Wolfgang Iser

R DER TEXTE
DIE APPELLSTRUKTU
, W'rltungsbeJingung literarischer Prosa
UnbestimmtheIt als I
. f "1 .
ties we need an eroues 0 art . Mit dies
-In place of a zielt Susan Sontag in ihrem Ess:;
ironisch auf jene Form der Textauslegung hin, die sich
Agllinst g der in literarischen Texten enthaltenen Bedeu_
, , um die rmltt un 11' d d b
seit Je -h W rsprünglim sinnvo war, In em ver er te Texte
tungen bemu t. as u , -L • S S
J b
ch
t wurden hat Slw - wie usan ontag meint _
wieder es ar gema , d' h h b
ehr d h zu
einem Mißtrauen gegen le wa rne mare T ext-
m un me r . ff b 11' d -L d'
estal chsen deren Hintersmn 0 en ar a em urUl le Inter-
g 'werden kann,! Daß Texte Inhalte haben, die ihrer-
pretanon au g d I' ß '-L b' A b -L d
' T" von Bedeutungen sin , le Slw IS zum n ruUl mo erner
SeJts rager 'I' I " .
Kunst schwer bestreiten, so daß eme
war, wenn sie die Texte auf redUZierte. Wiesen diese dO<h
anerkannte Konventionen und damit Jenen Betrag an Bekanntem auf,
der als akzeptiert galt oder wenigstens ,einsehbar. war .. klassifika-
torische Eifer dieser Art der Interpretation beruhigte Sich In der Regel
erst dann, wenn die Bedeutung des Textinhalts ermittelt und ihre Gel-
tung durch das immer smon Gewußte ratifiziert worden war. Das Zu-
rückholen der Texte auf bereitstehende Bezugsrahmen bildete ein nicht
unwesentliches Ziel dieser Interpretationsweise, durch das die Texte
zwangsläufig entschärft wurden. Wie aber läßt sich dann Aufregendes
beschreiben? Texte haben ohne Zweifel stimulierende Momente, die be-
unruhigen und damit jene Nervosität verursachen, die Susan Sontag als
die Erotik der Künste bezeichnen möchte, Besäßen die Texte wirklich
jene von Interpretation hergestellten Bedeutungen, dann bliebe
fur den Leser nuilt mehr viel übrig. Er könnte sie nur annehmen oder
Doch zwischen Text und Leser spielt sich ungleich mehr
nur zu einer Ja/Nein-Entsdteidung ab. Allerdings 1st
es 10 dIesen Vorgang hineinzublicken, und es fragt sidl, ob
man uber dIe hödtst ch' d' 'd' ischen
T
vers le enartlgen Interaktionen, le zW ,
ext und Leser abI f "b h k hne tn
SkI . au en, u er aupt Aussagen machen ann, 0 .
pe u atlonen abzugle' t Z l' -L ' .. daß ein
Text "be ha I en. ug elw WIrd man sagen mussen,
erpbtusJa .fiept elst el'1'lacht, wenn er gelesen wird. Dara
u
,
eire otYtacliJkeic,' cfal&vJlI da Tex", dUld!
Die Appellstruktur der Texte
229
Was aber ist der Lesevorgang? Besteht er dodt' ,
g
egebenheit einer komponierten Textgestalt d' eldnerselts, aus der Ge-
, ' LehR' , le an ererselts erst d eh
die Im eser verursa ten eaktlOnen Zur Wi k 1 ur
man einmal den Lesevorgang als die Aktualisi: un
g
d
ge
T
angt
. Bestimmt
'm b' Ich Ak I" rung es extes so fragt
es ßSI ,0 elnle e p tucha ISller.ung überhaupt besehreibbar 'ist ohne
da man sog elw zur sy 0 ogle des Lesens Z fl eh h '
'T d u u t ne men muß
Wenn man emen ext von en Formen seiner mo"gl'm Ak I" .
eh
'd ' I en tua ISlerung
unters el et, so setzt man Sieh dem Vorwurf 'Id' _
d
'h 'd' 'Ilk aus, seme entltat zu
leugnen un I n m le WI ür subjektiven Begrel'fe f 1- •
11 d ch
ns au zu osen. Em
Text, 50 sagt man, ste e 0 etwas dar und die B d d D
II " bh'" ' e eutung es arge-
st.e eXllschtlerBe udna anglg von den versdtiedenartigsten Reaktionen
die eme 50 e e eutung auszulösen vermag Demgege "be . 'ed-';'
, -L d V d ch '- ,nu r sei' uw
hier swon er er a t geaußert, daß die smeinbar von ,'ed Ak 1'-
, d T bh" , er tua I
slerung es extes so una anglge Bedeutung ihrerseits viell . ..1. 'eh
' , I ' b ' etUIt Dl ts
Ist; s el,nde des Textes, die nun allerdings
mit em ext I. entl Ziert wud, So hat es eine auf die Ermittlung 'Von
Bedeutung gerIchtete Interpretation immer gehalten und daher die
Texte konsequenterweise verarmt. Gott sei Dank hat man solmen Be-
deutungen von Zeit zu Zeit widersprodten, meistens jedoch nur mit dem
Ergebnis, eine andere, letztlich ebenso begrenzte Bedeutung an die
Stelle der soeben demontierten zu setzen. Die Rezeptionsgesdtimte lite-
rarischer Werke weiß davon zu beridtten,
Wenn es wirklich so wäre, wie uns die 'Kunst der Interpretation'
glauben machen möchte, daß die Bedeutung im Text selbst verborgen
ist, so fragt es sich, warum Texte mit den Interpreten solche Versteck-
spiele veranstalten; mehr noch aber, warum sich einmal gefundene ße.
deutungen wieder verändern, obgleich doch Buc:h:naben. oner and
Sätze des Textes dieselben bleiben. Beginnt da nicht eine Dada dem
Hintersinn der Texte fragende Interpretauonsweise diese zu mymfi!ic
ren und damit ihr erklärtes Ziel, Klarheit und Licht iD die Tate D
tragen, selbst wieder aufzuheben? Sollte am Ende die Inrerpn:taliGa
nichts weiter als ein kultiviertes Leseerlebnis und damit nur eil'.
möglichen Aktualisierungen des Te tes sein? Verhält es sich
heißt dies: Bedeutungen literarischer Texte
Lesevorgang generiert; sie sind das Produkt eIDer I.nce n •
und Leser und keine im Text versteckten Größen, die allem
der Interpretation vorbehalten bleibt. Gen lien
eine Textes, so ist e nur z anpläu cIi Ul emer Je
Wolfgang Iser
230 ch . f
d
ufwirft ist aber s on Jetzt ormulierb
I
.' gern ' das as Tex; wirklich auf eine bestimmte Bar.
an , .. ' hterarts ck e-
Es lautet : Ware elfi d äre er Ausdru von etwas anderem - v
d
. bar ann w ch b' . d ß On
deutung re UZler , deren StatuS dadur estlmmt a sie auch
eben dieser Bedeutung, 't'ert Radikal gesprochen heißt dies' D
, m Text eXlS I· " h b' er
unabhängig vo .. d' Illustration emer I m vorgege enen Bedeu
literarische Text ;are der literarische Text bald als Zeugnis de-
tung. So wurde lenAn aU
d
uck von Neurosen seiner Verfasser, bald alS
.' bald a s us r d d I d S
Zeltgelst,eS, 11 ftlicher Zustän e un a s an eres mehr ge-
;eleugnet werden, daß literarische Texte ein
,Nun Doch die. Art, in der sie dieses
d 'tteilbar machen, schemt Olcht mehr ausschließlich
konstitUieren un ml . Ib . ch" I'ch d ß . ,
, ' ch d ' niert zu sem. Desha 1st es au mog I , a Wir bel
histons eterml ch ft d G f"hl h
L k
.. Werken vergangen er Epo en 0 as e u aben
der e ture von I b . d ,,'
. h' ' chen Zuständen so zu bewegen, aso WIr azugehorten
uns m IStortS . D' .
oder als ob das Vergangene Gegenwart seI. le Bedmgungen
d
· E'ndrucks liegen sicherlich Im Text, doch am Zustandekommen
leses I 'ch b '1' W' k
b dieses Eindrucks sind wir als Leser ol t un etel Igt. Ir a tuali-
den Text durch die Lektüre. Offensichtlich aber muß der Text
einen Spielraum von Aktualisierungsmöglichkeiten gewähren, denn er
ist zu verschiedenen Zeiten von unterschiedlichen Lesern immer ein
wenig anders verstanden worden, wenngleich in der Aktualisierung des
Textes der gemeinsame Eindruck vorherrscht, daß die von ihm eröff-
nete Welt, so historisch sie auch sein mag, ständig zur Gegenwart wer-
den kann.
An diesem Punkt können wir unsere Aufgabe formulieren. Sie lautet:
Wie ist das Verhältnis von Text und Leser beschreibbar zu machen?
Die Lösung soll in drei Schritten versucht werden. In einem ersten
Schritt gilt es, die Besonderheit des literarischen Textes durch Abgren-
von anderen Textarten kurz zu skizzieren. In einem zweiten
Schntt sollen elementare Wirkungsbedingungen literarischer Texte be-
und analysiert werden. Dabei gilt unsere besondere Aufmerksam-
keIt. den Unbestimmtheitsgraden im literarischen Text
den, SpIelarten ihres Zustandekommens. In einem dritten Smritt
WIr seit dem 18. Jahrhundert beobachtbare Anwachsen der
n estlmmt eltsgrade in l't . eh T ch Un
terstellt d ß . 1 erans en exten zu klären versu en. -
verkö man, fa eine elementare Wirkungs bedingung
rpert, so ragt es Sich 'h E d er
Literatur _ b S. ' was 1 re xpansion - vor allem in mo ern
esagt le .. d . n
Text und Leser J' h ert ohne Zweifel das VerhältnIs vo
, e me r dIe Texte an Determiniertheit verlieren, destO
Die Appellstruktur der Texte
231
stärker ist der Leser in den Mitvollzug ih ., l'
schaltet. Wenn die Unbestimmtheit gewissrerTrnlog Ichen Intention einge-
'ch d L ' , e 0 eranzgrenz "b '
wird SI er eser m emem bisher nicht g k en u ersteigt,
e annten Aus ß '
fühlen. Er kann gegebenenfalls Reaktione ' ' rna s,trapazlert
wollten Diagnose seiner Einstellung führen nAzelrn, die zu emer unge-
dann die Frage, welche Einsichten die n Punkt ergibt sich
"'ff ratur m le menschl'ch S'
tuatlon zu ero nen vermag. Diese Frage f f ' I e 1-
. d h' d' . au zuwer en heißt b
gleich, as ler zu Iskutlerende Verhältnis z ' ch T a er zu-
eine mögliche Vorgeschichte zu diesem Probie
wis
en exht und Leser als
rn zu verste en.
