Ausnahmezustand das Prinzip jeglicher juridischen Lokalisierung. denn nur in ihm öffnet sich der Raum. sondern indem die Gültigkeit der Ordnung aufgehoben wird. die im Ausnahmezustand geschaffen wird. 292).

528f. sondern als souveräne Gewalt im Ausnahmezustand). so setzt das Gesetz das Nichtrechtliche (zum Beispiel die schiere Gewalt als Naturzustand) als das voraus. Man nehme den Fall des grammatikalischen Exempels (Milner. Doch während die Ausnahme. Das zeigt unter anderem die Tatsache. der dieser originären Struktur des Nomos entspricht. das Sprachliche vom Nichtsprachlichen und erlaubt. schreibt Hegel in der Phänomenologie des Geistes. und nicht das Gefängnis. Wie nur die souveräne Entscheidung über den Ausnahmezustand den Raum gibt. 1. die Foucault von Wahnsinn und Gesellschaft bis überwachen und Strafen gezogen hat.ihn selbst agiert. Die souveräne Ausnahme (als Zone der Ununterschiedenheit zwischen Natur und Recht) ist die Vor30 1. funktioniert das Beispiel als ausschließende Einschließung. daß eine einzelne Aussage. der die Krise des alten »Nomos der Erde« geprägt hat. sondern bloß einen besonderen Bereich des Strafrechts bildet. So wie ein Wort im tatsächlichen Vollzug der Rede die Macht. die sich in nichts von den anderen Fällen ihrer Art unterscheidet. das einzuschließen. als es zu ihnen gehört.3. S. Wenn man als Bei31 . der in einem permanenten Ausnahmezustand erklärt. genannt zu werden. Hier zeigt die Sphäre des Rechts ihre Wesensnähe zu jener der Sprache. in dem die Grenzen zwischen dem Innen und dem Außen gezogen und bestimmte Normen bestimmten Gebieten zugewiesen werden können. mittels deren eine Menge die eigene Kohärenz herzustellen und zu erhalten sucht. S. K Hegel war der erste. im Gegenteil muß die Norm. so kann auch eine Norm sich nur deshalb auf einen Einzelfall beziehen. aufgrund dieser Struktur ist die Sprache zugleich außerhalb und innerhalb ihrer selbst. wie wir gesehen haben. indem sie sich aus jedem konkreten Redevollzug zurückzieht. daß das Strafvollzugsrecht nicht außerhalb der normalen Rechtsordnung liegt. Aus dieser Perspektive steht die Ausnahme in einer symmetrischen Position zum Beispiel und bildet ein System mit ihm. »worin die Innerlichkeit ebenso äußerlich als die Äußerlichkeit innerlich ist. diesem Unlokalisierbaren eine dauerhafte sichtbare Lokalisierung zu verleihen. . daß gerade der Ausnahmezustand als fundamentale politische Struktur in unserer Zeit immer mehr in den Vordergrund rückt und letztlich zur Regel zu werden droht. von diesen gerade insofern isoliert wird. unabhängig vom Einzelfall gelten. wie wir noch sehen werden. den bezeichnenden Reden Bereiche zu öffnen. Das Lager als absoluter Ausnahmeraum ist topologisch verschieden von einem einfachen Haftraum. »Das vollkommene Element«. oder genauer eines grammatikalischen Spiels. Die eigentümliche Struktur des Rechts hat ihr Fundament in dieser voraussetzenden Struktur der menschlichen Sprache. dem ein Ding aufgrund der Tatsache. im nämlichen Beispiel. Bedeutung hat (das heißt als langue im Unterschied zu parole. die Analyse des Lagers in jene Bahnen einzuschreiben. endgültig. womit sie im Ausnahmezustand potentiell verbunden bleibt. Ausnahme und Beispiel sind die beiden Modi. mit dem sie in virtueller Beziehung bleiben muß (in Form einer langue. Als man in unserer Zeit versucht hat. als Wort in seinem schieren lexikalischen Bestand. was ausgestoßen wird). die Tötung eines Menschen nicht als natürliche Gewalt. daß es kein Außerhalb der Sprache gibt. in der Sprache zu sein. die den Mord verbietet) ist als vorausgesetzte Ausnahme die reine und unsanktionierbare Figur des Tatbestandes eingeschrieben. unterworfen ist. nur insofern erlangt. der im Normalfall die Normübertretung erfüllt (wie. einen Ausschnitt der Wirklichkeit zu bezeichnen. ist [. 176): Das Paradox besteht hier darin. wenn es selbst nicht bezeichnet. so teilt nur die Sprache als reine Potenz der Bezeichnung. kam das Konzentrationslager heraus. in der Aufhebung jeglichen aktuellen Bezugs. weil sie in der souveränen Ausnahme als reine Potenz gilt. Die Sprache ist der Souverän.). In jeder Norm. einer Rede. deren aktuelle Bezeichnung unbestimmt in der Schwebe gehalten wird).4. Deshalb ist es nicht möglich.] die Sprache« (Hegel. etwa in einem Prozeß oder im Vollzug. Die Gültigkeit einer Rechtsnorm stimmt nicht mit ihrer Anwendung auf den einzelnen Fall. Sprechen ist in diesem Sinn immer ius dicere. in denen bestimmten Worten bestimmte Bedeutungen entsprechen. unabhängig von seinem konkreten Einsatz in der Rede). der diese voraussetzende Struktur der Sprache bis ins Innerste verstanden hat. die etwas gebietet oder verbietet (zum Beispiel in der Norm.. ist der Raum. Sie formuliert das Band der einschließenden Ausschließung. um es dann im Vollzug der Rede bezeichnen zu können. überein. und das Unmittelbare (das Nichtsprachliche) stellt sich als nichts anderes als eine Voraussetzung der Sprache heraus. Das Lager. Und so wie die Sprache das Nichtsprachliche als dasjenige voraussetzt. Und in diesem Ausnahmeraum zerreißt der Nexus zwischen Ortung und Ordnung. als es auch. aussetzung der juridischen Referenz in der Form ihrer Aufhebung. unter der das Lager steht. daß Sprache stets jenseits ihrer selbst ist. gerade weil sie allgemein ist. während die juristische Konstellation. eine einschließende Ausschließung ist (also dazu dient. Eine der Thesen dieser Untersuchung ist die. das Kriegsrecht und der Belagerungszustand ist.

44. sondern manifestiert einen Widerstreit zwischen zwei juristischen Erfordernissen. 74: »Exceptio dicta est quasi quaedem exclusio. eadem littera spicam exprimere non valens. und eben nicht als Beispiel. interrogabant eum: dic ergo Scibbolet. und dem. wenn es keinen Vorsatz gab). die gewöhnlich einer Klage entgegengehalten wird. die Struktur der souveränen Macht angesichts der Grausamkeit ihrer faktischen Implikationen mittels zweier harmloser grammatikalischer Kategorien zu definieren. in jedem logischen wie in jedem sozialen System. wenn es darum geht. zwischen Fremdheit und Vertrautheit. In jedem Fall (das zeigt der Disput zwischen Anomalisten und Analogisten unter den antiken Grammatikern) sind Ausnahme und Beispiel korrelierte Begriffe. daß sie von ihnen verlangen. Und so wie die Zugehörigkeit zu einer Klasse nur durch ein Beispiel erwiesen werden kann. welche die Prozeßformel zwischen die intentio und die condemnatio einfügt und mittels deren die Verurteilung des Beklagten von der Nichtexistenz der von ihm zur Verteidigung vorgebrachten Tatsache abhängt (zum Beispiel: si in ea re nihil malo A. Das Beispiel ist aus dem Normalfall nicht deshalb ausgeschlossen. weil es nicht dazugehörte. als exemplarischer Fall aus ihr heraus (im Fall eines linguistischen Syntagmas zeigt es das eigene Bedeuten und hebt auf diese Weise die Bedeutung auf). was außerhalb des Rechts ist. quod interpretatur spica. (Es wundert daher nicht.t. ob die Regel auf das Beispiel angewandt wird. kann es einerseits nicht wie in einem normalen Kontext verstanden werden. die letztlich ununterscheidbar werden und jedesmal ins Spiel kommen. das Wort »Schibbolet« zu sagen. weil sie nicht dazugehört. Es mag unangemessen erscheinen. das heißt das vom Prätor eingeführte Recht mit dem Zweck. das bei einem Urteil die Schlüssigkeit der vom Kläger geltend gemachten Gründe neutralisieren kann. Der Mechanismus der Ausnahme ist anders. denn man wendet die Regel nur auf das Beispiel als Normalfall an.) I 2 »Ausnahme heißt eigentlich gewissermaßen eine Ausschließung. Qui respondebat: sibbolet. dadurch erkennen. den Sinn selbst der Zugehörigkeit der einzelnen. die exzessive Allgemeinheit der zivilrechtlichen Normen zu mäßigen. was »sich daneben zeigt<<. Es ist tatsächlich paradeigma im etymologischen Wortsinn. falls die normale Anwendung des ius civile sich als ungerechtfertigt herausstellen sollte.2 das heißt. der im römischen Recht auf die Gegenüberstellung zwischen ius civile und ius honorarium verweist. Dennoch gibt es einen Fall. sondern weil es seine Zugehörigkeit zur Schau stellt. Die souveräne Ausnahme geht darüber hinaus: Sie verschiebt den Widerstreit zwischen zwei juristischen Erfordernissen in ein Grenzverhältnis zwischen dem. so ist die Antwort nicht einfach.1. So komplex gestaltet sich. um das auszuschließen. ist seine Zugehörigkeit zu einer Klasse. nur nicht das eigene Paradigma. Wenn man nun fragt. den Sinn ihrer Gemeinschaftsbildung zu definieren. Die Römer sahen darin eine Form der gegen die Anwendung des ius civile gerichteten Ausschließung (Dig. aber genau darum fällt es im selben Moment. in dem der Entscheidungscharakter des linguistischen Beispiels und seine Grenzverschmelzung mit der Ausnahme eine offenkundige Implikation mit der Macht über Leben und Tod aufweisen. eine Klasse kann alles beinhalten. Ulp. als es dazugehört. was Gegenstand der klägerischen Forderung und der Verurteilung ist. um als Beispiel fungieren zu können. Was das Exempel zeigt. quod in intentionem condemnationemve deductum est«‘). Statimque apprehensum ingulabant in ipso Jordanis transitu«). In diesem Sinn ist die exceptio nicht vollständig außerhalb der Rechts.6.« *Wenn in dieser Angelegenheit in Folge von Arglist des Aulus Agerius weder etwas geschehen ist noch geschieht«. K Die exceptio des römischen Prozeßrechts gibt diese besondere Struktur der Ausnahme gut zu erkennen. die sich über den Jordan in Sicherheit zu bringen versuchen. Der technische Ausdruck verleiht der exceptio den Charakter einer negativen Bedingungsklausel. Im Schibbolet vermischen sich Beispiel und Ausnahme: Es ist eine beispielhafte Ausnahme oder ein Beispiel. ist die Ausnahme gerade deswegen in den Normalfall eingeschlossen. das als Ausnahme gilt. so kann die Nichtzugehörigkeit nur in ihrem Innern erwiesen werden. Während das Beispiel von der Menge insofern ausgeschlossen wird. das heißt außerhalb der Klasse. das Verhältnis zwischen dem Drinnen und dem Draußen. das die Ephraimiter aber als *Sibbolet* aussprechen (»Dicebant ei Galaaditae: numquid Ephrataeus es? Quo dicente: non sum. quae opponi actioni solet ad excludendum id. Auf diese Weise ist der Ausnahmefall aus der Anwendung des ius civile ausgeschlossen. daß man im Ausnahmezustand gerne auf exemplarische Strafen zurückgreift. ohne daß allerdings die Zugehörigkeit des Sachverhaltes zum normativen Tatbestand in Frage gestellt wäre. andererseits aber muß es wie eine reale Aussage behandelt werden. Es handelt sich um die Episode im Buch der Richter 12. Sie ist ein Verteidigungsinstrument des Beklagten. das. 33 . da es diese zur Schau stellt. in der die Gileaditer die flüchtenden Ephraimiter. das heißt mit einer Ausnahme. Agerii factum rit neque fiat. was innerhalb.spiel eines performativen Sprechakts das Syntagma » I c h liebe dich« ausspricht.

wenn es als ein Glied präsentiert und gezählt wird (in politischen Begriffen sind das die einzelnen Individuen. wenn es zugleich präsentiert und repräsentiert wird (das heißt dazugehört und eingeschlossen ist). In der Mengenlehre unterscheidet man zwischen Zugehörigkeit und Einschließung. daß es über die Denotation hinaus einen uneinholbaren Überschuß an Bedeutung gibt. Was in dieser Grenzfigur hervortritt. auch der Struktur der Ausnahme. zwischen dem. in der die Struktur der Situation ihrerseits als ein Glied gezählt wird (das sind die Individuen. 95 -1 I r ). ist die radikale Krise jeglicher Möglichkeit. Badiou definiert ein Glied dann als normal. Tatsächlich entspricht seine zentrale Kategorie. Dem Theorem des Überschreitungspunktes entspricht dann die Tatsache. N Badious Denken ist so gesehen ein rigoroses Denken der Ausnahme. daß alle ihre Glieder Teil der Menge sind (man sagt dann. um sie in politische Begriffe zu übersetzen. oder umgekehrt eingeschlossen sein. daß sie im dritten Fall enthalten ist und somit eine Form der Zugehörigkeit ohne Einschließung darstellt. 5. jedoch nicht dazugehört). indem sie sie verläßt [abbandonandoli]. indem sie sich von ihnen in eine reine kzngue (den lingui35 I Auswuchs. Die souveräne Ausnahme ist mithin die Figur. daß ein Glied zu einer Situation dazugehört.I . Unser gegenwärtiges Denken sieht sich in allen Bereichen mit der Struktur der Ausnahme konfrontiert. Die Ausnahme drückt gerade diese Unmöglichkeit eines Systems aus. Sie fügt in Badious Schema eine vierte Figur ein. als singulär schließlich ein Glied. Alain Badiou hat diese Unterscheidung entwickelt. was draußen. 39) und in l?mile Benvenistes Lehre von der irreduziblen Opposition zwischen Semiotischem und Semantischem. Daß ein Glied in eine Situation eingeschlossen ist. 34 . Genau um diesen Überschuß geht es in Claude Lévi-Strauss’ Theorie von der konstitutiven Überschreitung des Signifikanten gegenüber dem Signifikat (. das Ereignis. dazwischen eine Zone der Ununterschiedenheit einzurichten. ohne in sie eingeschlossen zu sein (die Zugehörigkeit als Grundbegriff der Mengenlehre. deutlich zwischen Zugehörigkeit und Einschließung. die Bedeutung mit der Denotation zur Deckung zu bringen. Was auf keinen Fall eingeschlossen werden kann. Lévi-Strauss. zu dem sie gehört. insofern sie unrepräsentierbar ist. Wucherung. zwischen Ausnahme und Norm zu unterscheiden. insofern sie vom Staat in Klassen neu gefaßt werden. daß ein Wort immer mehr Bedeutung birgt. was drinnen ist. eine Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Exkreszenz (Repräsentation ohne Präsentation) und Singularität (Präsentation ohne Repräsentation). vor allem medizinisch gebraucht. ohne dazuzugehören. daß er das einschließt. Darum erscheint dem Staat das Ereignis zwangsläufig als Exkreszenz. daß b eine Untermenge von a ist. lautet: b E a). daß es einen Überfluß von Signifikanten gibt im Verhältnis zu den Signifikaten. in der die Singularität als solche repräsentiert ist. als Exkreszenz’ dagegen ein Glied. Darüber hinaus kennzeichnet das Verhältnis zwischen Zugehörigkeit und Einschließung nach Badiou eine fundamentale Inadäquatheit. das heißt. sagt man hingegen. und schreibt: b C a). Was wird aus der souveränen Ausnahme in diesem Schema? Auf den ersten Blick könnte man denken. die Einschließung mit der Zugehörigkeit in Übereinstimmung zu bringen. S. wenn es in der Metastruktur (dem Staat) repräsentiert wird. daß seine Zugehörigkeit zu ihr in der Perspektive der Situation selbst Unentscheidbar ist. als es im Akt der Denotation bezeichnen kann. Die Behauptung der Souveränität der Sprache bestünde dann im Versuch. So kann man sagen. die nur für den göttlichen Verstand auflösbar ist und die daraus resultiert. daß er sich auf die Ausnahme anwendet.Zwischen beiden besteht immer eine Inadäquatheit. und dem. Er bestimmt das Ereignis als Element einer Situation derart. das präsentiert. Unter dem Blickwinkel der Sprache kann man die Einschließung der Bedeutung und die Zugehörigkeit der Denotation zuordnen. Und so verhält es sich bestimmt aus Badious Sicht. aufgrund deren die Einschließung die Zugehörigkeit immer überschreitet (Theorem des Überschreitungspunktes). wird in der Form der Ausnahme eingeschlossen. was außerhalb seiner liegt. welche es besetzen kann<. Er läßt die Zugehörigkeit der Präsentation und die Einschließung der Repräsentation (Re-Präsentation) entsprechen. was nicht in das Ganze eingeschlossen werden kann. aber nicht repräsentiert wird (das dazugehört. ohne eingeschlossen zu sein) (Badiou.Wähler«). Sie ist dasjenige. indem er sich von ihr abwendet. und nicht zu der Menge gehören kann. aber nicht präsentiert wird (also in eine Situation eingeschlossen ist. zum Beispiel als . das repräsentiert. Aber die Eigentümlichkeit des souveränen Anspruchs besteht eben darin. in die sie schon immer eingeschlossen ist. S. Aber ein Glied kann auch zu einer Menge gehören. insofern sie zu einer Gesellschaft gehören). eine Art von paradoxer Einschließung der Zugehörigkeit selbst. alle ihre Teile auf eine Einheit zu reduzieren. in der die Sprache mit ihren denotata in Beziehung bleibt. wenn ein Glied in dem Sinn Teil einer Menge ist. Eine Einschließung liegt vor.

Dies ist auch der letzte Grund der . um den Einfall des »wirklichen Lebens«. das in der Ausnahme »die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik« »durchbricht« (Schmitt I. sondern über die ursprüngliche Einbeziehung des Lebewesens in die Sphäre des Rechts oder. Wenn das Recht ursprünglich die Form einer lex talionis (talio geht vielleicht auf talis zurück: »die Sache als solche«) hat.] überhaupt nur von der Ausnahme« »lebt«. sondern sich eher mittels der Wiederholung derselben Handlung ohne jede Sanktion konstituiert. ins Recht einbezogen ist. mit Schmitts Worten. weil es befiehlt oder vorschreibt. Das Leben. wenn sie die Unentscheidbarkeiten in der unendlichen Überschreitung über jede effektive Möglichkeit des Signifikats stellt. buchstäblich genommen werden. Die originäre Struktur der Norm ist aus diesem Grund . deren das Gesetz bedarf. tab. die ihn beseelt und ihm Sinn verleiht. sondern im ursprünglichen Sinn eines In-der-Schuld-Seins: in culpa esse). I 5). sondern die Beziehung selbst zwischen Rechtlichem und Faktischem.’ Festus 496. sondern um etwas. das beißt auf die Bestimmung des Zulässigen oder Unzulässigen. welche die souveräne Entscheidung über die Ausnahme kennzeichnet. Die Schuld bezieht sich nicht auf die Überschreitung. das bedeutet eben. a u f den einfachen Umstand. e. durch eine Ausschließung eingeschlossen zu werden. ni cum eo pacit. eine Schwelle.g. in die »normale Gestaltung der Lebensverhältnisse«.’ hier wird ein Faktum durch seine Ausschließung in die Rechtsordnung eingeschlossen. mit etwas in Beziehung zu stehen. die sie als Begriff im Strafrecht hat. und diese Schwelle ist der Ort der Souveränität. daß »die Regel [. Die Chiffre dieser Hereinnahme des Lebens ins Recht ist nicht die Sanktion (die keineswegs ein ausschließliches Merkmal der Rechtsnorm ist). Die Entscheidung betrifft weder eine quaestio iuris noch eine quaestiofacti. wo sich das Leben zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung befindet. das allen anderen hierarchisch übergeordnet ist. wie Schmitt zu meinen scheint. in dem Faktum und Recht ununterscheidbar sind (und dennoch darüber entschieden werden muß). es ist nicht deswegen »Norm« (im eigentlichen Sinn von »Winkelmaß«). Das Recht lebt von nichts anderem als dem Leben. wovon man ausgeschlossen ist oder das man nicht vollständig annehmen kann.« 37 . Fest. Das Recht besitzt normativen Charakter.jeder Moral fremden . hat die Form des Ausnahmezustandes. 21). Es geht hier nicht nur.6. sondern insofern es vor allem den Bereich der eigenen Referenz im wirklichen Leben schaffen und diese Referenz normalisieren muß. I . sondern vollzieht die Einschließung in die Rechtsordnung. Diese Unmöglichkeit zu entscheiden. Deshalb muß die Behauptung. soll ihm das gleiche geschehen« (Duod. Die »souveräne« Struktur des Gesetzes. daß sich das Gesetz auf etwas bezieht.stischen »Ausnahmezustand«) zurückzieht. Das tut die Dekonstruktion.. sondern a u f die reine Geltung des Gesetzes. das I Si membrum rupsit.juridischen Maxime. Es gibt da eine Grenzfigur des Lebens. . ob die Schuld die Norm begründet oder die Norm die Schuld setzt. sondern stellt die Einschreibung der Äußerlichkeit in den Körper des nomos dar. daß Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. dann bedeutet das. das es durch die einschließende Ausschließung der exceptio in sich hineinzunehmen vermag: Es nährt sich davon und ist ohne es toter Buchstabe. setzt die Gewalt als ursprüngliche Rechtshandlung (permittit enim lexparem vindictam. das die innerste Natur des Gesetzes betrifft. Deshalb nimmt die Souveränität bei Schmitt die Form einer Entscheidung über die Ausnahme an. wirft ein klares Licht auf die Ununterscheidbarkeit zwischen Außen und Innen. 36 heißt als Ausnahmefall. daß die Rechtsordnung nicht einfach mit der Sanktion einer Überschreitung steht. e. und die Überschreitung scheint dem zulässigen Fall vorauszugehen und ihn zu bestimmen. Leben und Recht. seine eigentümliche und ursprüngliche »Kraft«. Die Entscheidung ist hier nicht Ausdruck des Willens eines Subjekts. dann (juristische Konsequenz.: talio esto)«. sondern die Schuld (nicht in dem technischen Sinn.: si membrum rupsit). talio esto: »Wenn er einem ein Glied bricht und sich nicht mit ihm vergleicht. kann dies letztlich nur durch die Voraussetzung seiner einschließen. In diesem Sinn hat das Recht »kein Dasein für sich. nur in der exceptio sein. S. ap. Der Souverän entscheidet nicht über das Zulässige und das Unzulässige.). das auf diese Weise ob-ligat gemacht. den Ausschließung. g. . I »Denn das Gesetz erlaubt gleichwertige Rache.insofern sie also die Bedingungen der Referenz festlegt und zugleich voraussetzt stets folgenden Typs: »Wenn (realer Sachverhalt. Dieser ist keine Bestrafung der ersten Handlung.

frei«. das heißt ausgestellt und ausgesetzt auf der Schwelle. Denn die Schuld ist (entgegen dem alten rechtlichen Sprichwort. mit Schmitts Auffassung genau übereinstimmt . Die unüberbietbare Potenz des nomos. ausgeliefert« [alla merci di] sowie »aus freien Stücken. Bann (das alte germanische Wort bezeichnet sowohl den Ausschluß aus der Gemeinschaft als auch den Befehl und das Banner des Souveräns). »öffentlicher.7. die Potenz. Was an dieser Studie sofort auffällt. a bandono« ursprünglich »der Gnade überlassen. um sie gegebenenfalls erneut in Frage zu stellen. ist die Entschiedenheit. was sich jedem bewußten Willen entzieht) als das Prinzip vor. Diese Potenz (im eigentlichen Sinn der aristotelischen dynamis. daß er das Leben in seinem Bann hält. I K Der Bann ist eine Beziehungsform. der ungebührlich auf die ethisch-religiöse Sphäre übertragen wurde. nennen wir. Eine analoge Konvergenz liegt bezüglich des Charakters vor. wenn sie keinen positiven Inhalt hat und sich die Glieder gegenseitig auszuschließen (und zugleich einzuschließen) scheinen? Welche Gesetzesform druckt sich darin aus? Der Bann ist 39 38 .. « Deshalb kann auch das Paradox der Souveränität die Form annehmen: »Es gibt kein Außerhalb des Gesetzes«. indem er es verläßt. S. schreibt er. Außen und Innen verschwimmen. ob er außerhalb oder innerhalb der Ordnung ist (aus diesem Grund bedeuten im Italienischen »in bando. dann ist die Souveränität weder ein ausschließlich politischer noch ein ausschließlich juridischer Begriff. man kann es als wahren »bösen Willen« qualifizieren. sich im eigenen Entzug zu unterhalten. es gebe »keine Schuld ohne Norm«) vornehmlich ein »Vorgang des Innenlebens*. d a ß seine Definition der Schuld als ursprünglicher Rechtsbegriff. Bei Benjamin stellt sich aber gerade dieses Element (der Charakter als das. sondern die Verlassenheit[l’Abbandono]. Ihre Entscheidung ist die Position eines Unentscheidbaren. und »bandito« meint sowohl »ausgeschlossen. Denn Benjamin geht es gerade darum. wo Leben und Recht. etwa in den Wendungen »mensa bandita«. das den Menschen von der Schuld zu erlösen und seine natürliche Unschuld zu erweisen vermag. nomos und physis. Wenn die Ausnahme die Struktur der Souveränität ist. und »a redina bandita«. um ihn dagegen mit Ausdrucken zu charakterisieren. 92). Die souveräne Entscheidung zieht und erneuert von Mal zu Mal diese Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Außen und Innen. das ironisch behauptet. der »in der den Zwekken des Rechtes nicht entsprechenden Zwecksetzung« besteht (ebd. sondern lediglich die zügelnde Kraft einer souveränen Macht (kat~chon). Doch um was für eine Beziehung handelt es sich eigentlich. das heißt etwas wesentlich »Innersubjektives« (Schmitt 3. Hervorhebung durch den Übersetzer. daß die erste Arbeit Schmitts ganz der Definition des rechtlichen Begriffs der Schuld gewidmet ist. sich in der Abwendung anzuwenden. Diese Struktur des Banns gilt es hier zu verstehen. Tatsächlich ist der Verbannte ja nicht einfach außerhalb des Gesetzes gestellt und von diesem unbeachtet gelassen. Die Ausnahmebeziehung ist eine Beziehung des Banns. nicht mit einem esse zu tun«. sondern von ihm verlassen [abbundonato]. reich gedeckter Tisch«. als er Schicksal und Charakter und Zur Kritik der Gewalt schrieb.sein Wesen vielmehr ist das Leben der Menschen selbst« (Savigny). freiwillig« [a proprio talento]. Ausschließung und Einschließung. mit welcher der Verfasser jede technisch-formale Definition des Schuldbegriffs ablehnt. seine originäre »Gesetzeskraft«. besteht darin. in der sich das Gesetz auf das Leben bezieht und es durch die eigene Aufhebung in sich einschließt. Es läßt sich nicht sagen. 46). I . »hat es also mit einem operari. welche die Herrschaft des Antichristen bestenfalls hinauszögern kann. Schmitt unterscheidet wie Benjamin klar zwischen Schuld und Charakter (der »Begriff der Strafschuld«. die immer auch dynamis rn$ energein ist. ebd. S. »mit losgelassenen Zügeln«). Von ihm läßt sich in einem buchstäblichen Sinn nicht sagen. die Stufe der dämonischen Existenz. ob Benjamin diesen Text kannte. zu überwinden und den Menschen von der Schuld zu befreien (was nichts anderes als die Einschreibung des natürlichen Lebens in die Ordnung des Rechts und des Schicksals ist). S. Die originäre Beziehung des Gesetzes mit dem Leben ist nicht die Anwendung. weder eine dem Gesetz äußerliche Potenz (Schmitt) noch die höchste Norm der Rechtsordnung (Hans Kelsen): Sie ist die originäre Struktur.auch wenn sie entschlossen eine andere Richtung einschlägt. nicht zum Akt überzugehen) des Gesetzes. unbestreitbar ist jedoch.28). Dagegen steht im Mittelpunkt von Schmitts Einforderung des rechtlichen Charakters und der zentralen Bedeutung der Schuld nicht die Freiheit des ethischen Menschen. die auf den ersten Blick eher moralisch als juridisch erscheinen. )J Es ist kein Zufall.. deren Residuum das Recht ist. wo das Leben in ursprünglicher Weise im’ Recht ausgenommen wird. verbannt« als auch »für alle offen. I 8 . einem Hinweis von Jean-Luc Nancy folgend.

dem Fragment. . sind. der König aller / Sterblichen wie Unsterblichen. das Gewaltsamste / mit höchster Hand.daran läßt der Bezug auf Herakles’ Diebstahl keinen Zweifel . Die Bedeutung des Fragments klärt. daß der Dichter .die Souveränität des n&zos durch eine Rechtfertigung der Gewalt bestimmt. / lenkt. die »mit höchster Hand« die paradoxe Vereinigung der beiden Gegenkräfte bewerkstelligt (wenn man in diesem Sinn unter »Rätsel« die aristotelische Definition von ainigma als »Verbindung von Gegensätzen« versteht. wenn man begreift. 2. so enthält das Fragment wirklich ein Rätsel). ist die Souveränität des Gesetzes in einer derart dunklen und doppeldeutigen Dimension angesiedelt. ob das Politische nicht vielleicht jenseits der Beziehung. Eine Kritik des Banns muß also notwendigerweise die Beziehungsform selbst zum Problem erheben und fragen. Der Grundsatz. Nomos basileus 2. das heißt die einfache Setzung einer Beziehung mit dem Beziehungslosen. sich also nur. Seit der ältesten überlieferten Formulierung dieses Grundsatzes. 1 Das Rätsel besteht nicht so sehr darin. S. Hier also der Text des Fragments in der Rekonstruktion Boeckhs: Nomos ho phztön basileh tbnat& te kai athatitön Ölgei dikaih th biaihzton hypertitai cbeivi. welche für die Griechen Biu und D&c. das heißt nicht mehr in der Form eines Verhältnisses gedacht werden kann. nach dem die Souveränität zum Gesetz gehört und der von unserer heutigen Auffassung von Demokratie und Rechtsstaat nicht zu trennen zu sein scheint.1. tekmairomai hgoisin H%ak&os. I »Nomos. daß es in seinem Zentrum eine skandalöse Zusammenfügung jener beiden antithetischen Prinzipien schlechthin birgt. 1 19). Nomos ist die Macht. räumt das Paradox der Souveränität keineswegs aus. Gewalt und Gerechtigkeit. Ich beweise es / durch Herakles’ Taten. 169 von Pindar. Recht setzend. sondern treibt es im Gegenteil auf die Spitze. daß man diesbezüglich mit gutem Grund von einem »Rätsel« gesprochen hat (Ehrenberg. entscheidend ist vielmehr. d& mehrere Interpretationen des Fragments möglich sind.die reine Form des Sich-auf-etwas-Beziehens im allgemeinen.« Der Text ist umstritten. In diesem Sinn ist sie mit der Grenzform der Beziehung identisch.

»verwirrt seine Deutung der Pindar-Stelle (Hellingrath V 277) dadurch. tierische und menschliche Welt trennt. in die Ununterscheidbarkeit drängt. 1. die Schwelle. ihret selber wegen. sondern auf den »höchsten Erkenntnißgrund« (ebd. 42) Schmitt mißversteht hier die Absicht des Dichters völlig. präzisiert er andererseits sorgfältig. Aber den Menschen gab er das Recht [di&] bei weitem als bestes Gut. Mit einer für seine letzten Übersetzungen so charakteristischen Korrektur verschiebt Hölderlin ein politisch-juridisches Problem (die Souveränität des Gesetzes als Ununterscheidbarkeit von Recht und Gewalt) in die Sphäre der Erkenntnistheorie (die Mittelbarkeit als Macht der Unterscheidung). »Aber auch Hölderlin«. Der Mensch. S. obwohl er weiß. 42 . x I n F r i e d r i c h Hölderlins kommentierter Übertragung von Pindars Fragmenten (von Friedrich Beißner auf 1803 datiert) lautet das besagte Fragment wie folgt (Hölderlin hatte aller Wahrscheinlichkeit nach einen im Sinne von Platons Gorgias. daß der Ausdruck »König« sich hier nicht auf eine »höchste Macht« bezieht. 274. indem es sie verbindet. dann wurde die spezifische »Kraft« des Gesetzes bereits im sechsten Jahrhundert genau in der »Verknüpfung« von Gewalt und Gerechtigkeit erkannt (krd’tei / nomou b& te kai diken synharmhas: i »durch Kraft des n&nos habe ich Gewalt und Recht verknüpft«. muß auch verschiedene Welten unterscheiden. In seinem Kommentar bestimmt Hölderlin den n&nos (den er vom Recht abgrenzt) als »strenge Mittelbarkeit«: »Das Unmittelbare. auf der Gewalt in Recht und Recht in Gewalt übergeht. Romilly.« (Hölderlin. 484 b. aber auch wenn man homou statt n6mou liest. 285) Wenn Hölderlin (wie Schmitt) einerseits im nomos basileh ein Prinzip sieht. Schmitt kritisiert Hölderlins Interpretation des Fragments im Namen seiner Theorie von der konstitutiven Superiorität des n6mos über das Gesetz (im Sinne einer konventionellen Setzung). Bei Pindar aber .280) Bei Hesiod ist der n6mos immerhin die Macht. weil himmlische Güte. »das Gerechteste erzwingend« oder: »dem Gerechtesten Gewalt antuend«): DAS HÖCHSTE Das Gesetz. seiner Natur gemäß. Der Nomos im ursprünglichen Sinne aber ist grade die volle Unmittelbarkeit einer nicht durch Gesetze vermittelten Rechtskraft. emendierten Text vorliegen: biaiön t6 dikaiataton. Vers 274 . als Erkennendes. daß er das Wort Nomos im Deutschen mit >Gesetz< wiedergibt und auf den Irrweg dieses Unglückswortes lenkt. bleibt der zentrale Gedanke derselbe. heilig seyn muß. du aber laß dir davon das Herz nun bewegen: Höre du jetzt auf das Recht [d&?s ep&oue] und schlag die Gewalt aus dem Sinn dir [l&s d’ep.Wenn man im Fragment 24 von Solon k?rdtei n6mou lesen muf3 (wie das die meisten Forscher tun).« (Schmitt 2. das höher steht als das einfache Recht. wenn Solon von seiner Handlung als Gesetzgeber spricht. daß das Gesetz die strenge Mittelbarkeit ist. das Recht und Gewalt. Sterblichen und Unsterblichen.diesen mochte Pindar im Sinn gehabt haben .und das ist der Knoten. die Gewalt und Recht. das alle folgenden Definitionen der Souveränität lenkt: Der Souverän ist der Punkt der Ununterschiedenheit zwischen Gewalt und Recht. weil unter ihnen kein Recht ist. welche die Erkenntnis begründet. weil Erkentniß nur durch Entgegensezung möglich ist. wie für die Unsterblichen.hheo]! Denn ein solches Gesetz [&mos] erteilt den Menschen Kronion [Zeus]: Fische zwar sollten und wildes Getier und gefiederte Vögel fressen einer den andern. das führt eben Darum gewaltig Das gerechteste Recht mit allerhöchster Hand. und bei Solon birgt die »Verknüpfung« von 2%~ und Dike weder Ambiguität noch Ironie. der die Legalität des bloßen Gesetzes überhaupt erst sinnvoll macht.ist der souveräne nomos dasjenige Prinzip. In diesem Sinn enthält Pindars Fragment über den nomos basileus das verborgene Paradigma. unvermischet.).IO. er ist ein konstituierendes geschichtliches Ereignis. Auch ein Abschnitt von Hesiods Werke und Tage2 . Von allen der König. I 5). ein Akt der Legitimität. S. vgl. 43 1 2 Der Text ist umstritten. die gerade gegen jedes unmittelbare Prinzip gerichtet ist.280. so schreibt er. S. (v. der Gott muß verschiedene Welten unterscheiden.weist dem n&zos eine entscheidende Stellung im Verhältnis von Gewalt und Recht zu: Perses. den er dem politischen Denken des Abendlandes als Erbe hinterläßt und der ihn gewissermaßen zum ersten großen Denker der Souveränität macht . schreibt er. »ist für die Sterblichen unmöglich. Ursprünglicher und stärker als das Recht ist nicht (wie bei Schmitt) der n&zos als souveränes Prinzip. sondern die Mittelbarkeit. streng genommen«.

95 . »die sie nicht richtig mit dem Namen der Natur bezeichnen« (Legg. möchte ich denn doch behaupten. Wenn er sagt (und mit ihm alle Vertreter dessen. die sich in der politischen Kultur des Abendlandes so hartnäckig halten sollte. der PindarText jedoch bewußt verändert wird: »Auch Pindaros scheint mir das. das biaZn t6 &azötaton der am besten autorisierten Handschriften nach dem Buchstaben des Pindar-Textes (dikaih tZ. denn was Platon am Herzen liegt. was Leo Strauss das »klassische Naturrechts nennt). mein 44 In beiden Fällen ist das.< (Legg. Platon neutralisiert beides mit der Behauptung. da!3 der Unwissende Folge leistet. die sophistische Konstruktion der Opposition ebenso wie die Behauptung von der Vorgängigkeit der Natur gegenüber dem Gesetz zu demontieren. biaibtaton) zu emendieren.] ist unter allen Lebewesen am weitesten verbreitet und auch der Natur gemäß. die im Brennpunkt der sophistischen Debatte stand (Stier. das sechste sein. wo VergeiSlichkeit vorgeschützt. Nur eine akute coniunctiwitisprofessoria hat die Philologen dazu bringen können (insbesondere den Herausgeber der mittlerweile überholten kritischen Oxforder Platon-Ausgabe).97). wonach der Stärkere herrscht. darin und in nichts anderem besteht die »Souveränität« des nhzos. anzudeuten in dem Liede. erzwingt vieles gegen die Natur«) als auch das explizite Zitat der Nomoi: »[Das Axiom. zur Vereinigung von Bz2 und Dike.). der Sterblichen und Unsterblichen«. dient die Opposition den Sophisten just zur Begründung des Souveränitätsprinzips. Die sophistische Polemik gegen den no’mos und zugunsten der Natur (die 45 . 892c. sondern lediglich sein »natürliches«. von dem Pindar spricht. was ich meine. S. die sowohl für die Sophisten wie (auf andere Weise) bei Pindar die »souveräne« Verwechslung und Vermischung von Bia und Dike rechtfertigte. Eine analoge Absicht lenkt sowohl das implizite Zitat. Und in diesem Fall. der Verständige aber führt und herrscht. daß die Seele und alles. um die Gegenüberstellung von ph$is und nhnos außer Kraft zu setzen und die souveräne Vermischung von Gewalt und Recht auszuschließen. Denn das Ähnliche ist dem Ähnlichen von Natur verwandt. 245 f. Der Sinn dieser Entgegensetzung selbst.b). so möchte er nicht die Souveränität des Gesetzes über die Natur behaupten. »was mit der Seele verwandt ist« (Intellekt. das verlangt. welches ein Tyrann [tyrannos nicht basileh] der Menschen ist. muß hier in einer neuen Weise erwogen werden. sondern vielmehr die Koinzidenz von Gewalt und Recht. thhz~ und nomos). 2. das Platon im Protagoras Hippias in den Mund legt (»Ihr versammelten Männer seid alle Verwandte und Befreundete und Mitbürger von Natur. hochweiser Pindar. Die ganze Behandlung des Verhältnisses von physis und nomos im zehnten Buch der Nomoi ist darauf ausgerichtet. nicht so sehr die Opposition von phjsis und nomos. S. das heißt nicht gewaltsames Wesen. daß »das Gesetz über die Menschen herrschen soll und nicht die Menschen über das Gesetz«. als daß man es mit einem Zupsus memoriae erklären könnte (und noch weniger mit einem Zapsus calami). ursprünglicher sei als die Körper und die Elemente. was Platon interessiert. Das gewichtigste Axiom aber dürfte. daß biaiön im Griechischen zu selten vorkommt. welche die Souveränität konstituiert. nicht durch das Gesetz [n&zos].. die ihrer Natur nach über Freiwillige und nicht mit Gewalt ausgeübt wird.3. Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf hat zu Recht bemerkt (Wilamowitz. das Gesetz aber. @ob-c) und dann geht es bei Platon so weiter: *führt mit übermächtigster Hand. 2. worin er sagt: Das Gesetz. In diesem Licht mu13 Platons Zitat im Gorgias (484 b. Während bei Platon also das »Naturgesetz« hervortritt. König aller. daß dies gewif3 kaum gegen die Natur. Gewalt antuend dem Gerechtestenldas Gerechteste erzwingende. ich meine die Herrschaft des Gesetzes. sondern vielmehr der Natur gemäß ist. ist die Neutralisierung der Opposition. I-IO) gelesen werden. und der Sinn des platonischen Wortspiels ist auch völlig klar: Die »Rechtfertigung der Gewalt/das Gerechteste erzwingen« ist hier im selben Maß ein »dem Gerechtesten Gewalt antun«. Im zitierten Abschnitt der Nomoi wird die Macht des Gesetzes als naturgemäß (kath p@sin) und als wesentlich nicht gewaltsam bestimmt.2. scheint es. wie einmal Pindar aus Theben gesagt hat.

zwischen Gewalt und Gesetz. Er ist (sicher in der Neuzeit.sich im Verlauf des vierten Jahrhunderts immer mehr erhitzt) kann man als notwendige Prämisse für die Opposition von Naturzustand und commonwealth betrachten. seine Selbstvoraussetzung als »natürliches Recht«. auch wenn in scheinbar entgegengesetztem Sinn.« (Schmitt 2. wenn man will. auch wenn vom »Nomos als Herrscher« die Rede ist. Was dann eintritt (an dem Punkt. in dem die souveräne Macht die vom nomos als Ortung festgelegten Grenzen nicht mehr kennt. Deshalb befindet sich der Naturzustand nicht wirklich außerhalb des &mos. d. wie der Nexus von Ortung und Ordnung. das sich in dem Moment offenbart. freien und leeren Raumes zu Grunde« »liegt«.) In seiner Souveränität ist der nomos notwendig sowohl mit dem Naturzustand als auch mit dem Ausnahmezustand verknüpft. daI3 Schmitt seine Theorie von der Ursprünglichkeit des »Nomos der Erde« gerade auf das Pindar-Fragment gründet und dennoch keine Anspielung auf seine These von der Souveränität als Entscheidung 46 über den Ausnahmezustand macht. die Ununterscheidbarkeit von Recht und Gewalt legitimiert (beim starken Mann der Sophisten wie bei Hobbes’ Souverän). räumlich durch eine genaue Angabe des Geltungsbezirks. sondern eher als ein dem Staat innewohnendes Prinzip. in dem der Nomos der Erde besteht. daf3 der Naturzustand nicht unbedingt als reale Epoche angesehen werden muß.] recte intelligatur«. S. Wenn für die Sophisten die Vorgängigkeit derp&is letztendlich die Macht des Stärkeren rechtfertigt.ist in Wahrheit der innerste Kern des politischen Systems. Deswegen muß Schmitt. »wie wenn er aufgelöst wäre« (»ut tanquam dissoluta consideretur. die Hobbes seiner Konzeption der Souveränität zugrunde legt. Von hier aus gesehen wundert es nicht. bildet die Antinomie physis/nomos die Voraussetzung. »Zeitlich ist es durch Verkündung des Kriegsrechts am Anfang und durch einen Indemnitätsakt am Schluß von dem Zeitraum der normalen Rechtsordnung abgegrenzt. die mit dem Naturzustand identifiziert wird (John Locke: »In the beginning all the world was America«). S. im Kapitel über die »ersten globalen Linien«.). verstanden als »ein zeitlich und räumlich bestimmter Bereich der Suspendierung allen Rechts«. daß bei Hobbes der Naturzustand in der Person des Souveräns überlebt. Der letztere (samt der notwendigen Ununterscheidbarkeit zwischen Bia und Dike) ist ihm nicht einfach äußerlich. sondern enthält ihn virtuell. die das Souveränitätsprinzip. ist es für Hobbes gerade diese Identität von Naturzustand und Gewalt (homo homini Lupus). 2. wie ein Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Natur und Kultur. ist die Vorrangigkeit des souveränen nbmos als konstitutives Ereignis des Rechts gegenüber jeder positivistischen Konzeption des Gesetzes als einfache Setzung und Übereinkunft. . was nach Lage der Sache faktisch notwendig erscheint. In beiden Fällen. und genau in dieser Ununterscheidbarkeit liegt das Spezifische der souveränen Gewalt. auf das auch Montesquieu hingewiesen hat: die Statue der Freiheit oder die der Gerechtigkeit wird für eine bestimmte Zeit verhüllt. dem »in offensichtlich analoger Weise die Vorstellung eines ausgegrenzten. Der Ordnung-Ortung-Nexus enthält also in seinem Innern immer schon den eigenen virtuellen Bruch in der Form einer »Suspendierung allen Rechts«. h. ut qualis sit natura humana [. Es gibt für diesen Vorgang ein anschauliches antikes Symbol. Hobbes 1. obwohl klar abgegrenzt. der die absolute Macht des Souveräns rechtfertigt. Wichtig ist zu bemerken.das Naturrecht und das Prinzip der Erhaltung des eigenen Lebens . sie bildet einen »freien. der als einziger sein natürliches ius contra omnes bewahrt. In der klassischen Epoche des Jus Publicum Europaeum entspricht diese Zone der Neuen Welt. . wo man die Gesellschaft tanquam dissoluta 47 . Was er hier um jeden Preis sichern will. Schmitt bringt diese Zone beyond the line selbst mit dem Ausnahmezustand zusammen. aber wahrscheinlich schon zur Zeit der Sophistik) das In-Potenz-Sein des Rechts. dieses lebt von ihm in demselben Sinn. Eine aufmerksamere Lektüre stellt diese Nähe jedoch klar heraus: Wenig später. 79f. id est. in dem nach Schmitt die Regel von der Ausnahme lebt. völlig bewußt. ist er vielmehr als in jedem Sinn fundamentales Moment darin einbezogen. die Wesensnähe von nbmos und Ausnahmezustand im dunkeln lassen. wie Strauss hervorhebt.4. Die Souveränität stellt sich somit wie eine Einverleibung des Naturzustandes der Gesellschaft dar oder. zeigt Schmitt nämlich. Die Äußerlichkeit . innerhalb dieses örtlichen und zeitlichen Bereichs kann alles geschehen. in dem man ihn betrachtet. Im übrigen war sich Hobbes. immer eine aus dem Recht ausgeschlossene Zone impliziert. 66f. rechtsleeren Raum«.

so wie es sich im Ausnahmezustand gestaltet. wo das. sondern auch Naturzustand und Recht. Naturzustand und Ausnahmezustand sind lediglich die zwei Seiten des einen topologischen Prozesses. müssen wir hingegen den Blick zu heften versuchen. wie bei einem Möbius-Band oder einer Leidener Flasche. in der nicht nur Ausnahme und Regel. Natur und Ausnahme.seiner Auflösung in Kraft ist und daher all das geschehen konnte. in das die Menschen zurückfielen). Der Ausnahmezustand ist demnach nicht so sehr eine raumzeitliche Aufhebung als vielmehr eine komplexe topologische Figur. Wenn die Ausnahme dazu tendiert. der (wenn das Prinzip. Es handelt sich also nicht um einen Rückfall der politischen Organisation in überwundene Formen. I). das Draußen und das Drinnen ineinander übergehen. 2 Fig. hat in der souveränen Ausnahme sein verborgenes Fundament. schematisch darstellen. was sich in Ex-Jugoslawien abspielt. der . und die souveräne Macht ist genau diese Unmöglichkeit. 3 In dieser Perspektive muß das. droht er nunmehr überall mit der normalen Ordnung zusammenzufallen. die anfangs voneinander getrennt erscheinen (Fig.betrachtet). dann aber im Ausnahmezustand zeigen. was geschehen ist und weiterhin vor unseren Augen geschieht: Der »rechtsleere Raum« des Ausnahmezustandes (wo das Gesetz in der Figur und etymologisch heißt das in der Fiktion . Außen und Innen. sondern um vorwarnende Ereignisse. auf dem er gründet. 2). Genau auf diese topologische Zone der Ununterscheidbarkeit. K Wollte man das Verhältnis zwischen Naturzustand und Rechtszustand. 48 . was als Außen vorausgesetzt worden ist (der Naturzustand).phjsis und nomos auseinanderzuhalten. zur Regel zu werden. der das Vorspiel zu neuen sozialen Verträgen und neuen nationalstaatlichen Ortungen wäre. vielmehr ist es das Zutagetreten des Ausnahmezustandes als permanente Struktur der juridisch-politischen Ent-Ortung und Verschiebung. in der von neuem alles möglich wird. und ganz allgemein die Auflösung der traditionellen staatlichen Organismen in Osteuropa nicht als eine Wiederkehr des Kampfes aller gegen alle im Naturzustand betrachtet werden. nicht erneut in Frage gestellt wird) dazu tendiert. 3): Fig. die wie blutige Boten den neuen nomos der Erde ankündigen. nun im Innern (als Ausnahmezustand) wiedererscheint. I Fig. die dem Auge der Gerechtigkeit verborgen bleiben sollte.seit dem Ersten Weltkrieg in klar erkennbarer Weise . sich über den ganzen Planeten auszubreiten. Der Prozeß (den Schmitt minutiös beschrieben hat und den wir heute noch erleben). fallen die beiden Kreise absolut ununterscheidbar zusammen (Fig. so könnte man sich zwei Kreise vorstellen. was der Souverän faktisch für notwendig hielt) hat seine raumzeitlichen Grenzen durchbrochen und. ist in Tat und Wahrheit nicht der Naturzustand (als früheres Stadium. Es ist das.den konstitutiven Nexus zwischen Ortung und Ordnung des antiken nomos zersetzt und das ganze System der gegenseitigen Abgrenzungen und der Regeln des Jus Publicum Europaeum ruiniert. indem er sich über sie hinaus ergießt. sondern der Ausnahmezustand. daß in Wirklichkeit der eine sich im Innern des anderen befindet (Fig.

