P. 1
auf#02 – Positive Distanz

auf#02 – Positive Distanz

|Views: 388|Likes:
Published by zeppelin_university
„auf – Medium für Zwischenfragen der Zeppelin Universität“ ist ein monothematisches Wissensmagazin und erscheint zwei Mal jährlich jeweils im Januar und September. Als special-interest-Magazin konzipiert, beinhaltet es eine Mischung aus Originalbeiträgen von Wissen-schaftlern der ZU und ihren Netzwerken sowie journalistisch übersetzte Beiträge über Forschung in verschiedenen Formen wie Interview, Streitgespräch, Reportage etc. Die Themenschwerpunkte von »auf« greifen aus unterschiedlichen Perspektiven die großen aktuellen gesellschaftlichen Debatten auf.

www.zu.de/auf-magazin
„auf – Medium für Zwischenfragen der Zeppelin Universität“ ist ein monothematisches Wissensmagazin und erscheint zwei Mal jährlich jeweils im Januar und September. Als special-interest-Magazin konzipiert, beinhaltet es eine Mischung aus Originalbeiträgen von Wissen-schaftlern der ZU und ihren Netzwerken sowie journalistisch übersetzte Beiträge über Forschung in verschiedenen Formen wie Interview, Streitgespräch, Reportage etc. Die Themenschwerpunkte von »auf« greifen aus unterschiedlichen Perspektiven die großen aktuellen gesellschaftlichen Debatten auf.

www.zu.de/auf-magazin

More info:

Published by: zeppelin_university on Oct 08, 2012
Copyright:Traditional Copyright: All rights reserved

Availability:

Read on Scribd mobile: iPhone, iPad and Android.
See more
See less

05/13/2014

PD Dr. Maren Lehmann, Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse

Denn der Spielraum einer Dis-
tanz ist, solange man diese
Distanz positiv versteht, posi-
tional begründet; er ist der
Spielraum derer, die die dis-
tanzierten Positionen einneh-
men und die deshalb etwas darstellen – und nicht
der Spielraum derer, die keine Position (keinen Pos-
ten) haben und die folglich nichts darstellen. Nur
erstere, nicht letztere können sich positiv distanzie-
ren. Leave a gap between your car and the next, er-
läutert das Oxford Dictionary – und macht damit
elegant deutlich, worum es geht: den Grenzbereich
von Nachbarschaften, in dem die Nachbarn Beweg-
lichkeit finden. Positive Distanz ist der Spielraum
derer, die voneinander Abstand halten – und sie wis-
sen sehr gut, warum: Sie unterscheiden sich in ihrer
Position von dieser Position, und das macht sie be-
weglich. Man braucht immer ein wenig mehr Platz,
als man im Moment braucht.
Die Rede von der negativen Distanz tritt häufg in
therapeutischen, pädagogischen oder politischen
Zusammenhängen auf. Sie beschreibt eine Art heite-
ren oder auch bornierten Beharrens auf Abstand, eine
Art der Überreiztheit durch Nähe. Es kann dabei so-
wohl um engagierte Abwehr gehen als auch vorsich-
tiges Widersetzen, das im Verzicht darauf gipfelt,
überhaupt etwas darzustellen. Es geht nicht um
Streit und ofenen Dissens, sondern um Desengage-
ment und Zurückhaltung.
In Frage kommen Verhaltensformen, die seit dem
18. Jahrhundert zum Beispiel als renitent gelten (heu-
te: anstrengend) I oder als reserviert (früher: souve-
rän, heute eher: professionell, kalt, arrogant) II, als
idiotisch (heute: unbrauchbar, unproduktiv) III, als
idiosynkratisch (heute: launisch, eigensinnig) IV oder
als melancholisch (heute: lustlos, depressiv) V.

I Renitenz

. ist sich widersetzendes Verhalten. Es ist situiert in
einem Gegenüber von Selbst und Anderem, es bestä-
tigt dieses Gegenüber auch, aber es ist in diesem Ge-
genüber nicht gerichtet auf den Anderen, sondern auf
das Selbst als das Andere des Anderen. Es pfegt kei-
nerlei Bekenntnis, propagiert keinerlei Überzeugung,
und es ist auch nicht angrifslustig; daher hat es mit
Protest nichts zu tun. Protest neigt nicht dem Beob-
achten zu, sondern dem Handeln, während Renitenz
sich immer aufs Beobachten beschränkt und sich
gegenüber jeglichem Handlungsdruck widerspenstig
zeigt; Protest neigt zur Gruppenbildung, während
Renitenz mit Vereinzelung rechnet und mit dem Al-
leinsein spielt; Protest forciert das Geschehen und
drängt auf Entscheidung, während Renitenz das Ge-
schehen bremst. Dieses Vertrauen in die Spielräume
des Nichtbekennens, des Nichthandelns, der Nicht-
zugehörigkeit und der Nichtentscheidung stellt den
renitenten Verhaltensstil unter den Verdacht des
Negativen.

