Muße in Japan?

(Referat, Deutschsprachiger Japanologentag 2012 in Zürich) Peter Pörtner, München

Answer:     In  general,  most  Japanese  people  love  to  travel.  Whether  it  be  exploring  places  within  their  own   country  or  by  visiting  foreign  countries.  If  they  have  even  a  small  amount  of  free  time,  they  spend  it   taking  a  trip  somewhere  and  as  is  tradition,  they  bring  back  omiyage  (souvenirs)  for  friends,   family,  and  co-­workers.       If  this  question  pertains  to  something  to  do  after  work,  the  answer  varies  by  person.  Most  business   men  prefer  to  hit  up  a  snack  bar  before  heading  home,  where  they  can  drink,  snack  on  foods,  and   some  times  karaoke  their  troubles  away.  Others  either  enroll  them  selves  into  a  sport,  dance,  craft   class,  cooking  class,  flower  arranging  class,  or  something  that  they  love  to  do  that  they  can  get  a   license  in.  The  answer  varies  but  they  usually  find  something  interesting  to  do.       Read  more:  http://wiki.answers.com/Q/What_do_Japanese_people_do_for_leisure#ixzz24SPZPYTd  

仏心に退屈なし –

Bevor man auf die Suche geht, sollte man sich ein wenigstens ungefähres Bild machen von dem, nach dem man zu suchen plant. Das ist im Falle der MUßE, zumal im Falle ihrer japanischen species, des otium iaponicum, gar nicht so einfach.
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Denn: Was ist denn MUßE im abendländischen, im alteuropäischen, im deutschen oder auch im schweizerischen Sinne? Und selbst wenn es uns gelingt, Phantombilder der okzidentalen und der japanischen MUßE zu zeichnen resp. zu entwerfen, müssen wir herausfinden, in welchem Verhältnis die beiden zueinander stehen: in einem guten, in einem Spannungsverhältnis, oder vielleicht in überhaupt keinem? – Um dahin zu gelangen, ist viel negotium, Un-MUßE, vulgo: Arbeit, vorausgesetzt. Und die Frage nach den historischen Entwicklungen und lokalen Sonderwegen und Ausprägungen noch gar nicht gestellt. Obendrein haben wir es in unsern Zürcher Mußestunden besonders schwer, weil wir unsere Suche in das Format einer 20minütigen Hetzjagd bringen und zwingen müssen. Versuche ich also, nach dieser zu lang geratenen Einleitung in der Durchführung Zeit „gut zu machen“ (seltsame Redeweise!) – Zeit gut zu machen, was allerdings, das scheint klar zu sein, der Idee der MUßE widerspricht. Denn das deutsche Wort MUßE soll bedeuten: gelegenheit, freie zeit etwas zu thun; freie zeit überhaupt, fernsein von geschäften oder abhaltungen. Man findet auch, unter Verweis auf das verwandte Modalverb „müssen“ den Hinweis, das MUßE einen „Zustand“ bezeichnet, „der einem die Möglichkeit bietet, etw. zu tun“. Es hat übrigens auch mich überrascht, dass das Verb „müssen“ auf
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Formen zurückgeführt wird, die bedeutet haben sollen: „frei zugemessenen Besitz an Raum, Zeit, Gelegenheit und Kraft (zu) haben“. Was den Gedanken nahelegt, dass in der reinen Möglichkeit schon ein gewisser Zwang lauert. - Das abgeleitete MÜSZIG meint – nach der Seite seiner örtlichen Bedeutung hin - spielraum habend, los, frei, ledig, locker, ungedrängt; insofern wäre Müßiggänger das gegebene Äquivalent für „single“ oder Junggeselle. Im übrigen bedeutete Müßiggänger ursprünglich nur einen Menschen, der nicht arbeiten musste, sondern von Renten oder anderen Revenüen leben konnte. Für das Etymologische Wörterbuch des Deutschen, erschienen im Deutschen Taschenbuch Verlag, ist es jemand, der „durch ein standesgemäßes Vermögen berechtigt ist, kein Handwerk oder Gewerbe zu treiben“. - In der alten Redeweise „einen Nagel müßig machen“ für „einen Nagel lockern“ wird die ursprüngliche Bedeutung von „müßig“, finde ich, besonders plastisch; „eines Dinges müßig gehen“ bedeutete ursprünglich entsprechend: davon bleiben, es meiden, sich sein enthalten. Der semantische Kern von MUßE scheint also in einem „frei von“ zu liegen; in einer Art beziehungsloser Bezogenheit. Wenn man auf Deutsch sagt, bzw. sagte: er bringet die zeit müssig zu“, bedeutet(e) das wirklich: er tut nichts; mit der Betonung auf „nichts“. Auch Adelung sah das so, als er 1780 in seinem
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Deutschen Wörterbuch definierte: „Der Schlaraffe ist eine Person, welche ihr Leben in einem hohen Grade des trägen Müßigganges zubringet, welche sich einer wollüstigen und üppigen Muße widmet.“ Das klingt harmlos; heißt aber genaugenommen, dass das Wort MUßE zur Bezeichnung der bekannten japanischen rejâ-Aktivitäten – zum Beispiel - aus semantischen Gründen ungeeignet ist. - Ähnlich wie – wieder genaugenommen – das Wort Lern-Spiel ein Widerspruch in sich ist, wen man die kurrente Definition akzeptiert, das ein Spiel, das ein Spiel sein soll, zweckfrei sein muss. Allerdings hat das englische Wort „leisure“ gewisse Familienähnlichkeiten mit dem deutschen MUßE: leisure (n.) early 14c., leisir, "opportunity to do something" (as in phrase at (one's) leisure), also "time at one's disposal," from O.Fr. leisir (Mod.Fr. loisir) "capacity; permission; leisure, spare time; free will; idleness, inactivity," noun use of infinitive leisir "be permitted," from L. licere "be permitted" (see licence). The -u- appeared 16c., probably on analogy of words like pleasure. Phrase leisured class attested by 1836. Über die Etymologie sind wir damit bei einem zentralen Problem der okzidentalen MUßE-Kunde angelangt: eben
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dem Problem, dass die abendländischen Denker von Aristoteles über Marx bis Josef Pieper MUßE immer und irgendwie in Bezug auf ARBEIT diskutieren und definieren. Warum ist das ein Problem? – Weil praktisch alle Autoren auf die eine oder andere Weise MUßE deutlich von der ARBEIT unterscheiden und absetzen, aber – mehr nolens als volens nicht umhin können, auch die MUßE als eine Art von Tätigkeit anzuerkennen. Aber ist die Art des müßigen Tätigsein wirklich plausibel von der ARBEIT zu unterscheiden? Bei Aristoteles heißt es: „Denn wenn auch beides sein muss, so ist doch das Leben in Muße dem Leben der Arbeit vorzuziehen, und das ist die Hauptfrage, mit welcher Art Tätigkeit man die Muße auszufüllen hat. Man wird doch wohl nicht behaupten wollen, dass man sie auf eitles Spiel verwenden müsse. Dann wäre ja das Spiel der Zweck unseres Daseins.“ (Politik, 1338b) Und bei Marx heißt es: „Eine rein äußerer Ermöglichung von Muße genügt nicht; sie kann erst dann zur Frucht gedeihen, wenn es dem Menschen von sich aus möglich geworden ist, `Muße zu wirken´.“ (Ökon. Mauskripte, Tei 2, MEGA II/4.2: 838) Mir scheint, dass schon die kryptische Redeweise „Muße zu wirken“ Marxens eigene Ratlosigkeit widerspiegelt. Vielleicht ist ja mit MUßE nichts anderes gemeint als ein bestimmter Gebrauch, ein sozusagen topisch verschobener Gebrauch der Zeit; der Gebrauch der Zeit an einem ande   5  

