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Der kastrierte Schokobär

von Nika Sas

Kapitel 51 - 53

Der kastrierte Schokobär - .Kapitel 51.

.Kapitel 51.

„Du hast mich die ganzen Jahre in dem Glauben gelassen, daß mein Vater bei einem Verkehrsunfall gestorben ist, um mir die gute Erinnerung an ihn zu bewahren?!“ Entgeistert starrte Madeleine ihre Mutter an, die nervös in ihrer Küche auf- und ablief, als habe sie sich verhört. Unglücklich sah Doris ihre Tochter an und setzte sich ihr schließlich gegenüber an den Tisch. Ihre Stimme hatte etwas Flehendes, Hilfloses. „Maddie, bitte, ich wollte dir nicht

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weh tun“, sie griff nach der Hand ihrer Tochter, doch diese entzog sie ihr mit einem Ruck. Ein unversöhnlicher Ausdruck lag in ihren Augen. „Du hast mich dreißig Jahre lang angelogen, Mama!“ Doris stieß einen schweren Seufzer aus und fiel im Stuhl zurück. Mit bedrückrter Miene betrachtete sie das aufgebrachte Gesicht ihrer Tochter, die gleich nach dem Besuch bei ihrer Tante zu ihr gefahren war, um von ihr die Antworten einzufordern, denen sich Gerda verweigert hatte. Widerstrebend gestand sich Doris ein, daß sie mit der unangenehmen Wahrheit nicht länger hinter dem Berg halten konnte. Mit rauer, stockender Stimme begann sie schließlich zu sprechen und berichtete ihrer Tochter, was sich in dieser Nacht und in der

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darauffolgenden Zeit ereignet und warum sich das Leben von Mutter und Tochter anschließend so dramatisch verändert hatte. Mit immer größer werdenden Augen und wachsendem Unglauben hörte Madeleieine der Beichte ihrer Mutter zu und erfuhr nun, daß Hannes Brennike alles andere als der liebende und verantwortungsvoller Vater gewesen war, für den sie ihn Zeit ihres Lebens dank den Erzählungen ihrer Mutter gehalten hatte. In jener schicksalsträchtigen Nacht war er vor der Steuerfahndung geflüchtet. Zusammen mit einem Partner betrieb er damals eine Speditionsfirma. Sein Partner und er hatten jahrelang die Bilanzen frisiert und höhere Verluste abgeschrieben, als tatsächlich anfielen. Das am Fiskus vorbeigeschleuste Geld lagerte sicher auf einem Schweizer Nummernkonto. 679

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Dann blieben einige schon sicher geglaubte Aufträge aus und Auftraggeber hielten Zahlungstermine nicht ein. Um eine drohende Insolvenz abzuwenden, bat Madeleines Vater ihre Mutter bei der Bank für einen größeren Kredit die Bürgschaft zu übernehmen, was Doris Brennnike auch ohne zu zögern und genaue Kenntnis der Sachlage tat. Erst im Nachhinein, als sich ihr Mann in der Nacht aus dem Staub machte und die Steuerfahndung am nächsten Morgen an der Haustür klingelte, erfuhr sie, daß sie für 250.000 damals noch DM als Bürgin nun geradezustehen hatte. Geld, das sie nicht besaß, da Madeleines Vater seine Flucht gründlich vorbereitet und das gemeinsame Konto samt der Sparbücher bis auf den letzten Pfennig leergeräumt hatte. Alles, was nur irgendwie zu Geld zu machen war, wurde verkauft. Die teure Miete der 680

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Wohnung konnte sie nicht mehr bezahlen, daher nahm Doris das großzügige Angebot ihrer Schwester an, zusammen mit ihrer kleinen Tochter in Gerdas Gästehaus einzuziehen. Zehn Jahre brauchte sie, bis sie die Schulden ihres Mannes abgezahlt hatte. Danach konnte sie als Friseurmeisterin den Salon ihrer Chefin übernehmen und verdiente so viel, daß sie und Madeleine endlich aus dem Gästehaus ausziehen und wieder ein eigenes Leben fernab der ‚feinen Gesellschaft führen konnten. Nachdem sie erschöpft geendet hatte, blickte Doris unsicher zu ihrer Tochter herüber und forschte in derem Gesicht, ob sich ihr Zorn auf sie inzwischen gelegt hatte. Regungslos verharrte Madeleine auf ihrem Stuhl, unfähig, sich zu rühren und sah ihre Mutter fassungslos an. Schließlich räusperte sie sich und fragte mit tonloser Stimme: „Ist 681