Und dies völlig zu Recht. Denn die Verhaltensfor-
men des Protests sind Formen positiver Distanzie-
rung, Übergrife nämlich auf die je andere Seite mit
dem Ziel, den Grenzbereich so scharf wie möglich zu
stellen und die Welt des Anderen damit so eng wie
möglich zu machen. Aber sie sind dennoch sozial bes-
ser integrierbar, weil sie ganz dezidiert und ganz en-
gagiert am Anderen interessiert sind. Bei allem Nö-
tigenden, Aufdringlichen, Zuspitzenden, das sie
kennzeichnet, lassen sie doch den Anderen auf seiner
Position in Ruhe und nehmen ihn als Gegenüber
ernst (vielleicht zu ernst). Aber sie setzen immer alles
aufs Handeln.

Die Verhaltensformen der Renitenz dagegen han-
deln nicht, sie beobachten. Sie unterscheiden, legen

7

_Zwischenfrage an Maren Lehmann: Wie viel Distanz
braucht und wie wenig Distanz erträgt eine moderne
Gesellschaft?
„Distanz ist kein quantitatives Problem.
Die Distanztoleranz der Gesellschaft hängt von den Be-
obachtern ab, die sie braucht und erträgt. Sie braucht
jeden, weil sie ja selbst nichts anderes ist als das Netz-
werk der Beobachtungen aller füreinander – vermittelt
über ihrerseits vernetzte Medien – erreichbaren Beob-
achter. Und sie erträgt auch jeden. Allerdings vermisst
sie auch keinen.“

aber keine Zwischenräume fest und legen sich auch
selbst nicht auf eine der beiden unterschiedenen Sei-
ten, sondern eben auf nichts als die Unterscheidung
selbst fest. Das heißt: Renitenz hat immer, noch in
der fürchterlichsten Enge, genug Platz. Und das heißt
auch: Renitenz beobachtet nicht von außen, sie ist
stets verwickelt in die Verhältnisse, denen sie sich
einfach nur dadurch widersetzt, dass sie sich unter-
scheidet. Renitenz ist Refexion der eigenen Lage im
Kontext von Unterscheidungen, mit anderen Worten:
Renitenz ist refektierte, sich selbst verkomplizieren-
de Distinktion. Genau dieser Umstand lässt sie nega-
tiv aussehen.

II Reserve

. heißt, die positive Distanz haushälterisch zu beob-
achten. Sie ist die Refexionsform der Knappheit und
der Flüchtigkeit. Reserviert verhalten muss sich also
nur, wer sich selbst sehr leicht abhanden kommt –
und das sind Beobachter, die zwischen sich und dem
Anderen (ihrem Anderen) unterscheiden und am
Anderen das Verführerische erkennen können. Nur
sie verlieren sich an die Umgebung, nur sie müssen
also auf sich achten, sich zurückhalten. Reserve ist
die andere Seite der Hingabe und der Verführbarkeit
und gerade deswegen: der Ernst im Spiel, die Negati-
vität des zu positiven Spielräumen Geordneten.
Die vielleicht bekannteste Darstellung dieses Pro-
blems hat Erving Gofman unter dem Titel der „Role
Distance“ diskutiert. Er wechselt vom Problem der
Person/Rolle- bzw. Rolle/Position-Unterscheidung
zum Problem der Begegnung unter Beobachtern und
ergänzt: Alle Ereignisse und Rollen, die in dieser Be-
gegnung möglich sind, können als deren „realized
resources“ aufgefasst werden (Gofman, Encounters,
S. 27). Was nicht zum Material werden soll, darf dann
aber nicht auch nur angedeutet werden, denn was
immer – auch als bloße Andeutung – bemerkt wird,
wird hineingezogen und ‚realisiert‘. Es geht um ein
komplexes Spiel des Zurückhaltens dessen, was nicht
in den Fokus geraten soll. Die Reserve besteht dann
nicht nur darin, das Spiel mitzuspielen und heraus-
zuhalten, wovon niemand ahnen oder gar wissen
soll. Sie besteht auch und vielleicht vor allem darin,

8

das Spiel der Interaktion selbst zu spielen und es im
Spiel zu unterlaufen: indem realisierte Ereignisse von
realisierbaren Ereignissen laufend unterschieden
werden. Man vermag sich zu fnden in dem, was der
Interaktion zum Material geworden ist, und zugleich
und vielleicht mehr noch in dem, was ihr nicht an-
heim gefallen ist. Es geht um ein Kommunikations-
spiel, das Bestimmtheit (positive Distanz) und Unbe-
stimmtheit (negative Distanz) in diferente Bestimm-
barkeit übersetzt. Sich zu reservieren, heißt also
keineswegs, sich nicht zu beteiligen, im Gegenteil.