1gof. daß die Konstitution sich selbst als konstituierende Gewalt voraussetzt. so verfällt es. alles mittels Normen zu regeln) zunehmend in der Auffassung überein. welche die konstituierende Gewalt gegenüber jeder konstituierten Gewalt in ihrer souveränen Transzendenz bewahren will. die in keiner Weise von einer bestimmten Rechtsordnung bedingt und gebeugt werden kann und sich notwendigerItalienisch »potenza« und »atto« werden. denen sie ihr Dasein verdanken. und druckt in dieser Form das Paradox der Souveränität am prägnantesten aus. die Revisionsbefugnis vorsieht. daß man aus ihrem Fluß schöpft. I Aber die andere Auffassung (jene der demokratisch-revolutionären Tradition). Denn wenn die konstituierende Gewalt als Gewalt. das wir hier zu beschreiben versuchen. wodurch sie ihre Verschiedenheit legitimieren kann. die in ihnen repräsentiert ist. in dem Paradox gefangen zu bleiben.) Daher rührt die Unmöglichkeit. . sie ist die Quelle.] ihren wirklichen Sinn verleihen. kein Wunder. die das Recht setzt. die angemerkt werden. 183f. nicht bewußt geblieben sind. in der Folge meistens mit »Potenz« und »Akt« wiedergegeben.« (Burdeau. Dafür bilden in dieser Zeit die Parlamente ein Beispiel. während für die konstituierte Gewalt meistens die Verfassung selbst steht. sie unterhält sogar ein zweideutiges und unauflösbares Verhältnis zur konstituierten Gewalt. Sie macht sich nicht nur besonders bemerkbar. Potenz1 und Recht 3. die Beziehung zwischen den beiden Gewalten harmonisch einzurichten. s.« (Benjamin 1. I . [. daß sie zu Beschlüssen. So wie sich die souveräne Macht als Natur51 50 . Die konstituierende Gewalt befindet sich dagegen außerhalb des Staates. »un-/vermögend« für »im-/potente«). . die dadurch. sie muß eher in dem Sinn verstanden werden. nicht gelangen. S. 2 Für konstituierende Gewalt steht im deutschen juristischen Sprachgebrauch gewöhnlich verfassunggebende Gewalt. nicht einfach eine Binsenwahrheit.] Ihnen fehlt der Sinn für die rechtsetzende Gewalt. wenn es darum geht. In einem politikwissenschaftlichen Traktat liest man darüber folgendes: »Die Erklärung dafür legt Wert darauf. niemals ausgeschöpft wird. sondern im Kompromiß eine vermeintlich gewaltlose Behandlungsweise politischer Angelegenheiten pflegen. stimmt man heute (ganz nach der allgemeinen zeitgenössischen Tendenz. die seitdem nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. indem er das Verhältnis zwischen konstituierender Gewalt und konstituierter Gewalt als dasjenige zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt [violenza] darlegt: »Schwindet das Bewußtsein von der latenten Anwesenheit der Gewalt in einem Rechtsinstitut. etwa »Vermögen« und »Verwirklichung«. wenn der Verfassungstext selbst. eingebürgert haben. . der die Verfassung entsprungen ist. die rechtliche Natur der Diktatur oder des Ausnahmezustandes zu verstehen. daß die Verfassung (constitution) vor allem eine konstituierende Gewalt voraussetzt. sie sind von einer vorgängigen statutarischen Ordnung nicht zu trennen und bedürfen des staatlichen Rahmens. mit »Fähigkeit« oder »Vermögen« (bzw. In dieser Perspektive ist die berühmte These von Emmanuel Joseph Sieyes.2 Theorie wie positive Gesetzgebung haben bei der Formulierung und der Wahrung dieser Unterscheidung in ihrer ganzen Tragweite stets Schwierigkeiten bekundet. um der Klarheit und um der Besonderheit der Argumentation willen wird die Unterscheidung zwischen »potere costituente« und »potere costituito« auch terminologisch beibehalten. weil sie sich der revolutionären Kräfte. sie schuldet ihm nichts und existiert ohne ihn.) weise außerhalb jeglicher konstituierten Gewalt hält.3. in einigen Fällen. daß man die konstituierende Gewalt und die konstituierte Gewalt auf verschiedenen Ebenen ansiedeln muß. gewiß edler ist als die rechtserhaltende Gewalt. die konstituierende Gewalt auf die in der Verfassung vorgesehene Revisionsbefugnis zu beschränken und die Gewalt. hat Benjamin diese Tendenz bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg kritisiert. will man der Unterscheidung [. Das Paradox der Souveränität zeigt sich wohl nirgendwo in so klarem Licht wie beim Problem der konstituierenden Gewalt und ihrem Verhältnis zur konstituierten Gewalt. Konstituierte Gewalten existierten nur im Staat. als vorrechtlich oder rein faktisch beiseite zu schieben. sondern auch. Gegen die Auffassung vom originären und irreduziblen Wesen der konstituierenden Gewalt. so gibt es in ihr selbst doch nichts. auch wenn sich inzwischen deutsche Begriffe. welche dieser Gewalt würdig wären. Mit Worten. wie das oft der Fall ist. dem ihr Vorhandensein Realität verleiht. läuft ebenfalls Gefahr. . Sie bieten das bekannte jammervolle Schauspiel.

»als Individuen ohne gesellschaftliche Bindung [. dann ist das Kriterium. so sollte eine . was er in einem anderen Kontext auch als einen . so doch wenigstens eine gewisse Dauerhaftigkeit und Stabilität [.2. unklar. . das sie von der Volks. und sie sind durch den ginnen verwechselbar zu werden. 185) trotzkistischen Begriff der »permanenten Revolutionen« oder den maoistischen der »ununterbrochenen Revolution* bekannt geworden. die als absolutes Prinzip den legislativen Akt der konstituierenden Gewalt zu begründen imstande war. beschreibt.]. . die den Historikern des öffentlichen Rechts so zu schaffen gemacht hat.despotische Gewalt< -der Nation Souveränität verleihen und eine absolute Immortalität der Republik. einer immer gegenwärtigen transzendenten Quelle der Autorität jenseits des politischen Raumes. so schreibt er.] . der nicht von ihm stammt -.zustand voraussetzt. Auch die Macht der Räte (die als stabile zu konzipieren nichts hindert. mit dem konstituierenden Willendes Volkes oder der Nation zusammenfällt. sie zu eliminieren) kann aus dieser Perspektive als ein Fortleben der konstituierenden Gewalt in der konstituierten betrachtet werden. sondern vielmehr. S. Er bedufte. Die Analogie zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland ist um so triftiger. die Erhaltung der konstituierenden Gewalt zu denken. so teilt sich die souveräne Macht in eine konstituierende und eine konstituierte Gewalt und bleibt mit beiden in Verbindung. sehr viel schwieriger ist es. . Gewiß fehlt es in unserer Zeit nicht an Versuchen. als in beiden Fällen die Frage »wo?« in dem Moment wesentlich wird. dessen Macht oder Autorität imstande ist. . . [. die sich nie in der konstituierten Gewalt erschöpft (was nicht leicht ist. so schreibt sie. K Schmitt betrachtet die konstituierende Gewalt als einen »politischen Willen. die diesen Abschnitt in ihrem Buch über die Revolution zitiert. wo weder die konstituierenden Instanzen noch der Souverän ganz innerhalb oder ganz außerhalb der konstituierten Ordnung situiert werden können. erscheint von da aus gesehen wie eine interessante. S. Doch was Robespierre brauchte. »die gesamte Ausübung aller staatlichen Gewalt restlos in geschrie- . wie er selbst es nannte.82).« »Neben und über der Verfassung bleibt dieser Wille erhalte+ er ist nicht auf die Ebene der Rechtsnormen zurückführbar und theoretisch von der souveränen Macht verschieden (Schmitt 4. Schmitt kritisiert den liberalen Versuch. wie dieses (auch in der Idee vom »Höchsten Wesen« bei Robespierre vorhandene) Bedürfnis letztlich in einen Teufelskreis mündete. die konkrete Gesamtentscheidung i&ber Art und Form der eigenen politischen Existenz zu treffen. wenn nicht die Unsterblichkeit. die konstituierende Gewalt klar von der souveränen Macht zu unterscheiden. wie in den Revolutionsvor- gängen das Bedürfnis nach einer Souveränitätsinstanz auftauchte.Blackstones . Die charakteristische »duale« Struktur der großen totalitären Staaten unseres Jahrhunderts (der Sowjetunion und Nazi-Deutschlands). Und sie zeigt deutlich. die leninistische und die nazistische Partei. eine konstituierende Gewalt zu konzipieren. in den Begriffen der Französischen Revolution gesprochen. indem sie sich am Punkt ihrer Ununterschiedenheit aufhält. Doch selbst die beiden großen Liquidatoren spontaner Räte in unserer Zeit. Sieyes selbst war sich dieser Implikation so weit bewußt. daß er die (mit der Nation identifizierte) konstituierende Gewalt in einen Naturzustand außerhalb des sozialen Bandes verlegt hat: »Man muß die Nationen der Erde«. 75 -77). weil dort die Staatspartei das Duplikat der staatlichen Organisation ist. . selbst wenn die revolutionären konstituierten Gewalten dann in Wirklichkeit alles getan haben. »war gar kein Höchstes Wesen [. Es ist jedoch ebenso gewiß. der auf diese Weise mit dem Rechtszustand in der Bann-Beziehung verbunden bleibt. Aber wenn die konstituierende Gewalt.oder nationalen Souveränität zu unterscheiden erlaubt.] Die Entscheidungen [dieses Willens] als solche sind von den auf ihrer Grundlage normierten verfassungsgesetzlichen Normierungen qualitativ verschieden. einen Unsterblichen Gesetzgeber< und das. die nicht mit dem Allgemeinwillen der Nation oder der Revolution zusammenfiel.] im Naturzustand betrachten« (Sieyes 1. wie das bereits (so Schmitt selbst) seit Sieyes geschieht. präsentieren sich in bestimmter Weise als Bewahrer einer konstituierenden Instanz neben der konstituierten Gewalt.« (Arendt 1. S. wenn auch paradoxe technisch-juridische Lösung des Problems der Bewahrung der konstituierenden Gewalt. Hannah Arendt. daß sich diese Gewalt in beiden Fallen als Ausdruck einer souveränen Macht darstellt oder sich jedenfalls nicht so leicht von dieser trennen läßt. .absolute Souveränität< . 3.ein Begriff. und das konstituierende Subjekt und das souveräne Subjekt be- Das fundamentale Problem besteht hier nicht so sehr darin.ständigen Appell an die Gerechtigkeit< bezeichnete. aber immerhin theoretisch möglich). .

aufhört. und das unvermeidliche Ergebnis ist dann die Produktion »apokrypher Souveränitätsakte« (Schmitt 4. als Erschöpfung der Freiheit.). Das Interesse von Negris Buch gilt aber eher der zum Schluß eröffneten Perspektive. ein politischer Begriff im engeren Sinn zu sein. das radikale Dispositiv von etwas. Die Souveränität dagegen tritt als Festlegung der konstituierenden Gewalt auf. und Negri kann nirgendwo in seiner breitangelegten Analyse der historischen Phänomenologie der konstituierenden Gewalt das Kriterium finden. die (wie heute diejenigen Politiker. und behauptet dagegen die Souveränität der Verfassung oder der fundamentalen charte: Die für die Verfassungsrevision zuständigen Instanzen »werden infolge dieser Zuständigkeit nicht etwa souverän [. die Autonomie der Potenz hervorzuheben. Bei Aristoteles geht einerseits die Potenz dem Akt voraus und bedingt ihn. die Politik wird wieder in ihren ontologische Rang gehoben). das noch nicht existiert und dessen Existenzbedingungen dafür sorgen. sagt noch nichts über ihre Verschiedenheit von der souveränen Macht aus. sondern einen eigenen Bestand hat . Nietzsche und Heidegger in diese Richtung unternommen haben) die auf dem Primat des Akts und seiner Beziehung zur Potenz gegründete Ontologie ersetzt hat. die vom souveränen Bann gänzlich losgelöst ist. Schelling. S. Was er im Buch Theta der Metaphysik zu denken versucht. wird es auch möglich sein. Deswegen . die zeigt. daß die konstituierende Gewalt zum einen weder aus der konstituierten Ordnung emaniert noch sich auf ihre Einsetzung beschränkt und zum anderen freie Praxis sein soll. S. wird den Knoten zu zerschneiden vermögen. wie man die Existenz und die Autonomie der Potenz denkt.« (Negri. auch wenn er nicht spielt. 3. die Aristoteles zwischen Potenz und Akt. Wenn die konstituierende Gewalt den konstituierenden Prozeß in Gang setzt. was nicht weniger erfordert. sondern auch nicht die Institution der konstituierten Gewalt: Sie ist der Akt der Wahl. Sie werden ebensowenig Subjekt oder Träger der verfassunggebenden Gewalt«. und letztendlich hängt sie (wie vielleicht jedes echte Verständnis des Souveränitätsproblems) davon ab. bleibt eine politische Theorie. daß der schöpferische Akt in der Schöpfung nicht seine Eigenheit verliert. zugleich bestreitet er. andererseits scheint sie ihm aber wesentlich untergeordnet zu bleiben. Sie ist es deshalb nicht. dann kommen diese Merkmale tatsächlich auch der Souveränität zu. folglich als ihr Ende. so schreibt er. die punktuelle Bestimmung. die (auf welche Weise auch immer) ihr von der Idee der Souveränität her zugeschrieben werden kann. Auf diese Weise verschiebt sich das Problem von der politischen Philosophie zur Prima Philosophia (oder. zwischen L&ZLZ~~S und enérgeia herstellt. Wenn unsere Analyse der ursprünglichen Struktur der Souveränität als Bann und Verlassenheit [bando e abbandono] zutrifft. Nur eine völlig neue Konjugation von Möglichkeit und Wirklichkeit.3. S. wenn man so will. ist mit anderen Worten nicht die Potenz als reine logische Möglichkeit. weil sie nicht nur (ganz offensichtlich) keine Emanation der konstituierten Gewalt ist. aber der Umstand. ja sogar jenseits von ihr zu denken. das die konstituierende Gewalt von der souveränen Macht zu scheiden erlaubte. die einen Horizont eröffnet. als die ontologischen Kategorien der Modalität in ihrer Gesamtheit neu zu denken. die Potenz existiere nur im Akt (energ& mhon dynasthai). die Beziehung von Potenz und Akt anders zu denken. daß die konstituierende Gewalt (definiert als »Praxis eines konstitutiven Akts. und die ungelöste Dialektik von konstituierender und konstituierter Gewalt macht einer neuen Form der Beziehung zwischen Potenz und Akt Platz. und nur wenn es gelingt. »ist nicht diejenige. ist und bleibt jegliche Bestimmung frei. wie die konstituierende Gewalt. und der Baumeister seine Fähigkeit zu bauen. undenkbar. so die für ihn evidente Tatsache. Solange nicht eine neue und kohärente Ontologie der Potenz (jenseits der Schritte. doch die Symmetrie dieser Überschreitung zeugt auch von einer bis zur Deckungsgleichheit reichenden Nähe.m u ß die . auch wenn er nicht baut.das heißt. welche die ganze konstituierende Gewalt auf die konstituierte Gewalt reduzieren wollen) behaupten. 3 I) Das Problem der Unterscheidung von konstituierender Gewalt und souveräner Macht ist sicher wesentlich. in Freiheit erneuert und in der Fortführung einer freien Praxis organisiert«) sich auf keinerlei Form der konstituierten Ordnung reduzieren läßt. befleißigt sich Aristoteles jedesmal. sondern es sind die effektiven Modi ihrer Existenz. daß der Kitharaspieler seine Fähigkeit zu spielen behält. Das Problem der konstituierenden Gewalt wird somit zum Problem der »Konstitution der Potenz« (ebd. 38 3). weil sie sich nicht jedesmal unmittelbar in der Handlung verflüchtigt. . »Die Wahrheit der konstituierenden Gewalt«. den Souveränität und konstituierende Gewalt aneinander bindet.]. Die Beziehung zwischen konstituierender Gewalt und konstituierter Gewalt ist ebenso komplex wie jene. die sich den Aporien der Souveränität entziehen könnte. deren Träger die konstituierende Gewalt ist. daß sie auf das Souveränitätsprinzip zurückzuführen ist. 107f. und sich zwangsläufig als eine Kategorie der Ontologie heraus- stellt. Konstituierende Gewalt und souveräne Macht überschreiten unter diesem Blickwinkel beide die Ebene der Rechtsnorm (sogar diejenige der fundamentalen Norm). Gegen die Megariker. die Spinoza. Toni Negri hat in einem jüngeren Buch zu zeigen versucht. von Zufall und Notwendigkeit und der anderen pathe t& Cantos. eine konstituierende Gewalt zu denken. wird sie erst in ihrer Radikalität gedacht.. .benen Gesetzen erfassen und umgrenzen zu können«.

wenn die Verwirklichung dessen. Das Vermögende kann erst dann zum Akt übergehen. Denn der Struktur der Potenz. was nicht unmöglich ist). der das Buch Theta der Metaphysik mit einem von den Vorurteilen der Tradition befreiten Blick liest. die Potenz wendet sich auf sich selbst zurück. Und souverän ist jener Akt. sich sich selbst hingibt. entspricht jene des souveränen Banns. auf die sich das Sein souverän gründet. um die sich die ganze dynamisTheorie dreht. für das nichts Unvermögendes eintreten wird. die ebenso sein wie nicht sein kann. wie Aristoteles sagt. um sich sich selbst zu geben.]. nennt sie »vollkommene Potenz« und führt als Beispiel die Figur eines Schreibers an. 4r7b.« (Met. Met. Dieses Ablegen der Impotenz bedeutet nicht ihre Zerstörung. Rettung] dessen. sondern als eine Selbstbewahrung der Potenz und »Gabe ihrer selbst an sich selbst«: »Auch das Erleiden ist nicht von einfacher Bedeutung. das heißt ohne daß ihm etwas vorausgeht oder es bestimmt (superiorem non recognoscens). 2-16) Während er das authentische Wesen der Potenz beschrieb. das in gewisser Weise die Angel ist. denn das. was entweder keine Veränderung ist (da es ja eine Gabe an sich selbst und an den Akt ist (oder eine andere Gattung von Veränderung. I O ) . . sondern im Gegenteil ihre Erfüllung. indem es als Potenz mit sich selbst in der Beziehung des Banns [bando] (oder der Verlassenheit [abbandono]) verbunden bleibt. wie wird dann die Verwirklichung eines Akts möglich sein? Aristoteles’ Antwort ist in einer Definition enthalten. in der anderen ist es eher die Bewahrung [s&?ria.26) Die letzten drei Worte der Definition (oudbz btai adýnaton) bedeuten nicht das. sich sein läßt. indem er sich abwendet. daß es über Vermögen verfüge. mit dem Akt in Beziehung bleibt. wegnimmt. was in Potenz ist. der momentan nicht schreibt). wo Aristoteles das Wesen der vollkom- menen Potenz auch am vollkommensten ausdrückt. durch das. verwirklichen kann. Iojob. indem sie vermag. Sie erhält die Beziehung mit dem Akt in Form ihrer Aufhebung aufrecht. hat Aristoteles in Wirklichkeit der abendländischen Philosophie das Paradigma der Souveränität gestiftet. ablegt. Die Potenz. was die gewöhnliche Lesart meint: »es wird nichts Unmögliches geben« (das heißt: möglich ist das.« (De an. nicht zu sein. 57 . der sich einfach dadurch verwirklicht. wenn es die Potenz. der darin der Absicht von Aristoteles treu ist. was im Akt ist und sich ebenso verhält [. 3of. . sie muß konstitutiv auch Potenz nicht zu (tun oder sein) sein oder. ob der Primat nun tatsächlich dem Akt oder nicht doch der Potenz zukommt. die auch im Zentrum des Buchs Theta der Metaphysik stehen) nicht als Veränderung oder Zerstörung der Potenz im Akt.). der sich auf die Ausnahme anwendet. beschreibt er den übergang zum Akt (anhand der tt+chnai und der menschlichen Fertigkeiten. was die Wissenschaft [in Potenz] besitzt. Oder sogar noch deutlicher: »Was vermögend [potente] ist. ist genau diejenige. kann sowohl sein als auch nicht sein. wovon man sagt. mit Entschiedenheit in einer lapidaren Formel: »Jedes Vermögen [potenza] ist auch ein Unvermögen [impotenza] desselben und in bezug auf dasselbe« (to& autou kai kat2 th ah pha djnamis adynamia. eintritt. nie klar wird. adynamia. 24. sie vermag die eigene Impotenz souverän. Daher rührt die konstitutive Ambivalenz der aristotelischen Theorie der dynamis/energeia: Wenn einem Leser.Potenz auch nicht zum Akt übergehen können. Aber wie ist in dieser Perspektive der Übergang zum Akt zu denken? Wenn jede Potenz zu (sein oder tun) ursprünglich auch Potenz nicht zu (sein oder tun) ist. 1047 a. sondern in der einen Bedeutung ist es der Untergang durch das Entgegengesetzte. Die Potenz (in ihrem doppelten Aspekt von Potenz zu und Potenz nicht zu) ist die Weise. Aristoteles äußert dieses Prinzip. die nicht zum Akt übergehen kann (Avicenna. sie vermag [puO] den Akt. unter der sich die Potenz. ihn nicht zu verwirklichen. vielmehr bekräftigen sie die Bedingung. die genau über ihr Nicht-sein-Können. weil das Sein sich selbst aufhebt. dasselbe ist also vermögend zu sein und nicht zu sein« (th dynatbn endechetai kai einai kai mi etnai. Die Souveränität ist immer doppelt. eines Widerspruchs im Denken des Philosophen. Io&a. sondern weil Potenz und Akt nur die beiden Aspekte des Prozesses der souveränen Selbstbegründung des Seins sind. Met. so geschieht das nicht aufgrund einer Unentschiedenheit oder. schlimmer noch. nicht zu sein (seine adynamia). daß er die eigene Potenz. außer das eigene Nicht-sein-Können. die eine der scharfsinnigsten Leistungen seines philosophischen Genies darstellt und als solche auch oft mißverstanden worden ist: *Vermögend ist das. In einem Abschnitt von De anima. wird ein Betrachtendes im Akt. die existiert.

eine »Konstitution der Potenz« zu denken. die der souveräne Bann ist. sie zur Umsetzung in die Tat zu zwingen). Diese Figuren treiben die Aporie der Souveränität an die Grenze. In diesem Sinn hat Gerard Mairet dargelegt. auch im Sinn von »Werklosigkeit« als Modus des Seins. vorausgeht. Hier zeigt die metaphysische Aporie ihr politisches Wesen.« I 2 . dal3 der souveräne Staat sich auf einer »Ideologie der Gewalt« gründet. So in der französischen Quelle. Doch was uns hier entgegentritt. und genau diese Zone der Ununterscheidbarkeit ist der Souverän (in Aristoteles’ Metaphysik entspricht das dem »Denken des Denkens«. 4 Im amerikanischen Original: »I would prefer not to. j>in denen das Sein gesagt wird«). selbst jenseits jener Grenzbeziehung. das Sein jenseits des Souveränitätsprinzips zu denken. Agamben übersetzt »negatività senza impiego«. die ihn bedingen. daß die konstituierende Gewalt sich nie in der konstituierten Gewalt erschöpft. wozu heute viele um keinen Preis bereit sind.: »Es handelt sich um einen eigentlichen Mythos. »die zwei Elemente einer jeden Macht. in der die »Potenz nicht ZU« nicht mehr unter die Struktur des souveränen Banns fällt. ohne je zum Akt überzugehen (der Provokateur ist genau derjenige. sich vollends aus ihrem Bann zu lösen. Müßiggang«. doch gelingt es ihnen dennoch nicht. dafür bedeutsame Versuche. daß die Auflösung des Banns wie jene des gordischen Knotens nicht so sehr der Lösung einer logischen oder mathematischen Aufgabe gleicht. etwa »Negativität ohne Verwendung« oder »ohne Anstellung«. der versucht. und eine konstituierende Gewalt. endgültig gebrochen hätte. zwei Modi. Ebenso scheint in Heideggers Verlassenheit [abbandono] und im Ereignis’ das Sein aller Souveränität ledig zu sein. Statt dessen müßte die Existenz der Potenz ohne jede Beziehung zum ImAkt-Sein gedacht werden. der kein Werk hervorbringt. dessen Geheimnisse wir bis heute noch nicht durchdrungen haben. sie besteht darin. nicht einmal in Form der Gabe seiner Selbst und des Seinlassens. als die Ontologie und die Politik jenseits aller Figuren der Beziehung zu denken. der aber womöglich das Geheimnis jeder Macht birgt. zwischen Potenz und Akt. So denkt Schelling in seiner Philosophie der Offenbarung ein absolut Seiendes. Der stärkste Einwand gegen das Prinzip der Souveränität steckt in Herman Melvilles Bartleby. K Es ist bereits bemerkt worden. das heißt einem Denken. Der zentrale Gedanke ist hier der. das Prinzip der Gewalt und die Form ihrer Ausübung. S. dem Schreiber. hat in der négativité sans emploi2 und im d&euvrement3 eine Grenzdimension erreicht.« Es ist die Struktur dieses Arkanums. die den Bann. der gleichwohl ein Denker der Souveränität bleibt. Sie zeigen. das keinerlei Potenz voraussetzt und nie per transitum de potentia ad actum existiert. daß die Gewalt schon vor ihrer Ausübung existiert und daß der Gehorsam den Institutionen. »Untätigkeit. Daß diese Ideologie in Wahrheit einen mythologischen Charakter hat. dessen Denkakt nur im Denken der eigenen Potenz zu denken besteht. 75). Es gibt im modernen Denken wenige. die schwierig zu übersetzende französische Originalwendung steht hier auch in Entsprechung zum nachfolgenden >>d&ceuvrement*. auf eine Einheit zurückzuführen« (Mairet. Das aber würde nicht weniger bedeuten. nicht einmal in der extremen Form des Banns oder der Potenz. die völlig losgelöst wäre vom Souveränitätsprinzip. doch gerade das ist es. daß jeder Definition der Souveränität ein Gewaltprinzip [principio di potenza] inhärent ist. Georges Bataille. Im Original deutsch. 3 Französisch im Original. Met. Es genügt nämlich nicht. sondern vielmehr der eines Rätsels. und der Akt nicht mehr als Erfüllung und Manifestation der Potenz. auch die souveräne Macht kann als solche in der Unbestimmtheit verharren. Deswegen ist es so schwierig. der mit seinem »ich möchte lieber nicht<c4 jeder Entscheidungsmöglichkeit zwischen Potenz z u und Potenz nicht zu widersteht. Beim späten Nietzsche steht die Ewige Wiederkunft des Gleichen für die Unmöglichkeit. der sie an die konstituierte Gewalt bindet. die wir mit der Bann-Beziehung als Beziehung der Verlassenheit [abbandono] und der »Potenz nicht zu« ans Licht bringen wollten.um sich dann als absoluter Akt zu verwirklichen (der mithin nichts weiter voraussetzt als die eigene Potenz). zwischen Kontingenz und Notwendigkeit zu unterscheiden. ist weniger ein Mythologem als viel- mehr die ontologische Wurzel jeglicher politischen Macht (Potenz und Akt sind für Aristoteles vor allem Kategorien der Ontologie. I 5 34). so wie der Amor fati für die Unmöglichkeit. Die reine Potenz und der reine Akt sind letztlich nicht auseinanderzuhalten. sagt der Verfasser selbst. 1074 b.

4. Rechtsform

4.1. In der Legende Vor dem Gesetz hat Franz Kafka die Struktur des souveränen Banns in einem beispielhaften Abriß dargestellt. Nichts - und bestimmt nicht das Verbot des Türhüters - hindert den Mann vom Lande daran, durch die Tür des Gesetzes einzutreten, außer dem Umstand, daß diese Türe schon immer offensteht und das Gesetz nichts vorschreibt. Auf diesen Punkt haben zwei jüngere Interpretationen der Legende von Jacques Derrida und von Massimo Cacciari, wenn auch in unterschiedlicher Weise, nachdrücklich hingewiesen. Das Gesetz »hütet sich, ohne sich zu hüten, gehütet von einem Türhüter, der nichts hütet, die offenbleibende Tür öffnet sich auf nichts« (Derrida 1, S. 3 56). Und Cacciari unterstreicht noch entschiedener, daß die Macht des Gesetzes’ genau in der Unmöglichkeit liegt, in das bereits Offene einzutreten, an den Ort zu gelangen, an dem man bereits ist: »Wie können wir zu >öffnen< hoffen, wenn die Tür schon offensteht? Wie können wir hoffen, ins Offene einzutreten? Das Offene ist der Ort, wo man ist, wo die Dinge gegeben sind, man kann da nicht eintreten [. . .] Wir können nur dort eintreten, wo wir öffnen können. Das Schon-Offene macht unbeweglich [. . .]. Der M ann vom Lande kann deshalb nicht eintreten, weil es ontologisch unmöglich ist, ins schon Offene einzutreten.« (Cacciari, S. 69) Aus dieser Perspektive betrachtet offenbart Kafkas Legende die reine Form des Gesetzes, in der es sich gerade an dem Punkt am stärksten erweist, wo es nichts mehr vorschreibt, das heißt reiner Bann ist. Der Mann vom Lande ist der Potenz des Gesetzes ausgeliefert, weil es nichts von ihm fordert, ihm nichts anderes auferlegt als das eigene Offensein. Nach dem Schema der souveränen Ausnahme wendet sich das Gesetz auf ihn an, indem es sich abwendet, es hält ihn in seinem Bann, indem es ihn, außerhalb seiner selbst, verläßt [abbandonandolo]. Die offene Tür, die nur für ihn bestimmt ist, schließt ihn ein, indem sie ihn ausschließt, und schließt ihn aus, indem sie ihn einschließt. Und
I Mit Majuskel (»Legge«). 60

dies ist genau die Spitze und die Wurzel jedes Gesetzes. Wenn der Geistliche im Prozeß das Wesen des Gerichts auf die Formel bringt: »Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entläßt dich, wenn du gehst«, dann ist es die ursprüngliche Struktur des nomos, die er mit diesen Worten ausspricht.
tc In analoger Weise hält auch die Sprache den Menschen in ihrem Bann, weil er als Sprechender immer schon in sie eingetreten ist, ohne sich dessen bewußt werden zu können. Alles was man der Sprache vorausschickt (in Form von etwas Nichtsprachlichem, Unaussprechlichem etc.), ist nichts weiter als etwas von der Sprache Vorausgesetztes, das mit der Sprache gerade dadurch die Beziehung aufrechterhält, daß es daraus

ausgeschlossen wird. Stephane Mallarme hat diese selbstvoraussetzende
Natur der Sprache mit einer hegelianischen Formel ausgedrückt, wenn er schreibt, daß »das Wort’ ein Prinzip ist, das sich durch die Negation jeglichen Prinzips vollzieht «. Als reine Form der Beziehung setzt die Sprache (wie der souveräne Bann) immer schon sich selbst in der Figur von etwas Beziehungslosem voraus, und es ist nicht möglich, mit etwas in Beziehung zu treten, noch aus etwas auszutreten, das zur Form selbst der Beziehung gehört. Das bedeutet nicht, daß dem sprechenden Menschen das Nichtsprachliche verschlossen bliebe, er vermag es nur nie in Form einer nichtbezogenen oder unaussprechlichen Voraussetzung zu erreichen, sondern vielmehr nur in der Sprache selbst (Benjamin zufolge kann nur die »kristallreine Elimination des Unsagbaren in der Sprache« »auf das dem Wort versagte« hinführen [Benjamin 2, S. 127]).

4.2. Doch erschöpft diese Interpretation die Kafkasche Intention wirklich? In einem Brief an Benjamin vom 20. September 1934 definiert Gershom Scholem die in Kafkas Prozeß beschriebene Beziehung mit dem Gesetz als »Nichts der Offenbarung«; unter diesem Ausdruck versteht er »einen Stand, [. . .] in dem sie zwar noch sich behauptet, indem sie gilt, aber nicht bedeutet. Wo der Reichtum der Bedeutung wegfällt und das Erscheinende, wie auf einen Nullpunkt eigenen Gehalts reduziert, dennoch nicht verschwindet (und die Offenbarung ist etwas Erscheinendes), da tritt sein Nichts hervor.« (Benjamin und Scholem, S. 175) Ein Gesetz unter solchen Bedingungen ist Scholem zufolge nicht einfach abwesend, vielmehr erscheint es in Form seiner »Unvollziehbarkeit«. »Nicht so sehr Schüler, denen die Schrift abhanden gekommen ist«, hält er seinem Freund
I

Im französischen Original »Verbe«.

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entgegen, »als Schüler, die sie nicht enträtseln können, sind jene Studenten, von denen Du am Ende sprichst.« (Ebd., S. I 58) Geltung ohne Bedeutung:* Es gibt keine bessere Definition des Banns, mit dem unsere Zeit nicht zu Rande kommt, als diese Formel, mit der Scholem den Status des Gesetzes in Kafkas Roman erfaßt. Welches ist denn die Struktur des souveränen Banns, wenn nicht die eines Gesetzes, das gilt, aber nicht bedeutet? Überall auf der Erde leben die Menschen heute im Bann eines Gesetzes und einer Tradition, die sich einzig als »Nullpunkt« ihres Gehalts erhalten und die die Menschen in eine reine Beziehung der Verlassenheit [abbandono] einschließen. Alle Gesellschaften und alle Kulturen (gleichviel ob demokratisch oder totalitär, konservativ oder progressiv) sind heute in eine Krise der Legitimität geraten, in der das Gesetz (damit ist hier der ganze Text der Tradition unter seinem regulativen Aspekt gemeint, sei das nun die jüdische Thora oder die islamische Scharia, das christliche Dogma oder der profane nomos) als reines »Nichts der Offenbarung« gilt. Doch das ist gerade die ursprüngliche Struktur der souveränen Beziehung, und in dieser Perspektive ist der Nihilismus, in dem wir leben, nichts anderes als das Auftauchen dieser Beziehung als solcher.
4.3. Die reine Form des Gesetzes als »Geltung ohne Bedeu-

tung<< erscheint in der Moderne das erste Mal bei Immanuel Kant. Was er in der Kritik der praktischen Vernunft »bloße Form des Gesetzes« nennt (Kant I, S. I 38), ist in der Tat ein auf den Nullpunkt seines Gehalts reduziertes Gesetz, das gleichwohl als solches gilt. »Nun bleibt von einem Gesetze«, so Kant, »wenn man alle Materie, d. i. jeden Gegenstand des Willens (als Bestimmungsgrund) davon absondert, nichts übrig, als die bloße Form einer allgemeinen Gesetzgebung.« (Ebd., S. 13 5 f.). Ein reiner Wille, der also nur mittels einer solchen Form des Gesetzes bestimmt, ist »weder frei noch unfrei« (Kant 2, S. 3 32), genau wie derjenige von Kafkas Mann vom Lande. Die Grenze, aber zugleich auch der Reichtum der Kantschen Ethik liegt gerade darin, die Form des Gesetzes als leeres Prinzip gelten zu lassen, Dieser Geltung ohne Bedeutung in der Sphäre der Ethik entspricht in der Sphäre der Erkenntnis das transzenI Im Original deutsch beigefügt.
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dentale Objekt. Das transzendentale Objekt ist nämlich kein reales Objekt, sondern »bloß eine Vorstellung der Verhältnisse«, die nur das Im-Verhältnis-Sein des Denkens zu einem absolut unbestimmten Gedanken ausdrückt (Kant 3, S. 671). Aber was ist eine solche »Gesetzesform«? Und wie vor allem soll man sich ihr gegenüber verhalten, wenn doch der Wille hier von keinem besonderen Gehalt bestimmt ist? Welches ist mithin die der Gesetzesform entsprechende Lebensform? Wird dergestalt das moralische Gesetz nicht zu einem »unerforschlichen Vermögen« (Kant 1, S. 162) ? »Achtung« nennt Kant die Verfassung dessen, der unter einem Gesetz zu leben hat, das gilt, ohne zu bedeuten, das heißt, ohne ein bestimmtes Ziel vorzuschreiben oder zu verbieten: »Die Triebfeder, welche der Mensch vorher haben kann, ehe ihm ein Ziel (Zweck) vorgesteckt wird, kann doch offenbar nichts anderes sein als das Gesetz selbst, durch die Achtung, die es (unbestimmt, welche Zwecke man haben und durch dessen Befolgung erreichen mag) einflößt. Denn das Gesetz in Ansehung des Formalen der Willkür ist ja das einzige, was übrig bleibt, wann ich die Materie der Willkür [. . .] aus dem Spiel gelassen habe.« (Kant 4, S. I 1) Es ist erstaunlich, wie Kant damit fast zwei Jahrhunderte im voraus und unter dem Titel eines erhabenen »moralischen Gefühls« (Kant I, S. 195) eine Verfassung beschrieben hat, die vom Ersten Weltkrieg an in der Massengesellschaft und in den großen totalitären Staaten vertraut sein wird. Denn das Leben unter einem Gesetz, das gilt, ohne zu bedeuten, gleicht dem Leben im Ausnahmezustand, in dem die unschuldigste Geste und die kleinste Vergeßlichkeit die extremsten Konsequenzen haben können. Und es ist genau ein Leben dieser Art, wie es Kafka beschreibt, in dem das Gesetz um so durchdringender ist, je mehr es ihm an jeglichem Gehalt mangelt, und ein zerstreutes Klopfen an ein Tor unkontrollierbare Prozesse in Gang setzen kann. So wie für Kant der rein formale Charakter des moralischen Gesetzes den allgemeinen Anspruch begründet, so gilt im Kafkaschen Dorf die leere Potenz des Gesetzes dermaßen, daß sie vom Leben ununterscheidbar wird. Die Existenz und selbst der Körper von Josef K. fallen am Ende mit dem Prozeß zusammen, sie sind der Prozeß. Das erkennt Benjamin klar, wenn er gegen Scholems Vorstellung einer Geltung ohne Bedeutung einwendet, daß ein Gesetz, das seinen Gehalt verloren habe, als solches zu existie63

ren aufhöre und sich nicht mehr vom Leben unterscheide: »Ob sie [die Schrift] den Schülern abhanden gekommen ist oder ob sie sie nicht enträtseln können, kommt darum auf das gleiche hinaus, weil die Schrift ohne den zu ihr gehörigen Schlüssel eben nicht Schrift ist sondern Leben. Leben wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird.« (Benjamin und Scholem, S. 167) Um so entschlossener entgegnet wiederum Scholem (der nicht merkt, daß sein Freund den Unterschied sehr genau erfaßt hat), er könne die »Meinung, daß es eines sei, ob die ,Schrift< den Schülern abhanden gekommen ist oder ob sie sie nicht enträtseln können, [. . .] gar nicht teilen« und sehe »darin mit den größten Irrtum, der Dir begegnen konnte. Eben die Differenz dieser beiden Stände ist es, die ich mit meiner Äußerung vom Nichts der Offenbarung treffen will.« (Ebd., S. 175) Wenn unseren vorangehenden Analysen zufolge der wesentliche Zug des Ausnahmezustandes in der Unmöglichkeit liegt, das Gesetz vom Leben zu unterscheiden - das heißt. in dem Leben, wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird -, dann stehen sich hier zwei verschiedene Interpretationen dieses Zustandes gegenüber: auf der einen Seite diejenige Scholems, die darin eine Geltung ohne Bedeutung sieht, eine Erhaltung der reinen Form des Gesetzes jenseits seines Gehaltes; auf der anderen Seite Benjamins Sichtweise, für die der zur Regel gewordene Ausnahmezustand anzeigt, daß das Gesetz dabei ist, sich aufzuzehren und mit dem Leben, das es regulieren sollte, zu verschwimmen. Einem unvollkommenen Nihilismus, der das Nichts in Form einer Geltung ohne Bedeutung unbestimmt bestehen läßt, steht Benjamins messianischer Nihilismus gegenüber, der auch das Nichts für nichtig erklärt und die Form des Gesetzes jenseits ihres Gehaltes nicht gelten läßt. Wie auch immer es um die genaue Bedeutung dieser beiden Auffassungen und ihr Zutreffen auf die Interpretation von Kafkas Text stehen mag, sicher ist, daß heute jede Forschung über das Verhältnis zwischen Leben und Recht auf sie zurückkommen und sich mit ihnen auseinandersetzen muß.
K Die Erfahrung der Geltung ohne Bedeutung liegt einer nicht unerheblichen Strömung des zeitgenössischen Denkens zugrunde. Das Verdienst der Dekonstruktion besteht heute nämlich genau darin, daß sie den ganzen Text der Tradition als Geltung ohne Bedeutung auffaßt, die im wesentlichen auf der Unentscheidbarkeit beruht, und auch gezeigt hat,

daß eine solche Geltung, wie die Tür des Gesetzes in Kafkas Parabel, absolut unüberwindbar ist. Doch gerade über den Sinn dieser Geltung (und den Ausnahmezustand, den sie eröffnet) gehen die Meinungen auseinander. Unsere Zeit steht in der Tat vor der Sprache wie in der Parabel der Mann vom Lande vor der Tür des Gesetzes.’ Das Denken riskiert hier, sich zu unendlichen und unlösbaren Verhandlungen mit dem Türhüter verdammt zu sehen oder, schlimmer noch, zuletzt selbst den Posten des Türhüters einzunehmen, der, ohne das Eintreten wirklich zu verhindern, das Nichts bewacht, auf das sich die Tür öffnet. Die Mahnung des Evangeliums, die Origenes in bezug auf die Auslegung der Schrift zitiert, lautet: ,Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, [. . .] die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, laßt ihr nicht hineingehen.« Sie müßte wie folgt reformuliert werden: »Wehe euch, die ihr nicht in die Tür des Gesetzes eintreten wolltet und auch nicht erlaubtet, daß sie geschlossen würde.« 4.4. Aus dieser Perspektive muß sowohl die eigenartige »Um-

kehr« gelesen werden, die Benjamin in seinem Kafka-Essay der Geltung ohne Bedeutung entgegensetzt, wie auch die rätselhafte Anspielung auf einen »wirklichen« Ausnahmezustand in der achten These über den Begriff der Geschichte. Einer Thora, zu welcher der Schlüssel verlorengegangen ist und die deshalb vom Leben ununterscheidbar zu werden droht, läßt Benjamin ein Leben entsprechen, das sich vollständig in Schrift auflöst: »In dem Versuch der Verwandlung des Lebens in Schrift sehe ich den Sinn der >Umkehr<, auf welche zahlreiche Gleichnisse Kafkas [. . .] hindrängen.« (Benjamin und Scholem, S. 167) In einer analogen Bewegung setzt die achte These dem Ausnahmezustand, in dem wir leben, einen »wirklichen«2 Ausnahmezustand entgegen, den herbeizuführen uns auferlegt sei: »Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der >Ausnahmezustand<, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff von Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustandes vor Augen stehen.« (Benjamin 3, S. 697) Wir haben gesehen, inwiefern das Gesetz, das reine Gesetzesform, schiere Geltung ohne Bedeutung geworden ist, mit dem Leben zusammenzufallen droht. Doch insofern das Gesetz im virtuellen Ausnahmezustand sich noch als bloße Form erhält,
I Mit Majuskel (“Legge«). 2 Im Original deutsch beigefügt.

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daß er »schon am Ende« ist). Im wirklichen Ausnahmezustand tritt dem Gesetz. durch welche die großen monotheistischen Religionen versucht haben. die ein Torwächter sein könnte. daß die meisten Interpreten die Legende letztendlich als Lehrfabel einer Niederlage lesen. sie zum Vergleich neben Kafkas Mann vom Lande zu stellen. Provokation nennt. die unentzifferbar geworden ist und sich als Leben darbietet. ob Kafkas Text nicht auch eine andere Leseweise erlaubt. wo doch das Tor weit offensteht. Vor dem Messias steht aufrecht ein Junge einen Schritt vor dem Tor und zeigt darauf. das heißt. den virtuellen Ausnahmezustand wirklich werden zu lassen. und noch weniger es einfach durch ein anderes ersetzen (die Erfüllung eines Gesetzes ist nicht ein neues Gesetz). Und am Ende gelingt dem Mann vom Lande sein Vorhaben ja tatsächlich. Der Vorschlag kann nur dann angenommen werden. Wer immer diese Gestalt auch sei (es könnte sich um den Propheten Elia handeln). antwortet die absolute Intelligibilität eines in Schrift aufgelösten Lebens. im Judentum wie im Christentum oder im schiitischen Islam. die einen nicht eintreten läßt. Ich gehe jetzt und schließe ihn. daß die Tür des Gesetzes (die schließlich »nur für ihn« offengestanden hat) geschlossen wird -wenn vielleicht auch um den Preis des Lebens (doch die Geschichte sagt nicht. aber umgekehrten Bewegung vollständig in Gesetz verwandelt. Die messianische Aufgabe des Mannes vom Lande (und des Jungen. der zufolge die Erfüllung der Thora ihre Überschreitung ist). aber hartnäckigen Mann vom Lande eine »verhinderte« christliche »Messiasfigur« zu sehen (Weinberg. Der Messias erscheint zu Pferd (in anderen Illustrationen ist das Reittier ein Esel) vor dem weit aufgesperrten Tor der Heiligen Stadt. im schüchternen. weil sie zu weit offensteht. eines nicht wiedergutzurnachenden Scheiterns des Mannes vom Lande vor der unmöglichen Aufgabe. gerade das Offenstehen die unbezwingbare Macht des Gesetzes. Kurt Weinberg hat in seiner Interpretation vorgeschlagen. nachdem man das Tor geschlossen hat. den Türhüter zum Schließen der Tür des Gesetzes zu zwingen (das Tor von Jerusalem). die das Gesetz ihm auferlegte. daß das ganze Verhalten des Mannes vom Lande nichts anderes ist als eine komplizierte und geduldige Strategie. hinter dem ein Fenster eine Gestalt zu sehen gibt. 4. dann ist diese eine paradoxe Form der Provokation. wie wir gesehen haben. Ihre Aufgabe scheint darin zu bestehen. Wenn man jene Strategie. es ist jedenfalls möglich. das schon im Zustand der unbestimmten Aufhebung ist. sondern die Grenzvorstellung dieser Erfahrung. seine spezifische »Kraft<< bildet. Der Undurchdringbarkeit einer Schrift. welche die Bann-Beziehung unterschied und zusammenhielt (das nackte Leben und die Gesetzesform). der Punkt. der sich wie der Mann vom Lande vor einem Gesetz im Zustand der Geltung ohne Bedeutung befindet? Er kann gewiß nicht ein Gesetz erfüllen. Mit Recht kann man aber fragen. S. jedoch ein Leben entgegen. welche die Potenz des Gesetzes dazu zwingt. Im Monotheismus ist der Messianismus mithin nicht einfach eine Kategorie der religiösen Erfahrung unter anderen. es heißt lediglich. Jahrhunderts mit Haggadoth über »Den der kommt« zeigt die Ankunft des Messias in Jerusalem. Doch wenn das wahr ist. der in der Miniatur vor dem Tor steht) könnte genau darin bestehen. die einem Gesetz. um die Geltung zu unterbrechen.« Wenn es wahr ist. den Eintritt des Messias vorzubereiten und zu erleichtern . denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. nachdem die Geltung ohne Bedeutung aufgehört 67 . das gilt. was soll dann ein Messias tun. daß der Messias die Figur ist. das sich in einer symmetrischen. mit dem Problem des Gesetzes fertig zu werden. mit denen die Geschichte endet: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten. sich in einen Akt umzusetzen. von denen sowohl der Römerbrief des Paulus als auch die Sabbathianische Lehre zeugen. er erreicht. dann können wir uns auch vorstellen.eine paradoxe Aufgabe. und daß 66 seine Ankunft. Denn der Messias wird erst eintreten können. angemessen ist. Erst an diesem Punkt heben die beiden Glieder.läßt es vor sich das nackte Leben bestehen (das Leben von Josef K. I 32).5. Eine Miniatur in einer Handschrift des I 5. die einzige. das sich im Unbestimmten des Leben verliert. oder wie es im Dorf am Schloßberg geführt wird). die Schließung zu erreichen. Es ist bezeichnend. ob er wirklich tot ist. die Erfüllung und die vollständige Aufzehrung des Gesetzes bedeutet. einander auf und treten in eine neue Dimension ein. daß. Die Interpreten scheinen nämlich die Worte zu vergessen. ohne zu bedeuten. und einer Tür. an dem sie sich selbst überwindet und als Gesetz in Frage stellt (daher die messianischen Aporien des Gesetzes. wenn man nicht vergißt.

mit dem Gesang der Sirenen fertig zu werden. Diese Erfüllung bedeutet jedoch nicht. das von der Erschaffung des Menschen bis in die Tage des Messias gilt). am strengsten gedacht hat. mit dem souveränen Bann fertig zu werden. Die Beraubung des verlassenen Seins mißt sich an der grenzenlosen Strenge des Gesetzes. sondern die ganze abendländische Geschichte als »Epoche der Verlassenheit« zu denken. er wird erst einen Tag nach seiner Ankunft kommen. S. genauso wie der Mann vom Lande gegenüber dem Hüter des Gesetzes. was die radikalen messianischen Bewegungen ohne Umschweife behaupten. einer [. Dem Absoluten des Gesetzes ausgeliefert. daß die Erfüllung der Thora nun mit der Überschreitung zusammenfällt. . d a ß gerade ihr Ausgang die Möglichkeit birgt. . was nicht zu geschehen scheint. so daß das. Vom politisch-juridischen Standpunkt aus betrachtet ist der Messianismus folglich eine Theorie des Ausnahmezustandes.haben wird. 3 59). »ein Ereignis. [.« Der letzte Sinn der Legende ist nicht. wie diejenige von Sabbathai Zwi (dessen Motto lautete: »Die Erfüllung der Thora ist ihre Überschreitung*). wie Derrida schreibt. vor diesem oder jenem Gerichtsherrn zu erscheinen. und die messianischen A p o r i e n d e s M a n n e s v o m L a n d e d r ü c k e n g e n a u d i e Schwierigkeiten aus. in ihm restlos zusammenfallen (wer während einer Ausgangssperre spazierengeht. Das ist der Sinn des rätselhaften Satzes in Kafkas Oktavheften: »Der Messias wird erst kommen. Das ist es. und ihnen seine Komödie *nur gewissermaßen als Schild entgegengehalten« zu haben.] Die Verlassenheit kann nicht umhin. wenn er nicht mehr nötig sein wird. In einem extrem dichten Text bestimmt er deren ontologische Struktur als Verlassenheit [abbandono] und versucht konsequenterweise nicht nur unsere Zeit. daß das alte Gesetz einfach durch ein neues ersetzt wird. Desgleichen . daß in ihm die Überschreitung des Gesetzes und seine Ausübung nicht unterschieden werden können. das dem vorangehenden homolog ist. sondern der Messias. Man verläßt stets in bezug auf ein Gesetz. 149f. . die Geschichte berichtet. Die Hartnäckigkeit des Mannes vom Lande weist Analo68 gien zu Odysseus’ List auf. K Eine besondere Eigenschaft der Kafkaschen Allegorien liegt darin.* (Nancy. mit denen der Mensch wie das Pferd Bucephalus um jeden Preis fertig werden muß. Und wie die »Tore Indiens« in Der ueue Advokat kann auch die Tür des Gesetzes als Symbol jener mythischen Kräfte betrachtet werden. N Eines der Paradoxe des Ausnahmezustandes besteht darin. in Ausübung des Gesetzes. Es ist ein Zwang. sondern am allerletzten. überschreitet das Gesetz nicht mehr als der Soldat. der die Erfahrung des Gesetzes. bemerkt zu haben. sondern das Schweigen (es »ist zwar nicht geschehen. s. und die Verlassenheit wird als überlassensein [abbandono] an den souveränen Bann [Gando] gedacht.) I Mit Majuskel (»Lege«). So wie das Gesetz in der Parabel unüberwindbar ist. sondern unter dem Gesetz schlechthin. enthält keine Vorschriften und Untersagungen.’ welche die Geltung ohne Bedeutung mit sich bringt. ohne daß sich ein Weg darüber hinaus auftäte: »Verlassen [abandonner] bedeutet. Ganz «. sondern lediglich eine ungeordnete Ansammlung von Briefen). vor ihrem Schweigen gewiß nicht«). das ursprüngliche Gesetz.heißt verbannt sein nicht. anzuvertrauen oder auszuliefern. er wird nicht am letzten Tag kommen. das nach den Kabbalisten der Messias wiederherstellen muß. und der geradezu übermenschliche Verstand von Odysseus besteht genau darin. anzuvertrauen oder auszuliefern.es ist die gleiche Sache . unter einer bestimmten Gesetzesdisposition zu laufen. dem es sich ausgesetzt findet. aber einfach andere Vorschriften und andere Verbote enthält (die Thora von Azilut. sich nicht zu ereignen« (»un événement qui arrive à ne pas arriver«. 69 . was sie verletzt. auf die unsere Zeit beim Versuch. Jean-Luc Nancy ist der Philosoph. dem Gesetz als solchem und in seiner Totalität. aber vielleicht denkbar. daß die Sirenen schweigen. Hier ist vielmehr gemeint. die in der jüdischen Tradition (und eigentlich in jeder genuinen messianischen Tradition) bei der Ankunft des Messias eintritt. der ihre Macht subvertiert. trifft. so ist auch hier die schrecklichste Waffe der Sirenen nicht der Gesang. die Bedeutung völlig umzukehren. daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte. Das ist exakt die Situation. . das heißt des Gesetzes. der ihn gegebenenfalls. tötet).6. im Gegenteil. das Gesetz zu achten. ist der Verbannte außerhalb jeder Rechtssprechung gelassen. Die von ihm beschriebene Struktur bleibt dennoch innerhalb der Gesetzesform. was der Norm entspricht und das. daß tatsächlich etwas geschehen ist. nur wird ihn eben nicht die geltende Autorität ausrufen. ihrem Bann. Die Verlassenheit ist nicht eine Vorladung. 4.] souveränen Macht zu überlassen. weil es nichts vorschreibt. das erreicht. Derrida 1. absolut unter dem Gesetz zu erscheinen. Die erste Konsequenz dieser Ankunft ist die Erfüllung und Aufzehrung des Gesetzes (den Kabbalisten zufolge jenes Gesetzes der Thora von Beria. das heißt ihrer Ausrufung. ihrer Einberufung und ihrem Urteil zu überlassen.