ren Ort, eben dem, den Marx das „Reich der Freiheit“ zu nennen versucht hat; vom Reich der Notwendigkeit her gesehen: ein falscher Ort. Erinnern Sie sich an den Anfang von Büchners „Leonce und Lena“. Trotz der Kürze der Zeit möchte ich Ihnen die Anfangspassage vorlesen und Sie bitten, Leoncens Schwadronieren in Bezug auf unser MUßEParadox zuverstehen. Achten Sie auch auf die Frage, die er sich am Schluss selbst stellt: Leonce. Mein Herr, was wollen Sie von mir? Mich auf meinen Beruf vorbereiten? Ich habe alle Hände voll zu tun, ich weiß mir vor Arbeit nicht zu helfen. Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundertfünfundsechzigmal hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es, es gewährt eine ganz eigene Unterhaltung. Dann - sehen Sie diese Handvoll Sand? (Er nimmt Sand auf, wirft ihn in die Höhe und fängt ihn mit dem Rücken der Hand wieder auf.) Jetzt werf ich sie in die Höhe. Wollen wir wetten? Wieviel Körnchen hab ich jetzt auf dem Handrücken? Grad oder ungrad? - Wie? Sie wollen nicht wetten? Sind Sie ein Heide? Glauben Sie an Gott? Ich wette gewöhnlich mit mir selbst und kann es tagelang so treiben. Wenn Sie einen Menschen aufzutreiben wissen, der Lust hätte, manchmal mit mir zu wetten, so werden Sie mich sehr verbinden. Dann – habe ich nachzudenken, wie es wohl angehn mag, daß ich mir auf
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den Kopf sehe. Oh, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen. Und dann - und dann noch unendlich viel der Art. - Bin ich ein Müßiggänger? Habe ich jetzt keine Beschäftigung? Ja, es ist traurig... Um wieder ein wenig diskursiver zu werden lasse ich Volker Schürmann das angesprochene Problem reformulieren. Schürmann schreibt in dem Band „Muße“ in der „Bibliothek dialektischer Grundbegriffe“ – und MUßE ist tatsächlich ein dialektischer Begriff - auf Seite 43: „Es ist dann, dialektisch verstanden, definitiv für Muße, dass sie sich a) negativ von Arbeit abgrenzt, und b) dass sie sich auf andere Weise von Arbeit abgrenzt, als es das Spiel tut. [...] Muße ist dann anders-als-Arbeit-und-in-anderer-Weise-als-Spiel-in-sich-gründende-Tätigkeit.“ – Sie sehen: auch Schürmann gelingt nur eine ihrem Wesen nach negative Definition: MUßE ist etwas anderes und etwas anderes als. Aber was? – Das wird nicht gesagt. Vielleicht so etwas, wie Büchner es uns von Leonce vorführen lässt. Vielleicht. Interessant in diesem Kontext ist freilich, dass die Alten Griechen und Römer nicht die MUßE von der Arbeit, sondern die Arbeit von der MUßE her bestimmt haben: die Griechen (für die nur schwere körperliche Arbeit den Namen Arbeit verdiente) stellten der MUßE, schole, die Arbeit als Nicht-MUßE, a-scholia gegenüber. Und die Römer der MUßE qua otium, die Nicht-MUßE
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der Arbeit qua neg-otium. Das ist bekannt. Aber können wir es verstehen? Oder können wir überhaupt entscheiden, ob es da was zu verstehen gibt? Schon Josef Pieper ging davon aus, dass wir da keine Chance haben. Das ist auch nicht sehr ermutigend für die, die sich der asiatischen MUßE annähern wollen. Dass Platon die MUßE für Philosophie und Dichtung als konstitutiv, ja unverzichtbar ansah, ist allerdings ein Gemeinplatz; und auch bei Aristoteles, der in der betrachtenden Tätigkeit des Geistes, dem bios theoretikos, überhaupt die höchste Daseinsform des Menschen sah, gilt die MUßE als notwendige Voraussetzung. Auch Friedrich Schlegel steht in dieser Tradition, wenn er unter dem Titel „Idylle über den Müßiggang“ eine philosophisch-poetologische Euloge auf die MUßE verfasst. Für Schlegel ist die MUßE der Zustand, der das Unverfügbare sozusagen verführbar macht. Das Paradox der untätigen Tätigkeit oder der tätigen Untätigkeit nimmt bei Schlegel also die Form der verfügbaren Unverfügbarkeit an. Darum nennt er die Faulheit auch eine „gottähnliche“ Kunst, weil die Götter schon in der Antike und dann der eine Gott im Christentum als „unbedürftig, in sich ruhend und nicht strebend“ – eben müßig gedacht wurde; und die Schöpfung entsprechend als ein Produkt der MUßE. Und diesem Modell soll bei Schlegel die Dichtung und auch die Liebe folgen. Die „Idylle über