I
Kommen wir zum ersten Schritt. Wie läßt sich der Statu ' I' .
b ch
'b s emes Iteran-
schen Textes es rel en? Zunächst wird man sagen rnu" d ß 'ch
' ssen, a er SI
von allen Textarten unterscheidet, die einen Gegenstand vorstel-
len oder mitteilbar machen, der eine vom Text unabh'a'ng' E '
. " Ige xlstenz
beSitzt, Wenn em Text von emem Gegenstand spricht den e ß-
h Ib
' 'd I 'ch ' s au er
a semer mit er g el en Bestimmtheit gibt dann liefert er nur '
., d' ,eme
leses Geger;,sta?des. Er ist, in der Formulierung von Austin,
language of statement - Im Gegensatz zu jenen Texten, die "language
of sind,3 das heißt solchen, die ihren Gegenstand erst
konstitUieren. Es versteht sich, daß literarische Texte zur zweiten
Gruppe gehören, Sie besitzen keine genaue GegenstandsentspredlUD" in
der 'Lebenswelt', sondern bringen ihre Gegenstände aus den in der l.e-
benswelt' vorfindbaren Elementen erst hervor, Diese vorläufig noch
grobe Unterscheidung von Texten als Exposition des Ge"enstandes be-
ziehungsweise als Hervorbringung des Gegenstandes mtissen wir noch
weiter differenzieren, um den Status des literarischen Textes zu errei-
chen, Denn es gibt durchaus Texte, die etwas hervorbringen, ohne da-
durch schon literarisch zu sein. So schaffen beispielsweise alle Texte. die
Forderungen stellen, Ziele angeben oder Zwecke formulieren, eh nfalls
neue Gegenstände, die jedoch erst durch das vom Text entwickelte laß
a? Bestimmtheit ihren Gegenstandscharakter gewinnen. Gesetzeste. te
bIlden den paradigmatischen Fall solcher Formen der 'prachlichkeit.
?as von ihnen Gemeinte gibt es dann als verbindliche Verhaltensnorm
Im menschlichen Umgang. Im Gegensatz dazu vermag ein li terarischer
Text niemals solche Sachverhalte zu smaffen. Kein Wunder 1"0, daß
man diese Texte als Fiktionen bezeichnet. denn Fiktion i t Form ohne
Ist aber Literatur wirklich so bar jeder Realität, oder besitzt
sie eine Realität, die sich von der der expositorismen Texte genauso
Wolfgang !ser
232
, d' Gegenstände erzeugt, sofern diese all-
, ener, le I':> E' I' ,
..Leidet Wie von J ulative formu leren, m Iteransch
unterSOl V haltensreg ff Ich' er
ein anerkannte er " de ab noch erscha t er so e m dem b
e
-
gern d Gegens
tan
' D 11 R
T
t bildet we er f 1I "re er als die arste ung von eaktio_
ex ' b sten a s wa 'ch d G
..Lriebenen S1One, e b ch eiben,
4
Dies Ist au er rund dafür
SOl " de zu es r 'd k '
en auf Gegenstan , viele Elemente wie erer ennen, die in
n , ' d Literatur so '5" cl
weshalb wir 10 er f II ' e Rolle spielen, le sm nur anders zu-
f h
eben a s ew ' ch ' b
unserer Er a rung 'ß ' konstituieren eme uns s em ar vertraute
das hel t, sie 'ch d F
sarnrnenges
etzt
, G wohnheiten abwel en en orm, Deshalb
" on unseren e 'E f
Welt In etner v , ' I'terarischen Textes m unserer r ahrung
, d' I tentlOn ewes I k ' f G
beSi tzt le n Id ' ches Wenn er Rea tlonen au egenstände
nichts vollkorn
rnen
h
edntls offeriert er Einstellungen zu der von ihm
' Inhalt at, ann 'ch d' h
zu W I 5 ' e Realität gründet m t arm, vor andene
k
t tulerten e t, ew "eh 'd'
o,ns I, ' b b'ld sondern darin, Emsl ten 10 lese parat Zu
W rkhchkelt a zu I en, N ' ' .. d L'
1 h" d schier unaustilgbaren alvltaten er tteratur-
halten
ch
, Es ge ort z,u e:nTexte bildeten Wirklichkeit ab. Die Wirklichkeit
betra tung zu mew , , " d d .
T
" erst eine von Ihnen konstltUlerte un amlt Reak-
der exte Ist Immer
ti on auf Wirklichkeit, . ' ' ..
Wenn ein literarischer Text keme wtrkltchen Gegenstande hervor-
b' t so gewinnt er seine Wirklichkeit erst dadurch, daß der Leser die
v: :gYext angebotenen Reaktionen mit vollzieht, Dabei kann der Leser
si ch allerdings weder auf die Bestimmtheit gegebener Gegenstände noch
auf defi nierte Sachverhalte beziehen, um festzustellen, ob der Text den
Gegenstand richtig oder falseh dargestellt hat. Diese Möglichkeit des
Oberprüfens, die alle expositorisehen Texte gewähren, wird vom litera-
rischen Text geradezu verweigert. An diesem Punkt entsteht ein Un-
bestimmthei tsbetrag, der allen literarischen Texten eigen ist, denn sie
lassen sich auf keine lebensweltliche Situation so weit zurückführen, daß
sie in ihr aufgingen beziehungsweise mit ihr identisch würden. Lebens-
weltJiche Situationen sind immer real, literarische Texte hingegen fiktio-
nal; sie sind daher nur im Lesevorgang, nicht aber in der Welt zu ver-
Wenn de: die ihm angebotenen Perspektiven des Textes
durchlauft, so bleibt Ihm nur die eigene Erfahrung, an die er sich halten
Feststellungen über das vom Text Vermittelte zu treffen.
Welt .des Textes auf die eigene Erfahrung projiziert, so kann
5
s1
eIne sehr differenzierte Skala der Reaktionen ergeben, auf der die
pannung ablesbar w' d d' d . ' Er-
f h
" Ir, le aus er KonfrontatIOn der eigenen
a rung mit eIner pt ' ll E M"
J
'chk' d 0 entle en rfahrung entsteht Zwei extreme og-
1 el ten er Re k ' 'd d . 1 d
Textes I h a sm enkbar: Entweder erscheint die We t es
a s p antastlsch '1' I 'd r-
, wel SIe a len unseren Gewohnheiten WI e
Die Appellstruktur der Texte
233
spricht, oder aber als banal, weil sie so vollkommen . d'
.. D "'ch ' mit lesen Zusam-
menfallt, amlt ISt m t nur angezeigt wie stark u E f h
' , " nsere r a rungen
bei der ReallSlerung des Textes Im Spiele sind sond ch d ß '
, , , ern au , a In
diesem Vorgang Immer etwas mit unseren Erfahrungen g ch' h
'b ' ch d' es le t,
Daraus ergl t SI le erste Einsicht in den Status de l't ' ch
ch
'd ' ch ' s I erans en
Textes. Er unters ,ei et SI emerseits Von anderen Textarten dadurch,
daß er weder bestimmte Gegenstände expliziert noch solche her-
vorbringt, und er unterscheidet sich andererseits von den realen Erfah-
rungen des dadur0, daß er Einstellungen anbietet und Perspek-
tiven eröffnet, m denen eme durch Erfahrung gekannte Welt anders er-
scheint. So läßt sich der literarische Text weder mit den realen Gegen-
ständen der 'Lebens,welt' noch mit den Erfahrungen des Lesers vollkom-
men verrechnen. Die mangelnde Deckung erzeugt ein gewisses Maß an
Unbestimmtheit. Diese allerdings wird der Leser im Akt der Lektüre
'normalisieren' , Auch dafür ließen sich schematische Grenzpunkte auf
der Skala sehr differenzierter Reaktionen angeben. Unbestimmtheit
läßt sich 'normalisieren' , indem man den Text so weit auf die realen
und damit verifizierbaren Gegebenheiten bezieht, daß er nur noch als
deren Spiegel erscheint. In der Widerspiegelung verlischt dann seine
literarische Qualität. Die Unbestimmtheit kann aber auch mit solchen
Widerständen ausgestattet sein, daß eine Verrechnung mit der realen
Welt nicht möglich ist. Dann etabliert sich die Welt des Textes als Kon-
kurrenz zur bekannten, was nicht ohne Rückwirkungen auf die be-
kannte bleiben kann. Die reale Welt erscheint nur noch als eine Mög-
lichkeit, die in ihren Voraussetzungen durchschaubar geworden ist. Un-
bestimmtheit läßt sich jedoch auch im Hinblick auf die jeweils indivi-
duellen Erfahrungen des Lesers ' normalisieren'. Er kann einen Text
auf die eigenen Erfahrungen reduzieren. Durch diese Selbstbestätigung
fühlt er sich vielleicht erhoben. Bedingung dafür ist, daß die Normen
des eigenen Selbstverständnisses in den Text projiziert ;wenn
die von ihm verfolgte Absicht realisiert werden soll, das 1St
malisierung' von Unbestimmtheit, die dann verschwmdet, wenn die
privaten Normen des Lesers die Orientierung im Text verbürgen. Es
ist aber auch der Fall denkbar, daß ein Text so massiv den
, I" den d1e
gen seiner Leser widerspricht daß ReaktIonen ausge ost wer ,
, '1 ' K k
vom Zuschlagen des Buches bis zur Bereitschaft emer re! eXlven orre -
tur der eigenen Einstellung reichen können, Dadurch
ein Abbau von Unbestimmtheit. Sie bildet in jedem dIe. -
keit, den Text an die eigenen Erfahrungen beziehungswe1se die
W I . ß G eh' h d'es dann verschwm et
e tvorstellungen anzuschhe en. es le t 1 ,
Wolfgang Iser
234 . d . b k'
. b ht darin, die A apuer ar eit des TeJCt
. F nktlOn este . . .. l'ch es
sie' denn Ihre.
u
1 L erdisposltlOnen zu ermog I en. Daraus er-
, . d' duel en es E . d ch .
an höchst III d r terarismen Textes. r Ist ur eine eigen_
gibt sich die Eigenart ch
es
Ikterisiert die zwischen der Welt realer Ge
tümliche SchwebelagEe f ahraungswelt des Lesers gleichsam hin und he-
d
d der rar Ak d '11' r
genstän e un .. . d daher zu einem t, as OSZI lerende Ge-
d
1 J de Lekture Wir ch d" d R
pen e t. e B d utungen festzuma en, le m er egel im
bilde des Textes an e e d
Lesevorgang selbst erzeugt wer en.
II
ch d
. h ben wir den Iiterarismen Text nur von außen besc:hrie_
Do amlt a . . m . 'ch' f 1 .
W
· .. nun in ewern zweiten S ntt WI tlge orma e BedlO-
ben Ir mussen b . h' h
. b n die im Text selbst Un estlmm elt ervorbringen.
gun gen enenne, .' . "b h
D b
. d" t sich sogleich die Frage auf, wie es u er aupt um den
a e1 rang . d b' d ch'
G t d
eines solchen Textes bestellt 1st, enn er eSltzt 0 1m Be-
egens an k' l' E ch
reich empirisch vorhandener Gegenstände emer el ntspre ung.
literarische Gegenstände kommen dadurch daß der Text e.lOe
Mannigfaltigkeit von .. d1e . den Gegenstand schntt-
weise hervorbringen und Ihn gieHnZe1t1g fur die Anschauung des Lesers
konkret machen. Wir nennen diese Ansichten im Anschluß an einen von
Ingarden geprägten Begriff "schematisierte Ansichten» 5, weil eine jede
von ihnen den Gegenstand nicht in einer beiläufigen oder gar zufälligen,
sondern in einer repräsentativen Weise vorstellen möchte. Wie groß
aber muß nun die Zahl solcher Ansichten sein, damit der literarische
Gegenstand ganz deutlich wird? Offensichtlich bedarf es vieler solcher
Ansichten, um den literarischen Gegenstand mit zureichender Deutlich-
keit vorstellbar zu machen. Damit stoßen wir auf das uns hier inter-
essierende Problem. Jede einzelne Ansicht bringt in der Regel nur einen
Aspekt zur. Sie bestimmt daher den literarischen Gegenstand
genauso: wie sie eme neue Bestimmungsbedürftigkeit zurückläßt. Das
aber daß ein sogenannter literarischer Gegenstand nie an das
Ende 11 " • •
. ftse1ner a SeItlgen BestImmtheIt gelangt. Daß dies so ist, merken
wir 0 an den Rom chI" d" . 1 E d
h ß . ans ussen, le - weIl es nun emma zu n e
B
ge
e.n mbu k-' etwas Forciertes besitzen. Der mangelnden
estlmm ar eIt WIrd d ch .