kann nicht allein in der Erkenntnis der äußersten und unüberwindbaren Form des Gesetzes als Geltung ohne Bedeutung bestehen. ist das Sein selbst. die wir mit der Geltung ohne Bedeutung umschrieben haben (das erklärt die derzeitigen Versuche.115) Wenn das Sein in diesem Sinn nichts anderes als das Im-BannSein des Seienden [l’essere a bandono dell’ente] ist. I I 1) I Im Original deutsch und anschließend mit »abbandono dell’ente da parte dell’essere« (Verlassenheit des Seienden durch das Sein) übersetzt. die wir als Paradox der Souveränität (oder als souveränen Bann) definiert haben. 70 . S. Dies erfordert aber nicht weniger als den Versuch. dieses ihm selbst sich überläßt und es so zum Gegenstand der Machenschaft werden läßt. um auf die Heideggersche Ableitung der Aneignung vom Ereignis hinzuweisen 71 »Dann zeigt sich: daß das Sein das Seiende verläßt. eine staatliche Souveränität. Was ist ein Staat. Die Beziehung als Geltung ohne Bedeutung. dem wir überlassen sind«. vielmehr bestehen sie nun miteinander ohne Beziehung. In diese Richtung scheint sich auch . Das Seiende erscheint dann so.. Jedes Denken. X Alexandre Kojèves Thesen vom Ende der Geschichte und der daraus folgenden Einrichtung eines homogenen Universalstaates bieten viele Analogien mit der epochalen Situation. besagt: das Seyn werbirgt sich in der Offenbarkeit des Seienden. doch die leere Form der Beziehung ist kein Gesetz mehr. und nur.« (Heidegger I. das I »Ereignis« im Original deutsch beigefügt. S. daß jetzt jedes für sich selbst herumtreibt. das sich darauf beschränkt. Auf der Höhe der Aufgabe würde sich heute nur ein Denken bewegen. wo sie sich von jeder Idee des Gesetzes oder des Geschicks loslöst (die Kantsche Gesetzesform und die Geltung ohne Bedeutung einbegriffen).. I I I) »Seinsverlassenheit: daß das Seyn das Seiende verläßt. daß die Beziehung der Verlassenheit gar keine Beziehung ist.wiewohl in ungenügender Weise . Kojève liberal-kapitalistisch zu aktualisieren). es erscheint sich als Gegenstand und Vorhandenes.« (Ebd. wenn es gelingt. sondern ist die Geschichte des Seyns selbst [. die sich über das Erreichen des historischen Telos hinaus erhält. das sich Heidegger in den Beiträgen z u r Philosophie unter der Rubrik der Seinsverlassenheit’ vornimmt. Deswegen muß man sich der Idee öffnen. das zugleich das Ende des Staates und das Ende der Geschichte zu denken und das eine gegen das andere zu mobilisieren vermöchte. Das heißt nicht. Das Problem. S.Was unsere Zeit dem Denken aufgibt. Dies alles ist nicht einfach >Verfall‹. dann zeigt sich das Paradox der ontologischen Struktur der Souveränität hier unverhüllt. Was angeeignet wird. das politisch-sozialefactum nicht mehr in Form einer Beziehung zu denken. ist nicht.cc (Ebd. wiederholt b l o ß die ontologische Struktur. sondern eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Gesetz und Leben. das Sein der Verlassenheit jenseits jeder Idee von Gesetz (auch in der leeren Form einer Geltung ohne Bedeutung) zu denken. daß das Zusammensein des Seins und des Seienden nicht die Form einer Beziehung hat. das mit dieser Verlassenheit ansteht. das gilt. das heißt als überlassensein an und Verlassensein von einem Gesetz. denn die leere Form des Staates neigt dazu. werden wir aus dem Paradox der Souveränität hinaustreten in Richtung einer von jeglichem Bann losgelösten Politik. Im Gegenteil: Das Sein ist hier nichts anderes als die Seinsverlassenheit und das Sich-selbstüberlassen-sein des Seienden. das Sein ist nichts anderes als der Bann des Seienden: »Was ist wovon verlassen? Das Seiende von dem ihm und nur ihm zugehörigen Seyn. der die Geschichte überlebt. . die ihrerseits einer unmöglich gewordene Staatsform zustreben (das geschieht in der Ex-Sowjetunion und in Ex-Jugoslawien).der späte Heidegger mit der Idee eines Ereignisses als einer letzten Aneignung’ zu bewegen. Eine reine Gesetzesform ist lediglich die leere Form der Beziehung. epochale Inhalte zu erzeugen.? Eine Erfüllung der Geschichte. das heißt die sich selbst voraussetzende Macht des nomos. als ob Seyn nicht weste. entläßt. daß etwas (das Sein) etwas anderes (das Seiende) gehen läßt. das heißt nicht weniger als das Problem der Einheit/Differenz von Sein und Seiendem im Zeitalter der Erfüllung der Metaphysik. ist ebenso unmöglich zu denken wie die Auslöschung des Staates ohne Erfüllung seiner historischen Formen. Das Problem ist hier dasselbe wie dasjenige. zu lesen. ohne zu bedeuten. das nichts außer sich selbst vorschreibt. wird die Verlassenheit auch wirklich als solche erfahren. Die Souveränität ist nämlich genau dieses »Gesetz jenseits des Gesetzes. bedeutet. Die Beziehung der Verlassenheit muß nun neu gedacht werden. Nur dort.]. in der die leere Form der Souveränität fortbesteht. . Und das Seyn wird selbst wesentlich als dieses Sichentziehende Verbergen bestimmt. ein Ausnahmezustand. innerhalb des Nihilismus zu verharren und nicht bis zur äußersten Erfahrung der Verlassenheit vorzustoßen. wenn nicht ein Gesetz.

in der genau die Figur der Souveränität im Zeitalter der Erfüllung der Menschheitsgeschichte auf dem Spiel steht. die sich nicht (wie die individuelle Tätigkeit oder die kollektive Handlung. Hier sind mehrere Szenarien möglich. dem Kampf. daß mit dem Ereignis’ (wie mit Hegels Absolutem in der Lesart von Kojève) die »Seinsgeschichte zu Ende« ist (Heidegger 2. wonach das Ende der Geschichte einfach mit dem Rückschreiten des Menschen zum Tier.] dem Lachen. . die Formen von ihren Inhalten zu trennen.heißt das Prinzip. Das ist die Perspektive. I »Ohne Einsatz« oder Bohne Anstellung«. was nichts anderes meint als den Versuch. . zusammenfällt. das zum ersten Mal in Kojèves Rezension von Queneau auftaucht. . in denen der Mensch sich sich selbst gibt: [. in der die Menschen. nicht um letztere aktiv zu verändern. in der die Debatte zwischen Bataille und Kojève betrachtet werden muß. 59. daß er im Ereignis »das Sein ohne Rücksicht auf das Seiende« zu denken versuche. Hegels zufriedenem. obwohl sie die negierende Tätigkeit im engen Sinn aufgegeben hätten. Deshalb kann Heidegger schreiben. siehe auch oben Anm. S. was man unter d&zuvrement versteht. die des Augenblicks«. Auf einer Japan-Reise im Jahr 1959 hat er die Möglichkeit einer posthistorischen Kultur behauptet. mit seinem Verschwinden als Mensch im eigentlichen Sinn zusammenfällt (das heißt als Subjekt der negierenden Tätigkeit). sondern um eine Art von »Snobismus im Reinzustand« zu pflegen (die Teezeremonien etc.). der Erotik. Die einzige kohärente Auffassung von d&wvrement wäre die einer unbestimmten Existenz der Potenz. die als Summe der individuellen Tätigkeiten begriffen wird) in einem transitus de potentia in actum erschöpft. Das Thema des dhwurement als Figur der Fülle des Menschen am Ende der Geschichte. Sein und Seiendes jenseits jedes möglichen Verhältnisses zu denken. letzterer hat es ins Zentrum seines Buches La Communaute dksczuvr6e gestellt. die mit den »Formen. das bisher das Seiende in seinen verschiedenen Epochen und historischen Gestalten bestimmt hat. In seiner Rezension der Romane von Raymond Queneau sieht er andererseits in den Personen von Dimanche de vie und besonders im voyou d&a?uvre 2 die Figur des zufriedenen Weisen am Ende der Geschichte verwirklicht (Kojève. Hier hängt alles davon ab. 2 »Untätiger Stro1ch. selbstbewußtem Weisen und dem voyou dthuvr6 (den Kojève abschätzig homo quenellensis genannt hat) setzt Bataille seinerseits die Figur der im Augenblick aufgezehrten Souveränität entgegen (»la seule innocence possible. fortfahren würden. celle de l’instant«3). 44). 2 auf S. S. 72 piego]’ Form der Negativität. 391). die ontologische Differenz nicht mehr als Beziehung. und folglich findet die Beziehung zwischen Sein und Seiendem ihre »Absolution«. der Verausgabung«. .« 3 »Die einzig mögliche Unschuld. Das bedeutet. In der Vorbemerkung zur zweiten Auflage seiner Introduction a l a lecture de Hegel von 1947 nimmt Kojève Abstand von der in der ersten Auflage vorgebrachten These. Es kann weder die einfache Absenz des Werks [opera/ceuvre] sein noch (wie bei Bataille) eine souveräne und untätige [senza im1 Im Original deutsch. ist von Blanchot und Nancy wiederaufgenommen worden.

Denn Benjamin liefert kein positives Bestimmungskriterium und verneint sogar. Sie offenbart die Verknüpfung zwischen den beiden Gewalten . ist das zentrale Problem jeder Interpretation des Essays. der die Möglichkeit offenhält. auf der Entsetzung des Rechts samt den Gewalten. daß jede rechtserhaltende Gewalt in ihrer Dauer die rechtsetzende. deren Dialektik der Essay zu definieren beabsichtigt. deren Definition der Souveränität er fünf Jahre später in seinem Buch über das barocke Trauerspiel zitierte. . da sie die Zulässigkeit einer sonst unzulässigen Handlung behauptet. Solange der Ausnahmezustand sich vom Normalfall unterscheidet. sondern entsetzt. trotzdem ist der Souverän genau derjenige. daß sie das Recht weder setzt noch erhält.als einzigen realen Inhalt des 75 . sondern nur die Auflösung der Verknüpfung von Gewalt und Recht) kann Benjamin sagen. setzenden und rechtserhaltenden Gewalt einnehmen wurden. welche Stellung diese zur recht74 s. mit denen Derrida in seiner Interpretation des Essays vor ihr warnt. welche in ihr repräsentiert ist. und setzt es. Deshalb kommen die souveräne Gewalt und der Ausnahmezustand.und um so mehr zwischen Gewalt und Recht .* (Benjamin 1. die Benjamin als göttliche bestimmt. zwischen ihnen zu entscheiden. welche dieses zirkuläre Auf und Ab zwischen diesen beiden Formen der Gewalt sprengt: »Dessen Schwankungsgesetz beruht darauf. daß es auch nur möglich sei. Gewiß ist nur. sondern entsetzt. daß die göttliche Gewalt das Recht weder setzt noch erhält. zwischen Ausnahme und Regel zu unterscheiden. die Benjamin die göttliche Gewalt nennt. 120-125). durch die Unterdrückung der feindlichen Gegengewalten indirekt selbst schwächt. daß die souveräne Gewalt mit der göttlichen Gewalt verwechselt werden darf.] Dies währt so lange. auf die es angewiesen ist wie sie auf jenes. Denn ganz offensichtlich wirkt die im Ausnahmezustand ausgeübte Gewalt weder rechtserhaltend noch einfach rechtsetzend.Schwelle Die vorbehaltlose Bloßlegung der irreduziblen Verknüpfung von Gewalt [violenza] und Recht macht Benjamins Kritik der Gewalt zur . Gewalt und Recht. 202) Die Definition dieser dritten Figur. zuletzt also der Staatsgewalt. Sie steht zur souveränen Gewalt in derselben Beziehung wie in der achten These der wirkliche Ausnahmezustand zum virtuellen. und es zugleich erhält. in der Kritik nicht vor. Außen und Innen. mit bemerkenswerter Verkennung. Deswegen (das heißt insofern sie nicht eine Art von Gewalt unter anderen ist. bis entweder neue Gewalten oder die früher unterdrückten über die bisher rechtsetzende Gewalt und damit ein neues Recht zu neuem Verfall begründen. indem sie es aufhebt. wenn man sie in Beziehung zum Ausnahmezustand setzt. Deswegen ist sie auch den gefährlichsten Mißverständnissen ausgeliefert (davon zeugen die Skrupel. begründet sich ein neues geschichtliches Zeitalter. welche die Politische Theologie begründet. indem er sie. In diesem Sinn läßt sich die souveräne Gewalt ebensowenig wie die göttliche Gewalt ganz auf eine jener beiden Formen reduzieren.notwendigen Vorbedingung jeder Untersuchung über die Souveränität. daß die souveräne Gewalt das Recht setzt. der nazistischen »Endlösung« annähert. Doch bedeutet das wiederum nicht. S. Die Wurzel der Doppeldeutigkeit der göttlichen Gewalt muß vielleicht gerade in diesem Mangel gesucht werden. wird die Dialektik zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt nicht wirklich aufgebrochen. [. sie im konkreten Fall zu erkennen. Als Benjamin 1920 an Kritik der Gewalt arbeitete. und zwar im selben Maß. Denn die souveräne Gewalt öffnet eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Gesetz und Natur. ist indes in einer Zone angesiedelt. und die souveräne Entscheidung erscheint sogar bloß als Medium. wie er sie vermischt. da der Inhalt des neuen Rechts nur in der Bewahrung des alten besteht). In Benjamins Analyse stellt sich diese Verknüpfung zunächst als ein »dialektisches Auf und Ab« zwischen rechtsetzender Gewalt und rechtserhaltender Gewalt [violenza] dar. in dem sich der übergang vom einen zum anderen vollzieht (in diesem Sinn kann man sagen. Derrida 2. Daher die Notwendigkeit einer dritten Figur. Die Definition der göttlichen Gewalt fallt sogar leichter. Auf jeden Fall bleibt die Verbindung zwischen Gewalt und Recht auch in ihrer Ununterscheidbarkeit erhalten.heute noch immer unerreichten . sondern sie erhält das Recht. Auf die Durchbrechung dieses Umlaufs im Banne der mythischen Rechtsformen. Die Gewalt. indem sie sich davon ausnimmt. wo es nicht mehr möglich ist. und es ist nicht leicht zu sagen. . kannte er aller Wahrscheinlichkeit nach Schmitts Politische Theologie nicht.

an dem sich der Essay so etwas wie einer Definition der souveränen Gewalt nähert. das sich für die Griechen in eine Vielzahl von Aspekten und Elementen auflöst.«* (Benjamin 1. sondern auch kein Wort. die Herrschaft des Rechts über das Lebende in Frage zu stellen. im Augenblick der Einsetzung des Bezweckten als Recht aber die Gewalt nicht abdankt. erst nach dem Tod eine Einheit darstellte. was aber wird von ihr ausgenommen und zugleich in sie 77 .« (Benjamin 1. »geht [. den Menschen eigenen Lebensart). . von z&r und ez2 zZn (das heißt von Leben im allgemeinen und der qualifizierten. sondern sie nun erst im strengsten Sinne und zwar unmittelbar zur rechtsetzenden macht. 199f. in einer scheinbar brüsken Bewegung dem Träger der Verknüpfung von Gewalt und Recht zuwendet. Das Prinzip der Heiligkeit des Lebens ist uns so vertraut geworden. daß das alte Griechenland.) Es ist darum kein Zufall. was in gewissem Sinn das Ziel des Essays ist. muß es. Für ihn ist es verdächtig. Vielleicht. den sie verlor. was als Recht eingesetzt wird. das in späteren Epochen zu einem guten Aquivalent für unseren »Körper« wird. 202) Genau an diesem Ursprung werden wir mit unserer Untersuchung beginnen. Wenn das zutrifft. sondern auch die »Auslösung der Rechtsgewalt«. sondern notwendig und innig an sie gebundenen Zweck als Recht unter dem Namen der Macht einsetzt. genau das ist. daß wir zu vergessen scheinen. Nicht nur ist die »Herrschaft des Rechtes über den Lebendigen« dem bloßen Leben koextensiv und hört mit diesem auf. die wie das alte Griechenland Opfer feierten und gelegentlich auch Menschenleben darbrachten. ja wahrscheinlich ist es jung. das Leben an sich nicht als heilig betrachtet. es aus seinem profanen Kontext herauszulösen. daß die Rechtsetzung zwar dasjenige. welche den Lebenden unschuldig und unglücklich der Sühne überantwortet. deren Zweck gerade darin bestand. das unsere Zeit dem menschlichen Leben und sogar dem tierischen Leben überhaupt zuschreibt. wann und auf welche Weise ist dann ein menschliches Leben zum ersten Mal für sich selbst als heilig betrachtet worden? Bislang haben wir uns mit dem Aufzeigen der logischen und topologischen Struktur der Souveränität beschäftigt. als ihren Zweck mit der Gewalt als Mittel erstrebt. diese Hinweise zu entwickeln und die Beziehung zu analysieren. sondern vom Recht. um die ganze Komplexität der semantischen Sphäre auszudrücken. die wir mit dem einzigen Wort »Leben« bezeichnen. Das Wort &za. im kosmologisch Undurchdringlichen zu suchen. »aus der Welt der Lebenden ausgeschlossen werden und [. daß das.] die Schwelle überschreiten. deren entscheidende Funktion in der Ökonomie des Essays bislang ungedacht geblieben ist. 198f. enthält nichts. s. . heilig wurde es nur mittels einer Reihe von Ritualen. nicht aber von einer Schuld. anstatt die göttliche Gewalt zu definieren.Rechts.) Auf den folgenden Seiten werden wir versuchen. den Heiligen.und auch wohl den Schuldigen entsühnt. Die Analyse dieser Figur. »Die Funktion der Gewalt in der Rechtsetzung«. stellt eine wesentliche Verknüpfung zwischen dem bloßen Leben und der rechtlichen Gewalt her. Damit das Opfer heilig wird. zur Klärung dieser Beziehung wie auch zu jedem Versuch. nicht nur dieses Prinzip nicht kannte. wie wenn das Leben an sich. als die letzte Verirrung der geschwächten abendländischen Tradition. die die beiden Welten trennt: dies ist der Zweck der Tötung« (Benveniste. was hier heiliggesprochen wird. indem sie nicht einen von Gewalt freien und unabhängigen.« (Benjamin 1. wenn sich Benjamin. . »ist nämlich zwiefach in dem Sinne. 76 schen der Heiligkeit des Lebens und der Macht des Rechts eine geheime Komplizenschaft gäbe. Benjamin zufolge trägt das Prinzip der Heiligkeit des Lebens.] auf die Verschuldung des bloßen natürlichen Lebens zurück. was dem mythischen Denken nach »der gezeichnete Träger der Verschuldung ist: das bloße Leben«. dem wir den Großteil unserer ethisch-politischen Konzepte verdanken. S. die seine Verschuldung >sühnt< . wie wenn es zwiI Im Original »sühnt« und -entsühnt« deutsch beigefügt. Die Opposition von z& und bios. bedeutet ursprünglich bloß »Kadaver«. »Dem Ursprung des Dogmas von der Heiligkeit des Lebens nachzuforschen möchte sich verlohnen. was an ein Vorrecht oder eine Heiligkeit des Lebens als solchen denken ließe. schreibt Benjamin am einzigen Punkt. Im übrigen wurde in Gesellschaften. . S. S. den er »bloßes Leben« nennt. die doch so entscheidend ist für die Anfänge der abendländischen Politik. wie Benveniste erklärt. nichts bei. 441). das homerische Griechisch verfugt nicht einmal über ein Wort für den lebenden Körper. die dieses bloße oder nackte Leben und die souveräne Macht aneinander bindet.

das in der Ausnahme mit dem Souverän in engster Beziehung steht.hineingenommen. bei Schmitt das »wirkliche Leben«. Und diese Beziehung gilt es nun zu klären. das »die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik« »durchbricht«) als Element aus. wer ist der Träger des souveränen Banns? Benjamin wie Schmitt weisen das Leben (das »bloße Leben« bei Benjamin. Zweiter Teil Homo sacer .

ist viel diskutiert worden. Daher pflegt man einen schlechten und unreinen Menschen sacer zu nennen. den das Volk wegen eines Delikts angeklagt hat. quem populus iudicavit ob maleficium. wer ihn jedoch umbringt. zu negieren scheint« (ebd. nicht durch die vom Ritus vorgegebenen Formen zu Tode gebracht werden durfte (neque fas est eum immolari. daß die Definition von Festus »die Sache selbst. die das Wort impliziert. S. in der manche »die frühste Strafe des römischen Strafrechts« (Bennett. Ex quo quivis homo malus atque improbus sacer appellari solet. Der Traktat Über die Bedeutung der Wörter von Sextus Pompeius Festus bewahrt uns unter dem Lemma sacer mons das Gedächtnis einer Figur des archaischen römischen Rechts. qui eo plebei scito sacer sit. den jeder straflos töten konnte. I »Sacer aber ist derjenige. dann wird er nicht als Mörder betrachtet<. sed qui occidit. Der Definition des Hei- ligen Berges. der aufgrund eines Plebiszits sacer ist. Schon Harold Bennett bemerkte 1930 in einer Studie. S.« . denn im ersten tribunizischen Gesetz ist festgelegt: >Wenn einer denjenigen umbringt. Homo sacer I . occiderit.I. wird nicht wegen Mordes verurteilt. I . doch ihre Interpretation wird dadurch kompliziert. daß derjenige. während sie die Heiligkeit einer Person verkündet. 5) sehen wollten. nam lege tribunicia prima cavetur »si quis eum. in der sich die Heiligkeit zum ersten Mal mit einem menschlichen Leben als solchem verbunden findet. den die Plebs im Augenblick ihrer Sezession Jupiter weihte. verb. 7). parricidi non damnatur. ihn zu opfern. und es ist nicht erlaubt. Der Widerspruch wird noch durch den Umstand verstärkt. dieser bezeichnet ursprünglich einen Mord an einem freien Mann)..1 (De sign. immolari bezeichnet das Bestreuen des Opfers mit der mola salsa vor der Tötung). parricida ne sit«. daß sie auf den ersten Blick widersprüchliche Züge trägt.) Der Sinn dieser rätselhaften Figur. autorisiert sie (oder genauer: sie erklärt für nicht strafbar) deren Tötung (welcher Etymologie des Begriffs parricidium man auch immer folgt. fügt Festus unmittelbar an: At homo sacer is est. neque fas est eum immolari.

die Weihung für die unterweltlichen Götter. nachdem er das als sacrum definiert hat. belegt zweifelsfrei ein Abschnitt der Saturnalien (11I7. als Opfer an«. weil er »schon den Besitz der unterirdischen Götter [bildet]. Keine der beide Positionen vermag den beiden Merkmalen. sie haben jedoch keine überzeugende Erklärung für das Opferverbot. die in der sacratio das abgeschwächte und säkularisierte Residuum einer archaischen Phase sehen.8). sie nehmen ihn nicht als Geschenk. wenn er zugleich das impune occidi3 und den Ausschluß vom Opfer formuliert? Daß dieser Ausdruck auch den Römern dunkel erschien. James Leigh Strachan-Davidson). und wir werden I Den Göttern geweiht/verfallen. der als solcher schwerlich eine befriedigende Erklärung findet. ohne ein Sakrileg zu begehen (von daher rührt die nicht schlüssige Erklärung von Macrobius. 3 Straflos getötet werden. auf der anderen Seite diejenigen (wie Karl Kerényi und W. man begreift jedoch überhaupt nicht. daß es manchen sonderbar erscheint [mirum videri]. Ersteren gelingt es zwar. werden wir vielmehr versuchen. Auf der einen Seite finden sich diejenigen (wie Theodor Mommsen. auf ökonomische Weise gleichzeitig Recht zu verschaffen: der Straflosigkeit seiner Tötung und dem Verbot der Opferung. daß die Heiligkeit in seinen Augen problematisch genug war. warum dann jeder den homo sacer umbringen kann. die das Gesetz zu bestimmten Göttern Geweihten [sacros] erklärt. scheinen die beiden Wesenszüge in der Tat schwerlich vereinbar zu sein: Wenn der homo sacer unrein (Fowler: tabu) oder im Besitz der Götter war. aber vielleicht erlaubt er. wonach man die Seelen der homines sacri deshalb auf schnellstem Weg in den Himmel befördern wollte. die sacratio als autonome Figur zu interpretieren. die das Geopferte zum sacer macht«. was für die Götter bestimmt ist.Worin besteht also die Heiligkeit des homo sacer [uomo sacro] ? Was bedeutet der Ausdruck sacer esto. Ludwig Lange. weil sie diis debitae’ waren). wo Macrobius. werden. analog zum Doppelsinn des ethnologischen Tabubegriffs: erhaben und verflucht. 1. was wir von der juridischen und religiösen Ordnung (sowohl vom ius divinum wie vom ius humanum) wissen. deren Juxtaposition nach Festus gerade das Spezifische des homo sacer ausmacht. Warde Fowler). ohne sich zu beflecken oder ein Sakrileg zu begehen? Und wenn er andererseits wirklich Opfer eines archaischen sacrificium oder eines Todesurteils war. einer »Handlung. kann nicht mehr Gegenstand eines sacrificium. den homo sacer zu töten. Kerényi. ihn in vorgeschriebener Form zu Tode zu bringen? Was ist mithin das Leben des homo sacer. Licht auf ihre gegenseitigen Grenzen zu werfen. wie das allzu oft geschehen ist. S. 61). in der das religiöse Recht und das Strafrecht noch nicht unterschieden wurden und man das Todesurteil als Opfer an die Gottheit verstand. solange man im Innern des ius divinum und des ius humanum verbleibt. von den Verhältnissen jener Menschen zu handeln.3 . denn ich weiß wohl. so Kerenyi. Im Innern dessen. sicher ist. 2 Grabsäule. heilige Dinge zu verletzen. Anstatt das Spezifikum des homo sacer in einer behaupteten ursprünglichen Ambiguität des Heiligen nach dem Muster des ethnologischen Tabubegriffs aufzulösen. Der Perplexität der antiqui autores antwortet die Divergenz der modernen Interpretationen. letzteren zwar das neque fas est eum immolari verständlich (der homo sacer. 82 83 . es doch erlaubt sei. Umgekehrt wird in der Perspektive der I Er soll sacer sein. Harold Bennett. die Macrobius an diesem Punkt schuldig zu sein glaubt. außerhalb des menschlichen wie des göttlichen Rechts? Alles deutet darauf hin. um einer Erklärung zu bedürfen. daß wir es hier mit einem Grenzbegriff der römischen Gesellschaftsordnung zu tun haben. wenn es am Kreuzpunkt der zulässigen Tötung und der verbotenen Opferung angesiedelt ist. während es ansonsten verboten ist.2. das impune occidi zu begründen (wie das zum Beispiel Mommsen in Begriffen einer Popolaren oder stellvertetenden Vollstreckung eines Todesurteils tut). wie konnte ihn dann jedermann umbringen.l der mehrmals in den königlichen Gesetzen vorkommt und schon in der archaischen Inschrift auf dem rechteckigen cippus2 des Forums auftaucht. warum war es dann nicht fas. verehrungswürdig und schreckenerregend. hinzufügt: »An diesem Punkt ist es nicht fehl am Platz.« Was immer auch das Gewicht dieser Interpretation sein mag. die darin eine archetypische Figur des Heiligen erblicken. daß.

überrascht nicht. 2. die der Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem. sagte dieser. die zu den Göttern und ihrem Cultus in Beziehung stehen. um mit seiner Ambiguität die abendländische Erfahrung des Heiligen unwiderruflich zu prägen. die sich in einer Zone befindet. bildet sich anfänglich in der spätviktorianischen Anthropologie heraus und überträgt sich unmittelbar danach auf die französische Soziologie. wenn man daran denkt. In der vierten Lektion heißt es: *Neben diesen Formen des Tabu. da eine Gesellschaft.uns fragen. Indoeuropäische Institutionen. 2. ob sie nicht zufällig Licht auf eine originäre politische Struktur wirft. die jeden Bezug zu ihrer religiösen Tradition verloren hatte. müssen wir zuerst ein Mißverständnis ausräumen. die mit einem toten Körper in Be. und in den ersten Jahrzehnten des 20. der am Ende des 19. In diesem Buch tritt der ethnographische Begriff erstmals aus dem Bereich der primitiven Kulturen heraus und dringt ungehindert ins Innere der Forschung der biblischen Religion. Die Ambivalenz des Heiligen . daß es nach der Kompromittierung von Batailles Untersuchungen über die Souveränität auch noch in jenem linguistischen Meisterwerk des 20. die bei den Semiten ihre Parallele in den Gesetzen über die Unreinheit hat. gegenwärtig ist. finden wir noch eine andere Form des Tabu. Frauen nach der Geburt eines Kindes. ihr eigenes Unbehagen zu beklagen begann. das einen so maßgeblichen Einfluß auf Sigmund Freuds Totem und Tabu haben wird (»man liest es«. Doch um uns dieser Zone anzunähern. Aber sein Einfluß auf die Zeit und seine Übertragung auf die anderen Disziplinen sind dermaßen hartnäckig gewesen. Jahrhunderts von Benveniste. 85 . der Priester und Häuptlinge und überhaupt aller Personen und Dinge. indem sie die Unverletzlichkeit der Götterbilder und Heiligtümer. Jahrhunderts entstanden ist und die humanwissenschaftlichen Forschungen auf einem besonders heiklen Gebiet nachhaltig auf den Holzweg gebracht hat. Auf den Interpretationen sozialer Phänomene und ins besondere des Problems vom Ursprung der Souveränität lastet noch immer ein wissenschaftlicher Mythos. Religiösem und Politischem vorausliegt.es handelt sich um jenes Buch. Dieses Mythologem. Daß es zum ersten Mal 1889 in den Lectures on the Religion of the Semites von William Robertson Smith formuliert wurde .1. »als gleite man in einer Gondel dahin«) -. die genau den Regeln der Heiligkeit entsprechen. daß die Lectures zu einem Zeitpunkt erschienen sind. Personen. das wir hier vorläufig »Theorie der Ambivalenz des Heiligen« titulieren können.

Abscheu und das Grausen eine andere. Bedeutsam ist. und die gebannte Stadt durfte nicht wieder aufgebaut werden (Deut. ein und dasselbe Objekt kann sich vielmehr von 87 . dem Schatz des Heiligtums beigefügt (Jos. .) Die Untersuchung des . nicht nur der vom Bann betroffenen Person. die »heilbringenden« und die »unheilbringenden«: In einer der zweiten Ausgabe der Lectures hinzugefügten Anmerkung mit der Überschrift »Heiligkeit. 34).]. Damit aber die Gesten in beiden Fällen die gleichen sind.. sondern auch die seines Eigentums. Smith so bewundernswert ans Licht gebracht hat« (Hubert und Mauss. 7. Bei den meisten wilden Völkern scheinen die beiden eben bezeichneten Arten des Tabu nicht scharf unterschieden zu werden. trat Wundt zufolge auch der Gegensatz von heilig und unrein an die Stelle der ursprüngliche Ambivalenz. daß Robertson Smith zu den Zeugnissen dieses doppeldeutigen Vermögens auch den Bann zählt: »Ein anderer hebräischer Brauch. Erst in einer späteren Phase. S. Unreinheit und Tabu« zählt Robertson Smith eine neue Reihe von Beispielen der Doppeldeutigkeit auf (darunter das Verbot des Schweinefleischs. Auch das Vieh wurde nicht geopfert. 7). verfallt selbst dem Banne. Die elementaren Formen des religiösen Lebens. Die von ihm ausgehende Gefahr ist ebenso wie beim Tabu übertragbar (Deut. die die bösen Mächte erwecken. . impliziert die Doppeldeutigkeit des letzteren. Die dem Tabu unterworfene Person wird in solchen Fällen nicht als heilig betrachtet [..). Und zwischen diesen beiden entgegengesetzten Formen gibt es nicht nur keinen Bruch.dem Tabu angeglichenen . 6. besonders wenn er sehr groß ist. Es gibt iwei Arten des Heiligen. 27. durch den böswillige Sünder und Feinde der Gemeinschaft und ihres Gottes der gänzlichen Vernichtung geweiht werden. zuweilen bedeutet es . nicht identisch: Respekt ist eine Sache. IISf. die in der Formel »heilige Scheu« Karriere machen wird.16. 2. 1 Sam. Jos.13). I I 1) ren. die heilbringenden [faste] und die unheilbringenden [nefaste].« (Robertson Smith. das »in den höher stehenden Religionen der Semiten eine schwankende Stellung zwischen dem Bereich des Heiligen und Unreinen« einnimmt. 195). I 14). Jos.Banns ist von Anfang an maßgebend für die Genese der Lehre von der Doppeldeutigkeit des Heiligen: Die Doppeldeutigkeit des erste86 »Zweifellos sind die Gefühle. Zehn Jahre nach den Lectures eröffnen Henri Hubert und Marcel Mauss ihren zum Klassiker der französischen Anthropologie gewordenen Essai sur la nature et Ia fonction du sacrifice (1 899) ausgerechnet mit der Beschwörung der »Doppeldeutigkeit der heiligen Dinge. War die Theorie von der Ambivalenz des Heiligen erst einmal formuliert. 16. das durch die Furcht vor übernatürlichen Strafen veranlasst ist (1 Kön. der hier erwähnt werden kann. Wer ein gebanntes Ding in sein Haus bringt. dürfen die ausgedruckten Gefühle ihrer Natur nach nicht verschieden sein. S. 7.2. welche die archaischste Phase der Menschheitsgeschichte kennzeichneten.« (Ebd.] Das Reine und das Unreine sind also nicht zwei getrennte Arten. als die ältesten dämonischen Mächte den Göttern wichen. wie auch in der semitischen Religion solche Personen als unrein gelten. I 17). Der Bann ist eine Form der Weihung für die Gottheit: das Verbum für >bannen< wird zuweilen mit >weihen< wiedergegeben (Micha 4. I 5). . Selbst in höher entwickelten Völkern berühren sich vielfach die Begriffe der Heiligkeit und der Unreinheit. [. In der Tat gibt es Grausen im religiösen Respekt. I 3. Sieben Jahre später druckt der Tabubegriff im zweiten Band von Wilhelm Wundts Völkerpsychologie über Mythus und Religion gerade die ursprüngliche Ununterschiedenheit von heilig und unrein aus. S. und die Furcht. worin der »Zweideutigkeit des Begriffs des Heiligen« ein ganzes Kapitel gewidmet ist. ist der Bann (hérem).geloben< (Lev.rührung gekommen sind.. ohne auf Widerstand zu stoßen. das ausschließt. S. breitete sie sich. die R. nachdem sie durch Feuer gereinigt waren. sondern zwei Varianten ein und derselben Art. 28f. daß es »unmöglich ist. Emile Durkheim. die semitische Auffassung der Heiligkeit und der Unreinheit von dem System des Tabu zu sondern« (ebd. sind für eine gewisse Zeit Tabu und von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. 1912 veröffentlicht der Onkel von Mauss. In der ältesten Zeit der Hebräer bezeichnet es jedoch die völlige Vernichtung. 24. die die beiden erwecken. in allen Bereichen der Humanwissenschaften aus -wie wenn die europäische Kultur das Phänomen zum ersten Mal entdeckt hätte. sondern einfach getötet. 26. nur Metalle wurden. die alle heiligen Dinge umfaßt. um sodann zu behaupten. hat im allgemeinen auch achtungsgebietende Züge.24.z6). jene Mischung von Ehrfurcht und Abscheu. ebd. . Ein solcher Bann ist ein Tabu. 6. Hier unterteilt er die »religiösen Kräfte« in zwei gegensätzliche Kategorien. s. indem es einschließt.

der explizit auf die Theorie der Ambivalenz von Durkheim eingeht (so wie das bereits Fowler mit Robertson Smith getan hatte). von daher der Doppelsinn von >heilig< oder >verflucht< (ungefähr). 2. und eine Philosophie. Linguistik und Soziologie in der Sache des Heiligen zu verfolgen. ihre Vereinigung in einer Vorstellung des Heiligen. Daß das Religiöse vollständig in die Sphäre der psychologischen Emotion falle und daß es ganz wesentlich mit dem Schauder und der Gänsehaut zu tun habe. Als Freud Totem und Tubu verfaßt. und der homo sacer. die bei den Religionswissenschaftlern sofort Widerhall fand. welcher der Neologismus »numinos« den Anstrich von Wissenschaftlichkeit verpassen soll. i. aber je nach den Umständen ›heilig< oder verflucht*. In der Möglichkeit dieser Umwandlungen besteht die Zweideutigkeit des Heiligen. Hier feiern eine Theologie. 42).« (Durkheim. worin das europäische Bildungsbürgertum sein Unbehagen gegenüber religiösen Tatsachen verrät). [. findet sich auch. gefährlich. findet auf diese Weise 89 . . Während die zweite Auflage des Lateinischen etymologischen Wörterbuchs (1910) von Alois Walde noch keine Spur der Ambivalenzdoktrin aufweist. kann er direkt von einer scheinbar nun gesichterten lexikalischen Gegebenheit ausgehen: »In Rom bezeichnet das Wort sacer nach der Definition von ErnoutMeillet: .23).<* (Caillois. wie Freud nicht versäumt hervorzuheben. Zwischen der zweiten Auflage des Wörterbuchs von Walde und der ersten Auflage desjenigen von Ernout und Meillet war im Pauly-Wissowa der von Richard Ganschinietz gezeichnete Lexikonartikel Sacer erschienen. aus dem Bereich des profanum gewiesen. Seltsamerweise erwähnten die Anthropologen. auf welche Weise die Lehre von der Doppeldeutigkeit in den Bereich der Sprachwissenschaft eindringt und dort schließlich ihre Hochburg findet (Fugier. e.Wer oder was nicht berührt werden kann. die nunmehr eins ist mit dem Dunklen und Undurchdringlichen. wo er ihm mit seiner Theorie über das Fehlen des Widerspruchsprinzips in den Träumen verband. 1 7. das ist die Trivialität. die angesichts des Gefühls alle Nüchternheit verlassen hat.5 5 1) Hier ist bereits jener Prozeß der. die der Linguist zu den Pariser Soziologen unterhielt (besonders mit Mauss und Durkheim). Freud hat 1910 den Aufsatz über den Gegensinn der Urworte des heute diskreditierten Linguisten Karl Abel gelesen und in einem Artikel rezensiert. auf den dieser Fluch fällt. so erinnert Huguette Fugier an die engen Beziehungen.sich aus in die andere verwandeln. der lateinische Begriff sacer. ohne besonderen Bezug auf eine Gottheit. ist der Boden schon genügend bereitet. hagios)«. die es Fowler (eine Anregung von Robert Marett aufnehmend) erlaubt. ist ein Ausgestoßener. das lateinische sacer mit 88 ’ der Kategorie des Tabu zu verkoppeln (»sacer esto ist tatsächlich ein Fluch. sanktioniert der Dictionnaire étymologique de Ia langue latine von Alfred Ernout und Antoine Meillet die »doppelte Bedeutung« mit einem Verweis auf den homo sacer: »Sacer bezeichnet denjenigen oder dasjenige. tabuisiert. Was Meillet betrifft. . 191 1 ist jedoch Fowlers Aufsatz »The Original Meaning of the Word Sacer« erschienen. den man den unterweltlichen Göttern weiht. K Es ist interessant. die römische sacratio nicht. gr. Hier ist es die in der Definition von Festus implizite Doppeldeutigkeit des Heiligen. die nicht nur auf der Anthropologie und Psychologie. 548 . ohne verunreinigt zu werden oder zu verunreinigen. Fowler. in der Arbeit von Huguette Fugier die Geschichte des Austauschs zwischen Anthropologie. S. Ein Schuldiger. Aus dem Reinen kann man Unreines machen. ohne seine Natur zu verändern. In diesem Prozeß spielt gerade der homo sacer eine entscheidende Rolle. sondern auch auf der Linguistik basiert. 219). Eine rätselhafte Figur des archaischen römischen Rechts. 238 -240). die in sich widersprüchliche Züge zu vereinen scheint und deswegen selbst erklärungsbedürftig war. »heilig und verflucht« (Freud. Huguette Fugier hat in einer gut dokumentierten Studie gezeigt. in dessen Zentrum eine Interpretation des homo sacer steht.] Ursprünglich kann das Wort einfach tabu bedeutet haben. der ein paar Jahre später im Umkreis der Marburger Theologie mit dem Buch von Rudolf Otto über Das Heilige (1917) seinen Abschluß fand. S. und umgekehrt. ein Verbannter. ist heilig (sacer esto: vgl. ohne verunreinigt zu werden oder zu verunreinigen. die als erste die Theorie von der Ambivalenz des Heiligen entwickelten. S. Als Roger Caillois 1939 L’homme et le sacré veröffentlicht. die Abel im Anhang auflistete. Psychologisierung von religiöser Erfahrung am Werk (der »Abscheu« und das »Grausen«.3. S. Dennoch tritt erst mit diesem Buch eine eigentliche allgemeine Theorie der Ambivalenz ans Licht. was man nicht berühren kann. Unter den Worten des Gegensinns. der jeglicher Sinn für das offenbarte Wort abhanden gekommen ist. S.

im Fall des homo sacer dagegen eine Person lediglich außerhalb der menschlichen Rechtsprechung gesetzt wird. bei welcher der Verurteilte. nicht von einem wissenschaftlichen Mythologem verdeckt wird. I S).die Figur des homo sacer zu erklären. Die Struktur der sacratio ist sowohl nach den Quellen wie nach der übereinstimmenden Meinung der Forscher das Resultat der Vereinigung zweier Wesenszüge: der Straflosigkeit der Tötung und der Ausschließung vom Opfer. für die nicht zufällig doppelsinnige Begriffe wie mana. in dem sie ihre unmittelbare Intelligibilität verlieren und wie jedes leere Wort sich mit widersprüchlichen Bedeutungen aufladen können. die der homo sacer verkörpert.Widerhall in der religiösen Kategorie des Heiligen. insofern es die Anwendung des Numa Pompilius zugeschriebenen Gesetzes über den Mord aufhebt (si quis hominem liberum dolo sciens morti duit.’ Dieselbe von Festus wiedergegebene Formel (qui occidit. Und in Verbindung mit dem ethnologischen Begriff des Tabu wird die Doppeldeutigkeit ihrerseits herangezogen. die Geschichte ihrer Verflechtung und ihrer komplexen Beziehungen zu begreifen. Es ist bemerkt worden. übergehen läßt (Fowler. den Kopf mit einem Wolfsfell bedeckt. die Tötung des homo sacer von den rituellen Reinigungen zu unterscheiden und die sacratio entschieden aus dem im eigentlichen Sinn religiösen Bereich auszuschließen. 32 -41).in einem vollendeten Zirkel .« 91 . oder der Sturz vom Tarpeischen Felsen) sind in Wirklichkeit eher Reinigungsriten als Todesstrafen im modernen Sinn: Demnach wurde das neque fas est eum immolari gerade dazu dienen. Das Verbot der Opferung schließt nicht nur jede Angleichung zwischen dem homo sacer und einem geweihten Opfer aus. auf das sich die älteste Bedeutung von sacer bezieht. wie der Begriff mana als überschreitender Signifikant funktioniert. parricidi non damnatur) bildet sogar in gewisser Weise eine eigentliche exceptio in dem technischen Sinn. im Gegenteil. Auf jeden Fall aber ist es wichtig. zusammen mit Schlangen. sondern selbst erklärungsbedürftig ist. Das heilige Leben 3. als das Übermaß der signifikanten Funktion über die Signifikate zu bezeichnen (Levi-Strauss. der keinen anderen Sinn hat. 3. Die ältesten uns bekannten Formen der Vollstreckung der Todesstrafe (die schrecklichepoena cullei. ohne in die göttliche überzugehen. wie Macrobius mit einem Zitat von Trebatius sagt. Es ist nicht eine angebliche Ambivalenz der allgemeinen religiösen Kategorie des Heiligen. Levi-Strauss hat aufgezeigt. diesmal jedoch vom ius divinum und von jeder Form der rituellen Tötung. parricida esto). S. und zwar in einem Moment. S. einem Hund und einem Hahn in einen Sack gesteckt und ins Wasser geworfen wurde. vom Profanen ins Heilige. am Ende des letzten Jahrhunderts zusammen. kann er als Mörder betrachtet werden. um . daß der vor Gericht gestellte Totschläger sich gegen die Anklage auf die Heiligkeit des Opfers berufen kann. das für sich nicht nur nichts erklärt. die das politisch-juridische Phänomen erklären kann. nur eine jeweils sorgfältige Abgrenzung der Sphären des Politischen und des Religiösen erlaubt es.1. die sie entgegengesetzte Bedeutungen annehmen läßt. In gewisser Weise analoge Betrachtungen könnte man über den Gebrauch und die Funktion des Tabu und des Heiligen im Diskurs der Humanwissenschaften zwischen 1890 und 1940 anstellen. I »Wenn jemand absichtlich einen freien Mann tötet. tabu und sacer im Zentrum stehen. Bei den religiösen Phänomenen fällt dieser Moment mit der Geburt der modernen Anthropologie. sondern. Aber auch das neque fas est eum immolari stellt genaugenommen eine Ausnahme dar. Vor allem das impune occidi stellt eine Ausnahme vom ius humanum dar. daß die consecratio üblicherweise einen Gegenstand vom ius humanum ins ius divinum. Im Leben der Begriffe gibt es einen Moment. daß die ursprüngliche juridischpolitische Dimension. da diese selbst eine unwiderrufliche Desemantisierung erfährt.

sowohl vom ius humanum als auch vom ius diuinum. ist es plebejischen Tribunen zusteht. sowohl vom religiösen wie vom profanen Bereich. Nun kann man auch eine erste Antwort geben auf die Frage. dann verfügen wir auch über eine grundlegende Antwort auf die Benjaminsche Frage nach dem »Ursprung des Dogmas von der Heiligkeit des Lebens«. die in Rom den )J Die Verknüpfung zwischen der Verfassung einer politischen Ge- »Während es verboten ist. indem es sich abwendet und zurückzieht.die Zulässigkeit der Tötung implizierte. ist ein menschliches Leben. der nur in einer Ausnahmebeziehung besteht.« ZU verletzen. die wie Giuliano Crifo die sacratio in substantieller Kontinuität mit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft interpretieren. Der politische Raum der Souveränität hätte sich demnach durch eine doppelte Ausnahme als Exkreszenz des Profanen im Religiösen und des Religiösen im Profanen konstituiert. das beißt tötbar. ob die Struktur der Souveränität und die Struktur der sacratio nicht irgendwie verknüpft sind und sich dadurch wechselseitig beleuchten können. Wenn wir nacktes oder heiliges Leben dasjenige Leben nennen. Wenn das stimmt. Die Unantastbarkeit des Tribuns gründet allein auf der Tatsache. dann bildet die sacratio eine doppelte Ausnahme.ist weder als Opfer noch als Mord noch als Vollstreckung eines Urteils noch als Sakrileg einzustufen. ist also nicht so sehr die vermeintlich ursprüngliche Doppeldeutigkeit der Heiligkeit als vielmehr die Eigentümlichkeit der doppelten Einschließung. ist das heilige Leben. 3. S. die diese doppelte Ausnahme aufweist. das heißt tötbar und nicht Opferbar. hominem sacrum ius fuerit occidil). wie das bei den res sacrae der Fall ist (cum cetera sacra violari nefas sit.die nicht sanktionierbare Tötung. der er ausgesetzt ist. so ist der homo sacer der Gottheit in Form des Nichtopferbaren übereignet und in Form des Tötbaren in der Gemeinschaft eingeschlossen. in der man töten kann. seine unwiderrufliche Aussetzung in der Beziehung der Verlassenheit [abbandono]. in die er sich von der Gewalt.2. Wir müssen uns also fragen. Wir sind bereits auf einen Grenzbereich des menschlichen Handelns gestoßen. aber nicht Opferbar. den homo sacer ZU töten. versetzt findet. die das Recht im Ausnahmezustand aufhebt und so das nackte Leben in I ihn einbindet. die weder in diejenige des sacrum facere noch in die der profanen Handlungen gehört. walt und der sacratio belegt auch diepotestus sacrosancta. das in diese Sphäre eingeschlossen ist. Diese Gewalt . Das Leben. ohne einen Mord zu begehen und ohne ein Opfer zu zelebrieren. so stellt er die ursprüngliche Figur des in Bann genommenen Lebens dar und bewahrt das Gedächtnis der ursprünglichen Ausschließung. die eine Zone der Ununterschiedenheit zwischen Opfer und Mord bildet. Der Begriff lex sacrata. daß sie den Schuldigen als homo sacer betrachteten. Was die Verfassung des homo sacer bestimmt. die Vergehen an ihren Vertretern dadurch zu rächen. Wenn sie sich den sanktionierten Formen des menschlichen und des göttlichen Rechts entzieht. und diese Sphäre müssen wir hier zu begreifen versuchen. die man heute gegen die souveräne Macht als Menschenrecht in jedem fundamentalen Sinn geltend machen möchte. die übrigen heiligen Dinge zulässig. ist das Leben. die mehr als eine einfache Analogie mit der Struktur der souveränen Ausnahme darstellt (daher die Stichhaltigkeit der These derjenigen Forscher. der fälschlicherweise (die Plebiszite wurden ehedem klar von den 93 92 . daß die ihm zugefügte Gewalt kein Sakrileg war. daß die Plebejer anläßlich der ersten Sezession geschworen haben. meint ursprünglich gerade die Unterwerfung des Lebens unter eine Macht des Todes. mittels deren sich die politische Dimension konstituiert hat. ist ursprünglich das Leben im souveränen Bann. das getötet. und heilig. ist die eines doppelten Ausschlusses und einer doppelten Einnahme. und die Produktion des nackten Lebens ist in diesem Sinn die ursprüngliche Leistung der Souveränität. Crifo 1. Denn so wie bei der souveränen Ausnahme das Gesetz sich auf den Ausnahmefall anwendet. Heilig. Die topologische Struktur. die jeder ihm gegenüber verüben kann . das den ersten Inhalt der souveränen Macht bildet. das nicht geopfert werden kann und dennoch getötet werden darf. Souverän ist die Sphäre. Dies ist der Bereich der souveränen Entscheidung. Die Heiligkeit des Lebens. 460-465). die wir uns beim Aufzeigen der formalen Struktur der Ausnahme gestellt haben: Was unter den souveränen Bann fällt. Wir können sogar eine erste Hypothese dazu aufstellen: Rückt man den homo sacer an seinen eigentlichen Ort jenseits des Strafrechts wie des Opfers. öffnet sie eine Sphäre des menschlichen Handelns. aber nicht geopfert werden kann: der homo sacer.

ebensowenig ist sie aber die Konsequenz eines »heiligen«. solange ich lebe. hatte ursprünglich keinen anderen Sinn als die Bestimmung eines tötbaren Lebens. dem gegenüber alle Menschen potentiell homines sacri sind. 95 94 . Beide sind in der Figur eines Handelns verbunden. 3. Sacer esto ist keine religiöse Fluchformel. in der das menschliche Leben. das. Wenn unsere Hypothese richtig ist. die sowohl die Sphäre des Rechts als auch jene des Opfers überschreitet. die dieselbe Struktur haben und korreliert sind: Souverän ist derjenige. ist nicht einfach das säkularisierte Residuum des ursprünglich religiösen Charakters jeder politischen Macht noch der bloße Versuch. Verberatio parentis: Gewalt des Sohnes gegenüber den Eltern. der sowohl vom religiösen wie vom profanen Bereich. die das souveräne Band auferlegt. vielmehr bezeichnet es ein absolut tötbares Leben. in die politische Ordnung eingeschlossen wird. oder der Betrug des Patrons gegenüber einem Klienten). dem gegenüber alle Menschen als Souveräne handeln. in einem bestimmten Sinn den ersten eigentlichen politischen Raum absteckt. das heißt zugleich erhabenen und verfluchten Charakters. So komplex ist die originäre Struktur. Heilig ist das Leben nur. dann ist die Heiligkeit vielmehr die ursprüngliche Form der Einbeziehung des nackten Lebens in die juridisch-politische Ordnung. insofern es in der einschließenden Ausschließung der souveränen Ausnahme als Bezugsgröße dient. aber sie bildete dennoch eine politische Macht. )c Betrachten wir das Bedeutungsfeld des Begriffs sacer.’ heißt es in den Res gestae). und homo sacer ist derjenige. die mehrmals festgestellt und unterschiedlich motiviert worden ist. vom nomos wie von der physis ausnimmt.leges unterschieden) das bezeichnete. und das Syntagma homo sacer benennt etwas wie die ursprüngliche »politische« Beziehung. Das Gesetz von Numa über den Mord (parricida esto) bildet mit der Tötbarkeit des homo sacer (parricidi non damnatur) ein System und kann nicht davon abgelöst werden. das einer bedingungslosen Tötbarkeit ausgesetzt ist. das heißt das Leben. in dem Augustus die potestas tribunicia übernimmt und also sacrosanctus wird (Sacrosanctus in perpetuum ut essem. Hier entfaltet die strukturelle Analogie zwischen souveräner Ausnahme und sacratio ihre volle Bedeutung. die in unserer Zeit sowohl die Studien über das Heilige wie über die Souveränität geprägt haben. und die tribunizische Macht soll mir zugestanden werden. Diese Symmetrie zwischen sacratio und Souveränität wirft eine neues Licht auf die Kategorie des Heiligen. das unsere Analyse aufgespannt hat: Es enthält weder eine widersprüchliche Bedeutung im Sinne von Abel noch eine allgemeine Doppeldeutigkeit im Sinne von Durkheim. Die Vergehen. S. An den beiden äußersten Grenzen der Ordnung stellen der Souverän und der homo sacer zwei symmetrische Figuren dar. vielmehr sind sie die ursprüngliche Ausnahme. auf der die souveräne Macht gründet. Diese doppelte Entziehung öffnet zwischen dem I »So soll ich auf ewig sakrosankt sein. und die Verwechslung eines juridisch-politischen Phänomens (die nicht opferbare Tötbarkeit des homo sacer) mit einem genuin religiösen Phänomen ist die Wurzel der Mißverständnisse. dieser das Prestige einer theologischen Sanktion zu sichern. von der natürlichen Ordnung wie von der normalen Rechtsordnung abgegrenzt ist. einer Sache sanktionieren würde. das Objekt einer Gewalt.« Im Original deutsch. aber in aller Klarheit sagt) ist der Gründungsakt der Staates. auf welche die entsprechende Sanktion folgt. der dem Leben als solchem auf unerklärliche Weise inneI wohnen würde. was eigentlich bloß eine »geschworene Charta< der revoltierenden Plebs war (Magdelain. Die Nähe zwischen der Sphäre der Souveränität und der Sphäre des Heiligen. Nicht der Akt der Grenzziehung. 57). sondern auch noch die jüngsten Untersuchungen über die Souveränität. hätten demnach nicht den Charakter einer Normübertretung.’ zugleich Erhabene und Entsetzliche. Deshalb bezeichnet nichts das Ende der alten republikanischen Verfassung so klar wie der Augenblick. die das Unheimliche. dessen Doppeldeutigkeit nicht nur die moderne Forschung der religiösen Phänomenologie so hartnäckig geleitet hat. die in gewissem Sinn ein Gegengewicht zur souveränen Macht war. sie ist statt dessen die ursprüngliche politische Formulierung. et quoad viverem tribunicia potestas mihi tribuetur.3. die den Quellen zufolge die sacratio nach sich ziehen (wie terminum exarare: Tilgung der Grenzen. insofern es in der souveränen Ausnahme erfaßt wird. sondern ihre Tilgung oder Negierung (wie das übrigens der Gründungsmythos von Rom auf seine Weise. indem es sich sowohl vom menschlichen Recht wie vom göttlichen Recht.