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den Müßiggang“ ist ein Teil seines Romans „Lucinde“. Denken und Dichten, sagt Schlegel, geradezu oxymoronhaft, sind „nur durch Passivität möglich. Freilich ist es eine absichtliche, willkürliche, einseitige, aber doch Passivität.“ Und geradezu hymnenhaft wird Schlegel, wenn er den Müßiggang und zugleich sich selbst direkt anruft: „Und so sprach ich denn auch in jener unsterblichen Stunde, da mir der Genius eingab, das hohe Evangelium der echten Lust und Liebe zu verkündigen, zu mir selbst: `O Müßiggang, Müßiggang! Du bist die Lebensluft der Unschuld und der Begeisterung; dich atmen die Seligen, und selig ist wer dich hat und hegt, du heiliges Kleinod! Einziges Fragment von Gottähnlichkeit, das uns noch aus dem Paradies blieb.´“ – Doch zurück auf die Erde! - : Sehr, vielleicht zu vereinfachend gesagt: Wenn wir Arbeit und MUßE auch als Formen der Erkenntnis verstehen, dann ist Arbeit die aktive, angestrengte, ja zwanghafte, zweckorientierte Form des Erkenntniserwerbs; die MUßE aber die passiv-rezeptive, zugleich selbstzweckhafte und mühelose Form des Erkenntnisgewinns. Die Scholastiker kannten noch den Trick, zwischen zwei Formen des Tätig-Seins zu unterscheiden und sie der Arbeit und der MUßE zuzuweisen. Dieser Trick bestand darin, die
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servilen von den liberalen Künsten, artes, zu trennen. Thomas von Aquin bringt es in seinem Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles auf die Formel: „Einzig jene Künste heißen frei (=liberal), welche auf das Wissen hingeordnet sind; jene aber, welche hingeordnet sind auf einen durch Tätigkeit zu erreichenden Nutzen, heißen knechtliche (=servile) Künste.“ – Das klingt elitär aber plausibel. Für die Abendländer war die Idee von einem schöpferischen Müßiggang offensichtlich sehr reizvoll, die Idee von einer zwanglosen, spielerischen Kreation. Zweifellos stand dabei die Idee eines Schöpfergottes, der ohne Arbeitsauftrag und Zielvereinbarungen, auto-poetisch und wie im Spiel hervorbringt, Pate. Freilich auch die Vorstellung, dass die Arbeit gleichsam ein Brandmal des Sündenfalls ist: Arbeit – zwischen Dornen und Disteln und schwitzend - ist für den Christenmenschen eine Folge devianten Verhaltens im Paradies, eine postlapsarisches Symptom. MUßE entsprechend und umgekehrt so etwas wie eine prälapsarische Utopie. Auch Excellence-cluster sind postlapsarisch. Prälapsarisch ist die Faulheit, Grillenfangen in Eden (au lac). Wahrscheinlich haben Sie schon bemerkt, dass ich für einen sparsamen, zumindest sehr vorsichtigen Gebrauch des Begriffs MUßE in Bezug auf Japan plädieren möchte. – Allerdings: Wenn wir auf einer engen, ja kleinlichen Definition von MUßE bestehen und uns nicht einfach selbst verfügen,
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unter MUßE Freizeitverhalten im Sinne von rejâ, agonalen Zeitvertreib (worunter praktisch alle Formen des „awase“ fallen), - „jikan-tsubushi“, Kaffeefahrten, Disco- oder Oktoberfest-Besuche (in Yokohama oder Hibiya) oder ähnliches zu verstehen, - übrigens Bereiche, die in den letzten Jahrzehnten recht ausführlich und verdienstreich erforscht wurden -, dann sind wir, scheint mir, im Fall Japans wieder einmal auf die so genannten Klassiker verwiesen. Liegt nicht in den Formen des nicht zweckgerichteten, interesselosen, aber hingegebenen Hinschauens eine spezifische Variante der „japanischen“ MUßE? – „hana-mi“, „tsuki-mi“... Ich blende bewusst die Diskussion um die Nähe oder Ferne der späten Philosophie Heideggers zur bestimmten asiatischen Denktraditionen, etwa das – sagen wir: - kontrastharmonische Verhältnis des Konzepts der Gelassenheit zu dem des „wu wei“ aus; aber auch die Frage des Naturverständnisses, etwa „shizen“ versus „physis“ oder „natura“, aber auch die in unserem Zusammenhang zweifellos ergiebige Frage nach der Bedeutung des „onozukara“ in der japanischen Tradition. Ich blende diese Fragen ausschließlich aus Zeitgründen aus. Für eine wirkliche Differentialdiagnose der japanischen MUßE wäre eine Auseinandersetzung damit freilich unumgänglich.