P
ische A . ann zum S luß eine ideologische oder eme utO-
ntwOrt ZuteIl E 'b' d . ff h' t
am Ende . 'k . . s gl t Je om auch Romane, die diese 0 en el
. eIgens artl uheren.
DIese elementare Besch ff h' d ß
die ·schematis· A' a en eIt des literarischen Textes bedeutet, a
lerten nSlchte" d ch d' 11 er-
n, ur Ie der Gegenstand entro t w
Die Appellstruktur der Texte
235
den soll, aneinander stoßen. D .
einen Sehmtt. Die haufigste Verwendung d' Text dann
h
leser mttemn k fi d ' m
dort, wo me rere Handlungsstränge gleich " bl I n et SI
einander werden müssen. Die nam-
ehen überemander gelagerten Ansichten b t h g , dd
le
501-
'eh es e en wer en I d R 1
vom Text nl tausformuliert, obgleim die A .' d . .n er . ege
der verhalten, für die Intention des Textes w·chrt,.In. eMr s!e slm zueman-
Z
. eh d "eh . . I tig Ist. It anderen Wo
ten: WIS en en s emat1slerten Ansimte " h' r-
. 'eh d ch d" n entste teine LeersteIl
die 51 ur le Bestimmtheit der aneinand ß d . e,
ergibt.
6
Solche Leerstellen eröffnen dann ein:
r
sA
to
len en
f
·· d' A . d d' . n us egungssplelraum
ur 1e rt, m er man le m den Ansimten vorgestellt A k f
. d b . h k S" en spe te au -
eman er eZle en anno le smd durch den Text Ib "b h . ..L
b
.. I . . se st u er au pt UlUlt
zu eselt1gen. m Gegenteil, Je mehr ein Text se' D 11
f
. d d '. '. Inen arste ungsraster
ver emert, un as heißt, Je manmgfaltlger die " ..L • • A
• _L ". d d' d SUlematlslerten n-
SIUlten SI? ' 1e en Gegenstand .des hervorbringen, desto mehr
nehmen die Leerstellen zu. KiasSlSme Beispiele dafür wären etwa die
letzten Romane von Joyce, Ulysses und Finnegans Wak '..L d ...l...
. üb ... . d e, wo S1Ul urUl
eme erprazlSlerung es Darstellungsrasters dl'e Unbest' h '
. .. . Imm elt pro-
portIOnal erhoht. Wir werden darauf nom zurückkomme D' L _
11
. l' . n. le eer
ste en emes .. lterans0en Textes sind nun keineswegs, wie man vielleimt
vermuten konnte, em Manko, sondern bilden einen elementaren An-
für seine Der Leser wird sie in der Regel bei der
Lekture des Romans mcht eigens bemerken. Dies läßt sim für die mei-
sten bis etwa zur Jahrhundertwende sagen. Dennoch sind sie
auf Lektüre. ganz ohne Einfluß, denn im Lesevorgang wer-
de? dIe "schematlSlerten Ansimten" kontinuierlich gemacht. Das aber
heißt: Der Leser wird die Leerstellen dauernd auffüllen beziehungs-
weise beseitigen. Indem er sie beseitigt, nutzt er den Auslegungsspiel-
und stellt selbst die nicht formulierten Beziehungen zwischen den
eInzelnen Ansichten her. Daß dies so ist, läßt sich an der einfachen Er-
fahrungstatsache ablesen, daß die Zweitlektüre eines literarischen Tex-
oftmals einen von der Erstlektüre abweichenden Eindruck produ-
Ziert. Die Gründe dafür mögen in der jeweiligen Befindlichkeit des
Lesers zu suchen sein, dennoch muß der Text die Bedingungen für un-
te:schiedliche Realisierungen enthalten. Bei einer Zweitlektüre ist man
mit ungleich größerer Information über den Text ausgestattet, vor allem
dann, wenn der zeitliche Abstand relativ kurz ist. Diese zusätzliche 1n-
bildet die Voraussetzung dafür, daß nun die
BeZIehungen zwischen den einzelnen Textsituationen SOWle dIe da-
durch gewährten Zuordnungsmöglichkeiten anders. vielleicht sogar in-
Wolfgang Iser
236
d
können. Das Wissen, das nun den Text üb
er
_
. utzt wer en . d" d E tl k "
tenSlver gen . K b'nl'erbarkelten, le 10 er rs e ture oftrnal
" tlgt om 1 V .. .. ck s
schattet, gewar chI en waren. Bekannte organ ge ru en nun I'
l
'ck ch vers oss ch . d hin
dem B 1 nO 1 d Horizonte und ers emen a er a s bereichert
. ar wechse n e . . T lb'ch '
neue, Ja sog . ' Von alledem Ist Im ext se st m ts fo
rrnu
_
" d nd korngiert. Ib d' I .
veran ert ud' t der Leser se st lese nnovationen. Da
I
, ' Imehr pro uZler 'ch" s
lert; "l'ch thielte der Text m t emen gewissen Leerstel_
b
are unmog I ,en . d d' ch'
a er w d d AuslegungsspIelraum un le vers ledenartig
e
k
er
, den Textes überhaupt erst ermöglichte. In dieser Struk-
Adapnerbar elt es b' L b'
" d T ' Beteiligungsange ot an seme eser ereu. Sinkt
tur halt er ext em 'I T d '"
11 b trag
in einem fiktlona en ext, ann gerat er 10 Ge-
der Leerste en e , " 'd
' L u langweilen da er Sie mIt emem steIgen en Maß an
fahr, seme eser z ' . ' d . ch ' .
B
' h ' t _ sei dieses nun IdeologIsch 0 er utOplS onentlert_
estlmmt el "h ' A 'I M'
k f
. t Erst die Leerstellen gewa ren emen ntel am ltvollzug
on rontler . ch h R" . T
d
der Sinnkonstitution des Ges e ens. aumt em ext diese
un an 'h k . I .
eh ce ein so wird der Leser die von I m ompomerte ntentlOn nicht
wahrscheinlich, sondern aum für real halten. Denn wir sind im
: llgemeinen geneigt, das von uns Gemamte als zu
Damit aber erwiese sich der Leerstellenbetrag emes Textes als die ele-
mentare Bedingung für den Mitvollzug.
Dieser Sachverhalt läßt sich smon an relativ einfachen Beispielen
beobachten, von denen wir wenigstens eines herausgreifen wollen. Es
gibt eine Publikationsform literarismer Prosa, von der sich sagen ließe,
daß sie Unbestimmtheit auf eine besondere Weise nutzt. Gemeint ist der
Fortsetzungsroman, dessen Text dem Leser in dosierten Absmnitten
geliefert wird. Wenn heute Fortsetzungsromane in Zeitungen ersmei-
nen,. so spielt für diese Art der Veröffentlichung der Werbeeffekt eine
gewisse Der Roman soll eingeführt werden, um ihm ein Publi-
kum zu gewmnen, Im 19. Jahrhundert stand diese Absicht ganz im Vor-
des Interesses. Die großen realistischen Erzähler warben durch
diese um Leser für ihre Romane.' Charles Dickens
gar schrIeb seine Romane nur von Woche zu Woche und zwischendurch
versuchte er soviel w' .. l ' ch d"b f" ' ch' L
d
' le mog I aru er zu er ahren wie SI seme e-
ser en Fortgang d H dl ' d
L
bI
'k er an ung dachten.
8
Dabei machte schon as
eserpu I um des 19 J h h d ' h
auf ehI ß 'eh . a r un erts eme für unseren Zusammen ang
s u rel e Erfahrun . E h' I d . I n
Rom ft I f " g. s le t en m Fortsetzungen ge esene
an 0 ma s ur be I d ' D'
Erfahrung' . d h
sser
asen Identischen Text in Buchform.
9
lese
1st wie er olb ß . ch das
Experiment d eh h ar, man mu Sich nur die Mühe ma en,
ur ZUste en In d R I . . cl Z' lOn-
gen eine Roman hl " er ege erschemt heute In en el
auswa d d' . er
, ie le Grenze zur Trivialliteratur lInrn
Die Appellstruktur der Texte
237
wieder überschreitet, denn es soll ja ein größeres Publ'k
'1 I um gewonnen
werden. Liest man so che Romane abschnittweise so ko" ' b"
" I' ch '1" ,nnen sie lswel-
len ertrag I sem; lest man sie als Buch so werden sl' e .. l' ch
' unertrag I ,
Doch nun zum Sachverhalt, der die Bedingung fu" Ich U
, ' r so e nter-
schiede bildet. Der Fortsetzungsroman arbeitet mit einer Sch ' ch 'k
b
'ch ' 11 ' mtte m .