Profanen und dem Religiösen eine Zone der Ununterscheidbarkeit. In dieser Perspektive lösen sich viele der scheinbaren Widerspruche des Begriffs *heilig« auf. 508f. Diese Macht ist absolut. deswegen darf sie nicht mit dem Recht zu töten verwechselt werden. Yan Thomas hat in einer exemplarischen Studie gezeigt. die der doppelten Ausnahme entsprang. eat tutusque sacerque. Im römischen Recht ist vita kein juridischer Begriff. Es war ursprünglich jene Sphäre. S. Wenn die römischen Dichter die Liebenden als sacri bezeichnen (sacros qui ledat amantes.6. sondern die bedingungslose Gewalt des pater über die Söhne.« Macht war lange Zeit das Recht über Leben und Tod. da der Vater den Sohn anerkennt.’ Prop. sie ist weder als Sanktion einer Schuld noch als Ausdruck der allgemeinsten Macht. der Macht zu töten. 1. in dem das Wort vita einen spezifisch juridischen Sinn annimmt.). Auf die Wendung »Recht über Leben und Tod« stoßen wir jedoch in der Rechtsgeschichte das erste Mal in der Formel vitae necisque potestas.« (Foucault I. der es. I. erwirbt er über ihn die Macht über Leben und Tod). S. dann nicht deshalb. Weit entfernt von einem Widerspruch mit dem Opferverbot des homo sacer deutet der Begriff hier auf eine ursprüngliche Zone der Ununterscheidbarkeit hin. die in keiner Weise die souveräne Macht bezeichnet. weil sie den Göttern geweiht oder-verflucht waren. »Eines der charakteristischsten Privilegien der souveränen I 2 »Wer immer die heiligen Liebenden verletzt. deren Bedeutung wir eben zu-bestimmen versucht haben. die mit dem Tod droht (genauer mit dem Tod ohne Blutvergießen. 4. Demnach erscheint das Leben im römischen Recht nur als Gegenstück einer Macht.« »Wer verliebt ist. sondern bloß tötbar). Vitae necisque potestas 4. daß in dieser Formel que keinen disjunktiven Wert hat und vita bloß ein Zusatz zu nex. Während letztere beiden Gewalten die häusliche Rechtsprechung durch das Familienoberhaupt betreffen und so gewissermaßen im Bereich der domus bleiben. daß in der Antike die opferbaren Schweine sacres genannt wurden. quisque amore teneatur. denn das bedeutet eigentlich necare im Gegensatz zu mactare). soll geschützt und heilig sein. kommt die vitae necisque potestas jedem freien männlichen Bürger bei seiner Geburt zu und scheint so das Modell der politischen 97 . 161) Diese Behauptung Foucaults am Ende von Der Wille zum Wissen klingt völlig trivial.zTib. der das heilige Leben ausgesetzt war. So nannten die Römer die Ferkel. gedacht: Sie entspringt unmittelbar und allein der Vater-Sohn-Beziehung (im Augenblick. die dem pater als Oberhaupt der domus (des Hauses) zukommt.2. er bezeichnet wie im gewöhnlichen lateinischen Gebrauch die einfache Tatsache zu leben oder eine besondere Lebensweise (das Lateinische vereinigt die Signifikate von zök und bios in einem Begriff ). Dagegen bezeugt Varro (De re rustica 114. 2. indem er ihn vom Boden hochhebt. ist (Thomas. 3. das dem Gatten oder dem Vater über die Gattin oder die Tochter zusteht. ist eben die Wendung vitae necisque potestas. und noch weniger mit der Gewalt des dominus über seine Diener. sondern weil sie sich von den übrigen Menschen abgesondert und in eine Sphäre jenseits des göttlichen wie des menschlichen Rechts begeben haben.27).16). Der einzige Fall. rein. wo sacer einfach ein tötbares Leben meint (vor dem Opfer war das Ferkel noch nicht »heilig« im Sinne von »den Göttern geweiht«. wenn sie beim Ehebruch in flagranti ertappt werden. die sie zehn Tage nach der Geburt für Opferbar hielten. zu einem eigentlichen terminus technicus macht.

Macht im allgemeinen zu liefern. Nicht das einfache natürliche Leben, sondern das dem Tod awsgesetzte Leben (das nackte oder heilige Leben) ist das ursprüngliche politische Element. Tatsächlich empfanden die Römer eine so wesentliche Verwandtschaft zwischen der vitae necique potestas des Vaters und dem imperium des Magistraten, daß die Register des ius patrium und der souveränen Macht schließlich eng verflochten waren. Das Thema des pater imperiosus, der wie Brutus oder Manlius Torquatus die Eigenschaft des Vaters und das Amt des Magistraten auf sich vereinigt und nicht zögert, den des Verrats schuldigen Sohn dem Tode zu überantworten, spielt eine wichtige Rolle in der Anekdotik und in der Mythologie der souveränen Macht. Doch ebenso entscheidend ist die umgekehrte Figur, das heißt der Vater, der seine vitae necisque potestas gegenüber einem Sohn, der Magistrat ist, ausübt wie im Fall des Konsuls Spurius Cassius und des Tribuns Caius Flaminius. Valerius Maximus berichtet, wie letzterer, während er sich über die Macht des Senats hinwegzusetzen versuchte, von seinem Vater von der Rostra heruntergeschleift wurde, und definiert die potestas des Vaters bezeichnenderweise als imperium privatum. Yan Thomas hat aufgrund seiner Analysen dieser Episoden schreiben können, daß die patria potestas in Rom als eine Art von öffentlichem Amt und in gewisser Weise wie ein nirreduzibler Rest der Souveränität« (ebd., S. 528) empfunden wurde. Wenn wir schließlich in einer späten Quelle lesen, daß Brutus, als er seine Söhne dem Tode überantwortete, »an ihrer Stelle das römische Volk adoptierte« (ebd,, S. 5 3 1), so ist es ein und dieselbe Macht über den Tod, die sich mittels des Bildes von der Adoption nun auf das gesamte römische Volk überträgt; so bekommt das hagiographische Epitheton »Vater des Vaterlandes« (ebd., S. 53 1 f.), das zu allen Zeiten den mit der souveränen Macht ausgestatteten Oberhäuptern vorbehalten war, wieder seine ursprüngliche, finstere Bedeutung. Die Quelle liefert uns also eine Art genealogischen Mythos der souveränen Macht: Das imperium des Magistraten ist nur die Ausweitung der vitae necisque potestas des Vaters auf die gesamte Bürgerschaft. Es könnte nicht klarer gesagt werden, daß das erste Fundament der politischen Macht ein absolut tötbares Leben ist, das durch seine Tötbarkeit selbst politisiert wird.
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4.2. Aus dieser Perspektive wird der Sinn des alten römischen Brauchs, von dem Valerius Maximus berichtet, wonach nur der noch nicht geschlechtsreife Sohn sich zwischen dem mit dem imperium ausgestatteten Magistraten und dem Liktor, der vor ihm hergeht, plazieren durfte. Die physische Nähe zwischen dem Magistraten und seinen Liktor-en, die ihn stets begleiten und die schrecklichen Insignien der Macht tragen (die fasces formidulosi und die saeves secures) druckt die Untrennbarkeit des imperiums von einer Macht über den Tod förmlich aus. Der Sohn kann sich deshalb zwischen den Magistraten und den Liktor stellen, weil er in bezug auf den Vater bereits ursprünglich und unmittelbar einer Macht über Leben und Tod unterstellt ist. Der puer Sohn sanktioniert auf symbolischem Weg genau diese Konsubstantialität der vitae necisque potestas zur souveränen Macht. An dem Punkt, wo sie zusammenzufallen scheinen, tritt der besondere - das heißt an dieser Stelle eigentlich nicht mehr so besondere - Umstand zutage, daß jeder freie männliche Bürger (der als solcher am öffentlichen Leben teilnehmen kann) sich unmittelbar in einer Verfassung der virtuellen Tötbarkeit befindet und in bezug auf den Vater gewissermaßen sacer ist. Die Römer waren sich des aporetischen Charakters dieser Macht vollkommen bewußt; sie machte eine auffallende Ausnahme gegenüber dem Prinzip des Zwölftafelgesetzes, wonach kein Bürger ohne Urteilsspruch (indemnatus) zu Tode gebracht werden durfte, und bildete gleichsam eine unbegrenzten Autorisierung zu töten (lex indemnatorum interficiendum). Und auch das andere Merkmal, welches das heilige Leben als Ausnahme kennzeichnet, das heißt die Unmöglichkeit, in den sanktionierten Formen des Ritus zu Tode gebracht zu werden, findet sich in der vitae necisque potestas wieder. Yan Thomas zitiert den von Calpurnius Flaccus als rhetorische Übung vorgeschlagenen Fall eines Vaters, der kraft seiner potestus den Sohn dem Henker übereignet, damit ihn dieser zu Tode bringe; der Sohn widersetzt sich und verlangt zu Recht, daß ihm der Vater den Tod geben müsse (vult manu patri interfici; ebd., S. 540). Die vitae necisque potestas erfaßt das nackte Leben des Sohnes unmittelbar, und das impune occidi, das sich davon ableitet, kann in keiner Weise der rituellen Tötung bei der Vollstreckung eines Todesurteils angenähert werden.
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4.3. An einem bestimmten Punkt seiner Untersuchung der vitae necisque potestas fragt Yan Thomas: »Welches ist dieses unvergleichliche Band, für welches das römische Recht keinen anderen technischen Ausdruck zu finden vermag als den Tod?« (Ebd., S. 5 IO) Die einzige mögliche Antwort ist die, daß dasjenige, wovon in diesem »unvergleichlichen Band« gehandelt wird, die Einbeziehung des nackten Lebens in die juridischpolitische Ordnung ist. Es verhält sich, wie wenn die männlichen Bürger für ihre Teilnahme am politischen Leben mit einer bedingungslosen Unterwerfung unter eine Macht über den Tod bezahlen müßten und das Leben nur in der doppelten Ausnahme der Tötbarkeit und der Opferbarkeit in das Gemeinwesen eintreten könnte. Deswegen kommt die patria potestas sowohl an der Grenze der domus wie des Staates zu liegen: Wenn die antike Politik der Trennung dieser beiden Sphären entspringt, dann ist das tötbare und nicht opferbare Leben das Scharnier, das sie verbindet, und die Schwelle, auf der sie kommunizieren, indem sie sich ins Unbestimmte auflösen, Das heilige Leben, weder politischer bios noch natürliche zök, ist die Zone der Ununterscheidbarkeit, in der bios und z& sich wechselseitig einbeziehen und ausschließen und sich gerade dadurch konstituieren. Es ist sehr richtig erkannt worden, daß der Staat nicht in einer sozialen Bindung gründet, deren Ausdruck er wäre, sondern in der Auflösung (de-liaison), die er untersagt (Badiou, S. I 25). Wir können nun diese These um eine weitere Bedeutung erweitern. Die déliaison darf nicht als Auflösung eines bereits vorher bestehenden Bandes verstanden werden (das die Form eines Pakts oder Vertrags haben könnte). Vielmehr hat das Band selbst ursprünglich die Form einer Auflösung oder einer Ausnahme, in der das, was eingebunden wird, zugleich ausgestoßen wird; und das menschliche Leben politisiert sich nur durch das Überlassensein [abbandono] an eine unbedingte Macht über den Tod. Ursprünglicher als die Bindung einer positiven Norm oder eines sozialen Pakts ist das souveräne Band, das aber in Wahrheit nur eine Auflösung ist; und das, was diese Auflösung impliziert und produziert - das nackte Leben, das im Niemandsland zwischen dem Haus und dem Staat wohnt -, ist von der Warte der Souveränität aus gesehen das ursprüngliche politische Element.

5. Souveräner Körper und heiliger Körper

5. I . Als Ernst Kantorowicz Ende der fünfziger Jahre in den Vereinigten Staaten Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters veröffentlichte, wurde das Buch nicht nur von Mediävisten, sondern auch und vor allem von Historikern der Neuzeit sowie Politikwissenschaftlern und Staatstheoretikern vorbehaltlos begrüßt. Es war in seiner Gattung zweifellos ein Meisterwerk, und die Vorstellung eines »mystischen Körpers« und eines »politischen Körpers des Königs«, die es ans Licht brachte, bildete gewiß (wie Jahre später Kantorowicz’ brillantester Schüler, Ralph E. Giesey, festhielt) eine »wichtige Etappe in der Entwicklungsgeschichte des modernen Staates« (Giesey 1, S. 9); doch solch eine ungeteilte Gunst auf einem so heiklen Gebiet verdient einige Überlegungen. Kantorowicz weist im Vorwort selbst darauf hin, daß das Buch, das aus einer Studie über mittelalterliche Vorläufer des Rechtssatzes von den zwei Körpern des Königs hervorgegangen war, weit über die ursprüngliche Absicht hinausging. Der Verfasser, der Anfang der zwanziger Jahre die politischen Wechselfälle in Deutschland mit intensiver Teilnahme erlebt hatte, als er in den Reihendes nationalistischen Freikorps den Spartakusaufstand in Berlin und die Münchner Räterepublik bekämpfte, konnte die Anspielung auf die »politische Theologie«, unter deren Fahne Schmitt 1922 seine Souveränitätslehre gestellt hatte, nicht bedacht haben. Fünfunddreigig Jahre später, nachdem der Nationalsozialismus seinem Leben als assimilierter Jude einen unheilbaren Bruch zugefügt hatte, befragte er jenen »Mythus des Staates«, den er in jungen Jahren so feurig geteilt hatte, aus einer ganz anderen Perspektive. Das Vorwort macht darauf aufmerksam und bestreitet zugleich vielsagend, daß es »zu weit [ginge], wollte man annehmen, der Verfasser habe sich der Erforschung der Ursprünge einiger Idole moderner politischer Religionen nur aufgrund der furchtbaren Erlebnisse unserer Zeit zugewandt, in der ganze Völker, die größten wie die kleinsten, den unsinnigsten Dogmen zum Opfer fielen und politische Theologismen zu regelrechten Besessenheiten« wurden. Und mit derselben beredten Bescheidenheit weist der Verfasser den
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Anspruch zurück, *das Problem des sogenannten >Mythus des Staates< (Cassirer) vollständig erfaßt zu haben« (Kantorowicz, s. 22 f.). In diesem Sinn hat man das Buch nicht grundlos als einen der großen kritischen Texte unserer Zeit über den Konsens gegenüber dem Staat und über die Techniken der Macht lesen können. Wer jedoch die geduldige Analysearbeit verfolgt hat, die ausgehend von den Reports Edmund Plowdens und der makabren Ironie in Richard II zur Rekonstruktion der Entstehung der Lehre von den zwei Körpern des Königs in der mittelalterlichen Jurisprudenz und Theologie gelangt, der kann sich nicht nicht fragen, ob das Buch allein als Demystifizierung der politischen Theologie gelesen werden kann. Tatsache ist, daß im Gegenzug zu der von Schmitt beschworenen politischen Theologie, die wesentlich den absoluten Charakter der souveränen Macht ins Auge faßte, Die zwei Körper des Königs sich ausschließlich mit dem anderen, harmloseren Aspekt beschäftigt, der nach der Definition Jean Bodins die Souveränität charakterisiert (puissance absolue etpe@tueZZel), nämlich ihre ewige Natur, aufgrund deren die königliche dignitas die physische ihres Trägers überlebt (Ze roi ne meurtjamais2). Die ,christliche politische Theologie& war hier einzig darauf ausgerichtet, durch die Analogie mit dem mythischen Körper Christi die Kontinuität jenes corpus morale et politicum des Staates zu sichern, ohne den keine stabile politische Organisation denkbar ist. Und in diesem Sinn kann man sagen, daß »ungeachtet einiger Ähnlichkeit mit zusammenhanglosen heidnischen Begriffen [. . ,] die >zwei Körper des Königs< ein Produkt christlichen theologischen Denkens [sind] und [. . .] folglich einen Markstein christlicher politischer Theologie [bilden]« (ebd., S. 496).
5.2. Mit der Entschiedenheit dieser Schlußthese hebt Kantorowicz das Element hervor (um es gleich wieder beiseite zu schieben), das die Genealogie der Lehre von den zwei Körpern in eine weniger beruhigende Richtung gelenkt hätte, wenn er es nämlich mit dem zweiten und obskureren Arkanum der souveränen Macht in Verbindung gebracht hätte: Zu puissance absolue. Das
I *Absolute und ewige Macht«. 2 *Der König stirbt nie.*

VII. Kapitel beschreibt das eigentümliche Bestattungszeremoniell der französischen Könige, bei dem die effigie cerea eine wichtige Rolle spielte und das wächserne Abbild, aufgebahrt auf einem lit d’honneur, ganz wie die lebende Person des Königs behandelt wurde. Als möglichen Ursprung nennt Kantorowicz die römische Kaiserapotheose; auch hier wurde, nachdem der Souverän gestorben war, seine imago aus Wachs »wie ein kranker Mensch behandelt und lag auf einem Bett. Senatoren und Krankenpflegerinnen standen zu beiden Seiten, Ärzte markierten Pulsfühlen und medizinische Behandlung, bis nach sieben Tagen die Figur >starb <.« (Ebd., S. 422f.) Kantorowicz zufolge hatte das heidnische Vorbild trotz aller Ähnlichkeit das französische Bestattungsritual nicht direkt beeinflußt; auf jeden Fall sei es sicher, daß das Vorhandensein des Abbildes noch einmal mit der »nie sterbenden* legalistischen Dignität des Königs in Beziehung zu setzen sei. Daß die Ausklammerung des römischen Vorbilds nicht einer Vernachlässigung oder Unterbewertung entsprang, zeigt die Beachtung, die ihm Giesey mit der vollen Zustimmung seines Lehrers in seinem Buch The Royal Funeral Ceremony in Renaissance France (1960) geschenkt hat, das als eine angemessene Ergänzung der Zwei Körper des Königs betrachtet werden kann, Giesey konnte nicht übergehen, daß namhafte Gelehrte wie Julius Schlosser und weniger bekannte wie Elias Bickermann einen genetischen Zusammenhang zwischen der kaiserlichen consecratio der Römer und dem französischen Ritus hergestellt hatten; seltsamerweise setzt er sein Urteil über die Sache aus (»was mich betrifft«, schreibt er, »so ziehe ich es vor, keine der beiden Lösungen zu wählen«; Giesey 2, S. 128), um die Kantorowiczsche Interpretation der Verbindung zwischen dem Abbild und dem Fortbestand der Souveränität resolut zu bekräftigen. Es gab für diese Wahl einen offensichtlichen Grund: Wenn die Hypothese von der heidnischen Ableitung des Abbildzeremoniells zugelassen worden wäre, dann wäre Kantorowicz’ These von der »christlichen politischen Theologie« zwangsläufig umgestürzt oder hätte zumindest noch einmal vorsichtiger reformuliert werden müssen. Doch es gab auch noch einen zweiten - und heimlicheren - Grund: daß eigentlich nichts an der römischen consecratio es erlaubte, das Abbild des Kaisers mit dem leuchtendsten Wesenszug der Souveränität, der ihre
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) Als Bickermann 1972 mehr als vierzig Jahre später auf das Problem zurückkommt. Septimius Severus gab ihr dann auf dem Scheiterhaufen den Abschiedskuß.] als wirklicher Menschenkörper angesehen und behandelt.4. um beinah mit ihm zu verschmelzen. die das Zeremoniell in eine neue Perspektive zu rucken erlaubt: »Die Parallelen für derartigen Bilderzauber sind zahlreich und in der ganzen Welt zu treffen.Lex collegii cultorum Dianae et Antinoi< vor: quisquis ex hoc collegio servus defunctus fuerit et corpus eius a domino iniquo sepulturae datum non [. 5. 22). in der sie sich zu vermischen scheinen. der sein eigenes Leben den Göttern der Unterwelt weiht.3. welchen die . die spezifische Aporie auf. wenn auch ohne alle Konsequenzen zu ziehen. 4-6) Entscheidend für das Verständnis des ganzen Rituals ist jedoch die Funktion und das Wesen des Bildes. . Ein junger Antikeforscher.das ist der Kaiser selbst. 5. ei funus imaginarium jiet. Der Augenzeuge Dio erzählt. um den fehlenden Körper zu vertreten. die in dieser Wachsbild-Bestattung liegt: *Jeder gewöhnliche Mensch wird nur einmal begraben. daß ein Sklave mit seinem Wedel Fliegen vom Gesicht der Wachspuppe des Pertinax abwehrte. S. Giesey erklärt sogar ohne Umschweife. der an demjenigen vollführt werden muß. und zwar einmal in corpore. Elias Bickermann. aber detaillierten Anhang das heidnische Bildzeremoniell (funus imaginarium) ausdrücklich zu den Bestattungsriten der englischen und französischen Souveräne in Beziehung setzt. daß die 104 Puppe des Septimius Severus sieben Tage vordem im Palaste als Kranker behandelt wurde. der sich vor einer Schlacht feierlich den Manen geweiht hat und im Kampf nicht gefallen ist (Bickermann 2. dem Toten >in allem ähnlich<.Ewigkeit ist. Und hier ist es. Der Figur des homo sacer haben die Forscher schon seit langem die des devotus an die Seite gestellt. . . Hier genüge nur ein italisches Beispiel vom Jahre 136. die in einem kurzen. [. wie er nur einmal stirbt. mit seinen Kleidern umhüllt. doch beide umgehen dennoch stillschweigend den zentralen Punkt von Bickermanns Analyse. Das iustitium [die öffentliche Trauer] beginnt hier erst nach der Beerdigung. der dem Verstorbenen nachgebildeten Wuchspuppe. im Kaiserzeremoniell tritt es dagegen neben ihn. dann in effigie. verwendet.’ Die Satzung gebraucht dabei denselben Ausdruckfunus imaginarium. . Dort nämlich schien der politische Körper des Königs sich dem tötbaren und nicht opferbaren Körper des homo sacer anzunähern. Das Wachsbild. so soll eine Bild-Bestattung ausgeführt werden. der makabre und groteske Ritus./ fuerit k .* (Ebd. S. bei dem ein Abbild zuerst wie eine lebende Person behandelt und danach feierlich verbrannt wurde. daß die Lektüre des Textes am Ursprung seiner Arbeit gestanden hat. [. und der staatliche Leichenzug setzte sich in Bewegung. . S. um die von Dio gesehene Bestattung des Pertinax-Wachsbildes zu bezeichnen. in Verbindung zu bringen.] D ieses Scheinbild wird [. Der in der Antoninenzeit konsekrierte römische Kaiser wurde aber zweimal auf dem Scheiterhaufen verbrannt. . wie wir aus Dios und Herodians Berichten von den späteren Konsekrationen erfahren. . aber nicht von amtswegen verbrannt und die überteste im Mausoleum beigesetzt. wo der Körper des Souveräns und der Körper des homo sacer in eine Zone der Ununterscheidbarkeit gelangen. .]. auf seinem Paradebett liegend . . dessen Leben durch diese oder vielleicht noch andere magische Handlungen in die Wachspuppe überführt ist. Im allgemeinen pflegt die öffentliche Trauer in diesem Augenblicke zu schließen [. . mit Ärztebesuchen. Kantorowicz und Giesey zitieren beide diese Studie. Ein Vierteljahrhundert vor der Bestattung des Antoninus Pius schreibt die . veröffentlichte 1929 im Archiv für Religionswissenschaft eine Studie über die »römische Kaiserapotheose«.« (Bickermann 1. Bei der Bestattung des Antoninus Pius wird aber alles dem üblichen Brauch entgegen ausgeführt. Bei seiner sorgfältigen Rekonstruktion des Ritus der Konsekration aufgrund der schriftlichen Quellen und der Münzen spürt Bickermann..].« 105 .] Die Leiche des Kaisers wird zwar prunkhaft. als die Leichenreste schon im Grabmal ruhten! Und zwar gilt dieses funus publicum. An Deutlichkeit lassen all diese Nachrichten nichts zu wünschen übrig. Herodian fügt sogar hinzu. Gesundheitsbulletins und Todesfeststellung. Hier unternimmt Bickermann eine wertvolle Annäherung. weist in eine dunklere und ungewissere Zone. verdoppelt die Leiche und ersetzt sie nicht. die wir nun zu erkunden versuchen. bringt er die kaiserliche Bildbestattung mit dem Ritus in Zusammenhang. Nach der jlex collegii< wie in allen sonstigen Parallelen dient aber das Bild.Historia Augusts<. sf. . um die Stadt vor einem I »Wenn ein Sklave dieses Kollegiums stirbt und von seinem ungerechten Herrn nicht begraben wird.

als der Konsul Publius Decius Mus. die sich 340 v. die Verwandlung dieses unbequemen und ungewissen Wesens in einen wohlmeinenden und mächtigen Vorfahren zu garantieren. fällt er nicht. die psyche.« (Schilling. dann hat die Sache offensichtlich einen richtigen Verlauf genommen. wie Robert Schilling in einer exemplarischen Studie festgestellt hat. die ihr die Macht habt über uns und die Feinde. das ez’dolon oder das phhma der Griechen). so weihe ich [devoweo] für den Staat des römischen Volkes der Quiriten. 106 Warum bildet das Überleben eines Todgeweihten für die Gemeinschaft eine solch heikle Angelegenheit.] Er [. Fällt der Mann. der 107 I . den Pontifex um Beistand beim Vollzug des Ritus bat: »Der Pontifex forderte ihn auf. »weil dieser Mann sacer ist. und ihr vergöttlichten Geister der Toten. Denn die erste Folge des Todes ist die Freisetzung eines vagen und bedrohlichen Wesens (die lateinische larva. sondern jeden beliebigen Bürger aus einer ausgehobenen römischen Legion dem Tod zu weihen. ob er es mit einem Opfertier oder sonstwie tun möchte. während der Schlacht von Veseris zugetragen hat. Livius hat uns eine lebhafte und minutiöse Schilderung einer devotio überliefert. 9 56) Aus dieser Perspektive müssen wir die Funktion der Statue betrachten. Wenn er aber sich selbst dem Tod weihen will. Er könnte auf keinem Weg wieder der profanen Welt zurückgegeben werden. der wir bereits im funus imaginarium des Kaisers begegnet sind und die den Körper des Souveräns und des Geweihten in einer Konstellation zu vereinigen scheint. da dank seiner >Weihung< ja die ganze Gemeinschaft der ira deum entrinnen konnte. . eine Hand unter der Toga zum Kinn emporgestreckt. . . daß sie sich zur Ausführung eines komplexen Rituals. beiden Heeren sichtbar. wie vom Himmel gesandt als ein Sühneopfer für allen Zorn der Götter. zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten wieder korrekte Verhältnisse herzustellen« (Vernant. daß das sieben Fuß hohe signum. für das Heer. das heißt sein Doppel. wie Decius sich dem Tod geweiht hat. schwang sich bewaffnet auf sein Pferd und stürzte sich mitten unter die Feinde.schweren Unheil zu bewahren. »erlaubt er es.4-10) Wo dieses Bildnis vergraben ist.] gürtete sich auf gabinische Art.( [. S. daß beide irgendwie den Göttern geweiht sind und den Göttern gehören. 337). die purpurverbrämte Toga anzulegen und mit verhülltem Haupt. das den Platz des fehlenden Leichnams in einer Bestattungper imaginem einnimmt. S. nichts anderes als der »Koloß« des Geweihten ist. dessen Sinn es gerade zu verstehen gilt. ihr Laren. der zusammen mit seinem Kollegen Titus Manlius Torquatus die Legionen befahl. die ein besonderes Licht auf diese Einrichtung wirft und einen engeren Vergleich der beiden Lebendes devotus und des homo sacer erlaubt: »Ich glaube noch hinzufügen zu müssen. wenn er die Legionen der Feinde dem Untergang weiht. Wie ich es mit meinen Worten ankündige. 11-13) Die Analogie zwischen devotus und homo sacer scheint hier nicht über den Umstand hinauszugehen. die Legionen und die Hilfstruppen des römischen Volkes der Quiriten die Legionen und Hilfstruppen der Feinde mit mir den vergöttlichten Geistern der Toten und der Tellus. viel hehrer als eine menschliche Erscheinung. Chr. kann er weder für sich noch für den Staat eine Kulthandlung gültig vollziehen. und wenn er dann nicht fällt. ihr Götter. Das römische Heer stand vor der Niederlage. dann muß man ein mindestens sieben Fuß hohes Bildnis [signum] in der Erde vergraben und zur Sühne ein Opfertier schlachten. Schrecken und Tod bringt. von dem Livius spricht. da8 es dem Konsul und dem Diktator sowie dem Prätor erlaubt ist. Quirinus. auch wenn (trotz des Vergleichs von Livius) nicht in der technischen Form des Opfers. . ihr neu aufgenommenen Götter. gezwungen sieht? Welches ist der Status dieses lebendigen Körpers. auf einem Speer stehend. daß ihr dem römischen Volk der Quiriten Macht und Sieg verleiht und den Feinden des römischen Volkes der Quiriten Furcht. euch bete und flehe ich an und bitte euch inständig um die Gnade. das mit dem Aussehen des Verstorbenen dessen gewohnte Orte heimsucht und weder der Welt der Toten noch der Welt der Lebenden angehört. Jupiter. also zu sprechen: >Janus. den man unter seine Füße gelegt hatte. Der Zweck der Bestattungsriten besteht darin. oder genauer in stellvertretender Ausführung des nicht erfüllten Gelöbnisses. Vater Mars. der dem Tod geweiht worden ist. dort darf ein römischer Magistrat nicht hintreten.« (VIII 9. sowohl aus der profanen Welt als auch aus der heiligen Welt ausgeschlossen wird. das sich in anormalen Umständen befindet. der nicht mehr zur Welt der Lebenden zu gehören scheint? Wenn der überlebende Geweihte. ihr alteingesessenen Götter. Livius erwägt jedoch eine Hypothese. geschieht dies deshalb. nicht unbedingt sich selbst.« (VIII IO. JeanPierre Vernant und Benveniste haben die Funktion des Kolosses im allgemeinen aufgezeigt: Indem er ein Doppel auf sich zieht und festhält. Wir wissen. Bellona.

warf man aus Wachs gefertigte kolossoiins Feuer und sprach: »Der diesem Schwur untreu wird.5. Und in der Figur dieses »heiligen Lebens« tauchte in der abendländischen Welt so etwas wie ein nacktes Leben auf. tötbar und nicht Opferbar zu sein. Sowohl beim Körper des Geweihten als auch. das in der Antike die Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten regelt. Es ist mithin kein Zufall. Solange dieser Ritus nicht vollzogen ist (der. weil er die Schwelle zwischen den zwei Welten unheilvoll besetzt. . die den eidbrüchigen Athleten auferlegt wurden. und hier noch bedingungsloser. das sich virtuell bereits im Augenblick des Gelöbnisses von ihm abgesondert hat. er ist in Wahrheit eine larva. die weder zur Welt der Lebenden noch zur Welt der Toten gehört: Er ist ein lebender Toter oder 108 toter Lebender. Im komplexen System. das Doppel oder der Koloß seiner selbst. Diese Trennung wird gewöhnlich im Moment des Todes durch die Bestattungsriten vollzogen. 5. Entscheidend ist jedoch. sie waren nichts anderes als die Kolosse derer. Was geschieht mit dem Geweihten.dann endgültig zur Totenwelt gehört und mit dem man rituell definierte Verbindungen pflegt. so können wir seine Lage mit derjenigen eines überlebenden Geweihten vergleichen. stellt er analog zum Leichnam. die den Eid gebrochen hatten und sich durch einen Stellvertreter der göttlichen Gerechtigkeit übergaben (animas L. das zwar ein normales Leben weiterzuführen scheint. Das heilige Leben ist ohne Opfermöglichkeit und jenseits jeglicher Erfüllung geweiht. ist der homo sacer sozusagen eine lebende Statue. der wird sich auflösen und verschwinden. bei dem des homo sacer stößt die antike Welt zum ersten Mal auf ein Leben. Versnel gezeigt hat./ sacratorum hornintim. indem es sich in einer doppelten Ausschließung vom realen Kontext der profanen wie der religiösen Lebensformen ausnimmt. angefertigt werden kann. nicht so sehr eine stellvertretende Bestattung. sondern eine Ersatzerfüllung des Gelöbnisses ist. sich in Wirklichkeit aber auf einer Schwelle bewegt. Trotzdem besagt eine in Kyrene gefundene Inschrift. sondern sein Ausbleiben. Das Fehlen des Leichnams (oder in manchen Fällen seine Verstümmelung) können jedoch die ordentliche Ausführung des Bestattungsritus verhindern. Wenn wir nun aus dieser Perspektive das Leben des homo sacer erneut betrachten.« (Ebd. den in Thera (Santorin) die Kolonisten bei ihrer Abfahrt nach Afrika und die in der Heimat bleibenden Bürger auf die wechselseitigen Verpflichtungen zu leisten hatten. auf dem sich die souveräne Macht gründet. daß dieses heilige Leben von Beginn an einen eminent politischen Charakter besitzt und eine wesentliche Bindung mit dem Boden offenbart. in diesen Fällen kann unter bestimmten Bedingungen ein Koloß an die Stelle des Leichnams treten und die Durchführung einer stellvertretenden Bestattung ermöglichen. der diese Ordnung stört. er. das. I »Die Seelen der geweihten Männer. für den eine Ersatzsühnung oder eine Stellvertretung durch einen Koloß nicht mehr möglich ist.l Insofern seine Person die Elemente verkörpert. ist der Geweihte ein paradoxes Wesen. sein Stamm und seine Güter. der dem Tod geschuldet ist und. 109 . den er vertreten soll. welche die Griechen zanas nannten«. und der Koloß repräsentiert genau jenes geweihte Leben. diese Unterwerfung ist jedoch nicht die Erfüllung des Gelöbnisses. das lebende Pfand seiner Unterwerfung unter eine Macht über den Tod. III7. daß ein Koloß auch zu Lebzeiten dessen. Der Körper des homo sacer selbst ist in seiner Eigenschaft. S. I 57). Zeus geweiht wurden. welche die richtige. aber unmittelbarer und allgemeiner. die samt dem Ertrag aus den Bußen. durch den Hinschied gestörte Verbindung zwischen Lebenden und Toten wiederherstellen.6). allein durch sein Eintreten in eine engste Symbiose mit dem Tod definiert wird. wie Hendrik S. der überlebt hat? Wo es keinen Toten gibt. In bestimmten Fällen ist es gleichwohl nicht der Tod. Versnel. jenen Teil der lebenden Person dar. 329) Der Koloß ist folglich kein einfacher Stellvertreter des Leichnams. Während der Eid gesprochen wurde.. der den Interpreten lange dunkel und korrupt schien. ohne aber bereits der Welt der Verstorbenen anzugehören. kann man nicht im eigentlichen Sinn vom Fehlen eines Leichnams sprechen. den homo sacer mit den Statuen (Z&zes) vergleicht. Die Inschrift gibt den Text des Eides wieder. wenn Macrobius in einem Text (Sat. quos zanas Graeci vocant). und zur Wiederherstellung der Ordnung ist die Fertigung des Kolosses notwendig. vom normalen Umfeld der Lebenden abgetrennt werden muß. sondern die absolute und bedingungslose Unterwerfung. die gewöhnlich mit dem Tod verbunden sind.

Verglichen mit der Interpretation von Kantorowicz und Giesey erscheint die Lehre von den zwei Körpern des Königs nun in einem anderen und weniger harmlosen Licht. der wie im Fall des Geweihten. wie wenn diese letztlich nichts anderes wäre als die Fähigkeit. wie wenn sie aufgrund einer eigentümlichen Symmetrie die Aufnahme des heiligen Lebens in die Person selbst. das getötet. in bezug auf ihre absolute Natur interpretieren: »Daher kommt es«. im Fall des englischen oder französischen Ritus. im Fall des römischen Ritus. beim Kaiser erlaubt das doppelte Begräbnis die Fixierung des heiligen Lebens. der überlebt hat. Im Fall der höchsten Macht . der König stirbt nie. Der politische Körper des Königs (»den man«. In diesem Licht müssen wir den Abbildritus in der römischen Kaiserapotheose sehen. der durch das Bild. der »völlig frei von Kindheit und Alter« ist und der den sterblichen Körper. In allen drei Fällen ist das Leben in gewisser Weise an eine politische Funktion gebunden. Deshalb kann Bodin. S. implizierte. Wenn die Verbindung mit der heidnischen Kaiserkonsekration nicht mehr ausgeklammert werden kann. Was den überlebenden Geweihten.5. sich 110 und die anderen als tötbares und nicht opferbares Leben zu konstituieren.sie ist. daß wir uns jedesmal vor einem nackten Leben befinden. das aus seinem Kontext herausgelöst worden und. fungiert die Bildbestattung als Ersatzerfüllung des Gelöbnisses. 3 I . so ist es beim Souverän hingegen der Tod. ohne daß irgend ein Ritus oder ein Opfer es wieder einlösen kann. Und wenn es beim überlebenden Geweihten der verpaßte Tod ist. weil es sozusagen den Tod überlebt hat. sondern vor allem den Überschuß des heiligen Lebens des Kaisers. Allem Anschein nach hat also der Kaiser nicht zwei Körper in sich. ein altes Sprichwort. welche die Macht innehat. er scheint als solcher der höchsten Macht innezuwohnen. Wenn der Koloß im dargelegten Sinn stets ein todgeweihtes Leben vertritt.6. Das heilige Leben kann in keinem Fall im Gemeinwesen der Menschen wohnen: Beim Geweihten. der dieses heilige Leben freisetzt. aber nicht geopfert werden darf . schreibt er im sechsten Buch seiner Republique. Kantorowicz. mit der menschlichen Welt unvereinbar geworden ist. das klar beweist. und genau deswegen kann er nicht einfach (wie Kantorowicz und Giesey meinen) die Beständigkeit der souveränen Macht repräsentieren. dessen Überreste rituell begraben werden. der diesen Überschuß offenbart. Die Formeln le mort saisit le ~$1 und Ze Roi ne meurt jamais müßten viel buchstäblicher verstanden werden. wie sie mittels der dunklen Bindung an ein tötbares und nicht opferbares Leben deren Absolutheit ausdrücken. vorhanden ist) einen Überschuß an heiligem Leben freisetzt. als man zu denken pflegt: Beim Tod des Souveräns ist es das heilige Leben. das in der Apotheose eingeholt und vergöttlicht werden muß. das letztere überlebt das erstere trotz des ordnungsgemäßen Bestattungsritus und kann erst nach dem funus imaginarium in den Himmel aufgenommen und vergöttlicht werden. beim homo sacer schließlich stehen wir vor einem irreduziblen Rest an Leben.verhält es sich.« 111 . und aus dem Symbol der Ewigkeit der dignitas wird die Chiffre des absoluten und nichtmenschlichen Wesens der Souveränität. sondern zwei Leben in einem einzigen Körper. abgesondert und in den Himmel aufgenommen oder. der ausgeschlossen und dem Tod als solchem ausgesetzt werden muß. daß der Tod des Kaisers (obwohl sein Leichnam. der überlebt hat. ein natürliches Leben und ein heiliges Leben. ist der Umstand. den homo sacer und den Souverän zu einem einzigen Paradigma vereint. noch vom ErzI »Der Tote ergreift den Lebenden. Die beiden Formeln sprechen nur in dem Maß von der Kontinuität der souveränen Macht. die Maxime. verherrlicht. mittels eines Kolosses neutralisiert werden muß. auf das sich die souveräne Macht gründet. mit dem er sich verbindet. der scharfsinnigste Theoretiker der modernen Souveränität. Aber damit ändert sich der Sinn der Metapher vom politischen Körper. die das Individuum dem normalen Leben zurückerstattet. mit den Worten Plowdens »nicht sehen oder anfassen kann«.33) stammt letztlich vom Koloß des Kaisers ab. daß unser Königtum zu keiner Zeit ein Wahlkönigtum gewesen ist und der König sein Zepter weder vom Papst. wie wir gesehen haben. »daß man hierzulande sagt. auf den Nachfolger übertragen wird. so bedeutet dies. immer vitae necisque potestas und gründet sich stets auf die Absonderung eines Lebens. die nach Kantorowicz die Ewigkeit der politischen Macht ausdrückt. dann ändert sich die Theorie selbst von Grund auf. mit der die Person des Nachfolgers bekleidet wird.

dann m u ß man noch in diesen merkwürdigen Adjektiven den Widerhall jener Heiligkeit des tötbaren Lebens vernehmen. findet seine genaue Entsprechung im Vergleich mit der Person des Souveräns. ins Extrem. daß in den Augen der Zeitgenossen die Ungeheuerlichkeit des Bruchs. das der homo sacer verkörpert. richtig ist. 436) 5. d a ß er einem Prozeß unterworfen und in Vollstreckung eines Todesurteils hingerichtet wurde (Walzer. daß »die Person des Souveräns heilig und unantastbar ist«. Sie stellt ein besonderes Delikt dar. müßten wir eigentlich auch Analogien und Entsprechungen im juridisch-politischen Status dieser scheinbar so weit voneinander entfernten Körper finden. trieben sie das Prinzip der Nichtopferbarkeit des heiligen Lebens. welche die Tötung des Souveräns trifft. daß in beiden Fällen die Tötung nicht den Tatbestand eines Mordes erfüllt.« (Bodin. Eine erste und unmittelbare Übereinstimmung liefert die Sanktion. S. noch vom Volk. Aber auch das zweite Merkmal. das jeder erschlagen kann. S. das nur für »high crimes and misdemeanors« gesprochen werden kann und lediglich Amtsenthebung und keine gerichtliche Strafe nach sich zieht. daß die Tötung des homo sacer für weniger und die Tötung des Souveräns für mehr als einen Mord gehalten werden kann. Von unserem Gesichtspunkt aus spielt es keine Rolle. ohne einen Mord zu begehen.bischof von Reims. Noch in den modernen Verfassungen überlebt eine säkularisierte Spur der Unmöglichkeit. Wir wissen. daß die Tötung des homo sacer nicht als Mord gilt (parricidi non damnatur).). daß der König ohne Prozeß einfach nur umgebracht wurde. wohl ohne sich dessen bewußt zu sein. Wenn die Symmetrie zwischen dem Körper des Souveräns und dem des homo sacer. nicht so sehr darin bestand. In den Debatten i m Konventvon 1792 waren die Jakobiner dafür. wichtig ist. welches das Leben des homo sacer definiert. wonach das Staatsoberhaupt nicht einem gewöhnlichen Gerichtsverfahren unterzogen werden kann. Michael Walzer hat dargelegt. am 2 I . in den vom Ritus oder vom Gesetz vorgesehenen Formen geopfert zu werden.7. das heißt die Unmöglichkeit. wie wir sie bis hier aufzuzeigen versucht haben. In der 112 amerikanischen Verfassung zum Beispiel verlangt das impeachment ein besonderes Urteil des vom Chief justice präsidierten Senats. Nun gibt es eben auch keine Rechtsordnung (auch nicht unter denjenigen. Wenn wir noch in der Satzung Karl Alberts von Savoyen lesen können. das (nachdem man von Augustus an den Begriff maiestas immer enger mit der Person des Kaisers verbindet) als crimen lesae maiestatis definiert wird. das Lebens des Souveräns zu opfern. die Mord durchweg mit der Todesstrafe vergelten). in der die Tötung des Souveräns einfach als Mord rubriziert würde. den die Enthauptung Ludwig XVI. und das nicht den sanktionierten Exekutionsformen unterzogen werden kann. Januar I 793 bedeutete. . sondern darin. sondern allein von Gott empfängt. 184f. daß ein Monarch getötet wurde. und zwar im Prinzip.