 

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Ich denke an die allzu bekannten zuihitsu, vor allem das Tsurezuregusa und das Hôjôki. Dass die deutsche Übersetzung des Tsurezuregusa von Oscar Benl ursprünglich den Titel „Aufzeichnungen in Mußestunden“ hat, spielt mir dabei natürlich in die Hände. Überhaupt scheint das Genre oder Un-Genre des zuihitsu in einem engen und strengen Sinn MUßE-Bedingungen vorauszusetzen. Meine These ist: Hier haben wir ein Modell japanische MUßE vor uns, das auf seine, geradezu trotzige Weise „auf Augenhöhe“ – wie man heute ja gerne sagt – ist mit seinem okzidentalen Gegenstück, von dem wir ja gehört haben, dass es ein dialektisches Wesen ist und hat. Der berühmte erste Satz, dessen Anfang dem Werk seinen Namen gegeben hat, hat eine – ich möchte sagen: - unglaubliche semantische Wucht und Dichte, in der sich die ganze Dialektik der MUßE, wie ich sie andeutend beschrieben habe, wiederfindet. Der Satz ist gleichsam ein Ensemble aus Aktivität und Passivität, Spontaneität und Besessenheit. Hier erscheint MUßE ganz als jener Zustand schöpferischer Passivität, wie Friedrich Schlegel sie beschreibt, aber eben ohne Rückbindung an Gott oder ans Paradies; und vor allem ohne das Ich, das für Schlegel Bühne und Schauplatz des ganzen Geschehens ist. つれづれなるまゝに、⽇日暮らし、硯にむかひて、⼼心にう つりゆ
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くよしなし事を、そこはかとなく書きつくれば、あやしう こそ ものぐるほしけれ。 Tsurezurenaru mama ni, hikurashi, suzuri ni mukaite, kokoro ni utsuriyuku yoshinashigoto wo, sokowakatonaku kakitsukureba, ayashū koso monoguruoshikere. In Keenes Übersetzung: What a strange, demented feeling it gives me when I realise I have spent whole days before this inkstone, with nothing better to do, jotting down at random whatever nonsensical thoughts that have entered my head. Zum Vergleich Sansoms Übersetzung: To while away the idle hours, seated the livelong day before the inkslab, by jotting down without order or purpose whatever trifling thoughts pass through my mind, truly this is a queer and crazy thing to do!