Er unter n tim a gememen dort, wo sich eine Spannung geb' ld h
ch
' L" d .. d I et at,
die na emer osung rangt, 0 er wo man gerne etwas über den Aus-
des soeben Gelesenen erfahren Das Kappen beziehungs-
weise V der Spannung bildet die Elementarbedingung für
den Schnitt .. Em Suspens-Effekt aber bewirkt, ,daß wir uns die
im Augenbhck mcht verfügbare Information über den Fortgang des
versumen. Wie wird es weitergehen? Indem
Wir diese und ahnhche Fragen, stellen, erhöhen wir unsere Beteiligung
am Vollzug des Geschehens. Dlckens hat von diesem Samverhalt smon
gewußt; seine Leser wurden ihm zu ' Mitautoren',
Nun ließe sich ein ganzer Katalog von solmen Sch.nittech.niken ent-
wickeln, die zum großen Teil ungleim raffi nierter sind als der remt
primitive, aber dom sehr wirksame Suspens-Effekt. Eine andere Form
zum Beispiel, den Leser zu einer größeren Kompositionsleistung anzu-
reizen, besteht darin, mit einzelnen Sch.nitten unvermittelt neue Perso-
nen einzuführen, ja, ganz andere Handlungsstränge beginnen zu lassen,
so daß sich die Frage nam den Beziehungen zwismen der bisher ver-
trauten Geschichte und den neuen, unvorhersehbaren Situationen auf-
drängt. Daraus ergibt sim dann ein ganzes Geflemt möglimer Verbin-
dungen, deren Reiz darin besteht, daß nun der Leser die unausformu-
lierten Anschlüsse selbst herstellen muß. Angesimts des temporären 1n-
formationsentzugs wird sim die Suggestivwirkung selbst von Details
steigern, die wiederum die Vorstellung von möglimen Lösungen mobili-
sieren. In jedem Falle entstehen in solmen Smnitten ständig bestimmte
Erwartungen, die, wenn der Roman etwas taugen soll, nimt restlos ein-
gelöst werden dürfen. Damit drängt der Fortsetzungsroman dem Leser
eine bestimmte Form der Lektüre auf. Die Unterbremungen sind kal-
kulierter als jene, die beim Lesen eines Bumes oftmals aus ganz
lichen Gründen veranlaßt werden. Im Fortsetzungsroman entspnngen
einer strategischen Absicht. Der Leser wird gezwungen, durm
ihm verordneten Pausen sich immer etwas mehr vorzustellen, als dies
bei kontinuierlicher Lektüre in der Regel der Fall ist. Wenn daher
Text als Fortsetzungsroman einen anderen Eindruck als m
Buchform so nicht zuletzt deshalb weil er einen zusätzhmen Betrag an
einführt beziehun'gsweise durch die Pause bis zur näch-
Wolfgang 15er
238
, h dene Leerstelle eigens akzentuiert, SeI'
me vor an " n
sten Fortsetzung, e , wegs höher, Er bnngt nur eIne andere Form
Q
ualitätsniveau Ist kemdes der der Leser durch das Auffüllen
I
' , zustan e, an 'Ich V
der Rea lSlerung " k b teiligt ist, In eInem so en organg zeigt
licher sch
tar
er
M
e
ße
der Unbestimmtheitsbetrag literarischer
' we1 em a ff d' d L '
sich bereIts, m d' F 'heitsgrade scha t, le em eser Im
Texte die not wen re el rden müssen, damit die 'Botschaft'
'k' akt gewa rt w S' ,
mUDI atlOnS d rbeitet werden kann, telgert eIn Roman
chend so wird deutlich, welches Gewicht den
' d d rch seme Ir , d
relts aUf" d' K muni kation zwischen Text un Leser zukommt,
Leerstel1en ur le 001 ' f b d' "
, P k teIlt sich nun eIne Au ga e, le Wlf 1m Rahmen
An diesem un t s b 1" k" E k"
, 'k' benennen nicht a er osen onnen, s ame
dIeser DIS USSlOn nur , , S k ' ch
,. ' I d f an das RepertOire von tru turen SI tbar zu
nachst emma arau , 'h ' h f "1
ch d ch d
im Text UnbestImmt elt entste t; ern er ga te es
ma en, ur as ch d' d L b ' '
I
Akt
' J'ta"ten beschreibbar zu ma en, le er eser el der
e ementare IV " 'ch b d
Lektüre zwar nicht bewußt wahrmmmt, dIe SI, a er ennoch
. h Von den vielen Möglichkeiten, LeserreaktIonen zu steuern,
zle en, " 'ß d' 11 ' f ch
len wir nur eine kurz beleuchten; sie 1St gewI le a ereIn aste,
kommt aber dafür am häufigsten vor, Gemeint ist folgendes: Wir alle
machen bei der Romanlektüre die Beobachtung, daß die erzählte
schichte mit Betrachtungen des Autors über das Geschehen durchsetzt ist,
In solchen Bemerkungen spricht sich vielfach eine Bewertung der
ten Vorgänge aus, Wir bezeichnen solche vom Autor angestellten
legungen als Kommentar, Offensichtlich besitzt die erzählte Geschichte
Stellen, an denen sie solcher Erläuterungen bedarf, Im Blick auf unsere
bisherige Diskussion ließe sich sagen : Der Autor selbst beseitigt
stellen, denn er möchte mit seinen kommentierenden Bemerkungen die
de.r Erzählung einheitlich machen, Solange dies jedoch die
emzlge FunktIOn des Kommentars bleibt, muß die Beteiligung des
am Vollzug der in der Geschichte liegenden Absimt sinken, Der
Au.tor selbst sagt ihm, wie seine Erzählung zu verstehen sei . Dem Leser
dann bestenfalls noch die Möglichkeit, einer solmen Auffassung
wenn er aus der erzählten Gesmimte andere Ein-
rucke gewinnen glaubt. Nun aber gibt es sehr viele Romane, die
zwar mit solchen k . d k n
d
..L ' ommentleren cn und bewertenden Bemer ung
e
urUlsetZt smd ohn ' d eh d" .
, d ' e Je 0 le Gesclumte von einem bestimmten,
Immer urchgehaltenen St d k ' , . I"ß . eh
schon seit B ' d an pun t aus zu Interpretleren. Dies a t SI
vielen Rom e
gmn
d
es 18)ahrhunderts beobachten und fi ndet sich in
anen, eren hl t ' ch S b 1 . un-
interessant ist oh d ß S ons es u strat für uns heute re atlV .
, ne a unser Vergnügen bei der Lektüre leidet. Bel
Die Appellstruktur der Texte
239
solchen Romanen ist der Autor offensichtlich nicht chi' ßl' ch cl
' d ch d' k ' auss le I avon
geleitet, ur le ommenuerenden Partien se'lnes T cl L
h d G ch
' ch extes em eser
das Verste en er es I te vorzuschreiben D'le g ß I' ch R
d h
,ro en eng IS en 0-
mane des 18. un 19. Ja rhunderts, denen heute noch ' b ch
d
' k ' b ch " , eme unge ro ene
Leben 19 elt es emlgt Wird, gehören zu diesem TB ' d' T
' d E' d yp, el lesen ex-
ten gewInnt man en 10 ruck, als ob der Autor m't' k
, d H' . ' ch h I semen ommen-
fleren en mwelsen SI e er von den erza"hlten V" d'
, ' , organgen Istan-
zIeren als Ihren Smn verdolmetschen wollte DI'e Ko ' k
' mmentare wir en
Hypothesen und scheinen Bewertungsmöglichkeiten zu impli-
dIe SIch den den, erzählten Vorgängen unmittelbar ab-
leItbaren DIeser Emdruck wird durch die Tatsache unter-
stützt, daß dIe Kommentare zu verschiedenen Situationen wechselnde
Standpunkte des Autors erkennen lassen, Soll man dann dem Autor
noch trauen, er 11 Oder müßte man besser prüfen,
was er zu den erzahlten Vorgangen noch eigens bemerkt? Denn oftmals
hinterlassen bestimmte Situationen der Romangeschichte einen anderen
Eindruck, als ihn die kommentierende Beleuchtung nahezulegen scheint,
Hat man da vielleicht unaufmerksam gelesen, oder soll man gar auf-
grund des Gelesenen den Kommentar des Autors korrigieren, um die
Bewertung der Vorgänge selbst zu finden? Unversehens hat es der
Leser dann nicht mehr ausschließlich mit den Romanfiguren zu tun, son-
dern auch noch mit einem Autor, der sich in der Rolle eines Kommenta-
tors zwischen Geschichte und Leser drängt. Nun beschäftigt er den Leser
genauso, wie dieser von der Geschichte beschäftigt wird, Die Kommen-
tare provozieren vielfältige Reaktionen, Sie verblüffen, sie reizen zum
Widerspruch und decken doch häufig viele unerwartete Seiten am
zählvorgang auf, die man ohne diese Hinweise nicht wahrgenommen
hätte. So liefern solche Kommentare zwar keine verbindlichen Bewer-
tungen des Geschehens, sie stellen aber ein Bewertungsangebot dar, das
Wahlmöglichkeiten bereithält. Statt mit einer einheitlichen Optik ver-
sehen sie den Leser mit gewissen Einstellungen, die er nachvollziehen
muß, um sich das Geschehen entsprechend zu erschließen: sie überziehen
Geschichte mit Beobachterperspektiven, deren Orientierung
dIngs wechselt, So eröffnen diese Kommentare einen BewertungsspIel-
raum, der neue Leerstellen im Text entstehen läßt. Diese liegen nun
nicht mehr in der erzählten Geschichte sondern zwischen der Geschichte
, , .
den Möglichkeiten ihrer Beurteilung. Sie lassen sich nur beselugen,
Indem Urteile über die zur Rede stehenden Vorgänge gefällt werden.
Für die Provokation des Urteilsvermögens sorgt der Kommentar auf
Zweierlei Weise: Indem er die eindeutige Bewertung des Geschehens
Wolfgang Iser
240 ",
II
die eine Reihe von Erfullungsvariabl
..L ff Leerste en, 'd B en
ausspart, SUia t er I '..L Möglichkeiten er ewertung anbiet
d
aber zug elUI 'ch b I' b' f f"II et,
zulassen; a er 'L stellen nl tele 19 auge u t werd
d f
" daß diese eer , 'I' d L en,
sorgt er a ur, k m einen die Betel 19ung es esers an d
'k d' Stru tur zu 11 d "R er
So bewlr t lese d ber die Kontro e efJemgen eaktio
ne an eren a n,
Bewertung, zum ,
d
' B rtung entspnngt, ,
denen le ewe I k g sei wenigstens ganz kurz an einem inte
D
' Art der Leser en un "1" G r-
Iese " solcher er autert, ,esetzt den
Belsplel"ch d reh seine SituatIOnsbemerkungen nicht nUr den
Fa!l, em Audtor mLo te kontrollieren, sondern die Reaktion
Spielraum er eserr d W b' h
' ' eh' wie verfährt er ann, enn unsere lS erig
en
selbst eIndeutig ,en
sind
werden wir nicht erwarten dürfen, daß der
Beobachtungen n ug " d 'lI' d "
d
' "nsehte Reaktion des Lesers etal lert 0 er sie Ihm
Kommentar le gewu f d 'h V '
eh 'bt Der Leser würde dann au as 1 m orgeschnebene
vobrs ,rel
S
:
nn
der gehegten Absicht reagieren, Nun das Beispiel:
nlUIt a er Im I ,"
ist jene bekannte Stelle aus Dickens' Olzver TWlst, wo ,Sich das ausge-
hungerte Kind im Armenhaus mit dem Mut d:r Verz:velflung aufrafft,
eine zweite Portion Suppe zu verlangen, Die AufsIchtspersonen des
Armenhauses sind über die ungeheuerliche Frechheit entsetzt,12 Was
macht der Kommentator? Er pflichtet ihnen nicht nur bei, sondern
liefert dafür auch nom die Begründung,13 Die Reaktion der Leser ist
eindeutig, denn der Autor hat seinen Kommentar so angelegt. daß sie
ihn verwerfen müssen. Nur so läßt sich die Anteilnahme am Schicksal
des Kindes bis zum Eingreifen steigern: Die Leser sollen aus ihren Ses-
seln gerissen werden, Hier geht es nicht mehr um das Auffüllen einer
Leerstelle hinsichtlich der Beurteilung der Situation, sondern um die
Totalkorrektur einer falschen Beurteilung. Soll die Aktivität des Lesers
am Vollzug des Geschehens gesteigert und eindeutig gemacht werden,
so darf das im Text Gesagte nicht so gemeint sein, wie es formuliert ist,
In dieser Hinsicht bildet die Dickens-Stelle einen interessanten Grenz-
von Denn auch hier gilt, was sonst für die Unbe-
aJs Wirkungsbedingung zutrifft: Das Formulierte darf die
IntentIOn des Textes nicht ausschöpfen. _ Literarische Texte sind reich
der besprochenen Art. Viele davon sind komplizierter als
das k ler b.:rührte Zusammenspiel zwischen Kommentar und Leser. Zu
.en ware etwa an die Tatsache, daß wir als Leser auf die Figuren
JJomans stä,ndig reagieren, ohne daß diese ihrerseits auf unsere
lnste ungen zu lhnen ' d
W b reaglerten. Im Leben ist das bekanntlich an ers.
as a er machen wir m' d ' d
aBt" J' • It er vom Roman gewährten FreiheIt von en
ag IUlen Reaktion .. , r
Szwangen. Welche Funktion besitzt diese 'orm
Die Appellstruktur der Texte
241
der Unbestimmtheit, die unser Verhalten z d F"
und dann alles Weitere uns selbst zu überlass
u
e1, herauskehrt
H
' "ß 11 d' en SUlemt,
ler mu ten vor a em le temnismen B d'
kommen, die für die Steuerung der Leserreakt" e mgungen zur
b
' k" ' L' , Ionen verantwortheh smd
Da el ame es In erster mle darauf an die K " , , '
T I
' , onstltUtionswelsen fikt
naler exte zu ana YSleren, Denn für ihre A II k ' ,lO-
h bl
'ch d V f h ppe stru tur Ist es meht
uner e I , as er a ren zu kennen nach d ' b 'd '
T b
" l' , em sIe ge aut sm ZeIgen
solche exte eIspIe swelse eine Schnitt- Mo t d S . .