Jahrhunderts entwikkelt hatte. Es ist das Leben des loup garou. Im Original deutsch. »Der ganze Zuschnitt der Sazertät weist darauf hin.* 5 »Wer auf die Strafe des Todes aus der Stadt verbannt ist. Er rückte damit die sacratio vor den Hintergrund der Lehre von der Friedlosigkeit. zwischen physis und nomos. einer Kreatur. Ausschließung und Einschließung. halb Tier. 6. dem Wolfsmenschen. 281 f. sondern ein ihm innewohnendes Prinzip. sondern vielmehr eine Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen dem Menschlichen und dem Tierischen.) Rudolf von Jhering war der erste.« Mit Majuskel (»Città«). vargr.l Der Werwolf. die der Gründung des Staates2 chronologisch vorausliegt. [. 3 Im Original deutsch.] das. Sie ist ein Stück aus der Urzeit der indogermanischen Völker.. S. ist der Naturzustand keine reale Epoche. Demnach gründete das altgermanische Recht auf dem Begriff des Friedens und auf der entsprechenden Ausschließung des Übeltäters. daß sie nicht auf dem Boden eines geordneten Rechtszustandes gewachsen ist. . 115 114 . ohne der einen oder der anderen anzugehören. 42) oder wurde sogar bereits als Toter betrachtet (exbannitus ad mortem de sua civitate debet haberi pro mortuo. hoc est expulsa in einem Sinn. halb Mensch. so gebrauchen das Salische und das Ripuarische Gesetz die Formel wargus sit. daß ihm jeder Gewalt antun kann. Daß er als Wolfsmensch und nicht einfach als Wolf bestimmt wird (die Wendung caput lupinum hat die Form eines rechtlichen Statuts). . das. Nur in diesem Licht tritt der eigentliche Sinn des Hobbesschen Mythologems vom Naturzustand hervor. 4 »Jemanden zu verbannen heißt. halb in der Stadt und halb in der Wildnis lebt. Der Bann und der Wolf 6. der aus der Gemeinschaft verbannt worden ist. und dem Friedlosen’ des altgermanischen Rechts zusammenbrachte.5 ebd. . sondern in die Periode des vorstaatlichen Lebens hinaufreicht.« I italienisch lupo mannaro). so).2 wie sie der Germanist Wilhelm Eduard Wilda um die Mitte des 19.wie dasjenige des homo sacer [uomo sacro] . . .]. der sich im kollektiven Unbewußten als hybrides Monster. der mit diesen Ausführungen die Figur des homo sacer mit dem wargus. ist also ursprünglich die Figur dessen. das sich in dem Moment offenbart. Werwolf I 2 2 »Er trägt einen Wolfskopf vom Tag seiner Ausstoßung an. lateinisch garulphus. Auch der mittelalterliche Bann weist ähnliche Merkmale auf: Der Verbannte konnte umgebracht werden (bannire idem est quod dicere quilibet possit eum offendere. es ist die Schwelle der Ununterschiedenheit und des Übergangs zwischen ‘Tier und Mensch. auch mit religiöser Betonung: Wolf im Heiligthum vargr i veum) den unzweifelhaften Bruder des römischen homo sacer. in dem man den Staat tanquam dissoluta (mithin als eine Art von Ausnahmezustand) betrachtet.6. S.] das altgermanische und altnordische Altherturn bietet uns in dem Friedlosen und Waldgänger (dem wargus. des Werwolfs. davon abgeleitet französisch loup garou. was man für das römische Alterthum als eine Unmöglichkeit betrachtet: die Erschlagung des Geächteten ohne Urtheil und Recht. im Wolf ein Echo des wargus und des caput lupinum aus den Gesetzen von Eduard dem Bekenner zu vernehmen wissen: Er ist nicht einfach fera bestia und natürliches Leben. Germanische und angelsächsische Quellen unterstreichen die Grenzverfassung des Verbannten. der somit friedlos3 wurde und von jedem ohne Mord erschlagen werden konnte. .2. die paradoxerweise in beiden Welten wohnt. das die Tötbarkeit des homo sacer [uomo sacro] sanktionierte. niederschlagen sollte. So müssen wir auch beim Verweis auf den homo homini lupus. quod ab anglis wulfesheud vocatur). und die Gesetze Eduard des Bekenners (I I 30-1 I 3 5) definieren den Verbannten als wulfesheud (wörtlich: Wolfskopf) und setzen ihn mit dem Werwolf gleich (lupinum enim gerit caput a die utlagationis suae. Im Original deutsch. dem Wolf. I. [. S. muß wie ein Toter behandelt werden. wenn sie ihn als Wolfsmenschen bezeichnen (Werwolf: wargus. mittels dessen Hobbes die Souveränität begründet. was die Engländer wulfesheud nennen.kein Stück wilder Natur ohne jede Beziehung zum Recht und zum Staat. [ist] für das germanische Alterthum eine zweifellose Wirklichkeit gewesen [. ist hier entscheidend: Das Leben des Verbannten ist .4 Cavalca. der an das sacer esto erinnert.« (Jhering. der weder Mensch noch Bestie ist. Wie wir gesehen haben.

Nur diese Schwelle. und Wolf. Und so wie jenes tötbare und nicht opferbare Leben. darf die Frau nicht aufmachen. der seinem König besonders nahesteht (de sun seinur esteit privez. in diesem Sinn die erste und unmittelbare Referenz der souveränen Macht ist. die menschliche Kleidung unbeobachtet abzulegen und wieder anzuziehen. Mit Hilfe eines Komplizen. das heißt wargus. der sich in einen Wolf verwandelt. daß er vertraglich verpflichtet sei. daß er. und der Baron bleibt auf ewig ein Werwolf. S. denn es »kann von niemandem angenommen werden. gebunden an die Möglichkeit. würde er die Kleider verlieren oder im Augenblick des Ankleidens überrascht werden. entspricht das Vermögen der Untertanen. VIII 81f. sich aber jede Woche. Deswegen muß bei Hobbes das Fundament der souveränen Macht nicht in der freiwilligen Abtretung des Naturrechts von seiten der Untertanen gesucht werden. Bedeutsam ist hier das bereits bei Plinius in der Sage von einem Mann aus dem Geschlecht eines Anthus (Nat.« (Hobbes 2. während dessen (notwendig begrenzter) Dauer das Gemeinwesen aufgelöst ist und die Menschen in eine Zone der Ununterscheidbarkeit mit den Tieren geraten. nachdem er seine Kleider unter einem Stein versteckt hat. Hist. dessen Paradigma der homo sacer bildet. entwendet die Frau die Kleider aus dem Versteck. der sich in den Menschen zurückverwandelt. der dann ihr Liebhaber wird. und zwar (die ihm durch das natürliche Gesetz gezogenen Grenzen ausgenommen) so vollständig wie im reinen Zustand der Natur und des Kriegs eines jeden gegen seinen Nachbarn. ihr das Kleiderversteck zu verraten. was wir Modernen uns als politischen Raum in Begriffen der Bürgerrechte. Hobbes’ Naturzustand ist kein vorrechtlicher. für immer ein Wolf bleiben müßte (km si jes eüsse perduz / e de ceo feusse uparceüz / biscfavret sereie CE tuz jurs. in der Person des Souveräns dauerhaft den Staat. sein eigenes Recht nach seinem Gutdünken zum Schutz aller anzuwenden. ist die stets gegenwärtige und tätige Voraussetzung der Souveränität. und folglich kann man auch nicht sagen. kommen das eigentümliche Wesen des Werwolfs als Schwelle und Übergang zwischen Natur und Politik. Denn die Untertanen gaben dem Staat dieses Recht nicht. einem der schönsten Lais der Marie de France. 19). Darüber hinaus stößt man in der Geschichte auf die Notwendigkeit von bestimmten Formalitäten. wurde sie den Mann noch ganz als Wolf erblicken. A. der Gewalt keinen Widerstand zu leisten. »Und dies« schreibt Hobbes. der Wolfsmensch des Menschen. mit denen sich der Werwolf. ihm das Bekenntnis seines geheimen Lebens zu entlocken. dem Recht des Staates gleichgültiger Zustand.Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen dem Tierischen und dem Menschlichen markieren (das entspricht der klaren Ausrufung des von der Norm formal unterschiedenen Ausnahmezustandes). die etwas ahnt.nicht übertragen* -. ihm Gewalt anzutun« (ebd. die ihn konstituiert und bewohnt. nur durch die Aufgabe ihres Rechtes räumten sie ihm die Macht ein. »ist der Grund des in jedem Staat ausgeübten Strafrechts.). des freien Willens und des Gesellschaftsvertrags vorzustellen gewohnt sind. wenn nicht den Gehorsam zu verweigern. 237) Diesem besonderen Status des ius puniendi. gelingt es. so doch der Gewalt gegen die eigene Person Widerstand zu leisten. homo sacer.oder den Austritt aus der . Die Verwandlung in einen Werwolf entspricht exakt dem Ausnahmezustand. daß der Souverän sein Naturrecht bewahrt. mit außerordentlicher Lebhaftigkeit zum Ausdruck. sondern das nackte oder heilige Leben. bevor sie ihm geöffnet wird: »Wenn sie das erste Mal an die Haustür klopfen. für drei Tage in einen Werwolf (bisclavret) vewandelt und im Wald von Beute und Raub lebt (alph esph de la gaudine / s’i vif de preie e de ravine). gerit caput lupinum. in dem der Naturzustand als Herzstück des Staates überlebt. Die souveräne Gewalt gründet in Wahrheit nicht auf einem Vertrag. möglich. sie gründet in der ausschließenden Einschließung des nackten Lebens in den Staat. Wenn sie öffnete. an der Tür zu erkennen geben muß. er ist nicht so sehr Krieg aller gegen alle als vielmehr eine Lage. bewohnt der Werwolf. der dissolutio civitatis. der zu einem Menschen wird: Er ist ein Verbannter. gegenüber jedem alles zu tun. er wurde sie verschlin117 Hervorhebungen von G.) belegte Detail. in der jeder für den anderen nacktes Leben und homo sacer ist. sondern die Ausnahme und Schwelle. und er läßt sich überreden. v. Mensch.eben. 116 . I er habe einem anderen das Recht gegeben. Auch in der zeitgenössischen Folklore wird diese Notwendigkeit etwa von den drei Schlägen bezeugt. Seiner Frau. die den Eintritt in die . tierischer und menschlicher Welt sowie die enge Bindung zwischen ihm und dem Souverän. daß die Metamorphose vorübergehend ist. v. So wurde es allein ihm überlassen . 65 -75). Das Lai erzählt von einem Baron. sondern darin. Und die Verwolfung des Menschen und Vermenschlichung des Wolfs ist in jedem Augenblick des Ausnahmezustands. Im Gegensatz zu dem. was sich dann als Recht zu strafen darstellt. ist vom Standpunkt der Souveränität aus gesehen allein das nackte Leben in authentischer Weise politisch. K Im Bisclavret. obwohl er weiß. die weder das einfache natürliche Leben noch das soziale Leben ist.

. daß nichts schwieriger ist. S. wo sie unzertrennlich werden. sie würde ihren Mann bereits in einem menschlichen Körper. daß die endliche Zurückverwandlung Bisclavrets in einen Menschen auf dem Bett des Souveräns stattfindet. daß dann einem solchen von da an bestimmt ist. als sich von ihr zu lösen. daß die originäre juridisch-politische Beziehung der Bann ist.] Ist es nun nicht ebenso. entlassen und gleichzeitig festgesetzt. sind rückhaltlos zu verabschieden.] / ich werde dem Tier meinen Frieden geben / denn heute werde ich nicht mehr jagen«. [. Andererseits bezieht sich die 118 souveräne Entscheidung ihrerseits unmittelbar auf das Leben (und nicht auf den freien Willen) der Bürger. wo Bisclavret lebt. Der Bann ist wesentlich die Macht. sich einheimischen Blutes nicht enthält [. was unter Bann gestellt wird. zur Ohnmacht verdammt und sie zugleich konstitutiv unfähig gemacht. der Wolf ist verschwunden. die von dem Arkadischen Tempel des Lykäischen Zeus erzählt wird? [. . sondern hat substantiellen Charakter. auch nicht der bios als qualifizierte Lebensform. . . roof. Erst beim dritten Klopfen kann man öffnen: dann sind sie schon ganz verwandelt. läuft er auf ihn zu. als flehte er um Gnade. Der König ist erstaunt über die Menschlichkeit des wilden Tieres (*dieses Tier hat Menschenverstand / [. Diese Mißdeutung des Hobbesschen Mythologems in Begriffen des Vertrags anstatt des Banns hat die Demokratie jedesmal. eine nichtstaatliche Politik der Moderne wirklich zu denken. das nackte Leben und die souveräne Macht sind. Dasjenige. Sämtliche Vorstellungen vom originären politischen Akt als Vertrag oder Übereinkunft. . v. in der das staatliche Band in der Form des Banns immer schon Nichtstaatlichkeit und Pseudonatur ist und die Natur immer schon als nomos und Ausnahmezustand erscheint. Nun ist es also an der Zeit. . das Urphänomen1 der Politik darstellt: Doch dieses Leben ist nicht einfach das natürliche reproduktive Leben. und der Mensch ist wieder zum Vorschein gekommen. die zök der Griechen. weil das. darf die Frau noch immer nicht aufmachen. entweder durch seine Feinde unterzugehen oder ein Tyrann und also aus einem Menschen ein Wolf zu werden?« 6. Es folgt die unvermeidliche Begegnung mit der Exfrau und ihre Bestrafung. die Beziehung mit einem vorausgesetzten Beziehungslosen aufrechtzuerhalten. Deshalb ist die am Ende des ersten Teils auf der logisch-formalen Ebene aufgestellte These. Die Gründung ist mithin kein ein für allemal in illo tempore geschehenes Ereignis. jagt der König in dem Wald. Zone der Ununterschiedenheit und des Übergangs zwischen Mensch und Tier. sondern bleibt im bürgerlichen Staat in Form der souveränen Entscheidung fortwährend wirksam. wenn ein Volksvorsteher. ist der eigenen Abgesondertheit überlassen und zugleich dem ausgeliefert. der die Menge sehr lenksam findet. zugleich ausgeschlossen und eingeschlossen.) Auch die besondere Nähe zwischen dem Werwolf und dem Souverän belegt die Geschichte von Bisclavret: Eines Tages. Die alte I Im Original deutsch.]. den Mythos von der Gründung des modernen Staates von Hobbes bis Rousseau noch einmal von vorn zu lesen. der es verbannt und verläßt. Wenn sie zum zweiten Male klopfen. wenn dergleichen von anderen Opfertieren mit hineingeschnitten ist. dasselbe zu tun. Doch die Beziehung des Banns und der Verlassenheit [abbandono] ist in der Tat dermaßen doppeldeutig. .] Daß wer menschliches Eingeweide gekostet hat. 119 . wo die Verwandlung des Volksvorstehers in einen Tyrannen mit dem arkadischen Mythos vom Lykäischen Zeus verglichen wird: »Welches ist also der Anfang dieser Umwandlung aus einem Volksvorsteher in einen Tyrannen? Ereignet sie sich nicht offenbar dann. es ist vielmehr das nackte Leben des homo sacer und des wargus. der den Wechsel von der Natur zum Staat2 eindeutig und endgültig markieren wurde.3. Statt dessen gibt es hier eine weitaus komplexere Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen physis und nomos. aber noch mit einem Wolfskopf sehen. zwischen Natur und Kultur. Der Naturzustand ist in Wahrheit ein Ausnahmezustand. Doch wichtig ist. 2 Mit Majuskel (*Stato*). was der Bann zusammenbindet.« (Levi. das heißt die Macht. wie jener in der Fabel. notwendig zum Wolfe wird. wenn es sich dem Problem der souveränen Macht zu stellen galt. so erzählt der Lai.gen und für immer in den Wald flüchten. 154-160) und nimmt es zu sich an den Hof. wenn der Vorsteher angefangen hat. klammert sich an den Steigbügel und küßt ihm die Beine und Füße. etwas sich selbst zu überlassen. nicht nur eine These über die formale Struktur der Souveränität. das somit das originäre politische Element. in dem der Staat für einen Augenblick (der zugleich ein chronologisches Intervall und ein atemporales Moment ist) tanquam dissoluta erscheint. Die Nähe zwischen Tyrann und Wolfsmensch trifft man auch in Platons Politeia an (565d-e). . . und die losgelassenen Hunde spüren den Wolfsmenschen bald auf. Sobald Bisclavret den König erblickt hat.

1 Pro Caec. frei«. Und wenn das Leben in der Moderne immer deutlicher ins Zentrum der staatlichen Politik rückt (die. und »a redina bandita«. S. . die es dagegen als Recht und Schutz betrachten (schon am Ende der Republik dachte Cicero das Exil in Gegenüberstellung mit der Strafe: exilium enim non supplicium est. die ursprünglicher ist als die Schmittsche Opposition zwischen Freund und Feind. »der aus einem anderen Land stammt und gleichsam ein Ausländer ist«. quasi exterraneus ist. daß die »weder als Ausübung eines Rechts noch als Strafsituation qualifizierbare« (Crifo 2. markiert die originäre politische Beziehung. Sie ist der souveräne nomos. Die Bannung des heiligen Lebens ist im Staat innerlicher als jede Interiorität und äußerlicher als alle Extraneität. a bandono« ursprünglich »der Gnade überlassen. Biopolitik geworden ist). 34). ursprünglicher ist als die Opposition zwischen Recht und Strafe. Die Extrarietät dessen. ist innerlicher und primärer als die Extraneität des Fremden [straniero] (wenn es erlaubt ist. Diese Struktur des Banns müssen wir in den politischen Beziehungen und den öffentlichen Räumen.] Standardum. in denen wir auch heute noch leben.] appellatus fuit [. weil er Bürger einer das ius exilii genießenden civitas foederata wird. reich gedeckter Tisch«. I sacer und den Souverän. aber sehr realen Sinn alle Bürger als homines sacri erscheinen.3 der ex altera terra. ausgeliefert [alla merce di]« sowie »aus freien Stücken. hat ihre Wurzeln in dieser Doppeldeutigkeit des souveränen Banns. weil die Bannbeziehung von Anfang an die der souveränen Macht eigene Struktur bildete. »öffentlicher. den homo »Das Exil ist nämlich keine Strafe. . Der Bann ist im strengen Sinn die zugleich anziehende und abstoßende Kraft. Diese Zone der Ununterschiedenheit. das heißt qui extra focum sacramentum iusque sit. 120 . 3 »Der außerhalb des Herdes. die von Festus aufgestellte Opposition zwischen dem extrarius. Italice ConfaZone«. aufgrund deren im Italienischen »in bando. quod postea [. . die ursprüngliche Verräumlichung. der im souveränen Bann steht. die jegliche Lokalisierung und Territorialisierung ermöglicht und lenkt. dann ist das nur deshalb möglich. auf die Weise zu verwenden). Auf diese Weise wird die bereits erwähnte semantische Doppeldeutigkeit verständlich. und dem extraneus. Muratori.Diskussion in der Rechtsgeschichte zwischen denen. die das Exil als Strafe auffassen und denen. . freiwillig [a proprio talento. Mitbürger und Fremdem.].« 2 »Der dem Feuer und dem Wasser untersagte«. Sowohl in Griechenland als auch in Rom belegen die ältesten Zeugnisse. . 442) als auch den Ausschluß aus der Gemeinschaft bedeuten. sondern eine Zuflucht und ein Hafen vor ihr. Guntfanonum. verbannte als auch »für alle offen. in der das Leben des Exilierten oder des aqua et igni interdictusz an das tötbare und nicht opferbare Leben des homo sacer grenzt. »mit losen Zügeln«. I I) Lage desjenigen. des Opfers und des Rechts steht«. mit Foucaults Begriff. etwa in den Wendungen »mensa bandita«. welche die beiden Pole der souveränen Ausnahme verbindet: das nackte Leben und die Macht. zu erkennen lernen. und »bandito« meint sowohl »ausgeschlossen. wenn in unserer Zeit in einem besonderen. S. liberamente]« heißt. der aufgrund eines begangenen Mordes ins Exil geht oder seine Bürgerschaft verliert. Nur deswegen kann der Bann sowohl das Banner der Souveränität (»Bandus [. der jede weitere Norm bedingt. sedperfugiumportusque supplicii. .

keineswegs obskure) Begriffspaar »Tauglichkeit zum Opfer/Opferung nach den rituell vorgeschriebenen Formen«. der statt dessen von der Logik der Überschreitung bestimmt wird. mit der Opferwaffe versöhnt. nicht genügen können). und man versteht. abstoßend und faszinierend. beim rituellen Opfer wie beim individuellen Exzeß. die nicht mehr vollständig definierbar ist durch das (für Gesellschaften. welche die Bilder des gemarterten Chinesenjungen auf ihn ausübten. Doch wenn unsere Analyse wirklich ins Schwarze trifft und Batailles Definition der Souveränität durch die Überschreitung dem tötbaren Leben im souveränen Bann unangemessen bleibt. versuchte er das nackte Leben selbst zur Figur der Souveränität zu erheben. schreibt er im gleichnamigen. um mit der Frage der Gewalt in der modernen Biopolitik fertig zu werden. indem er sich sterben sieht. das in der extremen Dimension des Todes. und die Tatsache. den Nexus zwischen nacktem Leben und Souveränität ans Licht gebracht zu haben.Schwelle Wenn das originäre politische Element das nackte Leben ist. die Doppeldeutigkeit von Batailles Opferdenken aufgedeckt und den Begriff einer »nicht opferbaren Existenz« mit Nachdruck und gegen jede Opferversuchung formuliert zu haben. das in der Bannbeziehung die unmittelbare Referenz der Souveränität bildet. zum anderen dem Innern des Subjekts. dem Impuls folgte. die heute von mehreren Seiten unternommen werden. Auf diese Weise verwechselt Bataille unvermittelt den absolut tötbaren und absolut nicht opferbaren politischen Körper des homo sacer [uomo sacro]. der Erotik. So stirbt er. Doch anstatt den eminent politischen (gar biopolitischen) Charakter zu erkennen. ist ganz offensichtlich jenes nackte (oder heilige) Leben selbst. ist genau (wie das die Faszination zeigt.l Nicht daß Bataille die Unzulänglichkeit des Opfers und sein Wesen. und in unserer Kultur setzt die Bedeutung des Wortes »heilig« die semantische Geschichte des homo sacer und nicht die des Opfers fort (weshalb die trotzdem richtigen Demystifikationen der Opferideologie. dann wird verständlich. wie Bataille die vollendete Figur der Souveränität in einem Leben hat suchen können. »hat wenig mit jener der Staaten zu tun«. das der Begriffsapparat des Opfers und des Eros nicht auszuloten vermögen. als dritte Abteilung von Der verfemte Teil geplanten Buch. Was Bataille zu denken versucht. doch womit er nicht zu Rande kommt. 247). dann genügt der Begriff der »Nichtopferbarkeit« ebensowenig. nicht sieht (»beim Opfer identifiziert sich der Opfernde mit dem totgeschlagenen Tier. Indem er damit. und irgendwie sogar durch seinen eigenen Willen. daß er dessen Erfahrung eingeklagt hat. daß Benjamin (nach dem Zeugnis Pierre Klossowskis) die Forschungen der AciphaleGruppe mit der kategorischen Formel stigmatisieren konnte: Vous travailler pour le fascisme. In beiden Fällen. mit dem Prestige des Opferkörpers. die das Opfer kannten. das letztlich komödiantischen Charakters ist. sei es 122 real oder als Farce. In der Moderne hat sich das Prinzip der Heiligkeit des Lebens vollständig von der Opferideologie emanzipiert. Bataille 1. von seinem Freund Caillois aufgenommenen Schemen der zeitgenössischen Anthropologie als ursprünglich doppelsinnig. Aber es ist eine Komödie!« Bataille 2. I »Sie arbeiten für den Faschismus. von der ich rede«. definiert sich das souveräne Leben für ihn durch die augenblickliche Überschreitung des Tötungsverbots. Die Dimension des nackten Lebens. der in die Logik der Ausnahme eingeschrieben ist. dem sie sich jedesmal in privilegierten und mysteriösen Augenblicken schenkt. Es ist das Verdienst von Jean-Luc Nancy. das die Referenz der souveränen Gewalt bildet. ohne sich dessen bewußt zu sein. mißdeuten. Wenn es Batailles -wenn auch unwissentliches -Verdienst ist. Denn der homo sacer ist eben nicht Opferbar und darf dennoch von jedem getötet werden. S. und gleichzeitig das wesentliche Band dieser Figur mit der souveränen Macht hat ungedacht lassen können (die »Souveränität. schreibt er die Erfahrung des nackten Lebens zum einen der Sphäre des Heiligen ein. rein und schmutzig. ist ursprünglicher als die Opposition »tötbar/nicht opferbar« und verweist auf eine Idee der Heiligkeit. welche die maßgebenden. des Heiligen und des Luxus erfahrbar wird. die er in Die Tränen des Eros ausführlich kommentiert) das nackte Leben des homo sacer. der in der Moderne das Leben als solches zum Einsatz der politischen Kämpfe macht. 336). so bleibt das Leben da doch gänzlich im doppeldeutigen Zauberkreis des Heiligen gefangen.« 123 . macht seinen Versuch trotz allem einzigartig. S. Auf diesem Weg war lediglich eine Wiederholung des souveränen Banns möglich.

die nicht mit Opferschleiern zu verhüllen wir gleichwohl den Mut haben müssen. das heißt als nacktes Leben vernichtet worden sind. um schließlich mit dem biologischen Leben der Bürger selbst zusammenzufallen. ist ganz offensichtlich bloß eine antiphrastische Definition (La Cecla. Unter dem Nazismus ist der Jude die privilegierte Negativreferenz der neuen biopolitischen Souveränität und als solcher ein flagranter Fall von homo sacer. »wie Läuse«. daß die Figur. daß die Juden nicht im Verlauf eines wahnsinnigen und gigantischen Holocaust. ist weder die Religion noch das Recht. die uns unsere Zeit vorsetzt. Unser Zeitalter ist dasjenige. wie wir sehen werden. Deswegen stellt seine Tötung. Die Dimension. in der die Vernichtung stattgefunden hat. weil wir alle virtuell homines sacri sind. sondern buchstäblich. die eines nicht opferbaren Lebens ist. das als solches einer nie dagewesenen Gewalt ausgesetzt ist. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist die Absicht. im Sinn eines tötbaren und nicht opferbaren Lebens.Denn was wir heute vor unseren Augen haben. weder den Vollzug eines Todesurteils noch eines Opfers dar. ganz Hitlers Ankündigung gemäß. I I 5). S. das dennoch in einem unerhörten Maß tötbar geworden ist. Die für die Opfer selbst schwer zu akzeptierende Wahrheit. Wenn es heute keine vorbestimmbare Figur des homo sacer [uomo sacro] mehr gibt. der Vernichtung der Juden mit dem Begriff »Holocaust« eine Aura des Opfers zu verleihen. ist. in dieser Hinsicht von einer »Sakralität der Leitplanke« zu sprechen. Die Heiligkeit ist eine noch immer präsente Fluchtlinie in der gegenwärtigen Politik. sondern die Biopolitik. in dem ein Ausflugswochenende auf den europäischen Autobahnen mehr Tote produziert als eine Kriegsaktion. als solche bewegt sie sich in zunehmend vagere und dunklere Zonen. sondern die Verwirklichung einer schieren »Tötbarkeit«. dann betrifft uns das Leben des homo sacer in besonderer Weise. die der Bedingung des Juden als solcher inhärent ist. ist ein Leben. die doch gerade in den banalsten und profansten Formen auftritt. von einer unverantwortlichen historiographischen Blindheit. Dritter Teil Das Lager als biopolitisches Paradigma der Moderne . so vielleicht deshalb. Wenn es wahr ist.

in einer exemplarischen Formel zusammen: »Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben. die mit der Rekonstruktion des grand renfermement in den Hospitälern und in den Gefängnissen begonnen hatte. »ist nicht nur das langfristige Streben nach globaler Lenkung. die . schloß nicht mit einer Analyse des Konzentrationslagers. den Prozeß. ganz klar: »Das oberste Ziel aller totalitären Regierungen«. in dem auf der Schwelle zum modernen Zeitalter das Leben zum Einsatz der Politik wird. Jahrhunderts. das eigene Selbst zu objektivieren und sich als Subjekt zu konstituieren. In den letzten Jahren seines Lebens.I. Die Forschung. Er verlagerte sein Arbeitsfeld nicht. Der moderne Mensch ist ein Tier. auf jenes Gebiet. was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier. indem er sich gleichzeitig an eine äußerliche Kontrollmacht bindet. sondern 127 .I.Prozesse der Subjektivierung« zu erforschen. Am Schluß von Der Wille zum Wissen faßt er. was er Bio-Politik nannte. dem freiwillig nachgegeben wird. Hannah Arendt erkennt die Verknüpfung zwischen der totalitären Herrschaft und jener besonderen Lebensbedingung. das auch einer politischen Existenz fähig ist. die Hannah Arendt in der Nachkriegszeit der Struktur der totalitären Staaten gewidmet hat. in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht. schreibt sie 1950 in einem sozialwissenschaftlichen Projekt zur Erforschung der Konzentrationslager.« Trotzdem fuhr Foucault bis zuletzt hartnäckig fort. Auf der anderen Seite haben die tiefgehenden Untersuchungen. wie man es auch hätte erwarten können. ihre Grenzen genau im Mangel jeglicher biopolitischen Perspektive. trieb Michel Foucault seine Forschungen mit zunehmendem Nachdruck in Richtung dessen. Die Politisierung des Lebens I . während er an der Geschichte der Sexualität arbeitete und auch in diesem Bereich die Dispositive der Macht aufdeckte. das als Ort der modernen Biopolitik schlechthin gelten konnte: die Politik der großen totalitären Staaten des 20. wie wir gesehen haben. die das Lager ist. die im Übergang von der alten zur modernen Welt den einzelnen dahin bringen. das heißt die wachsende Einbeziehung des natürlichen Lebens des Menschen in die Mechanismen und das Kalkül der Macht.

Karl Löwith war der erste. der auch noch das bisher privat gewesene Leben durch Rassengesetze u. die Intelligibilität. die Rechte. wo sie nun in ihr Gegenteil umschlägt: in eine totale Politisierung aller. S. So entstand im marxistischen Rußland ein Arbeiterstaat. S. hat sie sich in bis anhin nicht gekanntem Maß als totalitäre Politik konstituieren können. der das Leben des homo sacer mit sich trägt. dieses für das klassische Rechtssystem so unverständliche >Recht< war die politische Antwort auf all die neuen Machtprozeduren. Und nur weil das biologische Leben mit seinen Bedürfnissen überall zum politisch 129 .der nie erlaubte und sofort umgesetzte Versuch der totalen Herrschaft über den Menschen. 240) Aber es entgeht ihr. im faschistischen Italien ein korporativer Staat. nur unter den extremen Bedingungen einer menschengemachten Hölle erreicht werden. auf das Glück.« (Löwith. die für uns noch das juridisch-politische Gefüge der klassischen Politik zu kennzeichnen scheint.) eignet eine Opazität. welche die Individuen in ihren Konflikten mit den zentralen Mächten erlangen. umgekehrt verliert die moderne Politik. in den totalitären Staaten dagegen zum entscheidenden politischen Kriterium und zum Ort souveräner Entscheidungen schlechthin wird. welche die Sexualität als Thema der politischen Auseinandersetzungen gewonnen hat. von der sie sich eigentlich freizumachen gedachten. um die Bedeutung zu erklären. was sie ist. »das >Recht< auf die Wiedergewinnung alles dessen. Daß es Hannah Arendt und Foucault. denn dieses Ziel kann. politisiert. Nur weil die Politik in unserer Zeit vollständig Biopolitik geworden ist. der außer der nationalen Arbeit auch den Dopolavoro und das gesamte geistige Leben normiert. daß der Prozeß gewissermaßen umgekehrt verläuft und daß es gerade die radikale Transformation der Politik in einen Raum des nackten Lebens (das heißt in ein Lager) ist. aber beharrlich seinen Lauf genommen. die ihrerseits auch nicht mehr auf dem traditionellen Recht der Souveränität beruhen. bahnen jedesmal zugleich eine stille. I . auf den Körper. auf die Gesundheit. auch der scheinbar neutral128 Der Berührungspunkt von Massendemokratie und totalitären Staaten hat gleichwohl nicht (wie Löwith hier auf Schmitts Spuren zu denken scheint) die Form eines plötzlichen Umschlags: Bevor der Strom der Biopolitik. ist sie erst einmal symbiotisch mit dem nackten Leben verwoben. auf die Befriedigung der Bedürfnisse<. was man ist oder sein kann . ihre beiden Perspektiven zu kreuzen. 3 3) »Diese Neutralisierung der politisch maßgebenden Unterschiede und das Hinausschieben ihrer Entscheidung hat sich seit der Emanzipation des dritten Standes und der Ausbildung der bürgerlichen Demokratie und ihrer Weiterbildung zur industriellen Massendemokratie bis zu dem entscheidenden Punkt entwickelt. S. welche die totale Herrschaft legitimiert und notwendig gemacht hat. »Das >Recht< auf das Lebens. schreibt Foucault.der mehr und intensiver staatlich ist als jemals ein Staat der absoluten Fürsten [Schmitt]. der den fundamentalen Charakter der Politik der totalitären Staaten als »Politisierung des Lebens« definiert und von diesem Gesichtspunkt aus zugleich den Berührungspunkt von Demokratie und Totalitarismus bemerkt hat: sten Lebensgebiete. daß ein und dieselbe Einforderung des nackten Lebens in den bürgerlichen Demokratien zu einem Vorrang des Privaten gegenüber dem Öffentlichen und der individuellen Freiheiten gegenüber den kollektiven Pflichten führt. Es ist gleichsam.2. nicht gelungen ist. die Freiheiten. der Sexualität etc.jenseits aller Unterdrückungen und >Entfremdungen -. hat er bereits unterirdisch. und im nationalsozialistischen Deutschland ein völlig durchorganisierter Staat. Wir werden versuchen. wenn man ihren politischen Charakter nicht wahrnimmt.« (Foucault 1. daß seine Analyse nicht leicht ist. Dem nackten Leben und seinen avataren der Moderne (dem biologischen Leben. wie wenn von einem bestimmten Zeitpunkt an jedes entscheidende politische Ereignis ein doppeltes Gesicht angenommen hätte: Die Räume. ein neues und noch furchterregenderes Fundament. die das politische Problem unserer Zeit wohl am schärfsten gedacht haben. deutet auf die Schwierigkeit dieses Problems hin. dgl. die man unmöglich durchdringen kann. .« (Arendt 2. aber wachsende Einschreibung ihres Lebens in die staatliche Ordnung an und liefern so der souveränen Macht. Die Konzentrationslager sind die Laboratorien für das Experiment der totalen Herrschaft. 173) Die Sache ist die. so ungestüm ans Licht unseres Jahrhunderts tritt. diese beiden Perspektiven im Fokus des Begriffs vom »nackten« oder »heiligen Leben« konvergieren zu lassen. Darin sind Politik und Leben dermaßen eng verflochten. da die menschliche Natur das ist.

sondern schlicht und einfach das corpus. 1. Welches auch immer der Ursprung der Formel sein mag . in der die Souveränität bestand. die sonst unerklärliche Geschwindigkeit zu begreifen. wenn nicht aufgrund eines rechtmäßigen Urteils von seinesgleichen und nach dem Gesetz des Landes. dem sie auch entstammen. das man gemeinhin der modernen Demokratie zugrunde legt: dem writ des Habeas corpus von I 679. daß einige der fundamentalen Ereignisse in der politischen Geschichte der Moderne (wie die Erklärung der Menschenrechte) und andere. wo die Politik sich schon seit längerem in Biopolitik verwandelt hatte und wo der Einsatz nunmehr bloß darin bestand. »an die Städte. bemerkenswert ist.3. welche Organisationsform sich für die Pflege.« Analog dazu trägt ein alter writ. mit der in unserem Jahrhundert die parlamentarischen Demokratien in totalitäre Saaten haben umstürzen und die totalitären Staaten sich beinah ohne Übergangslösung in parlamentarische Demokratien haben umwandeln können. wandte er sich an die »Erzbischöfe. Äbte. wir werden nicht die Hand auf ihn halten noch halten lassen [nee super cum ibimus. wie sich im Gleichschritt mit der Durchsetzung der Biopolitik auch die Entscheidung über das nackte Leben. zu bestimmen. Beamten und an die Gerichtsdiener«. genießen sollten. die den Punkt bezeichnet. nee super eum mittimus]. als verborgenes Paradigma des politischen Raumes der Moderne erscheinen. wenn sie wieder in den gemeinsamen biopolitischen (oder thanatopolitischen) Zusammenhang gestellt werden. ihre wahre Bedeutung nur dann entfalten. Jahrhundert an.man trifft sie bereits im 13. Wenn es in jedem modernen Staat eine Linie gibt. Als I 2 I 5 Johann ohne Land mit der Magna Charta seinen Untertanen Freiheitsrechte einräumte. Grafen. die zwei klar unterschiedene Bereiche trennt. an dem die Entscheidung über das Leben zur Entscheidung über den Tod und die Biopolitik somit zur Thanatopolitik wird. welcher der Habeas-corpus-Akte vorausgeht und die Anwesenheit des Angeklagten beim Prozeß sichern sollte. die eine unverständliche Einmischung biologischwissenschaftlicher Prinzipien in die politische Ordnung darzustellen scheinen (wie die nationalsozialistische Eugenik mit ih130 rer Vernichtung des »lebensunwerten Lebens« oder die aktuelle Debatte um die normative Festlegung der Kriterien des Todes). besteht überhaupt die Möglichkeit. als sie die physische Präsenz einer Person vor Gericht sicherte -. Barone. Auf den folgenden Seiten werden wir aufzuzeigen versuchen. Man betrachte dagegen die Formel des writ. privat und öffentlich) ihre Klarheit und Intelligibilität und treten in eine Zone der Unbestimmtheit. dem Wissenschaftler. die er nun besonders anerkennt. Tatsächlich kann man beobachten. dann erweist sich diese Linie heute nicht mehr als feste Grenze. absolute und unübertroffene biopolitische Raum (insofern er einzig im Ausnahmezustand gründet).entscheidenden Faktum geworden ist. verlieren die traditionellen politischen Unterscheidungen (wie jene zwischen rechts und links. sondern auch mit dem Arzt. In dieser Perspektive wird das Lager. Burgen und Dörfer« und allgemeiner noch »an die freien Menschen unseres Königreichs«. der die physische Freiheit der Untertanen garantieren soll. die Kontrolle und den Genuß des nackten Lebens am wirksamsten erweisen wurde. lautet: »Kein freier Mensch [homo liber] darf. Wenn das nackte Leben zur fundamentalen Referenz geworden ist. Vicomtes. daß sie »ihre alten Freiheiten und freien Bräuche« und diejenigen. In beiden Fällen vollzogen sich die Umbrüche in einem Umfeld. dem Experten und dem Priester symbiotisiert. daß im Zentrum der Habeas-Corpus-Akte weder das alte Subjekt der feudalen Beziehungen und Freiheiten noch der künftige citoyen steht. Liberalismus und Totalitarismus. Auch das plötzliche Abdriften der herrschenden Klassen des Exkommunismus in den extremsten Rassismus (wie in Serbien mit den Programmen der »ethnischen Säuberung«) und die Wiedergeburt des Faschismus in neuen Formen in Europa haben hier ihre Wurzeln. Sie ist beweglich und verschiebt sich in immer weitere Bereiche des sozialen Lebens. seiner Güter beraubt noch außerhalb des Gesetzes gestoßen [urlugetur] noch irgendwie belästigt werden. dieser reine. wo der Souverän immer mehr nicht nur mit dem Juristen. Die erste Registrierung des nackten Lebens als neues politisches Subjekt findet sich implizit schon in jenem Dokument. dessen Metamorphosen und Maskierungen zu erkennen wir lernen müssen. welche die Akte 131 . eingesperrt. die Rubrik de homine replegiando (oder repigliando). Artikel 29. Bischöfe. verschiebt und über die Grenzen des Ausnahmezustands hinaus ausbreitet. Vögte. verhaftet.

und die Geburt der modernen Demokratie ist genau diese Einforderung und Ausstellung dieses »Körpers«: habeas corpus ad subjiciendum. Corpus ist ein doppelgesichtiges Wesen. ebenso der Grund der Verhaftung und der Verwahrung. sondern zersplittert es. um es zum Einsatz in den politischen Konflikten zu machen.* I »Der Mensch ist nicht nur ein natürlicher Körper. wie immer sein Name darin lauten mag. wenn es im Leviathan und im Contract social zur zentralen Metapher der politischen Gemeinschaft wird. das nackte Leben. sondern corpus ist das neue Subjekt der Politik. Doch in der politischen Reflexion behält corpus auch dann. S. isoliert. einen engen Bezug zum nackten Leben. ins Zentrum ihres Kampfes gegen den Absolutismus stellt. Diese neue Zentralität des *Körpers« im Bereich der politisch-juridischen Terminologie ist mithin innerhalb des allgemeineren Prozesses anzusiedeln. von Descartes zu Newton und von Leibniz zu Spinoza.von 1679 verallgemeinert und in ein Gesetz verwandelt: Praecipimus tibi quod Corpus X. das nackte Leben in seiner Namenlosigkeit. quodcumque nomine idem X censeatur in eadem. habeas coram nobis. das was zugleich unten und am höchsten ist) präsentieren wird. eine derart privilegierte Position zuweist. das heißt sozusagen Teil des Politischen. Daß von den verschiedenen gerichtlichen Verfahren zur Wahrung der individuellen Freiheit ausgerechnet dieses Habeas corpus die Form eines Gesetzes erhielt und damit von der Geschichte der abendländischen Demokratie nicht mehr abzulösen sein wurde. Diesbezüglich lehrreich ist der Gebrauch. das sowohl Träger der Unterwerfung unter die souveräne Macht als auch der individuellen Freiheit ist. I). ist einmal mehr der Körper des homo sacer und einmal mehr das nackte Leben. apud Westminster. Wenn es stimmt. . ist sicher zufälligen Umständen geschuldet. sich dieses Körpers anzunehmen. das qualifizierte Leben des Bürgers. du mußt einen Körper vorzuzeigen haben. die sowohl die natürliche Gleichheit der Menschen wie die Notwendigkeit des Commonwealth begründet: »Wir befehlen dir. und nicht einmal schlicht homo. sondern auch ein Körper des Staates. sed etiam civitatis. daß De homine im Menschen einen natürlichen und einen politischen Körper unterscheidet (homo enim non modo corpus naturale est. das als solches in den souveränen Bann genommen wird (so auch noch in den modernen Formulierungen des writ: the body of being takten by [. verstreut es in jedem einzelnen Körper. in custodia vestra detentum. . daß die Habeas-Corpus-Formel ursprünglich die Anwesenheit des Angeklagten beim Prozeß verbürgen und folglich verhindern sollte. daß er sich dem Urteil entzieht. Wenn es richtig ist. daß der Körper X.’ Hobbes 3. daß auf diese Weise die im Entstehen begriffene europäische Demokratie nicht bios. . kann sich als solches nur dadurch konstituieren. Und hier liegt die Wurzel ihrer geheimen biopolitischen Bestimmung: Derjenige. der sich.« 133 132 . wie es heißt. die der modernen Demokratie zugrunde liegt.r Es gibt nichts. ad subjiciendum. una cum causa captionis et detentionis. daß er die souveräne Ausnahme wiederholt und in sich selbst corpus. sondern zök. der dem corpus in der Philosophie und Wissenschaft des Barock. Was da aus dem Verlies ans Licht tritt. . ut dicitur. der sich später als Träger der Menschenrechte und mit einem merkI würdigen Oxymoron als das neue souveräne Subjekt (subiectus superaneus. den Hobbes davon macht. in eurer Verwahrung befindet. daß sie das Gesetz verpflichtet. daß das Gesetz für seine Geltung eines Körpers bedarf. Das ist die Stärke und zugleich der innerste Widerspruch der modernen Demokratie: Sie schafft das heilige Leben nicht ab. doch ebenso gewiß ist. id est [ut ita loquar] corporis politici pars. wenn man in diesem Sinn von einem »Verlangen des Gesetzes nach einem Körper« sprechen kann. während sie doch in der neuen und definitiven Form umgekehrt den Sheriff verpflichtet./ whatsoever name he may be called there in). um apud Westminster ausgestellt zu werden. dann antwortet die Demokratie auf dieses Verlangen damit. den Körper des Angeklagten vorzuführen und dessen Haft zu begründen. besser ermessen ließe als die Formel: Nicht der freie Mensch mit seinen Eigenschaften und seinen Statuten. Die Tatsache. was den Unterschied zwischen der antiken und mittelalterlichen Freiheit und derjenigen. läßt die Ambivalenz (oder Polarität) der Demokratie um so klarer hervortreten. hier vor uns in Westminster gezeigt wird. so ist es in De cive gerade die Tötbarkeit des Körpers.

« (Arendt 3. die den neuen politischen Körper des Abendlandes bilden. als diejenigen. Denkt man genauer darüber nach. der auf einer angenommenen Existenz des Menschen als solchen basiert. Edmund Burkes boutade. scheint die Idee einer inneren und notwendigen Verknüpfung zu implizieren. Im System des Nationalstaates erweisen sich die sogenannten heiligen und unveräußerlichen Menschenrechte. S. Die Menschenrechte und die Biopolitik Die großartige Metapher des Leviathan. daß irgend jemand im Vertrauen auf seine Kraft sich anderen von Natur überlegen dünken kann. Die einander Gleiches tun können. »Der Begriff der Menschenrechte.der Flüchtling -. die das Geschick der Menschenrechte an das des Nationalstaats bindet. im letzteren Fall. vom Imperialismus handelnden Teils mit »Der Niedergang des Nationalstaates und das Ende der Menschenrechte« überschrieben. wesentliche Punkte hinaus. die das Größte vermögen. die den Menschen der Menschenrechte schlechthin hätte verkörpern sollen. brach in dem Augenblick zusammen. gewinnt aus dieser Perspektive eine ungeahnte Tiefe. In ihrem Totalitarismus-Buch hat Hannah Arendt das fünfte. wie leicht es selbst dem Schwächsten ist. die wirklich alle ihre anderen Eigenschaften und spezifischen Beziehungen verloren hatten .»Denn betrachtet man die erwachsenen Menschen und sieht man. von dem sie hier ausgeht. ob die beiden Glieder zwei autonome Realitäten benennen oder ein einheitliches System bilden.außer daß sie immer noch Menschen waren. und. als bar allen Schutzes und aller Realität. Aber die. muß in diesem Licht gelesen werden. 2. Hannah Arendts Ausführungen zur Verknüpfung von Menschenrechten und Nationalstaat reichen nicht über wenige. Hier ist unklar. Stärke und Weisheit des Menschen vergeht). welche die Verfasserin jedoch unerläutert läßt. 93) 2. In der Nachkriegszeit haben die instrumentelle Emphase der Menschenrechte und die Vervielfältigung der . dessen Körper aus sämtlichen Körpern der einzelnen geformt ist. daß die Figur . wonach er den unveräußerlichen Menschenrechten seine »rights of an Englishman« bei weitem vorziehe. den Stärksten zu töten: so versteht man nicht. 295). welcher Typ von Beziehung zwischen den beiden besteht. statt dessen die radikale Krise dieser Konzeption bezeichnet. und so sind ihre Hinweise nicht weiterverfolgt worden. in dem das erste immer schon im zweiten enthalten und verborgen ist.1. wie gebrechlich der Bau des menschlichen Körpers ist (mit dessen Verfall auch alle Kraft. sind gleich. nämlich zu töten. sobald sie nicht als Rechte eines Staatsbürgers zu handhaben sind. S. Diese bemerkenswerte Formel. Es sind die absolut tötbaren Körper der Untertanen. die sich zum Glauben daran bekannten. dem Flüchtlingsproblem gewidmete Kapitel des zweiten. so ist dies bereits in der Ambiguität des Titels der Erklärung von 1789 angelegt: Declaration des droits de l’homme et du citoyen.« (Hobbes I. Das Paradox. zum ersten Mal mit Leuten konfrontiert waren. besteht darin. können Gleiches tun.

das natürliche nackte Leben als solches . Und weil die Erklärung das native Element ins Herz der politischen Gemeinschaft selbst eingeschrieben hat. kann sie an diesem Punkt die Souveränität auch der »Nation« zuschreiben (Artikel 3: »le principe de toute souverainete reside 2 essentiellement dans la nation«‘). Daß sich dadurch der »Untertan«. die Erklärungen der Menschenrechte als wohlfeile Proklamationen von ewigen metajuridischen Werten anzuschauen. markierte) getrennt waren. um ihre reale historische Funktion bei der Herausbildung des modernen Nationalstaates zu betrachten. und 20. naissance] des Menschen geöffnet hat. daß ein wirkliches Verständnis der historischen Bedeutung des Phänomens ausgeblieben ist. daß es genau das natürliche nackte Leben. Sie sichert die exceptio des Lebens in der neuen staatlichen Ordnung. das im Ancien regime politisch belanglos war und als kreatürliches Leben Gott gehörte und das in der antiken Welt (wenigstens dem Anschein nach) als z& klar vom politischen Leben (bios) abgegrenzt war.« I I »Das Prinzip der Souveränität liegt seinem Wesen nach beim Volk. Nun ist es an der Zeit. das mit der Eröffnung der modernen Biopolitik die Basis der Rechtsordnung stiftet. »naissent et demeurent libres et egaux en droits«l (die strengste aller Formulierungen ist unter diesem Gesichtspunkt diejenige des Entwurfs von La Fayette: »tout homme nait avec des droits inalienables et imprescriptibles+. als er das unmittelbarwieder verschwindende (oder vielmehr gar nie als solches ans Licht tretende) Fundament des Bürgers abgibt. die einfache Geburt. Jahrhunderts zu verstehen. Wenn nach der Erschütterung der geopolitischen Ordnung in der Folge des Ersten Weltkriegs der verdrängte Abstand zwischen Nativität und Nation als solcher 2.zum ersten Mal (mittels einer Transformation. die (in Wirklichkeit ohne viel Erfolg) den Gesetzgeber zu Respekt vor ewigen ethischen Prinzipien verpflichten sollen. deren biopolitische Folgen wir heute erst zu ermessen beginnen) zum unmittelbaren Träger der Souveränität wird. Schon eine einfache Untersuchung des Textes der Erklärung von 1789 zeigt. vereinigen sich nun unwiderruflich im Körper des »souveränen Subjekts*. daß die Geburt . gleich wieder in der Figur des Bürgers. wird nun erstrangig in der Struktur des Staates und bildet sogar das irdische Fundament der staatlichen Legitimität und der Souveränität. ist es auch möglich. so daß es zwischen den beiden Begriffen keinen Abstand geben kann. die auf den Zusammenbruch des Ancien regime folgt. »Les hommes«. So schließt die Nation. sondern vor allem sein nacktes Leben. Nur wenn man diese wesentliche historische Funktion der Erklärung der Menschenrechte versteht. die als solche im Übergang vom Untertan zum Bürger vom Prinzip der Souveränität eingesetzt wird. um das Fundament des neuen Nationalstaats zu bilden.2. das sich als Quelle und Träger des Rechts präsentiert. Die Erklärung der Menschenrechte stellt die originäre Figur der Einschreibung des natürlichen Lebens in die juridisch-politische Ordnung des Nationalstaates dar. des Untertans. frz.das heißt. . den Kreis. wenn man vergißt. die im Ancien regime (wo die Geburt bloß das Vorhandensein des sujet. Die Menschenrechte werden dem Menschen zugeschrieben (oder entspringen ihm) nur in dem Maß. Jenes natürliche nackte Leben.« ‘37 136 . Die Erklärung der Menschenrechte muß mithin als Ort angesehen werden. an dem sich der übergang von der königlichen Souveränität göttlichen Ursprungs zur nationalen Souveränität vollzieht. bedeutet. daß die Nativität unmittelbar Nation wird. den die Geburt [nascita. ihre Entwicklung und ihre Metamorphosen in unserem Jahrhundert zu erfassen.« »Jeder Mensch wird mit unveräußerlichen und unantastbaren Rechten geb oren.« 3 »Der Endzweck aller politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen und unantastbaren Rechte. wie bemerkt worden ist. in dem sich die Rechte »bewahrt« finden (Artikel 2: »le but de toute association politique est la conservation des droits naturels et imprescriptibles de l’homme«3). Gleichzeitig verschwindet das natürliche Leben. so lautet der erste Artikel. die »nationale« und biopolitische Entwicklung und Bestimmung des modernen Staats des 19. »Die Menschen werden gleich an Rechten geboren und bleiben es. in einen »Bürger« verwandelt. die etymologisch von nascere abstammt. daß ihm nicht der Mensch als freies und bewußtes politisches Subjekt zugrunde liegt. Es ist nicht möglich. damit aufzuhören.Erklärungen und Konventionen übernationaler Organisationen schließlich dazu geführt. das heißt das reine Faktum der Geburt ist. Die implizite Fiktion besteht darin. Das Prinzip der Nativität und das Prinzip der Souveränität.

die Ausländer und auch diejenigen. daher I Im Original deutsch beigefügt. durch die sich die Gesellschaft bildet. . Es ist um der Klarheit des Ausdrucks willen besser. im Syntagma »Blut und Boden«’ das Wesen der nationalsozialistischen Ideologie zusammenzufassen. zumindest im jetzigen Stadium. zu deren Wahrung und Entwicklung die Gesellschaft gegründet worden ist.] nicht alle sind Aktiv-Bürger. September 1792 im Konvent verlangt. daß von diesen beiden Gegebenheiten aus Kultur. die im Ancien rc5gime keine wesentliche politische Bedeutung hatten. welcher Mensch nun Bürger sei und welcher nicht. Die Frauen. S. als er am 23. und welche die Kreise des ius soli und des ius sanguinis verdeutlichen und schrittweise einschränken sollten. daß »kein Autor in Frankreich [. welche die membres du souverain definiert. die präzisieren sollten. . daß Blut und Boden das Wesentlichste des Deutschtums ausmachten. eine wesentliche politische Frage zu werden. . den die nationale Souveränität und Menschenrechte eröffnet haben. . . die in den philosophischen Anthropologien diskutiert wurden. daß die traditionelle Anrede monsieur oder sieur in jedem öffentlichen Akt durch die des Bürgers ersetzt werde) das neue egalitäre Prinzip: Sie steht für den neuen Status des Lebens als Ursprung und Fundament der Souveränität und bezeichnet somit buchstäblich. das eigenartige. die Kinder. daß diese politisch so eindeutig geprägte Formel in Wahrheit einen harmlosen Rechtsursprung hat. die Bürgerschaft festzustellen (das heißt die primäre Einschreibung des Lebens in die staatliche Ordnung): ius soli (die Geburt in einem bestimmten Territorium) und ius sanguinis (die Geburt von Bürgereltern). gewinnen schon mit der Französischen Revolution eine neue und entscheidende Bedeutung. von den Historikern der Französischen Revolution mehrfach bemerkte Phänomen richtig zu deuten. auf das er verfällt. die erste Art passive. . rührt aber auch die bereits im Verlauf der Revolution einsetzende Vervielfältigung der normativen Anordnungen.] Alle Einwohner des Landes müssen in ihm die Rechtepassiver Bürger besitzen [. Faschismus und Nazismus sind vor allem eine Redefinition des Verhältnisses zwischen Mensch und Bürger und werden. bis im Nationalsozialismus die Antwort auf die Frage: »Wer oder was ist ein Deutscher?« (und folglich auch: »Wer oder was ist es nicht?«) unmittelbar mit der höchsten politischen Aufgabe zusammenfällt.] den wahren Sinn des Wortes >Bürger< verstandene habe.« (Sieyes 2. les membres du souverain. Was bis dahin kein politisches Problem dargestellt hatte (die Fragen: »Was ist ein Franzose? Was ist ein Deutscher?«).zutage tritt und der Nationalstaat in eine dauerhafte Krise gerät. sie unterliegt als solche einer fortwährenden Arbeit der Redefinition. [. tauchen mit dem Faschismus und dem Nazismus zwei im eigentlichen Sinn biopolitische Bewegungen auf. mit folgenden Wor139 138 . Diese beiden traditionellen juridischen Kriterien. Nur diese Verbindung zwischen den Menschenrechten und der neuen biopolitischen Bestimmung der Souveränität erlaubt es. . . Als Alfred Rosenberg die Weltanschauung seiner Partei auf eine Formel bringen will. ist es auch tatsächlich dieses Hendiadyoin. mit Lanjuinais’ Worten im Konvent. Daher rührt die Zentralität (und die Ambiguität) des Begriffs der »Bürgerschaft« im politischen Denken der Moderne. so paradox das erscheinen mag. 2 5 1) Und Lanjuinais fährt nach der oben zitierten Wendung. die seit dem römischen Recht dazu dienten. ganz verstehbar. die politische Rechte dagegen diejenigen. unveräußerlichen und unabdingbaren Rechte die Menschenrechte im allgemeinen in aktive und passive unterteilt wurden. aber [. weil sie lediglich ein Untertanenverhältnis ausdrückten.]. dürfen keinen aktiven Einfluß auf das Gemeinwesen nehmen.und Staatspolitik getrieben werden müßten. die Rousseau zur Äußerung veranlaßt. daß im unmittelbaren Zusammenhang mit der Erklärung der angeborenen. »Die nationalsozialistische Weltanschauung ging aus von der Überzeugung. die zweite aktive Rechte zu nennen. »daß die natürlichen und gesellschaftlichen Rechte diejenigen sind. die nichts zu den öffentlichen Einrichtungen beitragen.« (Rosenberg. Schon Sieyes unterscheidet in seinen Pr&%naires de la Constitution klar. beginnt nun. Sie ist nichts weiter als der gedrängte Ausdruck der beiden Kriterien. die das natürliche Leben zum Ort der biopolitischen Entscheidung schlechthin machen. S. sondern bloß eines unter anderen Themen war. Die Bürgerschaft bedeutet nun nicht mehr einfach nur eine allgemeine Unterwerfung unter die königliche Autorität oder ein bestimmtes System von Gesetzen noch verkörpert sie einfach (wie Chalier meint. 242) Doch man hat nur allzuoft vergessen. Wir sind daran gewöhnt. nur vor dem biopolitischen Hintergrund.