III Idiotie

. bleibt, wenn jemand auf den Versuch, eine Gele-
genheit zu nutzen und sich einen ‚elbow room‘ zu
verschafen, völlig verzichtet. Wer nichts will, dem
lässt sich nichts nehmen; ihm gegenüber lassen sich
Besitz und Erwerbsstreben zwar ohne jede Rücksicht
zur Schau stellen, werden aber auch seltsam schal
dabei, weil sie sich einer Konkurrenz verdanken, die
hier ins Leere läuft – und in dieselbe Leere laufen re-
nitentes Beobachten (denn welcher Diferenz?) und
reservierte Interaktion (denn in welchem Spiel, nach
welchen Regeln?). Wer nicht kämpft, der lässt sich
nicht besiegen; ihm gegenüber lassen sich Siege und
auch vitale Energien aller Art (Siegenwollen) zwar
ausleben, werden aber ebenfalls schal dabei, weil sie
sich einer Gegenwehr verdanken, die hier ausbleibt.
Wer nichts darstellen will, der lässt sich weder be-
wundern noch verachten, der lässt sich weder erhö-
hen noch unterwerfen.
Idiotes sind dem Wortsinne nach Einzelpersonen
im Gegenüber zur Ordnung (insbesondere zum Staat);
sie sind Eigentümler – also die, die privat und öfent-
lich nicht zu unterscheiden wissen, die das Private ins
Öfentliche schleppen, es nicht für sich behalten, die
nicht an sich halten. Der Gegenbegrif des Idiotischen
ist daher das Politische als der Raum (das Medium), in
dem die Unterscheidung von privat und öfentlich re-
spektiert wird und in dem daher alles, was geschieht,
als Darstellung dieser Differenz geschieht. Idioten
beteiligen sich an dieser Darstellung nicht; sie spielen
nicht mit. Die Diferenz privat/öfentlich ist für sie
nicht als Distanz markiert; daher sind sie so unper-
sönlich (im Medium des Rollenspiels) wie unpolitisch
(im Medium der Privatheit wie der Öfentlichkeit) wie
distanzlos (im Medium der Ordnung).

9

_Zwischenfrage an Maren Lehmann: Inwieweit nutzen
Sie als Wissenschaftlerin Distanzen als Spielplatz?

„Harrison C. White folgend, sind Spielplätze Orte, an
denen Hackordnungen geprobt werden. Diese Möglich-
keit nutze ich nicht. Zur Arbeit an der Theorie, die mich
beschäftigt, brauche (und nutze) ich nicht Distanzen,
sondern Grenzen, und die sind weder eng noch weit,
sondern nichts als beobachtete Ereignisse: Zeitformen,
nicht Raumformen des Sozialen. Platz jedenfalls bieten
sie nicht.“

_Der Beitrag ist eine Zusammenfassung von: Maren
Lehmann, „Negative Distanz“, aus dem demnächst
im VS-Verlag erscheinenden ZU-Jahresband „Positive
Distanz“.