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das der Grund, weshalb du nicht mehr geheiratet hast?“ Überrascht Gesicht. „Ja, möglicherweise. Jedenfalls wollte ich nie wieder von einem Mann abhängig sein, verstehst du das? Dafür war die Lektion mit deinem Vater einfach zu hart. Alles, was ich erreicht habe, habe ich mir selbst aufgebaut. Ich muß niemandem dafür dankbar sein. Mein Leben ist so, wie es ist, gut. Ich brauche keinen Mann mehr, um glücklich und zufrieden zu sein.“ Madeleines Blick schweifte zum Küchenfenster. Eine vorwitzige Drossel hatte sich auf dem Sims niedergelassen und schmetterte mit ganzer Kraft ihre Lebensfreude in den frühen Abend heraus. hob Doris die Augenbrauen.

Dann huschte ein trauriges Lächeln über ihr

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„Ich verstehe dich. An deiner Stelle würde ich auch keinem Mann mehr trauen.“ Doris Brennike beugte sich vor und sah ihre Tochter eindringlich an. „Maddie, ich bin weder verbittert noch verachte ich alle Männer. Durch das, was wir durchmachen mußten, habe ich aber gelernt, mein Leben in die Hand zu nehmen und mich nur noch auf mich selbst zu verlassen.“ Madeleine stieß einen bitteren Laut aus und wandte ihren Blick von der Drossel ab. „Tja, wenn du dich auf Männer verläßt, bist du verlassen.“ Ein wehmütiger Ausdruck breitete sich über dem Gesicht der Friseurmeisterin aus. Bekümmert schüttelte sie den Kopf. „Ach Kind, sieh doch nicht immer alles gleich so negativ. Jetzt, wo du die Wahrheit kennst,

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kann sich auch in deinem Leben alles zum Positiven wenden. Du mußt es nur wollen!“

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Der kastrierte Schokobär - .Kapitel 52.

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Wie ein glutroter Ball versank die Sonne am Abendhimmel. Ruhig floß die Elbe entlang des Ufers dahin. Arm in Arm spazierte Cora Glöckner mit ihrem Freund Rüdiger auf dem Deich hinter ihrem Haus und genoß den lauen Herbstabend. Wieder einmal kreiste ihr Gespräch um Madeleine. Als Cora ihrem Freund von dem neuesten Plan der Freundin berichtete, blieb Rüdiger überrascht stehen und sah mit großen Augen auf sie herab.

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„Wie bitte, Maddie will nach Malle fliegen, um einen wildfremden Mann damit zu konfrontieren, daß er möglicherweise ihr totgeglaubter Vater ist, nur weil der Schnappschuß ihrer Tante auf einer Ausflugstour eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem Vater aufweist?“ Er kratzte sich am Hinterkopf und schüttelte zweifelnd den Kopf. „Also, langsam dreht sie völlig ab. Die tickt doch nicht mehr richtig!“ Cora hakte sich wieder bei ihm unter und zog ihn weiter. „Das würd ich so nicht sagen. Sie hat mir das Foto und ein altes Foto von ihrem Vater gezeigt. Die Gesichtsform, der Haaransatz, die Nase, der Mund, die Augen… er könnte es tatsächlich sein.“ Rüdiger warf ihr von seinen ein Meter neunzig einen skeptischen Blick zu und verzog die Mundwinkel.

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„Na gut, gehen wir mal davon aus, er ist es. Ihm gehört dieser Fischtempel und er lebt dort seit dreißig Jahren glücklich und zufrieden mit seiner Familie. Und nun platzt Madeleine in sein Leben. Was bitteschön erwartet sie von ihm? Daß er alles stehen und liegen läßt, mit ihr nach Deutschland fliegt, sich der Steuerbehörde stellt, freiwillig in den Knast wandert und ihrer Mutter den Betrag auf Zins und Zinseszins zurückzahlt?“ Cora sah den Spott und Unglauben in seinen Augen. Ihre Miene verdunkelte sich. „Der wandert nicht mehr in den Knast. Das ist längst verjährt. Verstehst du denn nicht, Maddie will sich mit eigenen Augen davon überzeugen, ob es ihr Vater ist oder nicht. Nur so gelingt es ihr vielleicht, ihr Trauma endlich aufzulösen.“