2. »der Mensch der Menschenrechte«. nicht mehr von selbst funktionierte und seine Macht der Selbstregulation verloren hatte. wie Hannah Arendt meint. und so ging es weiter. 1926 erließ das faschistische Regime ein analoges Gesetz gegen Bürger. diesem folgte 1922 Belgien. . daß die Juden erst nach der vollständigen Entnationalisierung (also auch der Restbürgerschaft. verbindet und trennt. seine Figur politisch zu bestimmen. Denn vom Ersten Weltkrieg an ist der Nexus Geburt-Volk nicht mehr imstande. Das Beispiel gab 1915 Frankreich gegenüber den naturalisierten Bürgern »feindlicher« Herkunft. In der z&. aufbrechen und damit die Ursprungsfiktion der modernen Souveränität in eine Krise stürzen. bis die Nürnberger Gesetze über die »Reichsbürger« und zum »Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« diese Entwicklung ins Extrem trieben.Phänomene zeigen. Geburt und Volk.ten fort: »Demnach wurden die Kinder. weil sie die Kontinuität zwischen Mensch und Bürger. die sich »der italienischen Staatsbürgerschaft unwürdig« gezeigt hatten. Die Überflutung Europas durch Flüchtlinge und Staatenlose (in einer kurzen Zeitspanne verlassen I 500 ooo Weißrussen. 700 ooo Armenier. daß die Bürgerschaft etwas war. was drinnen. Diese beiden . wo die Naturalisation von Bürgern wiederrufen wurde. In diesem Sinn ist er tatsächlich. im Leben laufend die Schwelle neu zu ziehen. das zum Fundament der Souveränität geworden ist. ein heiliges Leben abzusondern. welche die massenhafte Entnaturalisierung und Entnationalisierung der eigenen Bürger erlauben. Einer der wesentlichen Züge der modernen Biopolitik (der in unserem Jahrhundert rasen wird) ist die Notwendigkeit. die Minderjährigen. »Staat<. welche die Erklärung politisiert hat. die das Leben vom Tod trennen. das hervorstechendste Phänomen. und das.« (Sewell. daß der Nexus Nativität-Nationalität.] keine Bürger sein. S. dessen man sich würdig erweisen mußte. die in schreiendem Widerspruch mit Geist und Buchstaben der Erklärung steht. Wenn die Flüchtlinge (deren Zahl in unserem Jahrhundert nie aufgehört hat zu wachsen. sen erste und einzige reale Erscheinung diesseits der Maske des Bürgers. müssen die Verbindungen und Schwellen neu bestimmt werden. indem sie die deutschen Staatsangehörigen in vollwertige Bürger und Bürger zweiter Klasse unterteilten und zum Prinzip erhoben. dann vor allem deshalb. und die daher jederzeit in Frage gestellt werden konnte. die ihnen nach den Nürnberger Gesetzen zukam) in die Vernichtungslager geschickt werden konnten. bringt auf der politischen Bühne für einen Augenblick jenes nackte Leben zum Vorschein. seine legitimierende Funktion im Innern des Nationalstaates auszuüben. die Verrückten. die das. was draußen ist. verschieben sich diese Schwellen.übrigens eng verknüpften . Und eine der wenigen Regeln. wie das heute nunmehr geschehen ist. Ungarn und Rumänen ihr Ursprungsland) ist zusammen mit den gleichzeitig in vielen europäischen Staaten eingeführten Normen. die Frauen. um einen neuen lebenden Toten zu bezeichnen.3. das natürliche Leben vollständig in die pdis einbezogen ist. Auf der einen Seite betreiben die Nationalstaaten eine massive Neueinsetzung 141 140 . einen neuen homo sacer [uomo sacro]. zwischen Nativität und Nationalität. 105) Anstatt in diesen Unterscheidungen eine einfache Einschränkung des demokratischen und egalitären Prinzips zu sehen. Wenn das unpolitische natürliche Leben. und die beiden Glieder beginnen zu zeigen. Der Flüchtling. an die sich die Nazis im Verlauf der »Endlösung« dauerhaft hielten. das deren geheime Voraussetzung ist. 1933 war die Reihe an Österreich. 500 ooo Bulgaren. Und wenn. bis sie schließlich einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Menschheit ausmachten) in der Ordnung des modernen Nationalstaates ein derart beunruhigendes Element darstellen. I ooo ooo Griechen und Hunderttausende Deutsche. daß sie sich unwiederbringlich voneinander abgekoppelt haben. . wie wir sehen werden. die sich in Bewegung befindet und unablässig neu gezogen werden muß. die während des Krieges »antinationale Straftaten« begangen hatten. auf den die Erklärung der Menschenrechte von I 789 die neue nationale Souveränität gegründet hatte. muß man vielmehr die Kohärenz der biopolitischen Bedeutung zu erfassen wissen. Doch genau darum ist es so schwierig. die zu Leibesstrafe oder Infamie Verurteilten [. so verwandelt es sich gleichzeitig in eine Linie. war die. einmal aus den Mauern des oikos heraustritt und immer tiefer in die Stad? vordringt. über die dunklen Grenzen. die es ermöglichen werden. desI Kitts«: im Sinn von »Gemeinwesen«. hinaus. der den Abstand zwischen Geburt und Nation zur Schau stellt. die ihn ständig verdeckt.

Man muß den Begriff des Flüchtlings (und die Figur des Lebens. daß jedesmal. im Hinblick auf eine Politik. und das Lager. sondern nausschließlich humanitär und sozial« sein kann. K Das Pamphlet Franca& encore un effort si vom voulez h-e republicains. sind die vielleicht prägnanteste Chiffre des nackten Lebens in unserer Zeit. Der Flüchtling muß als das angesehen werden. daß hier das menschliche Leben (und dafür gibt es gewiß 142 Grunde) ausschließlich als heiliges Leben betrachtet wird. der Völkerbund und später die Vereinten Nationen versucht haben. diese Organisationen wie die einzelnen Staaten trotz ihrer feierlichen Anrufungen der »heiligen und unveräußerlichen« Menschenrechte sich nicht nur als gänzlich unfähig erwiesen haben. vom Bureau Nansen (1922) bis zum noch bestehenden Hohen Kommissariat für Flüchtlingsfragen (195 1). als deren Voraussetzung sie allein Sinn ergaben. auch nicht mittels der Figur der Menschenrechte. insbesondere aber in Les cent vingt joumkes de Sodome) das theatrum politicum als Theater des nackten Lebens. der die fundamentalen Kategorien des Nationalstaates. abgetrennt und außerhalb des Kontextes der Bürgerschaft verwendet. das physiologische Leben der Körper selbst sich als pures politisches Element präsentiert. deren die humanitären Organisationen in einem exakt symmetrischen Verhältnis zur staatlichen Macht bedürfen. Doch in keinem anderen Werk ist die Einforderung des Politischen seines Projekts so explizit wie in diesem Pamphlet. indem sie in dessen Innerem ein sozusagen authentisches Leben und ein nacktes Leben ohne jeden politischen Wert unterscheiden (der Rassismus und die nazistische Eugenik werden nur verständlich. sondern. auf der die Souveränität gründet. dem Problem der Flüchtlinge und der Wahrung der Menschenrechte zu begegnen. da die Revolution die Geburt das heißt das nackte Leben . um dann wieder in einer neuen nationalen Identität rekodifiziert zu werden. mit dem angeblichen Zweck. die wir heute erleben. die zum Scheitern der Anstrengungen der diversen Komitees und Organisationen geführt haben. wenn ihr Republikaner sein wollt«. ein Massenphänomen darstellen. dessen Engagement gemäß den Statuten nicht politisch. Just in dem Moment. vom Nexus Nativität-Nationalität zu demjenigen von Mensch-Bürger. wenn man sie in diesen Kontext zurückstellt). mittels der Sexualität. 143 . das menschliche Leben jedoch nur in der Figur des nackten Lebens oder des heiligen Lebens erfassen und unterhalten deshalb gegen ihre Absicht eine geheime Solidarität mit den Kräften. Ein Blick auf die jüngsten Werbekampagnen zur Spendensammlung für Ruanda genügt. Wesentlich ist. ist das erste und vielleicht radikalste biopolitische Manifest der Moderne. mittels deren die Staaten. das in Wachsendern Maß an den Rändern der Nationalstaaten anfällt. das Feld für eine nunmehr unaufschiebbare kategoriale Erneuerung zu räumen. inszeniert Sade (in seinem ganzen Werk. das heißt. das heißt insofern es tötbar und nicht Opferbar ist. die das nackte Leben nicht mehr in der staatlichen Ordnung absondert und ausstößt. die er repräsentiert) entschlossen von dem der Menschenrechte ablösen und Hannah Arendts These ernst nehmen. um sich klarzumachen. Der vom Politischen abgetrennte Humanitarismus kann die Absonderung des nackten Lebens. in dem. in eine radikale Krise stürzt: So wird es möglich. welche die Geschicke der Menschenrechte an die des Nationalstaates bindet. Die Trennung zwischen Humanitärem und Politischem. ist das biopolitische Paradigma. 2. sondern überhaupt in angemessener Weise mit ihm umzugehen. lediglich wiederholen. die sie bekämpfen sollten.4. ist die extreme Phase der Entfernung zwischen den Menschenrechten und den Bürgerrechten. auf der anderen Seite werden die Menschenrechte zunehmend von den Bürgerrechten. wenn die Flüchtlinge nicht mehr individuelle Fälle. das Problem zu lösen. die heute mehr und mehr zu den übernationalen Organen aufrücken.’ das Sade in der Philosophie dans le boudoir den Libertin Dolman& lesen läßt. wie es mittlerweile immer häufiger geschieht. nämlich nicht weniger als ein Grenzbegriff. und nur als solches zum Objekt der Hilfe und des Schutzes wird. Letztlich können die humanitären Organisationen.zum Fundament der Souveränität und der Menschenrechte macht. Die »flehenden Augen« des ruandischen Kindes. so daß der Untergang und die Krise des letzteren notwendig auch die ersteren obsolet werden läßt. das man aber »jetzt schwerlich noch lebend antreffen wird«. der reine Raum der Ausnahme. hier werI »Franzosen.des natürlichen Lebens. mit dem er nicht zu Rande kommt. ein nacktes Leben zu repräsentieren und zu schützen. Die Widersprüchlichkeit dieser Prozesse gehört bestimmt zu den Gründen. noch eine Anstrengung. mit dessen Fotografie man Geld sammeln möchte. was er ist.

»nimmt die Handlung trotz ihrer vielleicht empfindlichen Wirkungen auf sie selbst ruhig hin. um die Straflosigkeit des Selbstmordes zu erklären. und Alfred Hoche.1. S. »qui ne veuille &re despote quand il bande«‘). Sie glaubt sie dem Täter nicht verbieten zu dürfen«. daß der »Geh. Der Umstand. ein Professor der Medizin. Das Buch interessiert uns hier aus zwei Gründen. schreibt Binding. die keinen Aspekt des physiologischen Lebens (nicht einmal die obsessiv kodifizierte und ausgestellte Verdauungsfunktion) außer acht läßt. mehr noch.den die maisons. sich dazu veranlaßt sieht. Von dieser besonderen Souveränität des Menschen über die eigene Existenz leitet Binding jedoch . auch die Symmetrie zwischen homo sacer und Souverän findet sich hier in der Komplizität. die den Masochisten an den Sadisten und das Opfer an den Henker bindet. Lebensunwertes Leben 3. eine blaugraue @querte. daß hier zum ersten Mal eine normale und kollektive (mithin politische) Organisation des menschlichen Lebens gedacht worden ist. ein angesehener Strafrechtsspezialist (eine im letzten Moment hinter dem Titelblatt eingeklebte Einlage informiert die Leser darüber. daß Binding. Die Aktualität von Sade besteht nicht darin. wenn er geil ist. während des Druckes verstorben ist und diese »Abhandlung« also der letzte Akt seiner »tiefen Menschenliebe« gewesen sei).. Rat« und »Prof. wie die souveräne Entscheidung über den Ausnahmezustand. schon damals einer der Seriösesten deutschen Verleger der Geisteswissenschaften. schreibt er. denn der Sadomasochismus ist genau diejenige Technik der Sexualität. im Gegenteil.und das ist der zweite und dringendere Grund unseres Interesses . 14). seine Modernität besteht in der unvergleichlichen Zurschaustellung der absolut politischen (das heißt »biopolitischen«) Bedeutung der Sexualität und des physiologischen Lebens selbst. daß er die unpolitische Vorherrschaft der Sexualität in unserer unpolitischen Zeit angekündigt hat. Ebenso wie in den Konzentrationslagern unseres Jahrhunderts hat der Totalitarismus der Organisation des Lebens im Schloß Silling mit seiner minutiösen Reglementierung. Der erste besteht darin.noch einschließen.l Die Autoren waren Karl Binding. einerseits nicht als Delikt (wie beispielsweise die Verletzung einer Pflicht gegenüber sich selbst)./ zu betrachten« (Binding. S. et phil.). seine Wurzeln in der Tatsache. Die Souveränität des Lebenden über sich selbst bildet. so argumentiert er. . der nicht Despot sein will. die das nackte Leben des Partners zutage fördert. andererseits aber auch nicht als juristisch indifferente Handlung begriffen werden kann. Dr. welche die Rechtsordnung daher weder aus. Im Jahr 1920 veröffentlichte Felix Meiner. zum politischen Ort schlechthin. Nicht nur die Philosophie (Lefort. I 3). nacktes Leben und politische Existenz die Plätze tauschen. 145 I >>Es gibt keinen Mann. 3. Da der Selbstmord. die »Vernichtung des lebensunwerten Lebens« zu autorisieren.die Notwendigkeit ab. die einzig und allein auf dem nackten Leben gründet. B. Die wachsende Bedeutung des Sadomasochismus in der Moderne hat ihre Wurzeln in diesem Tausch.« K. als den lebenden Menschen als Souverän über sein Dasein I: . der sich mit Fragen der Ethik seines Berufs beschäftigte. die den Titel trug: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. S. »bleibt eben dem Rechte nichts übrig. 1 oof. ebd. und zwar in dem Ausmaf3. sondern auch und vor allem die Politik hat das Sieb des boudoir passiert. diesen als Ausdruck einer Souveränität des lebenden Menschen über seine eigene Existenz zu begreifen.« . daf3 Öffentliches und Privates. weder verbieten noch erlauben kann (die »Rechtsordnung«. daß er mit diesem beunruhigenden AusI Im Original deutsch. eine Schwelle der Ununterscheidbarkeit zwischen Exteriorität und Interiorität. jur. Und nicht nur die Analogie mit der souveränen Macht wird von Sade bewußt gezogen (»il n’est Point d’homme«. im Projekt von Dolman& hat das boudoir die cite vollständig ersetzt. wo jeder Bürger jeden anderen Bürger öffentlich aufrufen und ihn zur Befriedigung seiner eigenen Begierden zwingen kann.

Erlösung<. noch vom sittlichen. 29)2 Problematischer ist die Lage der zweiten Gruppe. daß etwas zum Gebiet der Werte gehört« und »die Verneinung [.] der eigentlich Akt der Wertung« ist (Schmitt 6. I 2 147 . wie verschwenderisch wir 146 Der Begriff des »wertlosen« (oder »lebensunwerten«) Lebens kommt-vor allem bei Individuen zur Anwendung.vom Notstand abgesehen -. X Es erstaunt nicht.druck lediglich das Problem der Zulässigkeit der Euthanasie benennt.« 3 Im Original deutsch beigefügt. der sich gewöhnt hat. S. 3.« Bindings Theorien vom lebensunwerten Leben stellt er die These von Heinrich Rickert an die Seite. so schlägt Binding vor. Ihr Leben ist absolut zwecklos. vom stärksten Lebenswillen und der größten Lebenskraft erfüllten und von ihm getragenen Leben’ umgehen.).« (Ebd. die Tötung dieser Menschen. die so stark die Eigenschaft des Rechtsgutes eingebüßt haben.sie der letzten Möglichkeit der Fortdauer beraubt. dem lebenswerten Leben. aber sie empfinden es nicht als unerträg1ich. »Liberazione«. S. die er zu stellen gedenkt: *Soll die unverbotene Lebensvernichtung. . Diese Menschen. Schmitt scheint hier nicht zu bemerken. »haben weder den Willen zu leben. noch zu sterben. zusammen mit seinem impliziten und vertrauteren Korrelat. die er kritisiert. zu unterschätzen: das »lebensunwerte Leben« (das Leben. andererseits stößt diese auf keinen Lebenswillen. soll nicht dazu führen. sondern negativ zu Wertender Existenzen auf der anderen Seite. daß die Initiative des AnBei Agamben »wertvollstes Leben« deutsch beigefügt. bis die Natur . . Bund ein beklommenes Gefühl regt sich in jedem. das zum religiösen Vokabular gehört und unter anderem predenzionec bedeutet. oder soll sie eine gesetzliche Erweiterung auf Tötungen von Nebenmenschen erfahren?« (Ebd. das nicht wert ist. S. der ihn in seiner Theorie des Partisanen im Kontext einer Kritik an der Einführung des Begriffs des Wertes ins Recht zitiert. wie nach heutigem Rechte . . die infolge von Krankheit oder Verletzung als »unrettbar Verlorene« betrachtet werden müssen und die. in Klammern folgt die sich für die deutsche Leserschaft erübrigende Erläuterung: »Binding bedient sich des Wortes . J..] das Kriterium dafür [ist]. »Der Wertsetzer«.findet mithin seine erste juristische Formulierung in einem gutgemeinten Pamphlet zugunsten der Euthanasie. die das furchtbare Gegenbild3 echter Menschen bilden L . sie »besteht aus den unheilbar Blödsinnigen . freizugeben. nach der das wahre Leben der Regel die Ausnahme ist. S. den Wert des einzelnen Lebens für den Lebensträger und für die Gesamtheit auszuschätzen. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung. weil er ihm erlaubt. schreibt Binding. noch vom sozialen. Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld bedeckt mit Tausenden toter Jugend. und welch Maß von oft ganz nutzlos vergeudeter Arbeitskraft. auf die Selbsttötung des Menschen beschränkt bleiben.2. . wie die Logik mit dem wertvollsten. daß der Aufsatz von Binding die Aufmerksamkeit von Schmitt geweckt hat. zu leben). Geduld.« Auch in diesem Fall erkennt Binding »weder vom rechtlichen. schreibt er. fährt Binding fort. gern8 der buchstäblich möglichen Bedeutung. der auf diese Weise zum ersten Mal auf der juridischen Bühne erscheint. 27) des Wertes. 5) Die Lösung des Problems hängt in der Tat ab von der Antwort auf die Frage: »Gibt es Menschenleben. worin schlagende Wetter Hunderte fleißiger Arbeiter verschüttet haben.einerlei ob die so geboren oder etwa wie die Paralytiker im letzten Stadium ihres Leidens so geworden sind«.« (Ebd. die Neuheit und die entscheidende Wichtigkeit dieses Begriffs.) Was das Problem der Entscheidungsgewalt über die Freigabe der Vernichtung angeht. der Sinn der Unwertsetzung ist die Vernichtung des Unwertes. oder auch. daß ihre Fortdauer für die Lebensträger wie für die Gesellschaft dauernd allen Wert verloren hat?« »Man braucht sie nur zu stellen«. seiner Theorie der Souveränität gleicht.oft so mitleidlos spät . *im vollen Verständnis ihrer Lage den dringenden Wunsch nach Erlösung besitzen und ihn in irgendeiner Weise zu erkennen gegeben haben. . und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben-und man ist auf das tiefste erschüttert von diesem grellen Mißklang zwischen der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit im größten Maßstabe auf der einen und der größten Pflege nicht nur absolut wertloser. Der Begriff des *lebensunwerten Lebens« ist für Binding deshalb wesentlich. Er nimmt mit Schmerzen wahr. »setzt mit seinem Wert eo ipso immer einen Unwert.. 3 I f. S. 80f.« (Ebd. wonach *der Bezug zur Negation [. Die fundamentale biopolitische Struktur der Moderne ... der gebrochen werden müßte. um lebensunwerte Leben so lange zu erhalten. Vermögensaufwendung wir nur darauf verwenden.die Entscheidung über den Wert (oder den Unwert) des Lebens als solches . noch vom religiösen Standpunkt aus schlechterdings keinen Grund. eine Antwort auf die juristische Frage zu finden. gelebt zu werden. oder ein Bergwerk.

keine Verzögerung mehr zu dulden. Bohne und Brack mitteilen hören. auch die Radikalität. Das nackte Leben ist nicht mehr an einem besonderen Ort oder in einer definierten Kategorie eingegrenzt. daß diese Grenze. er habe bei einer vertraulichen Versammlung in Berlin im Februar 1940 die Doktoren Hefelmann. in gutem Glauben angestellt wurden. fest steht jedoch. Es gibt keinen Anlaß. Der Name von Grafeneck. sich in der abendländischen Geschichte immer nur ausgedehnt hat und heute . darunter der zu erwartende Widerstand der kirchlichen Kreise. Während des Nürnberger Ärzteprozesses berichtete ein Zeuge. die es dauerte. bis Hitler im August 1941 wegen wachsender Proteste der Bischöfe und Familienangehöriger die Beendigung anordnete) eines theoretisch humanitären Programms in eine Operation der Massenvernichtung keineswegs nur von den Umständen ab. als ginge jede Wertung und jede »Politisierung« (wie sie der Souveränität des einzelnen über seine eigene Existenz letztlich implizit ist) zwangsläufig mit einer erneuten Entscheidung über die Schwelle einher. die Irrtümer und Mißbräuche begünstigen konnten. wenngleich in einer wenigstens dem Anschein nach anderen Richtung. welches ihre homines sacri [uomini sacri] sind. die Hitler und Himmler dazu brachten. jede Gesellschaft . und daß die letzte Entscheidung bei einer staatlichen Kommission liegt.notwendigerweise durch das Innere jedes menschlichen Lebens und jedes Bürgers geht. wurde von dem Programm wenig in die Tat umgesetzt. bestehend aus einem Arzt. um nur mehr »heiliges Leben« zu sein und als solches straflos eliminiert werden zu können. daß die »humanitären« Erwägungen. wo eines der Hauptzentren operierte. So erfolgte die Durchführung des »Euthanasie-Programms für unheilbare Kranke«1 unter Bedingungen . Es scheint so. Interessanter ist aus unserer Perspektive die Tatsache. daß die Souveränität des lebenden Menschen über sein Leben unmittelbar mit der Festlegung einer Schwelle zusammentrifft. 149 . Die Aussagen. einem Psychiater und einem Juristen.entscheidet darüber. getroffen habe.trags stets vom Kranken selbst ausgehen mui3 (falls er dazu in der Lage ist). 3. Es ist nicht unsere Absicht. 148 3. seinem Euthanasie-Programm keine eigentliche Rechtsform zu verleihen. Die neue Kategorie eines »wertlosen« oder »lebensunwerten Lebens« entspricht exakt. ohne daß ein Mord begangen wird. Hartheim (bei Linz) und an anderen Orten des Reiches. sofort nach der Machtergreifung ein Euthanasie-Programm auszuarbeiten.4.3.auch die modernste . mit der Binding zugunsten einer verallgemeinerten Zulässigkeit der Euthanasie Stellung bezieht. der Kleinstadt in Württemberg. denn Hitler hat es vorgezogen. interessiert uns hier nicht.im neuen biopolitischen Horizont der Staaten mit nationaler Souveränität . und erst Anfang 1940 beschloß Hitler. doch hing die Verwandlung (im Verlauf der fünfzehn Monate. daß das Wiederauftauchen der von Binding geprägten Formel zur rechtlichen Einbürgerung des »Gnadentods« (so der unter den Gesundheitsfunktionären des Regimes gängige Euphemismus) mit einer entscheidenden Wende in der Biopolitik des Nationalsozialismus zusammenfällt. jenseits deren das Leben keinen rechtlichen Wert mehr besitzt und daher getötet werden kann. Fritz Mennecke. wie ja auch Binding und Hoche von ihrem Gesichtspunkt aus den Begriff des »lebensunwerten Lebens« bestimmt in gutem Glauben vortrugen. oder dann von einem Arzt oder einem nahen Verwandten. I Im Original deutsch. ist mit dieser tristen Sache verbunden geblieben. Es ist sogar möglich. Dr. dem nackten Leben des homo sacer und kann leicht über die von Binding vorgestellten Grenzen hinaus erweitert werden. sondern bewohnt den biologischen Körper jedes Lebewesens. von der die Politisierung und die exceptio des natürlichen Lebens in der staatlichen Rechtsordnung abhängt. Stellung zu beziehen. daran zu zweifeln. hier zum schwierigen ethischen Problem der Euthanasie. jenseits deren das politisch relevante Leben aufhört. über das noch heute die Meinungen auseinandergehen und das in den Mediendebatten beträchtlichen Raum beansprucht. Jede Gesellschaft legt diese Grenze fest. daß die Reichsregierung soeben Vorkehrungen zur Autorisierung der »Vernichtung lebensunwerten Lebens«.wie der Kriegswirtschaft und der Vervielfachung der Konzentrationslager für Juden und andere Unerwünschte -. aber ähnliche Anstalten gab es auch in Hadamar (Hessen). mit besonderem Bezug auf die unheilbaren Geisteskranken. Aus verschiedenen Gründen. Die Information war nicht ganz richtig.

ohne daß ein Mord begangen wird. Aber aus der Perspektive der modernen Biopolitik steht die Euthanasie an der Kreuzung zwischen der souveränen Entscheidung über das tötbare Leben und der Übernahme der Sorge um den biopolitischen Volkskörper und markiert den Punkt. zu allen Zeiten zukommt. weil hier ein Mensch in der Situation befindet. es ist vielmehr ein politischer Begriff. da die staatliche Maschinerie voll vom kriegerischen Kraftakt beansprucht wurde. tötbares Leben abzusondern. es um jeden Preis in die Tat umsetzen? Es bleibt keine andere Erklärung als jene. ob sie die vom Programm verlangten Voraussetzungen erfüllten. es erforderte einen nicht unerheblichen organisatorischen Aufwand zu einem Zeitpunkt. sich fortzupflanzen (vom eugenischen Gesichtspunkt aus zählt ja ganz offensichtlich nicht die Vernichtung des Phänotyps. von selbst die Frage nach dem Unwert des Lebens. darüber zu entscheiden. in einem anderen Menschen die zök vom bios zu trennen und so etwas wie ein nacktes. als stünde in dieser Entscheidung der letzte Bestand der souveränen Macht auf dem Spiel. Die Anstalt erhielt jeden Tag etwa siebzig Personen (im Alter zwischen 6 und 93 Jahren). In anderen Anstalten (zum Beispiel in Hadamar) brachte man sie mit einer starken Dosis Luminal. daß das Programm an wirtschaftliche Erwägungen geknüpft war. 3. In der modernen Biopolitik ist derjenige souverän. waren die dem Programm unterworfenen unheilbaren Kranken Kinder und Alte. gramms völlig bewußt war. das der homo sacer verkörpert und auf dem sich die souveräne Macht gründet. politisch relevant zu sein. obwohl er sich der Unpopularität des ProI Im Original deutsch. zuerst wurde ihnen eine Dosis von 2 ml Morphium-Scopolamin verabreicht. daß schon die Gesetze zur *Verhütung erbkranken Nachwuchses« und zum »Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes« genügend Schutz boten.5. Doch unter einem strikt eugenischen Gesichtspunkt bestand für die Euthanasie gar keine besondere Notwendigkeit: Abgesehen davon. Wenn das Leben zum höchsten politischen Wert wird. die ohnehin nicht in der Lage waren. daß auf diese Weise etwa 60000 Personen vernichtet worden sind. wonach es unter dem Deckmantel eines humanitären Problems eigentlich . an dem die Biopolitik zwangsläufig in Thanatopolitik umkippt. wie Schmitt meint. dann tendiert diese Macht im Zeitalter der Biopolitik dazu. an welchem Punkt das Leben aufhört. mit den eugenischen Prinzipien der nationalsozialistischen Biopolitik zu erklären. eine fundamentale Frage erfaßte.welche die Angeklagten und Zeugen im Nürnberger Prozeß gemacht haben. dann stellt sich nicht nur. Wenn die Euthanasie sich für diese Verwechslung anbietet. Veronal und Morphium um. wie der Versuch von Binding. wird 151 150 . und dann wurden sie in eine Gaskammer gesteckt. die Euthanasie in einen juridisch-politischen Begriff zu verwandeln (das »lebensunwerte Leben«). Das Leben. unterzogen die Kranken einer oberflächlichen Untersuchung und entschieden. sich vom Ausnahmezustand zu emanzipieren. sondern es scheint. geben uns mit ausreichender Genauigkeit Auskunft über die Organisation des Programms von Grafeneck. Warum also wollte Hitler. der die Erwartungen und legitimen Wünsche des einzelnen betrifft. Die Doktoren Schumann und Baumhardt. Man rechnet. das mit der Erklärung der Menschenrechte als solches zum Prinzip der Souveränität erhoben worden ist. die Hartnäckigkeit. die für das Programm in Grafeneck verantwortlich waren. Man hat versucht. Darüber hinaus gibt es keinerlei Hinweise. Wenn es dem Souverän. die unter den unheilbaren Geisteskranken der verschiedenen deutschen Irrenhäuser ausgewählt wurden. dann deswegen. Größtenteils wurden die Kranken innerhalb von 24 Stunden nach der Ankunft in Grafeneck getötet. mit der Hitler die Verwirklichung seines Euthanasie-Programms1 unter nicht sehr günstigen Umständen verfolgte. insofern er über den Ausnahmezustand entscheidet. der die extreme Metamorphose des tötbaren und nicht opferbaren Lebens betrifft. im Gegenteil. welches Leben getötet werden kann. sondern nur des genetischen Erbgutes). Hier sieht man. um sich in die Macht über die Entscheidung zu transformieren. Daß das »lebensunwerte Leben« kein ethischer Begriff ist.im Horizont der neuen biopolitischen Bestimmung des nationalsozialistischen Staates -um eine Einübung der souveränen Macht in die Entscheidungsgewalt über das nackte Leben ging. der über den Wert oder Unwert des Lebens als solches entscheidet. liegt klar auf der Hand.

sondern zugleich den materiellen Inhalt meint. eine Publikation zu verbreiten. und darum lassen sich gewisse scheinbar verruckte und widersprüchliche Züge des Euthanasie-Programms2 nur im biopolitischen Kontext. 1942 beschloß das Institut Allemand in Paris. [. interessanter ist jedoch die Frage. h.] Helferich hat den nationalen Reichtum in Deutschland auf ungefähr 310 Milliarden Mark geschätzt. die Straflosigkeit zusicherten. Nicht nur widerspricht das Euthanasie-Programm dem Passus des Hippokratischen Eides: »Ich werde niemandem. weil sich das Problem der Euthanasie von neuem stellen wurde. an dem die gegenseitige Integration von Medizin und Politik. wurden die großen Konflikte zwischen Völkern mehr oder minder durch die Notwendigkeit verursacht. auf die wir zuruckkommen werden . [. die sozusagen bloß als Mittel zur Erreichung der verfolgten Ziele dienten. 4. I.1 Von den offiziellen und halboffiziellen Publikationen des Regimes ist diese vielleicht diejenige. ihre vollendete Form anzunehmen beginnt. die als Verantwortliche des Programms in Nürnberg zum Tod verurteilt worden sind. Tatsache ist. seitens der medizinischen Organisationen keine Proteste gab. die deutlich vom Liberalismus geprägt sind. trägt den vielsagenden Titel Etat et santé. . .Definitionen. so schreibt Reiter: »In den Jahrhunderten. »Politik. die Besitztümer des Staates zu sichern wobei das Wort ›Besitztum< nicht nur die Oberfläche des Landes. I 2 Im Original. die einen der wesentlichen Züge der modernen Biopolitik darstellt. Bischöfen an die Öffentlichkeit gebracht wurde. die dem unseren vorangegangen sind.unmittelbar Gesetz. auch nicht auf seine Bitte hin. daß das nationalsozialistische Reich den Zeitpunkt markiert. Das Buch. Ihre Voraussicht war unbestritten. Der »Führer«’ repräsentiert das Leben selbst. in dem es auch angesiedelt ist. Erst zu Beginn unseres Jahrhunderts ist man auf der Grundlage von Lehren. d. welche die Ökonomie beherrschten. Bisweilen war auch die Furcht. 3 1) 1 »Staat und Gesundheit«. die Gestaltung des Lebens der Völker« 4. wo der Souverän und der Arzt die Rollen zu tauschen scheinen. daß sie sich nicht schuldig fühlen. mit dem Zweck. bemerkt aber. das Beiträge der maßgebenden deutschen Fachleute (wie Eugen Fischer und Otmar von Verschuer) und der Hauptverantwortlichen der Gesundheitspolitik des Reiches (wie Leonardo Conti und Hans Reiter) versammelt. . Ursache dieser Konflikte. . in eine heikle Rechtssituation geraten (dieser Umstand gab denn auch Anlaß zu Protesten seitens der Juristen und Anwälte). daß es im Gegenzug zu diesem materiellen Reichtum einen lebendigen Reichtum gebe. in denen keine Rücksicht auf die Individuen genommen wurde. S. erklären. deutsch. Im Original deutsch. in der die Politisierung (oder der politische Wert) des biologischen Lebens und damit die Verwandlung des gesamten politischen Horizonts am deutlichsten thematisiert wird. warum es damals. als das Programm von den . dessen sich der Nazismus als erster radikal biopolitischer Staat nicht nicht annehmen konnte. daß sich die souveräne Entscheidung über das nackte Leben verschiebt. Das bedeutet. haben nach dem Urteil erklärt. in Deutschland darauf gekommen.nun selbst zum Ort einer souveränen Entscheidung. . Darum ist auch sein Wort -gemäß einer den Nazijuristen teuren Theorie. da keine gesetzlichen Vorkehrungen getroffen wurden. die daran beteiligten Ärzte konnten auch. ein tödliches Gift verabreichen oder auch nur dazu raten«.] Auch Zahn nimmt als Grundlage seiner Spekulation die Summe von 310 Milliarden Mark. die französischen Freunde und Verbündeten über das Wesen und die Verdienste der nationalsozialistischen Politik in Sachen Gesundheit und Eugenik zu informieren. Die Ärzte Karl Brand und Viktor Brack. den Nachbarstaat territorial anwachsen zu sehen. die sich damals wohlverstanden nur auf die liberalen Formen und Prinzipien stützen konnten. sie bewegt sich weg von streng politischen Motivationen und Bereichen und begibt sich auf ein ambivalentes Terrain.« (Verschuer 1. Darum ist das Problem der Euthanasie auch ein spezifisch modernes Problem. auch an folgenden Stellen. insofern er über den eigenen biopolitischen Bestand entscheidet. auch den Wert des Menschen in Betracht zu ziehen und zu definieren . den er auf 1061 Milliarden Mark schätze.

besonders jener der Genetik. 84) Es erstaunt folglich nicht. Das Neue daran ist indes. [. . .] Es ist unerläßlich. S. und zugleich beunruhigender. die. erlaubt jedoch bereits. . so ist der Arzt für die Ökonomie der menschlichen Werte verantwortlich. 5 1) schreitet: nähern uns immer mehr einer logischen Synthese der Biologie und der Ökonomie an. S.] wir Daher rührt die radikale Transformation der Bedeutung und der Aufgaben der Medizin. die eine bestimmte Kombination von homozygoten Genen aufweisen.. . die sich zunehmend tiefer in die Funktionen und Organe des Staates integriert: »So wie der Ökonom und der Kaufmann für die Ökonomie der materiellen Werte verantwortlich sind. die nun für die Interessen und Kalküle des Reiches erstrangig werden und die Basis für eine neue Politik schaffen. I 59 -161). wo sich die 155 . auch nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches weiterhin Genetik und Anthropologie an der Universität Münster lehrte) undvon Fischer (Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin) zeigt jenseits aller Zweifel. .. [. die er brauchte. die mit der Aufstellung der »Bilanz der lebenden Werte eines Volkes« (ebd. diese Synthese immer enger zu führen. »Die Rasse«. die vom 18. Johann Peter Frank und Johann Heinrich Gottlob von Justi macht sie sich die Sorge um die Bevölkerung in all ihren Belangen zum ausdrücklichen Ziel (Foucault 3.] Die Rasse ist Vererbung und nichts als Vererbung. die der nationalsozialistischen Biopolitik als konzeptuelle und strukturelle Referenz dient. Die Oszillationen der biologischen Substanz und der materiellen Bilanz eines Staates verlaufen im allgemeinen parallel. S. sie sind vielmehr als solche unmittelbar politisch. mit Nicolas Delamare. So wird der Begriff der Rasse in Übereinstimmung mit den genetischen Theorien der Zeit als »eine Gruppe von menschlichen Wesen.Die große Neuerung des Nationalsozialismus besteht nach Reiter darin.. S..]. Haldane über die Drosophila sind und allgemeiner jene Arbeiten der angelsächsischen Genetik. 40f. 86). ebenso bewußt wie dann.] die Politik wird imstande sein müssen. daß der Arzt an der rationalisierten menschlichen Ökonomie mitarbeitet und im Standard der Volksgesundheit die Bedingung des ökonomischen Ertrags erblickt [. daß im Gegensatz zu einem verbreiteten Vorurteil der Nazismus sich nicht einfach darauf beschränkte. definiert (ebd. S.Vom Ende des 19. auf die sich Fischer wie Verschuer beziehen. Verschuer 1. daß diese Begriffe nicht wie äußerliche (wenn auch bindende) Kriterien einer politischen Entscheidung gehandhabt werden. die Beziehung zwischen der nationalso154 zialistischen Ideologie und der Entwicklung der Sozial.. . 92). daß die Forschungen. Sowohl Fischer als Verschuer wissen jedoch.und Lebenswissenschaften jener Zeit. Das Wort »Rassismus« (wenn man Rasse streng biologisch versteht) ist deshalb nicht die korrekteste Charakterisierung für die Biopolitik des Dritten Reiches. Morgan und John B. d a ß es gerade die genetische Forschung dieser Zeit mit der frisch entdeckten Lokalisierung der Gene in den Chromosomen ist (jene »Gene«. Jahrhundert an der Polizeiwissenschaft zukommt. 48) q* . »auf den Chromosomen wie Perlen auf der Schnur aufgereiht sind«. während er Mein Kampf schreibt. »ist nicht durch die Zusammenstellung dieser oder jener Eigenschaften bestimmt.. so Fischer. die in ebendiesen Jahren zur Aufstellung einer ersten Karte des X-Chromosoms im Menschen und zum ersten sicheren Nachweis von pathologischen Erbveranlagungen führten. daß es eben diese lebenden Schätze sind. in dem die nunmehr Biopolitik gewordene Polizeiwissenschaft ihre Wirkung entfalten soll. S. sie bewegt sich vielmehr in einem Horizont. daß es praktisch unmöglich ist.« (Ebd. ist enger und komplexer. die man zum Beispiel mit Hilfe einer Farbenskala messen könnte. Foucault hat die wachsende Bedeutung untersucht.) Die Grundsätze dieser neuen Biopolitik werden von der Eugenik diktiert. die Experimente von Thomas H.* (Ebd. verstanden als Wissenschaft der genetischen Vererbung eines Volkes. sie steht heute noch am Anfang. die gegenseitige Abhängigkeit dieser beiden Kräfte als unabwendbare Tatsache zu erkennen. . Jahrhunderts an liefert das Werk von Francis Galton den theoretischen Rahmen. [. die anderen Gruppen fehlen«. zu verwenden und für die eigenen politischen Zwecke zu verformen. . Es ist wichtig zu sehen. S. eine nach dieser Definition reine Rasse zu bestimmen (insbesondere bilden weder die Juden noch die Deutschen in diesem eigentlichen Sinn eine Rasse -dessen ist sich Hitler. 34) beginnt und zur Pflege des »biologischen Körpers der Nation« (ebd. als er die Endlösung beschließt). .« (Ebd. S. die wissenschaftlichen Konzepte. S. schreibt Fischer. Ein Blick auf die Beiträge von Verschuer (der. so sehr es überraschen mag.

das Erbe der Polizeiwissenschaft des I 8. letzterer eine positive (die Pflege und das Wachstum des Lebens der Bürger). »>Der neue Staat kann keine andere Aufgabe kennen als die sinngemäße Erfüllung der zur Forterhaltung des Volkes notwendigen Bedingungen. wird nun das Subjekt-Objekt der staatlichen Politik (die sich deswegen auch zunehmend als »Polizei« verhält). Ein paar Jahre zuvor hat Verschuer eine Broschüre veröffentlich. 7) Einzig in dieser Perspektive nimmt die Vernichtung der Juden. besser aus als diese Verwandlung der natürlichen Vererbung als solcher in Politik. Man kann die nationalsozialistische Biopolitik (und mit ihr einen guten Teil der modernen Politik auch außerhalb des Dritten Reiches) nicht verstehen. Wenn der Nazismus uns immer noch als Rätsei erscheint und wenn seine Verwandtschaft mit dem Stalinismus (worauf Hannah Arendt so bestanden hat) noch unerklärt bleibt. Am 14. warum die ersten Gesetze. . die das nationalsozialistische Regime erlassen hat. Juli 1933. welche die Ausschließung der Faktoren biologischer Entartung und den Erhalt der Erbgesundheit des Volkes fördern. In seiner Unterscheidung zwischen »Politik« und »Polizei« weist von Justi ersterer eine rein negative Aufgabe zu (die Bekämpfung der inneren und äußeren Feinde des Staates).3. Daher rührt der scheinbare Widerspruch. »zeigen wir uns aber als Meister dieses Schicksals. in der Polizei und Politik. so fährt Verschuer fort. 4. daß die biologische Gegebenheit unmittelbar politisch wird und umgekehrt. dazu tendieren. dann wird alles Leben heilig und alle Politik Ausnahme: 4. Das Leben.2. konnte die Gestaltung und Pflege des »Volkskörpers« zu seiner vorrangigen Bestimmung erheben. beruht nicht (wie eine verbreitete. dann deshalb. die dem biologischen Erblühen der Nation schaden. ins Absolute steigert. welche die Eugenik betreffen. indem wir Erbanlage als uns gestellte Aufgabe ansehen.] Wir wissen heute: Das Leben eines Volkes ist nur garantiert. aber völlig unan156 .»Sorge um das Leben«. der im Innersten auf dem Leben selbst des Volkes gründet. « (Ebd. wenn rassische Eigenart und Erbgesundheit des Volkskörpers erhalten bleiben. wie wenn die Rasse eine einfache natürliche Gegebenheit wäre. S. S. »d. ohne die er unverstanden bleibt.« (Verschuer 2. 9). gerade diejenigen sind. die es nur zu schützen gälte. sie werfen Fragen auf. indem sie mit eigentlich eugenischen Bestrebungen verschmilzt. aber erst ein Staat. »Politik«. in der sie sich befindet. daß eine natürliche Gegebenheit sich unmittelbar als politische Aufgabe darzustellen sucht. die Gesundheit der Gesamtheit der Bevölkerung zu stärken und jene Einflüsse zu vernichten. daß alle Politik des nationalsozialistischen Staates dem Leben des Volkes dient. Jahrhunderts. »Erbanlage ist wohl Schicksal«. Die Neuerung der modernen Biopolitik besteht darin. S. das mit der Erklärung der Menschenrechte zum Fundament der Souveränität geworden ist. wird das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« 157 Die Verbindung. liest man in der Einleitung zu Etat et sante.. die Sorge um das Leben und der Kampf gegen den Feind gänzlich ununterscheidbar werden. die diese Worte zwischen Politik und Leben herstellen. . I I) Nichts druckt das Paradox der nazistischen Biopolitik und die Notwendigkeit. [. . h. schreibt Verschuer. in der die nationalsozialistische Ideologie vielleicht ihre rigoroseste biopolitische Formulierung findet. wenn man nicht sieht. die ursprünglich voneinander getrennt und durch das Niemandsland des Ausnahmezustands miteinander verbunden waren. identisch zu werden. »appelliert an die Kräfte. .« (Verschuer 1. Sie strebt also danach. die wir zu erfüllen haben. die für die ganze europäische Zivilisation von vitaler Bedeutung sind. weil wir es unterlassen haben. eugenische und ideologische Motive. »Die nationalsozialistische Revolution«. 5) gemessene Interpretation des Rassismus meint) auf einer rein instrumentellen Beziehung. Wenn Leben und Politik. das Leben selbst einer unablässigen Mobilisierung zu unterwerfen. das Phänomen des Totalitarismus in seiner Gesamtheit im Horizont der Biopolitik zu situieren. S. Die in diesen Vorträgen behandelten Probleme betreffen nicht nur ein einzelnes Volk. Das Fundament des Totalitarismus unseres Jahrhunderts Liegt in dieser dynamischen Identität von Leben und Politik.] die Gestaltung des Lebens der Völker« (Verschuer 2. und die Sorge um das Leben fällt mit dem Kampf gegen den Feind zusammen. wenige Wochen nach Hitlers Aufstieg zur Macht. [. ihre volle Bedeutung an. daß sie das Schwinden der Unterscheidung zwischen den beiden Gliedern impliziert: Die Polizei wird nun Politik.< Dieses Wort des Führers bringt zum Ausdruck. Nur in dieser Perspektive begreift man.