'k h 'ß d' d " ,n age- 0 er egmenner-
techn! ,so el t les, aß sie eIne verhältnismäß' h h F ' b h'
'ch I'ch d A chI' ßb k' , Ig 0 e relga e 10-
SI t I er ns le ar elt Ihrer Textmuster ane' d "h
' 'd h' man er gewa ren
SInd sie agegen me r nach emem Kontrast- ode 0 ' . " '
, , 'd' ch ' r ppOSltlOnspnnzlp
organISIert, so Ist le Ans heßbarkeit der Textm t I ' k
' b d ' us er re atlv star vor-
geschne en, In em eInen Falle herrscht dann el' I' h h G d
f
" n re atlv 0 er ra
von Per ormanz bel gerInger Präskription für die d L b f
Ak
' ",' d em eser a ge or-
derte tlvltat; 1m an eren Falle verhält es sich umgek h t F
'ch' f 1 er, erner
wäre es Wl tlg estzuste len, in welcher Textebene die Leerst l1 '
d
' d" 'I' e en sitzen
un wie es um le Jewel Ige Frequenz bestellt ist. Sie werden 'ch'
'k ' SI 1m
Kommum anders auswirken, wenn sie vermehrt in den
und vermindert in der Handlung beziehungsweise im
Zusammenspiel, der, Personen liegen, Sie werden ganz andere Konse-
quenzen nach Sich Ziehen, wenn sie sich in der vom Text dem Leser zu-
geschriebenen Rolle finden, Aber auch für eine andere Art der Klassifi-
kation von Textebenen kann die Frequenz der Leerstellen bedeutsam
sein. Sind sie vorwiegend auf die Textsyntax, das heißt auf das im Text
erkennbare Regelsystem seines Aufbaus beschränkt, oder sitzen sie ver-
stärkt in der Textpragmatik, das heißt in dem vom Text verfolgten
Zweck, oder mehr in der Textsemantik, das heißt in der im Leseakt zu
generierenden Bedeutung? Sie werden sich in jedem Falle untemniedlich
auswirken, Wie immer es um ihre Verteilung bestellt sein mag, ihre je-
weiligen Folgen für die Steuerung der Leserreaktion i t in erheblichem
Ausmaß von der textspezifischen Ebene ihres Vorkommens abhängig.
Dieser Sachverhalt indes kann hier nur benannt, oidn aber <1U disku-
tiert werden,
IU
Denn unser dritter und letzter Sdtritt der Betrachtung muß dem hi to-
r,isch beachtenswerten gelten. daß die Unb timmtheit in
literarischen Texten seit dem 18. Jahrhundert tändig im \'(l<1ch eo be-
griffen ist, Die sich daraus ergebenden Implikationen i n n drei
Beispielen kurz veranschaulicht, die der engli ehen Literatur de 1 .,
Wolfgang Iser
242 mmen sind. Es besteht kein Zweif 1
19
und 20. entno
e
auch an verwandten Texten ande e ,
. I 'eh phanomen f F' Id' rer
daß sieh die g ,ei en ssen. Ich beziehe au le mgs J oseph An-
Literaturen Vanity Fatr (1848) und Joyces Ulysses
drews (1741/42),
(1922). d begann als Parodie auf Richardso
ns
Pa
Fielclings Natur und ihre Verhaltensformen dur;
I
' d di e mens I e . R'ch \ll
me a, m er T dhaftigkeit bestimmt waren. I ardso
n
ist
ein ideales an ,u;en toter Text, Fielding aber können wir noch
für uns heute eljn Bestimmbarkeit der menschlichen Natur Zu
'V" gen esen. le 'h
mit d d dl eine Vorstellung von I r zu entwerfen, bildet
bezwelfeldn un ß zu Fieldings Roman. Die Anlage ist denkbar
den para oxen ns 0 , d H Id d . 11
einfadl, Wir haben auf der einen en
f
d e end' er W
a
.en
k
!u-
enden der Aufklärung ausgestattet 1st, au an eren eme Ir hch-
k
g
, d' 'h betra" dltl ich zusetzt. Aus dem Bhckpunkt des H elden er-
elt, le I m d l' k d H Id .
dl
' d' Welt als sdll edlt, aus dem er We t wir t er e eigen-
s emt le 'ch d' I . d'
, '" nd borniert. Nun kann es aber m t le ntent lOn leses Ro-
Slnnll> u l' ch P' . . l ' .
mans sein den Repräsentanten mora IS er nnzlplen a s emen eigen-
sinnigen 11enschen darzustellen. .dargest.ellt:. We!t
ihren traditionellen Charakter verloren, die emtomge FolIe fur die
Abenteuer des Helden zu bilden; sie hat eine Selbständigkeit erlangt,
die allein von den Prinzipien moralischen Verhaltens nicht mehr geord-
net, gesdlweige denn beherrscht werden kann. Es kommt nun zu einer
ständigen Interaktion dieser Posi tionen, in der eine wechselseitige Kor-
rektur zu gesdlehen sdleint. Die Art der Korrektur indes ist im Text
selbst nidlt ausformuliert. Wir stoßen lediglich auf ein Spiel der Be-
ziehungen, das längst nicht jene Bestimmtheit besitzt, wie sie die bei den
Grundpositionen Held und Wirklichkeit erkennen lassen. Die wechsel-
sei.tige Korrektur zielt auf einen Ausgleich und nicht auf Sieg oder
Niederlage der einen oder anderen Position hin. Wiederum ist die Art
des Ausgleichs im Text nicht formuliert dennoch läßt sie sich vorstel-
r
Iend' Ja, gelingt dies nur, weil ' sie sprachlich nicht fixiert ist.
n em die POsitione f' d . . k " 'h
Ge b ' ,n au er etnwlr en, machen SIe wem ger I re
L ge :Ielmehr Ihr Potential sichtbar. So bietet der Text dem
B h e IgIU} etn Ensemble von Positionen das er in wechselseitigen
vorfü?rt, ohne den archimedischen Punkt zu formulieren,
em sie onvergleren D 'b" . r-
gangs den N h F' ergl t Sich dIe Struktur emes Lesevo
we a rop rye einmal wie folgt beschrieben hat: "When
ever
nyt tng, we find 0 . " .' at
once One dl'r " ur attentIon mov1Og 10 two dl rectlO
nS
. ectlon IS d .
Out'War or centrifugal, in which we keep gOlOg
Die Appellstruktur der Texte
243
outside our reading, from the individual word h h' h
' . s to t e t mgs t ey mean
or, 10 pract1ce, to our memory of the conventional "b '
h Th h d
· . " . aSSOClatlOn etween
t em. e ot er lrect10n IS Inward or centripet I ' h'ch
cl I f h d
a , In w 1 we try
tO eve op rom t e wor s a sense of the large b I h
k
» 14 D' eh . ch r ver a pattern t ey
ma e. lese ermeneutls e Operation' des L ' " ' ch
' d M ß . d d esens mtenslVlert Si
10 em a e, In em er Roman darauf verzl'cht t, . I '
I
· D' b d ' e seme ntention zu
formu leren. les e eutet flicht, daß er keine h t W ' b
. ch . ch ... a, enn er Sie a er
fl1 t ausspn t, wo ware Sie dann Zu suchen' DI'e A t "ß I
'd d ch . . . n WOrt mu te au-
ten: In er aus er we seiseitlgen Korrektur der P ., h
' . . ." OSltlOnen entste en-
den DlmenslOn. Diese aber ISt In der tatsächll' ..L
en
T I "ch
. U} extgesta t nt t ge-
geben, sondern 1St das Produkt der Lektüre Wenn sl' e t ' L
h
· ,ers 1m esevor-
gang entste t, so hat virtuellen Charakter, denn das Zu-
sammenschauen kontrarer POSItiOnen sowie die sich da ra b d
ch I
.. B . fl . us erge en e
we . se Seltlge eem 1St der Aktivität des Lesers überantwortet.
sleht. st andlg vor dem Hintergrund einer niederträch-
tigen WlrkltchkeIt, aber ebenso die Welt aus der Sicht des Helden, Sol-
0
e
provozieren Ausgleichsoperationen, und da
dIese Im Text selbst mcht formuliert sind, wird die Sinnkonstitution
zu einem Akt der Lektüre. Ort ist die Einbildungskraft des Lesers,
den? erst dort der Sinn des entworfenen Zusammenspiels der
Als VIrtueller Sinn bleibt er der versmiedenartigsten Nuan-
cierung bel erneuter Lektüre fähig. Fielding scheint sim über diese An-
lage des Textes durchaus im kl aren gewesen zu sein, denn die dem Leser
von ihm zugedachte Rolle ist durm eine Aufgabe bestimmt: der Leser
soll entdecken.
15
Diese Aufforderung läßt sich sowohl historism als aum
strukturell verstehen. Historisch würde sie bedeuten, daß der Leser,
indem er den Sinn selbst entdeckt, in ein Prinzip der Aufklärung ein-
geübt wird. Strukturell würde sie bedeuten, daß der Roman seine Wir-
kung erhöht, wenn er den Konvergenzpunkt seiner Positionen und
Schemata nicht formuliert und diese Unbestimmtheit durch den Leser
beseitigen läßt.
. Unser zweites Beispiel ist ein Roman des 19. Jahrhunderts, in dem
dIe Unbestimmtheit deutlich zugenommen hat : Thackerays Vanity Fair.
Wenn Unbestimmtheit die graduelle Beteiligung des Lesers am Vollzug
Textintention reguliert, so fragt es sich, was eine gesteigerte Betei-
lIgung bedeuten kann. Vanity Fair besteht zum einen aus einer Ge-
schichte, in der die sozialen Ambitionen zweier Mädchen in der vikto-
rianischen Gesellschaft gezeigt werden, und zum anderen aus dem Kom-
mentar eines sich als Theaterdirektor vorstellenden Erzählers, dessen
Ausführungen fast genauso umfangreich 4;i nd wie die erzählte Geschimte
Wolfgang !ser
244 "ffnet ein ganzes Panorama von Blick
tatO
r
ero , kl'ehk ' d' PUnk
b
D
er Kommen 11 ehaftliehe WIr I eit, Ie nun Von n h -
se! st, "hl gese s hl ehl ' di a eZU
f die erz
a
te , e einer Anza mens I er Grundb fi
ten aU P 'tionen SOWI d d L " e nd-
11
ozia!en 051 den kann, In em er eser mlt elUer V' I
a en s ehen wer ch" I'dik ' le _
!