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Ihr Argument überzeugte den IT-Fachmann nicht. Aber er sah den pragmatischen Aspekt dieser Entscheidung. „Nun, wenigstens können wir dann mal zwei Wochen ohne unsere Dramaqueen genießen!“ „Oh, du unsensibler Klotz!“ Cora boxte ihn in die Seite, doch Rüdiger lachte fröhlich und legte seinen Arm fest um ihre Schulter. Sie kuschelte sich an ihn. „Ich bin ja schon glücklich, daß sich Maddie ihren Problemen endlich stellt und nicht weiter die gute alte ‚Vogel-Strauß-Politik‘ betreibt. Wer weiß, wenn sie sich dann noch mit meinem Chef aussöhnt, ist auch meine Welt wieder im Lot!“ Cora freute sich ehrlich über die Entschlossenheit, mit der Madeleine an sich und der Bewältigung ihrer Probleme arbeitete, kritisierte aber gleichzeitig ihre nach wie vor sehr 688

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ablehnende Haltung Lars Anderson gegenüber. Welches Argument sie auch anbrachte, um die Freundin zu einer versöhnlicheren Haltung zu bewegen, in diesem Punkt schaltete Madeleine auf stur. „Es ist dein Chef. Für mich ist er nur noch ein Mieter, der zufällig über mir wohnt!“ Das war alles, was ihr Cora entlocken konnte. Eigentlich hätte sie über diese Reaktion erleichtert sein sollen, doch sie hatte ein sehr persönliches Interesse daran, daß sich Madeleine mit ihrem Chef endlich aussprach. Seit seiner Rückkehr aus Cannes war der Creative-Director wie ausgewechselt. Wortkarg und in sich gekehrt arbeitete er nun täglich zehn bis zwölf Stunden, manchmal auch länger. Cora gelang es einfach nicht, die alte Vertrautheit zwischen ihnen wieder herzustellen. Der Umgangston zwischen ihnen

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war im besten Fall als freundlich-distanziert zu bezeichnen. Es fiel kein privates Wort, er sprach mit ihr nur noch über berufliche Dinge. Meist befand er sich allerdings auf Geschäftsreise oder nahm möglichst viele Termine außer Haus wahr. Verbrachte er dann doch mal ein paar Stunden im Büro, war jetzt immer die Verbindungstür zu ihrem Vorzimmer geschlossen. Es war mehr, als deutlich: Er ging ihr aus dem Weg. Fast schien es, als wolle er allem aus dem Weg gehen, was ihn in irgendeiner Weise an die unerfreuliche Affäre mit ihrer Freundin erinnerte. Deswegen hätte sie es sehr begrüßt, wenn es zwischen den beiden zu einem klärenden Gespräch gekommen wäre. Aber so, wie die Dinge momentan lagen, blieb es wohl weiter nur ein frommer Wunsch. Rüdiger blieb stehen, zog seine Freundin in die Arme und hob sie hoch. Zärtlich küßte er 690

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sie auf den Mund und stellte sie wieder auf den Boden. „Mach dir nicht soviele unnötige Sorgen. Gib den Dingen ihre Zeit, die sie brauchen, um sich so zu entwickeln, wie sie sich entwickeln sollen.“ Nun war es an Cora ihm einen zweifelnden Blick zuzuwerfen. Aber sie kam zu dem Schluß, daß er recht hatte. Sie mußte den Dingen ihren Lauf lassen. Dann würde sich alles, was sie bedrückte, (hoffentlich) wieder einrenken. Inzwischen war die Sonne vollständig untergegangen, doch der Himmel leuchtete noch in allen möglichen Orange- und zartrosa Tönen. Die beiden kehrten um und machten sich Hand in Hand auf den Heimweg.

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Der kastrierte Schokobär - .Kapitel 53.

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In Madeleines Leben standen alle Anzeichen auf Veränderung. Selbst im Studio war nichts mehr so, wie vorher. Die tägliche Arbeit mit Hanno erwies sich schwieriger als erwartet. Offensichtlich nagte ihre Abfuhr und die Tatsache, daß sie ihn durchschaut hatte, mehr an seinem angeknacksten Selbstwertgefühl, als er sich eingestehen wollte. Obwohl er seit drei Wochen mit einem jungen Ding zusammen war, das gerade mal halb so alt war wie er, bereitete es ihm zusehends Mühe, ganz normal mit seiner Ange692