K Genau diese unmittelbare Einheit von Politik und Leben erlaubt es. ihre Unmenschlichkeit zu ermessen.« Am 18. stellt sich die Onto- wesentlichen Erfahrung des faktischen Lebens. und nur wenn man sie in ihren »humanitären« Zusammenhang stellt. beweist ein von Hitler vorgeschlagenes Projekt der letzten Kriegsjahre. in der es unmöglich ist. daß auch Staatsangehörige deutschen Blutes sich der deutschen Ehre als würdig erweisen müssen (womit implizit über jedem die Möglichkeit der Entnationalisierung schwebte). als sein biopolitisches Programm sein thanatopolitisches Gesicht zeigte. Empfindung und Bewußtsein.verabschiedet. an einer geistigen Störung leidet.). Auf der Grundlage eines neuen Reichsgesundheitsgesetzes hätten die Familien dieser Personen nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen können und ihnen wäre die Fortpflanzung untersagt gewesen. Was mit ihnen geschehen sollte. S. die die Ehe für die Volksgemeinschaft unerwünscht erscheinen läßt. Oktober 193 5 folgt das »Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes«. ist bloß eine Formalisierung der den Bereich Eugenik einschränkt. / a) wenn einer der Verlobten an einer mit Ansteckungsgefahr verbundenen Krankheit leidet. daß sie für die Nazis unmittelbar politischen Charakter hatten. versteht man nicht. dem »Reichsbürgergesetz« und dem »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«. Arendt 3. Ich und Welt.« Die Bedeutung dieser Gesetze und die Geschwindigkeit. das die eugenische Gesetzgebung auf die Ehe erweitert. verboten wurde unter anderem die Eheschließung zwischen Juden und vollberechtigten Staatsangehörigen. d.’ für das in seinen Seinsweisen sein Sein selbst auf dem Spiel steht.und Herzfunktionsstörungen. Die zentrale Kategorie der Faktizität ist für Heidegger nicht (wie noch für Edmund Husserl) die Zufälligkeit. die eine erhebliche Schädigung der Gesundheit des anderen Teiles oder der Nachkommen befürchten läßt. es verfügt. 2 Im Original deutsch. mit der sie erlassen wurden. Jahrhunderts zu werfen: die Beziehung zwischen Heidegger und dem Nazismus. Denn die große Neuerung des Heideggerschen Denkens (was in Davos den aufmerksameren Beobachtern wie Franz Rosenzweig und Emmanuel Lévinas nicht entging) war seine radikale Verwurzelung im Faktischen. insbesondere derjenigen mit Nieren. / c) wenn einer der Verlobten. . wenn man sie auf der bedingungslosen Annahme einer biopolitischen Aufgabe. Licht auf den Skandal der Philosophie des 20. Als solche sind sie nicht zu trennen von den Nürnberger Gesetzen. aber I Im Original deutsch. Nach einer nationalen radiologischen Untersuchung sollte der Führer eine Liste aller kranken Personen erhalten. / b) wenn einer der Verlobten entmündigt ist oder unter vorläufiger Vormundschaft steht. in der Leben und Politik identisch sind (»Politik. [. Wie die Veröffentlichung der Vorlelogie bei Heideggervon Anfang an als Hermeneutik des faktischen Lebens dar. Die Gesetze zur Diskriminierung der Juden haben die Aufmerksamkeit der Forscher der Rassenpolitik des Dritten Reiches fast durchgängig monopolisiert. wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist. ist es möglich.] die Gestaltung des Lebens der Völker«). . und im übrigen wurde festgelegt. / d) wenn einer der Verlobten an einer Erbkrankheit im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses leidet. und doch ist ein volles Verständnis nur möglich. zwischen dem Sein und seinen Seinsweisen zu unterscheiden. ohne entmündigt zu sein. daß seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden. Diese lassen sich weder auf die Nürnberger Gesetze noch auf die Deportation in die Konzentrationslager und auch nicht auf die Endlösung beschränken: Diese entscheidenden Ereignisse unseres Jahrhunderts haben ihr Fundament in 158 sungen der frühen zwanziger Jahre nun gezeigt hat. Nur wenn man sie in der Perspektive der modernen Biopolitik betrachtet (was sowohl die Ankläger wie die Apologeten unterlassen haben). 159 . kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden. 395 f.* aufgrund deren etwas in einer bestimmten Weise und an einem bestimmten Ort ist. mit denen das Regime die Juden in Bürger zweiter Klasse verwandelte. zwischen Leben und seiner wirklichen Situation. Bis zu welchem Punkt das Nazireich gegenüber sämtlichen Bürgern zu gehen bereit war. wenn man sie in den allgemeinen Zusammenhang der biopolitischen Gesetzgebung und Praxis des Nationalsozialismus zurückstellt. Entscheidend ist. und in der sämtliche Unterscheidungen der traditionellen Anthropologie (wie die zwischen Geist und Körper. h. das festlegt: »Wer erbkrank ist. gewinnt diese Beziehung ihre eigentliche Bedeutung. Die Zirkelstruktur des Daseins. Subjekt und Eigenschaft) schwinden. sollte Sache weiterer Entscheidungen seitens des Führers sein (vgl. daß eine »Ehe nicht geschlossen werden [darf].

sie besteht in einem Drama. daß nämlich der Nazismus als *elementares Übel« seine Bedingung der Möglichkeit in der abendländischen Philosophie selbst. denen der Körper als rätselhaftes Vehikel dient. »Der Körper ist nicht bloß ein unglücklicher oder glücklicher Zwischenfall. wird der Name Heidegger nicht erwähnt. der ihm irreduzibel fremd bleibt. aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das Geringste zu tun hat. Während die eigenste Leistung von Heideggers philosophischem Genius darin bestand. die begrifflichen Kategorien erarbeitet zu haben. in die er von Mal zu Mal gerät. . die einem souveränen und freien Ich zur Lösung vorliegen. der man nicht entkommt. Die mysteriösen Stimmen des Blutes. Das Biologische samt allem. der doch in einem Augenblick geschrieben wurde. Nur durch diese ursprüngliche Nähe wird verständlich.auch anderswo und anders sein könnte. Man kann es nicht klarer sagen. hat Levinas als erster den Akzent auf die Analogien zwischen dieser neuen ontologischen Bestimmung des Menschen und einigen Zügen der dem Hitlerismus impliziten Philosophie gesetzt. [. mit denen kein Umgang mehr gefunden werden kann. mit dem sich der abendländische Geist nie hat begnügen wollen. . Das Ich trägt dazu nur die Unbekannten dieser Probleme selbst bei. . Hingegen läßt eine 1991. die Anrufungen der Vererbung und der VergangenI heit.« (Heidegger 3. insbesondere in der Heideggerschen Ontologie hat: »eine Möglichkeit. der seine ›innere Wahrheit< verraten hat. ist die Basis einer neuen Konzeption des Menschen. 205 -207) Im ganzen Text. der uns mit der unerbittlichen Welt der Materie in Beziehung setzt seine Adhärenz zum Ich erfolgt aus ihm selbst. was es an Fatalität mit sich bringt. Zitat im Zitat deutsch. bestünde aus der Sicht Heideggers darin. Die Wahrheit ist für ihn nicht mehr die Anschauung eines fremden Schauspiels . zufällig in einer bestimmten Weise und in einer bestimmten Situation zu sein. Der Mensch gibt sein Ja und sein Nein unter dem Gewicht seiner ganzen Existenz. S. anläßlich der Wiederveröffentlichung in den Cahiers de I’Herne. ›dem es in seinem Sein um dieses Sein selbst geht<‘* (Levinas 2. In einem Text von 1934 (»Q uelques reflexions sur Ia philosophie de l’Hitléisme«). getrenntes Reich der Vernunft unterscheiden. das Sein. der sich gegen den Körper auflehnt. das macht seine Fischzüge in diesen trüben Gewässern der ›Werte< und der ›Ganzheiten<. an den er gekettet worden wäre. Für sie besteht im Gegenteil das Wesen des Geistes gerade in dieser Ankettung. sondern die Verfallenheit. von dem richtigerweise auszugehen ist. S. bedeutet Verrat an der Ursprünglichkeit des Gefühls selbst. sich selbst zu entkommen.] wird denen. sondern in einer Art von Gebundenheit. nie erlauben. welche die Faktizität daran hinderten.« (Levinas 1. sich als Faktum auszugeben. die als unlösbare Einheit von Geist und Körper. daß der Nazismus in derselben Erfahrung der Faktizität wurzelt. hat der Nazismus das faktische Leben in einer objektiven RassenI Im Original deutsch. kommt so in eine Zone der Ununterscheidbarkeit gegenüber allen traditionellen Bestimmungen des Menschen zu liegen und markiert dessen endgültigen Untergang. an die er ehedem gebunden ist. I 59). nichts vermag dieser Einheit den tragischen Geschmack der Endgültigkeit zu nehmen. das sein Da ist. Während sich das jüdisch-christliche und das liberale Denken durch die asketische Befreiung des Geistes aus den Fängen der sinnlichen und historisch-sozialen Situation auszeichnen. Dieses Gefühl der Identität zwischen dem Ich und dem Körper [. . auf dem Grund dieser Einheit die Dualität eines freien Geistes wiederzufinden. S. die ein aufmerksamer Leser gleichwohl zwischen den Zeilen hätte lesen sollen. es wird zu dessen Herz. daß man sie mit der Gegenwart eines äußeren Objekts verwechselt. in dem der Mensch selbst der Schauspieler ist. als der Beitritt seines Freiburger Lehrers zum Nazismus noch heiß war. und keine Metapher wurde es schaffen.und vorbehaltlose Annahme der historischen. 161 160 . in der das.’ die ein Sein charakterisiert. das nichts anderes ist und zu sein hat als seine Seinsweisen selbst.] Das Wesen des Menschen liegt nicht mehr in seiner Freiheit. sondern die entschiedene Annahme dieser Situation. Das Dasein. I 52) Der Irrtum des Nationalsozialismus. [. die sich in die Ontologie des ums Sein besorgten Seins einschreibt . Die Faktizität bedeutet nicht einfach nur. von der aus das Denken Heideggers sich bewegt und das er in seiner »Rektoratsrede* in die Formel gedrängt hat: »Das eigene Dasein wollen oder nicht wollen«. der vielleicht noch heute den wertvollsten Beitrag zum Verständnis des Nationalsozialismus darstellt. physischen und materiellen Situation. wie Heidegger in der Vorlesung Einführung in die Metaphysik von 193 5 diese enthüllenden Worte hat schreiben können: »Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird. . in Aufgabe verwandelt werden muß. und damit im Menschen und in seiner Welt ein vom Körper. Ihn von den konkreten Formen zu trennen. die von ihm ausgehen wollen. setzt nach Levinas die Philosophie des Hitlerismus (darin dem Marxismus ähnlich) auf die bedingungs. die Tatsachen enthält. Natur und Kultur betrachtet wird. wird mehr als ein Obiekt des geistigen Lebens. Es wird von ihnen konstituiert.] An seinen Körper gekettet verweigert sich der Mensch der Macht. . hinzugefügte Anmerkung keinen Zweifel an der These. verlieren ihre Eigenschaft als Probleme. Die Wichtigkeit. die Erfahrung der Faktizität in einen biologischen »Wert « verwandelt zu haben (daher die Verachtung. zugeschrieben wird. mit der sich Heidegger mehrmals auf den Biologismus Rosenbergs bezieht). welche diesem Gefühl des Körpers. Es ist eine Adhärenz. was Hingabe war.des Seins.

bestimmung eingekerkert und somit seine ursprüngliche Inspiration auf- 5. angestellt worden ist: »Bei 4 Minuten*. zwischen 6 und IO Minuten wurde die Atmung schneller. damit die Experimente fortgesetzt werden könnten. *begann VP zu schwitzen und mit dem Kopf zu wackeln. war das Todesrisiko erhöht. von I I Minuten bis 30 Minuten verlangsamte sich die Atmung bis 3 Atemzüge pro Minute. 163 . Wir besitzen ein (mit 94 Fotografien ausgestattetes) Protokoll des Experiments. 2 *Da* und »Da-sein« im Original deutsch. Der Luftkrieg war mittlerweile in die Phase der Flüge in großer Höhe getreten. die seinen Experimenten für das Leben der deutschen Piloten zukomme. Das Endergebnis des Briefwechsels zwischen Rascher und Himmler (der vollständig erhalten ist) bestand in der Installation einer Druckkammer in Dachau. das mit einem 37jährigen Juden als VP »in gutem Allgemeinzustand« unter einem Druck. und des tödlichen Risikos. welche die Experimente für die VP (Versuchspersonen)’ mit sich brächten. stehende Kabine in diesen Verhältnissen beschädigt wurde oder der Pilot mit dem Fallschirm abspringen mußte. I Im Original deutsch. Sigmund Rascher. mit der Bitte. Zwischendurch trat stärkste Cyanose auf.nicht »zwei oder drei Berufsverbrecher« zur Verfügung stellen könne. VP bewußtlos.« Es folgt der Bericht der Sektion zur Feststellung allfälliger organischer Verletzungen. Am I 5. so lesen wir. an dem die VP besonders einfach zu beschaffen waren. und wenn die unter Druck sacer. der einer Höhe von 12 ooo Metern entspricht. Im Nürnberger Prozeß wurden die von den deutschen Ärzten und Forschern in den Konzentrationslagern angestellten Experimente von aller Welt als eines der infamsten Kapitel in der Geschichte des nationalsozialistischen Regimes betrachtet. Ne1 Im Original deutsch. 3 Im Original deutsch. um dann ganz aufzuhören. auf welche die Macht keinerlei Zugriff mehr zu haben scheint. mit nachfolgender Übersetzung. und da die Experimente nicht nutzbringend mit Tieren durchgeführt werden könnten . an Himmler. der das Gegenstück des Souveräns war. damit die Experimente an einem Ort fortgesetzt werden konnten. ob man ihm . Mai I 94 I schrieb Dr.in Anbetracht der Bedeutung. Bei 5 Minuten traten Krämpfe auf. in eine Existenz. außerdem Schaum vor dem Mund. der seit langem Forschungen über die Rettung in großen Höhen anstellte. V P 5. I .

die nichts mit wissenschaftlicher Forschung zu tun haben. welche die Experimente angestellt hatten. eine sonderbare Aussage. Hermann Becker-Freyseng und Wilhelm Beiglböck. 164 165 . aus dem der Großteil der Richter des Nürnberger Prozesses stammte). eher gelegentlich stellte man Experimente zur Nierentransplantation. an.2. daß vom wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen die Vorbereitung dieser Experimente tadellos gewesen sei. denen man. die von der Verteidigung beigebracht und von den Sachverständigen des Gerichts beglaubigt worden ist). der Verantwortliche des Sterilisationsprogramms.es ist richtig. besonders in den Vereinigten Staaten (in dem Land also. eine Gruppe von Wissenschaftlern bei einem internationalen Kongreß eine Petition einreichte. in der Absicht. genossen eine so gute wissenschaftliche Reputation. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Die Experimente zur »Trinkbarmachung« des Meerwassers wurden dagegen an Häftlingen mit schwarzem Dreieck (das heißt Zigeuner . Im ersten Fall hielt man die VP bis zur Bewußtlosigkeit in Wannen mit kaltem Wasser getaucht. während die Forscher sorgfältig die Schwankungen der Körpertemperatur und die Möglichkeiten der Wiederbelebung untersuchten (besonders grotesk nimmt sich darunter die sogenannte Wiederbelebung »durch tierische Wärme« aus. daß 1948. wenn man bedenkt.l einer chemische Substanz. in der Wissenschaft ziemlich bekannte Forscher: Prof. was den Erholungsprozeß erleichterte). Straferlaß versprochen hatte. Zunächst einmal waren einige (gewiß nicht alle) der Ärzte. war unter anderem der Erfinder des nach ihm benannten »Tests« zur Wirkungsweise von Progesteron. Carl Clauberg zum Beispiel. 5. damit jene nicht verwechselt wurden mit anderen kriminellen Ärzten. die der eugenischen Politik des Regimes dienen sollten. Für exemplarisch galten in der Fachliteratur über Pellagra die Experimente. daß sie zweimal versuchten. So sind in den zwanziger Jahren 800 Häftlinge in den Gefängnissen der Vereinigten Staaten mit dem Plasmodium der Malaria infiziert worden. Und während des Prozesses bezeugte Franz Volhard. auch sie jüdische Häftlinge aus den Lagern. nach dem Urteil. Süßwasser aus einem Bodenlappen zu saugen. daß die Versu- I Im Original deutsch. Impfstoffe gegen diese beiden Krankheiten zu entwickeln. der Zeugenaussagen der Angeklagten und in einigen Fällen der Protokolle ist eine dermaßen entsetzliche Erfahrung. zu zellularen Entzündungen etc. diese Experimente einzig als sadistischkriminelle Taten zu betrachten. Massenhaft und für die Patienten äußerst schmerzhaft waren die Versuche zur nichtchirurgischen Sterilisation mittels chemischer Substanzen oder Bestrahlung. insbesondere die Gesundheit der Reichssoldaten bedrohten. Das ist leider nicht möglich. in der Absicht. welche die Experimente zur Trinkbarmachung von Meerwasser leiteten. die eine mußte sich einfach des Trinkens enthalten. daß in einem Fall die VP zu sexuellem Verkehr fähig war. die an der Front. eine andere trank nur Meerwasser. chung sehr groß ist. und die dritte Meerwasser mit »Berkazusatz«. daß im Verlauf des Experiments die VP einen solchen Prostrationsgrad erreichten. daß in unserem Jahrhundert Experimente mit Häftlingen und zum Tod Verurteilten mehrfach und in großem Maßstab durchgeführt worden sind. wo die Lebensbedingungen am härtesten waren. der bis vor wenigen Jahren in der Gynäkologie noch in ständigem Gebrauch war. Die Lektüre der Zeugnisse der überlebenden VP. neben dem gelben Stern auch dieses Symbol des Genozids an einem wehrlosen Volk in Erinnerung zu rufen) vorgenommen. die in Nürnberg verurteilt wurden. Ein anderer wichtiger Versuchssektor war die Einimpfung von Fleckfieberbakterien und Viren der Hepatitis endemica. ein Mittel gegen das Sumpffieber zu finden. die Joseph Goldberger mit zwölf zum Tod verurteilten US-amerikanischen Häftlingen angestellt hat. Professor für medizinische Chemie an der Universität Frankfurt und der Sympathie mit dem Nazi-Regime unverdächtig. sollten sie überleben. Die Professoren Oskar Schröder. bei der die VP auf eine Liege zwischen zwei nackte Frauen gelegt wurden. von der die Forscher eine Minderung der Schäden durch das Meerwasser erwarteten. es ist belegt. vor Gericht. Entschieden beschämender ist dann der Umstand (das geht unmißverständlich aus der wissenschaftlichen Literatur hervor.ben denjenigen zur Rettung in großen Höhen wurden in Dachau auch Experimente (auch diese sollten die Rettung von ins Meer gefallenen Matrosen und Piloten ermöglichen) im Hinblick auf die Überlebenschance in eisigem Wasser und die Trinkbarkeit von Meerwasser angestellt.

die an obengenannten Untersuchungen teilnehmen. aufgrund deren wissenschaftliche Experimente mit menschlichen Versuchsobjekten zugelassen werden konnten. ob es sich um Freiwillige handelte oder nicht). Als Zeugnis dafür. daß man. dem Arzt. und sicher ist.« Zustimmung« für einen in Dachau Internierten. . d a ß die ethisch-juridische Zulässigkeit der Experimente in keiner Weise von der Nationalität der Personen. kann man eine Überlegung von Alexander Mitscherlich zitieren. S. daß sie die Verantwortlichkeit der Angeklagten um nichts verringerten. für die der Impfstoff bestimmt war. . und für meine Erben. endlose Diskussionen widmen. daß der Verurteile eine Erklärung unterzeichnen mußte. die Verschiedenheit der Zwecke in Anschlag zu bringen.] den Direktor des staatlichen Zuchthauses [. war die Notwendigkeit einer freiwilligen Zustimmung seitens des Subjekts. Das hätte jedoch bedeutet. um deren Behandlung es Strong mit seinen Forschungen zu tun war. wären derartige von Häftlingen unterzeichnete Erklärungen in den Lagern1 gefunden worden. abhängen konnte. der auf das Versprechen der Begnadigung hin mit Lepra infiziert worden ist und in der Folge des Experiments verstorben ist. [.] und alle Techniker und Assistenten. indem er die analogen Experimente ins Feld führte. es ist hingegen klar. die an Fleckfieber starben. I 2) Als historisch-politisches Urteil ist diese Sichtweise richtig. Tatsächlich war es in den USA die allgemeine Praxis (wie aus einem im Staat Illinois verwendeten Formular hervorgeht. noch von den Umständen. Diese rechtschaffene Emphase des freien Willens weigert sich zu sehen. Ich verzichte folglich auf alle Ansprüche und Prozesse oder Gewohnheitsrechte [equity] für alle Verletzungen oder Krankheiten. die Strong in Manila mit zum Tod Verurteilten angestellt hatte. die durch diese Experimente verursacht sein mögen. wie schmerzlich es war. . tödliche oder sonstige. Im weiteren zitierte die Verteidigung den Fall des zum Tod verurteilten Keanu (Hawaii). von freiem Willen und Zustimmung zu sprechen. . daß der Begriff »freiwillige I Im Original deutsch. wendet an diesem Punkt ein: »Wo Strong gegen Elend und Tod von der Art einer Naturkatastrophe zu schützen suchte. schlicht eines Sinns entbehrte und daß unter diesem Gesichtspunkt die Unmenschlichkeit der Experimente in beiden Fällen substantiell gleich war. Gerhard Rose. Im Fall eines zum Tod Verurteilten oder eines Häftlings. Das äußerste Kriterium. dem man auch Angesichts der offenkundigen Heuchelei solcher Dokumente kann man nur perplex sein. Die einzige ethisch korrekte Position wäre gewesen.und Beri-Beri-Kranken.] und alle Angestellten [. daß die Experimente der Lager nicht ohne Vorläufer in der medizinisch-wissenschaftlichen Praxis waren. Angesichts der Deutlichkeit dieser Dokumente mußten die Richter der Festlegung von Kriterien. Es ist ebensowenig möglich.« (Mitscherlich. der zusammen mit Fred Mielke 1948 den ersten Bericht des Nürnberger Ärzteprozesses publiziert und kommentiert hat. nur die Verbesserung seiner Lebensbedingungen vorgegaukelt hätte. ist zumindest problematisch. Mitscherlich. unter denen sie sich die Krankheit zugezogen hatten. operierten Forscher wie der Angeklagte Rose im Dickicht der unmenschlichen Methoden einer Diktatur für die Aufrechterhaltung ihrer Sinn1osigkeit. die von der Verteidigung beigebrachten Präzedenzfälle als rechtlich relevant anzuerkennen und dagegenzuhalten. einzugestehen. . um die unterschiedlichen und spezifischen Verantwortlichkeiten in den fraglichen Fällen abzuwägen. Prof. in der es unter anderem hieß: *Ich übernehme hiermit alle Gefahren dieser Experimente.] von aller Verantwortung. meine persönlichen Vertreter und Bevollmächtigten entbinde ich hiermit die Universität von Chicago [. der sich auch durch die Nüchternheit seiner Kommentare auszeichnet. . das dem Experiment unterzogen werden sollte. einen finsteren Schatten auf die gängigen Praktiken der modernen medizinischen Forschung zu werfen (seitdem sind noch viel aufsehenerregendere Massenexperimente 167 166 . .Außerhalb der USA hat Richard Pearson Strong Forschungen über die Beri-Beri-Krankheit und über die Pestbakterien mit zum Tod Verurteilten in Manila durchgeführt (die Protokolle der Experimente erwähnen nicht. in dem man allgemein übereinstimmte. . der wegen der Experimente zur Fleckfieberimpfung angeklagt war (die zum Tod von 97 von 392 VP geführt hatten) verteidigte sich. der eine schwere Strafe verbüßt. das den Richtern vorgelegt wurde). ferner die Regierung der Vereinigten Staaten Amerikas des Staates Illinois. die Experimente deswegen nicht als ethisch annehmbar hätte betrachten müssen. mit den Pest. und verglich die deutschen Soldaten.

Mithin werden die zum Tod Verurteilten und die Lagerbewohner in gewisser Weise unbewußt den homines sacri angenähert. Mobilität. wo sie nichts weiter mehr waren als nacktes Leben. Denn das Überleben des Ultrakomatösen hörte mit der Unterbrechung der Reanimationsmaßnahmen automatisch auf: Auf das vollständige Ausbleiben von Reaktionen auf äußere Reize. zwischen Innen und Außen auf. S. Der Zeitraum zwischen dem Todesurteil und der Vollstreckung und das eingezäunte Gebiet des Lagers’ errichten eine extratemporale und extraterritoriale Schwelle. wo der menschliche Körper von seinem normalen politischen Status losgelöst ist und so in einem Ausnahmezustand den extremsten Wechselfällen überlassen wird [e abbandonato]. das getötet werden kann. eine kurze Studie veröffentlicht. Im Jahr 1959 haben zwei französische Neurophysiologen. in das einst nur der Souverän vorstoßen konnte. keine ethischen Probleme aufwarfen. beraubt und dennoch biologisch noch am Leben sind. welches das tiefe Koma definierte. . zum Beispiel zur Erforschung der Wirkungen nuklearer Strahlung). Wenn es denn. Manifestationen der souveränen Macht über Leben und Tod) oder endgültig dem Tod übereignen. denjenigen des coma depasse’ [. das sich erklärtermaßen in einem biopolitischen Horizont bewegte. Neben dem klassischen Koma. 4) Die gewollt paradoxe Formulierung (ein Stadium des Leben jenseits des Aussetzens aller Lebensfunktionen) gibt zu verstehen. einem Leben. theoretisch betrachtet. Sensibilität. Pierre Mollaret und Maurice Goulon.] eine ebenso totale Aufhebung der vegetativen Lebensfunktionen kommt. . das Experiment kann ihn wie ein Sühneritual dem Leben zurückerstatten (Begnadigung oder Straferlaß sind. und ein coma carus mit einer schweren Störung der vegetativen Lebensfunktionen. das durch den Verlust der relationalen Lebensfunktionen (Bewußtsein. . so konnte das Überleben sich so lange hinziehen. Politisierung des Todes 1 Im Original deutsch. in dem der Verlust der Relationsfunktionen nicht vollständig ist. unterschied die medizinische Literatur jener Zeit auch ein coma vigile (Wachkoma). das sie als coma dkpassk definierten (was man auch mit Ultrakoma übersetzen könnte). verständlich ist. daß in beiden Fällen die besondere Bedingung der VP entscheidend gewesen ist (zum Tod Verurteilte oder Häftlinge in einem Lager. »Diese drei traditionellen Grade des Kornas«. als das nunmehr von jeder Nervenzuleitung unabhängige Myocardium noch fähig war. Kreislauf. daß in einem gewissen Maß ähnliche Experimente in einem demokratischen Land angestellt werden konnten? Die einzige mögliche Antwort ist. daß im biopolitischen Horizont. folgten nun der unverzügliche kardiovaskuläre Kollaps und das Aufhören jeglicher Atembewegung. Techniken zur Kontrolle der Körpertemperatur etc. in dem zur totalen Aufhebung der relafonalen Lebensfunktionen L. die wir gewöhnlich mit der menschlichen Existenz verbinden.mit ahnungslosen amerikanischen Bürgern nachgewiesen wor- den.).« (Mollaret und Goulon. in das einzutreten den endgültigen Ausschluß aus der politischen Gemeinschaft bedeutete). Thermoregulation) charakterisiert wird. Kontrolle des Kreislaufs durch ständige intravenöse Perfusion mit Noradrenalin. um einen vierten zu ergänzen. daß das Ultrakoma gänzlich die Frucht (die Autoren nennen es rancon. dem er bereits gehört. wie war es dann möglich. der Arzt und der Wissenschaftler sich in einem Niemandsland bewegen. Hier interessiert uns im speziellen aber.]: Koma. schreiben Mollaret und Goulon provokativ.1. daß derartige Experimente bei den Forschern und Funktionären im Innern eines totalitären Regimes. daran muß man erinnern. Genau darum. Reflexe) und durch den Fortbestand des vegetativen Lebens (Atmung. weil sie aller Rechte und aller Erwartungen. »schlagen wir vor. was »Lösegeld« oder den überzogenen Preis für eine Sache bedeutet) der neuen Technologien der Reanimation war (künstliche Beatmung. der die Moderne kennzeichnet. 6. sich mit einem Rhythmus und einer Energie zusammenzuzie169 . ohne daß ein Mord begangen wird. halten sie sich in einer Grenzzone zwischen Leben und Tod. in der sie zur bis dahin bekannten Phänomenologie des Kornas eine neue und extreme Figur hinzufügten. Wurde die Reanimationsbehandlung trotzdem fortgesetzt. 6.

Das Ultrakoma verabschiedete gerade diese beiden uralten Kriterien zur Feststellung des Todes und machte. Denn auf der einen Seite ersetzt der Hirntod als einziges rigoroses Kriterium den für ungenügend gehaltenen systemischen oder somatischen Tod. »das irreversible Koma als ein neues Kriterium des Todes zu definieren«.hen. 1968 legte der Bericht einer Sonderkommission der Universität von 6. auf die Streitpunkte der wissenschaftlichen Debatte über den Hirntod einzugehen. Die Frage wurde noch dringender und verwickelter durch die Tatsache. Bis dahin war die Diagnose des Todes dem Arzt anvertraut. ob er ein notwendiges und hinreichendes Kriterium für die Todesfeststellung bildet oder nicht.« (Ebd. 3 37). wenn ihr Herz Tag für Tag weiterschlägt. S. daß-aufgrund einer jener historischen Koinzidenzen. S. liefert nun genau das neue Todeskriterium (»Unser erstes Ziel ist es«. Wie die beiden Neurophysiologen schreiben. Aber handelte es sich tatsächlich um ein »überleben«? Was war jene Zone des Lebens. Die dunkle Zone jenseits des Kornas. verkörpern. ein vorbehaltloser Fürsprecher des Hirntodes. indem es zwischen dem Koma und dem Tod ein Niemandsland öffnete. daß der »Hirntod« »unvermeidlich in kurzer Zeit zum Tod führt« (Walton. von denen man nicht sagen kann. die jenseits des Kornas lag? Wer oder was war der Ultrakomatöse? »Vor diesen Unglücklichen«. der diese Widersprüche dennoch bemerkt hat.« (Lamb. der die Transplantation vornahm. 14) Mollaret und Goulon waren sich sofort bewußt.sich die Fortschritte der Reanimationstechniken. der ihn anhand von traditionellen Kriterien feststellte. so schreiben die Autoren. Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren. mußte der Patient als tot betrachtet werden. die Bestimmung neuer Kriterien und Aufstellung neuer Definitionen notwendig. das entscheidende Kriterium abzugeben. der sich von da an in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft zunehmend durchsetzte (wenn auch nicht ohne lebhafte Polemiken) und Eingang fand in die Gesetzgebung vieler amerikanischer und europäischer Staaten. ob sie zufällig zustande kommen oder nicht . So überrascht es. auf der anderen Seite ist es wiederum dieser letztere. die das coma depassb zum Vorschein gebracht hatten. nicht des Mordes angeklagt werden konnte. gleichzeitig mit der Entwicklung und Verfeinerung der Transplantationstechnologien vollzogen. 5 1) oder (wie im Bericht des finnischen Gesundheitsamtes): »Diese Patienten«. dehnt sich das Problem aus »bis zur Diskussion der letzten Grenzen des Lebens und weiter noch bis zur Vorstellung eines Rechts auf Festlegung des Zeitpunktes des legalen Todes« (ebd. daß die Bedeutung des coma dkpasse weit über das technisch-wissenschaftliche Problem der Reanimation hinausgeht: Es stand nicht weniger als die Neudefinition des Todes auf dem Spiel. nachdem er 171 170 . die Mollaret und Goulon unbestimmt zwischen dem Leben und dem Tod schwanken ließen. Hatten geeignete medizinische tests erst einmal den Tod des gesamten Gehirns (nicht nur des Neocortex. daß die ganze Diskussion in unlösbare logische Widersprüche verwickelt ist und daß der Begriff »Tod«. »starben innerhalb eines Tages. S. die auch für die Vaskularisation der anderen inneren Organe ausreichten (in der Regel nicht länger als ein paar Tage). S. S. die seit Jahrhunderten im wesentlichen die gleichen waren: Aufhören des Herzschlags und Stillstand der Atmung. »welche diese Zustände. 56) David Lamb. bezwingt Hoffnungslosigkeit schließlich das Mitleid. auch wenn er dank der Reanimationstechniken weiter atmete. 6.2. daß der Zeitpunkt des Todes mit Sicherheit festgelegt werden mußte. ohne daß sich das leiseste Erwachen bemerkbar macht. an denen Hirntod diagnostiziert worden war und die mithin schon tot waren. Harvard (Tbc Ad Hoc Committee of the Harvard Medical School) die neuen Kriterien des Todes fest und prägte jenen Begriff des »Hirntodes« (brain death). Es ist selbstverständlich nicht unsere Absicht. weit entfernt davon. so beginnt der Harvard Report. schreibt seinerseits. sondern auch des brain stem) nachgewiesen. damit der Arzt.. oder ob das letzte Wort den traditionellen Kriterien überlassen werden soll. in größter Unbestimmtheit von einem Pol zum anderen oszilliert und dabei einen geradezu mustergültigen Teufelskreis beschreibt. doch das bedeutete. 4). daß die Verfechter des Hirntodes gutgläubig schreiben können. und die Versuchung des befreienden Knopfdrucks wird zum stechenden Schmerz.3. Der Zustand der Ultrakomatösen war die ideale Bedingung für die Organentnahme. exakter zu werden. die wir unter dem Begriff >coma depass& gefaßt haben. der in mehr oder weniger bewußter Weise aufgerufen ist.

die den gesetzlichen Status von Leichen haben. dem Jahr ihres natürlichen »Todes<<. zwischen medizinischer und legaler Entscheidung wider. aber. tot ist. sondern die Entfernung des Herzens im Zustand des Hirntodes durch den Chirurgen Norman Shumway. der 1974 von einem kalifornischen Gericht angeklagt wurde. da der Herztod seit der Entdeckung der Reanimations. wenigstens unter diesem Aspekt.. ausscheidende Körper« (S. sondern um eine extreme Inkarnation des homo sacer (man hat den Komatösen 1 Neutote. Es ist 172 offensichtlich. das universell anwendbar wäre. Die »beklemmenden. Das ist das einzige Kriterium. und die Tatsache. das ihn hätte ersetzen sollen. Falsche Lebende. bildet einen Raum der Ausnahme. weil das Gehirn das einzige Organ ist. deutet darauf hin. mit der er das Gericht von seiner eigenen Unschuld überzeugte. das in tiefes Koma gefallen war und während Jahren mittels künstlicher Beatmung und Ernährung am Leben gehalten wurde. Lyons. zum ersten Mal vollständig vom Menschen und seiner Technologie kontrolliert.der eben noch als gültiges Kriterium zurückgewiesen worden ist -wieder auf. 6. dessen Hirn tot ist. Medawar impliziert. in dem das nackte Leben im Reinzustand erscheint. Dr. daß der Herzstillstand wenige Tage auf die Diagnose des Hirntodes folgt: »In den meisten dieser Studien gab es kleinere Variationen bei den klinischen Tests. an dem die erste Hirnverpflanzung gelänge. Auf Antrag der Eltern gewährte am Ende ein Gericht. 173 2 . sondern politische. daß die Ausübung der souveränen Macht mehr denn je über diese Grenzen abläuft und erneut die medizinischen und biologischen Wissenschaften durchquert. die künstliche Beatmung abzuschalten.und Transplantationstechnologien kein gültiges Kriterium mehr darstellt. wandte ein.63) Mit einer augenfälligen logischen Inkonsequenz taucht der Herzstillstand . daß heute (wie das die Bemerkung von Peter B.er nennt sie neomorts’ .* (Lamb. daß Karen Quinlans Körper in Wirklichkeit in eine Zone der Unbestimmtheit getreten war. nicht ohne Unbehagen lesen: »Ich sage. I 5). Und weil es sich eben nicht um einen natürlichen Körper handelt. einem amerikanischen Mädchen. in dem der neomort. S. Ein perfektes Beispiel für dieses Schwanken des Todes ist der Fall von Karen Quinlan. daß. daß jemand. doch man kann die Erklärung. atmende. das nicht transplantiert werden kann. hypothetisch gesehen auch der Hirntod von dem Tag an kein solches mehr wäre. Dieses Schwanken des Todes in der Dunkelzone jenseits des Kornas spiegelt sich auch in einer analogen Oszillation zwischen Medizin und Recht. trotzdem bewiesen sie alle die Unvermeidlichkeit des somatischen Todes als Folge des Hirntodes. 189). daß heute ein umfassender Prozeß im Gange ist. Das bedeutet. in dem das nackte Leben wohnt. Auf diese Weise wird der Tod zu einem Epiphänomen der Transplantationstechnologien. S. wieder natürlich zu atmen an und »überlebte« mit künstlicher Ernährung bis 1985. dem Ausnahmezustand. die als solche nur durch eine Entscheidung eine präzise Bedeutung annehmen. In einem Gegenlager ist der Körper. in dem gerade die Redefinition dieser Grenzen auf dem Spiel steht.« (Ebd. An diesem Punkt fing Karen. einen Mann mit einem Pistolenschuf3 getötet zu haben. ein paar Merkmale des Lebens bewahren könnten: »Sie wären warme. in der die Wörter »Leben« und »Tod« ihre Bedeutung verloren hatten und die. Der Reanimationsraum. im Hinblick auf mögliche Verpflanzungen.heraufbeschworen.4. daß der Grund des Todes nicht das abgefeuerte Projektil seines Klienten gewesen sei. S. Shumway wurde nicht angeklagt. der Ultrakomatöse und der faux vivant zwischen Leben und Tod schwanken. pulsierende. aber unentwegt verschobenen Grenzen«. der im Reanimationsraum liegt. von einem Hirntod-Verfechter als faux viuant2 definiert worden. der eine Transplantation vornahm. obwohl sie im Koma blieb. in den Eingriffe rückhaltlos erlaubt seien (Dagognet. da das Mädchen als tot zu betrachten sei. weil es biopolitische Grenzen sind. daß »die Diskussionen über die Bedeutung der Wörter >Leben( und ›Tod< in der Biologie ein Indiz für ein Gespräch auf niederem Niveau« ist) Leben und Tod nicht eigentlich wissenschaftliche Konzepte sind. sind bewegliche Grenzen. 75) Jeder vernünftigen Logik zufolge müßte das implizieren. 26). von denen Mollaret und Goulon sprechen (Mollaret und Goulon. In einem brillanten Artikel hat Willard Gaylin das Gespenst von Körpern . nicht unähnlich ist. die zeigen. Der Verteidiger von Andrew D. um die Richtigkeit des Kriteriums zu beweisen. 5.eine Reihe von Studien zitiert hat.

): Weder Verschuer noch Reiter sind je so weit gegangen auf dem Weg der Politisierung des nackten Lebens. Die Historiker diskutieren darüber. Wir werden hier entschlossen die umgekehrte Richtung einschlagen. wie man hätte vermuten können. oder in den concentration camps. Anstatt die Definition des Lagers aus den dort stattgefunden Ereignissen zu deduzieren. damit er über den Tod entscheidet und zuläßt. deutsch. . daß es sich in beiden Fällen um die Ausweitung eines mit einem Kolonialkrieg verbundenen Ausnahmezustandes auf eine gesamte Zivilbevölkerung handelt. was für die Opfer und für die Nachfahren zählt. werden wir uns vielmehr Fragen: Was ist ein Lager? Was ist das für eine juridisch-politische Struktur. Das Lager als nomos der Moderne 7. die solche Ereignisse möglich macht? Das wird dazu führen.] Daraus ergibt sich die Möglichkeit. um den Aufstand der kolonialen Bevölkerung niederzuschlagen. Eingriffe am faux vivant vorzunehmen. [. sondern die »Schutzhaft«. die nach dem Eingreifen des Staates rufen. daß sich unter den hitzigsten Partisanen des Hirntodes und der modernen Biopolitik solche finden. das getötet werden kann.* ein Rechtsinstitut preußischer Herkunft. Die Lager gehen also nicht aus dem gewöhnlichen Recht hervor (und noch weniger. Nur der Staat darf und sollte das tun. 7. auch an späteren Stellen. in denen die Engländer zu Beginn des Jahrhunderts die Buren zusammengepfercht haben. was die nazistischen Biopolitiker nicht zu sagen wagten. aber (ein klares Zeichen. an dem sich der höchste Grad der conditio inhumana verwirklicht hat. sondern sich allein an den Hirntod halten. aus einer Verwandlung und Entwicklung des Strafvollzugsrechts). in dem wir auch heute noch leben. welche die Spanier I 896 in Kuba errichtet haben. daß die rechtliche Grundlage der Internierung nicht das gemeine Recht ist. Was in den Lagern geschehen ist. die (wenngleich unter Umständen immer noch anzutreffen) der Vergangenheit angehört.. daß der faux vivant im Reanimationsraum schrankenlos den Eingriffen preisgegeben werden kann. in der diese Ereignisse stattgefunden haben. das Lager nicht als eine historische Tatsache und als eine Anomalie anzusehen. Noch evidenter ist das für die nazistischen Lager. öffentlich zu sagen. 175 . »Man m u ß deshalb die Definition des Endes nach vorne verschieben und sich nicht mehr. sondern in gewisser Weise als verborgene Matrix. Entscheidend ist dabei. als nomos des politischen Raumes.« Denn: »Die Organe gehören der öffentlichen Gewalt (man nationalisiert die Körper) (Les organismes appartiennent a la puissance publique [on nationalise les corps])« (ebd. S. passiv auf die Totenstarre und noch weniger auf die Zeichen der Verwesung stützen. daß man es oft einfach unterlassen hat. Es ist bekannt. 1 deren Ursprung und Rechtssystem gut dokumentiert ist. daß es ganz offensichtlich nicht durch Vollstreckung einer Todesstrafe zu Tode gebracht werden könnte). sondern aus dem Ausnahmezustand und dem Kriegsrecht. I. das die I Im Original deutsch. 189f. ohne daß ein Mord begangen wird (und das wie der homo sacer in dem Sinn »nicht opferbar« ist. Es erstaunt daher nicht. . wie man es früher tat. die spezifische juridisch-politische Struktur zu betrachten. übersteigt den rechtlichen Begriff des Verbrechens dermaßen. Das Lager ist schlicht der Ort.auch als »Mittelwesen« zwischen Mensch und Tier bezeichnet). 2 Im Original. steht einmal mehr die Definition eines Lebens auf dem Spiel. ob die erste Erscheinung der Lager in den campos de concentraciones zu suchen ist. die es auf Erden je gegeben hat: Das ist es letztlich. daß die Biopolitik eine neue Schwelle passiert hat) in den modernen Demokratien ist es möglich.

losgelöst wird und in der normalen Situation Geltung erlangt. der sich öffnet. Zu diesem Zweck darf er vorübergehend die in den Artikeln I 14.« (Ebd. »Die Verordnung«. Telegraph. welche die persönliche Freiheit. welche die persönlichen Freiheiten garantierten. »werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt«). Der »Schutz« der Freiheit. der 1871 auf ganz Deutschland ausgedehnt worden ist (mit Ausnahme von Bayern) und. I I 5.und Fernsprechgeheimnis betrafen. I I 5. Das rechtliche Fundament der Schutzhaft war die Ausrufung des Belagerungs. haben sie eigentlich nur eine bereits von den vorangehenden Regierungen gefestigte Praxis weiterverfolgt. und sie haben 1923. Als die Nazis die Macht ergriffen und am 28. der bei der Schutzhaft in Frage steht. mit der Norm selbst verwechselt ZU werden.’ De facto ist die Verordnung bis zum Ende des Dritten Reiches in Kraft geblieben. eine Gefährdung der Staatssicherheit zu vermeiden. breite Anwendung gefunden. das in diesem Sinn treffend eine »zwölf Jahre wahrende [. I 23. das vor allem geflüchtete Ostjuden aufnahm und somit als erstes Lager für die Juden in unserem Jahrhundert betrachtet werden kann (auch wenn es offensichtlich kein Vernichtungslager war). unabhängig von jedem strafrechtlich relevanten Verhalten und einzig mit dem Zweck. Aus rechtlicher Sicht gründete der Text der Verordnung implizit auf Artikel 48 der noch geltenden Verfassung und kam ohne Zweifel einer Ausrufung des Ausnahmezustandes gleich (»Die Artikel I 14. nicht zu vergessen.. noch früher. auf dem es gründete.] Bartholomäusnacht« genannt werden kann (Drobisch und Wieland. Die Neuerung besteht darin. daß die ersten Konzentrationslager nicht das Werk des Naziregimes waren. insofern es erlaubte. Am Ursprung der Schutzhaft steht indes das preußische Gesetz vom 4. sondern der sozialdemokratischen Regierungen. Man tut gut daran.oder des Ausnahmezustandes mit der entsprechenden Aufhebung derjenigen Artikel der deutschen Verfassung. S. Post-. die auf unbestimmte Zeit die Artikel aufhob. nicht nur auf der Grundlage der Schutzhaft Tausende militanter Kommunisten interniert. wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden beginnt. Juni I 8 5 I über den Belagerungszustand. die freie Meinungsäußerung. 123. das Gesetz »zum Schutz der persönlichen Freiheit« vom 12. daß nun dieses Institut vom Ausnahmezustand. Februar 193 3 die »Verordnung zum Schutz von Volk und I Staat« erließen. Februar 1850. . Im Lager erhält der AusnahmezuI Im Original deutsch. I 17. »schafft durch die Außerkraftsetzung von Grundrechten einen gewollten Ausnahmezustand zugunsten der Durchführung des nationalsozialistischen Staates. 28) 7. Die nationalsozialistischen Juristen waren sich der Besonderheit einer solchen Situation so bewußt. I 24 und I 5 3 der Verfassung des Deutschen Reiches«. die in Deutschland dem Abschluß des Friedensvertrags folgten. sondern in Cottbus-Sielow auch ein »Konzentrationslager für Ausländer«’ geschaffen. .« Von 1919 bis I 924 haben die Weimarer Regierungen mehrere Male den Ausnahmezustand ausgerufen. Der Ausnahmezustand ist damit nicht mehr auf eine äußere und vorläufige Situation faktischer Gefahr bezogen und tendiert dazu. ist ironischerweise Schutz gegen jene Aufhebung des Gesetzes. Das Lager ist der Raum.2. S. beide haben während des Ersten Weltkriegs und in den Unruhen. So lautete der Artikel 48 der Weimarer Verfassung denn auch: »Der Reichspräsident kann. erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. die den Notstand kennzeichnet. I I 8. nach der Ausrufung des Ausnahmezustandes. so lautete der erste Paragraph. Dieser konstitutive Nexus zwischen Ausnahmezustand und Konzentrationslager kann für ein richtiges Verständnis der Natur des Lagers gar nicht überschätzt werden. die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Brief-. Individuen »in Schutz zu nehmen«. schreibt Werner Spohr.Nazijuristen bisweilen als präventive Polizeimaßnahme klassifizierten. wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird. I 17. der sich bis zu fünf Monate hinauszog (zum Beispiel von September 1923 bis Februar 1924). er enthielt jedoch in keinem Punkt den Ausdruck »Ausnahmezustand«. Es gab gleichwohl eine wichtige Neuerung. ‘77 176 . Im Original deutsch. die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen. 26). das Versammlungsrecht. I 24 und I 5 3 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen. daß sie sie mit einem paradoxen Ausdruck als »einen gewollten Ausnahmezustand« definierten. I I 8.