'ehkeiten her ges d 1 ativer Betra tungsmog I elten konf
I d n a tern 'E eh' d ron_
h! variieren er U 'eh hezu ständIg zu nts el ungen gedrä
za f"hl er SI na I' 'eh 11 ' ngt
tiert wird, U f kompliziert, a s es Ja m t a em darum geh'
b
'd mS
O
ern I G ch'eh 'E' t,
Diese a er sm, W I der erzäh ten es I te eme lUstelIung
zur gesellsehaftltchen eh e ,t mal darum, diese Einstellung über das r/ch
u
dern nO etn I
beziehen, son k ' enangebot des Kommentators zu gewinne
ff
' te Perspe tlV 'L' n,
di erenzIer , 'f I daß der Autor seme eser zu emer Kritik a
E b
ht kem Zwei e, 1 "eh GI 'ch " n
s este W' kr chkeit veran assen mo te, el zeitig ahe
d
d gestellten Ir I d ' d r
er ar die Alternative, entwe er eme er angebotenen
Ht er den Leser vor " 'ck 1
ste , "b rnehmen oder selbst eme eIgene zu entwi e n, Diese
Perspektiven zu u e d 'eh f" ' BI'ck
' ' 'cht ohne Risiko, In em man SI ur emen 1 punkt
Alternative ISt ß1 G eh' h d'
eh
'd den andere ausgeklammert, es Ie t 1es, so entsteht
ents el et, wer h' , S' 1
' d' R der Eindruck als ob man me r m emen p1ege als auf
10 lesern oman " "ß" ,
d G ch he
schaue,16 Da allen Bhckpunkten eme unm1 verstandhche
as es e n , Ib'ld 11
Begrenztheit eingezeichnet ist, sind soldle S
p
1e
g
e
d
, I eskandere
als schmeichelhaft, Wechselt der Leser dann gar 1e 1 pun te, um
solchen Festlegungen zu entgehen, dann macht er die zusätzlidle Erfah-
rung, daß sein Verhalten schon erheblidl der immer Anpassung
der heiden um sozialen Aufstieg bemühten Mäddlen gle1dlt, Ihnen aber
sollte doch seine Kritik gelten. Ist am Ende der Roman gar so angelegt,
daß die im Leser aktivierte Kritik am Opportunismus gesellschaftlichen
Verhaltens sich ständig auf ihn zurückbiegt? Davon ist zwar im Roman
erwähnt, obgleich es häufig geschieht, Statt die
krItISIeren, entdeckt sich der Leser selbst als Gegenstand der Kntlk,
Thacke:ay, hat einmal gesagt, daß die ungesdlriebenen Teile eines Ro-
mans die eigentlich interessanten seienP Nimmt man diesen Satz
so besagt er, daß der Roman seinen Konstitutionsgrund verschweigt.
fer Text wäre dann nur als eine Abschattung dieses nidlt
t Grundes zu verstehen, Das würde bedeuten: Die Strudk-
es "ex:es sind so beschaffen daß sie den Leser im Vorgang er
e ture standlg zum F d d ' D' ber be-
ziehen s'ch k ' 10 en es Grundes provozieren. lese ader
auf untergeordnete Aspekte, sondern gel
te
ß
n
'dJ
b
entIOn es Te lb . , eh' ht lä t SI
eohachten d ß d A xtes se st, Wo Immer dIes ges le, bi-
r ' ,a er utor d L 'eh " ker ro
O
ISlert, weil er selb ' ,en eser D1 t etwa deswegen star de
tll
weil erhöhte Bet ,tt mIt selOem Gesmäf! nicht zurande käme, son. erJl
el 19ung am Mitvollzug des Textes den Leser ZU ein
Die Appellstruktur der Texte
245
g
rößeren Einsatz dessen zwingt, was er ist, Wenn n d L
' ' d" 1 ' T un er eser von
Vamty F atr 1e Vle en 1",1 ext POsitionen aufeinander be-
zieht, so entdeckt er weOlger den 1dealen kritischen 0 t d
1
.. " 'h ' ch ' r , von em aus
alles zu osen :vare; er SIe t S1, v1elmehr des öfteren selbst in der Ge-
sellschaft der F1guren, seme Kritik gelten sollte, _ Hatte der Fiel-
noch 7
we1
konträre Positionen aufeinander abzustimmen,
durch d1e 1hm letzthch nur zugemutet wurde, die richtige der möglichen
zu so macht die Vermehrung der Leerstellen in
Vamty F atr deuthch, daß nun der Leser sehr viel von sich selbst zeigt
wenn er den Spielraum des Verstehens nutzt, '
Auf dem Hintergrund von Vanity Fair erscheint die Unbestimmtheit
von Joyces Ulysses so, als ob sie außer Kontrolle geraten sei, Dabei ver-
sucht dieser Roman doch nur, einen gewöhnlichen Alltag darzustellen,
Das Thema ist also erheblich geschrumpft, wenn man bedenkt, daß
Thackeray noch ein Bild viktorianischer Gesellschaft und Fielding gar
ein solmes der menschlichen Natur vermitteln wollte, Es hat beinahe
den Anschein, als ob die Dominanz großer Themen und der Betrag an
Unbestimmtheit in einem Verhältnis zueinander stünden, Was aber
fängt man dann mit der Tatsame an, daß nahezu alle Darstellungs-
und Erzählstrategien, die der Roman in seiner verhältnismäßig jungen
Geschidlte entwickelt hat, in Joyces Ulysses versammelt sind, und das
bloß zu dem Zweck, das Gesehehen eines gewöhnlichen Alltags vorzu-
führen? Kommt es vielleimt gar nicht so sehr auf die Darstellung des
Alltags als vielmehr auf die Bedingung seiner Erfahrbarkeit an? 1
Dann wäre das Thema nur Anstoß für die Versuche seiner Bewältigung,
denn dieser Alltag ist nicht repräsentatives Abbild einer Bedeutung, die
hinter ihm verborgen wäre, Idealistisme Hinterwelten gibt es in Ulysses
nicht mehr, Statt dessen entfaltet der Text einen bis dahin ungekannten
Reichtum an Blickpunkten und Darstellungsmustern, die den Leser zu-
nächst verwirren, Die unzähligen Facetten dieses Alltags wirken so als
ob sie dem Leser für seine Beobamtungen nur vorgeschlagen seien. Die
a,ngebotenen Perspektiven stoßen unvermittelt
Sich, sind segmentiert und beginnen gerade durm ihre Dtchte den Blick
des Lesers zu überanstrengen, Dabei fehlt der helfende de Au-
tors, Denn dieser hat sich, wie Joyce selbst einmal sagte" elOem
gleich hinter sein Werk zurückgezogen, um Ich dort
FIngernägel zu sdlneiden,19 Die Dimte des Darstellungsrasters. die
.Montage und Interferenz der Perspektiven, das an Leser,
Identische Vorkommnisse aus vielen einander gänzlich wIderstrettenden
Blickpunkten zu sehen, macht die zu einem Problem.
Wolfgang 15er
246 . l ' BI" _L k
Z mmensple semer lU\.pun te Ver"" .
W
nn der Roman das eigenen Konsistenzbildung. Derellgert,
e L zu eme F ese
. gt er den eser cht sein die vielen acetten zu ordnen G r
zwJn . d versu ' . 1f d ' 11 . . e
. d immer Wie er d'ng suggests ase an 1 USlOn takes ov
Wir ,,'stent rea I f lID er 20
schieht dies, b 'Jd ng ist nicht ganz 0 gen os: er Lesevorg .
Eine solche IllUSIOns I . u "ndiger 5elektionsprozeß aus der Füll
'ollzieht sich hi er aJs em die jeweilige Vorstellungswelt des le er
"\ Aspekte, wo ur , . d L k .. h esers
angebotenen , . J' f t 50 muß 10 Je e e ture se r viel ei
h
Jk tenen le er . . h nge_
die Auswa n " 5innkonfiguranon entste t. Der Text d
bracht werden, für die VorsteIlbarkeit dieses Allt es
h
"J ur le e III I' ß' ags
Ulysses a t n f seine Weise einlöst. Ja, es ie e sich sagen daß
d
' 'eder Leser au d G' ,
parat, le J hIWiderstand gegen as rupplerungsbedürfn'
'ch d Roman e er a s G I Is
SI er .' V 1 uf der Lektüre unentwegt zur e tung bringen
bietet, das "!' Ir Im möglicher Reaktionen denkbar. Wir
D bei ist eme ganze 'b d d T d
a.. d h h Unbestimmtheits etrag, en er ext gera e durch
uns uber en 0 en I1 ..
. Ob "., ung seines Darste ungsrasters erzeugt, argern. Das
dIe erprazJS1er . 'k I'ch d "
b k
.. chon einer 5elbstcharaktenstI g el , enn es wurde be-
a er ame s f I d
d d ß
'r eigentlich lieber vom Text estge egt wer en wollen,
euten, a WI .' W' d
O
rr 'ch I'ch erwarten wir dann von Literatur eme von i ersprü-
rrensl t I . U . . k' d
chen gereinigte Welt.!!1 Ve.rsuchen w!r, die nStImmig elten es
abzubauen so wird das BIld, das WIr uns formen, gerade wegen semer
Stimmigkeit illusionäre Züge tragen. Diese der Harmonis.ier.ung ent-
sprungene Illusion ist aber ein Produkt des Lesers. Damit 1st etwas
Wichtiges geschehen. War der realistische Roman des 19. Jahrhunderts
noch darauf angelegt, seinen Lesern eine Illusion der Wirklichkeit zu
vermitteln, so bewi rkt der hohe Leerstellenbetrag in Ulysses, daß alle
dem Alltag zugeschriebene Bedeutung zur Illusion wird. Die Unbe-
stimmtheit des Textes schickt den Leser auf die Suche nach dem Sinn.
Um diesen zu finden, muß er seine Vorstellungswelt mobilisieren. Ge-
schieht dies, so hat er die Chance, sich seine eigenen Dispositionen
wußt machen, indem er erfährt, daß seine Sinnprojektionen sich nIe-
mals mIt den Möglichkeiten des Textes vollkommen verrechnen lassen,
Denn alle .Bedeutung hat partialen Charakter, und alles, was wir
sen, SIch gerade deshalb, weil wir es wissen, der WahrscheinlichkeIt
zu werden. - Wenn daher in modernen Texten jede re-
getilgt ist, so gewähren sie durch ihren Rezet
tlOnsvorgang die Ch d ß d . ß L er In
. V h'" ance, a er zur RefleXIon angesto ene es
er zu seinen Vorstellungen gelangt.
halt\;.an
h
en Texten der modernen Literatur läßt sich dieser Sad
lVer
l
-
ma e unter Expe . b d' . '1 or a •
nment e mgungen studieren. DIes gl t "
Die Appellstruktur der Texte
247
lem für die Texte Becketts, die auf den ersten Bl'ck d E' d ck .
I b
' d Lien in ru hinter-
lassen, aso sie en eser aussperren wollt D b ' "h
d U b
' h . en, a el gewa rt doch
gerade er n es tim mt eltsbetrag eines Textes d' E' 1 ß .. l' chk '
d L W d
" le in a mog l eiten
für en eser. enn lese hier verstellt ersmeinen ff ' eh l' eh
h Ib
' 1 d U b " , so 0 ensl t I
des a , wel er n estlmmtheltsgrad eine Toleranzg "b ch'
d
· . h I renze u ers nt-
ten hat, le emge a ten werden muß soll das gewohnt M ß 0 '
. ' T eh "h" e a an nen-
tJerung Im ext no gewa rlelstet sein. Nun aber ze'lgt d' D' k .
ck
. " eh d' le IS usslon
um Be ett, wie wemg SI le Beckett-Leser mit d'lese A .
. b D h musgesperrtsem
zufrieden ge en. em ohen Unbestimmtheitsgrad w'lrd ' t '
. . ml emer mas-
siven BedeutungsproJektlon geantwortet deren Geltung eh d d ..L
' ch ' d d ß d' ' no a urUl
u?terstn en wIr , a le den unterlegten Bedeutungen allego-
rischen Charakter annehmen. "'!las diese Allegorisierung im ein-
zelnen Ihr Ziel, die dem Werk zugeschriebene Bedeu-
tung moghchst emdeung zu machen, ist unverkennbar.