IV Idiosynkrasie

. kann als ‚Spielform‘ des Regulären verstanden wer-
den. „Wir alle“, beginnt Silvia Bovenschen, „kennen
die Geschichte von dem unaufälligen Mann, der an
einem unaufälligen Abend unter dem Vorwand, nur
flugs Zigaretten holen zu wollen, unauffällig das
Haus verließ und für immer verschwand. Jetzt, da
das Rauchen verpönt ist, mag diese Legende für die
Unberechenbarkeit von Süchtigen stehen, ursprüng-
lich aber kündete sie ausschließlich von einem völlig
unerwarteten (idiosynkratischen?) Ausbruch aus der
Normalität eines vorgezeichneten Lebenslaufs. Plötz-
lich, völlig unerwartet, verschiebt sich, was eben
noch Gewohnheit war, grell ins Unerträgliche“ (Bo-
venschen, Überempfndlichkeit, S. 201).
Bovenschen spielt auf Nietzsche an, für den die
Idiosynkrasie die Lage bezeichnet, in die gerät, wem
das alltäglich Normale plötzlich Übelkeit verursacht.
Der Alltag mit seinen Ansprüchen auf Ordentlichkeit
und Mittelmaß ‚frisst‘ das Individuum – aber das
Individuum ‚frisst‘ auch diesen Alltag, bis es buch-
stäblich nicht mehr kann: Von einem Moment zum
anderen ist es ihm zuviel, und in diesem Moment
wird es verrückt an seiner eigenen unaufälligen Nor-
malität, es hält sich nicht mehr aus. Diesen Moment
bezeichnet der Ausdruck Idiosynkrasie.
Immer haben dergleichen Verhaltensformen im
Verdacht der Klage, der Sprödigkeit, der Unzugäng-
lichkeit bzw. der Flucht vor der Welt ins Ego gestan-
den, im Verdacht der negativen Distanz. Eine Präfe-
renz für Beobachten statt Handeln verzeiht, wie es
scheint, die reguläre Gesellschaft so wenig wie den
Selbstekel derer, die das Spiel mitspielen, die handeln
und sich dabei beobachten (Positiv denken! heißt re-
gulär denken). Sie verzeiht schlechterdings die Re-
fexion nur schwer und die Selbstrefexion gar nicht.

V Melancholie

. ist weder eine oft unterstellte dunkle, herabziehen-
de Phantasie noch ein schwer- oder zähfüssiges, sto-
ckendes Temperament (und damit auch weder De-
pression noch Schwermut), sondern vor allem ge-
kennzeichnet durch einen besonderen Bezug zu
Ambivalenz (es geht also nicht allein, wie häufg zu
lesen ist, um eine Ambivalenz des Begrifs der Me-
lancholie – Genie und Wahnsinn, Intelligenz und

Stumpfsinn, Höhenfug und Schwermut –, sondern
um das Kommunikationsproblem, auf das Melancho-
lie bezogen ist). Worum handelt es sich?
Der interessanteste Punkt dieser Frage ist viel-
leicht die Möglichkeit, unter dem Begrif der Kommu-
nikation nicht nur das Reguläre, Ordentliche, Norma-
le zu subsumieren, sondern auch dessen andere Seite:
das Irreguläre, Unordentliche, Nichtnormale. Es geht
also darum, dass die Ordnung auch ihre andere Seite
für möglich halten muss, um als Ordnung Bestand
haben zu können. Es geht darum, dass Irregularität
an jedem beliebigen Ort (jeder Stelle, jedem Platz) der
Ordnung auftreten kann. Von Ordnung kann über-
haupt nur noch gesprochen werden für den Fall, dass
dieser plötzlich und unerwartet zustoßende Zufall
der Irregularität zwar irritiert, aber nicht dauerhaft
destabilisiert. Ordnung wird dadurch zu einem Pro-
blem der Berechnung der Wahrscheinlichkeit dieses
Zufalls. Das Bezugsproblem der Ordnung wird Unsi-
cherheit, nicht Sicherheit, Mehrdeutigkeit, nicht Ein-
deutigkeit, lose, nicht strikte Verknüpfung (eben:
konstitutive Zufälligkeit).
Man mag Melancholie als Krankheit kennzeich-
nen, als Syndrom von Intellektuellen, die sich leid tun
und daran ersticken. Doch die simple Option für die
Ordnung kann diese Krankheit nicht heilen, weil die
stets andere Seite der Unordnung bleibt. Sigmund
Freud (Trauer und Melancholie) weist darauf hin,
dass jede Beobachtung des Selbst und der Welt im
Kontext von Unterscheidungen eine ‚melancholische
Arbeit‘ ist, die zwar zu Verlusterfahrungen und
Fluchtbedürfnissen führt, aber sich der Differenz
(dem ‚Ambivalenzkonfikt‘) dieser beiden eben auch
aussetzt.

Melancholie ist resistent gegen die spezifsche
Aufgewecktheit der Gesellschaft; deswegen gilt sie
als ‚gestört‘. Ihre Beobachtungen sind eher kühl. Sie
ist die Strenge derer, die sich die Realität zumuten,
das macht den Umgang mit ihnen so anstrengend.
Mit Klage, Resignation oder Apathie hat sie nichts zu
tun. Sie ist eine Form der Refexion, die der Selbstre-
fexion nicht aus dem Wege geht; weil das ‚nicht nor-
mal‘ ist, wirkt sie weltfüchtig und ‚krank‘. Sie beob-
achtet, ohne sich selbst vom Beobachteten auszu-
schließen.

10

You're Reading a Free Preview

Download
scribd
/*********** DO NOT ALTER ANYTHING BELOW THIS LINE ! ************/ var s_code=s.t();if(s_code)document.write(s_code)//-->