Wenn man diese besondere juridisch-politische Struktur der Lager nicht versteht. sind virtuell immer in Betrieb geblieben. daß »alles möglich ist«. die als solche jedoch ständig außerhalb der normalen Ordnung bleibt. Der Souverän beschränkt sich nicht mehr darauf. Denn insofern der Ausnahmezustand »gewollt« ist. in dem die Norm von der Ausnahme ununterscheidbar wird.stand. stellt er nunmehr die faktische Situation als Folge der Entscheidung über die Ausnahme erst her. behaupten: »Für die Entstehung der Konzentrationslager gibt es keinen Befehl und keine Weisung. Das Lager. in dem nicht nur das Gesetz gänzlich aufgehoben ist. 27). beschloß. schlicht sinnlos. was dort geschieht. Was aber auf diese Weise vor allem in die Ordnung hineingenommen wird. bleibt das Unglaubliche. die Anwendung der Schutzhaft in der größtmöglichen Unbestimmtheit zu belassen. in dem die beiden Glieder ununterscheidbar geworden sind. das heißt. Gemäß den neuen Auffassungen der nationalsozialistischen Juristen (darunter an Vorderster Front Carl Schmitt). das die totalitäre Herrschaft trägt und das der gesunde Menschenverstand anzuerkennen sich hartnäckig weigert. Lichtenberg). sie wurden nicht gegründet.. Hannah Arendt hat einmal bemerkt. Anweisungen und Telegrammen. sondern war eine »unmittelbare Auswirkung der nationalsozialistischen Revolution« (ebd. auf die sich die souveräne Macht gründet . das außerhalb der normalen Rechtsordnung gesetzt wird. bevor die Deportation der Juden einsetzte. ist die Struktur. deutsch. bedurfte die Schutzhaft im übrigen gar keines rechtlichen Fundaments in den vorhandenen Institutionen und geltenden Gesetzen.« (Ebd. Als Himmler im März 1933. deren Bestimmung es ist. eingeschlossen mittels seiner eigenen Ausschließung. die seine Macht kennzeichnet. Nur weil die Lager im hier dargelegten Sinn einen Ausnahmeraum bilden. deswegen jedoch nicht einfach Augenraum ist. bewegte sich in einer Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Außen und Innen. Im Original. in welcher die Be179 178 . Februar sowohl die zentralen Autoritäten des Reiches als auch der einzelnen »Länder«’ darauf hinwirkten. heißt das. nämlich das Prinzip. die Ausnahme dauerhaft zu verwirklichen. mit denen es weder damals noch in der Folge je etwas zu tun hatte. und demnach ist jede Frage nach der Legalität oder Illegalität dessen. S. Man muß den paradoxen Status des Lagers von seiner Eigenschaft als Ausnahmeraum her denken: Es ist ein Stück Land. begründet er ein neues juridisch-politisches Paradigma.3. I 7.die Möglichkeit der Entscheidung. auch an späteren Stellen. Trotz der Verbreitung von oft widersprüchlichen Rundschreiben. 2 Im Original deutsch. Wer das Lager betrat. durch die nach der Verordnung vom 28. Buchenwald. ist es sofort der SS anvertraut und mittels der Schutzhaft außerhalb der Regeln des Strafrechts und des Strafvollzugsrechts gesetzt worden. konnte der Chef der Gestapo. wie das noch im Sinn der Weimarer Verfassung war: Indem er die innerste Struktur des Banns bloßlegt. wurde ihre absolute Unabhängigkeit von jeder gerichtlichen Kontrolle und jedem Bezug zur normalen Rechtsordnung ständig bekräftigt. in Dachau ein »Konzentrationslager für politische Gefangene« zu errichten. bis auf 7500 Personen verringerte): Doch das Lager als solches war in Deutschland eine dauerhafte Realität geworden. S. war der Bestand ihrer Bevölkerung (die sich in gewissen Perioden. 30) Dachau und die anderen Lager. ist nach der etymologischen Bedeutung von exceptio herausgenommen (ex-capere). Deshalb ist im Lager genaugenommen die quaestio iuris überhaupt nicht mehr zu unterscheiden von der quaestio facti. Zulässigem und Unzulässigem. Ausnahme und Regel. Was in ihm ausgeschlossen wird.normal realisiert wird. ist in ihnen wirklich alles möglich. weil die Lager ihren Ort in einem solchen eigentümlichen Ausnahmeraum hatten. eine dauerhafte räumliche Einrichtung. daß in den Lagern das Prinzip. sondern überdies Recht und Faktum sich restlos vermischen. voll ans Licht kommt. ist der Ausnahmezustand selbst. das dort geschehen ist. völlig unbegreifbar. der vom Wesen her eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung auf der Basis einer faktischen Gefahrensituation war. in welcher der Ausnahmezustand . über die Ausnahme aufgrund der Erkennung einer faktischen Situation (der Gefahr der öffentlichen Sicherheit) zu entscheiden. vor allem zwischen 1935 und 1937. gleichzeitig mit den Feierlichkeiten zu Hitler-s Wahl zum Kanzler. welche die primäre und unmittelbare Quelle des Rechts im Befehl des Führers2 erkannten. Deshalb. Das Lager ist ein Hybrid von Recht und Faktum. Rudolf Diels. deren Einrichtung unmittelbar folgte (Sachsenhausen.. sie waren eines Tages da. was variierte.

die das Wort des Führers als unmittelbare und in sich 181 .samt der eigentümlichen Vagheit und Inkonsistenz. die ihn zugleich kennzeichnen -nicht verstehen. der je in die Realität umgesetzt worden ist. ohne den »der nationalsozialistische Staat nicht bestehen« könnte »und sein Rechtsleben nicht denkbar« wäre. Unter der Wirkung dieser Klauseln. gänzlich entnationalisiert. das a priori alle Fälle und Situationen regle und vom Richter nur noch angewandt zu werden brauche. geschichtlich längst überwundenen. auf der das Recht jedesmal ins Faktische und das Faktum ins Rechtliche übergeht und wo die Ebenen dazu tendieren. wenn er 1933 in seinem Essay Staat.4.5. . mit der Schmittschen Wendung. zu entfernen. heuchlerisch. »unbillige Härte«. formalistischen Gesetzesaberglauben kommt ebensowenig in Betracht.] So steht die gesamte Gesetzesanwendung zwischen Scylla und Charybdis. Vor den in den Lagern begangenen Greueltaten ist die Frage. Jahrhunderts immer tiefer durchdrungen hätten. ist indes kein natürliches extrapolitisches Faktum. welche die deutsche und europäische Gesetzgebung des 20. weder eine quaestio facti (zum Beispiel die Identifizierung eines bestimmten biologischen Körpers) noch eine quaestio iuris ist (die Identifizierung einer bestimmten Anwendungsnorm). schreibt Schmitt. »So betrachtet«. Nur in dieser Perspektive zeigt die nationalsozialistische Theorie. zwischen Tatsächlichem und Rechtlichem buchstäblich keinen Sinn mehr ergibt. mit den »Generalklauseln und unbestimmten Begriffen« vergleicht. . der »Artgleichheit«) funktioniert wie eine Generalklausel (analog zu »Gefährdung« oder »Gute Sitten«). überflüssig gemacht. der Funktionär oder wer immer mit diesem Begriff zu tun hat. daß der biopolitische Körper. welche die Sicherheit und Berechenbarkeit aus der Norm hinaustreiben. die in der absoluten Ununterschiedenheit wirkt. die an ihnen zu vollziehen noch als Verbrechen erschienen wäre (an diesem Punkt war in der Tat alles möglich).« (Schmitt 7. Darum ist das Lager das Paradigma des politischen Raumes. die Illusion eines Gesetzes. bis es keine Handlung mehr gab. so Schmitt. die nicht an eine Norm. gewissenhaft zu untersuchen. Begriffe wie »Gute Sitten«. 42 -44) Ein Begriff wie jener der nationalsozialistischen Rasse (oder. »gibt es heute überhaupt nur noch unbestimmte< Rechtsbegriffe. der doch gleichzeitig auch der Boden der richterlichen Unabhängigkeit ist. ehrlicher und vor allem nützlicher wäre es. wo die Politik zur Biopolitik wird und der homo sacer sich virtuell mit dem Bürger vermischt. ist das Lager auch der absoluteste biopolitische Raum. wie es möglich gewesen ist. Der Richter. hatte bereits seit den Nürnberger Gesetzen sein Bürgerrecht verloren und sah sich später. orientiert sich nicht mehr an einer Norm oder einer faktischen Situation. zum Zeitpunkt der »Endlösung«. »wichtiger Grund«. Bewegung. Der Weg vorwärts scheint ins Uferlose zu führen und sich immer weiter vom festen Boden der Rechtssicherheit und der Gesetzesgebundenheit. sondern die Setzung einer souveränen politischen Entscheidung. Das nackte Leben. der jedoch nicht auf eine äußere faktische Situation verweist. es ist vielmehr im dargelegten Sinn eine Schwelle. welches das Recht nur feststellen oder anerkennen muß. »Gefährdung« »Notlage«. und zwar genau in dem Punkt. in der die Unterscheidung zwischen Leben und Politik. der das neue fundamentale politische Subjekt konstituiert. S. durch welche juridische Prozeduren und welche politischen Dispositive menschliche Wesen so vollständig ihrer Rechte und Eigenschaften haben beraubt werden können. durch seine ausschließliche Bindung an die Rassengemeinschaft mit dem deutschen Volk und dem Führer bewegt er sich in einer Zone. wer zudem Jude war. 180 Volk den Begriff der R asse. sondern einen unvermittelten Zusammenfall von Faktum und Recht herbeifuhrt.griffe selbst von subjektivem Recht und rechtlichem Schutz keinen Sinn mehr hatten. in dem die Macht nur das reine Leben ohne jegliche Vermittlung vor sich hat. solch entsetzliche Verbrechen an menschlichen Wesen zu begehen. der Weg zurück in einen als sinnlos erkannten. 7. Man kann das Spezifische des nationalsozialistischen Rassenbegriffs . »öffentliche Sicherheit und Ordnung«. 7. Niemand hat diese besondere Natur der neuen fundamentalen Kategorien der Biopolitik mit größerer Klarheit ausgedruckt als Schmitt. [. sondern an eine Situation gebunden sind und invasionsartig in die Norm eindringen. ununterscheidbar zu werden. in das sie verwandelt worden sind. wenn man vergißt. Insofern seine Bewohner jedes politischen Status entkleidet und vollständig auf das nackte Leben reduziert worden sind. werden alle rechtlichen Begriffe unbestimmt. hätten.

wonach das Prinzip der »Führung« »ein Begriff unmittelbarer Gegenwart und realer Präsenz« ist (Schmitt 7. daß jedesmal. die da verübt werden. S. so wie die Anwendung der Norm seine Produktion ist. bei dem die »Geste der Vollstreckung« konstitutiv wird und der in der Unmöglichkeit. in dem die Vichy-Behörden die Juden vor der Übergabe an die Deutschen gesammelt haben. Die radikale Neuheit. wenn er die Schmittsche Theorie der Souveränität auf den barocken Monarchen projiziert. mehr noch: in ihm (wie das Benjamin begriffen hat. die über das Faktum entscheidet. die den demokratischen und liberalen Staat kennzeichnet. als auch das Velodrome d’Hiver. eine Entscheidung treffen muß.vollkommene Quelle des Gesetzes nimmt. bevor sie sie zurückgeschafft hat. wenn eine solche Struktur geschaffen wird. 249) sind Normgebung und Vollstreckung. S. zwi182 schen Faktum und Recht. ist kein außerrechtliches Faktum (ein Individuum. In all diesen Fällen grenzt ein scheinbar harmloser Ort (zum Beispiel das Hotel Arcades in Roissy) in Wirklichkeit einen Raum ab. unabhängig von der Art der Verbrechen. Ein Lager ist dann sowohl das Stadion von Bari. ein lebendes Gesetz (Svenbro. die diese Konzeption impliziert. zurückgehalten werden. vom gewöhnlichsten bis zum außerordentlichsten. in spezischer Weise eine politische Entscheidung darstellt. seine volle Bedeutung. des lebensunwerten und des vollwertigen Lebens) keine neutrale biologische Voraussetzung. als auch die zones d’attentez in den internationalen Flughäfen Frankreichs.6. die wie Adolf Eichmann nichts anderes getan haben. in das die Weimarer Regierung die ostjüdischen Flüchtlinge gesteckt hat. S. daß gerade die Entscheidung darüber ob eine Angelegenheit oder ein Sachgebiet unpolitisch ist.) Dies ist die letzte Bedeutung der Schmittschen These. zwischen Norm und Anwendung. (Aus diesem Grund verliert hier die Gewaltentrennung. deswegen kann er ohne Widerspruch behaupten: »Es ist eine grundlegende Erkenntnis der politisch gegenwärtigen deutschen Generation. in dem 1991 die italienische Polizei vorübergehend die illegalen Einwanderer aus Albanien zusammentrieb. Wenn dies stimmt. das über ihre Anwendung entscheidet. 183 . auf welche die Norm verweist. so ist der Körper (in der zweifachen Ausführung des jüdischen Körpers und des deutschen Körpers. setzt die Entscheidung über das nackte Leben ins Werk. welche die Anerkennung des Flüchtlingsstatus verlangen. in dem es nicht vom Recht abhängt. in dem das nackte Leben und die Norm in einen Schwellenraum der Ununterschiedenheit treten. Herstellung des Rechts und seine Anwendung in keiner Weise mehr unterscheidbar.. und es ist der Ort. jede Geste. 17) Die Politik ist nun buchstäblich die Entscheidung über das Unpolitische (das heißt das nackte Leben). S. eine Entscheidung zu treffen. das biologisch der jüdischen Rasse zugehört). ob mehr oder weniger Grausamkeiten begangen I 2 Im Original deutsch. auf die es das discrimen der nationalsozialistischen Norm anzuwenden gilt. tatsächlich ein nhzos hnpsychon. wir uns virtuell in der Gegenwart eines Lagers befinden. sowohl das »Konzentrationslager für Ausländer«r in Cottbus-Sielow. die den deutschen biopolitischen Körper verwirklicht. dann müssen wir annehmen. wo die Ausländer. Nicht nur ist das dem Führer entströmende Gesetz weder als Regel noch als Ausnahme. jene Funktionäre. die sich daraufhin in eine Norm verwandelt. wo dennoch unablässig darüber entschieden wird. ihren Sinn. in dem die normale Ordnung de facto aufgehoben ist. und daher rührt auch die Schwierigkeit. 42). Der Führer ist.« (Ebd. Benjamin 4. Die Absonderung des jüdischen Körpers ist unmittelbar Produktion des eigentlichen deutschen Körpers. weder als Recht noch als Faktum definierbar. Das Lager ist der Ort dieser absoluten Unmöglichkeit. jeder Vorfall im Lager. Was der Aufseher oder der Funktionär vor sich hat. Wartezonen. im Gegenteil. 7. als das Wort des Führers wie ein Gesetz auszuführen. nach der pythagoreischen Definition des Souveräns. obwohl sie formal in Kraft bleibt. sondern gleichzeitig Norm und Kriterium ihrer Anwendung: Norm. ist von den Rechthistorikern nicht genügend beachtet worden. wenn das Wesen des Lagers in der Materialisierung des Ausnahmezustandes besteht und in der daraus erfolgenden Schaffung eines Raumes. 149). nach normalen rechtlichen Kriterien abzuurteilen. zwischen Ausnahme und Regel zu entscheiden. Genauso wie das Wort des Führers keine faktische Situation ist. und wie immer es auch genannt und topographisch gestaltet sei.

in der wir auch heute noch leben und die wir durch alle Metamorphosen hindurch zu erkennen lernen müssen. Die Geburt des Lagers in unserer Zeit erscheint aus dieser Sicht wie ein Ereignis. ist mitnichten. daß das System funktioniert. nicht mehr in die Ordnung eingeschrieben werden kann. ohne sich in eine tödliche Maschine zu verwandeln. die zur Bildung der europäischen Nationalstaaten geführt haben. die diese Einschreibung regelten. Vielmehr handelt es sich um einen unheilbaren Bruch mit dem alten nomos und .7. Die zunehmende Entkoppelung von Geburt (nacktem Leben) und Nationalstaat ist das neue Faktum der Politik unserer Zeit. das dadurch zum Nationalen wird). eine Verschiebung [dislocazione] der Bevölkerungen und der menschlichen Leben entlang völlig neuer Fluchtlinien. Es taucht zu einem Zeitpunkt auf. noch irgendwie funktionierte. in der jenes nackte Leben wohnt. und das. in dem der Mechanismus in aller Deutlichkeit scheitert und in dessen Fortgang wir nicht nur mit neuen Lagern rechnen müssen. wie interessierte Beobachter zu erklären sich beeilt haben. Einer Ordnung ohne Ortung (der Ausnahmezustand. der im wesentlichen eine zeitliche Aufhebung der Rechtsordnung war. sondern von der Zivilität und dem ethischen Sinn der Polizei. sondern auch mit immer neuen und zunehmend deliranteren normativen Definitionen der Einschreibung des Lebens in 185 184 . das die Einschreibung des Lebens in die nationalstaatliche Ordnung sicherte. das zur alten Trinität von Staat.werden. das in Wachsendern Maß I 2 Im Original deutsch hinter »localizzazione« beigefügt. das den politischen Raum der Moderne als solchen in entscheidender Weise prägt. dann deshalb. die »Endlösung« durch Schwängerung der jüdischen Frauen in die Tat umzusetzen. In dieser Perspektive müssen wir das Wiederauftauchen der Lager in einer in gewissem Sinn noch extremeren Form in den Territorien von Ex-Jugoslawien sehen. sondern auch die Gesetze zur Entnationalisierung der Bürger. Es ist das vierte unablösbare Element. ist dieser Abstand. von der jede Lebensform und jede Rechtsnorm virtuell erfaßt werden kann. da das politische System des modernen Nationalstaates. wird nun eine stabile räumliche Einrichtung. Im Original deutsch hinter »ordinamento« beigefügt. Geburt definiert wird. 7. Nation (Geburt) und Territorium hinzugekommen ist und sie aufgesprengt hat. daß die Lager zusammen mit den neuen Gesetzen über die Bürgerschaft und die Entnationalisierung auftreten (nicht nur die Nürnberger Gesetze über die Reichsbürgerschaft. die zwischen 1915 und 1933 von fast allen europäischen Staaten erlassen wurden).oder vielmehr das Zeichen der Unmöglichkeit. Ordnung. die Sorge um das biologische Leben zu einer seiner direkten Aufgaben zu machen. dann vollzieht sich der Bruch des alten nomos nicht in den beiden Achsen. welche die Einschreibung des nackten Lebens in deren Inneres bezeichnet (dem Nativen. Das politische System ordnet nicht mehr Lebensformen und Rechtsnormen in einem bestimmten Raum. Wenn der Nationalstaat mithin durch die drei Elemente Land. das heißt eine einfache Wiederholung der Prozesse. was wir Lager nennen. Nun tritt dieses Prinzip in einen Prozeß der Verschiebung und der Abdrift. Was dort geschieht. Etwas funktioniert nicht mehr an den traditionellen Mechanismen. sondern birgt in seinem Innern eine das System überschreitende entartende Verortung [localizzazione dislocante]. Der Ausnahmezustand. und das Lager ist der neue verborgene Regulator der Einschreibung des Lebens in die Ordnung . während deren die Ausländer bis zur gerichtlichen Einschaltung in der zone d’attente aufgehalten werden können). Es ist bezeichnend. Daher die entscheidende Bedeutung der Lager der ethnischen Vergewaltigung. die da vorübergehend als Souverän agiert (beispielsweise in den vier Tagen. sondern an der Stelle. in dem das Gesetz aufgehoben ist) entspricht nun eine Ortung ohne Ordnung (das Lager als dauerhafter Ausnahmeraum). Das Lager als entortende Verortung ist die verborgene Matrix der Politik. die ihn Schmitt zufolge konstituieren (die »Ortung~1 und die »Ordnung«2). Wenn die Nazis nie daran gedacht haben. in den zones d’attente unserer Flughäfen wie in manchen Peripherien unserer Städte. eine Redefinition des alten politischen Systems nach neuen ethnischen und territorialen Arrangements. das auf dem funktionalen Nexus zwischen einer bestimmten Lokalisierung (dem Territorium) und einer bestimmten Rechtsordnung (dem Staat) gründete und von automatischen Regeln der Einschreibung des Lebens (der Nativität oder Nationalität) gesteuert wurde. in eine fortdauernde Krise gerät und der Staat beschließt. weil das Prinzip der Geburt.

des Blutes. wörtlich »inkorporiertes Volk«.den Staat [Citta]. dasselbe gilt im folgenden für die Unterscheidung von *Volk« und *volk«. Von Mal zu Mal blutiges Banner der Reaktion oder unsichere Insignie der Revolutionen Zuvor mit Majuskel (*Popolo*). um zu sein. wie Robespierre zu sagen pflegte. EC Jede Interpretation der politischen Bedeutung des Wortes »Volk« muß von der bemerkenswerten Tatsache ausgehen. es ausdrückte« (Arendt 1. dessen Teil es ist. dann mit Minuskel (*popolo«). les malheureux m’applaudissent. Das italienische popolo. 3 Volksfront. Hannah Arendt erinnert daran. Ein einziger und kompakter Referent des Wortes »Volk« existiert in diesem Sinn nirgendwo: Wie viele fundamentale politische Begriffe (darin sind sie den »Urworten«4 von Abel und Freud oder den hierarchischen Beziehungen von Louis Dumont ähnlich) ist »Volk« ein polarer Begriff. sondern eine dialektische Oszillation zwischen zwei entgegengesetzten Polen: auf der einen Seite die Menge »Volk« als integraler politischer Körper. Dasselbe Wort benennt mithin sowohl das konstitutive politische Subjekt als auch die Klasse. . am einen Ende der Gesamtstaat [stato totale] der souveränen und integrierten Bür2 ger.le peuple. das sich mittlerweile fest in seinem Inneren eingelassen hat. was immer schon ist und sich dennoch verwirklichen muß. wie er in der abendländischen Politik vorkommt. Es ist das. der Sprache. »daß die Definition des Wortes selbst aus dem Mitleiden geboren war und zum Äquivalent für Mißgeschick und Unglück wurde . I Schöffe. die. inhärente Amphibolie widerspiegeln. des Bodens redefinieren und reinigen muß. ist der neue biopolitische nomos des Planeten. »popular« und die spätlateinischen populus und popularis.2 front populaire3). eingeschlossen werden kann und nicht zur Menge gehören kann. zu denen es jedesmal Anlaß gibt. Das *Volk« trägt also den fundamentalen biopolitischen Bruch immer schon in sich. Es ist das. Daher rühren die Widerspruche und Aporien. es ist das. dort eine Ausschließung. das spanische pueblo (sowie die entsprechenden Adjektive »popolare«. der Unterdruckten und Besiegten. Das Lager. oder: le peuple toujours malheureux. einer der weniger sentimentalen und nüchternsten Figuren der Revolution. I 186 187 . wenn es auf der politischen Bühne heraufbeschworen wird. Eine dermaßen verbreitete und beständige semantische Ambiguität kann nicht zufällig sein: Sie muß eine der Natur und der Funktion des Begriffs *Volk«. von der Politik ausgeschlossen ist. ist das Volk das. In einem entgegengesetzten Sinn ist schon bei Bodin. banlieu. auf der anderen Seite die Untermenge »volk« l als fragmentarische Vielfältigkeit von bedürftigen und ausgeschlossenen Körpern. in Wirklichkeit kein einheitliches Subjekt wäre. so doch faktisch. was wir Volk nennen. die für uns die originäre politische Struktur definiert haben: nacktes Leben (volk) und politische Existenz (Volk). das die Weisheit von der politischen Macht auszuschließen empfiehlt. bewahrt noch die Bedeutung von ordinary people im Gegensatz zu den Reichen und Vornehmen. 3 Stadtviertel der Bettler und Diebe. die keinen Rest duldet. zöe’ und bios. Enterbten und Ausgeschlossenen bezeichnet. hier eine Einschließung. die keine Hoffnung kennt. im Kapitel über die als Demokratie oder Etatpopulaive definierten République. »populaire«. daß es in den modernen europäischen Sprachen immer auch die Armen. die das Mitleid für das als ausgeschlossene Klasse verstandene Volk dabei spielte. was wesentlich an sich selbst mangelt und dessen Verwirklichung deshalb mit der eigenen Abschaffung zusammenfällt. frz. doch wenn Abraham Lincoln in seiner Gettisburgh-Rede ein »Government of the people by the people for the peopleu anruft. am anderen Ende die Bannmeile . was. wie selbst Sieyes. vor allem in Paris. . Wie wenn das. Oder dann. So heißt es in der amerikanischen Verfassung ohne weitere Unterscheidung: »We people of the United States . der Begriff ein doppelter: Dem peuple en covps4 als Träger der Souveränität steht das menu peuple5 gegenüber. 4 Volk als Ganzes. 5 Die kleinen Leute. in die sie immer schon eingeschlossen ist. wörtlich »Volksrichter«. da das Prinzip der Volkssouveränität eingefordert wird). 4 Im Original deutsch beigefügt. Das heißt aber auch. es ist die reine Quelle jeder Identität. die sich jedoch fortlaufend mittels der Ausschließung. S. der auf eine doppelte Bewegung und eine komplexe Beziehung zwischen den beiden Extremen hindeutet. bezeugt die entscheidende Rolle. Geschworener. sich mit seinem Gegenstück negieren muß (daher auch die spezifischen Aporien der Arbeiterbewegung. so setzt die Wiederholung implizit ein Volk vom anderen Volk ab. daß die Konstituierung der menschlichen Gattung in einem politischen Körper sich mittels einer fundamentalen Spaltung vollzieht und daß wir im Begriff »Volk« ohne Schwierigkeiten die kategorialen Paare ausmachen können. dessen Sinn weniger differenziert ist. 70). am Gegenpol. Wie wesentlich diese Doppeldeutigkeit auch während der Französischen Revolution war (das heißt genau in dem Moment.u. von denen alle abstammen) bezeichnen in der Gemeinsprache wie im politischen Wortschatz zugleich die Gesamtheit der Bürger als politischer Einheitskörper (wie bei »popolo italiano« und »giudice popolare«1) und die Angehörigen der unteren Klassen (wie bei homme dupeuple. »rione popolarea. was nicht ins Ganze. die sich dem Volk zuwendet und zugleich seine Abschaffung anstrebt). Ausschließung und Einschließung. 2 Stadtviertel des niederen Volkes. wenn nicht rechtlich. das französische peuple. 2 Bandita.Cour des Miracles’ oder Lager der Miserablen. Auch das englischepeople.

so wie im Mittelalter die Unterscheidung zwischen popolo minuto und popolo grasso’ einer genauen Gliederung verschiedener Handwerke und Berufe entsprach. der die Völker und die Staaten teilt. Aus dieser Perspektive betrachtet ist unsere Zeit nichts anderes als der-unerbittliche und methodische -Versuch. obwohl es substantiell unbestimmt bleibt. verwandelt sich das »volk« in eine beschämende und elende Präsenz. einem Paroxysmus gleichende Beschleunigung erfahren. daß dieses Prinzip auch in der umgekehrten Formulierung gilt: »Wo ein Volks ist. mit der das deutsche Volk’ als Repräsentant schlechthin des integralen politischen Körpers die Juden für immer zu vernichten versuchte. 4 Mit Majuskel. Die Obsession der Entwicklung ist in unserem Zeitalter deshalb so wirksam. sind die Juden die 1 »Minuto« bedeutet »klein«. dem Tod geweihtes Leben und in einen biologischen Körper. der »Volk« und »volk« teilt. jenes nackten Lebens. wenn in der klassenlosen Gesellschaft oder im messianischen Königreich »Volk« und »volk« zusammenfallen und es im eigentlichen Sinn kein Volk mehr gibt. sich in den nationalen politischen Körper zu integrieren (denn man nimmt an. hier »mager« im Gegensatz zu »grasso«: » f ett«. das sich weigert. ein einiges und ungeteiltes Volk herzustellen. die Spaltung. ein Ende setzen. zugleich aber zusammenhält und fester begründet als jede Identität. was Marx Klassenkampf nennt und. der es radikaler teilt als jeder Konflikt. nicht nur in seinem eigenen Innern das »volk« der Ausgeschlossenen. das die Moderne zwangsläufig in einem Innern erzeugt. Die Vernichtung der Juden in Nazi-Deutschland nimmt in diesem Licht eine radikal neue Bedeutung an: Als Volk. den man durch die Vernichtung des »volkes« (dessen Symbol die Juden sind) ausgefüllt zu haben glaubt. soll ein Volk werden«. 1 Im Original deutsch. In der Moderne sind Elend und Ausschließung nicht nur ökonomische und soziale Begriffe. daß jede Assimilation in Wahrheit nur simuliert ist). wird diese Oszillation anhalten können und dem Bürgerkrieg. welche die moderne Politik zu beherrschen scheinen. der jedes Volk teilt und erst enden wird. daß sie mit der Ausrottung der Juden und der Zigeuner in Wahrheit auch für die anderen europäischen Völker arbeiten). einen unaufhörlichen Bürgerkrieg. mittels Entwicklung die armen Klassen zu eliminieren.T oder Volksfronten. 5 Mit Majuskel. als das Volk. ja biopolitische Bedeutung). die das Volk teilt. Und in der blanken Raserei. die der fundamentalen biopolitischen Spaltung des Abendlandes Rechnung trägt.letzten Endes vergeblichen. Wenn es richtig ist. sie finden sich vereint im . 2 . kapitalistische und sozialistische Länder. die politische Bühne des Abendlandes von diesem unerträglichen Schatten zu befreien. um endlich das deutsche Volk2 herzustellen. die je eigene Institutionen und Magistraten hatten. Wenn man genau hinsieht. Im Original deutsch.Projekt. aber dessen Präsenz sie auf keine Weise mehr ertragen kann. nichts anderes als dieser Krieg im Innern des Körpers. Der Bruch. wird nacktes Leben sein«. durch die radikale Eliminierung des »voIks« der Ausgeschlossenen zu schließen. weil sie mit dem biopolitischen Projekt der Herstellung eines bruchlosen Volkes zusammenfällt. rechtlich sanktioniert. der endlos gereinigt werden muß (durch die Vernichtung der Geisteskranken und der Träger von Erbkrankheiten). Nur eine Politik. Dieser Versuch verbindet. 188 Repräsentanten schlechthin und beinah das lebendige Symbol des »volkes«. Mit einer Paraphrase von Freuds Postulat zur Beziehung zwischen Es und Ich. einen derart zentralen Platz in seinem Denken einnimmt. aber in allen industrialisierten Ländern teilweise realisierten . Denn auch wenn der Kampf zwischen zwei »Völkern« gewiß schon immer im Gange war.3 könnte man sagen. vorausgesetzt man fügt sogleich hinzu. haben in Wirklichkeit eine politische. sondern verwandelt alle Bevölkerungen der Dritten Welt in nacktes Leben. birgt das Volk auf jeden Fall eine ursprünglichere Spaltung als jene zwischen Freund und Feind. daß die moderne Biopolitik vom Prinzip ge4 leitet wird: »Wo nacktes Leben ist. Aber als von der Französischen Revolution an das »Volk« zum alleinigen Bewahrer der Souveränität wird. müssen wir die extremste Phase jenes inneren Kampfes sehen. In Rom war die innere Spaltung des Volkes durch die klare Trennung in populus Undplebs. so hat er in unserer Zeit doch eine letzte. dann kann man auch einige entscheidenden Seiten der Geschichte unseres Jahrhunderts neu lesen. 3 Im Original deutsch. dann ist sogar das. reproduziert sich so aufs neue und verwandelt das gesamte deutsche Volk in heiliges. die Rechte und die Linke. und Ausschließung erscheint zum ersten Mal als ein in jedem Sinn untragbarer Skandal. das den ursprünglichen biopolitischen Bruch ausgefüllt hat (deswegen wiederholen die Nazioberen so hartnäckig. In einer davon verschiedenen. nach verschiedenen Modalitäten und Horizonten. sondern eminent politische Kategorien (der ganze Ökonomismus und der »Sozialismus«. Mit der Endlösung (die nicht zufällig auch die Zigeuner und andere Nichtintegrierbare mit einbezieht) versucht der Nazismus auf finstere und nutzlose Weise. daß das Volk in seinem Innern notwendig den fundamentalen biopolitischen Bruch birgt. aber analogen Weise reproduziert das demokratisch-kapitalistische Projekt.

beständiger Priester*. das Rätsel der Ontologie werden lösen können.Schwelle Als vorläufige Schlußfolgerungen sind in dieser Untersuchung drei Thesen aufgetaucht: I . wenn wir die theoretischen Implikationen des nackten Lebens verstehen. Die Besonderheit seines Lebens liegt darin. so wie die Politik auf der Schwelle des nackten Lebens sich selbst zur Theorie hin überschreitet. die politischen Freiheiten auf den Bürgerrechten zu gründen. in denen Metaphysik und Politik. Darum sagten die Römer. so wie wir umgekehrt erst dann. als nichtig erweist. sein exaktes Gegenstück. und wie von diesem stoßen? Denn das nackte Leben ist gewiß ebenso unbestimmt 3. das nackte Leben-was steckt in diesen beiden Begriffen. seiner Art. Ausschließung und Einschließung). daß die abendländische Politik von Anfang an eine Biopolitik ist. der flamen Dialis sei quotidie feriatus und assiduus sacerdos. mit dem die Prima Philosophia das reine Sein definiert. daß in deren Zentrum (wenn auch in verwandelter. Und vielleicht werden wir erst dann. ohne sich darüber im klaren zu sein. geht die Metaphysik (das Denken) in Politik (in Wirklichkeit) über. Jahrhunderts bestimmt hat. wohl die Metaphysik wie die Politik des Abendlandes in ihnen und nur in ihnen ihr Fundament und ihren Sinn finden läßt? Worin besteht die Verknüpfung dieser beiden konstitutiven Prozesse. daß es in keinem Augenblick zu unterscheiden ist von den kultischen Funktionen. Die Absonderung der Sphäre des reinen Seins. Schließlich wirft die dritte These einen dunklen Schatten auf die Modelle. zugleich auch jede Möglichkeit. Die zweite impliziert. An der Grenze des reinen Seins angekommen. Die erste dieser Thesen stellt jede Theorie vom vertraglichen Ursprung der staatlichen Macht in Frage. beschrieben. welche die fundamentale Leistung der abendländischen Metaphysik bildet. daß der Verstand es allein im Staunen zu denken vermag. zu Rande kommen. von den vielfältigen Bedeutungen des Wortes »Sein« (das nach Aristoteles »auf viele Arten gesagt wird«) das reine Sein (6n hapZ&) abzusondern. das so- 2. wenn wir die politische Bedeutung des reinen Seins entziffern können. mit dem nackten Leben. beflissener. z& und bios. so daß sich jeder Versuch. *beharrlicher. Folglich gibt es keine Geste und kein Detail seines Lebens. sich zu kleiden oder zu gehen. Trotzdem scheinen gerade diese leeren und unbestimmten Begriffe den Schlüssel zum historisch-politischen Schicksal des Abendlandes standhaft zu hüten. Georges Dumézil und Karl Kerényi haben das Leben des flamen Dialis. die Soziologie. Die originäre politische Beziehung ist der Bann (der Ausnahmezustand als Zone der Ununterscheidbarkeit zwischen Außen in Innen. die Urbanistik und die Architektur heute den öffentlichen Raum der Staaten dieser Welt zu denken und zu organisieren versuchen. Im einen Fall handelt es sich darum. zugleich an eine undenkbare Grenze und undurchdringlich wie das hapl& Sein. 190 könnte man auch wie Schelling von jenem sagen. »Nackt«: im Syntagma »nacktes Leben« entspricht hier dem griechischen Wort bapZ&. scheinbar menschlicherer Form) immer noch das nackte Leben steht. Die fundamentale Leistung der souveränen Macht ist die Produktion des nackten Lebens als ursprüngliches politisches Element und als Schwelle der Verbindung zwischen Natur und Kultur. Das reine Sein. die nicht eine genaue Bedeutung haben 1 *Jeden Tag festlich«. der politischen Gemeinschaft so etwas wie eine »Zugehörigkeit« zugrunde zu legen (gleichviel ob diese völkisch. was ihn als politisches Tier konstituiert. mit denen die Humanwissenschaften. das die Biopolitik der großen totalitären Staaten des 20. findet auf der anderen Seite in dem. religiös oder sonstwie begründet sei). die er erfüllt.i das heißt jeden Moment in einer ununterbrochenen Festlichkeit handelnd. wenn sie ihr eigentliches Element absondern. bleibt tatsächlich nicht ohne Analogien zu der Absonderung des nackten Lebens im Bereich der abendländischen Politik. Was auf der einen Seite den Menschen als denkendes Tier konstituiert. im anderen Fall geht es um die Absonderung des nackten Lebens von der Vielfalt der konkreten Lebensformen. Das Lager und nicht der Staat ist das biopolitische Paradigma des Abendlandes. national. das für unsere Unterwerfung unter die politische Macht steht. eines der höchsten Priester im alten Rom. 191 .

Der Führer ist die politische Form dieses Lebens. Er ist aus der religiösen Gemeinschaft und von jedem politischen Leben ausgeschlossen: Er kann weder an den Riten seiner genr teilnehmen (wenn für infamis3 oder intestabiZis4 erklärt worden ist) noch irgendeine gültige Rechtshandlung vollziehen. er darf nicht in eine Weinlaube mit überhängenden Ranken treten.* Er repräsentiert die Einheit und Artgleichheit des deutschen Volkes. die private Sphäre und die öffentlichen Funktionen stimmen restlos überein. 2 Im Original deutsch. als er sich mit dem biopolitischen Leben des deutschen Volkes selbst identifiziert (»Führerworte haben Gesetzeskraft«. S. das unvermittelt seiner Person entspringt. der nicht den unterirdischen Göttern gehört) vergraben werden. vielmehr ist seine Macht insofern viel unbegrenzter. die an die griechische und mittelalterliche Definition des Souveräns erinnert) von ihm sagen. 4 Ehrlos im Sin von »zeugenschaftsunfähig«. Nebenbedeutung: »ohne Hoden*. die ihm aufgrund der von der Weimarer Verfassung vorgesehenen Verfahren verliehen wird. 2 Der dem Feuer und dem Wasser Untersagte. eine belebte heilige Statue. Gewiß kann er auch ein Privatleben führen. daß seine Existenz als solche unmittelbar politischen Charakter hat. Während das Amt des Reichskanzlers eine öffentliche dignitus ist. Man betrachte nun die Person des Führers des Dritten Reiches. ist seine ganze Existenz auf ein nacktes. deshalb ist sein Wort Gesetz. dessen Leben in sich selbst im höchsten Grad politisch ist. da jeder ihn erschlagen kann. 679). 1 Im Original deutsch. 192 193 . In seiner Person gehen das eine und das andere unablässig ineinander über. biologischer und politischer Körper zusammenfallen.und in ein Netz von Vorschriften und minutiös verzeichneten Wirkungen geknüpft sind. S. des Friedlosen’ und des aquae et igni interdictus2 zu. Ziegen und Efeu meiden. Seine Autorität ist nicht die eines Despoten oder Diktators. die abgeschnittenen Haare und Fingernägel müssen umgehend unter einem arbor felix (das heißt einem Baum.2 wie Eichmann in seinem Prozeß in Jerusalem zu wiederholen nicht müde wurde). er muß sich des rohen Fleisches und jeglicher Art von gesäuertem Brotteig enthalten und peinlichst Bohnen. insofern sie mit dem Leben des deutschen Volkes zusammenfällt. doch seine z& steht als solche im souveränen Bann. er sei hösper émpsychon Ku. In diesem Sinn. Wenden wir uns nun dem Leben des homo sacer oder den in vielen Belangen ähnlichen Leben des Verbannten. 41 f. Deswegen kann Plutarch (mit einer Formel. ist. seine ganze z& ist bios geworden. die ihn verbannt hat. und er darf keinen Schwur leisten.. 3 Ehrlos. Gleichwohl. weder privaten noch öffentlichen Körper. Zum Beweis der assiduitas seiner Priesterfunktion darf sich der flamen nicht einmal im Schlaf seiner Insignien entledigen. Hunde. sein Kleid darf keinen Knoten und keine geschlossenen Ringe haben. aber was ihn zum Führer bestimmt. befindet er sich in fortwährender Verbindung mit der Macht. und er ist »der zu seinem Befehl sich bekennende Führer« (Schmitt 7. Es ist nicht möglich. und die zwei Körper drängen sich in drastischer Form ineinander.). Die traditionelle Unterscheidung zwischen politischem und physischem Körper des Souveräns (deren Genealogie Kantorowicz sorgfältig rekonstruiert hat) schwindet hier. das wissen die Verbannten und Geächteten. muß in jedem Moment mit ihm rechnen und Wege finden. und er I Im Original deutsch. . trifft er auf seinem Weg auf einen Gefangenen in Ketten. sondern etwas. ist dasjenige des Führers kein Amt im Sinn des traditionellen öffentlichen Rechts mehr. Darüber hinaus. deshalb fordert er vom deutschen Volk nichts anderes als das. was es in Wahrheit bereits ist. aller Rechte entkleidetes Leben reduziert. die sich von außen dem Willen und der Person der Untertanen aufdrückt (Schmitt. ist kein Leben »politischer« als das seine. das er nur auf der endlosen Flucht oder in der Zuflucht eines fremden Landes retten kann. ohne einen Mord zu begehen. ihm auszuweichen und ihn zu täuschen. Der Führer hat sozusagen einen integralen. so müssen diese gelöst werden. im Leben des flamen Dialis so etwas wie ein nacktes Leben abzusondern. und gerade insofern er in jedem Augenblick einer unbedingten Todesdrohung ausgesetzt ist. wo zök und bios. Er ist reine z&. Er ist also an einem Punkt angesiedelt. hierbn agalma.

buchstäblich. daß der Muselmann sich in einer absoluten Ununterscheidbarkeit von Faktum und Recht. die den Namen Karen Quinlan trug. und die wissenschaftliche Forschung kann frei und restlos mit der Biographie zusammenfallen. einem mehr oder weniger nahen Tod geweiht. Er war nicht nur wie seine Gefährten vom politischen und sozialen Umfeld ausgeschlossen. daß er von ihr nicht mehr zu unterscheiden ist. Ihr Leben wird allein durch die Wirkung der Reanimationstechniken auf der Basis einer juridischen Entscheidung erhalten. Paul Rabinow erzählt den Fall des Biologen Edward O. Denn er ist nur sich selbst gegenüber verantwortlich. Leben und Norm. Blut in die Arterien pumpend und durch die Regulation der Körpertemperatur erhalten. Das biologische Leben. ist hier von der Lebensform. die ethischen und rechtliche Barrieren verschwinden. bis zur totalen Apathie (daher seine ironische Bezeichnung). steht hier vor einem Leben. Leben und Tod jetzt nur noch biopolitische Konzepte sind. Ein Leben. die ihn von Anfang an vergessen haben. Karen Quinlans Körper ist tatsächlich bloß eine Anatomie in Bewegung. sich ganz in Gesetz zu verwandeln. daß »in der äußersten Gränze des Leidens [. Da aber. als jüdisches Leben. daß der Lagerbewohner nicht mehr imstande war. sie ist die Erklärung der Organfunktionen im lebenden Körper. aus seinem Körper und aus seinem 194 Leben ein Forschungs. er war überdies in keiner Weise mehr Teil der Menschenwelt. und genau diese Ununterscheidbarkeit bedroht die lex animata des Lagers. ohne Gedächtnis und ohne Trauer. zwischen dem Biß der Kälte und der Grausamkeit der SS zu unterscheiden. von Natur und Politik bewegt. der Schrecken und die Angst jedes Bewußtsein und jede Persönlichkeit abgeschnitten haben. der von dem Augenblick an.der nicht zwischen der Kälte und einem Befehl unterscheidet . nichts Instinktives und nichts Tierisches. das danach strebt. sondern ein Tod in Bewegung. da er entdeckt hat. Jahrhunderts in der Geschichte der medizinischen Wissenschaften die Physiologie auf den Plan tritt. dann stellt die Physiologie »eine Anatomie in Bewegung« dar. es sei reine zök? Aber in ihm gibt es nichts »Natürliches« und »Gemeines«. daß ihm die Organe entnommen werden. ein Wesen. in dem die Demütigung. es ist nicht mehr Leben. dem er einst zugehörte. er ist auch nicht mehr öffentlich. Gerade deswegen scheint der Aufseher ihm gegenüber bisweilen plötzlich machtlos zu sein. wie wir gesehen haben. Für ihn gilt Hölderlins Satz. Antelme berichtet. Wilson. mit der Rabinow Wilsons Leben definiert. er war nicht nur. nicht einmal mehr jener bedrohlichen und prekären der Lagerbewohner.nicht eine unerhörte Form von Widerstand sei. Was ist das Leben des Muselmannes? Kann man sagen. . völlig abgetrennt: Es ist (oder scheint es zumindest zu sein) reine zöe. das nicht lebenswert war. SS«). . nicht weniger ein rechtliches 195 . daß er an Leukämie erkrankt ist. Experimental life ist die Wendung. ist der Körper von Karen Quinlan. Als gegen Mitte des I 7. welche die Entstehung und Entwicklung der modernen Medizin beherrscht hat. Stumm und völlig allein ist er in eine andere Welt übergegangen.Nun stelle man sich die extremste Figur der Lagerbewohner vor. in dem der Körper von Karen Quinlan oder derjenige des Ultrakomatösen oder des neomort liegt und darauf wartet. Wenn wir diese Feststellung wörtlich auf ihn anwenden (*Kälte. Wenn die Anatomie (die auf der Sektion der Leiche basierte) die Beschreibung der unveränderlichen Organe gewesen ist. beschließt. wie wenn er für einen Augenblick zweifeln würde. Sein Körper ist nicht mehr privat. welche die Moral und das Gesetz dem Experimentieren setzen. Treten wir ein in den Reanimationsraum. deren Ziel nicht mehr das Leben eines Organismus ist. können wir sagen. der dem Fortschritt der Medizin und dem Wechsel der juridischen Entscheidungen folgend zwischen Leben und Tod schwankt. denn nur als eigener Körper kann er die Grenzen übertreten.und Experimentierlabor ohne Grenzen zu machen. das in jedem Punkt mit der Norm verschwimmt. Primo Levi hat die Figur beschrieben. Mit dem Verstand sind zugleich seine Instinkte ausgelöscht worden. das die Maschinen durch Luftzufuhr in die Lungen. als die Bedingungen der Zeit oder des Raums [bestehet]«. Es ist leicht zu erkennen. daß das experimental life ein bios ist.] nemlich nichts mehr. die im Jargon des Lagers »Muselmann« genannt wurde. bestimmt sie sich im Verhältnis zur Anatomie. ob das Verhalten des Muselmannes . da er in ein Labor transformiert wurde. eine Menge von Funktionen. der sich in einem sehr spezifischen Sinn so weit auf die eigene zö6 konzentriert hat.

Die Auswahl dieser kurzen Serie von »Leben« mag extrem. Tiere. 2 Im Original »liegt« deutsch beigefügt. Der bios liegt heute genauso in der z&. zwischen privatem Leben und politischer Existenz. und nichts in diesem Körper und in der Ökonomie seiner Lüste scheint uns einen festen Boden und Halt gegen die Ansprüche der souveränen Macht zu gewähren. aber eigentlich analogen Sinn. den politischen Raum des Abendlandes neu zu denken. aus dem nackten Leben selbst den Ort machen. eines technischen oder vollständig politischen oder gloriosen Körpers. muß von dem klaren Bewußtsein ausgehen. im Lager sind Staat und Haus ununterscheidbar geworden. das mit dem Tod zusammenfällt. bei denen kriegerische Operationen mit biologischen Zielen wie Ernährung oder Seuchenbekämpfung unternommen werden . So wenig wie der biopolitische Körper des Abendlandes einfach dem natürlichen Leben des &os zurückerstattet werden kann. ‘97 . oder. S. das behauptet. so wenig kann er zugunsten eines anderen Körpers überwunden werden. wenn nicht gar einseitig provokativ erscheinen. in dem eine andere Ökonomie der Lüste und der Lebensfunktionen die Verflechtung von z& und bios ein für allemal löst. Daher kann die Restauration der klassischen politischen Kategorien. ist in einem Leben verkörpert. die militärischen Interventionen aus humanitären Gründen. Am Ende von der Wille zum Wissen. Wir sind nicht nur. Auch hier gilt es. Aber auf welche Weise 1 Im Original deutsch. so wie in der Person des Lagerbewohners (oder des neomort) das Recht ins Unbestimmte des biologischen Lebens übergeht. auf die Analogien zu achten. daß wir von der klassischen Unterscheidung zwischen z& und bios. Von diesen ungewissen und namenlosen Terrains. deutet Foucault. was nicht mitteilbar und stumm. der nur seine z& ist. ein bios. Jeder Versuch. und dem Menschen als politischem Subjekt. zwischen unserem biologischen Körper und unserem politischen Körper. ist uns ein für allemal genommen. Vielmehr muß man aus dem biopolitischen Körper. nachdem er sich von jenem Komplex des Sexes und der Sexualität distanziert hat. das seinen Ort im Haus hat. indem er von einer »anderen Ökonomie der Körper und der Lüste« spricht (Foucault 1. sondern umgekehrt auch Bürger. immer schon in ein Dispositiv eingefaßt und sogar immer schon biopolitischer Körper und nacktes Leben. steht heute immer öfter einem zur Norm entseelten und mortifizierten Leben gegenüber. noch vorsichtiger zu sein: Auch der Begriff des »Körpers << ist. ein perfektes Beispiel für die Schwelle der Ununterschiedenheit zwischen Biologie und Politik. nur eine kritische Bedeutung haben. über das Leben zu entscheiden. welche die Politik mit der epochalen Situation der Metaphysik aufweist.Wesen als ein biologisches Wesen. Ein 196 Gesetz. zu unterscheiden. wie sie Leo Strauss und in einem anderen Sinn Hannah Arendt vorgeschlagen haben. Die Schlußfolgerungen unserer Untersuchung drängen uns dazu. das nur das rein Seiende ist. in dem die Moderne ihr Geheimnis und ihre Befreiung zu finden glaubte. mit Foucaults Worten. den möglichen Horizont einer anderen Politik an. in einem scheinbar entgegengesetzten. In der Person des Führers geht das nackte Leben unmittelbar in Recht über. in deren natürlichem Körper ihre Politik selbst in Frage steht. und dem. an dem sich eine gänzlich in nacktes Leben umgesetzte Lebensform herausbildet und ansiedelt. das den Anspruch erhebt. 190). während sie doch nur ein Dispositiv der Macht umklammerte. ganz in Leben aufzugehen. wie nach der Heideggerschen Definition des Daseins’ das Wesen in der Existenz liegt. zwischen dem. In seiner extremen Form stellt sich der biopolitische Körper des Abendlandes (diese letzte Verkörperung des Lebens des homo sacer) vielmehr als Schwelle der absoluten Ununterscheidbarkeit zwischen Faktum und Recht.ebenfalls ein schlagendes Beispiel der Unentscheidbarkeit zwischen Politik und Biopolitik. was mitteilbar und sagbar ist. Ein Recht. Norm und biologischem Leben dar. nichts mehr wissen. in deren Politik es um ihr Leben als Lebewesen geht. Von den Lagern gibt es keine Rückkehr zur klassischen Politik. von diesen unwegsamen Zonen der Ununterschiedenheit aus müssen die Mittel und Wege einer neuen Politik gedacht werden. das seinen Ort im Staat hat. wie der des Sexes und der Sexualität. Da wäre der Körper der bosnischen Frau von Omarska. und die Möglichkeit. Doch die Liste hätte sich leicht mit nicht weniger extremen und dennoch nunmehr vertrauten Fällen fortsetzen lassen.2 Schelling drückte die äußerste Figur seines Denkens in der Idee eines Seins aus. zwischen dem Menschen als einfachem Lebewesen.

Aufgeben. wie innerhalb der Grenzen dieser Disziplinen etwas wie das nackte Leben hat gedacht werden können und auf welche Weise sie im Verlauf ihrer historischen Entwicklung schließlich an eine Grenze gestoßen sind. wo der einmal angemerkte Zusammenhang nicht unmittelbar deutlich ist. Anmerkungen zur Übersetzung und zur Zitierweise Als kommentierungsbedürftig haben sich drei Begriffskomplexe erwiesen: I. Verlassensein. Trotz des eindeutigen Bezugs auf Walter Benjamins bloßes Leben wurde. ohne eine beispiellose biopolitische Katastrophe zu riskieren. über die sie nicht hinausgehen können. 2. hornher sacri) italienisch »uomo sacro« (bzw. nach Abwägung der Bedeutungsfelder und zur Unterstreichung der eigenständigen Entwicklung und Prägung des Begriffs durch den Autor. Verlassenheit.kann ein bios nur seine zök sein? Wie kann eine Lebensform jenes hapl& erfassen. Hingabe). »Lebensform« [forma-di-vita] nennen. medizinisch-biologischen Wissenschaften und Rechtswissenschaften definiert. »Abbandono «. Die von Agamben untersuchte »Heiligkeit« ist weder mit der religiösen Kategorie des Heiligen noch mit dem heute vor allem durch Freud bekannten ursprünglichen Doppelsinn von sacer gleichzusetzen. »uomini sacri«) steht. wo anstelle des lateinischen homo sacer (bzw. l a nuda vita mit das nackte Leben übersetzt. In den italienischen Wörtern sacro und sacerta ist die in diesem Buch problematisierte Polysemie von lat. wie die Kapitel »Die Ambivalenz des Heiligen« und *Das heilige Leben« aufzeigen. Doch zunächst muß man verfolgen. 3. Der (etymologische) Zusammenhang von bando (Bann) und abbandono (Verlassen. Leben. »abandon«. das zugleich die Aufgabe und das Rätsel der abendländischen Metaphysik bildet? Wenn wir dieses Sein. wird die italienische Formulierung in Klammern hinzugefügt. »Verlassensein« oder »überlassensein« und den entsprechenden Ableitungen übersetzt. wird auf den lateinischen Ausdruck zuruckgegriffen und der italienische in Klammern hinzugefügt. das jenseits der Forschungen liegt. wie sich ein Forschungsfeld eröffnet. den zuerst Jean-Luc Nancy fruchtbar gemacht hat und der eine tragende Verbindung mit Heideggers »Verlassenheit« (frz. in der Folge werden »sacro« und »sacerta« konsequent mit »heilig« und »Heiligkeit« wiedergegeben.und Rechtswissenschaft). it. »abbandono«) herstellt. Religions. 199 . das seine Form ist und untrennbar von ihr bleibt. An den wenigen Stellen. kennt keine angemessene deutsche Übersetzung auf der Basis von »Bann«. das nur seine nackte Existenz ist. sacer: »heilig« im Sinn von »geweiht« und »verflucht« (beides auch im Sinn von »unberührbar«) noch vorhanden. Anthropologie. die der Schnittpunkt von Politik und Philosophie. da es im Deutschen kein in ähnlichem Maß gebräuchliches Wort gibt (»Sazertät« existiert als Fachausdruck der Ethnologie. dann sehen wir. »abbandonare«. »essere abbandonato« werden stets mit »Verlassenheit «.

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