Das tsurezure, das für Benls Titel „Mußestunden“ verantwortlich ist, in Keenes Übersetzung nicht wirklich vorkommt und bei Sansom sich zu „idle hours“ gemausert hat, taucht in der japanische Literatur gar nicht so häufig auf – und hat – einfach gesagt – „negativere“ Konnotationen als das deutsche „in MUßE“. Japanisch wird es mit nani mo suru koto ga naku, temochi-busata na sama, taikutsu na
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sama, dô shiyô mo naku hitori monoomoi ni shizumu sama u.ä. umschrieben; scheint also einen Zustand zu beschreiben, der der Langeweile, dem ennui, näher zu sein scheint als dem dolce far niente. Kein süßer Zustand, eher der einer gespannten Melancholie oder unbestimmter Sehnsucht; also abwartend, das heißt auch: rezeptiv. Eine Seite der MUßE. kokoro ni utsuriyuku yoshinashigoto: das Herz erscheint als reines Rezeptionsorgan, in dem sich yoshinashigoto, Belanglosigkeiten und Unbedeutenheiten ergehen, wie Passanten; das Herz, die „subjektive“, wahrnehmende Seite, lässt die Wahrnehmungen in reiner Passivität „über sich ergehen“; auch das schlägt nach der Art der MUßE. sokohakatonashi: das deutet auf die Interesselosigkeit, ja auf die Automatik des Schreibvorgangs; „zui-hitsu“, der Pinsel schreibt gleichsam selbst; der Schreiber mischt sich nicht ein, nicht ordnend nicht klärend, nicht einmal wählerisch. – Keine Angst! Ich sage nicht: Es schreibt; nur: das Schreiben wird hier beschrieben als etwas, das einfach geschieht. Und nun endet es auch noch mit koso monoguruoshikere. Immerhin spricht Keene von einem strange, demented feeling und Sansom von einem queer and crazy thing. Wenn im Japanischen von Wahnsinn qua monogurui die Rede ist, meint das: im Griff eines Fremden zu sein. Yoshida Kenkô
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sagt hier: Liebe Leserin, ich bin für nichts verantwortlich, Ich kann nichts dafür. Als hätte er Luther gelesen: Wenn euch ein Einfall kommt, dann spuckt ihn schnell wieder aus.

Das Aufzeichnen in Mußestunden, das jotting down in idle hours scheint es also in sich zu haben. Bei der Vorbereitung dieses Referats war ich jedenfalls auf Yoshidas Mußestunden neidisch.

Mehr kann ich Ihnen heute nicht bieten. Ich habe mir es selbst ein bisschen schwer gemacht, weil ich, wie anfangs gesagt, nach einem bestimmten Phantom „MUßE“ im japanischen Kontext gefahndet habe. Ich habe dabei zwar nicht keine MUßE gefunden, aber noch nicht genug. Und ich habe auch noch nicht genug davon. Falls mein Beitrag für würdig erachtet wird, in etwaigen proceedings zu erscheinen, - für den Fall verspreche ich, mehr japanische MUßE nachzuliefern.

 

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