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stellten umzugehen. Ihre bloße Anwesenheit erinnerte ihn an die schwärzesten Stunden seines Lebens. Daher reagierte er oft bissig, wenn sie am Computer saß und den Schriftkram für ihn erledigte. Zurückgelehnt in seinem Schreibtischsessel witzelte er dann: „Meine kleine Schreibmaus - so zuverlässig, wie ein Schweizer Uhrwerk!“ Er wollte sich darüber ausschütten vor Lachen, nun aber konterte Madeleine, ohne den Blick von ihrem Bildschirm zu wenden, schlagfertig: „Wenn ich nicht so zuverlässig wäre, würdest du fürchterlich alt aussehen, mein Lieber!“ Er bedachte ihre Äußerung mit einem verächtlichen Gegrunze. „Ich hab die Arbeit vorher auch allein geschafft!“ Sie drehte den Kopf und schaute ihn ruhig an. „Willst du mir irgendetwas durch die

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Blume sagen, Hanno? Dann spuck’s aus und sprich nicht in Hieroglyphen.“ Er setze ein gekünsteltes Lächeln auf, das einer Grimasse gleichkam und fingerte umständlich eine Zigarette aus seiner Hemdtasche. „Ich finde, irgendwie hat deine Teamfähigkeit in letzter Zeit rapide nachgelassen.“ Erstaunt hob sie die Augenbrauen, dann fiel ihr ein, was er damit meinte. Seit einiger Zeit weigerte sie sich, wie bisher das Studio zu saugen und das Klo zu putzen. Das stand weder in ihrem Arbeitsvertrag, noch erhielt sie in irgendeiner Form einen Dank geschweige denn Extrageld dafür. Sie hatte es nur getan, weil sie insgeheim hoffte, daß er erkennen würde, wie ‚unentbehrlich’ sie für ihn war.

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„Ach, du meinst, daß das Studio und unser Klo dringend einer Reinigung bedürften? Da kann ich dir nur zustimmen. Wie wär’s, wenn du wieder eine Putzfrau einstellst?“ Seine Augen verengten sich. Abrupt setzte er sich auf seinem Stuhl auf und rollte zurück an den Schreibtisch. An ihre Widerborstigkeit hatte er sich immer noch nicht gewöhnt. Seit ihrem unseligen Date widersprach sie ihm nun bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Damit kam er überhaupt nicht zurecht. Er wollte seine sanfte, willige und umsorgende Angestellte zurück haben und nicht dieses emanzipierte, selbstbewußte vor keiner Konfrontation Sie war ja schreckte. ‚Monster’, daß mehr schon zurückgenauso

schlimm, wie ihre nervige Freundin. Er spielte seinen letzten Trumpf aus.

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„Wenn dir die Arbeit hier nicht mehr paßt, solltest du dich nach was anderem umsehen! Es gibt haufenweise Mädels, die diesen Job sofort mit Kußhand nähmen.“ „Das glaub ich gern Hanno, aber bevor ich dir darauf eine abschließende Antwort gebe, fahre ich nächste Woche erst mal in Urlaub.“ Verblüfft riß er die Augen auf. Ach herrje, das hatte er ja vollkommen vergessen. Den Urlaub hatte er ihr in einem Anflug von schlechtem Gewissen genehmigt, obwohl es momentan überhaupt nicht paßte. Das Studio war für die nächsten Wochen zugebucht, er mußte noch diverse Spot-Musiken produzieren und konnte eigentlich gar nicht auf ihre Hilfe verzichten. Auf der anderen Seite nervte ihn die angespannte Atmosphäre zwischen ihnen. Die versteckte Drohung mit der Kündigung hatte

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er nicht ernst gemeint. Im Moment war es sicher das Beste, wenn sie mal ein paar Tage Abstand voneinander bekämen. Vielleicht würde sie nach ihrer Rückkehr dann auch wieder das Studio samt Klo putzen. Denn das Geld für einen neue ‚Raumpflegerin’ gedachte er auf gar keinen Fall auszugeben.

Madeleines Gedanken beschäftigten sich indes intensiv mit der Suche nach ihrem Vater. Endlich war es soweit. Sie kniete mitten in ihrem Schlafzimmer vor dem geöffneten Kleiderschrank und stopfte die letzten T-Shirts in den Koffer. Cora war vorbeigekommen, um sie zum Flughafen zu bringen. In drei Stunden sollte der Flieger nach Mallorca abheben. Ein letztes Mal hatte Cora den Versuch unternommen, ihr von den Problemen in der Zusammenarbeit mit Lars zu berichten, doch