So zeigt die Beckett-Allegorese, daß hohe Unbestimmtheitsgrade
ganz offenbar Bedeutu?gen provozieren, die auf Eindeutigkeit hin ten-
dieren. Wenn aber fi ktIOnale Texte eindeutig gemacht werden sollen, so
bleibt nichts anderes übrig, als zu entscheiden, von welcher Art ihre Be-
deutung zu sein hat. Solche Entscheidungen allerdings bringen die Dis-
positionen und die 'Vorzugsgestalten' (Scheler) derer, die sie fällen,
mit der gleichen Deutlichkeit zum Vorschein. Ja, vielleicht verlangen
die Texte Becketts immer den ganzen Einsatz ihrer Leser. Sie mobilisie-
ren unsere Vorstellungswelt total, allerdings nicht, um in einer gefun-
denen Bedeutung Beruhigung zu gewähren, sondern eher, um den Ein-
druck zu vermitteln, daß sich ihre Eigenart erst dann entfaltet, wenn
sich unsere Vorstellungswelt als überschritten erfährt. Kein Wunder
also, daß man zunächst solche Texte durch eine massive Bedeutun s-
projektion in den gewohnten Horizont zurückholt.
Dabei macht man allerdings die Erfahrung, daß solche den Texten
oktroyierten Bedeutungen dann um so trivialer erscheinen, je eindeu-
tiger diese sind. Die Texte Becketts verlangen vom Leser, daß er alle
seine Vorstellungen in die Lektüre einbringt, denn nur sie vermögen an-
gesidtts der Beschaffenheit solcher Texte den notwendigen Redundanz-
betrag zur Verfügung zu stellen, damit Innovation erfahrbar werden
kann. Diese Texte werden dann in dem Maße kommunikation fähig, in
sich unsere Vorstellungen und ' Vorzugsgestalten' ....erändern. Er t
tn der Krise unserer Verstehens- und Wahrnehmungsschemata gelangen
sie Zur Wirkung und vermögen dadurdt die Einsicht zu eröffnen,
wir unsere Freiheit nicht betätigen, solange wir uns selbst in unsere prt-
vate Vorstellungswelt einsperren.
Wolfgang Iser
248
IV 'r sind im Begriff, aus der hiStorisch
' b denn WI h I ' ch en
B
..Len wir hier a " theit in ei ne ant ropo ogls e Zu Wechsel
reu! U bestimm d k" S n,
D
' nsion der n b 'ch nun aus em s IZZlerten achverh I
Ime erge en SI D' k ' a t
W
lebe Folgerungen d h'er abgesteckten IS usslOnsrahmen nu "
e fi durch en I Z "ch d" f r In
d r zwangsläu g b rden konnte? una st ur en wir sag
e "cht ar we ' p , en,
groben SI theitsbetrag in literan scher rosa - ,:, Ielleicht in
daß der Unbesum
m
d ichtigste Umschaltelement zWischen Te
"b haupt - as w f k' , U b ' Jet
Literatur u er It Als Umschaltstelle un tlOnIert, n estlmmtheit
und Leser 'V tellungen des Lesers zum MItvoll zug der irn
insofern, als Sie le aktiviert Das aber hei ßt : Sie wird Zur Ba
1 IntentIOn' , ,-
Text ange egten k 'der der Leser immer schon mItgedacht Ist, Dar-
' ' Textstru rur,1O Ich d' ,
SIS etner 'd 'ch I' rarische Texte von so en, le eme Bedeutung
, schel en SI Ite d' A ' d ' h
10 unter , W h h 't formulieren, Texte leser rt sm I rer Struk-
oder gar etne a r el bh" ' d d' B d
" l'chen Lesern una anglg, enn Ie e eutung oder
tur nach von mog I ' ch ß h Ib ' h F
' h h' d' , formulieren, gIbt es au au er a I res ormu-
die Wa reit, le Sie d 1 ' ch '
. ' W aber ein Text das Gelesenwer en a s WI tl gstes Ele-
lJertsetns, enn d
. Struktur besitzt so muß er selbst ort, wo er Bedeutung
ment setner , . . "
d W hrheit intendiert, diese der RealI sierung durch den Leser uber-
unt Nun ist zwar die in der Lektüre sich einstellende Bedeutung
Text konditioniert, allerdings in einer Form, die es erlaubt, daß sie
der Leser selbst erzeugt, Aus der Semiotik wissen wir, daß innerhalb
eines Systems das Fehlen eines Elements an sich bedeutend ist. überträgt
man diese Feststellung auf den literarischen Text, so muß man sagen:
Es charakterisiert diesen, daß er in der Regel seine Intention nicht aus-
formuliert, Das wichtigste seiner Elemente also bleibt ungesagt. Wenn
dies so ist, wo hat dann die Intention des Textes ihren Ort? Nun, in der
Einbildungskraft des Lesers. Indem der literarische Text seine Realität
nicht in der Welt der Objekte, sondern in der Einbildungskraft seiner
Leser besitzt, gewinnt er einen Vorzug vor all den Texten, die eine
über Bedeutung oder Wahrheit machen wollen; kurz,
Jene',dle Charakter haben. Bedeutungen und
ten nicht gegen ihre Geschichtlichkeit gefeit. stnd

Texte davon nieht frei, doch indem ihre Realität In der
m I ungs raft de L ]' b ' . "ßere
eh 'ch . s esers legt, eSItzen sie prinzipiell elOe gro
ance, SI Ihrer Ge ch'eh l'ehk '. I"ß 'eh der
V d ch k" s I t I eIt zu WIdersetzen. Daran a t SI .
er a t an nupfen d ß l' . . ' leht
deshalb als e eh' ' Iteransche Texte wohl in erster LlOJe n 1-
len, die ersche!nen, weil sie ewi ge Werte
I erweise der ZeIt entrückt sind, sondern eher e
,
I
r
I
Die Appellstruktur der Texte
249
halb, wei l ihre Struktur es dem Leser immer wieder von neuem erlaubt
sich auf das fiktive Geschehen einzulassen. '
Für diesen Vorgang bilden die Leerstellen des Textes die zentrale
Voraussetzung, Durch sie wird die Anschließbarkeit der einzelnen Text-
muster ?eziehungsweise Textelemente aneinander zunächst ausgespart,
doch mIt dem Erfolg, daß der Leser selbst diese Anschlüsse herstellen
kann. Die machen den Text adaptierfähig und ermöglichen
es dem Leser, der Texte im Lesen zu einer privaten
zu machen. PnvatlSlerung von Fremderfahrung heißt daß es die Text-
bisher an die 'Erfahrungs-
geschichte (S. J. Schmldt) anzuschheßen, Dies geschieht durch das Gene-
rieren von Bedeutung im Leseakt. Zugleich entsteht für den Text in
diesem Akt eine jeweils individuelle Situation. Fiktionale Texte sind
bekanntlich mit wirklichen Situationen nicht identisch; sie verfügen
nicht über eine reale Deckung. In dieser Hinsicht wären sie trotz ihres
historischen Substrats, das sie mit sich führen, beinahe situationslos zu
nennen, Doch gerade diese Offenheit befähigt sie dazu, viele Situationen
zu bilden, die jeweils in der Lektüre durch den Leser hergestellt werden.
Nur im Leseakt ist die Offenheit der fiktionalen Texte festzumachen.
Was aber verleitet nun den Leser immer wieder dazu, sich auf die
Abenteuer der Texte einzulassen? Diese Frage zu beantworten hieße,
anthropologische überlegungen anzustellen. Immerhin bleibt das Phä-
nomen zu registrieren, daß offenbar eine ungebrochene Neigung besteht,
als Leser die fiktionalen Risiken der Texte mitzumachen, die eigenen
Sicherheiten zu verlassen, um in andere Denk- und Verhaltensweisen
einzutreten, die keineswegs erbaulicher Natur sein müssen. Der Leser
kann aus seiner Welt heraustreten, unter sie fallen, katastrophale Ver-
änderungen erleben, ohne in Konsequenzen verstrickt zu sein. Denn die
Konsequenzlosigkeit der fiktionalen Texte ermöglicht es, jene Weisen
der Selbsterfahrung zu gewärtigen, die von den Handlungszwängen
des Alltags immer wieder verstellt werden. Sie geben uns jene Freiheits-
grade des Verstehens zurück die durch das Handeln immer wieder ver- ,
braucht, vertan, ja oftmals auch verschenkt werden. Zugleich halten fik-
tionale Texte Fragen und Probleme parat, die sich ihrerseits aus dem
Zwang des täglichen Handelns ergeben. So machen wir mit jedem Text
nicht nur Erfahrungen über ihn, sondern über uns. solche
Erfahrungen wirksam werden können, darf Sie der Text selbst mcht be-
nennen . ... the Poet . . . never affirmeth!!, hatte schon Sir Philip 5idney
gesagt, und das heißt daß die fiktionalen Texte so konstruiert sind, daß
sie keine der ihnen uns zugeschriebenen Bedeutungen restlos bestä-
Wolfgang Iser
250 .. d' 1
d
.-L ' hre Struktur stan Ig zu so ehen S'
• _L • uns urOl I . d ' d Inn_
ti "en, obglel
Ol
sie. W n wir sie verein euugen, ann scheinen .
o k erIelten. en d ' " b h Ib . t I d ' Sie
gebungs
a
. ten v dlen daß Sinn stän Ig u er ? . ar 15. n
eh
leser Bin_
uns deutlICh zu ma r ' unserer LebenspraxIs Immer S on V'orau
. d fi k ' ale exte . . hUb . s.
sicht Sln non . . tens erst dann, wenn WIr 1 re n estlmm
Doch das merken WIr melS t-
heit durch Bedeutung ersetzen.
Anmerkungen
A
. st Interpretation and Dther Essays, New York (Delta
1 Susan Sontag, gam
Book) 41964, p. 14.
f VgJ. ibid., pp. f. How to do Things with Words. Ed. by J. O. Ur
rnson
3 V gJ. J. L. Austm, ,
Cambrid e/Massachusetts 1962, pp. 1 ff. .
. sg _L h It berührt aum Susanne K. Langer, Feelmg and Form.
e DIesen aUlver a h d'ffi 1 l' I h' k .
d
41 967 59' "The solution of tel cu ty les, t 10 , 10 the re-
Lon on , p. . 1 f l' b ' d
. . h hat art expresses is not actua ee lOg, ut I eas of feeling.
cognltlon t at w . b 'd '
I d
oes not express actual thlOgs and events ut I eas of thern!
as anguage k r"b' 21960
5 VgJ. R. Ingarden, Das lit.erarische. Kunstwer , u I.ngen , pp. 261 ff.
6 A d' er Stell e müßte eme Ausemandersetzung mIt dem von Ingarden ge-
Begriff der "Unbestimmtheitsstellen " erfolgen, damit die hier
vorgetragene Auffassung von einer sch:inbar
deutlich unterschi eden werden kann. Eme solche DiskUSSIOn wurde Jedoch
den Rahmen eines Vortrags sprengen; deshalb soll sie später bei einer aus-
führlichen Darstellung der hier nur skizzenhaft entwickelten überlegungen
zum Problem literari scher Kommunikation.nachgeholt werden. Dafür wä-
ren die folgenden Gesichtspunkte maßgebend: Ingarden benutzt den Be-
griff der "Unbestimmthei tsstellen ", um literarische Gegenstände von realen,
aber auch idealen abzugrenzen. Die "Unbestimmtheitsstellen " bezeichnen
daher nur, was den literarischen Gegenständen fehlt: ihre allseitige Defi-
niertheit beziehungsweise die Vollkommenheit ihres Konstituiertseins. Dem-
zufolge kommt es für Ingarden im Kunstwerk vorwiegend darauf an, "un-
erfüllte Ansichten" in "erfüllte" umzusetzen, und das heißt, sO viele
wie möglich durch den Kompositionsakt zu be-
seitIgen. Damit wi rd nicht nur das latente Manko sichtbar, das ihnen an-
haftet, sond:rn auch ihre deutliche Einschränkung auf den
aspekt des Kunstwerks. Unbestimmtheit aber ist eine Rezeptionsbedmgung
des Textes und daher ein wichtiger Faktor für den Wirkungsaspekt des
Kunstwerks.