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Madeleine weigerte sich kategorisch, sie weiter anzuhören. „Glöckchen, ich will nichts mehr über ihn hören! Könntest du das bitte akzeptieren?!“ Ihre Stimme hallte über die Diele. Cora saß am anderen Ende des Flures in Madeleines Arbeitszimmer und stieß einen resignierten Seufzer aus. Sie beschloß, das leidige Thema endgültig zu den Akten zu legen. Irgendwie würde sie schon einen Weg finden, mit ihrem schwierig gewordenen Chef zurechtzukommen. Sie war bisher noch mit (fast) jedem Mann fertig geworden! Ihr Blick schweifte durch den Raum. Sie hockte auf dem durchgesessenen Zweisitzer, der noch aus Madeleines Teenagerzeit stammte und den sie in einem Anflug von Sentimentalität nie entsorgt hatte. Die zwanzig Jahre, die die ausgeleierten Sprungfedern

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mittlerweile auf ihrem Buckel hatten, ließen sich auch an anderer Stelle nicht mehr verbergen. Eine bunte Decke überdeckte diverse zerschlissene Stellen des Bezuges. Auf der Staffelei stand das Bild, an dem Madeleine zuletzt gearbeitet hatte: Ein blaßrosa Herz, aus dem eine grellgelbe Flamme emporstieg. Das Herz wurde von einem dünnen Goldrand eingefaßt. Der Hintergrund in kräftigem Rubinrot gehalten hob es sich eigenartig aus dem Bild hervor und verlieh ihm eine Energie und Kraft, die dem Betrachter unweigerlich den Eindruck vermittelte, als stünde das Herz in Flammen. „Du solltest deine Bilder ausstellen und verkaufen, Maddie. Mit etwas Glück könntest du davon leben.“ „Dein Optimismus in allen Ehren, Glöckchen, aber ich bin nicht das große Zeichentalent,

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das du in mir siehst! Ich male nur zum Spaß“, wehrte Madeleine schnaufend ab. Sie ließ den schweren Koffer neben der Haustür auf den Boden plumpsen und betrat das Arbeitszimmer. Mit kritischem Blick stellte sie sich vor die Staffelei und deutete auf ein paar Stellen auf dem Bild, mit denen sie nicht zufrieden war. „Da ist der Goldrahmen zu dick und hier verläuft die Farbe in den Hintergrund.“ „Ich finde es schade, daß du keines deiner Bild aufhängst. Was machst du damit? Zerreißt du sie anschließend wieder?“ Madeleine schüttelte den Kopf und deutete hinters Sofa. „Ich bewahre sie in einer Mappe auf. Hin und wieder wenn mir danach ist, sehe ich sie mir an und erkenne dann, wie dilettantisch alles ist. Das kann man nie-

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manden zeigen, der wirklich was von Kunst versteht.“ Cora rollte mit den Augen. „Oh, Maddie, du setzt die Meßlatte viel zu hoch an“. Mit scheelem Blick musterte sie ihre Freundin. „Das solltest du lieber bei dem nächsten Kerl tun, in den du dich verliebst!“ Madeleine stieß einen unfrohen Laut aus. „Hach, davon will ich erst mal nichts mehr wissen. Mein Herz verkraftet keine weitere Enttäuschung. Vielleicht sollte ich in Zukunft besser ganz darauf verzichten.“ Cora quälte sich aus dem tiefen Sofa. „Genau – warum vergräbst du dich nicht in einem schicken, abgelegenen Kloster oder trittst gleich in den Opus Dei-Orden ein und geißelst dich jeden Abend vor dem Schlafengehen zärtlich mit einem Dreizack wegen ‚un-

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keuscher‘ Gedanken?!“ Energisch schob sie die Freundin in die Diele hinaus. „Du bist mehr, als urlaubsreif, mein Schatz. Laß dir die Sonne auf den Bauch scheinen, geh schwimmen, lies ein gutes Buch und wenn ein knackiger Männerpo mit dazugehörigem Alabasterkörper deine Nähe sucht, tu mir den Gefallen und sag nicht ‚nein’! Versprichst du mir das?“ Madeleine mußte über Coras spröde Fürsorge herzlich lachen. Sie griff nach ihrer Umhängetasche und hängte sie sich über die Schulter. „Mal sehen, ob da solche ‚Exponate‘ herumlaufen. In erster Linie will ich klären, ob dieser Mann mein Vater ist.“ „Tu was du nicht lassen kannst. Meine Meinung zu diesem Thema kennst du. Aber ich

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werde dich in Gedanken begleiten, wenn‘s mir morgen im Meeting zu langweilig wird“.

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Der kastrierte Schokobär - Fortsetzung folgt!

Fortsetzung folgt!

Weitere Kapitel vom kastrierten Schokobären unter derkastrierteschokobaer.blogspot.de.

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