Ingarden spielt jedoch di ese Funktion kaum eine Rolle, wie es sidl
seInem Buch Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks Tübingen 1968,
entnehmen läßt . d d' '. ' I siert
d
..' 10 em le RezeptionsbedlOgungen des Werkes ana Y
wer en. Hier slOd 'ch d' . d' " Kon-
es nl t etwa le Unbestimmtheitsstellen, die le

l
[

r
\
(
.
}
\
Die Appellstruktur der Texte
251
kretisierung" des Kunstwerks bewirken v' I h ' d' "
. " d' d' "K k ' le me r Ist es le Ursprungs
emotion , le le on retisierung" des Text .. I'ch D . -
k
0 d I I' ch h" es ermog I t. er Wlrkungs-
aspe t wir etzt I ler mit modifizierte K . d . o.
.. h °k kl O' d ß d n ategonen er Emfuhlungs-
ast etl er art, so a as Problem literarisch K ' k '"
d Bl
Ock .. F I I' ch . er ommum atton mcht In
en I gerat. 0 g I smd "Unbestimmth ' 11" I d
N b
"chl ' eh ' easste en a s as Weglassen
von e ensa I em, meistens aber als Ergä d fi . f"
ft ch
" I ' . nzung e mert, wo ur Ingar-
den 0 re t tnvla e Beispiele gibt (v gl p 49 . d' B d
. h ' 11 " . . , m lesern an p. 44) "Un-
bestimmt easste en brauchen aber auch gar 'cht f f"ll . d
I
'ch" . m au ge u t zu wer en'
gelegent I storen sie den künstlerischen Wert " ' ch d '
• o. , Ja, sie verm ten as Kunst-
werk, wenn Sie, wIe m modernen Texten entspreche d h D "b
. f d f" .' n zune men. aru er
hlOaus or ern ur Ingarden die "Unbestimmtheitsst 11" . .
. Ak·· .. L . e en nur eme ein-
zige tlVltat vom eser: die der Ergänzung. Das aber h ·ßt· D A ff "l
I d
"U b' h . el . as u u-
en er n esumm.t tendiert auf eine Komplettierung der
Harmome,. die Ing.arden eine Grundbedingung des Kunst-
werks verkorpert. Sieh die Ergänzung als Vervollständigung des
Weggelassenen: so Wird Ihr undynamischer Charakter sichtbar. Offensicht-
lich ;ermag die polyphone richtige und falsche Ergänzungen
zu sondern und damit die Ergänzung durch den Leser zu be-
stätigen oder entsprechend zu korrigieren. Hinter einer solchen Auffassung
klassische des Kunstwerks, so daß es konsequenter-
weise fur Ingarden nmtlge und falsche "Konkretisierungen" gibt.
7 Vgl. dazu Kathleen Tillotson, Novels 01 the Eighteen-Forties, Oxford (Pa-
perback) 1962, pp. 28 ff. u. 33 und George H. Ford, Dickens and his Read-
ers, Princeton 1955, p. 6.
8 Vgl. Tillotson, pp. 34 f. u. 36 f.
9 Als Dickens die erste, sehr billige Ausgabe seiner Romane veranstaltete,
war ihr Erfolg mit demjenigen, den die späteren Ausgaben erzielten, über-
haupt nicht zu vergleichen. Die erste Ausgabe von 1846/47 fiel nom in eine
Zeit, in der Dickens in Fortsetzungen publizierte; vgl. dazu John Forster,
The Lile 01 Charles Dickens I . Ed. by A.J.Hoppe, London 1966, p.448.-
Aufschlußreich sind in diesem Zusammenhang zwei weitere Beispiele für
die Reaktionen der Leser. Martin Chuzzlewit, ven Dickens selbst als einer
seiner großen Romane bezeichnet, erwies sich bei der Erstveröffentlichung
als Fehlschlag. Forster I, p.285 sowie Ford, p.43 sind der Meinung, daß
dies durch die Umstellung des Publikationsmodus bedingt war; statt wie
bisher wöchentlich, erschien dieser Roman in monatlichen FortSetzungen.
Die Pause erwies sich als zu lang. Von Crabb Robi nson wissen wir, daß er
die in Fortsetzungen veröffentlichten Dickens-Romane so aufregend fand,
daß er sich gelegentlich entschloß, lieber auf die Buchform zu .um
den "Angsten" zu entgehen, die das noch unabsehbare Geschehen m Ihm
verursachte; vgl. Ford, pp. 41 f. - Darüber hinaus zeigten von
Zu Woche komponierten Abschnitte, selbst dann, sie
durchdacht waren, als dies anfängl ich der Fall war, sehr sie
kung hin organisiert waren. In der Buc:hform kam diese Komposltlons-
Wolfgang Iser
252 . d f"h k .. ch
d
Vorschem un u rte zu fltlS en D .\
. dann entsprechen z2
u
3
m
f _ Zum besonderen Kontakt zwischen rA.
tel
eil
welse F d pp 1· ...L T'II Uto
d
L
eser' vgl. or,' an vgl aum lotson, pp. 26 ff und r
er '. F etzung
srom
' d" 33
d Leser Ifn orts. daß der Fortsetzungsroman le "Iong su .
un d Memung, B ...Lf . R cees_
T
oJlope war er 'd t die in der um orm eInes omans '.J..
r I es" vermel e , nl\llt
sion of dul pag . d' vgl. Tillotson, p. 40.
., I'ch zu umgehen sm ,
ganz I. 25 f. ..'
10 VgJ. TJllotso
n
, pp. h Rh torie 0/ hetlon, Chlcago 1961, pp. 211 ff. Unt
11 WayneC.Booth, Te: l"able" und einem "unreliable narrator" oh
er
-
. chen emem re I 'k' bl 'lle
scheidet ZWIS h I f"r das KommUn! auonspro em ausZUWert
ch d
· Sachver a tu .. I·...L d . eil.
jedo lesen " b'ldet dafür natur 101 en Interessanteren T
" r able narrator I . ....L Ab·..L . Yp,
Der unre 1 I" . keit' besitzt eme strategls01e SI01t, die sich a f
. 'Unzuver asslg . h U
denn seme L durch den Text bezle t.
die Steuerung ese3rver Twist (The New Oxford Illustrated Dick:ens)
12 Vgl. Charles DHl\ens, I ,
Oxford 1959, pp. 12 f.
13 Ibid., pp. 14 f. A tomy 0/ Critieism, New York 51967, p. 73.
14 IFd
r
.
ye
, jn;eph Andrews, Author's Preface (Everyman's Library).
IS Henry le mg, 0 h d' / h' ff
London 1948, p. XXXI schreibt: e 0 . t
h
IS a
arises the Ridieulous, whieh always sm es tde rea erhwlt hsurpnse a.nd
I
. d that in a higher and stronger egree W en t e affeetation
p easure, an . / d'
. / h poer,'sy than when /rom vamty; or to JSeover anyone to
anses rom y, . . .
be the exaet reverse 0/ that he a/feets, JS more and
ridieulous than to find him a litt/e deficzent zn the qualzty he deSITes
more , . Th H' f T
the reputation of. Vgl. dazu ähnliche Außerungen In e lStory 0 om
Iones I (Everyman's Library), London 1962, p. 12. . .
16 Zu Einzelheiten vgl. Wolfgang Iser, "Der Leser als Komposltlonselement
im realistischen Roman' Wirkungsästhetisme Betramtung zu Thackerays
Vanity Fair", in: Der implizite Leser (UTB 163), Münmen 1972, pp. 168-193.
17 W. M. Thackeray, The Letters and Private Papers III. Ed. by Gordon
Ray, London 1945, p. 391 äußerte in einem Brief: I have said somewhere It
is the unwritten part 0/ books that would be the most interesting.
18 Zu Einzelheiten vgl. Wolfgang Iser, "Der Armetyp als Leerform .
modalitäten und Kommunikation in ]oyces Ulysses", in: Der implIZlu
Leser (UTB 163), München 1972, pp. 300-358.
19 James Joyce, Portrait 0/ the Artist as a Young Man, London 1966, p.219.
20 E: H. Art and Illusion, London 21962, p.287. Obgleich dieses
Im Zusammenhang einer Constable-Diskussion steht, so bildet es
el.nen zentralen Gesichtspunkt der von Gombrim entwickelten These, die
nicht nur für die Malerei Gültigkeit besitzt.
21 Vgl. dazu Reinha d B . h H L 'uratU
r
Z k f/? . raumgart, AusslC ten des Romans oder at I
u un . Neuwled und Berlin 1968 p 79
22 Sir Philip Sidn Th D 1 '" I Ed by
Alb . er, e e ence 01 Poesie. The Prose Works Il. .
ert Feuillerat, Cambridge 1962, p.29.



,






Wolfgang Iser
DER LESEVORGANG
Eine phänomenologische
1
Die phänomenologisme Kunsttheorie hat mit allem Nachdrudt darauf
aufmerksam gemamt, daß die Betramtung eines literarischen Werks
ni mt allein der Gegebenheit der Textgestalt, sondern in gleimem Maße
den Akten seiner Erfassung zu gelten hat. Roman Ingarden stellte daher
dem Schichten aufbau des literarismen Werks die Weisen seiner Konkre-
tisation gegenüber.
1
Der Text als solmer hält nur versmiedene "s<:hema-
tisierte Ansichten" 2 parat, durm die der Gegenstand des Werks hervor-
gebracht werden kann, während das eigentlime Hervorbringen zu einem
Akt der Konkretisation wird. Daraus ließe sim folgern: Das literarisme
Werk besitzt zwei Pole, die man den künstlerismen und den ästhetismen
Pol nennen könnte, wobei der künstlerisme den vom Autor geschaffenen
Text und der ästhetische die vom Leser geleistete Konkretisation be-
zeichnet. Aus einer solchen Polarität folgt, daß das literarisme Werk
weder mit dem Text noch mit dessen Konkretisation aussmließlich iden-
tisch ist. Denn das Werk ist mehr als der Text, da es erst in der Konkre-
tisation sein Leben gewinnt, und diese wiederum ist nicht gänzlim frei
von den Dispositionen, die der Leser in sie einbringt, wenngleich sol me
Dispositionen nun zu den Bedingungen des Textes aktiviert werden.
Dort also, wo Text und Leser zur Konvergenz gelangen, liegt der On
des literarischen Werks, und dieser hat zwangsläufig einen virtuellen
Charakter, da er weder auf die Realität des Textes noch auf die den Le-
ser kennzeichnenden reduziert werden kann.
Dieser Virtualität des Werks entspringt seine Dynamik, die ihrerseits
die Bedingung für die von ihm hervorgerufene Wirkung bildet. Der
Text gelangt folglich erst durch die Konstitutionsleistung eines ihn rezi-
pierenden Bewußtseins zu seiner Gegebenheit, so daß ich das Werk zu
seinem eigentlichen Charakter als Prozeß nur im Lesevorgang zu ent-
falten vermag. Deshalb soll im folgenden immer nur dann vom Werk
gesprochen werden, wenn sich dieser Prozeß in dem vom Leser gefor-
derten und durch den Text ausgelösten Konstitutionsvorgang erfüllt.
Pas Werk ist das Konstituiertsein des Texte im Bewußtsein des Lesers.

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful